Chapter 2

Theophan. Ich habe Sie ausreden lassen. Ich glaube, Sie werden so billig sein, und mich nunmehr auch hören.

Araspe. Das werde ich.—Aber eingebildet hätte ich mir es nicht, daß ich an meinem frommen Vetter einen Verteidiger des Adrasts finden sollte.

Theophan. Ich bin es weniger, als es scheinet; und es kommen hier so viel Umstände zusammen, daß ich weiter fast nichts als meine eigne Sache führen werde. Adrast, wie ich fest überzeugt bin, ist von derjenigen Art Freigeister, die wohl etwas Besseres zu sein verdienten. Es ist auch sehr begreiflich, daß man in der Jugend so etwas gleichsam wider Willen werden kann. Man ist es aber alsdann nur so lange, bis der Verstand zu einer gewissen Reife gelangt ist, und sich das aufwallende Geblüte abgekühlt hat. Auf diesem kritischen Punkte steht jetzt Adrast; aber noch mit wankendem Fuße. Ein kleiner Wind, ein Hauch kann ihn wieder herabstürzen. Das Unglück, das Sie ihm drohen, würde ihn betäuben; er würde sich einer wütenden Verzweiflung überlassen, und Ursache zu haben glauben, sich um die Religion nicht zu bekümmern, deren strenge Anhänger sich kein Bedenken gemacht hätten, ihn zugrunde zu richten.

Araspe. Das ist etwas; aber—

Theophan. Nein, für einen Mann von Ihrer Denkungsart, liebster Vetter, muß dieses nicht nur etwas, sondern sehr viel sein. Sie haben die Sache von dieser Seite noch nicht betrachtet; Sie haben den Adrast nur als einen verlornen Mann angesehen, an dem man zum Überflusse noch eine desperate Kur wagen müsse. Aus diesem Grunde ist die Heftigkeit, mit der Sie wider ihn sprachen, zu entschuldigen. Lernen Sie ihn aber durch mich nunmehr unparteiischer beurteilen. Er ist in seinen Reden jetzt weit eingezogener, als man mir ihn sonst beschrieben hat. Wenn er streitet, so spottet er nicht mehr, sondern gibt sich alle Mühe, Gründe vorzubringen. Er fängt an, auf die Beweise, die man ihm entgegensetzt, zu antworten, und ich habe es ganz deutlich gemerkt, daß er sich schämt, wenn er nur halb darauf antworten kann. Freilich sucht er diese Scham noch dann und wann unter das Verächtliche eines Schimpfworts zu verstecken; aber nur Geduld! es ist schon viel, daß er diese Schimpfworte niemals mehr auf die heiligen Sachen, die man gegen ihn verteidiget, sondern bloß auf die Verteidiger fallen läßt. Seine Verachtung der Religion löset sich allmählich in die Verachtung derer auf, die sie lehren.

Araspe. Ist das wahr, Theophan?

Theophan. Sie werden Gelegenheit haben, sich selbst davon zu überzeugen.—Sie werden zwar hören, daß diese seine Verachtung der Geistlichen mich jetzt am meisten trifft; allein ich bitte Sie im voraus, nicht empfindlicher darüber zu werden, als ich selbst bin. Ich habe es mir fest vorgenommen, ihn nicht mit gleicher Münze zu bezahlen; sondern ihm vielmehr seine Freundschaft abzuzwingen, es mag auch kosten, was es will.

Araspe. Wenn Sie bei persönlichen Beleidigungen so großmütig sind—

Theophan. Stille! wir wollen es keine Großmut nennen. Es kann Eigennutz, es kann eine Art von Ehrgeiz sein, sein Vorurteil von den Gliedern meines Ordens durch mich zuschanden zu machen. Es sei aber, was es wolle, so weiß ich doch, daß Sie viel zu gütig sind, mir darin im Wege zu stehen. Adrast würde es ganz gewiß für ein abgekartetes Spiel halten, wenn er sähe, daß mein Vetter so scharf hinter ihm drein wäre. Seine Wut würde einzig auf mich fallen, und er würde mich überall als einen Niederträchtigen ausschreien, der ihm, unter tausend Versicherungen der Freundschaft, den Dolch ins Herz gestoßen habe. Ich wollte nicht gerne, daß er die Exempel von hämtückischen Pfaffen, wie er sie nennt, mit einigem Scheine der Wahrheit auch durch mich vermehren könnte.

Araspe. Lieber Vetter, das wollte ich noch tausendmal weniger, alsSie.—

Theophan. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen einen Vorschlag tue:—oder nein; es wird vielmehr eine Bitte sein.

Araspe. Nur ohne Umstände, Vetter. Sie wissen ja doch wohl, daß Sie mich in Ihrer Hand haben.

Theophan. Sie sollen so gütig sein und mir die Wechsel ausliefern, und meine Bezahlung dafür annehmen.

Araspe. Und Ihre Bezahlung dafür annehmen? Bei einem Haare hätten Sie mich böse gemacht. Was reden Sie von Bezahlung? Wenn ich Ihnen auch nicht gesagt hätte, daß es mir jetzt gar nicht um das Geld zu tun wäre: so sollten Sie doch wenigstens wissen, daß das, was meine ist, auch Ihre ist.

Theophan. Ich erkenne meinen Vetter.

Araspe. Und ich erkannte ihn fast nicht.—Mein nächster Blutsfreund, mein einziger Erbe, sieht mich als einen Fremden an, mit dem er handeln kann? (Indem er sein Taschenbuch herauszieht.) Hier sind die Wechsel! Sie sind Ihre! machen Sie damit was Ihnen gefällt.

Theophan. Aber erlauben Sie, liebster Vetter: ich werde nicht so frei damit schalten dürfen, wenn ich sie nicht auf die gehörige Art an mich gebracht habe.

Araspe. Welches ist denn die gehörige Art unter uns, wenn es nicht die ist, daß ich gebe, und Sie nehmen?—Doch damit ich alle Ihre Skrupel hebe: wohl! Sie sollen einen Revers von sich stellen, daß Sie die Summe dieser Wechsel nach meinem Tode bei der Erbschaft nicht noch einmal fodern wollen. (Lächelnd.) Wunderlicher Vetter! sehen Sie denn nicht, daß ich weiter nichts tue, als auf Abschlag bezahle?—

Theophan. Sie verwirren mich—

Araspe (der noch die Wechsel in Händen hat). Lassen Sie mich nur dieWische nicht länger halten.

Theophan. Nehmen Sie unterdessen meinen Dank dafür an.

Araspe. Was für verlorne Worte! (Indem er sich umsieht.) SteckenSie hurtig ein; da kömmt Adrast selbst.

Zweiter Auftritt

Adrast. Theophan. Araspe.

Adrast (erstaunend). Himmel! Araspe hier?

Theophan. Adrast, ich habe das Vergnügen, Ihnen in dem Herrn Araspe meinen Vetter vorzustellen.

Adrast. Wie? Araspe Ihr Vetter?

Araspe. Oh! wir kennen einander schon. Es ist mir angenehm, HerrAdrast, Sie hier zu sehen.

Adrast. Ich bin bereits die ganze Stadt nach Ihnen durchgerannt. Sie wissen, wie wir miteinander stehen, und ich wollte Ihnen die Mühe ersparen, mich aufzusuchen.

Araspe. Es wäre nicht nötig gewesen. Wir wollen von unserer Sache ein andermal sprechen. Theophan hat es auf sich genommen.—

Adrast. Theophan? Ha! nun ist es klar.—

Theophan. Was ist klar, Adrast? (Ruhig.)

Adrast. Ihre Falschheit, Ihre List—

Theophan (zum Araspe). Wir halten uns zu lange hier auf. Lisidor, lieber Vetter, wird Sie mit Schmerzen erwarten. Erlauben Sie, daß ich Sie zu ihm führe.—(Zum Adrast.) Darf ich bitten, Adrast, daß Sie einen Augenblick hier verziehen? Ich will den Araspe nur heraufbegleiten; ich werde gleich wieder hier sein.

Araspe. Wenn ich Ihnen raten darf, Adrast, so sein Sie gegen meinenVetter nicht ungerecht.—

Theophan. Er wird es nicht sein. Kommen Sie nur.

(Theophan und Araspe gehen ab.)

Dritter Auftritt

Adrast (bitter). Nein, gewiß, ich werde es auch nicht sein! Er ist unter allen seinesgleichen, die ich noch gekannt habe, der hassenswürdigste! Diese Gerechtigkeit will ich ihm widerfahren lassen. Er hat den Araspe ausdrücklich meinetwegen kommen lassen: das ist unleugbar. Es ist mir aber doch lieb, daß ich ihm nie einen redlichen Tropfen Bluts zugetrauet, und seine süßen Reden jederzeit für das gehalten habe, was sie sind.—

Vierter Auftritt

Adrast. Johann.

Johann. Nun? haben Sie den Araspe gefunden?

Adrast. Ja. (Noch bitter.)

Johann. Geht's gut?

Adrast. Vortrefflich.

Johann. Ich hätte es ihm auch raten wollen, daß er die geringsteSchwierigkeit gemacht hätte!—Und er hat doch schon wieder seinenAbschied genommen?

Adrast. Verzieh nur: er wird uns gleich den unsrigen bringen.

Johann. Er den unsrigen?—Wo ist Araspe?—

Adrast. Beim Lisidor.

Johann. Araspe beim Lisidor? Araspe?

Adrast. Ja, Theophans Vetter.

Johann. Was frage ich nach des Narren Vetter? Ich meine Araspen.—

Adrast. Den meine ich auch.

Johann. Aber—

Adrast. Aber siehst du denn nicht, daß ich rasend werden möchte? Was plagst du mich noch? Du hörst ja, daß Theophan und Araspe Vettern sind.

Johann. Zum erstenmal in meinem Leben.—Vettern? Ei! desto besser; unsere Wechsel bleiben also in der Freundschaft, und Ihr neuer Herr Schwager wird dem alten Herrn Vetter schon zureden—

Adrast. Du Dummkopf!—Ja, er wird ihm zureden, mich ohne Nachsicht unglücklich zu machen.—Bist du denn so albern, es für einen Zufall anzusehen, daß Araspe hier ist? Siehst du denn nicht, daß es Theophan muß erfahren haben, wie ich mit seinem Vetter stehe? daß er ihm Nachricht von meinen Umständen gegeben hat? daß er ihn gezwungen hat, über Hals über Kopf eine so weite Reise zu tun, um die Gelegenheit ja nicht zu versäumen, meinen Ruin an den Tag zu bringen, und mir dadurch die letzte Zuflucht, die Gunst des Lisidors, zu vernichten?

Johann. Verdammt! wie gehen mir die Augen auf! Sie haben recht. Kann ich Esel denn, wenn von einem Geistlichen die Rede ist, nicht gleich auf das Allerboshafteste fallen?—Ha! wenn ich doch die Schwarzröcke auf einmal zu Pulver stampfen und in die Luft schießen könnte! Was für Streiche haben sie uns nicht schon gespielt! Der eine hat uns um manches Tausend Taler gebracht: das war der ehrwürdige Gemahl Ihrer lieben Schwester. Der andere—

Adrast. Oh! fange nicht an, mir meine Unfälle vorzuzählen. Ich will sie bald geendigt sehen. Alsdann will ich es doch abwarten, was mir das Glück noch nehmen kann, wann ich nichts mehr habe.

Johann. Was es Ihnen noch nehmen kann, wann Sie nichts mehr haben? Das will ich Ihnen gleich sagen: Mich wird es Ihnen alsdann noch nehmen.

Adrast. Ich verstehe dich, Holunke!—

Johann. Verschwenden Sie Ihren Zorn nicht an mir. Hier kömmt der, an welchem Sie ihn besser anwenden können.

Fünfter Auftritt

Theophan. Adrast. Johann.

Theophan. Ich bin wieder hier, Adrast. Es entfielen Ihnen vorhin einige Worte von Falschheit und List.—

Adrast. Beschuldigungen entfallen mir niemals. Wenn ich sie vorbringe, bringe ich sie mit Vorsatz und Überlegung vor.

Theophan. Aber eine nähere Erklärung—

Adrast. Die fodern Sie nur von sich selbst.

Johann (die ersten Worte beiseite). Hier muß ich hetzen.—Ja, ja, Herr Theophan! es ist schon bekannt, daß Ihnen mein Herr ein Dorn in den Augen ist.

Theophan. Adrast, haben Sie es ihm befohlen, an Ihrer Stelle zu antworten?

Johann. So? auch meine Verteidigung wollen Sie ihm nicht gönnen? Ich will doch sehen, wer mir verbieten soll, mich meines Herrn anzunehmen.

Theophan. Lassen Sie es ihn doch sehen, Adrast.

Adrast. Schweig!

Johann. Ich sollte—

Adrast. Noch ein Wort! (Drohend.)

Theophan. Nunmehr darf ich die Bitte um eine nähere Erklärung doch wohl wiederholen? Ich weiß sie mir selbst nicht zu geben.

Adrast. Erklären Sie sich denn gerne näher, Theophan?

Theophan. Mit Vergnügen, sobald es verlangt wird.

Adrast. Ei! so sagen Sie mir doch, was wollte denn Araspe, beiGelegenheit dessen, was Sie schon wissen, mit den Worten sagen:Theophan hat es auf sich genommen?

Theophan. Darüber sollte sich Araspe eigentlich erklären. Doch ich kann es an seiner Statt tun. Er wollte sagen, daß er mir Ihre Wechsel zur Besorgung übergeben habe.

Adrast. Auf Ihr Anliegen?

Theophan. Das kann wohl sein.

Adrast. Und was haben Sie beschlossen, damit zu tun?

Theophan. Sie sind Ihnen ja noch nicht vorgewiesen worden? Können wir etwas beschließen, ehe wir wissen, was Sie darauf tun wollen?

Adrast. Kahle Ausflucht! Ihr Vetter weiß es längst, was ich darauf tun kann.

Theophan. Er weiß, daß Sie ihnen Genüge tun können. Und sind Sie alsdann nicht auseinander?

Adrast. Sie spotten.

Theophan. Ich bin nicht Adrast.

Adrast. Setzen Sie aber den Fall,—und Sie können ihn sicher setzen,— daß ich nicht imstande wäre zu bezahlen: was haben Sie alsdenn beschlossen?

Theophan. In diesem Falle ist noch nichts beschlossen.

Adrast. Aber was dürfte beschlossen werden?

Theophan. Das kömmt auf Araspen an. Doch sollte ich meinen, daß eine einzige Vorstellung, eine einzige höfliche Bitte bei einem Manne, wie Araspe ist, viel ausrichten könne.

Johann. Nachdem die Ohrenbläser sind.—

Adrast. Muß ich es noch einmal sagen, daß du schweigen sollst?

Theophan. Ich würde mir ein wahres Vergnügen machen, wenn ich Ihnen durch meine Vermittelung einen kleinen Dienst dabei erzeigen könnte.

Adrast. Und Sie meinen, daß ich Sie mit einer demütigen Miene, mit einer kriechenden Liebkosung, mit einer niederträchtigen Schmeichelei darum ersuchen solle? Nein, so will ich Ihre Kitzelung über mich nicht vermehren. Wenn Sie mich mit dem ehrlichsten Gesichte versichert hätten, Ihr möglichstes zu tun, so würden Sie in einigen Augenblicken mit einer wehmütigen Stellung wiederkommen, und es bedauern, daß Ihre angewandte Mühe umsonst sei? Wie würden sich Ihre Augen an meiner Verwirrung weiden!

Theophan. Sie wollen mir also keine Gelegenheit geben, das Gegenteil zu beweisen?—Es soll Ihnen nur ein Wort kosten.

Adrast. Nein, auch dieses Wort will ich nicht verlieren. Denn kurz,— und hier haben Sie meine nähere Erklärung:—Araspe würde, ohne Ihr Anstiften, nicht hiehergekommen sein. Und nun, da Sie Ihre Mine, mich zu sprengen, so wohl angelegt hätten, sollten Sie durch ein einziges Wort können bewogen werden, sie nicht springen zu lassen? Führen Sie Ihr schönes Werk nur aus.

Theophan. Ich erstaune über Ihren Verdacht nicht. Ihre Gemütsart hat mich ihn vorhersehen lassen. Aber gleichwohl ist es gewiß, daß ich ebensowenig gewußt habe, daß Araspe Ihr Gläubiger sei, als Sie gewußt haben, daß er mein Vetter ist.

Adrast. Es wird sich zeigen.

Theophan. Zu Ihrem Vergnügen, hoffe ich.—Heitern Sie Ihr Gesicht nur auf, und folgen Sie mir mit zu der Gesellschaft.—

Adrast. Ich will sie nicht wieder sehen.

Theophan. Was für ein Entschluß! Ihren Freund, Ihre Geliebte—

Adrast. Wird mir wenig kosten, zu verlassen. Sorgen Sie aber nur nicht, daß es eher geschehen soll, als bis Sie befriediget sind. Ich will Ihren Verlust nicht, und sogleich noch das letzte Mittel versuchen.—

Theophan. Bleiben Sie, Adrast.—Es tut mir leid, daß ich Sie nicht gleich den Augenblick aus aller Ihrer Unruhe gerissen habe.—Lernen Sie meinen Vetter besser kennen, (indem er die Wechsel hervorzieht) und glauben Sie gewiß, wenn Sie schon von mir das Allernichtswürdigste denken wollen, daß wenigstens er ein Mann ist, der Ihre Hochachtung verdient. Er will Sie nicht anders, als mit dem sorglosesten Gesichte sehen, und gibt Ihnen deswegen Ihre Wechsel hier zurück. (Er reicht sie ihm dar.) Sie sollen sie selbst so lange verwahren, bis Sie ihn nach Ihrer Bequemlichkeit deswegen befriedigen können. Er glaubt, daß sie ihm in Ihren Händen ebenso sicher sind, als unter seinem eigenen Schlosse. Sie haben den Ruhm eines ehrlichen Mannes, wenn Sie schon den Ruhm eines frommen nicht haben.

Adrast (stutzig, indem er des Theophans Hand zurückstößt). Mit was für einem neuen Fallstricke drohen Sie mir? Die Wohltaten eines Feindes—

Theophan. Unter diesem Feinde verstehen Sie mich; was aber hat Araspe mit Ihrem Hasse zu tun? Er ist es, nicht ich, der Ihnen diese geringschätzige Wohltat erzeigen will; wenn anders eine armselige Gefälligkeit diesen Namen verdient.—Was überlegen Sie noch? Hier, Adrast! nehmen Sie Ihre Handschriften zurück!

Adrast. Ich will mich wohl dafür hüten.

Theophan. Ich bitte Sie, lassen Sie mich nicht unverrichteter Sache zu einem Manne zurückkommen, der es mit Ihnen gewiß redlich meinet. Er würde die Schuld seines verachteten Anerbietens auf mich schieben. (Indem er ihm die Wechsel aufs neue darreicht, reißt sie ihm Johann aus der Hand.)

Johann. Ha! ha! mein Herr, in wessen Händen sind die Wechsel nun?

Theophan (gelassen). In den deinigen, ohne Zweifel. Immer bewahre sie, anstatt deines Herrn.

Adrast (geht wütend auf den Bedienten los). Infamer! es kostet deinLeben—

Theophan. Nicht so hitzig, Adrast.

Adrast. Den Augenblick gib sie ihm zurück! (Er nimmt sie ihm weg.)Geh mir aus den Augen!

Johann. Nun, wahrhaftig!—

Adrast. Wo du noch eine Minute verziehst—(Er stößt ihn fort.)

Sechster Auftritt

Theophan. Adrast.

Adrast. Ich muß mich schämen, Theophan; ich glaube aber nicht, daßSie so gar weit gehen, und mich mit meinem Bedienten vermengen werden.--Nehmen Sie es zurück, was man Ihnen rauben wollte.—

Theophan. Es ist in der Hand, in der es sein soll.

Adrast. Nein. Ich verachte Sie viel zu sehr, als daß ich Sie abhalten sollte, eine niederträchtige Tat zu begehen.

Theophan. Das ist empfindlich! (Er nimmt die Wechsel zurück.)

Adrast. Es ist mir lieb, daß Sie mich nicht gezwungen, sie Ihnen vor die Füße zu werfen. Wenn sie wieder in meine Hände zurückkommen sollen, so werde ich anständigere Mittel dazu finden. Finde ich aber keine, so ist es ebendas. Sie werden sich freuen, mich zugrunde zu richten, und ich werde mich freuen, Sie von ganzem Herzen hassen zu können.

Theophan. Es sind doch wirklich Ihre Wechsel, Adrast? (Indem er sie aufschlägt und ihm zeigt.)

Adrast. Sie glauben etwa, daß ich sie leugnen werde?—

Theophan. Das glaube ich nicht; ich will bloß gewiß sein. (Er zerreißt sie gleichgültig.)

Adrast. Was machen Sie, Theophan?

Theophan. Nichts. (Indem er die Stücken in die Szene wirft.) Ich vernichte eine Nichtswürdigkeit, die einen Mann, wie Adrast ist, zu so kleinen Reden verleiten kann.

Adrast. Aber sie gehören nicht Ihnen.—

Theophan. Sorgen Sie nicht; ich tue, was ich verantworten kann.—Bestehet Ihr Verdacht noch? (Geht ab.)

Siebenter Auftritt

Adrast (sieht ihm einige Augenblicke nach). Was für ein Mann! Ich habe tausend aus seinem Stande gefunden, die unter der Larve der Heiligkeit betrogen; aber noch keinen, der es, wie dieser, unter der Larve der Großmut, getan hätte.—Entweder er sucht mich zu beschämen, oder zu gewinnen. Keines von beiden soll ihm gelingen. Ich habe mich, zu gutem Glücke, auf einen hiesigen Wechsler besonnen, mit dem ich, bei bessern Umständen, ehemals Verkehr hatte. Er wird hoffentlich glauben, daß ich mich noch in ebendenselben befinde, und wenn das ist, mir ohne Anstand die nötige Summe vorschießen. Ich will ihn aber deswegen nicht zum Bocke machen, über dessen Hörner ich aus dem Brunnen springe. Ich habe noch liegende Gründe, die ich mit Vorteil verkaufen kann, wenn mir nur Zeit gelassen wird. Ich muß ihn aufsuchen.—

Achter Auftritt

Henriette. Adrast.

Henriette. Wo stecken Sie denn, Adrast? Man hat schon zwanzigmal nach Ihnen gefragt. Oh! schämen Sie sich, daß ich Sie zu einer Zeit suchen muß, da Sie mich suchen sollten. Sie spielen den Ehemann zu zeitig. Doch getrost! vielleicht spielen Sie dafür den Verliebten alsdann, wann ihn andre nicht mehr spielen.

Adrast. Erlauben Sie, Mademoiselle; ich habe nur noch etwas Nötiges außer dem Hause zu besorgen.

Henriette. Was können Sie jetzt Nötigers zu tun haben, als um mich zu sein?

Adrast. Sie scherzen.

Henriette. Ich scherze?—Das war ein allerliebstes Kompliment!

Adrast. Ich mache nie welche.

Henriette. Was für ein mürrisches Gesicht!—Wissen Sie, daß wir uns über diese mürrischen Gesichter zanken werden, noch ehe uns die Trauung die Erlaubnis dazu erteilt?

Adrast. Wissen Sie, daß ein solcher Einfall in Ihrem Munde nicht eben der artigste ist?

Henriette. Vielleicht, weil Sie glauben, daß die leichtsinnigen Einfälle nur in Ihrem Munde wohl lassen? Unterdessen haben Sie doch wohl kein Privilegium darüber?

Adrast. Sie machen Ihre Dinge vortrefflich. Ein Frauenzimmer, das so fertig antworten kann, ist sehr viel wert.

Henriette. Das ist wahr; denn wir schwachen Werkzeuge wissen sonst den Mund am allerwenigsten zu gebrauchen.

Adrast. Wollte Gott!

Henriette. Ihr treuherziges Wollte Gott! bringt mich zum Lachen, so sehr ich auch böse sein wollte. Ich bin schon wieder gut, Adrast.

Adrast. Sie sehen noch einmal so reizend aus, wenn Sie böse sein wollen; denn es kömmt doch selten weiter damit, als bis zur Ernsthaftigkeit, und diese läßt Ihrem Gesichte um so viel schöner, je fremder sie in demselben ist. Eine beständige Munterkeit, ein immer anhaltendes Lächeln wird unschmackhaft.

Henriette (ernsthaft). Oh! mein guter Herr, wenn das Ihr Fall ist, ich will es Ihnen schmackhaft genug machen.

Adrast. Ich wollte wünschen,—denn noch habe ich Ihnen nichts vorzuschreiben,—

Henriette. Dieses Noch ist mein Glück. Aber was wollten Sie denn wünschen?

Adrast. Daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel Ihrer ältesten Mademoisell Schwester richten möchten. Ich verlange nicht, daß Sie ihre ganze sittsame Art an sich nehmen sollen; wer weiß, ob sie Ihnen so anstehen würde?—

Henriette. St! die Pfeife verrät das Holz, woraus sie geschnitten ist. Lassen Sie doch hören, ob meine dazu stimmt?

Adrast. Ich höre.

Henriette. Es ist recht gut, daß Sie auf das Kapitel von Exempeln gekommen sind. Ich habe Ihnen auch einen kleinen Vers daraus vorzupredigen.

Adrast. Was für eine Art sich auszudrücken!

Henriette. Hum! Sie denken, weil Sie nichts vom Predigen halten. Sie werden finden, daß ich eine Liebhaberin davon bin. Aber hören Sie nur:—(In seinem vorigen Tone.) Ich wollte wünschen,—denn noch habe ich Ihnen nichts vorzuschreiben,—

Adrast. Und werden es auch niemals haben.

Henriette. Ja so!—Streichen Sie also das weg.—Ich wollte wünschen, daß Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel des Herrn Theophans bilden möchten. Ich verlange nicht, daß Sie seine ganze gefällige Art an sich nehmen sollen, weil ich nichts Unmögliches verlangen mag; aber so etwas davon würde Sie um ein gut Teil erträglicher machen. Dieser Theophan, der nach weit strengern Grundsätzen lebt, als die Grundsätze eines gewissen Freigeistes sind, ist allezeit aufgeräumt und gesprächig. Seine Tugend, und noch sonst etwas, worüber Sie aber lachen werden, seine Frömmigkeit—Lachen Sie nicht?

Adrast. Lassen Sie sich nicht stören. Reden Sie nur weiter. Ich will unterdessen meinen Gang verrichten, und gleich wieder hier sein. (Geht ab.)

Henriette. Sie dürfen nicht eilen. Sie kommen, wann Sie kommen: Sie werden mich nie wieder so treffen.—Welche Grobheit! Soll ich mich wohl darüber erzürnen?—Ich will mich besinnen. (Geht auf der andern Seite ab.)

(Ende des dritten Aufzuges.)

Vierter Aufzug

Erster Auftritt

Juliane. Henriette. Lisette.

Henriette. Sage was du willst; sein Betragen ist nicht zu entschuldigen.

Juliane. Davon würde sich alsdann erst urteilen lassen, wann ich auch seine Gründe gehört hätte. Aber, meine liebe Henriette, willst du mir wohl eine kleine schwesterliche Ermahnung nicht übelnehmen?

Henriette. Das kann ich dir nicht voraus sagen. Wenn sie dahin abzielen sollte, wohin ich mir einbilde—

Juliane. Ja, wenn du mit deinen Einbildungen dazu kömmst—

Henriette. Oh! ich bin mit meinen Einbildungen recht wohl zufrieden. Ich kann ihnen nicht nachsagen, daß sie mich jemals sehr irregeführt hätten.

Juliane. Was meinst du damit?

Henriette. Muß man denn immer etwas meinen? Du weißt ja wohl,Henriette schwatzt gerne in den Tag hinein, und sie erstaunt allezeitselber, wenn sie von ohngefähr ein Pünktchen trifft, welches dasPünktchen ist, das man nicht gerne treffen lassen möchte.

Juliane. Nun höre einmal, Lisette!

Henriette. Ja, Lisette, laß uns doch hören, was das für eine schwesterliche Ermahnung ist, die sie mir erteilen will.

Juliane. Ich dir eine Ermahnung?

Henriette. Mich deucht, du sprachst davon.

Juliane. Ich würde sehr übel tun, wenn ich dir das geringste sagen wollte.

Henriette. Oh! ich bitte—

Juliane. Laß mich!

Henriette. Die Ermahnung, Schwesterchen!—

Juliane. Du verdienst sie nicht.

Henriette. So erteile sie mir ohne mein Verdienst.

Juliane. Du wirst mich böse machen.

Henriette. Und ich,—ich bin es schon. Aber denke nur nicht, daß iches über dich bin. Ich bin es über niemanden, als über den Adrast.Und was mich unversöhnlich gegen ihn macht, ist dieses, daß meineSchwester seinetwegen gegen mich ungerecht werden muß.

Juliane. Von welcher Schwester sprichst du?

Henriette. Von welcher?—von der, die ich gehabt habe.

Juliane. Habe ich dich jemals so empfindlich gesehen!—Du weißt es,Lisette, was ich gesagt habe.

Lisette. Ja, das weiß ich; und es war wirklich weiter nichts, als eine unschuldige Lobrede auf den Adrast, an der ich nur das auszusetzen hatte, daß sie Mamsell Henrietten eifersüchtig machen mußte.

Juliane. Eine Lobrede auf Adrasten?

Henriette. Mich eifersüchtig?

Lisette. Nicht so stürmisch!—So geht's den Leuten, die mit derWahrheit geradedurch wollen: sie machen es niemanden recht.

Henriette. Mich eifersüchtig? Auf Adrasten eifersüchtig? Ich werde, von heute an, den Himmel um nichts inbrünstiger anflehen, als um die Errettung aus den Händen dieses Mannes.

Juliane. Ich? eine Lobrede auf Adrasten? Ist das eine Lobrede, wenn ich sage, daß ein Mann einen Tag nicht wie den andern aufgeräumt sein kann? Wenn ich sage, daß Adrasten die Bitterkeit, worüber meine Schwester klagt, nicht natürlich ist und daß sie ein zugestoßener Verdruß bei ihm müsse erregt haben? Wenn ich sage, daß ein Mann, wie er, der sich mit finsteren Nachdenken vielleicht nur zu sehr beschäftiget—

Zweiter Auftritt

Adrast. Juliane. Henriette. Lisette.

Henriette. Als wenn Sie gerufen wären, Adrast! Sie verließen mich vorhin, unhöflich genug, mitten in der Erhebung des Theophans; aber das hindert mich nicht, daß ich Ihnen nicht die Wiederholung Ihrer eigenen anzuhören gönnen sollte.—Sie sehen sich um? Nach Ihrer Lobrednerin gewiß? Ich bin es nicht, wahrhaftig! ich bin es nicht; meine Schwester ist es. Eine Betschwester, die Lobrednerin eines Freigeistes! Was für ein Widerspruch! Entweder Ihre Bekehrung muß vor der Türe sein, Adrast, oder meiner Schwester Verführung.

Juliane. Wie ausgelassen sie wieder auf einmal ist.

Henriette. Stehen Sie doch nicht so hölzern da!

Adrast. Ich nehme Sie zum Zeugen, schönste Juliane, wie verächtlich sie mir begegnet.

Henriette. Komm nur, Lisette! wir wollen sie allein lassen. Adrast braucht ohne Zweifel unsere Gegenwart weder zu seiner Danksagung, noch zu meiner Verklagung.

Juliane. Lisette soll hierbleiben.

Henriette. Nein, sie soll nicht.

Lisette. Sie wissen wohl, ich gehöre heute Mamsell Henrietten.

Henriette. Aber bei dem allen sieh dich vor, Schwester! Wenn mir dein Theophan aufstößt, so sollst du sehen, was geschieht. Sie dürfen nicht denken, Adrast, daß ich dieses sage, um Sie eifersüchtig zu machen. Ich fühle es in der Tat, daß ich anfange, Sie zu hassen.

Adrast. Es möchte Ihnen auch schwerlich gelingen, mich eifersüchtig zu machen.

Henriette. Oh! das wäre vortrefflich, wenn Sie mir hierinne gleich wären. Alsdann, erst alsdann würde unsre Ehe eine recht glückliche Ehe werden. Freuen Sie sich, Adrast! wie verächtlich wollen wir einander begegnen!—Du willst antworten, Schwester? Nun ist es Zeit. Fort, Lisette!

Dritter Auftritt

Adrast. Juliane.

Juliane. Adrast, Sie werden Geduld mit ihr haben müssen.—Sie verdient es aber auch; denn sie hat das beste Herz von der Welt, so verdächtig es ihre Zunge zu machen sucht.

Adrast. Allzugütige Juliane! Sie hat das Glück, Ihre Schwester zu sein; aber wie schlecht macht sie sich dieses Glück zunutze? Ich entschuldige jedes Frauenzimmer, das ohne merkliche Fehler nicht hat aufwachsen können, weil es ohne Erziehung und Beispiele hat aufwachsen müssen; aber ein Frauenzimmer zu entschuldigen, das eine Juliane zum Muster gehabt hat, und eine Henriette geworden ist: bis dahin langt meine Höflichkeit nicht.—

Juliane. Sie sind aufgebracht, Adrast: wie könnten Sie billig sein?

Adrast. Ich weiß nicht, was ich jetzo bin; aber ich weiß, daß ich ausEmpfindung rede.—

Juliane. Die zu heftig ist, als daß sie lange anhalten sollte.

Adrast. So prophezeien Sie mir mein Unglück.

Juliane. Wie?—Sie vergessen, in was für Verbindung Sie mit meinerSchwester stehen?

Adrast. Ach! Juliane, warum muß ich Ihnen sagen, daß ich kein Herz für Ihre Schwester habe?

Juliane. Sie erschrecken mich.—

Adrast. Und ich habe Ihnen nur noch die kleinste Hälfte von dem gesagt, was ich Ihnen sagen muß.

Juliane. So erlauben Sie, daß ich mir die größre erspare. (Sie will fortgehen.)

Adrast. Wohin? Ich hätte Ihnen meine Veränderung entdeckt, und Sie wollten die Gründe, die mich dazu bewogen haben, nicht anhören? Sie wollten mich mit dem Verdachte verlassen, daß ich ein unbeständiger, leichtsinniger Flattergeist sei?

Juliane. Sie irren sich. Nicht ich; mein Vater, meine Schwester, haben allein auf Ihre Rechtfertigungen ein Recht.

Adrast. Allein? Ach!—

Juliane. Halten Sie mich nicht länger—

Adrast. Ich bitte nur um einen Augenblick. Der größte Verbrecher wird gehört—

Juliane. Von seinem Richter, Adrast; und ich bin Ihr Richter nicht.

Adrast. Aber ich beschwöre Sie, es jetzt sein zu wollen. Ihr Vater, schönste Juliane, und Ihre Schwester werden mich verdammen, und nicht richten. Ihnen allein traue ich die Billigkeit zu, die mich beruhigen kann.

Juliane (beiseite). Ich glaube, er beredet mich, ihn anzuhören.—Nun wohl! so sagen Sie denn, Adrast, was Sie wider meine Schwester so eingenommen hat?

Adrast. Sie selbst hat mich wider sich eingenommen. Sie ist zu wenig Frauenzimmer, als daß ich sie als Frauenzimmer lieben könnte. Wenn ihre Lineamente nicht ihr Geschlecht bestärkten, so würde man sie für einen verkleideten wilden Jüngling halten, der zu ungeschickt wäre, seine angenommene Rolle zu spielen. Was für ein Mundwerk! Und was muß es für ein Geist sein, der diesen Mund in Beschäftigung erhält! Sagen Sie nicht, daß vielleicht Mund und Geist bei ihr wenig oder keine Verbindung miteinander haben. Desto schlimmer. Diese Unordnung, da ein jedes von diesen zwei Stücken seinen eignen Weg hält, macht zwar die Vergehungen einer solchen Person weniger strafbar; allein sie vernichtet auch alles Gute, was diese Person noch etwa an sich haben kann. Wenn ihre beißenden Spöttereien, ihre nachteiligen Anmerkungen deswegen zu übersehen sind, weil sie es, wie man zu reden pflegt, nicht so böse meinet; ist man nicht berechtiget, aus eben diesem Grunde dasjenige, was sie Rühmliches und Verbindliches sagt, ebenfalls für leere Töne anzusehen, bei welchen sie es vielleicht nicht so gut meinet? Wie kann man eines Art zu denken beurteilen, wenn man sie nicht aus seiner Art zu reden beurteilen soll? Und wenn der Schluß von der Rede auf die Gesinnung in dem einen Falle nicht gelten soll, warum soll er in dem andern gelten? Sie spricht mit dürren Worten, daß sie mich zu hassen anfange; und ich soll glauben, daß sie mich noch liebe? So werde ich auch glauben müssen, daß sie mich hasse, wenn sie sagen wird, daß sie mich zu lieben anfange.

Juliane. Adrast, Sie betrachten ihre kleinen Neckereien zu strenge, und verwechseln Falschheit mit Übereilung. Sie kann der letztern des Tages hundertmal schuldig werden; und von der erstern doch immer entfernt bleiben. Sie müssen es aus ihren Taten, und nicht aus ihren Reden, erfahren lernen, daß sie im Grunde die freundschaftlichste und zärtlichste Seele hat.

Adrast. Ach! Juliane, die Reden sind die ersten Anfänge der Taten, ihre Elemente gleichsam. Wie kann man vermuten, daß diejenige vorsichtig und gut handeln werde, der es nicht einmal gewöhnlich ist, vorsichtig und gut zu reden? Ihre Zunge verschont nichts, auch dasjenige nicht, was ihr das Heiligste von der Welt sein sollte. Pflicht, Tugend, Anständigkeit, Religion: alles ist ihrem Spotte ausgesetzt.—

Juliane. Stille, Adrast! Sie sollten der letzte sein, der dieseAnmerkung machte.

Adrast. Wieso?

Juliane. Wieso?—Soll ich aufrichtig reden?

Adrast. Als ob Sie anders reden könnten.—

Juliane. Wie, wenn das ganze Betragen meiner Schwester, ihr Bestreben leichtsinniger zu scheinen, als sie ist, ihre Begierde Spöttereien zu sagen, sich nur von einer gewissen Zeit herschrieben? Wie, wenn diese gewisse Zeit die Zeit Ihres Hierseins wäre, Adrast?

Adrast. Was sagen Sie?

Juliane. Ich will nicht sagen, daß Sie ihr mit einem bösen Exempel vorgegangen wären. Allein wozu verleitet uns nicht die Begierde zu gefallen? Wenn Sie Ihre Gesinnungen auch noch weniger geäußert hätten: —und Sie haben sie oft deutlich genug geäußert.—so würde sie Henriette doch erraten haben. Und sobald sie dieselben erriet, so bald war der Schluß, sich durch die Annehmung gleicher Gesinnungen bei Ihnen beliebt zu machen, für ein lebhaftes Mädchen sehr natürlich. Wollen Sie wohl nun so grausam sein, und ihr dasjenige als ein Verbrechen anrechnen, wofür Sie ihr, als für eine Schmeichelei, danken sollten?

Adrast. Ich danke niemanden, der klein genug ist, meinetwegen seinenCharakter zu verlassen; und derjenige macht mir eine schlechteSchmeichelei, der mich für einen Toren hält, welchem nichts als seineArt gefalle, und der überall gern kleine Kopien und verjüngteAbschilderungen von sich selbst sehen möchte.

Juliane. Aber auf diese Art werden Sie wenig Proselyten machen.

Adrast. Was denken Sie von mir, schönste Juliane? Ich Proselyten machen? Rasendes Unternehmen! Wem habe ich meine Gedanken jemals anschwatzen oder aufdringen wollen? Es sollte mir leid tun, sie unter den Pöbel gebracht zu wissen. Wenn ich sie oft laut und mit einer gewissen Heftigkeit verteidiget habe, so ist es in der Absicht, mich zu rechtfertigen, nicht, andere zu überreden, geschehen. Wenn meine Meinungen zu gemein würden, so würde ich der erste sein, der sie verließe, und die gegenseitigen annähme.

Juliane. Sie suchen also nur das Sonderbare?

Adrast. Nein, nicht das Sonderbare, sondern bloß das Wahre; und ich kann nicht dafür, wenn jenes, leider! eine Folge von diesem ist. Es ist mir unmöglich zu glauben, daß die Wahrheit gemein sein könne; ebenso unmöglich, als zu glauben, daß in der ganzen Welt auf einmal Tag sein könne. Das, was unter der Gestalt der Wahrheit unter allen Völkern herumschleicht, und auch von den Blödsinnigsten angenommen wird, ist gewiß keine Wahrheit, und man darf nur getrost die Hand, sie zu entkleiden, anlegen, so wird man den scheußlichsten Irrtum nackend vor sich stehen sehen.

Juliane. Wie elend sind die Menschen, und wie ungerecht ihr Schöpfer, wenn Sie recht haben, Adrast! Es muß entweder gar keine Wahrheit sein, oder sie muß von der Beschaffenheit sein, daß sie von den meisten, ja von allen, wenigstens im Wesentlichsten, empfunden werden kann.

Adrast. Es liegt nicht an der Wahrheit, daß sie es nicht werden kann, sondern an den Menschen.—Wir sollen glücklich in der Welt leben; dazu sind wir erschaffen; dazu sind wir einzig und allein erschaffen. Sooft die Wahrheit diesem großen Endzwecke hinderlich ist, sooft ist man verbunden, sie beiseite zu setzen; denn nur wenig Geister können in der Wahrheit selbst ihr Glück finden. Man lasse daher dem Pöbel seine Irrtümer; man lasse sie ihm, weil sie ein Grund seines Glückes und die Stütze des Staates sind, in welchem er für sich Sicherheit, Überfluß und Freude findet. Ihm die Religion nehmen, heißt ein wildes Pferd auf der fetten Weide losbinden, das, sobald es sich frei fühlt, lieber in unfruchtbaren Wäldern herumschweifen und Mangel leiden, als durch einen gemächlichen Dienst alles, was es braucht, erwerben will.— Doch nicht für den Pöbel allein, auch noch für einen andern Teil des menschlichen Geschlechts muß man die Religion beibehalten. Für den schönsten Teil, meine ich, dem sie eine Art von Zierde, wie dort eine Art von Zaume ist. Das Religiöse stehet der weiblichen Bescheidenheit sehr wohl; es gibt der Schönheit ein gewisses edles, gesetztes und schmachtendes Ansehen—

Juliane. Halten Sie, Adrast! Sie erweisen meinem Geschlechte ebensowenig Ehre, als der Religion. Jenes setzen Sie mit dem Pöbel in eine Klasse, so fein auch Ihre Wendung war; und diese machen Sie aufs höchste zu einer Art von Schminke, die das Geräte auf unsern Nachttischen vermehren kann. Nein, Adrast! die Religion ist eine Zierde für alle Menschen; und muß ihre wesentlichste Zierde sein. Ach! Sie verkennen sie aus Stolze; aber aus einem falschen Stolze. Was kann unsre Seele mit erhabenern Begriffen füllen, als die Religion? Und worin kann die Schönheit der Seele anders bestehen, als in solchen Begriffen? in würdigen Begriffen von Gott, von uns, von unsern Pflichten, von unserer Bestimmung? Was kann unser Herz, diesen Sammelplatz verderbter und unruhiger Leidenschaften, mehr reinigen, mehr beruhigen, als eben diese Religion? Was kann uns im Elende mehr aufrichten, als sie? Was kann uns zu wahrern Menschen, zu bessern Bürgern, zu aufrichtigern Freunden machen, als sie?—Fast schäme ich mich, Adrast, mit Ihnen so ernstlich zu reden. Es ist der Ton ohne Zweifel nicht, der Ihnen an einem Frauenzimmer gefällt, ob Ihnen gleich der entgegengesetzte ebensowenig zu gefallen scheinet. Sie könnten alles dieses aus einem beredtern Munde, aus dem Munde des Theophans hören.

Vierter Auftritt

Henriette. Juliane. Adrast.

Henriette (bleibt an der Szene horchend stehen). St!

Adrast. Sagen Sie mir nichts vom Theophan. Ein Wort von Ihnen hat mehr Nachdruck, als ein stundenlanges Geplärre von ihm. Sie wundern sich? Kann es bei der Macht, die eine Person über mich haben muß, die ich einzig liebe, die ich anbete, anders sein?—Ja, die ich liebe.— Das Wort ist hin! es ist gesagt! Ich bin mein Geheimnis los, bei dessen Verschweigung ich mich ewig gequälet hätte, von dessen Entdeckung ich aber darum nichts mehr hoffe.—Sie entfärben sich?—

Juliane. Was habe ich gehört? Adrast!—

Adrast (indem er niederfällt). Lassen Sie mich es Ihnen auf den Knien zuschwören, daß Sie die Wahrheit gehört haben.—Ich liebe Sie, schönste Juliane, und werde Sie ewig lieben. Nun, nun liegt mein Herz klar und aufgedeckt vor Ihnen da. Umsonst wollte ich mich und andere bereden, daß meine Gleichgültigkeit gegen Henrietten die Wirkung an ihr bemerkter nachteiliger Eigenschaften sei; da sie doch nichts, als die Wirkung einer schon gebundenen Neigung war. Ach! die liebenswürdige Henriette hat vielleicht keinen andern Fehler, als diesen, daß sie eine noch liebenswürdigere Schwester hat.—

Henriette. Bravo! die Szene muß ich den Theophan unterbrechen lassen.—(Geht ab.)

Fünfter Auftritt

Juliane. Adrast.

Adrast (indem er gähling aufsteht). Wer sprach hier?

Juliane. Himmel! es war Henriettens Stimme.

Adrast. Ja, sie war es. Was für eine Neugierde! was für ein Vorwitz! Nein, nein! ich habe nichts zu widerrufen; sie hat alle die Fehler, die ich ihr beigelegt, und noch weit mehrere. Ich könnte sie nicht lieben, und wenn ich auch schon vollkommen frei, vollkommen gleichgültig gegen eine jede andere wäre.

Juliane. Was für Verdruß, Adrast, werden Sie mir zuziehen!

Adrast. Sorgen Sie nicht! Ich werde Ihnen allen diesen Verdruß durch meine plötzliche Entfernung zu ersparen wissen.

Juliane. Durch Ihre Entfernung?

Adrast. Ja, sie ist fest beschlossen. Meine Umstände sind von der Beschaffenheit, daß ich die Güte Lisidors mißbrauchen würde, wenn ich länger bliebe. Und über dieses will ich lieber meinen Abschied nehmen, als ihn bekommen.

Juliane. Sie überlegen nicht, was Sie sagen, Adrast. Von wem solltenSie ihn bekommen?

Adrast. Ich kenne die Väter, schönste Juliane, und kenne auch die Theophane. Erlauben Sie, daß ich mich nicht näher erklären darf. Ach! wenn ich mir schmeicheln könnte, daß Juliane—Ich sage nichts weiter. Ich will mir mit keiner Unmöglichkeit schmeicheln. Nein, Juliane kann den Adrast nicht lieben; sie muß ihn hassen.—

Juliane. Ich hasse niemanden, Adrast.—

Adrast. Sie hassen mich; denn hier ist Hassen eben das, wasNichtlieben ist. Sie lieben den Theophan.—Ha! hier kömmt er selbst.

Sechster Auftritt

Theophan. Adrast. Juliane.

Juliane (beiseite). Was wird er sagen? was werde ich antworten?

Adrast. Ich kann mir es einbilden, auf wessen Anstiften Sie herkommen. Aber was glaubt sie damit zu gewinnen? Mich zu verwirren? mich wieder an sich zu ziehen?—Wie wohl läßt es Ihnen, Theophan, und Ihrem ehrwürdigen Charakter, das Werkzeug einer weiblichen Eifersucht zu sein! Oder kommen Sie gar, mich zur Rede zu setzen? Ich werde Ihnen alles gestehen; ich werde noch stolz darauf sein.

Theophan. Wovon reden Sie, Adrast? Ich verstehe kein Wort.

Juliane. Erlauben Sie, daß ich mich entferne. Theophan, ich schmeichle mir, daß Sie einige Hochachtung für mich haben; Sie werden keine ungerechte Auslegungen machen, und wenigstens glauben, daß ich meine Pflicht kenne, und daß sie mir zu heilig ist, sie auch nur in Gedanken zu verletzen.

Theophan. Verziehen Sie doch.—Was sollen diese Reden? Ich versteheSie so wenig, als ich den Adrast verstanden habe.

Juliane. Es ist mir lieb, daß Sie aus einer unschuldigen Kleinigkeit nichts machen wollen. Aber lassen Sie mich—(Geht ab.)

Siebenter Auftritt

Adrast. Theophan.

Theophan. Ihre Geliebte, Adrast, schickte mich hierher: Ich würde hier nötig sein, sagte sie. Ich eile, und bekomme lauter Rätsel zu hören.

Adrast. Meine Geliebte?—Ei! wie fein haben Sie dieses angebracht!Gewiß, Sie konnten Ihre Vorwürfe nicht kürzer fassen.

Theophan. Meine Vorwürfe? Was habe ich Ihnen denn vorzuwerfen?'

Adrast. Wollen Sie etwa die Bestätigung aus meinem Munde hören?

Theophan. Sagen Sie mir nur, was Sie bestätigen wollen? Ich stehe ganz erstaunt hier.—

Adrast. Das geht zu weit. Welche kriechende Verstellung! Doch damit sie Ihnen endlich nicht zu sauer wird, so will ich Sie mit Gewalt zwingen, sie abzulegen.—Ja, es ist alles wahr, was Ihnen Henriette hinterbracht hat. Sie war niederträchtig genug, uns zu behorchen.— Ich liebe Julianen, und habe ihr meine Liebe gestanden.—

Theophan. Sie lieben Julianen?

Adrast (spöttisch). Und was das Schlimmste dabei ist, ohne denTheophan um Erlaubnis gebeten zu haben.

Theophan. Stellen Sie sich deswegen zufrieden. Sie haben nur eine sehr kleine Formalität übergangen.

Adrast. Ihre Gelassenheit, Theophan, ist hier nichts Besonders. Sie glauben Ihrer Sachen gewiß zu sein.—Und ach! wenn Sie es doch weniger wären! Wenn ich doch nur mit der geringsten Wahrscheinlichkeit hinzusetzen könnte, daß Juliane auch mich liebe. Was für eine Wollust sollte mir das Erschrecken sein, das sich in Ihrem Gesichte verraten würde! Was für ein Labsal für mich, wenn ich Sie seufzen hörte, wenn ich Sie zittern sähe! Wie würde ich mich freuen, wenn Sie Ihre ganze Wut an mir auslassen, und mich voller Verzweiflung, ich weiß nicht wohin, verwünschen müßten!

Theophan. So könnte Sie wohl kein Glück entzücken, wenn es nicht durch das Unglück eines andern gewürzt würde?—Ich bedaure den Adrast! Die Liebe muß alle ihre verderbliche Macht an ihm verschwendet haben, weil er so unanständig reden kann.

Adrast. Wohl! an dieser Miene, an dieser Wendung erinnere ich mich, was ich bin. Es ist wahr, ich bin Ihr Schuldner, Theophan: und gegen seine Schuldner hat man das Recht, immer ein wenig groß zu tun;—doch Geduld! ich hoffe es nicht lange mehr zu sein. Es hat sich noch ein ehrlicher Mann gefunden, der mich aus dieser Verlegenheit reißen will. Ich weiß nicht, wo er bleibt. Seinem Versprechen gemäß, hätte er bereits mit dem Gelde hier sein sollen. Ich werde wohltun, wenn ich ihn hole.

Theophan. Aber noch ein Wort, Adrast. Ich will Ihnen mein ganzesHerz entdecken.—

Adrast. Diese Entdeckung würde mich nicht sehr belustigen. Ich gehe, und bald werde ich Ihnen mit einem kühnern Gesichte unter die Augen treten können. (Geht ab.)

Theophan (allein). Unbiegsamer Geist! Fast verzweifle ich an meinem Unternehmen. Alles ist bei ihm umsonst. Aber was würde er gesagt haben, wenn er mir Zeit gelassen hätte, ihn für sein Geständnis, mit einem andern ähnlichen Geständnisse zu bezahlen?—Sie kömmt.

Achter Auftritt

Henriette. Lisette. Theophan.

Henriette. Nun? Theophan, habe ich Sie nicht zu einem artigenAnblicke verholfen?

Theophan. Sie sind leichtfertig, schöne Henriette. Aber was meinen Sie für einen Anblick? Kaum daß ich die Hauptsache mit Mühe und Not begriffen habe.

Henriette. O schade!—Sie kamen also zu langsam? und Adrast lag nicht mehr vor meiner Schwester auf den Knien?

Theophan. So hat er vor ihr auf den Knien gelegen?

Lisette. Leider für Sie alle beide!

Henriette. Und meine Schwester stand da,—ich kann es Ihnen nicht beschreiben,—stand da, fast, als wenn sie ihn in dieser unbequemen Stellung gerne gesehen hätte. Sie dauern mich, Theophan!—

Theophan. Soll ich Sie auch bedauren, mitleidiges Kind?

Henriette. Mich bedauren? Sie sollen mir Glück wünschen.

Lisette. Aber nein; so etwas schreit um Rache!

Theophan. Und wie meint Lisette denn, daß man sich rächen könne?

Lisette. Sie wollen sich also doch rächen?

Theophan. Vielleicht.

Lisette. Und Sie sich auch, Mamsell?

Henriette. Vielleicht.

Lisette. Gut! das sind zwei Vielleicht, womit sich etwas anfangen läßt.

Theophan. Aber es ist noch sehr ungewiß, ob Juliane den Adrast wiederliebt; und wenn dieses nicht ist, so würde ich zu zeitig auf Rache denken.

Lisette. Oh! die christliche Seele! Nun überlegt sie erst, daß man sich nicht rächen soll.

Theophan. Nicht so spöttisch, Lisette! Es würde hier von einer sehr unschuldigen Rache die Rede sein.

Henriette. Das meine ich auch; von einer sehr unschuldigen.

Lisette. Wer leugnet das? von einer so unschuldigen, daß man sichmit gutem Gewissen darüber beratschlagen kann. Hören Sie nur! IhreRache, Herr Theophan, wäre eine männliche Rache, nicht wahr? und IhreRache, Mamsell Henriette, wäre eine weibliche Rache: eine männlicheRache—nun, und eine weibliche Rache—Ja! wie bringe ich wohl dasDing recht gescheut herum?

Henriette. Du bist eine Närrin mitsamt deinen Geschlechtern.

Lisette. Helfen Sie mir doch ein wenig, Herr Theophan.—Was meinen Sie dazu? Wenn zwei Personen einerlei Weg gehen müssen, nicht wahr? so ist es gut, daß diese zwei Personen einander Gesellschaft leisten?

Theophan. Jawohl; aber vorausgesetzt, daß diese zwei Personen einander leiden können.

Henriette. Das war der Punkt!

Lisette (beiseite). Will denn keines anbeißen? Ich muß einen andernZipfel fassen.—Es ist schon wahr, was Herr Theophan vorhin sagte, daßes nämlich noch sehr ungewiß sei, ob Mamsell Juliane den Adrast liebe.Ich setze sogar hinzu. Es ist noch sehr ungewiß, ob Herr AdrastMamsell Julianen wirklich liebt.

Henriette. O schweig, du unglückliche Zweiflerin. Es soll nun aber gewiß sein!

Lisette. Die Mannspersonen bekommen dann und wann gewisse Anfälle von einer gewissen wetterwendischen Krankheit, die aus einer gewissen Überladung des Herzens entspringt.

Henriette. Aus einer Überladung des Herzens? Schön gegeben!

Lisette. Ich will Ihnen gleich sagen, was das heißt. So wie Leute, die sich den Magen überladen haben, nicht eigentlich mehr wissen, was ihnen schmeckt, und was ihnen nicht schmeckt: so geht es auch den Leuten, die sich das Herz überladen haben. Sie wissen selbst nicht mehr, auf welche Seite das überladene Herz hinhängt, und da trifft es sich denn wohl, daß kleine Irrungen in der Person daraus entstehen.— Habe ich nicht recht, Herr Theophan?

Theophan. Ich will es überlegen.

Lisette. Sie sind freilich eine weit bessere Art von Mannspersonen, und ich halte Sie für allzu vorsichtig, als daß Sie Ihr Herz so überladen sollten.—Aber wissen Sie wohl, was ich für einen Einfall habe, wie wir gleichwohl hinter die Wahrheit mit dem Herrn Adrast und der Mamsell Juliane kommen wollen?

Theophan. Nun?

Henriette. Du würdest mich neugierig machen, wenn ich nicht schon hinter der Wahrheit wäre.—

Lisette. Wie? wenn wir einen gewissen blinden Lärm machten?

Henriette. Was ist das wieder?

Lisette. Ein blinder Lärm ist ein Lärm wohinter nichts ist; der aber doch die Gabe hat, den Feind—zu einer gewissen Aufmerksamkeit zu bringen.—Zum Exempel: Um zu erfahren, ob Mamsell Juliane den Adrast liebe, müßte sich Herr Theophan in jemand anders verliebt stellen; und um zu erfahren, ob Adrast Mamsell Julianen liebe, müßten Sie sich in jemand anders verliebt stellen. Und da es nun nicht lassen würde, wenn sich Herr Theophan in mich verliebt stellte, noch viel weniger, wenn Sie sich in seinen Martin verliebt stellen wollten: so wäre, kurz und gut, mein Rat, Sie stellten sich beide ineinander verliebt.—Ich rede nur von Stellen; merken Sie wohl, was ich sage! nur von Stellen; denn sonst könnte der blinde Lärm auf einmal Augen kriegen.—Nun sagen Sie mir beide, ist der Anschlag nicht gut?

Theophan (beiseite). Wo ich nicht gehe, so wird sie noch machen, daß ich mich werde erklären müssen.—Der Anschlag ist so schlimm nicht; aber—

Lisette. Sie sollen sich ja nur stellen.—

Theophan. Das Stellen eben ist es, was mir dabei nicht gefällt.

Lisette. Und Sie, Mamsell?

Henriette. Ich bin auch keine Liebhaberin vom Stellen.

Lisette. Besorgen Sie beide etwa, daß Sie es zu natürlich machen möchten?—Was stehen Sie so auf dem Sprunge, Herr Theophan? Was stehen Sie so in Gedanken, Mamsell?

Henriette. Oh! geh; es wäre in meinem Leben das erstemal.

Theophan. Ich muß mich auf einige Augenblicke beurlauben, schönsteHenriette.—

Lisette. Es ist nicht nötig. Sie sollen mir wahrhaftig nicht nachsagen, daß ich Sie weggeplaudert habe. Kommen Sie, Mamsell!—

Henriette. Es ist auch wahr, dein Plaudern ist manchmal recht ärgerlich. Komm!—Theophan, soll ich sagen, daß Sie nicht lange weg sein werden?

Theophan. Wenn ich bitten darf.—

(Henriette und Lisette geben auf der einen Seite ab. Indem Theophan auf der andern abgeben will, begegnet ihm der Wechsler.)

Neunter Auftritt

Theophan. Der Wechsler.

Der Wechsler. Sie werden verzeihen, mein Herr. Ich möchte nur einWort mit dem Herrn Adrast sprechen.

Theophan. Eben jetzt ist er ausgegangen. Wollen Sie mir es auftragen?—

Der Wechsler. Wenn ich so frei sein darf.—Er hat eine Summe Geldes bei mir aufnehmen wollen, die ich ihm auch anfangs versprach. Ich habe aber nunmehr Bedenklichkeiten gefunden, und ich komme, es ihm wieder abzusagen: das ist es alles.

Theophan. Bedenklichkeiten, mein Herr? Was für Bedenklichkeiten? doch wohl keine von seiten des Adrast?

Der Wechsler. Warum nicht?

Theophan. Ist er kein Mann von Kredit?

Der Wechsler. Kredit, mein Herr, Sie werden wissen, was das ist. Man kann heute Kredit haben, ohne gewiß zu sein, daß man ihn morgen haben wird. Ich habe seine jetzigen Umstände erfahren.—

Theophan (beiseite). Ich muß mein möglichstes tun, daß diese nicht auskommen.—Sie müssen die falschen erfahren haben.—Kennen Sie mich, mein Herr?—

Der Wechsler. Von Person nicht; vielleicht, wenn ich Ihren Namen hören sollte.—

Theophan. Theophan.

Der Wechsler. Ein Name, von dem ich allezeit das Beste gehört habe.

Theophan. Wenn Sie dem Herrn Adrast die verlangte Summe nicht auf seine Unterschrift geben wollen, wollen Sie es wohl auf die meinige tun?

Der Wechsler. Mit Vergnügen.

Theophan. Haben Sie also die Güte, mich auf meine Stube zu begleiten. Ich will Ihnen die nötigen Versicherungen ausstellen; wobei es bloß darauf ankommen wird, diese Bürgschaft vor dem Adrast selbst geheim zu halten.

Der Wechsler. Vor ihm selbst?

Theophan. Allerdings; um ihm den Verdruß über Ihr Mißtrauen zu ersparen.—

Der Wechsler. Sie müssen ein großmütiger Freund sein.

Theophan. Lassen Sie uns nicht länger verziehen.

(Gehen ab.)

(Ende des vierten Aufzuges.)

Fünfter Aufzug

Erster Auftritt

Der Wechsler, von der einen Seite, und von der andern Adrast.

Adrast (vor sich). Ich habe meinen Mann nicht finden können.—

Der Wechsler (vor sich). So lasse ich es mir gefallen.—

Adrast. Aber sieh da!—Ei! mein Herr, finde ich Sie hier? So sind wir ohne Zweifel einander fehlgegangen?

Der Wechsler. Es ist mir lieb, mein Herr Adrast, daß ich Sie noch treffe.

Adrast. Ich habe Sie in Ihrer Wohnung gesucht. Die Sache leidet keinen Aufschub. Ich kann mich doch noch auf Sie verlassen?

Der Wechsler. Nunmehr, ja.

Adrast. Nunmehr? Was wollen Sie damit?

Der Wechsler. Nichts. Ja, Sie können sich auf mich verlassen.

Adrast. Ich will nicht hoffen, daß Sie einiges Mißtrauen gegen mich haben?

Der Wechsler. Im geringsten nicht.

Adrast. Oder, daß man Ihnen einiges beizubringen gesucht hat?

Der Wechsler. Noch viel weniger.

Adrast. Wir haben bereits miteinander zu tun gehabt, und Sie sollen mich auch künftig als einen ehrlichen Mann finden.

Der Wechsler. Ich bin ohne Sorgen.

Adrast. Es liegt meiner Ehre daran, diejenigen zuschanden zu machen, die boshaft genug sind, meinen Kredit zu schmälern.

Der Wechsler. Ich finde, daß man das Gegenteil tut.

Adrast. Oh! sagen Sie das nicht. Ich weiß wohl, daß ich meineFeinde habe—

Der Wechsler. Sie haben aber auch Ihre Freunde.—

Adrast. Aufs höchste dem Namen nach. Ich würde auszulachen sein, wenn ich auf sie rechnen wollte.—Und glauben Sie, mein Herr, daß es mir nicht einmal lieb ist, daß Sie, in meiner Abwesenheit, hier in diesem Hause gewesen sind?

Der Wechsler. Und es muß Ihnen doch lieb sein.

Adrast. Es ist zwar das Haus, zu welchem ich mir nichts als Gutes versehen sollte; aber eine gewisse Person darin, mein Herr, eine gewisse Person—Ich weiß, ich würde es empfunden haben, wenn Sie mit derselben gesprochen hätten.

Der Wechsler. Ich habe eigentlich mit niemanden gesprochen; diejenige Person aber, bei welcher ich mich nach Ihnen erkundigte, hat die größte Ergebenheit gegen Sie bezeugt.

Adrast. Ich kann es Ihnen wohl sagen, wer die Person ist, vor deren übeln Nachrede ich mich einigermaßen fürchte. Es wird sogar gut sein, wenn Sie es wissen, damit Sie, wenn Ihnen nachteilige Dinge von mir zu Ohren kommen sollten, den Urheber kennen.

Der Wechsler. Ich werde nicht nötig haben, darauf zu hören.

Adrast. Aber doch—Mit einem Worte, es ist Theophan.

Der Wechsler (erstaunt). Theophan?

Adrast. Ja, Theophan. Er ist mein Feind—

Der Wechsler. Theophan Ihr Feind?

Adrast. Sie erstaunen?

Der Wechsler. Nicht ohne die größte Ursache.—

Adrast. Ohne Zweifel weil Sie glauben, daß ein Mann von seinem Stande nicht anders, als großmütig und edel sein könne?—

Der Wechsler. Mein Herr—

Adrast. Er ist der gefährlichste Heuchler, den ich unter seinesgleichen noch jemals gefunden habe.

Der Wechsler. Mein Herr—

Adrast. Er weiß, daß ich ihn kenne, und gibt sich daher alle Mühe, mich zu untergraben.—

Der Wechsler. Ich bitte Sie—

Adrast. Wenn Sie etwa eine gute Meinung von ihm haben, so irren Sie sich sehr. Vielleicht zwar, daß Sie ihn nur von der Seite seines Vermögens kennen; und wider dieses habe ich nichts: er ist reich; aber eben sein Reichtum schafft ihm Gelegenheit, auf die allerfeinste Art schaden zu können.

Der Wechsler. Was sagen Sie?

Adrast. Er wendet unbeschreibliche Ränke an, mich aus diesem Hause zu bringen; Ränke, denen er ein so unschuldiges Ansehen geben kann, daß ich selbst darüber erstaune.

Der Wechsler. Das ist zu arg! Länger kann ich durchaus nicht schweigen. Mein Herr, Sie hintergehen sich auf die erstaunlichste Art. —

Adrast. Ich mich?

Der Wechsler. Theophan kann das unmöglich sein, wofür Sie ihn ausgeben. Hören Sie alles! Ich kam hierher, mein Ihnen gegebenes Wort wieder zurückezunehmen. Ich hatte von sicherer Hand, nicht vom Theophan, Umstände von Ihnen erfahren, die mich dazu nötigten. Ich fand ihn hier, und ich glaubte, es ihm ohne Schwierigkeit sagen zu dürfen—

Adrast. Dem Theophan? Wie wird sich der Niederträchtige gekitzelt haben!

Der Wechsler. Gekitzelt? Er hat auf das nachdrücklichste für Sie gesprochen. Und kurz, wenn ich Ihnen mein erstes Versprechen halte, so geschieht es bloß in Betrachtung seiner.

Adrast. In Betrachtung seiner?—Wo bin ich?

Der Wechsler. Er hat mir schriftliche Versicherungen gegeben, die ich als eine Bürgschaft für Sie ansehen kann. Zwar hat er mir es zugleich verboten, jemanden das geringste davon zu sagen: allein ich konnte es unmöglich anhören, daß ein rechtschaffener Mann so unschuldig verlästert würde. Sie können die verlangte Summe bei mir abholen lassen, wann es Ihnen beliebt. Nur werden Sie mir den Gefallen tun und sich nichts gegen ihn merken lassen. Er bezeugte bei dem ganzen Handel so viel Aufrichtigkeit und Freundschaft für Sie, daß er ein Unmensch sein müßte, wenn er die Verstellung bis dahin treiben könnte.- -Leben Sie wohl! (Geht ab.)


Back to IndexNext