Der jubelnde Morgen aller Vögel weckt ihn, und sogleich grübelt er nach: Bin ich gerettet oder nicht? Die Fährte seiner Verfolger darf er nicht nachsuchen, denn so gescheit sind sie sicher, auf ihre eigene Spur eine Wache gesetzt zu haben, die auf den nachspähenden Entronnenen paßt!
So wird er lange Zeit nicht wissen, ob sie seine Flugmaschine gefunden haben oder nicht, und das zerpreßt ihm mit furchtbaren Zweifeln die Seele.
Vier Tage sitzt der junge Mensch verkrochen und fiebernd im Dickicht und wagt sich nicht hervor. Vier Tage, ohne zu wissen, wovoner am fünften leben soll, denn seine Vorräte sind am dritten Tage zu Ende gegangen, und der Hunger beginnt mit dem öden Übelbefinden des leeren Magens seine Kurve, die bis zu Wahnvorstellungen steigen wird und zu einem Ende führt, für das Tikosch das Wort Tod nicht gelten lassen mag; verrecken nennt er es, wenn er dran denkt.
Aber frische Fährten darf er im Walde nicht hinterlassen, viele Tage lang; denn ihr Haß ist fürchterlich, und sie suchen immer noch, das weiß er. Aber noch eins weiß er: daßseinWille, zu leben und zu entrinnen, noch größer und zäher ist als die Wut der andern, ihn zu fangen; und also muß er siegen, wenn nicht das Glück wider ihn ist.
So sitzt er und wartet auf seine Stunde wie der Wolf im Lager. Er weiß, daß er von jetzt ab bei Tage schlafen und bei Nachtschleichen muß, wie ein Raubtier, und überlegt, wie er den streifenden Hatzhunden entgehen soll, ohne sich durch einen Schuß zu verraten.
Aber in all dem Elend dieser ungewissen Tage hat er sich zu seinen Waffen eine neue gefertigt, die ihm in diesen Umständen nützlicher sein muß als seine Pistole.
Nahe an seinem Dickicht stand eine große Eibe, einer jener aussterbenden schwarzen Urbäume, deren Holz so zähe und elastisch ist, daß man nie einen dieser Bäume vom Sturme zerbrochen sieht. Aber eine stürzende Tanne hatte dem düstern Baum im letzten Winter einen langen Ast abgeschlagen, der zur Erde hing und jetzt ziemlich ausgetrocknet war. Tikosch wußte, daß das Eibenholz sich für den Bogen am besten eignet, und er schnitzte mühsam an dem dicken Bügel zu einer Armbrust und dem Schafte dazu. Mit dem Meißelstemmte er das Loch für den Bügel und für den Abzug aus, den er aus Teilen seines Flugzeuges zurechtfeilte. Nach zwei Tagen konnte er den Bogen durch den Schaft stecken, und nun band er von einem Ende des Bügels bis zum anderen mit großer Geduld einen Faden von dem starken, ungebleichten, groben Zwirn, den er hatte, um den andern: jeden stark anspannend und für sich geknüpft, bis der ganze Strang die Stärke einer Sehne erreicht hatte, wie er sie an mittelalterlichen Armbrüsten kannte. Er versuchte, zu spannen; unmöglich! Der Zug des Bogens mußte hundert Kilogramm übersteigen, und das war ihm recht; so bekam er einen weiten Schuß! Nun machte er den doppelarmigen Hebel zurecht, mit dem er die Sehne zu zwingen hoffte, aber zweimal mußte er den Arm des Hebels verlängern und verstärken, weil er sich bog oder nicht genug Kraft ergab.
Endlich spannte er die wuchtige Wehr und ließ den Bogen bangen Herzens leer abschnellen, ob die Sehne aushielt. Und sie riß nicht.
Von dem Augenblick zog in den einsamen Mann ein Gefühl von Stolz und Kraft, das ihn sich allmächtig fühlen ließ! Er hatte eine herrliche Schießwaffe, die ohne einen anderen Laut als das Klappen der Sehne den Bolz, dem er eine Spitze aus dickem Draht und Federn aus Lederflecken gegeben hatte, auf sechzig Gänge mit tödlicher Kraft trug! Er übte nach den Bäumen mit der einfachen Zielvorrichtung, die er seiner Waffe hatte geben können: die Treffsicherheit war nicht sehr groß, aber genügend: auf die sechzig Schritte, auf die sein Bolz noch einen Ast von der Stärke eines Handgelenkes durchschlug, vermochte er ein Ziel von Kopfgröße zu treffen. Ach, wenn es nur einenHasen, nur eine Waldtaube in der Nähe gegeben hätte! Ihn hungerte so bitterlich! Aber das Dickicht schwieg, und in den helleren Wald wagte er sich nicht. Dort riefen die wilden Tauben im Holze; unendlich sanft klang ihr friedliches, dunkles Abendlied aus den Kronen der Fichten. Wenn er nur eine einzige herunterholte? Die Baumkronen lohten hochrot, der Unterwald war grau und lichtlos geworden, und wenn er Beute haben wollte, so war es höchste Zeit! Er wurde beinahe toll bei dem Gedanken, sich ein Lagerfeuer zünden zu können, über dem am Spieße der kleine, aber herrliche Braten duftete.
Der Magen krampfte und krampfte sich ihm, die wildgewordene Phantasie glühte und schwelgte in dem einen Bilde herum, bis er alle Vorsicht vergaß und im Bachbette aufwärts schlich, das dürstende Ohr nach demdumpfen, heulenden Ruhuu, Ruhuu hingierend!
In weitem Bogen zog er in den Wald nach der Schlafstelle der schönen Vögel zu, die da wohl zu zehn und zwölfen in den Bäumen saßen. Endlich hörte er das Kichern ihrer Flügel, wenn sie aufflogen und sich umstellten. Es klang geradezu höhnisch, und ihm zuckte jeder dieser Töne ins Herz, denn die Vögel konnten ihn eräugt haben und abstreichen; dann kam die Nacht, und es war wieder nichts als das Wühlen in seinen leeren Eingeweiden! Er stand und starrte zu den Baumkronen. »Wech, wech, wechwechwech« ging es da und dort mit dem hohen, pfeifenden Laut der Schwingen, aber er sah die Vögel nicht; das Unterholz war zu dicht, und wenn er aus dem Schutze der Baumkronen trat, dann hatten sie ihn schneller eräugt als er sie, die Aufmerksamen.
Endlich begann ein Tauber leise zu heulen, etwas höher im Ton der nächste, und dem hungernden Raubtier da unten zuckte und riß das Herz. Er schlich näher, bis der eine Tauber mit der tiefen, murrenden Stimme den Schlußruf tat; den aber kannte Tikosch nicht, dieses kurze »Huck«, auf das der Vogel aufmerksam um sich zu äugen pflegt. Und ehe der Schleichende noch den blaugrauen Vogel gesehen hatte, klatschte der aus der nächsten Fichtenkrone empor ins flüssige Abendgold hinauf und zog in reißender Schnelle über den Wäldern dahin, weit, weit fort! Als hätte die Liebe des Schöpfers und aller Menschen ihn verlassen, sah Tikosch dem Vogel nach, dem drei andere folgten, und er hätte vor Jammer und Wut am liebsten herausgebrüllt. Zwei Schritte nur machte er und vertrat damit den ganzen übrigen Schwarm der Tauben, deren Schwingenwie Hohngelächter über ihm wichelten. Falkenschnell sausten die abstreichenden Vögel dahin, und der Wald war leer und entgöttert. Mitleidloses Schweigen blieb in den Baumkronen zurück, und der junge Mensch war hilflos wie ein verlassenes Kind. Oh, zum Fuchse, zur Katze zurück in die Schule! Neue Sinne erziehen an Stelle der Stadtdumpfheit, sonst mußte er verhungern trotz Waffe und Wild! Und er schlich weiter, das Wühlen des Hungers in den Eingeweiden und das brennende Verlangen im Herzen, zu leben, zu leben!
Aber der Abend schlug immer düsterer seine Schwingen um seine Augen, und bald war alles undeutlich geworden im Walde und auf den Schlägen. Da lenkte er verzweifelnden Herzens seine Schritte abwärts nach den Dörfern, um zu sehen, ob er ein paar Maiskolben stehlen könnte. Langsam undvorsichtig folgte er dem Wasserläufchen, das nach Süden lief, wo nach seiner Karte das Dorf Krivelj liegen mußte. Die Nacht war ihm jetzt willkommen, denn er wäre am liebsten mitten ins Dorf eingebrochen, um zu rauben, was er erraffen konnte.
Der Hunger hatte ihn furchtlos und verzweiflungsvoll gemacht, und wenn er daran dachte, wie jetzt die Kammern der Bauern voll Schinken und Würste hingen, trat ihm der Schaum vor den Mund, und er mußte mit Gewalt ein dumpfes Brüllen unterdrücken, das ihm von einer unwiderstehlichen Gier entpreßt wurde.
Wenn sie ihn fingen, es war ihm gleich. Vielleicht hatten sie seinen Flug schon vergessen, vielleicht konnte er sich für einen Versprengten ausgeben; denn seine Leute würden wohl schon längst mit den Serben handgemein geworden sein.
Wie es denen wohl erginge? Er wußte von aller Welt gar nichts, und was ihn sonst in ein Fieber von Sorge gestürzt hätte, das konnte er jetzt unwillig abschütteln. Es war ihm alles gleichgültig, was mit Österreich war; nur essen wollte er, fressen! Und er schlich und pürschte mit verhaltenen Tritten in die tiefwerdende Nacht hinein dem Tale zu. Das Gehen im Wasser wurde immer schwieriger und schmerzlicher; die aufgeweichten Schuhe gaben in den Nähten nach, aber er mußte im Bache bleiben, obwohl ihn das Fieber und die Kälte schüttelten. Stundenlang ging er so. Da hörte er das Anschlagen eines Hundes, und zusammenfahrend stand er stille.
Durch die Bäume schimmerte eine hellere Blöße; etwas Sternenlicht war über einer Wiese, und dorthin schlich er mit klopfendem Herzen. Nun sah er auch den Mond, derklein und schmal über die Berge heraufgekommen war und ihm leuchten sollte. Er wartete, bis der Hund wieder anschlug; nach dieser Richtung ging er dann. Es war die Gefahr, auf die er zuging, aber auch das Ende dieses schwindelnden, brennenden, tobenden Hungers! Fiebernd schwankte er dahin, und das Blut kreiste wunderlich in seinem Hirn. Ihm war jetzt alles wie ein sonderbarer Traum, und er mußte sich immer wieder zusammennehmen, um sich nicht niederzulegen und weiterzuschlafen, weil er oft meinte, flüchtig erwacht zu sein und innezuwerden, daß er da zwecklos aus dem Bette gestiegen sei und in der Nacht umherirre. Dann wußte er plötzlich wieder, daß es ums Leben ging, und hochgespannt schlich er weiter, wo der unsichtbare Hund sein dunkles, veränderliches Wesen hatte. Es war ein großes Tier mit tiefer Stimme, aber er fürchtetees nicht; er suchte es, und es ärgerte ihn das Wandern der Stimme, die bald da, bald dort anschlug und knurrte. Tikosch wurde wütend. Nicht, weil der Hund offenbar frei umherstrich und ihm gefährlich werden konnte, sondern weil dies kreisende Suchen mit dem Gehör ihm stets wieder jenes wunderliche Bewußtloswerden brachte, aus dem er sich mit allen Kräften losreißen mußte, sonst sank er vor Schwäche hin und wurde gefunden. Er ging über Wiesengrund, dann über ein Krautfeld, dann wieder über Wiese, und seine Augen durchbrannten die Düsternis, ob nichts anderes kommen wollte: Obstbäume oder ein Kartoffelacker gar! Auf einmal kam er an ein höheres Feld, und mit unbeschreiblichem Entzücken erkannte er die Töne leisen Sägens, die im Nachtwinde von den langen Maisblättern ausgingen, die sich aneinander rieben!
Da war Nahrung. Er schlich mit brennendem Begehren hin, griff in die Stauden und suchte mit bebenden Händen nach einem Kolben, den er mit einer Andacht losbrach und enthüllte, wie ein Priester das erste Allerheiligste, das er genießen darf. Ein leises Weinen, ein süßes, leichtes, seliges Kinderweinen erschütterte ihn dabei unsagbar sanft und lieblich.
Das Leben war plötzlich wie ein leises, liebes Lied geworden. Der Mais war hier, hoch oben in den Bergen, noch grün und milchig, und er biß gleich in die rohen Kolben und zerkaute das süßliche Fleisch der schwellenden Körner mit namenloser Inbrunst.
Da hörte er das Schnauben eines Tieres in der Nähe und hielt in der gefährlichen Gereiztheit einer Bestie inne, die man beim Fraße bedroht. Eine dumpfe Wut, in diesemunsagbaren Entzücken gestört werden zu sollen, kochte in ihm auf. Ah! Der Hund suchte und schnoberte nach ihm, der sollte die Menschenjagd büßen. Tikosch hatte seine Armbrust, so umständlich sie auch zusamt dem lästigen langen Hebel zu tragen war, bei sich behalten, und mit bebenden Händen spannte er die Sehne und klemmte den Bolzen zwischen die haltende Feder und den Schaft; dann setzte er sich kauernd auf die Erde und erwartete seinen Todfeind.
Ein gereiztes Knurren sagte ihm, daß der Hund seine Witterung in der Nase hätte. Aber dies drohende Knurren, das in solcher Verlassenheit und solcher Nacht manches starke Herz hätte zittern lassen, wurde ihm zum gierigen Entzücken. Schoß er mit seiner geräuschlosen Waffe die Bestie, so hatte er Zeit, Zeit, die ganze Nacht, zum Plündern von Feld und Baum und Stall!
Er hatte wieder all seine Nerven und Sehnen beisammen und duckte in sich selber zusammen, die Armbrust an der Wange: wartend, in zitternder Freude und Gespanntheit. Und der Hund schnob und schnaufte sich näher heran. Der Wind stand vom Felde nach der Wiese, und Tikosch wußte, aus einem ihm bisher unbegreiflichen Instinkte heraus, daß der Hund gegen den Wind kommen müsse. Er horchte gar nicht mehr in das Sägen und Rascheln des Feldes hinein, sondern bohrte seine Augen in das matte Dämmern der Wiese.
Wirklich kam die Bestie dort geschlichen; undeutlich, schwarz und so riesenhaft, daß er zuerst glaubte, es sei ein Stück Großvieh. Aber er wußte, wie die Dunkelheit verzerrt, und paßte scharf auf. Nun war der Hund so nahe, daß der junge Offizier das gierige Hecheln des aufgeregten Atems hören konnte;der Hund stand, und eine unbestimmte Sorge schien ihn zu überkommen. Wenn die feige Bestie nun nur nicht ihrer Zwiestimmung in einem ungeheuerlichen Lärme Luft zu machen suchte! Rühren durfte sich der gestellte Mann auf keinen Fall, so daß der Hund im ungewissen blieb, was das für fremde Witterung war. Endlich schlich das große düstere Tier wieder näher, gierig windend, so daß sein Atem pfeifend durch die Nase ging. Zehn Schritt noch, dann stand es wieder und knurrte.
Tikosch blieb ganz still in sich zusammengepreßt, und lange, lange Minuten lauerten sich so die beiden die Gewißheit ab. Endlich schien der Hund zu glauben, hier schliefe ein Mann, und kam vorsichtig schnuppernd noch näher heran, so daß der Offizier sah, wie sein Rückenhaar vor Aufregung hochgesträubt war wie bei einer Hyäne. Mit hohem Widerristund gesenktem Kreuze wie eine solche stand die Bestie einen Augenblick, dann duckte sie vorne zusammen und kroch näher; Tikosch sah nur Haupt und Schultern und dahinter die klamme Rute, die vor Wut und Erregung zuckte.
Drei Schritt! Tikosch ging mit der Schußwaffe mitten zwischen die schwefelgrünen Lichter des großen, gefährlich nahen Tieres hinein und drückte in unsäglicher Anspannung allen Willens, den einen Punkt zu treffen, ab. Es krachte wie brechendes Bein, und der Hund sank nach vorne zusammen, ohne einen Laut zu geben.
Da stand Tikosch auf, straffte sich, und ein Gefühl sprudelnden Stolzes quoll in ihm empor, dessen wilde Freude am liebsten in einen furchtbaren Siegesschrei ausgebrochen wäre. Er dämpfte sich, trat zum Hunde und riß dem verendeten mit großer Anstrengungden Bolzen aus der Stirne: bis ins halbe Hirn hatte sich der gebissen! Dann packte er das mächtige Tier an der Rute und schleifte es über die Wiese zum Bach, gab ihm dort einen Fußtritt, und es kollerte bergab, so weit, als Tikosch nur wünschen konnte. Denn hier ging es sehr steil hinab. Ein fernes Planschen des Wassers verriet ihm, daß die Bestie fürs erste gut verdeckt läge; dann kehrte der frohgewordene Feldräuber wieder zu seinem Mais zurück und begann mit vollen Händen zu stehlen!
Er aß diesmal nicht mehr; er dachte nur an Vorrat und band sich die saftigen Kolben zu einem großen Pack zusammen.
Dann ging er ein Kartoffelfeld suchen, fand es auch und grub sich hier, wühlend wie ein Eber, die größten und schwersten Knollen heraus, den ganzen Rucksack schwer voll. Nun schlich er sich, nach dem Hause spähend,weiter; aber ehe er in einer dunklen Erhöhung einen mächtigen Hof erkennen konnte, jaffte hoch und aufgeregt ein Hündlein hinter den dunklen Mauern, und der verhohlene Vogelfreie erschrak dermaßen, daß er zuerst kaum von der Stelle konnte.
Mit zitternden Knien und größter Anstrengung trug er jetzt seinen schweren Raub dem Bergwalde zu, fand seinen Wegweiser, den Bach, trat ins Wasser und kämpfte sich darin über Kies und schlüpfrigen Schlamm unter unsagbarer Mühe und Schmerzen seinen Weg bergauf, Stunde um Stunde, bis das Sternbild des großen Wagens über den Bäumen gänzlich auf dem Kopfe stand und weit über Mitternacht ansagte.
Fünf Stunden hatte der kleine Raubzug gedauert, und es mochte gegen zwei gehen, als Tikosch in seinem Dickicht anlangte und erst todmüde auf die Erde hinsank, ehe erWillenskraft genug fand, sich die verquollenen Schuhe von den Füßen zu ziehen und die kalten, erstarrten Beine abzureiben, damit er sich nicht zu sehr erkälte.
Trotz der Anstrengung war ihm nicht warm geworden: das machten der Hunger und das Fieber, das ihn immer noch nicht gänzlich verlassen hatte. Dazu spürte er in der verheilenden Wunde wieder lebhaftere Schmerzen. Aber all das tat ihm jetzt nichts, wo er zu essen hatte.
Er war so sicher, beinahe übermütig geworden, daß er es zum erstenmal wagte, ein Lagerfeuer zu entzünden. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, zerrte er aus dem Holzvorrat, den er sich vorsorgend schon früher zusammengetragen hatte, ein paar kurzgehackte Stücke hervor, legte sie auf Reisig und entzündete sie. Dann rückte er an die Flamme, und indem er die Kartoffelnhineinlegte und die Maiskolben an kleinen Spießen über das liebe, lichte Feuer hielt, zog längst entbehrte Wärme in ihn und gab ihm Mut und Kräfte wieder. Er konnte es kaum erwarten, bis die Maiskolben geröstet waren, und die Kartoffeln sangen noch leise, als er sie aus der kleingewordenen Glut zog. Nun warf er nur von Zeit zu Zeit mehr ein kleines Scheit in die Flamme, damit er Wärme und Licht in einem hätte, und hielt eine Mahlzeit, beißend, schlingend, schmatzend und ungeheuer gierig! Dabei durchdrang ihn ein Entzücken, das war so schwindelnd und ungeheuer, daß alle Liebe, die er je genossen hatte, elend und schal neben dem ungeheuren Aufschwunge seines Lebens erschien, der ihm jetzt beschieden war, weil er sich sattessen konnte!
Das Glück brauste und jubelte in ihm, und er schnaufte und weinte in einem Atem vorGier und Lust! Er entsann sich, daß Verhungernde mit dem Essen nicht aufzuhören vermöchten, bis sie stürben, aber das kam ihm jetzt gleichgültig, klein und nichtig vor. Es war ein solcher Aufflug, solch ein ins Ungeheure gepreßtes Lebensgefühl in diesem Fraß, nach den elenden Tagen, daß er dafür gerne gestorben wäre. Endlich lachte er doch leise und sagte sich: »Vieh! Vieh!«
In unbändigem Glück und Behagen lehnte er sich zurück, hielt die Beine ans Feuer, drehte und wendete sich, um die göttliche Wärme recht und überall zu empfangen und durchzufühlen, und kam sich vor wie der König dieser hohen Wälder.
Das stürmende Glück ging immer mehr in ein menschlicheres und sanftes Hinträumen über, und zum erstenmal in diesen Tagen der Verfolgung und Not überblickte Tikosch seine Lage klarer und musterte auch seine Vergangenheit,wie einen Traum, den man staunend überblickt und bedenkt, nachdem man erwachte.
Einen Arm unter dem Kopfe, lag so der junge Offizier an seinem einsamen Lagerfeuer in der Urwildnis des Veliki Krisch.
Wie war er nur da hergekommen? Ah, ja, sein toller Flug! Und die vermaledeite Brücke bei Zajetschar steht noch immer; die hat er gar nicht gesehen. Vielleicht kommt man zu Fuße hin? Eine Sprengbüchse und ein paar Bomben sind drüben am Stol vergraben; wer weiß, was man wieder unternehmen kann, seit man wieder bei Kräften ist!
Wie kam er damals nur auf jene tolle Idee? Befohlen war ihm der Flug nicht worden. Und Tikosch Gabor lächelt wehmütig; er hat in seiner Seele wieder Platz für Menschentum und Allzumenschliches. Wenn ihn die frische, aufrechte deutsche Beamtentochter,der er so gar nicht gefallen hatte, jetzt sähe! Aus Grimm und Verzweiflung über ihre Abweisung war er unter die Flieger gegangen und hatte ihr's geschrieben, daß er ins Herz Serbiens hineinsausen würde, um dort zu wüten und zu sterben. Er, der ihr zu unbändig, zu viehisch erschienen war, der Wohlerzogenen, weil er einmal betrunken sein mochte, wie's eben der Ungar pflegt unter Freunden. Und einen schwäbischen Lehrer hatte sie ihm vorgezogen!
Häh! Der hätte da stehen sollen, in der Nacht, im Kukuruzacker, der riesigen Dogge gegenüber! Oder er hätte mal fliegen sollen wie Tikosch. pfeifende Kugeln ringsum! Oder mit Hunden gehetzt im Walde ducken, oder hungern, wund und fiebernd! Nein, die Weiber sind nicht auszurechnen. Nimmt die ein Lamm statt eines Löwen!
Stolz und grimmig lächelt der junge Offizier. Er ist doch ein Mann, dem ein Weib nicht nein sagen sollte! Sein Antlitz ist wohl ein wenig hunnisch, aber energisch und schön; die Gestalt wie aus Stahldraht gedreht, schlank und mit spielend elastischen Muskeln, und Mut hat er für drei!
Aber doch: es hat ihn ein schmierblonder Kandidat ausgestochen!
Tikosch grübelt. Er hat den Lehrer auf Tod und Leben fordern wollen, trotzdem Margit für ihn bat. Die Kameraden jedoch haben ihm gesagt, es wäre kein Kampf gleich auf gleich, und stolz lächelnd hat Gabor verzichtet, den Schulfuchs zu erschlagen. Wenn Fräulein Margit das halbe, zahme Kindergelichter, das der ihr zeugen wird, lieber ist als rassige Jungen, wie er sie ihr gäbe, soll sie's mit dem blonden Thaddädl halten. Er wird davonfliegen und lachen.
Und er ist davongeflogen.
Jetzt hat er seinen eigenen Herd. Ja, seinen selbstgegründeten; mitten im Urwald und ohne Weib und solche Faxen. Hunger, Elend und Triumph hat er nacheinander kennen gelernt, und heute hat er auch das Stehlen gelernt.
Immerhin; vielleicht kommt es noch zum Straßenraub. Ein rechtes Mannesleben sollte überhaupt voll solcher Dinge sein. Als Offizier kommt er hier nicht weit; also wird Tikosch Gabor Räuber werden. Er lacht behaglich, überlegt, wie das ginge, wünscht sich sehr ein paar Gesellen und schläft auch schon gut und ausgiebig, so daß er den werdenden Tag nicht sieht und nicht die schaurige Morgenkälte fühlt, die vor Hahnenkraht alles durchdringt. Er schläft und träumt, daß er sich zu nahe ans Feuer gelegt habe und das verbrenne ihn jetzt. Jähe fährt er weg davon und empor, und dann lacht er.
Es war die helle, heiße, brühende Herbstvormittagssonne, die sich ihm vollhin auf den Pelz gelagert hat, wohl schon seit einer Stunde. Ah: Behagen über Behagen! Und nun gibt's ein Frühstück am Lagerfeuer, wie schon lange keines mehr, und dann ein wenig Jagd, ein wenig Verfolgung und Gefahr — es ist doch ein famoses Leben. Und seine Wunde scheint in dieser einen Nacht verheilt, seit er sich wieder sattgegessen hat.
Bloß eines fehlt ihm noch zum vollkommenen Glück: ein wenig Salz und Butter zu seinen Kartoffeln! Für ein Pfund Butter gäbe er jetzt dem Lehramtskandidaten die ganze sanfte und hochgebildete Margit. Und Tikosch kann jetzt auch wieder fluchen; es gelingt ihm leicht und lästerlich gut.
Vorläufig will er schleichen und pirschen lernen und sich trotz der gestrigen Enttäuschung einen Braten holen; Gott wird ihm schoneinen Hasen in den Weg schicken. Sonst muß er's wieder mit den scheuen Waldtauben versuchen. Vielleicht geht es in der Mittagsstille; da schlafen sie ja auf ihren Bäumen, nachdem sie Wasser aus dem Bach aufgenommen. Oder bei der Tränke? Ja, da konnte er eine überraschen. Und der einsame Jäger nahm sein Schießzeug und verlor sich im Walde.
Aber manche Fehlpirsch, manchen mißglückten Schuß kostete es noch, bis Tikosch mit den Pirschregeln und mit seiner mittelalterlichen Waffe vertraut genug war, um das scheue Wild auf vierzig oder gar fünfzig Gänge zu treffen. Die Schußleistung, das Streubild war auf diese Distanz allein schon der Größe dieser Vögel entsprechend, und der kleinste Zielfehler bedeutete einen Hungertag! Der Offizier lernte, seine Willenskraft, seine Nerven auf bisher ganz ungeahnte Weiseanzuspannen und alle Energie in einen einzigen Augenblick zu pressen. Nicht einmal in den kritischen Momenten, wo sein Luftfahrzeug in Windstößen zu schlingern begonnen hatte, bedurfte es solcher Zusammenfassung aller Willensmächte auf einen Punkt hin wie jetzt im Augenblick des Schusses, um zu treffen! Nun hatte Tikosch fast jeden zweiten Tag eine Zutat für seine Kartoffeln und Maiskolben, an der ihm freilich der ungewohnte Mangel von Salz und Fett empfindlich wurde. Nur der wütende Hunger vermochte ihn, die reizlose Kost hinunterzuschlingen; denn der Versuch, sich ein paar Körnlein Salz zu verschaffen, wäre mit dem Leben doch zu teuer bezahlt gewesen.
Eines aber wuchs von neuem in ihm empor, seit die äußerste Not und mit ihr die Gleichgültigkeit gegen alle andern Erscheinungen dieses Lebens gestillt waren. Er sehnte sichnach Menschen. Und mehr noch; er konnte sich wieder dem Luxus der Vaterlandsliebe hingeben. Als der Hunger nicht mehr durch Mark und Bein nagte, da begann wieder die Angst: Was ist mit meinem Österreich? Vierzehn Tage waren seit der Kriegserklärung verflossen, und das Land hier ringsum blieb still und friedlich. Er horchte oft in die ferne Bergnacht hinaus, ob sie ihm nicht das Grollen eines Kanonengewitters zutragen wollte. Umsonst. Am Abend gurrten in unsäglichem Frieden die Hohltauben und die Ringeltauben in Felsen und Wäldern, die Wipfel rauschten sanft, und mit immer gleichem Lächeln sprach der Gott der Höhenfernen stets sein sanftes:
»Warum seid ihr mir in die Irre gegangen? Ihr würgt euch, und ich bleibe der Friede. Die Not in meinem Reiche ist kurz, auch wenn täglich der Falke unter die kleinen Vögel stößt; ihr aber habt euch an einem künstlichenFrieden Ekel gefressen, so daß der Völkerwahnsinn nun um so schauerlicher ausbricht! Wäret ihr bei mir geblieben, ihr würdet täglich das Glück eurer Seele haben, das da heißt: Gott anschauen.«
Es war fast unerträglich, dieser ewig gütige Friede! Was geschah dort hinter den Bergen? War Österreich einmarschiert, warum kam keine Unruhe unten in die Dörfer, die er fernehin in immer gleichem Frieden liegen sah? Die Transporte besorgte ja die Bahn, darum sah er keine Züge von Troß und Wagen. Aber die Menschen arbeiteten wie sonst; sie sahen klein aus wie suchende Sperlinge, dort auf den Feldern der Tiefe, und nichts schien sie zu vermögen, unruhige, gestörte Ameisen zu werden! Oder hatte Rußland eingegriffen? Tikosch wußte, daß der unersättliche Barbarenstaat des Ostens nur auf die Gelegenheit lauerte, Österreich zuüberfallen, und der Gedanke, daß jetzt im Norden die Hunderttausende Österreichs gegen die Millionen Rußlands einen Kampf voll Verzweiflung und übermenschlicher Anstrengung rängen, trieb ihm die heiße Feuchte aus allen Poren.
Und er war hier gefangen! Sollte er, immer die Nächte durchwandernd, seinen Weg bis zur Save nordwärts suchen und ins Ungarland zurückschwimmen? Die Wunde war nahezu geheilt, eine kleine Steifheit im Kreuz, die übergeblieben war, konnte ihn nicht arg hindern. Aber dennoch hielt ihn ein Rest von Hoffnung und Trotz hier auf seinem Berge fest. Erst mußte er auf irgendeine Weise erfahren, wie es mit dem Kriege stand; und war Österreich in Bedrängnis, dann sprengte er den Serben ihre Eisenbahnbrücke ob Zajetschar auch ohne Flugzeug: und sollten sie ihn dafür in Stücke reißen!
Was lag an ihm, Geld hatte und wollte er keines, Glück war ihm nicht beschieden, und das einzige, was er von diesem Leben ersehnt hatte, ein wenig Frauenliebe, war ihm brennend mißraten! Dies verschmähte Mannesdasein, dem die Vergötterung fehlte, konnte nur durch eigene Achtung zu Inhalt kommen; sich selber wollte Tikosch Gabor anbeten lernen und sich sagen: »Du bist ein Held!« Von dieser Art waren bisher die einzigen Sensationen seines Lebens gewesen: waghalsige Ritte, von denen das ganze Komitat sprach, und nun sein toller Flug, der ihm mißlungen war, und dessen Ziel der Dickkopf nun erst recht nicht aus den Augen ließ. Alles, was sonst das Leben vertieft und schön, aber auch allzu begehrenswert macht, war von Tikosch bisher unbeachtet gelassen worden. Um Kunst kümmert sich der Ungar an sich schon wenig. Auch seine Natur,die Natur der Puszten, kennt nur eine eintönige, eine große, aber einzige Linie und beschäftigt weder die Augen noch die Phantasie ungewöhnlich. Man liebt sie und läßt sie sein, wie sie ist, oder erobert sie zu Pferde. Für die Städte und ihre Oberflächlichkeiten hatte der junge Offizier so wenig Sinn wie für ihre Tiefen. Über die Kabaretts und über die Theater lachte er mit derselben Verachtung. Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie waren von ihm bisher mit den Worten abgetan worden: »Das Zeug ist alles nur für die langhaarigen Ehrenmänner am Kaffeehaustischel; sollen's damit glücklich sein und mich in Ruh' lassen.«
Jetzt aber, in der grandiosen Schweigsamkeit alles dessen, was um ihn lebte, ging ihm ein tiefes Unbehagen auf, wie hilflos er eigentlich wurde, wenn er in sich selber sank! Immer wieder mußte er, da alles sich vonihm abgewandt hatte, was ihn sonst unterhalten konnte, in die Tiefen seiner eigenen Brust hinuntersteigen. Er versuchte, sein ungeschultes Hirn zum Grübeln zu bringen, und fand alles leer. Oder vielmehr, er war des Denkens ungewohnt und hilflos wie ein Kind. »Wozu bin ich eigentlich gemacht: Ich, Tikosch Gabor? Und was war beabsichtigt, weil ich auf die Welt kam? Was hat mich bisher getrieben? Was habe ich Gutes getan und warum habe ich so viel Haß gehabt? Warum frag' ich mich jetzt drüber?« Solche Schürfungen nahm er nun in sich selber vor, und wenn er aus solchen Gedankennächten fruchtlos wieder an den Tag geriet, kam er sich vor wie ein verlegner Teckel, der zwecklos in einen leeren Fuchsbau eingefahren war. Einen kleinen, buckligen Kerl im Szegediner Offizierskaffeehaus hatte er immer ausgelacht, wenn der behauptete, die ganze Welt gehöre ihm.»Warum? Wie? Wo?« hatte Tikosch vergnügt geschrien, und der kleine Hascher hatte dann immer mit einem großen Stolze gesagt: »Ich bin ein Philosoph.« Ja, der arme Kerl hatte sich sogar zu der Behauptung verstiegen, nicht Kraft noch Kühnheit mache den Mann aus, denn dann sei jeder Gorilla besser als Tikosch, aberdenkenmüsse man können; damit sei man ein Gott! »Denken; das ist der ganze Mann.«
»Weiß der Teufel,« sagte Tikosch jetzt öfter zu sich selber, »jetzt möcht' ich wirklich was von so einer Philosophie dahaben.« Und er dachte nicht ohne Neid an den kleinen Buckligen im Kaffeehaus zu Szegedin und auch an den blonden, schwäbischen Schullehrer, der die schöne Margit mit einer rührend tiefsinnigen Betrachtung über das Leben der Bienen, die er studiert hatte, als wären's Menschen, zuerst auf sich aufmerksam gemacht hatte. Da nundie Lebensumstände, in denen sich Tikosch jetzt befand, Dinge wichtig machten, an die er früher auch nicht den kleinsten Gedanken verwendet hatte, wie die Lebensweise der wilden Tauben und der Hasen, der wilden Hummeln, deren Honig er rauben lernte, und sogar der Mücken, aus deren Gehaben er das Werter hervorahnen lernte, so begann er eine Art richtiger Scheu für alles Wesen der Natur zu empfinden, und die ist ja der Anfang aller Religion. Sich als Teil empfinden, um sich als Einzelnes dafür um so inniger zu bilden, das ist die Schrift Gottes, die er uns gegeben, sie zu suchen, zu erkennen und zu befolgen.
Solche Erwägungen kamen ihm aber nur dann, wenn seine Sorgen und sein Hunger für die nächste Zeit gestillt waren, und er empfand diese Würdelosigkeit seines Wesens mit einigem Ärger. Denn all diese schönenDinge, Heldentum, Vaterland und Philosophie, waren augenblicklich verschwunden, sobald die gemeine Notdurft in ihm rebellierte. Oft war ihm zum Beispiel die Sorge um sein Vaterland durchaus nicht sehr viel wichtiger, als wie er zu einem Happen Salz gelangen könnte. Denn die Gier nach Salz und auch die nach etwas Fett war in ihm mit tierischer Gewalt gewachsen und gewachsen, und wurde nun schon so groß, daß er beschloß, ein Teil seiner geübten Vorsicht außer acht zu lassen und sich die ersehnte Würze zu verschaffen, auch wenn es ihm an den Kragen ginge. Er schämte sich, aber der Trieb blieb stark.
Da entsann er sich eines Tages, als er vor sich selber nach einer Ausflucht suchte, daß das Verlangen nach Salz ja auch in den Tieren sehr lebendig sei, und er dachte der Rehe, denen in seiner Heimat die Jägereieigene Salzlecken errichtete. Gibt bei uns der Jäger seinen Rehen Salz, folgerte er, so wird es hier der arme Bergbauer wenigstens seinen Ziegen nicht vorenthalten. Und er begann, Losung und Fährten der Ziegen in den Planinen zu erforschen, wenn er auch dabei wieder in Gefahr kam, mindestens mit einem Wolfshunde anbinden zu müssen.
Auf einer dieser Streifereien gelangte er in die Nähe eines jener weltlich simplen Hirtenobdächer der serbischen Planinen, von denen man glauben möchte, daß sie für nicht mehr da seien als für die Dauer jenes Unwetters. Und doch gibt es dort viele Menschen, die ihr ganzes Leben unter diesen paar zusammengetragenen Steinen verbringen! Es war ein ganz niederer Bau, eher einer Höhle ähnlich als einer Hütte, den er entdeckt hatte. Aber wichtig war es für ihn, daß alle Ziegender Gegend täglich zweimal dorthin wallfahrteten. Es gab also Salz dort, und mit zitterndem Herzen legte sich Tikosch tausend Schritt über dem zusammengewürfelten Hirtengeklüfte auf die Lauer; er, selber ärmer als diese ärmsten Menschen, um sie bei guter Gelegenheit zu bestehlen. Und mit der Geduld eines Bussards wartete und wartete er, bis endlich einmal der Hirte, ein Greis, der nur einen Knaben bei sich hatte, die Hütte verließ, um offenbar ins Tal um Proviant und Nachrichten zu gehen; denn beide waren mit geflochtenen Tragkörben beladen, in denen sie zugleich Schafkäse, den man hier auf der Ovcina bereitete, zu Tale trugen.
Als sie eine halbe Stunde weit waren, hielt es den Verfolgten nicht länger, und er schlich sich zur Hütte. Ein Hund war nicht da, es rührte sich nichts, und trotzdem bebten demjungen Manne die Knie; er schämte sich. Der einfache Holzriegel des kaum fünf Fuß hohen Raumes war von außen mit wenig List und Kunst zu öffnen. Was schloß er auch ab? So konnte Tikosch bald in das mehr als antik einfache Gelaß treten, nein, kriechen; denn es war für einen aufrecht stehenden Mann zu niedrig. Die Hirten hatten es denn auch nur als Schlaf- und Vorratskammer eingerichtet. Von den wenigen Dingen, die der armselige Raum enthielt, einem gemeinsamen Streulager mit schmutzigen Ziegenfellen, einer Tonlampe und etwas halbzerbrochenem Geschirr, sah der Ausgehungerte denn auch nichts, sondern suchte nur nach einem, nach Salz.
Wirklich fand er einen groben Klumpen Viehsalz; derbes, aber ziemlich reines Rohsalz von roter Farbe, an dem er gierig leckte, um es dann zitternd zu sich zu stecken. Einzweiter Blick zeigte ihm noch eine lange und verschimmelte Speckseite. Auch diese riß er an sich, wurde brennendrot vor Scham, legte sie wieder weg, nahm sie wieder, roch mit nicht zu beschreibender Wonne daran und tat sie wieder fort.
Dann überlegte er, daß er ja ein Goldstück an ihre Stelle legen könnte, ein Goldstück, das in diesen Höhen der äußersten Armut den vierfachen Wert haben mußte und den zehnfachen der Speckseite! Aber das Gepräge war österreichisch und verriet ihn sicherlich. Den Leckstein allein konnten die Ziegen gestohlen haben, die in die schlechtverwahrte Hütte eingedrungen waren; der Speck mußte ernsteren Verdacht erregen. Und ihn den Bedürftigen einfach zu entwenden, das vermochte der ritterliche Ungar nicht, und wenn er im Anblick der Köstlichkeit hätte verhungern müssen! Ein schwerer, schwerer Kampf lag nur in demGedanken, er könnte das herrliche Stück irgendwie bezahlen.
Aber das ging nur an, wenn er sogleich zehn Meilen zwischen sich und sein verstecktes Lager am Stol legen konnte.
Dann war es nichts mit der Sprengung der Brücke.
Und Tikosch Gabor nahm von der wundervollen Speckseite mit geblähten Nüstern Abschied; nicht ein einziges Stückchen hatte ihm sein Stolz davon zu genießen erlaubt.
Er schlich sich mit seinem Zweipfundstück Salz davon, im köstlichen Gefühle, heut abends eine Mahlzeit halten zu dürfen, wie kein römisches Leckermaul sie je gekannt. In der Morgendämmerung hatte er auf dem Ansitze einen feisten Hasen erlegt, der ihn das fehlende Fett nicht empfinden lassen würde. Kartoffeln waren auch noch vorhanden; Tikosch war schwindlig vor Glück.
Abends, in seinem sicheren Versteck am Lagerfeuer, genoß er den gewürzten Braten, zu dem er noch Wacholderbeeren und den Thymian des Waldraines getan hatte. Er aß mit bebenden Händen und kam sich über alle Begriffe von Gott begnadet vor. Nur fehlte ihm in seinem Glücke jemand, mit dem er es teilen konnte, ein Gefährte, mehr als je! Tikosch war stets gesellig, konnte nur genießen, wenn er sah, wie es auch anderen schmeckte, und brauchte in Leid und Freude Menschenaugen, die ihm alles widerspiegelten, was er selber empfand. Er war kein Schwätzer, aber er lachte und tollte gar zu gern, wie ein rechtes Kind, das er stets geblieben war. Und wie einem Kind war ihm jetzt auch bange.
Es kam sogar, daß er in seiner Einsamkeit leise ein altes, unsagbar trauriges Lied zu singen begann, das so recht aus der endlosenbraunen Steppe seiner Heimat geboren war und von hoffnungsloser Liebe und Abschied ging.
Tikosch sang es langgezogen und andächtig durch bis zu einer Strophe, bei der sie immer alle zu weinen pflegten, wenn es die Zigeuner den betrunkenen Kavalieren vorgespielt hatten.
Und wenn auch der gute Leutnant seit vierzehn Tagen keinen Tropfen Spiritus in irgendwelcher Form gesehen hatte, so heulte er bei der rührsamen Stelle pünktlich und jämmerlich drauflos. Es dauerte eine ganze Weile, bis das erledigt war; dann wurde ihm wohler und leichter, er setzte sich wieder aufrecht, strich zufrieden und halb beschämt seinen kleinen Schnurrbart und dachte eingehend und angestrengt daran, wie er es einrichten könnte, zu irgendeiner menschlichen Gesellschaft zu kommen, der er sein bedrängtesHerz ausschütten konnte. Denn mit sich selber allein wußte er ganz und gar nichts anzufangen.
Hier oben freilich kam er auf keinen grünen Zweig mit seinen Plänen. Er wäre fest entschlossen gewesen, mit der nächstbesten Zigeunerbande Bruderschaft zu machen, aber das Land war leer von ihnen.