[pg 261]Das vierzehnte Kapitel.Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichtsgewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die[pg 262]frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahin[pg 263]gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen.Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind[pg 264]gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und finden.“Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner niedrigen Dunkelheit.Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber.So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.Und man nahm ihr Recht fürdasRecht. Und ihre Wahrheit fürdieWahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.[pg 265]Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine,[pg 266]Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, wo gigantische Schatten schweigen.“So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“Sie sprach: „Ich war.“[pg 267]Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert[pg 268]gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten[pg 269]eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen[pg 270]waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“Diese Vision verschwand. Er blieb allein in[pg 271]der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.[pg 272]Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.Dies verschwand.Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder.[pg 273]Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Müdigkeit einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Höhlen seiner Wangen. Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die über sein Haupt dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht hatten zu Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet und knotig waren wie Hölzer eines uralten Baumes, von denen die Moose hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen. Unter der braunen Haut traten[pg 274]die Knochen vor wie durchgeschubbert, gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. Aber in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich Feuer des Lebens. Sie brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen ausgebrannt hatten um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses. Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt und flatterte im Winde.Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er sich auf den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine schreitenden Lenden.„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte Mann. „Ich weiss nicht, wie lange ich wandre. Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die Wüste und die hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestört liegt wie der weisse Flaum auf dem königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über[pg 275]ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All’ ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz, dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, Launen des Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der Hand hineinschlägt, ist es nichts.“Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle und lachte laut auf.„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde.„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und weil sie ihn von weit werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken, die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken, sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“„Etwas muss sein.“„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten, der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der[pg 276]Bewegung. Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind Schattenflecken im Leeren. Ich wandre – wandre – wandre.“ ...Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner zerlumpten Kleider schlugen um seine dürren schreitenden Lenden im Winde.Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand in die Seite legte und die Wundenmale rührte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig und wandert bis an’s Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer gewesen ist von Anbeginn.“„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig.„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht.“„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er.[pg 277]„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche Augen. Sie können ihn nur ausdrücken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele ein wie das Gefühl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne ging auf.[pg 278]Das fünfzehnte Kapitel.Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker. Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser denn Thiere? Wehe den[pg 279]Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines Geschlechts.“So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste. Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er[pg 280]in einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer andern.Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten, Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge, wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine ver[pg 281]schluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz hülflos.“Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit Gewalt.So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen, dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen sei im Lande.Er aber schlug Alles aus und stiess diese in[pg 282]die Enge mit harten Worten: Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen, dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über[pg 283]Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn[pg 284]ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und Anarchie.„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter[pg 285]denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden mit den Empörten.Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn[pg 286]Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.[pg 287]Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine kindlichere Zeit.Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens ist die Läuterung.Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht unruhig wie die der Menschen.Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand. Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend,[pg 288]durch alle Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die feinste, edle Blüthe der schönen Künste.Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser denn Honig, feinster Duft der Blumen.Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.[pg 289]Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.[pg 290]„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend Glas.„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm.„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine Nacht sein.“... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe[pg 291]ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle Schönheit hinweg.Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihmstand. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber[pg 292]hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist schrecklich wie der Adler.“Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des Jünglings blieb marmorn.Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und[pg 293]seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme. Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte Schönheit.“Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank.Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens,[pg 294]in der Form des Apfels, der den Samen birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“Da fiel der hin wie sinnlos.Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.[pg 295]Das sechzehnte Kapitel.Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun und Gewalten umstürzen wollten. Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die[pg 296]feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen Ausstand.So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach[pg 297]und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und[pg 298]todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.Und er antwortete ihnen kein Wort.Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und ge[pg 299]horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“[pg 300]Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt[pg 301]Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne.[pg 302]Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und ge[pg 303]sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen[pg 304]wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur siewissenes und sorgen nicht. Höre!“Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“[pg 305]Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte[pg 306]lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel.EineKunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“[pg 307]„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.Die Sonne sank.
[pg 261]Das vierzehnte Kapitel.Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichtsgewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die[pg 262]frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahin[pg 263]gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen.Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind[pg 264]gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und finden.“Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner niedrigen Dunkelheit.Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber.So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.Und man nahm ihr Recht fürdasRecht. Und ihre Wahrheit fürdieWahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.[pg 265]Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine,[pg 266]Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, wo gigantische Schatten schweigen.“So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“Sie sprach: „Ich war.“[pg 267]Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert[pg 268]gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten[pg 269]eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen[pg 270]waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“Diese Vision verschwand. Er blieb allein in[pg 271]der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.[pg 272]Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.Dies verschwand.Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder.[pg 273]Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Müdigkeit einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Höhlen seiner Wangen. Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die über sein Haupt dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht hatten zu Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet und knotig waren wie Hölzer eines uralten Baumes, von denen die Moose hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen. Unter der braunen Haut traten[pg 274]die Knochen vor wie durchgeschubbert, gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. Aber in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich Feuer des Lebens. Sie brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen ausgebrannt hatten um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses. Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt und flatterte im Winde.Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er sich auf den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine schreitenden Lenden.„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte Mann. „Ich weiss nicht, wie lange ich wandre. Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die Wüste und die hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestört liegt wie der weisse Flaum auf dem königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über[pg 275]ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All’ ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz, dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, Launen des Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der Hand hineinschlägt, ist es nichts.“Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle und lachte laut auf.„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde.„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und weil sie ihn von weit werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken, die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken, sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“„Etwas muss sein.“„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten, der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der[pg 276]Bewegung. Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind Schattenflecken im Leeren. Ich wandre – wandre – wandre.“ ...Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner zerlumpten Kleider schlugen um seine dürren schreitenden Lenden im Winde.Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand in die Seite legte und die Wundenmale rührte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig und wandert bis an’s Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer gewesen ist von Anbeginn.“„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig.„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht.“„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er.[pg 277]„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche Augen. Sie können ihn nur ausdrücken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele ein wie das Gefühl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne ging auf.[pg 278]Das fünfzehnte Kapitel.Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker. Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser denn Thiere? Wehe den[pg 279]Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines Geschlechts.“So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste. Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er[pg 280]in einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer andern.Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten, Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge, wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine ver[pg 281]schluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz hülflos.“Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit Gewalt.So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen, dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen sei im Lande.Er aber schlug Alles aus und stiess diese in[pg 282]die Enge mit harten Worten: Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen, dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über[pg 283]Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn[pg 284]ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und Anarchie.„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter[pg 285]denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden mit den Empörten.Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn[pg 286]Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.[pg 287]Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine kindlichere Zeit.Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens ist die Läuterung.Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht unruhig wie die der Menschen.Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand. Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend,[pg 288]durch alle Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die feinste, edle Blüthe der schönen Künste.Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser denn Honig, feinster Duft der Blumen.Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.[pg 289]Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.[pg 290]„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend Glas.„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm.„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine Nacht sein.“... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe[pg 291]ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle Schönheit hinweg.Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihmstand. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber[pg 292]hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist schrecklich wie der Adler.“Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des Jünglings blieb marmorn.Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und[pg 293]seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme. Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte Schönheit.“Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank.Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens,[pg 294]in der Form des Apfels, der den Samen birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“Da fiel der hin wie sinnlos.Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.[pg 295]Das sechzehnte Kapitel.Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun und Gewalten umstürzen wollten. Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die[pg 296]feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen Ausstand.So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach[pg 297]und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und[pg 298]todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.Und er antwortete ihnen kein Wort.Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und ge[pg 299]horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“[pg 300]Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt[pg 301]Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne.[pg 302]Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und ge[pg 303]sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen[pg 304]wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur siewissenes und sorgen nicht. Höre!“Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“[pg 305]Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte[pg 306]lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel.EineKunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“[pg 307]„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.Die Sonne sank.
[pg 261]Das vierzehnte Kapitel.Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichtsgewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die[pg 262]frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahin[pg 263]gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen.Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind[pg 264]gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und finden.“Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner niedrigen Dunkelheit.Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber.So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.Und man nahm ihr Recht fürdasRecht. Und ihre Wahrheit fürdieWahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.[pg 265]Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine,[pg 266]Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, wo gigantische Schatten schweigen.“So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“Sie sprach: „Ich war.“[pg 267]Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert[pg 268]gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten[pg 269]eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen[pg 270]waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“Diese Vision verschwand. Er blieb allein in[pg 271]der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.[pg 272]Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.Dies verschwand.Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder.[pg 273]Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Müdigkeit einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Höhlen seiner Wangen. Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die über sein Haupt dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht hatten zu Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet und knotig waren wie Hölzer eines uralten Baumes, von denen die Moose hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen. Unter der braunen Haut traten[pg 274]die Knochen vor wie durchgeschubbert, gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. Aber in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich Feuer des Lebens. Sie brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen ausgebrannt hatten um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses. Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt und flatterte im Winde.Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er sich auf den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine schreitenden Lenden.„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte Mann. „Ich weiss nicht, wie lange ich wandre. Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die Wüste und die hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestört liegt wie der weisse Flaum auf dem königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über[pg 275]ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All’ ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz, dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, Launen des Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der Hand hineinschlägt, ist es nichts.“Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle und lachte laut auf.„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde.„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und weil sie ihn von weit werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken, die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken, sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“„Etwas muss sein.“„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten, der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der[pg 276]Bewegung. Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind Schattenflecken im Leeren. Ich wandre – wandre – wandre.“ ...Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner zerlumpten Kleider schlugen um seine dürren schreitenden Lenden im Winde.Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand in die Seite legte und die Wundenmale rührte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig und wandert bis an’s Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer gewesen ist von Anbeginn.“„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig.„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht.“„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er.[pg 277]„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche Augen. Sie können ihn nur ausdrücken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele ein wie das Gefühl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne ging auf.
Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.
Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichtsgewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.
Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die[pg 262]frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“
Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.
Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahin[pg 263]gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“
Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.
Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben hätten, reines Feuer zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt hätten vom Unreinen.
Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Klötze blieben, die mühsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, schnobernd wie die Schweine nach Trüffeln, oder niedrige Hunde auf der Fährte des Aases – spotteten über solche, zeigten auf sie in Schadenfreude: „Die verzehren sich und sind[pg 264]gar nicht, Rauch und Asche. Wir stehen fest und finden.“
Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner niedrigen Dunkelheit.
Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht für seine Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glänzendes Gefieder lockt Gelüste der Räuber.
So dass diese niemals aufkommen, die die Schönheit nackt gesehen hatten und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust voll waren wie die geile Erde vom Mist, – dass sie nicht einmal wussten, dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt hätten in ihrer Unreinheit, – waren gross und sprachen die Urtheile über wichtige Dinge.
Und man nahm ihr Recht fürdasRecht. Und ihre Wahrheit fürdieWahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.
Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf und würgte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber sprach: „Besser wäre die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die wächst und stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Flügel der Seele wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben.“
Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Güte so klein geschaffen und die Grösse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.
Und er sprach zu sich selbst: „Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Güte? Ist Dein Zweck mit ihnen Gnade oder ist es Neid des Mächtigen, Allherrschenden gegen das Kleine,[pg 266]Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quälen, im Staub Gebannte, die ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Mächtige nicht? Und es ist ein viel Mächtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Güte war vor Ihm Halbheit? Unser Licht war Dämmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich bin für Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele ist müde in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Lärm der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich grüsse die Nacht, die dunkel ist, wo gigantische Schatten schweigen.“
So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.
Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“
Sie sprach: „Ich war.“
Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.
Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.
Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.
Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert[pg 268]gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.
Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“
Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten[pg 269]eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.
Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“
Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen[pg 270]waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.
Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“
Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“
Diese Vision verschwand. Er blieb allein in[pg 271]der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“
Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“
Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.
Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“
Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.
Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“
Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.
Dies verschwand.
Er hörte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er sprach höhnisch: „Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder.[pg 273]Sie glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fühlen gelernt hat, rührt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindrücke.“
Er sprach: „Hast Du Bessres gefunden?“
Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Müdigkeit einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Höhlen seiner Wangen. Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die über sein Haupt dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Höhe gebleicht hatten zu Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet und knotig waren wie Hölzer eines uralten Baumes, von denen die Moose hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen. Unter der braunen Haut traten[pg 274]die Knochen vor wie durchgeschubbert, gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. Aber in seinen schwarzen Augen glomm unauslöschlich Feuer des Lebens. Sie brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, nächtlichen Grotte. So stark war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Höhlen ausgebrannt hatten um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeäscherten Hauses. Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt und flatterte im Winde.
Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stützte er sich auf den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine schreitenden Lenden.
„Ich wandre – wandre ...“ sagte der alte Mann. „Ich weiss nicht, wie lange ich wandre. Ich habe alle Städte der Menschen gesehen, die Wüste und die hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestört liegt wie der weisse Flaum auf dem königlichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehört, das Mitternachtöl verbrannt über[pg 275]ihren Büchern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All’ ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz, dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmärkten, Launen des Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der Hand hineinschlägt, ist es nichts.“
Er hauchte und schlug mit der Hand in’s Hohle und lachte laut auf.
„Aber Gott ist!“ sagte der Fremde.
„Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und weil sie ihn von weit werfen, ist er grösser und dunkler. Wie die Wolken, die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken, sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken.“
„Etwas muss sein.“
„Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten, der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der[pg 276]Bewegung. Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind Schattenflecken im Leeren. Ich wandre – wandre – wandre.“ ...
Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner zerlumpten Kleider schlugen um seine dürren schreitenden Lenden im Winde.
Und Einer sprach: „Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene selbst für Hirngespinste erklärt. So er die Hand in die Seite legte und die Wundenmale rührte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig und wandert bis an’s Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer gewesen ist von Anbeginn.“
„Werden Alle finden?“ fragte er eifrig.
„Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht.“
„Lass mich den sehen, der nicht findet,“ bat er.
„Es ist zu schrecklich zu sehen für menschliche Augen. Sie können ihn nur ausdrücken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht.“
Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele ein wie das Gefühl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.
... Damit kam die Morgenröthe und die Sonne ging auf.
[pg 278]Das fünfzehnte Kapitel.Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker. Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser denn Thiere? Wehe den[pg 279]Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines Geschlechts.“So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste. Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er[pg 280]in einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer andern.Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten, Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge, wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine ver[pg 281]schluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz hülflos.“Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit Gewalt.So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen, dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen sei im Lande.Er aber schlug Alles aus und stiess diese in[pg 282]die Enge mit harten Worten: Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen, dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über[pg 283]Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn[pg 284]ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und Anarchie.„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter[pg 285]denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden mit den Empörten.Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn[pg 286]Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.[pg 287]Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine kindlichere Zeit.Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens ist die Läuterung.Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht unruhig wie die der Menschen.Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand. Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend,[pg 288]durch alle Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die feinste, edle Blüthe der schönen Künste.Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser denn Honig, feinster Duft der Blumen.Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.[pg 289]Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.[pg 290]„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend Glas.„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm.„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine Nacht sein.“... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe[pg 291]ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle Schönheit hinweg.Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihmstand. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber[pg 292]hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist schrecklich wie der Adler.“Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des Jünglings blieb marmorn.Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und[pg 293]seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme. Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte Schönheit.“Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank.Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens,[pg 294]in der Form des Apfels, der den Samen birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“Da fiel der hin wie sinnlos.Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.
Aber um diese Zeit war das Gerücht von ihm sehr gewaltig geworden.
In der Hauptstadt erschütterten die Predigten Fritz Kuhlemann’s, der mit starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Völker. Schweres Unheil, Empörung und Blutvergießen lag in der Luft, so die Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der Theilung der Güter, der Brüderschaft aller Sterblichen. Er sprach: „Es ist Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme des Volks zu ersticken, die mächtig spricht. Solches thun die Thiere nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser denn Thiere? Wehe den[pg 279]Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfähle setzt so und so weit und Zäune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines Geschlechts.“
So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhörer zu fassen. Wo man sie zurücktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass man seinen Prediger antaste. Dröhnend wie Schlachtdrommeten klang seine Rede. Er trug einen härenen Rock und nährte sich nur von Nahrung der Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Hände Arbeit, denn wilde Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig mit dürren Händen und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wüste. Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er[pg 280]in einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht über zu einer andern.
Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: „Ihr nehmt dem Armen scheffelweis. Dann straft und hängt Ihr für das, was er Euch wiedernimmt in Körnern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr über Eure schlechten Thaten, Kriege und Händel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Säcke tragen soll. Dann sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Gütigkeit, dass ich nicht würge, wo ich doch würgen könnte. Der Aermste trägt alle Beschwerde. Ihr wischt Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Nächten, die Ihr hingebt für Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffüllt für Euch und Eure Söhne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine ver[pg 281]schluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom Gift, das Euch tödten müsste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Lüge steht Ihr frierend und ganz hülflos.“
Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein mächtiger Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der activen Armee standen, und man fürchtete, dass diese im Fall eines Kampfes ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen würden mit dem Volk, denn des grossen Führers Wort war überzeugend. Er scheute sich nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gründen, noch mit Gewalt.
So dass davon bewegt wurden bis in die höchsten Schichten, Regierungen und Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten in die Verwaltung. Man würde Verbesserungen machen, Vorschläge aufstellen, dass die Ungerechtigkeit beseitigt würde, Zufriedenheit, genug zu essen sei im Lande.
Er aber schlug Alles aus und stiess diese in[pg 282]die Enge mit harten Worten: Dass sie halb wären und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken wollten mit alten Lappen, klaffende Löcher verkleben mit Pappe von papiernen Acten, Kleister von Speichel: „Ihr selbst müsst weg zunächst aus dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme.“
Dieses hörten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fürsten befohlen, dass er diesen selbst spräche, vor der höchsten Majestät, so er dessen fähig sei, zeugte für die Richtigkeit seiner Ansprüche.
Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über[pg 283]Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.
Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn[pg 284]ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“
Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und Anarchie.
„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter[pg 285]denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“
Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden mit den Empörten.
Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.
Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn[pg 286]Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.
Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine kindlichere Zeit.
Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens ist die Läuterung.
Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht unruhig wie die der Menschen.
Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand. Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend,[pg 288]durch alle Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Häupter der Heiligen, niedrige Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestürmer. ... Immer mit nie fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.
Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Gold – das Reichste, daran des Menschen Herz hängt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die feinste, edle Blüthe der schönen Künste.
Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor ehrfürchtig standen und die Einfältigen sie fassen konnten. Die Kraft dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Süsse süsser denn Honig, feinster Duft der Blumen.
Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine Strahlen wurden rother und inbrünstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.
Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Güter abgaben und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der leuchtenden Schönheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Völker vor den Werken der Geweihten, denn solche Schönheit war nicht gesehen worden.
Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im tönenden Reigengesang der Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.
„Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.
„Der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwölfte ein Amethyst.
„Und die zwölf Thore waren zwölf Perlen und ein jeglich Thor war von einer Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend Glas.
„Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm.
„Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm.
„Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die Könige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.
„Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine Nacht sein.“
... Und es war ein Jüngling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte die Schönheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer die Wahrheit findet, der Schönheit nahe[pg 291]ist und es keine andre Wahrheit giebt denn in der Vollkommenheit der Schönheit. Erst hatte er sie gesucht in der Schönheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schönheit des Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und die Form höher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit nehmen alle Schönheit hinweg.
Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Hände zerrissen, dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel tastete er sich vorwärts mit Händen und Füssen. Seine Augen waren wie blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.
Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihmstand. Aber er fiel vor ihm nieder und hob die Hände hoch. Flehte ihn an und bat: „Lass mich sehen die grosse Schönheit Deines Antlitzes und sterben.“
Er sprach: „Ich will sie Dir zeigen. Aber[pg 292]hüte Dich wohl, dass der Schrecken Dich nicht niederstürzt vom Felsen. Denn meine Schönheit ist schrecklich wie der Adler.“
Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin über seinem Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.
Er fiel auf den Boden wie betäubt und der Blitz fuhr über ihn hin.
Danach hörte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus goldner Ferne. Er sah einen Jüngling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing über seiner Schulter und die Leyer lehnte zu seinen Füssen. Die Gesänge seiner Leyer waren lockender wie Goldklingen. Wo er hintrat, blühten Veilchen. Die wilden Thiere des Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. – Aber das Antlitz des Jünglings blieb marmorn.
Danach sprach eine andre Stimme: „Kennst Du mich?“ Er sah einen Mann am Kreuze hängen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und[pg 293]seine Arme blieben ausgestreckt; denn die Schwere seines Körpers war zu gross für seine Arme. Dornen krönten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss aus seiner geöffneten Seite. Die Nägel gingen durch sein Fleisch und die Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. Der Mund schrie in seiner Qual und rief: „Mich dürstet ...“
Seine Thränen tropften sehr schnell, er sprach: „Herr! Ich kenne Dich. Du bist schön und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine Schönheit geträumt, grösser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir zeigest Deine letzte Schönheit.“
Aber der Mann am Kreuz schien zu lächeln. Seine Wunden wurden Rosen und die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold dieser Strahlen wurde die Welt warm und tönend. – Aber die Schlange war der Strick, der ringelnd niedersank.
Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, die roth war vom Blut des Lebens,[pg 294]in der Form des Apfels, der den Samen birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: „Iss!“
Da fiel der hin wie sinnlos.
Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.
[pg 295]Das sechzehnte Kapitel.Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun und Gewalten umstürzen wollten. Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die[pg 296]feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen Ausstand.So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach[pg 297]und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und[pg 298]todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.Und er antwortete ihnen kein Wort.Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und ge[pg 299]horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“[pg 300]Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt[pg 301]Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne.[pg 302]Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und ge[pg 303]sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen[pg 304]wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur siewissenes und sorgen nicht. Höre!“Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“[pg 305]Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte[pg 306]lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel.EineKunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“[pg 307]„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.Die Sonne sank.
Aber seine Feinde waren sehr thätig und machten böses Geschrei wider ihn.
Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man Fabriken und Lagerräume verwüstete, Läden der Bäcker und Fleischer plünderte. Wo man auf der einen Seite die Empörung niedergeschlagen mit Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.
Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Länder, dass sie sich zusammenthun und Gewalten umstürzen wollten. Die Einen gaben Geldmittel für die Andern, die[pg 296]feierten. Man vereinigte sich in Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen Ausstand.
So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhäuser. Viele aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm geschrieben hatten. Und waren bereit für ihr Theil anzufangen, mitzugehen mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kühn ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, dass ihre Sache gerecht sei.
So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern dorthin. Welche sprachen: „Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen überlegen zehnfach[pg 297]und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir müssen nur einstehen Einer für den Andern und unser Pulver trocken halten.“
Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von den Führern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin über die einzelnen Sätze. Die Rivalität der Nationen machte sich geltend, auch eine Frage der Geschlechter, da die Männer die Weiber nicht wollten als voll gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie Jene.
In den gelehrten Büchern und Blättern stritten sie sich gleichfalls. Der Eine warf dem Andern niedre Beweggründe und Tücken vor. Es waren nicht Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und träumten. Die Andern aber wühlten und zeigten sich sehr thätig.
Das ganz rohe Volk drängte zu Thaten. Sie sprachen: „Es ist besser wir sterben, als wir tragen dies Leben länger, das schlimmer ist wie der Tod, und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekrümmtem Nacken wie wir.“
Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: „Lasst uns trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und[pg 298]todtschlagen!“ Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.
Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: „Sei Du unser Führer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und Du sollst unser Fürst sein.“ Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre Bewegungen waren obscön. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders waren sie denn Schweine.
Und er antwortete ihnen kein Wort.
Sie sprachen: „Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und übel riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit Seife und Salben waschen, süsse Weine trinken?“
Er sprach: „Ihr seid nicht besser. Ihre Hände sind gewaschen. Sie brauchen nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften sind in ihren Händen wie gute und ge[pg 299]horsame Pferde. Sie wissen genug, um voraus zu denken und rechnen zu können. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos.“
Dann sprachen Einige: „So bist Du also ein Vornehmer und hältst es mit den Reichen und Mächtigen?“
Er sprach: „Die Mächtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie lügen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit scharfen und unnatürlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und Blut, lässt wohl sein Leben. Der Reiche zittert für seine Güter. Nichts Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu verlängern, noch im Tode mit Denkmälern und Bildsäulen sich ehrt, so er doch todt ist, nichts wie Staub und Würmer. Der Arme ist weit ab vom Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt.“
Sie sprachen: „Sage uns, was ist das Reich Gottes?“
Er sprach: „Was Ihr Glück nennt, Frieden in uns und ausserhalb.“
Sie sprachen: „Wer hat das Glück? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm näher ist als der Reiche?“
Er sprach: „Der Reiche hat viele Bedürfnisse. So er nicht sein festes Haus hat, Pferde und Dienerschaft, ein köstliches Essen, wie mag er sich freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel nächtigt, braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. Wem Wasser genügt, was soll ihm der Wein?“
Sie sprachen: „Das ist ganz thöricht. Wir wollen Alle in Schlössern wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage.“
Er sprach: „Seht zu, wo Ihr es findet,“ wandte sich von ihnen und sprach nicht mehr.
Zu ihm kamen Andre, die sich klug dünkten, sprachen: „Wir wissen sehr wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das wir aufgebaut haben, darin das Glück ist und Wohlleben für Alle.“
Er sprach: „Der Stein ist geduldig. Er trägt die Marke, die man ihm eingräbt. Wie wollt[pg 301]Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kräfte der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie trägt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?“
Sie sprachen: „Wir kennen es nicht.“
Er sprach: „Es giebt kein Gesetz, das gut ist für Alle. Aber das Gute ist in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut.“
Das verstanden sie nicht und sprachen: „Es wird immer Schlechte geben.“
Er sprach: „So lange es sie giebt, ist Nichts gut.“
„So sollen wir gar nichts thun, die Hände in den Schooss legen?“ fragten sie nun.
Er sprach zu dem, der das sagte: „Thue Du für Dich! Mächtiger denn viele Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend Gleichnisse. Einer, der stirbt für sein Leben, schafft zehnfaches Leben.“
Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: „Das haben wir längst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne.[pg 302]Es ist nichts gekommen aus ihr und hat sich nichts geändert, seit die Sonne scheint.“
Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: „O dass Ihr hasstet oder liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die Sonne nicht vor so vielem künstlichen Licht. Rom war besser und Babylon war edler. Im blutrothen Blut müsst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer Städte und Häuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges Geschlecht in Eurem Reichthum! Würmer und Elende in all’ Eurer Kunst!“
Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Hütte in der Abendsonne.
Wie er vorbeiging, grüsste ihn der alte Mann.
Er sprach: „Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle.“
Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von den Fruchtbäumen, die vor seiner Hütte wuchsen.
Der alte Mann sprach: „Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht über meine Lippen. Und Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und ge[pg 303]sund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Hütte nicht betreten, seit ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich trage mein Holz selbst und reinige meine Hütte. Meine Mahlzeit bereite ich mir mit meinen Händen. Ein wollner Rock genügt mir, wenn es kalt ist, und ein leinener für den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner Hütte. Mit meinen Händen habe ich diese Fruchtbäume gepflanzt, die um mein Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hören meine Stimme. Wenn ich einsam bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Nöthe sind meine Nöthe. Das Kalb, das geboren wird, gehört mir, wie es zu seiner Mutter läuft. Sie kennen keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen mich und kommen zu meiner Hütte, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Vögel unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und erzählen ihre unschuldigen Geschichten.“
Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die hüpften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten an seinen Lippen, als ob sie anfragen[pg 304]wollten, setzten sich auf seine Schulter und klappten mit den Flügeln. Rehe aus dem Walde traten heraus ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen machten friedliche Männchen, putzten und überschlugen sich.
„Alle sind meine Brüder,“ sagte der alte Mann. „Meine Kinder, weil sie schwächer und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; nur siewissenes und sorgen nicht. Höre!“
Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, verständigen Augen.
„Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht für die Fortsetzung dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fühlen, dass sie in einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen Kehlen, mit dem stummen Blühen ihrer Kelche, täglich. Das sind die Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie verachten, sich klüger dünken in ihrem Stolz, ihrer Geschäftigkeit.“
Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein Herr. Ruhende Stärke lag in ihm, der Blick, der über Viele sieht. Aber er blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter dem Hals des Thiers.
Er fuhr fort: „Früher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmüthig und geschäftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. Geschäfte der Könige wollte ich thun an Fürstenhöfen. Ich wollte weise sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich habe ihre Bücher gelesen. Ich habe Frauen geküsst. Ich habe um Reichthum gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Glücklich ist, der Niemandes bedarf, und Alles zu geben hat den Andern.
„... Ich habe ihre Künste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der Wörter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter – auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben liebte ich, die die Worte[pg 306]lebendig machen wie von getrunknem Blut, Töne, die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der Zauber verfügt, der sie Alle regiert. – Ich berauschte mich selbst am Wohlklang meiner Töne. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte waren klingelnd wie Schlittenklang, tönende Erze und hallende Schellen. – Alles ist eitel.EineKunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden.“
Er sprach: „Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hören, dass ich weiss, ob es der rechte ist.“
Der alte Mann sprach: „Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in himmlischen Tönen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir zählen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. – Es giebt nur den. Niemals ward er vollkommen.“
Er sprach: „Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. Erfüllung und Leben.“
„In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh’ ich die Zeiten zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, Gefängniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, die stark sind und künden. – Der bedarf nicht der Schätze, der die Perle gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier und warte des Todes. Des Führers harr’ ich, der einführt zum Tage.“
So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor seiner Hütte. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die rothe, sinkende Sonne.
Die Sonne sank.