Es kamen nun Tage, die er nie und nimmer zu Ende gehen lassen mochte. Livia saß beinahe alle Abend an seinem Feuer, und einmal, als Sturm im Walde war, kam sie sogar zu ihm in das Zelt, wo sie sehr nahe bei ihm sitzen mußte. Als sie aber inne ward, wie er zu zittern und heiser zu werden begann, stand sie entschlossen auf und ging, während er in seinem verlassenen Wüstenheim auf die Stelle hinstürzte, wo sie gelehnt hatte, und sein Antlitz unter leidenschaftlichen Rufen und Bitten und Fragen dort eingrub, wo noch Wärme von ihr war. Der Einsame liebte sie seit dem ersten Abende aus allen Kräften und ahnte, daß er sie für immer verscheuchen würde, wenn er ihr das sagte. Denn da sie ihm geistig überlegen war, glaubte er nie und nimmer, daß sie zu ihm herabsteigen könnte. Jede Anspielung, wie schön sie sei, schnitt sie kurz entzwei und sagte ihm: »Dazu bin ich nicht bei Ihnen. Ich bin Ihre Schwester, solange Sie verlassen sind. Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gefalle, aber wir werden in kurzer Zeit weit auseinander sein und uns im Leben nicht mehr sehen. Trüben wir nicht diese lieben, traurigen Herbsttage, wo jede Minute ein Abschiednehmen ist.«
Bei solchen Antworten wurde ihm bange und klamm in der Seele, und hoffnungslos schaute er sich die göttlich-regelmäßigen Züge dieses ernsten, großgeschnittenen Mädchenantlitzes an, das so gar keine Schwäche undFassungslosigkeit bergen wollte. Unerringbar sicher saß sie neben ihm in der einsamsten der Waldnächte und fürchtete nichts, am wenigsten sich selber!
Wenn er nun an den grellen Herbsttagen allein über den Wäldern war und das weite, feindliche und doch so schöne Land in silberner Unendlichkeit rings unter ihm lag, da ahnte er die wehe Schönheit seines Daseins, von dem er immer noch nicht wußte, wie es enden! Denn er wollte nicht aus dem Lande fliehen, ohne seine Aufgabe getan zu haben. Manchmal dachte er daran, daß Livia, deren Landsitz nahe bei der bewußten Timokbrücke lag, ihm helfen könnte. Aber dann sah er wieder ein, daß er das Mädchen weder in ein solches Geheimnis ziehen, noch es mit ins Verderben reißen durfte. So saß er und sann in den immer bunter werdenden Herbst hinein.
Das Gebirge dort ist voll wunderbarer Gegensätze. Die Höhen des Stol und der benachbarten Golobinje Planina sind karstig, die Abhänge mit wirren, wilden Wäldern in der Bergabfolge von Fichte, Buche, Eiche, dann Edelkastanien und Nußbäumen. Unsagbar einsam und fast gar nicht besiedelt sind diese Berge, von denen das Volk fabelt, sie seien voll Alben und Vilen — bösen Feen, die keinen Menschen in ihr unberührtes Reich eindringen lassen. Der Wanderer, der gezwungen über die Höhen muß, wagt kaum laut zu atmen. Denn wenn er seine Stimme erhöbe oder gar sänge, dann schlagen ihn die Feen der Wälder mit Blindheit, und er kommt nie aus den Irrnissen dieser gefeiten Höhen heraus. Findet er aber, ein armer, tastender Blinder, dennoch wieder den Weg aus dem Elfenbann ins Tal, so bringt er von dort oben die Gabe der Dichtkunst mitund kann als Guslar, als wandernder Rhapsode, von dem singen, was seine Augen dort oben zum letzten Male Wunderbares gesehen.
Davon hatte Livia dem jungen Manne erzählt, und dieser sah jetzt mit immer größer werdender Ergriffenheit über dieses stille Reich der Farben, der Fernen und der Geheimnisse. Er selber kam sich wie verzaubert vor, und sein Herz brannte in Schönheit und in Abschiedsschmerzen wie diese Wälder. Es war wunderschön, hier nahe am Tode, nahe an Gott zu lieben und zu wissen: all dieses ist vergeblich. Er mußte mit dem sanften Mitleide des Mädchens vorliebnehmen, das er vielleicht bald zum letzten Male gesehen haben würde, aber alles das war so rein, so ferne, so verklärt, daß in ihm und um ihn Schönheit war.
Diese seltsame Liebe war ihm gerade so recht, wie sie war: mit ihrem reißenden Weh,mit ihrer wissenden Vergeblichkeit, mit der Ahnung ihres Endes und mit der stillen Gebethaftigkeit ihrer Träume. Er hatte immer auf die Weiber herabgesehen; diese kam ihm wie eine Göttin vor, die man nicht freien kann, und von der er gern Rat und Lehre nahm. Ihre antik schönen Glieder gehörten in einen Tempel, und die häßliche, immer gleiche Niederlage des Mädchenstolzes anderer griff nicht an ihre hohe, reine Ruhe.
Einmal lobte sie mit leisen Worten seine Zurückhaltung. Da sagte er: »Meine Livia, ich weiß, daß ich nicht an Sie heranreiche, und daß ich Ihrer nicht wert bin. Lassen Sie lieber mich selber das sagen, ehe Sie es mir andeuten.«
Das Mädchen lächelte. »Sie werden Frauen genug besessen haben, um sich durch die Ruhe meines Herzens nicht gedemütigt zu fühlen.«
»Die Weiber, die ich errungen hab', die haben mich nie stolz machen können. Und alle, deren Liebe mich hätte erheben können, grad' die haben mich nie mögen,« sagte er traurig. »Ich weiß nicht, woran das liegt; vielleicht weil ich immer alles dran gesetzt hab', nichts anderes zu sein als ein famoser Viehskerl. Die tollsten Streich', die ärgsten Raufereien, die halsbrechendsten Ritt' und die gewagtesten Flüg' hab' immer ich machen wollen. So ist mir weder Zeit noch Lust für die Versenkung geblieben in diese Dinge des Innern. Die Weiber, die mir in großer Zahl und stürmisch Beifall geklatscht haben, denen war ich zwar der vollkommenste von allen Männern, aber sie selber waren die unvollkommensten von allen Weibern. Schön, o ja, das waren sie schon, und rassig! Aber da und da« (er schlug sich auf Kopf und Herz) »nix!«
Und er erzählte ihr von dem blonden, kindlich aussehenden Mädchen, das Margit hieß und ein heiteres kleines Ding schien, das man nur so mit einem Finger mitzunehmen brauchte. An einem Tanzabend hatte er getrunken, wie es bei ihnen allen eben Brauch war, und da wollte sie nicht mit ihm zum Tschardasch antreten. Er nahm sie gewaltsam an der Hand und sagte: »Nicht nur für diesen Tanz, sondern fürs ganze Leben laß ich dich nicht mehr los.« Da hatte ihm das kleine Ding geantwortet: »Ihnen und allen andern kommt dieser Antrag vielleicht als Ehre vor, die Sie mir erweisen, und deshalb danke ich Ihnen aus ganzem Herzen für Ihre gute Absicht. Aber mit Reiten und Trinken allein ist mir nicht gedient. Sie haben mich beleidigt, indem Sie mich so rüde an der Hand halten und reißen, und ich kann mich Ihnen jetzt nicht ohne peinliches Aufsehen entziehen. Ichwerde also mit Ihnen tanzen, Herr Leutnant, um der Uniform, die Sie tragen, und Ihrem mutigen und geraden Wesen die Ehre zu erweisen, die Sie verdienen. Dann aber werde ich den Ballsaal verlassen, und Sie werden gestatten, daß mich der Mann führen darf, für den sich mein Herz und meine Achtung entschieden haben. Und Sie werden so ritterlich sein, keine Rache an ihm zu nehmen.« Und als er vor dem Blick ihrer ruhigen, blauen Augen und solchen Worten auf den Tanz gänzlich verzichtete, war sie freundlich dankend mit dem stillsten Wasser der Garnison, einem unscheinbaren, blonden, schwachen Schullehrer davongegangen. »Und wer weiß,« schloß er wehmütig, »wie der Mann aussehen wird den Sie mir vorziehen werden ...«
»Ich ziehe Ihnen niemanden vor,« sagte Livia ruhig. »Sie sind mir der liebste Mensch, den ich je gesehen habe, und wie oft mich einetiefe Rührung überkommt, wenn ich aus dem Fenster in Ihre Bergeinsamkeit hinaufschaue und Sie dort oben ausgeliefert, aber mutig weiß, das mag ich Ihnen nicht vorzählen. Aber ich habe stets ein Gefühl, so zwischen Mutter und Schwester, wenn ich bei Ihnen bin. Wenn Sie damit zufrieden sein können, so mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich werde jetzt bald zur Mutter nach Rgotina hinunter müssen. Nur Ihnen zuliebe bin ich hier oben geblieben, und solange der Herbst schön ist, bleibe ich auch da. Aber mein Wort bindet mich, mit dem ersten bösen Wetter zur Mutter zu kommen. Im Hause selbst kann ich Sie dort nicht verstecken. Aber ich kann Sie zu Gefährten bringen, wenn Ihnen die nicht gar zu bedenklich sind,« fuhr sie fort und lächelte in sich hinein. »Sie sind nicht der einzige Schützling, den wir in diesen Tagen vor der serbischen Wildheit schützenmüssen. Da sind drei arme Handwerksburschen aus Ihrem und aus dem deutschen Lande, denen wir auf eine Weise Unterschlupf gegeben haben, die uns nicht bloßstellt, wenn man die armen Kerle ja aufgreifen sollte. Sie haben ein Lager, das ganz dem Ihren ähnlich ist, nur in reicherer und gütigerer Lage; dort warten sie, bis das Land hier herum von den Österreichern besetzt ist oder eine andere Gelegenheit sich bietet, um ungefährdet zu entfliehen. Denn Geld, mit dem sie sich vielleicht durchschlagen könnten, haben weder sie noch ich selber!«
Tikosch hörte nur mit halbem Ohr auf ihren Vorschlag. Alles, was er deutlich wußte, war die Abweisung seiner Liebe, und als sie ihn fragte, ob er ihren Plan gut fände, da sagte er kalt: »Ich bleibe hier oben.«
Traurig wandte sie sich zum Gehen. »Ich kann nicht anders,« sagte sie leise. »VerzeihenSie mir.« Und sie schritt durch das Dickicht, indem sie den herrlichen Leib durch die Ranken bog und wand. Er sah ihr nach, und das Herz sott und brühte in ihm vor Weh und wild anspringendem Zorne.
»Kaltes, langweiliges Laster, geh zum Teufel!« entfuhr es ihm im ersten Zorne mit dem alten Reiterton, den er längst abgetan zu haben glaubte. Aber als die Büsche nicht mehr knackten und die unsägliche Bergeinsamkeit ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte, da schrie und betete seine Seele ihr nach und er nannte sie, in jugendhafter Erinnerung, Pallas Athene und Schutzgöttin. Sie aber kam nicht wieder.