Chapter 7

In den nächsten Zeiten aber wuchs dieser Wunsch zu immer mächtigerer Sehnsucht empor:

»Einen Menschen gib mir; guter Gott, gib mir einen Menschen!«

Aber der Wald schwieg, und wenn in der Ferne ein Mann über die Planina wanderte, zog sich ihm dennoch das Herz zusammen, denn jede Begegnung bedeutete ja den Tod oder Gefangenschaft. Am grimmigsten war ihm zumute, wenn einer einen Hund bei sich hatte. Vor den Menschen war ein Verbergen möglich, vor den Hunden nicht; sein ganzes Mannestum und sein Stolz empörte sich aberbei dem Gedanken, von einem Tier, das er verachtete, zustande gebracht und gestellt zu werden! Von einem Hunde, diesem Kontrapunkt der menschlichen Niedertracht; dem Tier, das feige allem nachsetzt, was läuft und flieht, das nach dem Flüchtigen schnappt und den sich Stellenden fürchtet, das stinkt, Kot frißt, aller Armen und Zerlumpten erklärter Feind und des Peitschenmeisters Bauchkriecher ist!

Es brachte ihm das Blut zum Sieden, wenn er das giftige Gekläff eines Hundes nur von ferne hörte. Wo immer es sich unauffällig tun ließ, schoß er jede dieser Bestien, die er im Walde traf.

Einmal hörte er, als er auf Wildtauben an der Tränke lauerte, das tiefe, mürrische Geläut eines großen Hundes, und sogleich zuckte ihm das zornige Herz empor, das von diesem seltsamen Hasse erst seit dem Tage erfülltwar, seit man ihn selber mit Hunden gehetzt und er ein Verfemter geworden war.

Lieber wollte er Jäger als Wild sein, und sooft er einen dieser Verfolger und Peiniger seiner Nächte gestreckt hatte, war ihm leichter.

Er schlich, wie stets in solchem Falle, im Bachbette näher; bergab, dorthin, wo der Jagdlaut erscholl.

Er war schon ganz nahe und spannte sein Schießzeug, als eine dunkle, klangvolle Frauenstimme dem Tiere in rumänischer Sprache gebot, stille zu sein und sich zu legen. Betroffen stand der Offizier und war wie gebannt. Eine Frau hätte er hier oben in der Wildnis nicht erwartet, und mit klopfendem Herzen beschloß er, Weib und Hund an sich unbemerkt vorbeizulassen. Aber nur menschliche Tritte kamen an ihn heran; der Hund schien weiter unten den Zugang aus dem Tale zu bewachen.

Tikosch wagte nicht mehr, sich in das dichte Gestrüpp zurückzuziehen. Um keinen Lärm zu machen, drückte er sich nur oberhalb des größeren und tiefen Kolkes, den der Bach hier machte, ins Buschwerk. Ging es gut, so kam sie unbemerkt vorbei.

Entdeckte ihn aber der Hund, so war das viel schlimmer, als wenn ihn ein Mann ertappt hätte; denn Mann und Hund wären dem wildentschlossenen Jungen nicht lebend ins Tal gekommen. Dem Weibe gegenüber war er hilflos, und vielleicht das erstemal in diesen abenteuerlichen Tagen kam das Zittern nervöser Furcht in seine Glieder. Endlos dauerte es, bis er das Blitzen eines hellen Kleides durch die Sträucher sah, und noch länger schien es ihm, bis er wußte, mit wem er zu tun haben würde. Dann aber merkte er bald, daß er mehr sehen sollte, als er sich erwartet hatte.

Ein ernstes, großes, dunkles Mädchen stand plötzlich am Tümpel des Baches. Sie trug die schöne und einfache Volkstracht dieser Gegenden. Nur schien es Tikosch, als ob die Stickerei des Hemdes, das den Hauptteil dieser Tracht ausmacht, ungewöhnlich kunstvoll und reich wäre; so nahe stand sie schon unter ihm. Sie horchte nach dem Hunde hinunter, der wieder rege zu werden begann, und rief: »Couche, Pouilly!« Dies letztere Wort, das dem Scherzruf Bully verwandt sein mochte, rief sie mit so unleugbar französischer Betonung, daß der erstaunte Offizier, der längst jede ihrer vornehmen Bewegungen mit Bewunderung verfolgt hatte, bei sich dachte: »Aber das ist ja eine Dame!«

Das Mädchen, dessen sehr ernstes und regelmäßiges Gesicht er jetzt genau sehen konnte, streifte kurzweg ihren Rock herab und war im Begriff, ihr Mieder zu öffnen, das seine letztenBedenken über ihre vornehme Herkunft zerstreuen mußte, als der junge Offizier in besinnungsloser Angst, ohne zu bedenken, was daraus werden könnte, rief: »Fermez, fermez, madame! Faites attention!«

Die Wirkung dieser Worte, aus dem Dickicht der wildesten hochserbischen Planina gerufen, war denn auch eine ruckartige.

Das schöne Geschöpf wurde blaß über ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen staken mit dem Ausdruck hilflosen Schreckens an dem Gebüsche, aus dem die französischen Worte gekommen waren, und in welchem sie, da die Sonnenstrahlen prall auf die Zweige vor ihr fielen, nichts mehr sehen konnte. Sie vermochte kein Glied zu rühren, und die einzige Reflexbewegung galt dem Schutze der oben entblößten Brust.

»Voilà, qui vive?« »Wer ruft hier?« fragte sie endlich mit tonloser Stimme.

Und Tikosch, wieder mit seinem gar nicht guten Französisch:

»Ein armer Verfolgter, meine Dame, der sehnlich bitten muß, daß Sie ihn weder sehen, noch sich seiner Anwesenheit in diesen Wäldern erinnern, wenn Sie diesen Platz verlassen haben werden. Darum bitte ich Sie flehentlich. Als Kavalier verriet ich mich Ihnen. Aus Ritterlichkeit, um die unbelauschte Stunde einer schönen Frau nicht auszunutzen. Haben Sie auch so viel Zartgefühl, ein Leben, das Tag und Nacht bedroht ist, zu schonen und zu vergessen, wer Ihnen hier begegnet ist! Mehr verlange ich nicht.«

»Ein Verfolgter!«

Das junge Weib bekam Mut und Fassung wieder.

»Wenn Sie bedroht sind, haben Sie von mir nichts zu fürchten,« sagte sie ruhig. »Kommen Sie hervor und erzählen Sie!Ich gebe Ihnen mein Versprechen, Sie nie zu verraten, wenn Sie auch gemeingefährlich sein sollten, und Sie zu unterstützen, wenn mir das gut und recht erscheint.«

Tikosch zögerte noch.

»Nun gut, wer sind Sie?« rief die schöne Rumänin ins Gebüsch hinauf.

»Ein österreichischer Offizier.«

»Ah, da können Sie also Deutsch?«

»Ja!« rief Tikosch freudig, als er die Sprache hörte, die seine gute Mutter sehr geliebt hatte.

»Kommen Sie ruhig zu mir,« sagte sie lächelnd. Und in dieser Stimme und in diesen Worten lag eine solche heilandsichere Verheißung von Güte und Glück, daß ihm das Herz entbrannte. Er brach die Zweige, die ihn schützten, auseinander und kam auf sie zu; sehr verlegen, weil er knapp am Bachufer balancieren mußte, um nicht in lächerlichsterWeise ins Wasser zu plumpsen. So hatte sie reichlich Zeit, ihren Rock wiederzunehmen und dabei sein schwedisches Lederwams, seine Fliegerkappe, die ihn wie einen Kreuzfahrer in der Kettenhaube erscheinen ließ, und seine Armbrust anzustaunen.

»Herrgott, sind Sie mal eine Erscheinung!« sagte sie in freundlichem Ernst, aber mit ehrlichem Staunen. »Das sieht man nicht alle Tage!«

Endlich stand Tikosch vor der ernsten, dunkelfarbigen jungen Dame und stellte sich mit allen Formen eines Weltmannes vor. Er erzählte, wie er hier mitten in Feindesland so recht buchstäblich vom Himmel gefallen wäre, und wie sein Vorhaben, die Brücke von Zajetschar zu sprengen, mißglückt sei.

»Ah,« sagte sie lächelnd, »da sind Sie also der heruntergeschossene Flieger, über den diehiesige Presse so sehr triumphierte, und den sie von Wölfen auf dem Lissatz zerreißen hatte lassen?«

»Man sucht mich also nicht mehr?« fragte Tikosch aufatmend. »Sagen Sie mir um Gottes willen, gnädige Frau —«

»Fräulein«, unterbrach sie ihn: »Livia Ternaveanu. Ich bin den Österreichern gut.«

»Oh,« rief er, »so sagen Sie mir schnell, wie geht es meinen Leuten? Ich bin seit vier Wochen hier oben im Urwalde, ich bin beinahe verhungert und habe von den Menschen nichts gesehen und gehört als ihre Hunde und ihr fernes Johlen und Singen auf den Höhen! Ich weiß gar nichts, und es zerreißt mir das Herz!«

»Ihren Landsleuten geht es gar nicht gut. Die Serben haben sie bei Schabatz über die Save und bei Valjevo über die Drina zurückgeworfen, und die Russen haben sie in großenSchlachten in Galizien immerwährend geschlagen.«

»Aber das ist ja unmöglich!« schrie Tikosch erbleichend. Ihm war zumute wie einem Manne, der sein Weib blind vertrauend geliebt hatte und sie in den Armen eines anderen ertappen mußte.

»Wo stehen die Serben jetzt? Und wo die Russen?«

»Die Russen in Galizien.«

»Bis wo?«

»Bis Lemberg.«

»Wo waren die Schlachten?«

»Alle bei Lemberg.«

»Und die Russen kommen nicht weiter? Gott sei Dank! Von wem haben Sie Ihre Nachrichten?«

»Seit den letzten vierzehn Tagen nur aus serbischen Zeitungen.«

»Und sind die Serben in Österreich?«

»Nein, nur eben wollten sie über die Save, aber da haben sie große Verluste erlitten und mußten zurück.«

»Ja, aber Mädel, da ist doch gar nichts verloren!« jubelte der Offizier und vergaß vor Freude allen Respekt. »Kind, da ist viel, viel gelogen worden! Ich kenn' doch die Saubagasch! Und der Österreicher ist bloß in der Defensive! Da kann er unbezwinglich sein; war es immer in solcher Lage! Herrgott, so eine schöne Zeitung wie ich hat noch kein Mensch der Welt gehabt!«

Und überglücklich faßte er sie an den Armen, als wollte er sie im Kreise schwenken. Aber da knurrte ganz nahe der große Hund, der sich beim Gespräche der beiden manierlich herangeschlichen hatte.

»Bist du still,« rief Livia ernst. Und man hätte sehen können, daß sie sich von demkostbaren Fliegerleutnant ganz gern ein bißchen hätte wirbeln lassen. Aber dem war die Lust vergangen.

»Diese Hunde,« sagte er grimmig. »Seit Wochen hasse und fürchte ich nichts als sie. Wissen Sie, daß man mich mit Bluthunden verfolgt und gesucht hat? Ganz nahe waren sie mir schon!«

»Armer Mensch,« sagte Livia ruhig. »Nun wollen wir überlegen, was für Sie zu tun möglich ist. Haben Sie Wünsche? Ich würde mich getrauen, Sie über die Donau nach Rumänien zu schaffen; von dort können Sie nach Österreich. Wir sind neutral.«

»Wer alles ist denn nicht neutral?« fragte Tikosch.

»Später, später,« lächelte sie. »Jetzt nur das eine. Was haben Sie für Wünsche?«

»Speck, vor allem Schweinespeck oder sonst ein gutes Fett,« sagte Tikosch ehrlich.

Da lachte das ernste Mädchen zum ersten Male ein wenig, machte aber gleich wieder ein besorgtes Gesicht. »Leiden Sie denn Hunger?« fragte sie.

Da erzählte er ihr all seine Abenteuer und seine Not; wie schwer es ihm geworden war, auch nur einen einzigen Vogel zu erbeuten, als er dem Hungertode nahe gewesen war, wie er aufs Feld stehlen gegangen war und den Hund erschießen mußte, wie er dann weiter gelebt hatte, und wie der Besitz eines einzigen Stückes Salz ihm wichtiger geworden war als alles, was ihm sonst hoch und teuer schien, samt dem Vaterlande!

Und in drollig unbehilflicher Form erzählte er dann, als sie ihm Platz neben sich auf dem Waldgrunde anbot und er mit mehr Behagen berichten konnte, was ihn seit Tagen am meisten erstaunte und beschäftigte, was ernie gedacht und von sich erwartet hätte: daß er in dieser Waldesstille zum Grübler geworden sei, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu erfahren, warum er auf die Erde gestellt worden sei! Das Fräulein sei offenbar sehr gebildet und wisse viel mehr als er selber. Wenn er öfter mit ihr darüber reden könnte?

»Also Speck und Metaphysik sind die beiden Bedürfnisse der Wüste,« sagte sie mit einem kaum merkbaren Lächeln und fuhr fort. »Ich bin in einem Schweizer Pensionat erzogen worden und habe dort wenig von diesen Dingen gelernt. Aber grübeln habe auch ich viel müssen. Meine Brüder sind ganze Franzosen geworden und leben so unsinnig in den Tag hinein, daß wir schon beinahe als verarmt gelten könnten. Da sucht man sich von den Lehren der Weltleute und Kavaliere gerne abzukehren. Lieber Herr Leutnant,jenes Leben macht nur leer und arm, oder unglücklich! Ich habe versucht, anderswo einen billigeren Trost zu suchen, wie er auch nur für arme Leute zu wachsen scheint. Mutter und ich, wir haben uns bei Rgotina auf unser Waldgut zurückgezogen und besitzen auch hier in der Nähe einen Meierhof, der wegen seiner abgeschiedenen Lage unnutzbar und deshalb auch glücklicherweise unverkäuflich ist. Hier in der Einsamkeit wurde mir allerlei offenbar, wovon die Verschwender und Modemenschen nichts wissen können. Nichts wissen dürfen; denn sie müßten dann verzweifeln!«

»Und das ist?« fragte Tikosch andächtig.

»Das ist, daß man zu sich selber und damit zu Gott kommt, und das geht nur in der Einsamkeit und in der aufrichtig gebliebenen Familie Gottes; so nenne ich nämlich die Steine, Bäume und Tiere. Hätte ich dasLeben der Reichen führen dürfen wie meine Brüder, und in Nizza meinen Champagner trinken, ich wäre verlorengegangen wie sie. Hätte ich dort dem Gassenvolke glänzende Kleider vorführen können, ich wäre verdammt von Gott, wie alle Reichen. So aber ist mir jeder Tag ein neues Wunder, und ich sehe Gott überall: in den Tieren und den Bäumen und in mir selber. Vielleicht ist es auch Ihnen bestimmt, durch diese Einsamkeit nach innen reich zu werden. Bisher haben Sie hier freilich zu wenig von den einfachsten Gütern des Daseins genossen. Denn es ist leider so, daß man seine Seele nur erheben und reinigen kann, wenn die Not nicht zu drückend ist und die einfachsten Bedürfnisse befriedigt sind. Man muß freie Zeit haben. Aber da ich nun für Butter aufs Brot sorgen werde,« (sie lächelte wieder ein wenig) »so werden Sie finden, daßIhr Leben hier ein sehr gesegnetes sein wird im Vergleich zu dem Dasein Ihrer Brüder unter dem unerbittlichen Gott der Russen.«

»Haben die einen anderen Gott?« rief er, weil sie das wieder so ernst sagte.

»Ich glaube es sicherlich. Vielleicht liegt dieses Heidentum, diese Vielgötterei in meinem römischen Blute. Aber kein Priester wird mir weismachen können, daß der Gott der üppigen Wälder und Wässer, der Weingärten und Edelkastanien dieses kleinen, familienhaften Landes mit seinen milden Wintern kein anderer ist als der Gott der endlos traurigen Steppen, des Lehms, der Nebel, der gedrückten Schwermut in allen Hirnen und der Massen, die nur Zahl sind und keine Bedeutung der einzelnen kennen. Jedes Land hat seine eigene Gottheit, und wenn ein solches Land in einen fremden Staathineingezwungen wird, so muß zwischen den beiden Völkern ein Krieg sein, der nie sterben kann, bis sie nicht wieder getrennt sind und jedes seinem eigenen Gotte gehört. Ist denn nicht den Italienern und auch einem Volke wie euch Deutschen nicht eher wohl geworden, als bis ihr vereinigt waret? Es ist Sünde wider den heiligen Geist, Völker mit verschiedenen Göttern aneinander fesseln zu wollen.«

»Das ist wahr,« sagte Tikosch; »in der Schule habe ich gelernt, daß die Alten zuerst bei jedem Volke ihren eigenen Gott hatten. Erst die großen Zwingmeister und Eroberer, zuerst Cyrus, dann Alexander und endlich die Römer, begannen, das zu leugnen und die Götter zu mischen. Und als man den einzigen Allgott gefunden hatte, da suchte sich doch jeder Ort seinen eigenen Heiligen für den Himmel. Nun, meiner Treu, ichbin neugierig, ob ich mich mit der Gottheit dieser Höhen und Wälder verstehen und vertragen werde, wenn sie anfängt, mich anständiger zu behandeln als bisher. Aber ich habe ja nun Ihre Protektion als Priesterin?«

Livia, die wenig Vergnügen an dem scherzhaften Tone fand, mit dem der Leutnant ihren ernsten Glauben behandelte, lenkte ab und bat ihn, ihr sein Versteck zu zeigen. Da führte er sie treuherzig in sein Kamp, dessen Zigeunerhaftigkeit ihr großes Vergnügen bereitete.

»Hier werde ich Ihnen die Hauswirtschaft führen helfen,« sagte sie, als sie wieder aus seinem Erdloch unter der Zeltplache herausgekrochen war. »In jedes eigene Haus gehört eine Frau.«

Und am Abend kam sie sehr vorsichtig und schwer beladen und bewaffnet herauf undbrachte ihm in einem Korbe Leckerbissen, bei deren Anblick ihn schwindelte.

»Lassen Sie sehen,« bat er und hob den Decke! ab. »Wahrlich, echter, edler, perlblasser Schweinespeck! Ich kann es kaum glauben, daß es Menschen gibt, die bei solch einem Anblick nicht in die Knie brechen und sich feierlich an die Brust schlagen! Oh, und duftendes Brot! Und Wein! Heiland, jetzt weiß ich, daß Du Deine Symbole nicht für satte Menschen gewählt hast, und daß dem Reichen Dein Himmel ewig verschlossen sein muß! Weinen könnte ich! Und das ist ein Schinken! Wie lange mag es her sein, daß ich so einen nur in fiebernden, verliebten Träumen sah? Und nun ist solch ein Überfluß zu mir gekommen. O Fräulein, liebes Gotteskind, ich bin ganz verzagt, ob Sie mir nicht am Ende nur so wunderschön vorkommen, weil Sie in Begleitung dieser göttlichen Tugenden sind!«

Nun lachte sie gern.

Sie ließ ihn sein Lagerfeuer machen, packte einen Topf aus, in dem sie ihm alle Gewürze der Küche mitgebracht hatte, und stellte Wasser an die Flamme, denn sie wollte ihm gegen den empfindlich scharfen Herbstabend einen wirklichen Tee kochen, mit Rum drinnen.

Er aber zerteilte seine heutige Jagdbeute, einen Hasen, und steckte die Stücke an einen Spieß aus Wildkirschholz.

Zärtlich verteilte er den Speck, den sie ihm gebracht hatte, unter das Fleisch und ließ es in gehobener Stimmung braten und bräunen.

Er hätte am liebsten vor Entzücken laut geschrien, als der gottesdienstliche Opferduft emporzusteigen begann.

»Noch etwas habe ich Ihnen gebracht,« sagte sie und zeigte ihm die Flinte, die siemitgetragen hatte. »Es ist nur ein Vorderlader,« sagte sie, »denn es wäre aufgefallen, wenn ich meinem Bruder eines der teuren modernen Gewehre entwendet hätte, die unten im Zimmer hängen. Aber das nahm ich aus der Rumpelkammer; es war einmal ein luxuriöses englisches Gewehr, und für die paar Schüsse, mit denen Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdienen, reicht auch die langsame Ladeweise. Schießen können Sie jetzt ruhig, man ist das in diesen Wäldern gewöhnt, und an Sie denkt niemand mehr. Hier ist das Pulverhorn, hier der Schrotbeutel und die Zündhütchen.«

Tikosch war vor Glück sprachlos, bekam Tränen in die Augen, und als er ihr die Hände küßte und sie seine Ergriffenheit fühlte, überkam sie selber die Rührung, dieses einsame Menschenkind mit geringer Gabe so reich und glücklich gemacht zu haben. LangeZeit sprachen sie nichts und schufen schweigend an dem köstlichsten Abendessen, das sie beide je genossen hatten. Denn auch ihr war das Abenteuerliche ihres Zusammenseins mit dem Verfemten aufregend und bedeutend wie noch nichts in ihrem Leben.

Bald saßen sie denn in der wunderbar ernsten Waldnacht am Feuer, und sie legte ihm zu essen vor, als wäre sie seine Frau, und hatten sich doch erst vor ein paar Stunden im wilden Walde getroffen. Die hohen Bäume rauschten, als spräche ihnen Gott selber das Tischgebet dazu, das fremde Mädchen saß im Feuerschein wie eine antike Göttin, die einem Heimatlosen helfen gekommen war, und ihre Schönheit und die prangende Fernheit der Bergnacht waren so geheimnisreich, daß er immer wieder glaubte, alles sei unwirklich und ein wunderbarer Traum. Sie aber erzählte von dem Lebenin diesen Wäldern, die schon am Morgen zu ihr ins Bett hereinrauschten und sie Tochter nannten, von ihrer guten alten Mutter und den Männern, die öfter zu ihnen nach Rgotina kamen und sich um sie bewarben. Aber keiner habe das Gottnahe, das sie bei einem beseelten Menschen brauche und suche. Sie sprachen alle vom Tage, von Genüssen, die keine seien, von eitlen Dingen und Wünschen, und wüßten gar nicht, wie oft Livia zu den selbstgefälligen Herren im stillen sagte: »Ihr Tiere, ihr armen, eitlen Tiere!«

Tikosch aber, wie sie von Männern sprach, die sie begehrten, fühlte ein dumpfes, banges Brennen in seinem Innern, und er begann sie, die er kaum kannte, auch schon mit allen Schmerzen der Eifersucht und Liebesangst zu verlieren. Ob sie nicht auch über ihn, der bisher gedankenlos in den Tag hineingelebt hatte, im geheimen sagen müßte: »Du Tier«?Er fragte sie mit ehrlicher Besorgnis darüber aus und tat das in so unbeholfenen Worten, daß sie ihn gut und warm ansah und antwortete:

»Nein, denn Sie sind zwar noch nicht das, was ich von einem Mann erwarte, aber auch nicht, was jene leider rettungslos schon geworden sind. Sie sind ein Kind und stehen noch am Scheidewege.«

»Dann lehren Sie mich,« sagte der junge Mensch, »denn Sie sind viel gescheiter als ich. Wenn Sie mich nur nicht verachten, dann ist schon vieles gut.«

Er griff nach ihrer Hand, sie ließ sie ihm, und als er sie bat, weiter von sich zu erzählen, tat sie es in ihrer ruhigen, ernsten Art, ohne zu wissen, wie er immer nur sie ansah und ihre große Schönheit ermaß. Auf diese Weise wußte er oft gar nicht, was sie sagte, sondern war bloß bemüht, möglichst viel von demdunklen und tonreichen Klange ihrer Altstimme in sich zu saugen.

Als sie endlich merkte, wie dürstend er sie ansah, brach sie sogleich auf, ließ sich aber von ihm ein Stück begleiten und versprach ihm, bald wiederzukommen.


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