In einer tiefen, seltsamen Traurigkeit, wie sie nur zwei Menschen haben, die wissen, daß sie einander nie im Leben wiedersehen werden, und daß sie doch so viel aneinander verlieren wie nie mehr im Leben, gingen der stillgewordene junge Offizier und die ernste und stolze Rumänin nebeneinander durch den Hochwald, der vor dem Dickicht begann. Der Herbst war hoch in Flammen ausgebrochen, und die Sonne prahlte in allen Farben, als hätte sie alle Ritterschaften der Welt zu einem Turnier versammelt. Die blauen Fernen waren noch zarter und winkender und verschleierter und sehnsüchtiger als sonst, und eine so weiche und ertötend süße Wehmut durchdrang alles, daß die stärkste Seele wehrlos und weich bis ins Innerste von dieser Ergriffenheit des Weltvalets werden mußte.
Beinahe zum ersten Male ging Tikosch scheulos am hellen Tage durch serbisches Land, der bisher so verkrochen gelebt hatte! Glanz und Duft im Walde und das Winken der Ferne hatte er stets nur von seinem Versteck aus gesehen. Nun gehörte es ihm auf einmal ganz an, und er genoß die Luft, als sei sie von anderem Geschmack, weil er sie offen wandelnd trinken durfte. Nach Freiheit roch sie und war frisch wie kühler Eisenduft. Das machte der herbe Geruch der gerbstoffhaltigen Blätter, die um die beiden Abschiednehmenden goldwinkend umhertanzten wie Amoretten:Valete, valete!Die herrlich gefärbten machten den Himmel, dem sie vorüberflogen, nocheinmal so blau wie sonst, mit ihrem grellen Gelb. Ihr Vergänglichkeitsduft, der nur einmal im Jahre durch die sonnigen Lüfte irrt, zu des Jahres schmerzlich schönster Zeit, griff ihm durch und durch!
»Es ist ein wunderbarer Tag, dieser allerletzte,« sagte Livia weich. »Wann wollen Sie die Flucht antreten?«
»Heute nacht,« sprach Tikosch wie im Traum, und es kam ihm vor, als sei das gar nicht möglich. Dieser Tag war wie mitten aus der Ewigkeit genommen, und Abschied lag genug und zuviel in seiner wehen Schönheit. Aber das Schneiden und Brennen in seinem Herzen ließ ihn sich nicht ganz verlieren.
»Von jetzt ab weiß ich völlig,« sagte er nach einer Weile, »was Sie den Gott der freien Natur nennen. Daß der in den Mann übersiedelt, der sich ihm zu ergeben weiß. Ich hab' ihn schon dort oben verstanden, wenn dieFernen so recht gerufen haben. Da war ich der Höchste und Einsamste in meiner tödlichen Aufgeschlossenheit. Aber noch besser habe ich den kapiert, den Sie Gott nennen, wenn's im Walde toll g'worden war. Da hab' ich begriffen, daß man sich als Bruder des Boreas fühlen kann, und das Kämpfen und Brüllen des Waldes war mir bekannter als jede menschliche Red'! Es war schön dort oben wie bei Gott selber, und daß man ihn in Ewigkeit anschauen und nichts anderes begehren kann, das versteh' ich jetzt. Nie mehr werde ich ganz von ihm loskommen, seit ich weiß, wo der Weg zu ihm geht. Und das dank' ich dir, du seltsames Mädel!«
Er blieb stehen und sah in das weite Land hinaus, über den Fluß und in die Weingärten, die bald unter dem Walde begannen. In diesem Paradies konnte er bleiben, an derSeite eines wunderschönen Mädchens, das er liebte, und das er sich nun doch gewinnen konnte? Er sah sie an, wie sie wortlos und dennoch mit dringlich leiser Frage neben ihm ging, schön und leidend wie dieser überirdisch klare, bewußte Herbsttag. Diese herrlichen Glieder, die nie um eines Mannes willen gebebt hatten, vibrierten jetzt zum ersten Male in mädchenhaftem Schauern, und das hochgemute Geschöpf war weich, traumverloren und gelöst; er fühlte es.
»Wenn ich wiederkäme, Livia?«
»Du wirst nicht wiederkommen. Jahrelang wird der Krieg über diesem unseren Lande liegen und nichts als Haß und Elend daraus saugen. Vielleicht kommt ihr als Sieger bis daher. Da aber dieses Land entweder von selbst in eure Hände fallen wird, wenn ihr dem Russen auf der Brust kniet, oder nie, so müßtest du kommen, wenn ein ungeheuresErleben sich zwischen dich und mich gedrängt haben wird: in einer Zeit, die dreifach zählt. Du wirst gejubelt und gefrevelt haben, gelitten, gehungert, gepraßt, geflucht und gebetet, und deine Seele wird sich mit Größe und mit Lastern bedeckt haben, von denen jedes einzelne schon dich von mir trennen wird. Bei deinen Kameraden wirst du lachen über das stille Gottesgefühl, das ich dir geben wollte, und du wirst wieder werden, wie du warst, und wie sie sind. Ich weiß das, und ich werde es mir immer wieder sagen, um dich zu vergessen. Wir sind aus zwei andern Welten.«
Sie schwieg, denn die Tränen standen ihr nahe, und sie wollte ihn durch ihre Schwäche nicht begehrlich machen, damit sie nicht sein Opfer würde; hier, am letzten, nach Glück rufenden Tage in der lockenden Einsamkeit. Er sah sie an, prüfte sie und wurde wiederirre, so stolz sah sie aus. Dann blickte er nach dem Süden. Dort lagen klein und geduckt um die Stadt Zajetschar die Forts, und der Timok ging dahin, bis zur fernen Brücke, die er heute nacht geprüft hatte. Da riß es sich in ihm mächtig empor, und er sah alle Schönheit und Weichheit des Tages und des jungen Weibes nicht mehr. Krieg war ja, Krieg! Und für ein weichliches Glück war keine Zeit. Die eiserne Tat rief ihn gewaltig an, und sein Herz wurde wie von Stahl.
»Sie haben recht, Livia,« sagte er fest. »Ich bin zu ganz andern Dingen auf der Welt, als glücklich zu sein. Es gibt Singvögel, und es gibt Raubvögel. Den einen gehört die Liebe, den andern der Haß. Ich wäre doch nie Ihrer wert geworden, weil ich zu schlecht bin für Sie und doch auch wieder zu gut. Männer gibt es, die man am besten nur auf sich selber bestehen lassen darf, weil sienicht gemacht sind, andere zu beglücken. Meine Arbeit ist anders als die der Erlösernaturen. Leben Sie wohl; Sie waren mir wie eine Gottheit, und ich werde Sie nie, nie vergessen! Vielleicht bekehre ich mich einst gänzlich zu Ihrer Religion, wenn sie mir einen Arm oder einen Fuß abgeschossen haben, oder wenn ich alt und krank bin; denn für alle Hilflosen und Schwachen liegt der wunderbarste Trost in dem, was Sie glauben! Vielleicht sitze auch ich einmal still im Sonnenschein und schaue seltsam verwandtschaftlich auf diese Wolken, die der Erlösung näher scheinen als ich. Aber jetzt mag und kann ich nicht.«
Kräftig ergriff er ihre Hand, schüttelte sie und ließ sie los.
Livia blieb stehen.
»Was wollen Sie tun?« fragte sie mit halber Stimme.
»Das ist jetzt Mannes Sache und muß auf sich allein bestehen,« erwiderte er. »Nochmals tausend Dank, du wunderbares, einsames Mädchen!«
Und er ging von ihr, ohne sich mehr umzusehen. Aber Livia schaute ihm tiefbewegt nach, wie er mit dem erobernden Schritte des Soldaten das Weite gewann, ins dichte Holz gelangte, mit kräftiger und biegsamer Windung des schlanken Körpers ins Dickicht eindrang und verschwand. Langsam, langsam ging sie heim, allein in diesem eindringlich wehen Herbste.