Das dreizehnte Kapitel.

[pg 222]Das dreizehnte Kapitel.Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte.[pg 223]Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.[pg 224]So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute,[pg 225]schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder fehlte, sie wegzugeben.Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte[pg 226]sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor sich hinsang.Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand,[pg 227]dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend,[pg 228]zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die[pg 229]Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.Er sprach: „Führt mich zu ihm!“Martha führte ihn in den Verschlag. Alle drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er hiess sie die Thüre schliessen.So schloss sie die Thür. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters.Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. „Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“[pg 230]Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? Warum sollte es ganz unmöglich sein?“Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.„Er ist nicht todt,“ sagte er.„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, sang sie, von der Spreu im Winde:„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde.„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.[pg 231]„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der Nacht verschwindet.„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und nun ist er gestorben.“„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“„Niemals,“ sagte der Fremde.„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus[pg 232]ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen sich und kreisten.„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“„Und blind. Sie sehen nicht.“„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest[pg 233]Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“„Deine Mutter weint.“„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“„Man könnte sie wieder einpflanzen.“„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“„Die draussen verstehen es nicht.“[pg 234]„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“„Und unglücklich.“„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich.Gegendie Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! –Erschwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht.[pg 235]Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es[pg 236]ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie[pg 237]wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.[pg 238]Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jung[pg 239]frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine[pg 240]so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.[pg 241]So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche[pg 242]noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich[pg 243]hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, die griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam käme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem Golde von diesem untadeligen Jüngling zu edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist allen Völkern gemeinsam. – Vom Jungfrauen[pg 244]sohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verführung.Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das höhere Element ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder[pg 245]einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkörnigen Weizens.Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig.Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt für sich allein mit dem stummen Diener.Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: „Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam ist gekommen.“So gross aber war das Licht ihrer Schönheit diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel seiner Geburt.[pg 246]So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und übergrosse Herrlichkeit.Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen[pg 247]fürmich und sie. Ich bin gekommen, heut’ Hochzeit hier zu halten.“Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach,[pg 248]der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und[pg 249]Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor[pg 250]zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines[pg 251]Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.[pg 252]Und öffnete die Thüre weit und neigte sich bis zur Erde und berührte den Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am Tisch.Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an.Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen allezeit.“Er sprach: „Kennst Du mich?“Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“[pg 253]Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich lieben?“Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende Faulheit des Sumpfes.“Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes Feuer.“Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht[pg 254]sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und zärtlichsten Liebesworten.Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott denen, die Dich priesen.“[pg 255]Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und eines grössten Königs Geehrte.“Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer istwieihr Leben, sie es zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir heische.“[pg 256]Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze,[pg 257]den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.[pg 258]Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere[pg 259]Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.[pg 260]Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.

[pg 222]Das dreizehnte Kapitel.Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte.[pg 223]Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.[pg 224]So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute,[pg 225]schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder fehlte, sie wegzugeben.Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte[pg 226]sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor sich hinsang.Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand,[pg 227]dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend,[pg 228]zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die[pg 229]Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.Er sprach: „Führt mich zu ihm!“Martha führte ihn in den Verschlag. Alle drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er hiess sie die Thüre schliessen.So schloss sie die Thür. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters.Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. „Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“[pg 230]Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? Warum sollte es ganz unmöglich sein?“Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.„Er ist nicht todt,“ sagte er.„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, sang sie, von der Spreu im Winde:„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde.„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.[pg 231]„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der Nacht verschwindet.„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und nun ist er gestorben.“„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“„Niemals,“ sagte der Fremde.„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus[pg 232]ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen sich und kreisten.„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“„Und blind. Sie sehen nicht.“„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest[pg 233]Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“„Deine Mutter weint.“„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“„Man könnte sie wieder einpflanzen.“„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“„Die draussen verstehen es nicht.“[pg 234]„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“„Und unglücklich.“„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich.Gegendie Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! –Erschwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht.[pg 235]Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es[pg 236]ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie[pg 237]wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.[pg 238]Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jung[pg 239]frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine[pg 240]so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.[pg 241]So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche[pg 242]noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich[pg 243]hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, die griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam käme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem Golde von diesem untadeligen Jüngling zu edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist allen Völkern gemeinsam. – Vom Jungfrauen[pg 244]sohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verführung.Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das höhere Element ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder[pg 245]einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkörnigen Weizens.Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig.Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt für sich allein mit dem stummen Diener.Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: „Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam ist gekommen.“So gross aber war das Licht ihrer Schönheit diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel seiner Geburt.[pg 246]So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und übergrosse Herrlichkeit.Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen[pg 247]fürmich und sie. Ich bin gekommen, heut’ Hochzeit hier zu halten.“Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach,[pg 248]der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und[pg 249]Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor[pg 250]zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines[pg 251]Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.[pg 252]Und öffnete die Thüre weit und neigte sich bis zur Erde und berührte den Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am Tisch.Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an.Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen allezeit.“Er sprach: „Kennst Du mich?“Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“[pg 253]Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich lieben?“Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende Faulheit des Sumpfes.“Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes Feuer.“Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht[pg 254]sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und zärtlichsten Liebesworten.Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott denen, die Dich priesen.“[pg 255]Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und eines grössten Königs Geehrte.“Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer istwieihr Leben, sie es zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir heische.“[pg 256]Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze,[pg 257]den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.[pg 258]Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere[pg 259]Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.[pg 260]Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.

[pg 222]Das dreizehnte Kapitel.Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte.[pg 223]Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.[pg 224]So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute,[pg 225]schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder fehlte, sie wegzugeben.Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte[pg 226]sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor sich hinsang.Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand,[pg 227]dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend,[pg 228]zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die[pg 229]Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.Er sprach: „Führt mich zu ihm!“Martha führte ihn in den Verschlag. Alle drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er hiess sie die Thüre schliessen.So schloss sie die Thür. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters.Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. „Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“[pg 230]Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? Warum sollte es ganz unmöglich sein?“Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.„Er ist nicht todt,“ sagte er.„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, sang sie, von der Spreu im Winde:„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde.„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.[pg 231]„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der Nacht verschwindet.„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und nun ist er gestorben.“„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“„Niemals,“ sagte der Fremde.„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus[pg 232]ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen sich und kreisten.„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“„Und blind. Sie sehen nicht.“„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest[pg 233]Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“„Deine Mutter weint.“„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“„Man könnte sie wieder einpflanzen.“„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“„Die draussen verstehen es nicht.“[pg 234]„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“„Und unglücklich.“„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich.Gegendie Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! –Erschwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht.[pg 235]Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es[pg 236]ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie[pg 237]wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.[pg 238]Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jung[pg 239]frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine[pg 240]so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.[pg 241]So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche[pg 242]noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich[pg 243]hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, die griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam käme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem Golde von diesem untadeligen Jüngling zu edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist allen Völkern gemeinsam. – Vom Jungfrauen[pg 244]sohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verführung.Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das höhere Element ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder[pg 245]einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkörnigen Weizens.Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig.Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt für sich allein mit dem stummen Diener.Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: „Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam ist gekommen.“So gross aber war das Licht ihrer Schönheit diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel seiner Geburt.[pg 246]So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und übergrosse Herrlichkeit.Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen[pg 247]fürmich und sie. Ich bin gekommen, heut’ Hochzeit hier zu halten.“Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach,[pg 248]der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und[pg 249]Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor[pg 250]zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines[pg 251]Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.[pg 252]Und öffnete die Thüre weit und neigte sich bis zur Erde und berührte den Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am Tisch.Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an.Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen allezeit.“Er sprach: „Kennst Du mich?“Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“[pg 253]Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich lieben?“Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende Faulheit des Sumpfes.“Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes Feuer.“Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht[pg 254]sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und zärtlichsten Liebesworten.Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott denen, die Dich priesen.“[pg 255]Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und eines grössten Königs Geehrte.“Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer istwieihr Leben, sie es zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir heische.“[pg 256]Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze,[pg 257]den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.[pg 258]Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere[pg 259]Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.[pg 260]Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.

Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: „Dein Freund ist todt. Er hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden ihn begraben und unter die Erde senken müssen. Die Würmer werden ihn zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass von ihm nichts übrig bleibt. Pilze und lange Gräser werden wachsen aus seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden kriechen in der Höhle seines Mundes, der lieblich tönte von holdseliger Rede, weil er lebte.[pg 223]Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses Unglück ist es für Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt.“

Dies Alles hörte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging sehr eilig, dass er den Todten noch sähe auf seiner Bahre, die Hand auf sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.

Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und halfen ihr ihre Thränen trocknen. Während sie laut die Tugenden des Todten rühmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und Zuverlässigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Hälfte seines Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem Häuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.

So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage und Nächte nicht abgenommen, während er krank lag. Ihre Augen waren geröthet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jämmerlich und hülflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich nicht trösten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie hatte nur diesen und würde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Töchter konnten in die Ferne ziehen als Mägde. Manchmal würden ihr die Nachbarn eine Unterstützung bringen als einer Bettlerin und Ueberlästigen. Sie würde an der Thür stehen, wo sie früher als Herrin gewaltet, ärmlich sitzen, wo sie im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.

Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getränke, Wecken und Kuchen für die Leidtragenden, während die Männer Bier aus Krügen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tüchtig darin. Ihre Wecken und Kuchen waren berühmt im Dorfe. Das Bier, das sie selbst braute,[pg 225]schmeckte kräftig und süss, wie irgend ein gekauftes. Alle assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Führung des Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, füllte die Tassen und Krüge, schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schläge auf ihre kleinen Röckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr tüchtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich vornahm, sie als Haushälterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder fehlte, sie wegzugeben.

Maria aber, die andre Schwester, sass zu Häupten des Todten in dem kleinen Verschlag nebenan. Sie hatte einen blühenden Kirschenzweig abgebrochen und wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte[pg 226]sie sie sacht hinweg mit ihrem blühenden Zweig, ohne sie zu tödten, dass sie aufflog und summend gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflückt, ganze Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf einem lichten Frühlingsanger lag der Todte, weil er jung war, wohlgewachsen und schön vor andern Jünglingen.

Martha schalt über das unnöthige Heu, das die Kühe fressen könnten. Sie fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der Bedienung der Gäste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, während sie vor sich hinsang.

Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr Vorwürfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Vögel schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz genommen und heimlich zurückgetragen in’s Wasser. Martha hatte gezankt, ihre Hand geschlagen. Sie fand,[pg 227]dass sie unnütz war und träge in der Arbeit. Obgleich sie sehr schön war, höchst lieblich anzusehen, fragte sie nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen wären, unter ihren Fenstern von Liebe zu schwätzen, auch wohl ihre Armuth übersehen hätten um ihrer grossen Schönheit willen. Ihre Schönheit war wie die einer Königin, nicht eines Bauernmädchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, liefen die Kinder ihr nach, die Kühe kamen mit breiten, weissen Stirnen, sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, dass in ihrer Hand Heilkraft wäre, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, schlugen an und blühten. Ihre Lieder schläferten ein trotziges Kind ein. Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde einfach, Lilien auf dem Felde, die blühen in ihrer stillen Pracht, und kleine Vöglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.

Sie sass und störte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war gar nicht traurig. Ihr schönes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine Herdröthe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, scheltend,[pg 228]zählend, weinend wieder zwischendurch über den Bruder, der fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei Zeiten. Er hätte ihm ein Heilmittel geben können, wenigstens doch Trost spenden an seinem Bett, eine Hülfe sein den geplagten Frauen.

Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begräbnisses war nahe. Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hörte das Klagen der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzählten, die Kinder spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Ställen brüllte das Vieh, das man vergessen hatte über dem Trubel, vor seinen Krippen.

Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stürzte sich sofort auf ihn und erzählte die näheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und drängten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun würde. Einige dachten auch, er hätte ihm helfen können: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten konnte, den er lieb hatte? Die[pg 229]Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt ist die Gelegenheit für ihn. Wir müssen sehen, was er thut. Sie waren ganz bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natürlich nicht zugaben, dass so etwas möglich wäre. Es war eine Aufregung in der ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.

Er sprach: „Führt mich zu ihm!“

Martha führte ihn in den Verschlag. Alle drängten nach durch die niedrige Thür. Aber er hiess sie die Thüre schliessen.

So schloss sie die Thür. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres hülflosen Alters.

Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhänge fortzuziehen: „Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er gestorben ist.“ Sie beschrieb sie genau. „Nun ist es zu spät. Wenn Du bei Zeiten gekommen wärst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht zu spät? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben über Kunst der gewöhnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!“

Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: „Wenn es doch möglich wäre? Warum sollte es ganz unmöglich sein?“

Er sprach: „Lass mich allein mit ihm.“

So ging sie hinaus und schloss die Thür hinter sich.

Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem blühenden Zweig. Denn sie hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Fäulniss war mit im Zimmer zwischen dem frischen, kühlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.

Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.

„Er ist nicht todt,“ sagte er.

„Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schläft blos,“ sagte Maria. Sie fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, sang sie, von der Spreu im Winde:

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde.

„Wenn der Wind darüber geht, ist sie nimmer da und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

„Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.

„Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.

„Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein Gesicht in der Nacht verschwindet.

„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“

Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.

„Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt,“ sagte der Fremde. „Er wurde nur geboren und nun ist er gestorben.“

„Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat,“ sagte Maria. „Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben.“

„Niemals,“ sagte der Fremde.

„Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt,“ sagte Maria. „Vielleicht ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und der Wind führt es fort. Oder Gräser wachsen aus[pg 232]ihm, die blühen und Samen tragen.“ Sie lächelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die Stube. Hunderte von glitzernden Stäubchen tanzten und webten. Sie stiessen sich und kreisten.

„Vielleicht,“ sagte der Fremde. „Nur er ist nicht todt.“

„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“

„Und blind. Sie sehen nicht.“

„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“

Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“

– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest[pg 233]Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“

Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“

„Deine Mutter weint.“

„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“

„Man könnte sie wieder einpflanzen.“

„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“

„Die draussen verstehen es nicht.“

„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“

„Und unglücklich.“

„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich.Gegendie Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! –Erschwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“

Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.

„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“

Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht.[pg 235]Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“

So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.

Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“

Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es[pg 236]ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“

Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“

Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.

Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.

Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“

Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie[pg 237]wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.

Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.

Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.

So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.

Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.

Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jung[pg 239]frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.

Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.

Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine[pg 240]so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.

Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.

Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.

So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.

Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.

Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“

Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche[pg 242]noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.

Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.

Dieses nahm sie, legte es an und gürtete sich[pg 243]hoch unter den Brüsten mit goldnem Gürtel. Edel war das Gold dieses Gürtels, aus einem Stücke geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein ritterlicher Jüngling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Gürtel geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die Hände gaben. Und waren Diana, die Göttin, Jephta’s liebliche Tochter, die griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Römerin Clölia in derselben Linie mit den Märtyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als ob von da der Bräutigam käme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, von den ältesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fürstin, aus jungfräulichem Golde von diesem untadeligen Jüngling zu edelstem Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur lächelte, sagte: „Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese führt auf dem geradesten Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel Schwester. Diese Verehrung ist allen Völkern gemeinsam. – Vom Jungfrauen[pg 244]sohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am nächsten im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwählt aus Zion.“ So sprach dieser edle Jüngling, erstaunte Alle und Niemand vermochte ihm zu antworten. – Das Schloss aber des Gürtels stellte die Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit züngelnden Häuptern. War also in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erlösung verwoben, wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verführung.

Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das höhere Element ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie trägt, und wo ein Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie trübe und schrumpfen ein wie die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Füsse und strählte ihr Haar und flocht ihre Zöpfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, jeder[pg 245]einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie zusammenfielen, war keine Mähne der rothen Löwin so voll. Sie wogen schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkörnigen Weizens.

Ihre Brauen waren wie Bögen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer Nase mit athmenden Nüstern war Stärke und Feuer. Der Hauch von ihren Lippen ging wie von einem Blumenbeet, süsser denn Honig.

Es gab keine schönere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt für sich allein mit dem stummen Diener.

Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie war. Und sprach: „Rege Dich und öffne die Thore! Der Bräutigam ist gekommen.“

So gross aber war das Licht ihrer Schönheit diesem blöden Auge selbst, dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn dünkte, als ob es ganz dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond selbst im Viertel seiner Geburt.

So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.

Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, bläulichen Strahlen gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.

Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband gürtete sein Pferd zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein letztes Stündlein wäre gekommen, und er könnte nicht ertragen so viel Klarheit und übergrosse Herrlichkeit.

Worauf der Andre: „Fürchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut den Tisch legen[pg 247]fürmich und sie. Ich bin gekommen, heut’ Hochzeit hier zu halten.“

Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“

Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.

So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.

Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach,[pg 248]der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.

Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und[pg 249]Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.

Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor[pg 250]zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.

Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines[pg 251]Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.

Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“

Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.

Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.

Und öffnete die Thüre weit und neigte sich bis zur Erde und berührte den Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: „So es Dir recht ist, Deiner Seele gefällt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein süsser Herr!“

Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den geschnitzten Sitz am Tisch.

Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefäss mit Wasser. Und rieb seine Füsse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Füssen und sah ihn an.

Sprach er: „Warum kniest Du vor mir?“

Sie sprach: „Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich knieen so und Dir dienen allezeit.“

Er sprach: „Kennst Du mich?“

Sie sprach: „Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du bist meiner Seele holdseligster Bräutigam. Ich habe nie einen andern Mann gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thür meiner Kammer blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute.“

Nun sagte er: „So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich lieben?“

Sie sprach: „Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich würde meine Füsse in Flammen setzen, um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende Faulheit des Sumpfes.“

Er sprach: „Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht über Dornen. Glühende Nägel müssen in ihre Hände eindringen; ihre Seiten werden sich öffnen und bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen haften wie fressendes Feuer.“

Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: „Stich zu!“

Er sprach: „Du bist sehr schön. Schönheit ist der Stolz und die Gnade des Weibes, und macht[pg 254]sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er sein Leben lieber lässt denn die Süsse ihres Leibes. Um Schönheit wird ein Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen und der Feinheit der Glieder. – Gieb mir Deine Schönheit.“

Flugs legte sie nun ihr königliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und ihre Arme und Hände waren unbedeckt. Sie fror in ihrem dünnen Linnen. Dies Alles that sie in der grössten Freude, mit den herzlichsten und zärtlichsten Liebesworten.

Er aber seufzte und sprach: „Kummer wird über Dich kommen, Krankheit, Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine Wangen einfallen von der Sorge und täglichem Mühsal des Daseins. Du bist sehr lieblich und jung. Du wirst hässlich sein und unansehnlich. Ein Spott denen, die Dich priesen.“

Sie sprach: „Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, der mein erwählter Herr ist und lindester Gebieter.“

Er sprach: „Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager für mein Haupt des Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich.“

Sie sprach: „Gleich heute will ich fortgehen, die Thür verschliessen und mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und glücklich. Meine Habe soll den Armen gehören. Ich nehme nichts denn einen Stab, Brot für morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum Gespött der Gassenjungen werde, sie sagen: ‚Es ziemt sich nicht einem Weib, in Freiheit zu laufen.‘ So ich doch Deine verlobte Braut bin und eines grössten Königs Geehrte.“

Da seufzte er noch tiefer, sprach: „Gerade schleierlos musst Du gehen und unverhüllt, nackt und in Blösse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer istwieihr Leben, sie es zehnfach lassen würde um ihre Scham. – So gieb mir denn, was ich von Dir heische.“

Da ward sie roth über und über, röther wie die Purpurrose, die zuerst der Sonne sich öffnet. Es war, als ob Flammen überall aus ihrem Leibe schlugen und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur äussersten Spitze ihres Fusses fühlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: „Hier, Herr! Nimm mich.“

Und seine Seele ward weich über ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.

Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze,[pg 257]den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“

Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.

Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.

Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.

Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“

Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.

Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“

Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“

Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere[pg 259]Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.

Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.

Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“

Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.


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