Als Tikosch sich leise dem Biwak seiner kleinen Patrouille näherte, fand er den nassen Heinrich im Begriffe, den Schlampenschneider Wiener Walzer tanzen zu lehren. Er hielt stille und lauschte, wie der weinende Philosoph dem phlegmatischen Tiroler zeigte, wie sich die Dame zu halten hätte und wie der Herr. Aber als er mit zierlicher Verbeugung auf den scheckigen Simon zuging und den, als den Vorbildlicheren in Dingen guten Tones, zum Tanze aufforderte, als Simon kokett nach seinem Jackenzipfel griff und den über den Ärmel legte wie eine Schleppe und seine Arme um den nassen Heinrich schloß, da wieherte er ein schallendes Kasernenlachen heraus. Vergessen waren Livia, Pan und Apollo!
Die Walzenbrüder begrüßten ihn stürmisch, er aber winkte sie heran, entwarf auf seinem Notizblock einen Plan von Wachthaus und Brücke und sagte jedem so klar, was er wolle, und wie er das Ding zu sprengen gedenke, ohne daß sie Gefahr liefen, daß alle gleich voll Eifer bei der Sache waren und das todsichere Gefühl hatten, das Ding müsse und müsse glücken!
Dann kam die Nacht, die bänglich erwartete Nacht. Dem nassen Heinrich hatte Tikosch allen Schnaps fortgenommen. »Bloß dicht vor der Brücke kriegst du einen ungeheuren Kriegsschluck,« sagte er. Nun fröstelte der nervöse Philosoph beständig, und tiefes Unbehagen würgte in ihm.
»Hast du Angst?« lachte Tikosch.
Der nasse Heinrich schüttelte etwas kläglich den dünnen, blonden Kopf mit der spitzen Nase.
»Angst nicht,« sagte er; »nur meine Phantasie arbeitet zu grell und deutlich alle Konsequenzen voraus.«
»Es gibt keine Konsequenzen,« sagte Tikosch entschieden. »Wir wissen, wohin wir zu schießen haben, die wissen es nicht. Wir sind die Entschlossenen, sie die Überraschten. Allen Grund, sich zu fürchten, haben sie.«
Es ging eine solche Entschlossenheit von dem stahlhart gewordenen Manne aus, daß der nasse Heinrich, der durchaus nicht energielos war, fühlte, daß auch in ihm selber dergleichen stak und jetzt stärker und stärker wurde. Es ist wunderbar, wie das Selbstvertrauen und die Kraft einer starken Natur ausströmen und sich verteilen kann, wie Christi sieben Gerstenbrote auf fünftausend! Die drei Vagabunden warenin wenigen Minuten Männer von Federstahl geworden; unzerbrechbar und doch von gefährlicher Schnellkraft. Nun schlichen sie durch die Waldnacht und mieden, heraustretend, sorgfältig die bewachten Weingärten. Erst im Bachbette, dann durch Ried und Sumpf wateten sie; Tikosch trug seinen Browning.
In weitem Bogen wichen sie dem nachtstillen Orte Vrazograci aus, der nur eine Viertelstunde vor der Brücke lag. Näher an der Brücke steckte Tikosch seine Pistole ein und zog das Jagdmesser, denn es mußte womöglich stille Arbeit getan werden, damit man sie nicht vom Orte aus ertappte. Der Hannoveraner hatte den Standhauer und schwang ihn angriffslustig durch die Luft, daß er pfiff; nur der Tiroler, dem das Schießen von Kind auf im Blute lag, hatte den Vorderlader bekommen mit dem scharfen Befehl, erst dann zu schießen, wenn es nichts mehrzu verheimlichen gab und Not am Manne war. Sein Phlegma verbürgte, daß er die Ladung im Laufe behielt, wenn nicht der Feind früher schoß. Der nasse Heinrich trug die Fliegerbomben. Tikosch hatte ihm gesagt, daß sie erst acht Sekunden nach dem Aufschlagen zündeten, und zeigte ihm, wie man sie durch Schlag entzünden mußte. Dann hieß es kaltblütig bis fünf oder sechs zählen, und dann erst sorgsam werfen. Das hatten sie im Biwak geübt. Stürmte eine Übermacht auf sie zu und war für das Schnellfeuer der Browning zu stark, so bekamen sie ein paar »Knallzuckerl«, wie Tikosch seine Bomben nannte, zwischen die Beine. Das sollte auch auf der Brücke gelten, wenn die ganze Wache auf sie loskam; so kriegte die Brücke auch gleich was ab. Lief aber alles in Ruhe ab, so kam die große Sprengbüchse an den Pfeiler; das gab dann ungleich mehr aus.
Sie bogen nun weit nach Süden aus; der Ort war überwunden.
Gegen die Brücke zu lief ein Bahndamm, und Tikosch hatte geplant, sich hinter dem Schutze dieses anzuschleichen und auf die Gelegenheit zu warten. Während sie hier die Telegraphenleitung mehrfach durchschnitten, kam ein fernes Hallen aus dem Norden, das sich an den Wäldern und Bergen links immer mehr verwirrte und verstärkte, und brachte sie zum Lauschen.
»Es ist ein Zug, der von der Donau herkommt; er muß in Trnawatsch sein,« sagte Tikosch. »Warten wir, bis er in Vrazograci eingefahren ist, und benützen wir ihn dann, um in seinem Schutze ganz nahe heranzukommen. Übrigens ist in Zajetschar Knotenpunkt, und kurze Zeit nach dem Donauzug wird einer von Zajetschar aus abgelassen. Das haben wir jedesmal gehört in diesen Nächten. Mitdem Donauzug pirschen wir uns an. Mit dem Zajetscharer Zug überrumpeln wir den Posten auf dem linken Ufer. Den auf dem rechten nähme ich gerne auch selber auf mich, denn das wird Arbeit für einen ungewöhnlich geschickten Kerl sein. Aber ihr könnt keiner die Sprengbüchse sachgemäß befestigen?«
Der scheckige Simon widersprach hartnäckig; den Posten am rechten Timokufer wollte er allein abtun, und zwar so stille, daß die in der Baracke gar nichts ahnten. Er hatte seinen Plan, und eine solche Zuversicht brannte in seinen Augen, daß Tikosch ihn gewähren ließ. Sie lauerten. Der schwache Mond trat dann und wann hervor und zeigte ihnen, daß wirklich zwei Posten auf der Brücke hin- und wiedergingen. Der vom linken Ufer, auf ihrer Seite also, ging stets ein Stück den Bahndamm entlang gegen Vrazograci, kehrte dann um und ging bis über die Mitte derBrücke, wo er sich mit dem andern Posten häufig traf. Sie schienen sich aber dort, in trägem Hinduseln, wenig mitzuteilen, denn oft machten sie schon dreißig Schritt voneinander kehrt und streiften dann jeder wieder seine eigene Partie ab. Auch geschah ihr Zusammentreffen auf der Mitte der Brücke durchaus nicht regelmäßig, sondern meist kehrte der eine um, wenn er den andern jenseits erscheinen sah. Aber gerade auf dieses Zusammentreffen gründeten Tikosch und der scheckige Simon ihren Plan.
Endlich grollte das schwache Donnern des Zuges von Norden heran. Seine Fenster waren fast gar nicht beleuchtet; es mußten viele Lastwagen darunter sein. »Da kriegen die Kerle wieder Fraß und Munition von Rußland über Rumänien,« sagte Tikosch grimmig. »Schade, daß wir nicht gleich den Zug mit ins Wasser sprengen können!« Der Eisenwurm krochheran; langsam wurde das Rollen und Grollen stärker, ging in ein Donnern über.
Tikosch warf noch einen furchtbaren Blick auf den ahnungslosen Posten, der auf der linken Bahnseite stand. Ihm gegenüber war ein kleiner Busch, den sich Tikosch merkte. Er wußte, daß die Posten instinktiv stehenblieben, wenn ein Zug vorüberrollte, und diesen anstarrten. Durch das wenige Licht, das aus den Fenstern drang, mußte der Posten doch immerhin etwas geblendet werden, und wenn er die Stelle erreichte, ehe der letzte Wagen vorübergerollt war, so konnte er auf einen Erfolg rechnen.
Als daher der Zug herankam, sagte Tikosch: »Folgt mir, so schnell ihr könnt!«
Dann sprang er, auf die Dunkelheit und den Umstand bauend, daß die Augen des Lokomotivführers ans Grelle gewöhnt waren, empor, sobald ihn die Maschine erreicht hatte,und lief in einem geradewegs verrückten Tempo neben dem Zuge her, dessen Geschwindigkeit die eines frischen Radfahrers nicht übertraf. So überholte ihn der Zug nur langsam, wie er unten am Damme in der Dunkelheit dahinsprang, und der letzte Wagen kam eben an den Busch, als Tikosch diesen erreichte.
Wie ein Panther sprang der geschmeidige Offizier dicht hinter den Signallichtern des davoneilenden Zuges über den Damm und sah das beleuchtete Antlitz des Postens dem Zuge nachstarren; aber das war nur eines Blitzes Länge so. Denn im nächsten Augenblick hatte sich der rasend schnelle Ungar auf den emporschreckenden Mann geworfen, die eine Hand faßte nach der Kehle, die andere stieß zu — — lautlos fiel der Mann um, und über die ihn festhaltenden Hände des Offiziers, der noch einen Schrei befürchtete, sprang in heißem Strahle das Blut des Erstochenen.
Tikosch rollte beinahe mit dem Fallenden den Bahndamm herunter, so schwer sank der hintenüber.
Dann, als er sah, daß der fremde Mann ein schmerzlos und angstfrei Ende gefunden hatte, glitt er wieder über den Damm zurück, wo die Gefährten eben ankamen. »Den einen haben wir,« sagte er atemlos, aber mit grausiger Sachlichkeit. Nun warteten und lauschten sie. Wenn auch nur ein Mensch im Zuge etwas von den Anspringenden gemerkt hatte, so blieb die Maschine jenseits der Brücke stehen. Dann hieß es nur schnell die Bomben werfen, damit wenigstens der Oberbau zertrümmert würde und die von drüben nicht nachkämen. Aber in ungemindertem Donnern rollte der Zug weiter gegen Veliki Izbor zu und verrasselte in der Ferne, wo die steilen Felsenufer der bulgarischen Grenze das Donnern hundertfach wiederholten.
Aufatmend standen die viere. Nun kam aber das Schwierigste, und so spannend wurde jetzt die Szene, daß selbst das Herz des Offiziers zu jagen und tollzuwerden begann. Wie ein Jagdfieber ergriff es ihn, und er mußte mit aller Gewalt Herr dieser Erregung werden, die ihn schüttelte, während er dem Toten die Kleider auszog und dem scheckigen Simon hineinhalf. Grimmig lachend streckte sich der in der wilden, schmutzigen Tracht des Komitatschis, und wohlgefällig ergriff er das alte Mausergewehr des Gefallenen. Er erkannte gleich die deutsche Arbeit. »Da kenn' ich mich aus,« sagte er und schlug an den Verschluß. Dann sah er nach, ob die Büchse geladen war, nickte kurz und schritt langsam und hochaufgerichtet mit der ganzen trägen Würde des Orientalen, dessen Kleider er trug, auf dem Damme nach der Brücke zu. In entsetzlicher Angespanntheit folgten ihm, an den Dammgeduckt, die drei andern, die eine ganze Weile nur Zuschauer sein durften; denn auf die Brücke konnte außer Simon sich keiner wagen.
Langsam, schauerlich langsam schritt der Deutsche auf dem Damme dahin, und Tikosch, der ihn am liebsten befeuert hätte, bewunderte dennoch klopfenden, jagenden Herzens die entsetzliche Fassung dieses Mannes, der ganz genau wußte, daß die geringste Eile Verdacht erregen mußte! In grausig träger Faulheit schlenderte der Mordgierige gegen die Brücke, kam an das Ufer, drehte sich faul und gelangweilt um, sah hinter sich, neben sich am Flusse hinab und schien gar nicht mehr von der Stelle zu wollen. Aber er wartete mit der Gespanntheit einer lauernden Katze auf den Posten von der andern Seite, der ebenso träge herankam und gar nicht auf die Brücke zu wollen schien. Und doch mußte er so weit wie möglich herüber!
Endlich, als sein Kamerad so gar nicht aufhörte, in den Fluß zu schauen, kam er schlendernd und gleichgültig näher, und eine Welt von Zwecklosigkeit lag in seinem Todesgange. Denen an der Brücke brannten und kreisten die Augen, so fressend verfolgten sie ihn mit den Blicken. Und langsam schlenderte auch der falsche Posten in seinen Opanken vor sich hin; die beiden kamen sich in unerträglicher Gleichgültigkeit näher, näher. Nun waren es noch drei Schritt, und Simon brachte es zuwege, sein Gewehr, Kolben rückwärts, über die Schulter zu nehmen und sich über das Brückengeländer zu beugen. Da trat der fremde Posten neugieriger ganz nahe an ihn heran.
Die dreie sahen nur noch, wie der Gewehrkolben des Simon blitzschnell in die Luft fuhr und herniederzuckte. Das Krachen des furchtbaren Hiebes verschlang der rauschende Fluß, aber sie hörten es dennoch in ihrer entflammtenPhantasie, so grauenhaft deutlich war ihnen alles. Und wie vom Blitz erschlagen lag der serbische Mann. Simon beugte sich noch über ihn, als die drei schon heranwaren, aber da gab es nichts mehr zu retten; der feindliche Posten war schon hinüber.
Mit schrecklicher Geschwindigkeit entwaffnete ihn Tikosch und gab Gewehr, Patronentasche und Bajonett an den Tiroler, der seinen Vorderlader nun an den Schullehrer abtreten mußte. Dann schwang sich der Offizier, der rasch ein Seil hervorgezerrt und an das Brückengeländer geknüpft hatte, über die Brüstung, um den Hals die große Sprengbüchse, und verschwand in der Nacht unter ihnen.
Atemlos lauschten die dreie nach der Baracke, und jede Minute kam ihnen vor wie eine Stunde. Wenn jetzt Ablösung herauskam! Der Schulmeister hielt in jeder Hand eine Bombe; nervös zuckten ihm die Arme, aberer wußte doch, was er zu tun hatte, wenn sie jetzt ertappt wurden. Ja, er ging sogar ein paar Schritt über den Brückenpfeiler hinaus, damit er nicht voreilig seinen Leutnant mit absprengte, wenn die von drüben sie anrannten. Und sie brannten ihre Blicke in die Nacht, lange, lange; dies Warten war zum Wahnsinnigwerden. Denn jetzt gab es nichts zu sehen wie früher; nur das Nichts belauschen konnten sie, das Nichts, aus dem jeden Augenblick der Tod auf sie zuspringen konnte.
Aber die Kerle drüben schienen zu schlafen, wie die ewige Gnade in dieser schaurigen Zeit!
Endlich, endlich kam Tikosch über den Bord der Brücke geklettert, keuchend quoll ein unterdrückter Triumphruf aus seinem aufgerissenen Munde. »Und jetzt hallo, zurück, die Lunte brennt! Brrr! Aber leise, husch, husch, es dauert eine ganze Weile, bis es knallt, undsie können noch dreimal herüber!« Und geduckt wie Katzen sprangen die Verschworenen den tödlichen Weg zurück, den sie gekommen waren, wichen dem Städtchen ostwärts am Flusse hinbiegend aus und traten dort, wo die Bahn wieder an die Krümmung des Timok schloß, ans Ufer. Gespannt horchten sie — nichts war. Da kam das Rollen des Zuges von Zajetschar, ganz ferne.
»Der Teufel, wenn die Zündschnur ausgelöscht wäre oder sonst was nicht in Ordnung ist!« flüsterte Tikosch. »Wir müßten zurück!«
»Ich kann nimmer,« keuchte der nasse Heinrich. »Das war zu viel!«
»Du wirst,« sagte Tikosch mit erschreckend tierischem Ausdruck in den Augen.
Er war wild geworden. Wenn der Sprengschuß nicht losging, dann war er in seiner sinnlosen Wut zu allem fähig.
Der nasse Heinrich senkte sein Haupt und war wieder im Banne des starken und gefährlichen Kerls, der ihn mit seiner ganzen Gescheitheit umzudrehen vermochte wie der Riese ein Kind. Er biß sich im geheimen auf die Lippen, nahm sich vor, diese Gewaltnatur baldigst zu meiden und dann drüber nachzudenken, ob es ein Mittel des Geistes gegen derartige tyrannische Energien gäbe.
Aber mehr und mehr stieg sein Unbehagen, unter dem er sich wand und drehte, weil das Hinhorchen Tikoschens nach der Brücke sich jetzt gänzlich in Spannung und in einem schrecklichen Blick konzentriert hatte, den er auf den rebellischen Schwächling heftete. Dieser Blick drehte und bohrte an ihm wie etwas körperlich Wuchtendes.
»Siehst du, daß du mußt,« sagte der Leutnant mit einem unbeschreiblich teuflischen Hohn in der Stimme, als hätte er selber seineungeheure Gewalt über dieses feine Gehirn erkannt. »Ich wußte schon seinerzeit, als ich dich das erstemal — — —«
Weiter kam er nicht. Ein leiser Schrei Simons, der die Feuergarbe an der Brücke emporfahren sah, unterbrach ihn. Dann kam ein furchtbarer Knall; er erschütterte die Nacht und wurde von einem wilden Triumphruf des Offiziers begleitet, der jetzt wie umgewandelt war. Er lachte, fiel dem nassen Heinrich um den Hals, schrie ihm zu: »Bruder, Bruder, sei gut!« Und dann rannten sie um Tod und Leben am Timokufer entlang, erst an der Lahn, dann ins Wasser springend und watend, soweit es die Ufer zuließen, die hier bald wieder steiler wurden. Der Fluß riß einen um den andern dahin, aber immer wieder warf Tikosch ihm den Strick zu, den er von der Brücke in merkwürdiger Geistesgegenwart noch losgeschnitten hatte, undrettete so erst den nassen Heinrich, der jetzt wirklich bis auf die Haut durchgeweicht war, und dann den Tiroler.
Als sie sahen, daß ihre Munition, deren sie jetzt sehr bedurften, auf diese Weise zu Schaden kommen müsse, bogen sie gegen Westen ab und kamen hinter Mala Jasikova wieder auf die Straße, ohne etwas von Verfolgern gesehen zu haben. Denn die drüben, welche glauben mußten, daß die Brücke von der bulgarischen Seite gesprengt worden war, hatten genug zu tun, um den Zug von Zajetschar her aufzuhalten. Man hörte sie brüllen!
»Wenn die Kerle Kavallerie haben, dann geht's heiß zu,« sagte Tikosch. »Aber zu fürchten ist auch dann immer noch nichts! Sie glauben uns ja doch am andern Ufer!«
Sogleich wollte der besonnene Simon auch hier die Telegraphenleitung durchschneiden, wie sie es an der Brücke getan hatten, aberTikosch hinderte ihn daran. »Es wäre geradezu ein Wegweiser für unsere Verfolger,« sagte er. »Unsere Spuren, die sie ja wieder mit Hunden aufnehmen werden, führen an den Timok gerade an die Stelle, wo die bulgarische Grenze am nächsten ist! Da wir in den Fluß hinein sind, müssen sie glauben, wir haben uns hinübergerettet, und uns für eine bulgarische Bande halten, die sie nicht mehr weiter verfolgen können. Ich wette, es kommt niemand auf die Idee, daß wir ganz gemütlich im Lande gegen Negotin weitermarschieren!«
»Aber warum sind wir nicht gleich nach Bulgarien hinüber?« fragte der Schulmeister.
»Ich danke! Ich habe aneinemneutralen Land, das uns festhalten kann, gerade genug und will nicht doppelte Grenzschwierigkeiten haben,« lachte Tikosch und trieb seine Gefährten zu einem Gewaltmarsch an, bei dem ihre durchnäßten Kleider bald wiedertrocken und ihre Körper warm wurden. So wanderten sie in einem Tempo, das nur abgehärtete Walzenbrüder zu ertragen vermochten, mit beinahe sechs Kilometer in der Stunde die ganze Nacht.
Eine Stunde vor Mitternacht war die Brücke in die Luft geflogen, und mit Anbruch des Tages, der in diesen Herbstzeiten erst lange nach fünf Uhr zu grauen begann, kamen sie hinter Salasch in ein Hügelland, in dem die Straße stark zu steigen begann. Bisher waren sie durch fruchtbares und angebautes Land gewandert, immer flugs im Straßengraben, sooft ein einsamer Nachtwanderer oder ein Wagen nahekam; jetzt wurde das Land öde. Links von ihnen zogen sich noch Felder und Viehweiden gegen Sikale hin, rechts begann aber der Wald, und das Gebirge, durch dessen Paß die Straße sich wand, mochte immerhin schon als Bergland gelten. Der große Waldrechts an der Straße war der letzte auf ihrem Wege; denn bis über Negotin und an die Donau hin gab es außer Fruchtland nur Sümpfe und bestenfalls Auen. So beschloß Tikosch, hier den Tag zu verschlafen, und die drei Vagabunden wollten im nächsten Dickicht schon hinfallen, so müde waren sie.
Tikosch, der auch ein Gefühl hatte, das ihn antrieb, am liebsten auf dem Bauche weiterzukriechen, hielt sich mit übermenschlicher Gewalt aufrecht. »Es ist der letzte Tag auf serbischem Boden,« redete er den Erschöpften zu; »wenn sie uns heute entdecken, ist alles verloren! Es heißt, alle Kräfte zusammenraffen und eine große, undurchdringliche Dickung suchen, wie die, an welche wir gewöhnt waren, und die uns ganz sicher schützte.« Und er trieb sie wieder auf, bis sie an einem ganz mit Brombeerdorn verwucherten Schlag eine niedrige, wildverworrene Waldstelle fanden,in die Tikosch den Weg mit Messer und Standhauer bahnen mußte. Denn seine Kerle waren dazu außerstande und warfen sich gleich auf die Erde hin, um zu schlafen.
Als Tikosch ihnen inmitten des Jungholzes, das hier aus Buchen und Eichenhorst bestand, ein Nest geschaffen hatte, trug er die Waffen und die ganze ärmliche Habe der dreie hinein und entzündete aus trockenen, kurzen Holzstücken eines jener kleinen Feuer, die beinahe gar nicht rauchen. Dann bereitete er ein tüchtiges Frühstück und weckte erst jetzt seine drei armen Teufel, die zuerst nur immer weiterschlafen und gar nichts essen wollten, bis der nasse Heinrich am Dufte des Tees merkte, daß das ein Grog war, wie man ihn an der Nordsee braut: bei dem das Wasser nur die Rolle einer verschämten Anstandsdame spielt. Da riß er durch seine Begeisterung die beiden andern hin. Diese griffen jetzt auch nach demauf einem Spieße gebratenen Fleische vom letzten Rehbock, den Tikosch hatte schießen können, und so trocken das an der Sonne Gedörrte auch war, es schmeckte jetzt. Erst als Tikosch sie wieder satt, erheitert und ganz bei Kräften sah, ließ er sie weiterschlafen, warf sich selber hin und schlief auch schon während der Überlegung, ob es sich auf der andern Seite nicht noch behaglicher läge, ein.
Den ganzen sonnigen Tag raunzten die viere so dahin. Gegen Nachmittag streckte sich einer, gähnte und suchte nach Futter; die andern folgten ihm und aßen, was ihnen noch geblieben war: geröstete Maronen, Speck und kalten Braten, und tranken den letzten Wein, den Heinrich gestohlen hatte. Dann schliefen sie wieder weiter. Nur Tikosch sah sich die Karte an und berechnete den Weg, den sie um das dichtbesiedelte Negotiner Gebiet zu umschlagen hatten, um an die Donauzu kommen, ohne gesehen zu werden. Denn ihre Vorräte waren zu Ende, und die nächste Nacht mußte sie auf rumänischem Boden finden.
Dieser Nachtmarsch durch Sümpfe und Auhölzer, oft bloß den Sternen und dem Kompasse nach, war trotz seiner geringeren Länge von kaum dreißig Kilometer der anstrengendste, den sie bisher durchgemacht hatten, und obwohl die viere schon nach Einbruch der Dunkelheit aufgebrochen waren und über zehn Stunden Nacht vor sich hatten, so war schon ein ungewisses Licht über der Ebene des Ostens, als sie an dem riesigen Strome anlangten, wo sie lange, lange in steigender Verzweiflung nach dem Boote suchten, ohne es zu finden. Keiner erkannte die Gegend, so düster, neblig und ungewiß war alles.
Der Fluß wurde graulich, und immer noch hatten sie kein Boot. Da sagte Tikosch entschlossen: »Jetzt gehen wir so weit, bis wireines zu rauben oder zu stehlen finden. Wir müssen einfach drüber, und wenn's knallen sollte. Herrgott, ich würde für einen ordentlichen Kampf dankbar sein!« Und ohne sich um die verdutzten Gesichter seiner Genossen, die sich schon sicher gefühlt hatten, zu kümmern, schlug er den Weg nach dem Orte Prahovo ein.
Es war die höchste Zeit, denn die Gegenstände am Ufer wurden schon ungewiß und verwaschen sichtbar. »Es muß ein Zollhaus oder sonst was dort im Dorfe sein; da nehmen wir gleich das offizielle Kriegsboot der Finanzwache weg! Haha!«
Und wirklich: gleich am Beginne des Ortes lag eine kleine Lehmhütte, die das serbische Wappen trug. Eine elende Holztreppe führte zur Donau hinunter, und dort lagen, undeutlich zu sehen, zwei Boote. Tikosch rannte hin. Besinnungslos, und so schnell er konnte,stürzte er den Abhang hinab und mußte nun auch die Arbeit allein tun, die er hier fand. Denn er prallte gerade mitten unter ein halbes Dutzend von Zollwächtern, die eben auf ihre Boote zukamen, um flußabwärts zu streifen. Ohne Besinnung riß er den Browning heraus und schoß auf die schattenhaft sichtbaren Gestalten, indem er so scharf zu zielen versuchte, als es nur möglich war. Einer fiel, ein zweiter wankte, die andern schrien auf und schossen blindlings vor sich hin. Tikosch hatte sich sogleich auf die Erde geworfen und schoß, die Pistole auflegend, mit noch mehr Besonnenheit nach einem dritten der nebelgrauen Männer, der auf ihn zugestürzt war. Lang hinschlagend schmetterte auch der zu Boden, und jetzt kamen mit Hurra und Donnerwetter die drei Strolche hinterher; die Finanzer prallten zurück und verschwanden im Morgennebel. Mit rasenderGeschwindigkeit durchschnitt jetzt Tikosch die Stricke, die beide Boote hielten, trieb seine Gefährten hinein und stieß ab, indem er das andere Boot hinter sich herzog.
Die dreie ruderten verzweifelt in das träge Grau des Stromes hinaus, und vom Ufer her knallte und prasselte es kopflos und wütend ins Graue hinein. Der Nebel verbarg die Flüchtlinge; aber da die Wache nach dem Schlagen der Ruder die Richtung vermuten konnte, so sauste und heulte es in bedenklicher Nähe dicht um sie. Alle Augenblicke sprühte ein Wasserschlitz neben ihnen dahin, wenn ein Geschoß den Fluß streifte. Der nasse Heinrich, der das zweite Boot zu halten hatte, ließ es los. Dann wurde es stiller. Sie fahndeten dort drüben jetzt offenbar nach dem anderen Boote.
Tikosch hatte das zwecklose Feuer gar nicht erwidert, um den Gegnern nicht die Richtung,in der sie hielten, noch deutlicher anzugeben. Jetzt packte er selber ein Ruder und stemmte sich dagegen, daß es beinahe brach. Mit leisen Rufen eiferte er seine Gefährten an: »Hallo, wacker! Die Donau ist hier mindestens ein Kilometer breit, und wir können sie nur schräge durchrinnen! Das braucht eine halbe Stunde, aber es muß eine Viertelstunde draus werden! Nasser Heinrich, du Lump hast das Boot losgelassen? Zieh an, zieh an! Was hast du denn?«
»Ich weiß nicht,« sagte der Vagabund ängstlich; »mich hat's da vorn an die Brust geschlagen, und jetzt wird mir so warm an der Stelle.«
»Kreuz Teufel!« rief Tikosch leise und sprang zu ihm hin. Er riß ihm Rock und Hemde auf und sah, daß der verlaufene Schulmeister mitten durch die Brust geschossen war. »Rudern, rudern, wie die Teufel,« drängte er,und nachdem er den Ärmsten, der sich gar keiner Gefahr bewußt schien, notdürftig verbunden hatte, griff er selber zum Ruder.
Aber es schien, als führen sie ins Endlose, ins Nebelreich ohne Trost und Hoffnung hinein! Dieser Weltenfluß war wie ein großer See, und kaum eine leise Strömung zeigte die Richtung, wohin er wollte.
Der Verwundete wurde blaß; aber als Tikosch ihn fragte, ob er Schmerzen hätte, lächelte er ungemein gütig und trostreich und schüttelte den Kopf. Nur daß er mit dem Atem Beschwerden hatte, war deutlich. Und die dreie bissen die Zähne aufeinander und ruderten und ruderten.
Der Morgen wurde klarer, die Nebel trieben hier- und dorthin, und wenn sie einen Augenblick die Ferne preisgaben, sahen die Flüchtlinge große Segelschiffe wie Geisterbriggs auf den Wassern schweben, geräuschlos,verschlafen und unbelebt. Endlich hörte selbst die leise, unmerkliche Strömung auf, die sie bis hier abgetrieben hatte, und Tikosch sah graulich die Bäume des andern Ufers. »Rumänien!« rief er.
Der nasse Heinrich lächelte noch immer. »Hier werde ich von euch Abschied nehmen,« sagte er leise. »Ich muß diese dumme Wunde ausheilen, dann aber gehe ich nach Süden. Ich mag nichts zu tun haben mit den Händeln der Menschen. Ich bin vielleicht ein Egoist; aber wer wie ich den alten Göttern so nahe in die unsterblichen Augen geschaut hat, der kann nie und nimmer zu den Märkten, zum Gewinn und — — — und solchen Dingen zurück. In Griechenland wird mich die Sonne heilen. In Griechenland wird mir mein Onkel Boreas seine schönste Musik machen, die ich so gern habe, und ich werde dabei schlafen wie ein Kind, ohne daß ein Leutnant michanschnauzt. Na, nichts für ungut. Ich habe mich ja doch für einen armen Schulmeister brav genug gehalten.«
Tikosch drückte ihm die Hände; dann stießen sie, unverfolgt und in großer Stille, an das Ufer, und der Leutnant trug den Wunden mit behutsamen Händen auf den Grasboden der Au. Hinter den Bäumen glänzte es feurig empor, die Sonne, die neue Sonne ging auf, unter der sie frei waren und wieder am Tage leben durften, sie alle, bis auf den einen.
Der sprach noch einige undeutliche Worte, man möge ihn zudecken, es würde frostig; dann murmelte er etwas vom feurigen Phöbus, riß seine Augen groß auf, drehte sich neugierig nach dem Morgenrot und starrte so lange hinein, bis seine Pupillen ganz groß wurden, trotz der blendenden Glut. Die Augen nahmen den Ausdruck ungeheurer Neugier und Spannung an und blieben selbst, als derKörper mit einem kleinen Rückchen in sich zusammensank, eine ganze Weile so, bis Tikosch merkte, daß sie wesenlos geworden waren.
»Nach Griechenland,« sagte Tikosch wehmütig. »Jetzt ist er nahe beisammen mit seiner Natur und seinen alten Göttern. Sonne, Wind und Wald!« Und er griff seufzend nach seinem kleinen Infanteriespaten und begann das Grab zu schaufeln.