Das dritte Kapitel.

[pg 47]Das dritte Kapitel.Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser würde. In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden Witze. Man hätte sich fast vermisst, wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der[pg 48]Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen mit einer ganz kleinen Hündin, einer proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter als die Männer; es war bekannt, dass einige der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre männlichen Kollegen im Schach hielt.Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees,[pg 49]der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. Manerwarteteden Anfang der Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares sähe.Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismässig.Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner[pg 50]Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich und kam in weissen Handschuhen.Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, aus Princip. Und man wusste, dass es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; man „entwickelte sich“.Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. Alles das ging rasch, wenig theatermässig. Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand[pg 51]zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll zum Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, deutlich hörbar in der geübten Stimme des Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So war er sachlich geworden, ein Typus, wie so[pg 52]mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl – sie!Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, mittelmässigen Masse.Siewaren die[pg 53]jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte sowas nicht mehr.Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen:[pg 54]„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität.Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne herunter.Die Versammlung löste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe gewesen.[pg 55]Der Pastor vereinigte sich mit dem berühmten Führer. Er sprach eifrig auf ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn der Andre nicht. Schliesslich – diese Leute thaten seine Arbeit.Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an.Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten sahen ihn.„Wer war der Mann?“ fragte der Pastor.Der Abgeordnete zuckte die Achseln. „Ich kenne ihn nicht.“ Er hatte Eile, nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen.„Ein grosser Mann,“ sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da am Ausgang und hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah ihm nach. Seine Backenknochen glühten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. „Was er sagt ist wahr. Er versteht’s.“„Ein grosser Mann,“ sagte der Fremde.Die ganze Masse schob an ihnen vorüber. Die Veteraninnen sprachen sehr laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entrüsteten sich über[pg 56]wieder einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer backen. Sie gaben Parolen aus für den nächsten Tag und Rendezvous in den Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantität hatte ihnen nicht genügt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepökelt gewesen war wie Pökelhäringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehörten zur Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Häuptling hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der über diesen Mann ging, und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fünf Jahren zu den nächsten fünf Jahren.Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz dünnen, kleinen Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wüsste, wo er wäre. Seine vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine nachdenkliche, zärtliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er sich entschuldigen wollte, dass er an[pg 57]fragte – aber man wusste nicht, ob er überhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus, mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas von einem Kind, oder auch von einem hülflosen getretnen Thier. Er seufzte und blickte in das Laternenlicht. „Es ist schon elf Uhr,“ sagte der Anarchist.Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf abstand. Seine Haare fielen gerade über seine Ohren und waren lange nicht geschnitten. Wenn er sprach, lächelte er jedesmal, ein schüchternes Lächeln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und Wichtiges sagen möchte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von einem Wurm, und hüpfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte.Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher![pg 58]Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine Lungen brennen und flattern unter ihr.„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ entschuldigte er sich.„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ einen Mann!“Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese Stimme, den Mann, der sprach, während er nur husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, als durch dieKrankheitvon innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag.[pg 59]Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern den Anblick seiner Schwäche zu ersparen.„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf unsrer Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die Gerechtigkeit muss aufkommen.“Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, wie aufgespiesst an einer glühenden Nadel.Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten[pg 60]sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich lärmend stiessen.Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend mit Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in Schatten ...„Man müsste es machen wie die Thiere,“ sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit[pg 61]den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen.“Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, ungläubiges Lachen. Es sollte um Entschuldigung bitten für ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel Dinge. Er wusste nicht ...„Man fühlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fühlt sie auch nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel, ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich über Alles nach. O, es giebt sehr viele Sachen! Wenn man wüsste ... Vielleicht ist es auch nicht gut. Man muss essen.„... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Mögliche, diese Kleinen. Aber sie können nichts sagen. Die Todten können auch nichts sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun, diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade,[pg 62]wem es gezeigt wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an eine Seele.“ ...Nervös, schüchtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden Stimme. Er war wohl gewöhnt, dass man ihn oft für verrückt hielt. Vielleicht war er auch etwas blödsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse. Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfüllte ihn eine schlechte Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende und durchgeistigte Persönlichkeit. Häufig war er auch traurig und verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken hielten ihn wach des Nachts.Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhörte. Gerade über diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch über ihn her. Manchmal versteckten sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwämme. Diese Wolken zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwährend. Manchmal waren sie[pg 63]Kameele, hüpfende Känguruhs oder grosse Schildkröten. Oder auch nur Dämpfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kämpften die Laternenstrahlen. Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten von Gesims oder Mauern leuchteten urplötzlich auf im Dunkeln. Festes schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt, Dach an Dach und Schornstein über Schornstein. Aber das fratzenhafte, lügnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte.Eine letzte Pferdebahn hielt am äussersten Ende des Platzes. Die Pferde waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war.Sie waren alle Drei stehen geblieben.Die beiden Männer sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie warteten. Sie standen da und warteten, fröstelnd, etwas benommen, zwinkernd in das Halblicht ...Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die Rastlosigkeit vorbei und weiter.[pg 64]Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas blöden Augen von einem unbestimmten, sanften Grau mit grünlichen Lichtern, Augen von Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln irreführte im Dunkeln, – Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, weitoffene Stirnen über fliehenden, demüthigen Unterpartien gutartiger Hunde.Sie warteten.[pg 65]Das vierte Kapitel.Er ging auf’s Land.Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse. Oder eine andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr ausgefahren, in einer flachen Tränke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen, primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab ärmliche Häuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thür hatten; weisse Gardinen umrahmten die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten begraben, eh’ man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach[pg 66]dem verwitterten Holzthurm. Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem Wirthshaus stand irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder Linde. Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen dachten, dass sie etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes davon abhinge. Die Hühner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte friedlich neben den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen Tränke am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Füssen. Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar nichts, und sahen ihm nach.[pg 67]In den Feldern war man an der Arbeit. Männer stiessen die Pflugschar, langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. Die Erde wellte sich hier in grossen Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue, Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde war da, und die Menschen waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine, schüchterne Hälmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen[pg 68]kraxend über die Felder. Ganz oben zogen Schwärme wilder Gänse in mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden, Vorgeborner, Eddabewohner.Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern oder an den Abhängen. Die Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie trugen Laubwälder, braun und grün, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, ganz jungen Hölzern bestanden, zwischen denen man Korn gesät hatte, um den Boden fruchtbar zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in grüne Wirrnisse, neue Seitenthäler und auf hohe ernste Wände. Am Wege rankte Brombeergesträuch und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne, niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten spaziren können, Thau schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen geschichteten Würfeln. Jedes[pg 69]Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Gräsern kam ein Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich drängte, Hof neben Hof, stattliche Höfe mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen, weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten bildeten den Reichthum der Gegend. Selbst das Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Mützen, weiten Röcken und verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und wünschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.... Manchmal ging er sehr früh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun[pg 70]mit stumpfen Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige, unendlich winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Härchen besetzten Oberfläche. Die Kräuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies mit einem Geruch von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen einer Brücke floss breit ausgelaufen ein Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen würde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thätigkeit des Wassers, das filterte, sich einsackte.Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten sehr schnell in der Berührung, wie Tasten eines Klaviers, die man nacheinander anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, eine Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung. Sie schüttelten die Köpfe, rauschten und raunten.Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im Gesicht, den der Wind nach[pg 71]Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen, wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte das Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. Aber es kam noch nicht durch. Sie schützten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, plätscherte ... Es regnete.Im Frühlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien ohne Farbe, sehr jung noch, wie ebenausgebrütet,als ob die Eihäutchen noch herum wären, eine Fötuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte. Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde grell, fast giftig. Die Blumenkronen schienen grösser, vom Wasser beschwert. Fast schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter den Steinen höhlten sich Löcher. Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brüche zeigten sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen schlugen sie.Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass[pg 72]man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen ein und vergrösserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell über Saiten läuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die Regenstriche schienen blank und sprühend. Einen Moment funkelte Alles. Ein Regenbogen stand sicher geschwungen über der Landschaft, ein zweiter verschwamm zitternd im Grauen.Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu piepen.... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am Waldrand schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die einzelnen Bäume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken, Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten, Röthen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von Hexenkraft, Räthselhaftig[pg 73]keit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit merkenden Lichtern, spitzte die Horcher, eh’ es sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. Man glaubte den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hören, wie sie sich bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blättchen an Blättchen faltete sich in drängender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun waren die äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der Eier, das man isst.Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf seinen Knieen, aber er las nicht.Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du hältst?“Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, viele Bücher, alle Bücher der Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr[pg 74]Wissen ist Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den Baum.„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken Wurzeln, unter der Erde gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt sich stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fügt sich mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene Zukünftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht. Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in fächernde Finger.„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fügen sich in schärferer Steigung die oberen.„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kräfte, die die Aeste leiten. Zur äussersten Spitze des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben,[pg 75]grossmüthig und doch sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend steht es in der Blüthe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er lebte.“Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch und den Baum und folge mir.“So folgte ihm dieser.Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut mehrten sie täglich und sie hatten zusammen ein schönes Haus gebaut, dass sie dort auf ihrem Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten.Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich mehrt von der Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich steht? Wir müssen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben.“Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich kenne einen Fremden, der Worte weiss stärker[pg 76]wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“Er sprach, der der ältre Bruder war und der Weiseste von Beiden: „Diesen Mann muss ich hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, was das Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn Häuser bauen, die der Sturm einreisst.“Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von nachdenklicher Gemüthsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt, ist etwas vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt geschaffen hat. Er hält in seiner Hand Thon und Mörtel. Was er baut, soll für Jahre und Jahrzehnte sein, wohlgegründet und ausgemessen in allen seinen Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt unter zu schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten Fenstern.[pg 77]Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der Rasenhöhe über dem Teich, sprach er zu ihnen.Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und Knechte, die streben und hochstehen.Von den Thörichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen süsse, geheimnissvolle Worte. Und von der Güte der Unklugen, die weiser ist denn Weisheit und stärker denn Stärke aller Gewaffneten und Starken.Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen, unbewussten, gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit ihren Säuglingen an der Brust, die nach der nährenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit ihren rosigen Händchen.„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über dem Gesetz. Alles Gesetz ist in ihr.“„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und Deines Bruders wie Deins.“[pg 78]„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Sünde. Der Gedanke der Wollust schlägt und beschädigt.“„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar, weil Euer Denken Wahrheit ist.“„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der Stein, der geworfen wird und in’s Wasser fällt.“„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie köstlichste Seide waren ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf grünen Stengeln trugen sie ihre Häupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren Düften und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel kamen sorglos und pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer, Gewürme – ein tausendfältiges Leben.„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige erfüllt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schätze. Die Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen.“[pg 79]„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass der Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der Welt steht der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist in Euch und Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne Könige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind.“Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund, dem die Worte entströmten, die Hände lang und fein mit heilender Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, in immer lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, über die Erde gestellt mit grünsammetnem Rain, – einen König im schlichten Bettlergewand, einen Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.Die Leute kamen von weit, ihn zu hören.Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehört, so oder so.“ – Aber sie hatten viel zu thun und gingen.Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien[pg 80]sind das.“ – Sie erklärten lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Güter anders vertheilte.Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie sie vorher gethan hatten.Und war Niemand, der ihn verstand.[pg 81]Das fünfte Kapitel.Es begab sich, da er müde war, setzte er sich nieder an einem Brunnen.Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine wehende Schleier. In der gemauerten Höhlung hörte man es murmeln vom schwärzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war grün, sammetgrün mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn es war Abenddämmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hörte das Locken der Vögel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen.Er setzte sich auf die Steinbrüstung des Brunnens.[pg 82]Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie führte ein weisses Pferd am Zügel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag nicht hörte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemühen, die Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nüstern. Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre hängende Hand. Sie ging in tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer wären für ihren schmalen Kopf. Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und führte das weisse Pferd am Zügel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein edles, geduldiges, sehr feines Thier.Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.[pg 83]Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.Sie hob die Augen auf und sah ihn.„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der Fremde.„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst in dem der Natur, der über diesem Ort lagert. – Warum ist sie unglücklich?“„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn[pg 84]wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, Andre quälend und gequält von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist der Tod.“„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der Fremde.„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese Schmerzen müssen unsterblich sein.“„Die Schmerzen sind unsterblich.“„Die Ahnung des Unendlichen – diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste, was wir haben. – Es ist sehr schmerzlich.“„Leiden ist schön.“„Ja, es ist schön. Ich möchte nicht ohne es sein. – Doch die Andern sind glücklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?“„Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergänglich.“„Sie auch, diese Bäume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gäbe eine Vollkommenheit für sie? Eine Erfüllung? Wo ist sie?“„Ahnst Du sie nicht? – Sieh in die Weite!“ ...„Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen[pg 85]Zusammenklang, einen verlornen, fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Sünde: Einer hat Einen getödtet. Man tödtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erlöst? ... Aber es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltäglich“ ...„Sie sind weitab.“Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Füssen gelagert, sah sie an mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter fortwährend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse Pferd. Man hörte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen starken, höckrigen Zähnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie wenn es antwortete, als röche es den Frühling.„Ja, ja,“ sagte sie athemlos. „Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein. Man quält auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?“„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es finden, selber in sich finden. Dann ist es der Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“[pg 86]Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten sich in dem Schleier, der über die Felder ging. Es war, als ob die Farbe der Felder in sie eindränge und es bliebe nureineFarbe in ihren Augen und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, die höhlen, klopfen.„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist der Weg.“„So ist es.“„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe ge[pg 87]sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er auch, war ein König. In seinem Auge las ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“„Nichts ist seltsam.“„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. Manchmal in Büchern, in der sehr grossen Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn,[pg 88]an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern einer Schmiede.„Warum denkst Du?“ fragte er gütig.„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen zu erklären,einWissen für Alle, Gesetze sucht, weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... weil Frauen lieben.“„Und Gott?“ fragte er.„Gott auch liebt,“ sagte sie träumend. „Er hasst nicht. Das Gute ist dasselbe wie das Böse. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und nichts schlecht. Es ist wie es ist.“Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die müde Traurigkeit erschien wieder in ihrer Haltung, dem Körper, der sich zurückbog, während die Linie des Halses straff wurde.„... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten. Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser.“„Es ist besser hier.“[pg 89]„Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles müsste mit hinein. Viel, viel mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit – weit ...“Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt über die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe schien weitgerückt, aufgesogen im Allen ...Eine Fledermaus strich leise mit unhörbaren, schwarzen, tappenden Schwingen. Näher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr deutlich sah man die feinen Krallennägel, zwischen denen die Flughäute angemacht waren gleich Stofffächern eines Regenschirms, den kleinen, platten Kopf mit spitzen Zähnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten Männchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und hamsterten leise in sich hinein wie Geizhälse. Ein Fuchs schlich auf Raub mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe.Ganz fern quakten Frösche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem auf.[pg 90]Sehr lange sassen sie.Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du bist näher wie die Andern.“

[pg 47]Das dritte Kapitel.Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser würde. In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden Witze. Man hätte sich fast vermisst, wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der[pg 48]Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen mit einer ganz kleinen Hündin, einer proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter als die Männer; es war bekannt, dass einige der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre männlichen Kollegen im Schach hielt.Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees,[pg 49]der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. Manerwarteteden Anfang der Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares sähe.Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismässig.Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner[pg 50]Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich und kam in weissen Handschuhen.Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, aus Princip. Und man wusste, dass es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; man „entwickelte sich“.Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. Alles das ging rasch, wenig theatermässig. Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand[pg 51]zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll zum Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, deutlich hörbar in der geübten Stimme des Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So war er sachlich geworden, ein Typus, wie so[pg 52]mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl – sie!Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, mittelmässigen Masse.Siewaren die[pg 53]jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte sowas nicht mehr.Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen:[pg 54]„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität.Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne herunter.Die Versammlung löste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe gewesen.[pg 55]Der Pastor vereinigte sich mit dem berühmten Führer. Er sprach eifrig auf ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn der Andre nicht. Schliesslich – diese Leute thaten seine Arbeit.Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an.Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten sahen ihn.„Wer war der Mann?“ fragte der Pastor.Der Abgeordnete zuckte die Achseln. „Ich kenne ihn nicht.“ Er hatte Eile, nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen.„Ein grosser Mann,“ sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da am Ausgang und hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah ihm nach. Seine Backenknochen glühten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. „Was er sagt ist wahr. Er versteht’s.“„Ein grosser Mann,“ sagte der Fremde.Die ganze Masse schob an ihnen vorüber. Die Veteraninnen sprachen sehr laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entrüsteten sich über[pg 56]wieder einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer backen. Sie gaben Parolen aus für den nächsten Tag und Rendezvous in den Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantität hatte ihnen nicht genügt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepökelt gewesen war wie Pökelhäringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehörten zur Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Häuptling hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der über diesen Mann ging, und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fünf Jahren zu den nächsten fünf Jahren.Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz dünnen, kleinen Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wüsste, wo er wäre. Seine vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine nachdenkliche, zärtliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er sich entschuldigen wollte, dass er an[pg 57]fragte – aber man wusste nicht, ob er überhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus, mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas von einem Kind, oder auch von einem hülflosen getretnen Thier. Er seufzte und blickte in das Laternenlicht. „Es ist schon elf Uhr,“ sagte der Anarchist.Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf abstand. Seine Haare fielen gerade über seine Ohren und waren lange nicht geschnitten. Wenn er sprach, lächelte er jedesmal, ein schüchternes Lächeln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und Wichtiges sagen möchte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von einem Wurm, und hüpfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte.Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher![pg 58]Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine Lungen brennen und flattern unter ihr.„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ entschuldigte er sich.„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ einen Mann!“Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese Stimme, den Mann, der sprach, während er nur husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, als durch dieKrankheitvon innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag.[pg 59]Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern den Anblick seiner Schwäche zu ersparen.„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf unsrer Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die Gerechtigkeit muss aufkommen.“Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, wie aufgespiesst an einer glühenden Nadel.Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten[pg 60]sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich lärmend stiessen.Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend mit Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in Schatten ...„Man müsste es machen wie die Thiere,“ sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit[pg 61]den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen.“Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, ungläubiges Lachen. Es sollte um Entschuldigung bitten für ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel Dinge. Er wusste nicht ...„Man fühlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fühlt sie auch nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel, ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich über Alles nach. O, es giebt sehr viele Sachen! Wenn man wüsste ... Vielleicht ist es auch nicht gut. Man muss essen.„... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Mögliche, diese Kleinen. Aber sie können nichts sagen. Die Todten können auch nichts sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun, diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade,[pg 62]wem es gezeigt wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an eine Seele.“ ...Nervös, schüchtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden Stimme. Er war wohl gewöhnt, dass man ihn oft für verrückt hielt. Vielleicht war er auch etwas blödsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse. Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfüllte ihn eine schlechte Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende und durchgeistigte Persönlichkeit. Häufig war er auch traurig und verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken hielten ihn wach des Nachts.Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhörte. Gerade über diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch über ihn her. Manchmal versteckten sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwämme. Diese Wolken zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwährend. Manchmal waren sie[pg 63]Kameele, hüpfende Känguruhs oder grosse Schildkröten. Oder auch nur Dämpfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kämpften die Laternenstrahlen. Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten von Gesims oder Mauern leuchteten urplötzlich auf im Dunkeln. Festes schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt, Dach an Dach und Schornstein über Schornstein. Aber das fratzenhafte, lügnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte.Eine letzte Pferdebahn hielt am äussersten Ende des Platzes. Die Pferde waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war.Sie waren alle Drei stehen geblieben.Die beiden Männer sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie warteten. Sie standen da und warteten, fröstelnd, etwas benommen, zwinkernd in das Halblicht ...Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die Rastlosigkeit vorbei und weiter.[pg 64]Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas blöden Augen von einem unbestimmten, sanften Grau mit grünlichen Lichtern, Augen von Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln irreführte im Dunkeln, – Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, weitoffene Stirnen über fliehenden, demüthigen Unterpartien gutartiger Hunde.Sie warteten.[pg 65]Das vierte Kapitel.Er ging auf’s Land.Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse. Oder eine andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr ausgefahren, in einer flachen Tränke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen, primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab ärmliche Häuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thür hatten; weisse Gardinen umrahmten die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten begraben, eh’ man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach[pg 66]dem verwitterten Holzthurm. Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem Wirthshaus stand irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder Linde. Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen dachten, dass sie etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes davon abhinge. Die Hühner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte friedlich neben den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen Tränke am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Füssen. Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar nichts, und sahen ihm nach.[pg 67]In den Feldern war man an der Arbeit. Männer stiessen die Pflugschar, langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. Die Erde wellte sich hier in grossen Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue, Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde war da, und die Menschen waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine, schüchterne Hälmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen[pg 68]kraxend über die Felder. Ganz oben zogen Schwärme wilder Gänse in mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden, Vorgeborner, Eddabewohner.Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern oder an den Abhängen. Die Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie trugen Laubwälder, braun und grün, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, ganz jungen Hölzern bestanden, zwischen denen man Korn gesät hatte, um den Boden fruchtbar zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in grüne Wirrnisse, neue Seitenthäler und auf hohe ernste Wände. Am Wege rankte Brombeergesträuch und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne, niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten spaziren können, Thau schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen geschichteten Würfeln. Jedes[pg 69]Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Gräsern kam ein Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich drängte, Hof neben Hof, stattliche Höfe mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen, weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten bildeten den Reichthum der Gegend. Selbst das Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Mützen, weiten Röcken und verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und wünschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.... Manchmal ging er sehr früh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun[pg 70]mit stumpfen Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige, unendlich winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Härchen besetzten Oberfläche. Die Kräuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies mit einem Geruch von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen einer Brücke floss breit ausgelaufen ein Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen würde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thätigkeit des Wassers, das filterte, sich einsackte.Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten sehr schnell in der Berührung, wie Tasten eines Klaviers, die man nacheinander anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, eine Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung. Sie schüttelten die Köpfe, rauschten und raunten.Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im Gesicht, den der Wind nach[pg 71]Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen, wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte das Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. Aber es kam noch nicht durch. Sie schützten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, plätscherte ... Es regnete.Im Frühlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien ohne Farbe, sehr jung noch, wie ebenausgebrütet,als ob die Eihäutchen noch herum wären, eine Fötuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte. Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde grell, fast giftig. Die Blumenkronen schienen grösser, vom Wasser beschwert. Fast schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter den Steinen höhlten sich Löcher. Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brüche zeigten sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen schlugen sie.Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass[pg 72]man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen ein und vergrösserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell über Saiten läuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die Regenstriche schienen blank und sprühend. Einen Moment funkelte Alles. Ein Regenbogen stand sicher geschwungen über der Landschaft, ein zweiter verschwamm zitternd im Grauen.Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu piepen.... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am Waldrand schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die einzelnen Bäume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken, Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten, Röthen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von Hexenkraft, Räthselhaftig[pg 73]keit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit merkenden Lichtern, spitzte die Horcher, eh’ es sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. Man glaubte den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hören, wie sie sich bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blättchen an Blättchen faltete sich in drängender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun waren die äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der Eier, das man isst.Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf seinen Knieen, aber er las nicht.Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du hältst?“Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, viele Bücher, alle Bücher der Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr[pg 74]Wissen ist Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den Baum.„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken Wurzeln, unter der Erde gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt sich stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fügt sich mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene Zukünftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht. Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in fächernde Finger.„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fügen sich in schärferer Steigung die oberen.„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kräfte, die die Aeste leiten. Zur äussersten Spitze des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben,[pg 75]grossmüthig und doch sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend steht es in der Blüthe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er lebte.“Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch und den Baum und folge mir.“So folgte ihm dieser.Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut mehrten sie täglich und sie hatten zusammen ein schönes Haus gebaut, dass sie dort auf ihrem Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten.Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich mehrt von der Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich steht? Wir müssen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben.“Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich kenne einen Fremden, der Worte weiss stärker[pg 76]wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“Er sprach, der der ältre Bruder war und der Weiseste von Beiden: „Diesen Mann muss ich hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, was das Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn Häuser bauen, die der Sturm einreisst.“Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von nachdenklicher Gemüthsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt, ist etwas vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt geschaffen hat. Er hält in seiner Hand Thon und Mörtel. Was er baut, soll für Jahre und Jahrzehnte sein, wohlgegründet und ausgemessen in allen seinen Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt unter zu schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten Fenstern.[pg 77]Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der Rasenhöhe über dem Teich, sprach er zu ihnen.Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und Knechte, die streben und hochstehen.Von den Thörichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen süsse, geheimnissvolle Worte. Und von der Güte der Unklugen, die weiser ist denn Weisheit und stärker denn Stärke aller Gewaffneten und Starken.Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen, unbewussten, gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit ihren Säuglingen an der Brust, die nach der nährenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit ihren rosigen Händchen.„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über dem Gesetz. Alles Gesetz ist in ihr.“„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und Deines Bruders wie Deins.“[pg 78]„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Sünde. Der Gedanke der Wollust schlägt und beschädigt.“„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar, weil Euer Denken Wahrheit ist.“„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der Stein, der geworfen wird und in’s Wasser fällt.“„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie köstlichste Seide waren ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf grünen Stengeln trugen sie ihre Häupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren Düften und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel kamen sorglos und pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer, Gewürme – ein tausendfältiges Leben.„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige erfüllt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schätze. Die Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen.“[pg 79]„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass der Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der Welt steht der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist in Euch und Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne Könige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind.“Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund, dem die Worte entströmten, die Hände lang und fein mit heilender Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, in immer lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, über die Erde gestellt mit grünsammetnem Rain, – einen König im schlichten Bettlergewand, einen Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.Die Leute kamen von weit, ihn zu hören.Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehört, so oder so.“ – Aber sie hatten viel zu thun und gingen.Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien[pg 80]sind das.“ – Sie erklärten lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Güter anders vertheilte.Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie sie vorher gethan hatten.Und war Niemand, der ihn verstand.[pg 81]Das fünfte Kapitel.Es begab sich, da er müde war, setzte er sich nieder an einem Brunnen.Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine wehende Schleier. In der gemauerten Höhlung hörte man es murmeln vom schwärzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war grün, sammetgrün mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn es war Abenddämmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hörte das Locken der Vögel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen.Er setzte sich auf die Steinbrüstung des Brunnens.[pg 82]Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie führte ein weisses Pferd am Zügel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag nicht hörte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemühen, die Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nüstern. Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre hängende Hand. Sie ging in tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer wären für ihren schmalen Kopf. Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und führte das weisse Pferd am Zügel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein edles, geduldiges, sehr feines Thier.Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.[pg 83]Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.Sie hob die Augen auf und sah ihn.„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der Fremde.„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst in dem der Natur, der über diesem Ort lagert. – Warum ist sie unglücklich?“„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn[pg 84]wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, Andre quälend und gequält von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist der Tod.“„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der Fremde.„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese Schmerzen müssen unsterblich sein.“„Die Schmerzen sind unsterblich.“„Die Ahnung des Unendlichen – diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste, was wir haben. – Es ist sehr schmerzlich.“„Leiden ist schön.“„Ja, es ist schön. Ich möchte nicht ohne es sein. – Doch die Andern sind glücklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?“„Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergänglich.“„Sie auch, diese Bäume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gäbe eine Vollkommenheit für sie? Eine Erfüllung? Wo ist sie?“„Ahnst Du sie nicht? – Sieh in die Weite!“ ...„Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen[pg 85]Zusammenklang, einen verlornen, fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Sünde: Einer hat Einen getödtet. Man tödtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erlöst? ... Aber es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltäglich“ ...„Sie sind weitab.“Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Füssen gelagert, sah sie an mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter fortwährend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse Pferd. Man hörte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen starken, höckrigen Zähnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie wenn es antwortete, als röche es den Frühling.„Ja, ja,“ sagte sie athemlos. „Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein. Man quält auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?“„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es finden, selber in sich finden. Dann ist es der Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“[pg 86]Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten sich in dem Schleier, der über die Felder ging. Es war, als ob die Farbe der Felder in sie eindränge und es bliebe nureineFarbe in ihren Augen und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, die höhlen, klopfen.„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist der Weg.“„So ist es.“„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe ge[pg 87]sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er auch, war ein König. In seinem Auge las ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“„Nichts ist seltsam.“„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. Manchmal in Büchern, in der sehr grossen Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn,[pg 88]an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern einer Schmiede.„Warum denkst Du?“ fragte er gütig.„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen zu erklären,einWissen für Alle, Gesetze sucht, weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... weil Frauen lieben.“„Und Gott?“ fragte er.„Gott auch liebt,“ sagte sie träumend. „Er hasst nicht. Das Gute ist dasselbe wie das Böse. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und nichts schlecht. Es ist wie es ist.“Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die müde Traurigkeit erschien wieder in ihrer Haltung, dem Körper, der sich zurückbog, während die Linie des Halses straff wurde.„... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten. Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser.“„Es ist besser hier.“[pg 89]„Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles müsste mit hinein. Viel, viel mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit – weit ...“Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt über die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe schien weitgerückt, aufgesogen im Allen ...Eine Fledermaus strich leise mit unhörbaren, schwarzen, tappenden Schwingen. Näher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr deutlich sah man die feinen Krallennägel, zwischen denen die Flughäute angemacht waren gleich Stofffächern eines Regenschirms, den kleinen, platten Kopf mit spitzen Zähnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten Männchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und hamsterten leise in sich hinein wie Geizhälse. Ein Fuchs schlich auf Raub mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe.Ganz fern quakten Frösche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem auf.[pg 90]Sehr lange sassen sie.Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du bist näher wie die Andern.“

[pg 47]Das dritte Kapitel.Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser würde. In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden Witze. Man hätte sich fast vermisst, wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der[pg 48]Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen mit einer ganz kleinen Hündin, einer proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter als die Männer; es war bekannt, dass einige der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre männlichen Kollegen im Schach hielt.Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees,[pg 49]der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. Manerwarteteden Anfang der Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares sähe.Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismässig.Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner[pg 50]Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich und kam in weissen Handschuhen.Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, aus Princip. Und man wusste, dass es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; man „entwickelte sich“.Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. Alles das ging rasch, wenig theatermässig. Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand[pg 51]zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll zum Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, deutlich hörbar in der geübten Stimme des Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So war er sachlich geworden, ein Typus, wie so[pg 52]mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl – sie!Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, mittelmässigen Masse.Siewaren die[pg 53]jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte sowas nicht mehr.Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen:[pg 54]„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität.Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne herunter.Die Versammlung löste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe gewesen.[pg 55]Der Pastor vereinigte sich mit dem berühmten Führer. Er sprach eifrig auf ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn der Andre nicht. Schliesslich – diese Leute thaten seine Arbeit.Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an.Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten sahen ihn.„Wer war der Mann?“ fragte der Pastor.Der Abgeordnete zuckte die Achseln. „Ich kenne ihn nicht.“ Er hatte Eile, nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen.„Ein grosser Mann,“ sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da am Ausgang und hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah ihm nach. Seine Backenknochen glühten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. „Was er sagt ist wahr. Er versteht’s.“„Ein grosser Mann,“ sagte der Fremde.Die ganze Masse schob an ihnen vorüber. Die Veteraninnen sprachen sehr laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entrüsteten sich über[pg 56]wieder einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer backen. Sie gaben Parolen aus für den nächsten Tag und Rendezvous in den Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantität hatte ihnen nicht genügt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepökelt gewesen war wie Pökelhäringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehörten zur Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Häuptling hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der über diesen Mann ging, und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fünf Jahren zu den nächsten fünf Jahren.Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz dünnen, kleinen Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wüsste, wo er wäre. Seine vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine nachdenkliche, zärtliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er sich entschuldigen wollte, dass er an[pg 57]fragte – aber man wusste nicht, ob er überhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus, mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas von einem Kind, oder auch von einem hülflosen getretnen Thier. Er seufzte und blickte in das Laternenlicht. „Es ist schon elf Uhr,“ sagte der Anarchist.Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf abstand. Seine Haare fielen gerade über seine Ohren und waren lange nicht geschnitten. Wenn er sprach, lächelte er jedesmal, ein schüchternes Lächeln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und Wichtiges sagen möchte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von einem Wurm, und hüpfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte.Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher![pg 58]Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine Lungen brennen und flattern unter ihr.„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ entschuldigte er sich.„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ einen Mann!“Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese Stimme, den Mann, der sprach, während er nur husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, als durch dieKrankheitvon innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag.[pg 59]Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern den Anblick seiner Schwäche zu ersparen.„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf unsrer Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die Gerechtigkeit muss aufkommen.“Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, wie aufgespiesst an einer glühenden Nadel.Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten[pg 60]sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich lärmend stiessen.Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend mit Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in Schatten ...„Man müsste es machen wie die Thiere,“ sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit[pg 61]den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen.“Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, ungläubiges Lachen. Es sollte um Entschuldigung bitten für ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel Dinge. Er wusste nicht ...„Man fühlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fühlt sie auch nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel, ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich über Alles nach. O, es giebt sehr viele Sachen! Wenn man wüsste ... Vielleicht ist es auch nicht gut. Man muss essen.„... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Mögliche, diese Kleinen. Aber sie können nichts sagen. Die Todten können auch nichts sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun, diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade,[pg 62]wem es gezeigt wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an eine Seele.“ ...Nervös, schüchtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden Stimme. Er war wohl gewöhnt, dass man ihn oft für verrückt hielt. Vielleicht war er auch etwas blödsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse. Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfüllte ihn eine schlechte Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende und durchgeistigte Persönlichkeit. Häufig war er auch traurig und verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken hielten ihn wach des Nachts.Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhörte. Gerade über diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch über ihn her. Manchmal versteckten sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwämme. Diese Wolken zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwährend. Manchmal waren sie[pg 63]Kameele, hüpfende Känguruhs oder grosse Schildkröten. Oder auch nur Dämpfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kämpften die Laternenstrahlen. Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten von Gesims oder Mauern leuchteten urplötzlich auf im Dunkeln. Festes schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt, Dach an Dach und Schornstein über Schornstein. Aber das fratzenhafte, lügnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte.Eine letzte Pferdebahn hielt am äussersten Ende des Platzes. Die Pferde waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war.Sie waren alle Drei stehen geblieben.Die beiden Männer sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie warteten. Sie standen da und warteten, fröstelnd, etwas benommen, zwinkernd in das Halblicht ...Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die Rastlosigkeit vorbei und weiter.[pg 64]Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas blöden Augen von einem unbestimmten, sanften Grau mit grünlichen Lichtern, Augen von Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln irreführte im Dunkeln, – Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, weitoffene Stirnen über fliehenden, demüthigen Unterpartien gutartiger Hunde.Sie warteten.

Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser würde. In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden Witze. Man hätte sich fast vermisst, wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der[pg 48]Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen mit einer ganz kleinen Hündin, einer proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter als die Männer; es war bekannt, dass einige der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre männlichen Kollegen im Schach hielt.

Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees,[pg 49]der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. Manerwarteteden Anfang der Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares sähe.

Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismässig.

Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner[pg 50]Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich und kam in weissen Handschuhen.

Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, aus Princip. Und man wusste, dass es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; man „entwickelte sich“.

Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. Alles das ging rasch, wenig theatermässig. Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand[pg 51]zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll zum Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.

Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, deutlich hörbar in der geübten Stimme des Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So war er sachlich geworden, ein Typus, wie so[pg 52]mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl – sie!

Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, mittelmässigen Masse.Siewaren die[pg 53]jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.

Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte sowas nicht mehr.

Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen:[pg 54]„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität.

Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne herunter.

Die Versammlung löste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe gewesen.

Der Pastor vereinigte sich mit dem berühmten Führer. Er sprach eifrig auf ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn der Andre nicht. Schliesslich – diese Leute thaten seine Arbeit.

Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an.

Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten sahen ihn.

„Wer war der Mann?“ fragte der Pastor.

Der Abgeordnete zuckte die Achseln. „Ich kenne ihn nicht.“ Er hatte Eile, nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen.

„Ein grosser Mann,“ sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da am Ausgang und hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah ihm nach. Seine Backenknochen glühten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. „Was er sagt ist wahr. Er versteht’s.“

„Ein grosser Mann,“ sagte der Fremde.

Die ganze Masse schob an ihnen vorüber. Die Veteraninnen sprachen sehr laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entrüsteten sich über[pg 56]wieder einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer backen. Sie gaben Parolen aus für den nächsten Tag und Rendezvous in den Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantität hatte ihnen nicht genügt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepökelt gewesen war wie Pökelhäringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehörten zur Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Häuptling hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der über diesen Mann ging, und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fünf Jahren zu den nächsten fünf Jahren.

Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz dünnen, kleinen Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wüsste, wo er wäre. Seine vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine nachdenkliche, zärtliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er sich entschuldigen wollte, dass er an[pg 57]fragte – aber man wusste nicht, ob er überhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus, mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas von einem Kind, oder auch von einem hülflosen getretnen Thier. Er seufzte und blickte in das Laternenlicht. „Es ist schon elf Uhr,“ sagte der Anarchist.

Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf abstand. Seine Haare fielen gerade über seine Ohren und waren lange nicht geschnitten. Wenn er sprach, lächelte er jedesmal, ein schüchternes Lächeln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und Wichtiges sagen möchte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von einem Wurm, und hüpfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte.

Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrückt hatte, der so gut sprach, eine Stimme war, auf die man hörte, für die armen Leute. Die gebildeten, sachlichen Sätze hatten ihm imponirt. Sicher![pg 58]Das wandte sich zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fühlte seine Lungen brennen und flattern unter ihr.

„Es ist immer am schlimmsten des Abends,“ entschuldigte er sich.

„Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. Das ist bewunderungswürdig für solch’ einen Mann!“

Er war rührend in seiner Zärtlichkeit für diese Stimme, den Mann, der sprach, während er nur husten konnte, unnütz sein Blut ausspie, in das Taschentuch, das sich färbte, klebrig wurde zwischen seinen dünnen, fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen durch die harte Arbeit, roher, oberflächlicher, als durch dieKrankheitvon innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.

„Wir werden es ja nie erleben,“ sagte er friedlich. „Aber die Andern, die nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag.[pg 59]Sie können nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Völker sind Brüder. Man arbeitet. Man lebt“ ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den Andern den Anblick seiner Schwäche zu ersparen.

„Ich – ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf unsrer Seite. Nur Zeit braucht’s. Man hört. Man liest Bücher. Die Vernunft muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es wirklich ist. Man kommt vorwärts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die Gerechtigkeit muss aufkommen.“

Alle diese kleinen Sätze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von Hustenanfällen unterbrochen, die ihn quälten, seinen Körper schmerzhaft zusammenkrümmten, wie aufgespiesst an einer glühenden Nadel.

Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwärts. Es trieb sie ohne ihren Willen. Vielleicht wussten[pg 60]sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von Geld: „Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fünfundvierzig müsste man haben.“ Ein junges Mädchen trug einen grossen Carton. Sie trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich lärmend stiessen.

Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine bräunliche, zähe Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte Billard. Man sah die grauen Hauswände feuchtigkeitstriefend mit Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit müden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in Schatten ...

„Man müsste es machen wie die Thiere,“ sagte der Anarchist. „Thiere sind klüger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. – Aber es giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und mit[pg 61]den Händen in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Königin Luise gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen.“

Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, ungläubiges Lachen. Es sollte um Entschuldigung bitten für ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel Dinge. Er wusste nicht ...

„Man fühlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fühlt sie auch nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel, ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich über Alles nach. O, es giebt sehr viele Sachen! Wenn man wüsste ... Vielleicht ist es auch nicht gut. Man muss essen.

„... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Mögliche, diese Kleinen. Aber sie können nichts sagen. Die Todten können auch nichts sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun, diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade,[pg 62]wem es gezeigt wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an eine Seele.“ ...

Nervös, schüchtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden Stimme. Er war wohl gewöhnt, dass man ihn oft für verrückt hielt. Vielleicht war er auch etwas blödsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse. Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfüllte ihn eine schlechte Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende und durchgeistigte Persönlichkeit. Häufig war er auch traurig und verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken hielten ihn wach des Nachts.

Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhörte. Gerade über diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch über ihn her. Manchmal versteckten sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwämme. Diese Wolken zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwährend. Manchmal waren sie[pg 63]Kameele, hüpfende Känguruhs oder grosse Schildkröten. Oder auch nur Dämpfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kämpften die Laternenstrahlen. Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten von Gesims oder Mauern leuchteten urplötzlich auf im Dunkeln. Festes schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt, Dach an Dach und Schornstein über Schornstein. Aber das fratzenhafte, lügnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte.

Eine letzte Pferdebahn hielt am äussersten Ende des Platzes. Die Pferde waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war.

Sie waren alle Drei stehen geblieben.

Die beiden Männer sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie warteten. Sie standen da und warteten, fröstelnd, etwas benommen, zwinkernd in das Halblicht ...

Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die Rastlosigkeit vorbei und weiter.

Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas blöden Augen von einem unbestimmten, sanften Grau mit grünlichen Lichtern, Augen von Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln irreführte im Dunkeln, – Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, weitoffene Stirnen über fliehenden, demüthigen Unterpartien gutartiger Hunde.

Sie warteten.

[pg 65]Das vierte Kapitel.Er ging auf’s Land.Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse. Oder eine andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr ausgefahren, in einer flachen Tränke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen, primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab ärmliche Häuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thür hatten; weisse Gardinen umrahmten die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten begraben, eh’ man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach[pg 66]dem verwitterten Holzthurm. Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem Wirthshaus stand irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder Linde. Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen dachten, dass sie etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes davon abhinge. Die Hühner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte friedlich neben den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen Tränke am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Füssen. Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar nichts, und sahen ihm nach.[pg 67]In den Feldern war man an der Arbeit. Männer stiessen die Pflugschar, langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. Die Erde wellte sich hier in grossen Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue, Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde war da, und die Menschen waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine, schüchterne Hälmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen[pg 68]kraxend über die Felder. Ganz oben zogen Schwärme wilder Gänse in mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden, Vorgeborner, Eddabewohner.Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern oder an den Abhängen. Die Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie trugen Laubwälder, braun und grün, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, ganz jungen Hölzern bestanden, zwischen denen man Korn gesät hatte, um den Boden fruchtbar zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in grüne Wirrnisse, neue Seitenthäler und auf hohe ernste Wände. Am Wege rankte Brombeergesträuch und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne, niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten spaziren können, Thau schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen geschichteten Würfeln. Jedes[pg 69]Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Gräsern kam ein Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich drängte, Hof neben Hof, stattliche Höfe mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen, weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten bildeten den Reichthum der Gegend. Selbst das Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Mützen, weiten Röcken und verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und wünschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.... Manchmal ging er sehr früh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun[pg 70]mit stumpfen Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige, unendlich winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Härchen besetzten Oberfläche. Die Kräuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies mit einem Geruch von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen einer Brücke floss breit ausgelaufen ein Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen würde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thätigkeit des Wassers, das filterte, sich einsackte.Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten sehr schnell in der Berührung, wie Tasten eines Klaviers, die man nacheinander anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, eine Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung. Sie schüttelten die Köpfe, rauschten und raunten.Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im Gesicht, den der Wind nach[pg 71]Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen, wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte das Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. Aber es kam noch nicht durch. Sie schützten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, plätscherte ... Es regnete.Im Frühlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien ohne Farbe, sehr jung noch, wie ebenausgebrütet,als ob die Eihäutchen noch herum wären, eine Fötuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte. Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde grell, fast giftig. Die Blumenkronen schienen grösser, vom Wasser beschwert. Fast schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter den Steinen höhlten sich Löcher. Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brüche zeigten sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen schlugen sie.Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass[pg 72]man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen ein und vergrösserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell über Saiten läuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die Regenstriche schienen blank und sprühend. Einen Moment funkelte Alles. Ein Regenbogen stand sicher geschwungen über der Landschaft, ein zweiter verschwamm zitternd im Grauen.Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu piepen.... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am Waldrand schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die einzelnen Bäume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken, Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten, Röthen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von Hexenkraft, Räthselhaftig[pg 73]keit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit merkenden Lichtern, spitzte die Horcher, eh’ es sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. Man glaubte den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hören, wie sie sich bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blättchen an Blättchen faltete sich in drängender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun waren die äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der Eier, das man isst.Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf seinen Knieen, aber er las nicht.Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du hältst?“Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, viele Bücher, alle Bücher der Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr[pg 74]Wissen ist Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den Baum.„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken Wurzeln, unter der Erde gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt sich stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fügt sich mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene Zukünftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht. Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in fächernde Finger.„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fügen sich in schärferer Steigung die oberen.„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kräfte, die die Aeste leiten. Zur äussersten Spitze des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben,[pg 75]grossmüthig und doch sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend steht es in der Blüthe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er lebte.“Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch und den Baum und folge mir.“So folgte ihm dieser.Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut mehrten sie täglich und sie hatten zusammen ein schönes Haus gebaut, dass sie dort auf ihrem Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten.Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich mehrt von der Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich steht? Wir müssen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben.“Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich kenne einen Fremden, der Worte weiss stärker[pg 76]wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“Er sprach, der der ältre Bruder war und der Weiseste von Beiden: „Diesen Mann muss ich hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, was das Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn Häuser bauen, die der Sturm einreisst.“Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von nachdenklicher Gemüthsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt, ist etwas vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt geschaffen hat. Er hält in seiner Hand Thon und Mörtel. Was er baut, soll für Jahre und Jahrzehnte sein, wohlgegründet und ausgemessen in allen seinen Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt unter zu schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten Fenstern.[pg 77]Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der Rasenhöhe über dem Teich, sprach er zu ihnen.Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und Knechte, die streben und hochstehen.Von den Thörichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen süsse, geheimnissvolle Worte. Und von der Güte der Unklugen, die weiser ist denn Weisheit und stärker denn Stärke aller Gewaffneten und Starken.Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen, unbewussten, gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit ihren Säuglingen an der Brust, die nach der nährenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit ihren rosigen Händchen.„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über dem Gesetz. Alles Gesetz ist in ihr.“„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und Deines Bruders wie Deins.“[pg 78]„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Sünde. Der Gedanke der Wollust schlägt und beschädigt.“„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar, weil Euer Denken Wahrheit ist.“„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der Stein, der geworfen wird und in’s Wasser fällt.“„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie köstlichste Seide waren ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf grünen Stengeln trugen sie ihre Häupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren Düften und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel kamen sorglos und pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer, Gewürme – ein tausendfältiges Leben.„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige erfüllt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schätze. Die Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen.“[pg 79]„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass der Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der Welt steht der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist in Euch und Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne Könige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind.“Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund, dem die Worte entströmten, die Hände lang und fein mit heilender Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, in immer lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, über die Erde gestellt mit grünsammetnem Rain, – einen König im schlichten Bettlergewand, einen Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.Die Leute kamen von weit, ihn zu hören.Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehört, so oder so.“ – Aber sie hatten viel zu thun und gingen.Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien[pg 80]sind das.“ – Sie erklärten lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Güter anders vertheilte.Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie sie vorher gethan hatten.Und war Niemand, der ihn verstand.

Er ging auf’s Land.

Er kam durch Dörfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse. Oder eine andre zweigte sich ab vom Mündungsplatz, sehr ausgefahren, in einer flachen Tränke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen, primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab ärmliche Häuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thür hatten; weisse Gardinen umrahmten die Fenster über blühenden Töpfen. Recht in der Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten begraben, eh’ man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgültiges Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach[pg 66]dem verwitterten Holzthurm. Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem Wirthshaus stand irgend ein hundertjähriger Baum, eine Ulme oder Linde. Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste noch grüne Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen dachten, dass sie etwas Heiliges wäre und das Glück ihres Dorfes davon abhinge. Die Hühner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte friedlich neben den Menschen. Die Kühe tranken aus der steinernen Tränke am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Füssen. Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie müde waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar nichts, und sahen ihm nach.

In den Feldern war man an der Arbeit. Männer stiessen die Pflugschar, langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein Schattenriss abhob vom grauen Frühlingshimmel. Die Erde wellte sich hier in grossen Hügeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und wandte er sich, dem stärkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue, Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben gekräuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflüger. – Sie waren geschritten so seit Jahren. Ihre Väter hatten gepflügt. Die Erde war da, und die Menschen waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.

Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine, schüchterne Hälmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Krähen strichen[pg 68]kraxend über die Felder. Ganz oben zogen Schwärme wilder Gänse in mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden, Vorgeborner, Eddabewohner.

Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.

Sie wohnten dicht zusammengedrückt in Thälern oder an den Abhängen. Die Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit breitem, fichtenbestandnem Rücken, oder sie trugen Laubwälder, braun und grün, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestrüpp, ganz jungen Hölzern bestanden, zwischen denen man Korn gesät hatte, um den Boden fruchtbar zu machen. Schneisen öffneten Ausluge in grüne Wirrnisse, neue Seitenthäler und auf hohe ernste Wände. Am Wege rankte Brombeergesträuch und man sah zwischen Farrenkräuter wie in grüne, niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen hätten spaziren können, Thau schlürfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben Blüthenrüsseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen geschichteten Würfeln. Jedes[pg 69]Stück trug den Stempel, die Nummer. Manchmal aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Gräsern kam ein Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.

Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich drängte, Hof neben Hof, stattliche Höfe mit rothen Ziegeldächern und steinernen Ställen, weiter Einfriedigung für das Gelände. Obstgärten bildeten den Reichthum der Gegend. Selbst das Vieh war schöner, fett und glatthäutig, wie die Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Mützen, weiten Röcken und verschnürten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und wünschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.

... Manchmal ging er sehr früh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun[pg 70]mit stumpfen Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzählige, unendlich winzige Tröpfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Härchen besetzten Oberfläche. Die Kräuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fühlte die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies mit einem Geruch von frischer Wäsche. Zwischen rothen Steinfassungen einer Brücke floss breit ausgelaufen ein Mühlbach. Niemand wusste, ob es regnen würde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thätigkeit des Wassers, das filterte, sich einsackte.

Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten sehr schnell in der Berührung, wie Tasten eines Klaviers, die man nacheinander anklinkt, ein Spiel der Stäbe, die Zeichen geben, eine Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung. Sie schüttelten die Köpfe, rauschten und raunten.

Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im Gesicht, den der Wind nach[pg 71]Laune vor- und zurücktrieb. Graue Huschen zogen rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen, wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hörte das Klatschen auf nackte glatte Häute der Blätter. Aber es kam noch nicht durch. Sie schützten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, plätscherte ... Es regnete.

Im Frühlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien ohne Farbe, sehr jung noch, wie ebenausgebrütet,als ob die Eihäutchen noch herum wären, eine Fötuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte. Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Grün wurde grell, fast giftig. Die Blumenkronen schienen grösser, vom Wasser beschwert. Fast schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer Schweissgeruch des Brütens lagerte. Unter den Steinen höhlten sich Löcher. Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brüche zeigten sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen schlugen sie.

Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass[pg 72]man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen ein und vergrösserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell über Saiten läuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die Regenstriche schienen blank und sprühend. Einen Moment funkelte Alles. Ein Regenbogen stand sicher geschwungen über der Landschaft, ein zweiter verschwamm zitternd im Grauen.

Die Vögel fingen schüchtern wieder an zu piepen.

... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am Waldrand schien sich’s zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die einzelnen Bäume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelrücken, Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten, Röthen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwärts, frass sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von Hexenkraft, Räthselhaftig[pg 73]keit, Unerlöstem. Sehr sanft schmiegten sich die Saaten. – Ein Reh trat heraus. Es äugte mit merkenden Lichtern, spitzte die Horcher, eh’ es sich zum Aesen bückte. Dann kamen mehrere. Man glaubte den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hören, wie sie sich bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.

... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blättchen an Blättchen faltete sich in drängender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun waren die äussren, wie dünne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der Eier, das man isst.

Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf seinen Knieen, aber er las nicht.

Er sprach zu ihm: „Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du hältst?“

Er sprach: „Dieses Buch habe ich gelesen, viele Bücher, alle Bücher der Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr[pg 74]Wissen ist Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den Baum.

„Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken Wurzeln, unter der Erde gegründet wie über ihr. Der Mittelstamm reckt sich stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fügt sich mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene Zukünftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht. Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Höhlen, wo das Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in fächernde Finger.

„Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fügen sich in schärferer Steigung die oberen.

„Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kräfte, die die Aeste leiten. Zur äussersten Spitze des ärmlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der schwärt und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben,[pg 75]grossmüthig und doch sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend steht es in der Blüthe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von Anfang gegründet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er lebte.“

Er sprach: „Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch und den Baum und folge mir.“

So folgte ihm dieser.

Zwei Brüder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut mehrten sie täglich und sie hatten zusammen ein schönes Haus gebaut, dass sie dort auf ihrem Eignen sässen und ihre Tage friedlich endeten.

Sprach der Eine zum Andern: „Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich mehrt von der Arbeit unsrer Hände, unser Haus fest und stattlich steht? Wir müssen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben.“

Der Andre sprach zu seinem Bruder: „Ich kenne einen Fremden, der Worte weiss stärker[pg 76]wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern fassen es nicht, die stärker sind wie unsre.“

Er sprach, der der ältre Bruder war und der Weiseste von Beiden: „Diesen Mann muss ich hören. Und wenn ich alle meine Güter dahintenlasse, was das Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn Häuser bauen, die der Sturm einreisst.“

Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.

Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von nachdenklicher Gemüthsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt, ist etwas vom lieben Gott und Schöpfer selbst, der die Welt geschaffen hat. Er hält in seiner Hand Thon und Mörtel. Was er baut, soll für Jahre und Jahrzehnte sein, wohlgegründet und ausgemessen in allen seinen Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt unter zu schwerer Belastung von Schnörkeln, Pfeilern, buntausgemalten Fenstern.

Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.

Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der Rasenhöhe über dem Teich, sprach er zu ihnen.

Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und Knechte, die streben und hochstehen.

Von den Thörichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen süsse, geheimnissvolle Worte. Und von der Güte der Unklugen, die weiser ist denn Weisheit und stärker denn Stärke aller Gewaffneten und Starken.

Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen, unbewussten, gläubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen Meditationen. Mütter hielten sich lächelnd an mit ihren Säuglingen an der Brust, die nach der nährenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit ihren rosigen Händchen.

„Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist über dem Gesetz. Alles Gesetz ist in ihr.“

„Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und Deines Bruders wie Deins.“

„Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Sünde. Der Gedanke der Wollust schlägt und beschädigt.“

„Nicht das Wort ist Lüge, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar, weil Euer Denken Wahrheit ist.“

„Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der Stein, der geworfen wird und in’s Wasser fällt.“

„Und widerstrebet dem Uebel nicht.“

Die kleinen Blumen blühten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie köstlichste Seide waren ihre Blättchen. Die Staubfäden standen wie brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf grünen Stengeln trugen sie ihre Häupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren Düften und die Winde trugen ihre Samen. Die Vögel kamen sorglos und pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mückchen, Käfer, Gewürme – ein tausendfältiges Leben.

„Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige erfüllt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schätze. Die Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen.“

„Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stürme, Hass der Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der Welt steht der Mensch, der die Welt in sich trägt. Gott ist in Euch und Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein königliches Volk, ohne Könige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind.“

Sehr schön war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund, dem die Worte entströmten, die Hände lang und fein mit heilender Berührung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich über ihn, blau, ganz blau, in immer lichterem Blau bis zur lächelnden Sonne, über die Erde gestellt mit grünsammetnem Rain, – einen König im schlichten Bettlergewand, einen Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.

Die Leute kamen von weit, ihn zu hören.

Etliche sagten: „Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehört, so oder so.“ – Aber sie hatten viel zu thun und gingen.

Viele sagten: „Das ist Alles Lüge. Träumereien[pg 80]sind das.“ – Sie erklärten lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhören der Militairlasten oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Güter anders vertheilte.

Sie waren die Klügsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie sie vorher gethan hatten.

Und war Niemand, der ihn verstand.

[pg 81]Das fünfte Kapitel.Es begab sich, da er müde war, setzte er sich nieder an einem Brunnen.Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine wehende Schleier. In der gemauerten Höhlung hörte man es murmeln vom schwärzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war grün, sammetgrün mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn es war Abenddämmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hörte das Locken der Vögel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen.Er setzte sich auf die Steinbrüstung des Brunnens.[pg 82]Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie führte ein weisses Pferd am Zügel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag nicht hörte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemühen, die Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nüstern. Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre hängende Hand. Sie ging in tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer wären für ihren schmalen Kopf. Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und führte das weisse Pferd am Zügel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein edles, geduldiges, sehr feines Thier.Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.[pg 83]Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.Sie hob die Augen auf und sah ihn.„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der Fremde.„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst in dem der Natur, der über diesem Ort lagert. – Warum ist sie unglücklich?“„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn[pg 84]wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, Andre quälend und gequält von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist der Tod.“„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der Fremde.„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese Schmerzen müssen unsterblich sein.“„Die Schmerzen sind unsterblich.“„Die Ahnung des Unendlichen – diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste, was wir haben. – Es ist sehr schmerzlich.“„Leiden ist schön.“„Ja, es ist schön. Ich möchte nicht ohne es sein. – Doch die Andern sind glücklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?“„Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergänglich.“„Sie auch, diese Bäume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gäbe eine Vollkommenheit für sie? Eine Erfüllung? Wo ist sie?“„Ahnst Du sie nicht? – Sieh in die Weite!“ ...„Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen[pg 85]Zusammenklang, einen verlornen, fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Sünde: Einer hat Einen getödtet. Man tödtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erlöst? ... Aber es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltäglich“ ...„Sie sind weitab.“Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Füssen gelagert, sah sie an mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter fortwährend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse Pferd. Man hörte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen starken, höckrigen Zähnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie wenn es antwortete, als röche es den Frühling.„Ja, ja,“ sagte sie athemlos. „Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein. Man quält auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?“„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es finden, selber in sich finden. Dann ist es der Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“[pg 86]Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten sich in dem Schleier, der über die Felder ging. Es war, als ob die Farbe der Felder in sie eindränge und es bliebe nureineFarbe in ihren Augen und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, die höhlen, klopfen.„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist der Weg.“„So ist es.“„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe ge[pg 87]sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er auch, war ein König. In seinem Auge las ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“„Nichts ist seltsam.“„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. Manchmal in Büchern, in der sehr grossen Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn,[pg 88]an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern einer Schmiede.„Warum denkst Du?“ fragte er gütig.„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen zu erklären,einWissen für Alle, Gesetze sucht, weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... weil Frauen lieben.“„Und Gott?“ fragte er.„Gott auch liebt,“ sagte sie träumend. „Er hasst nicht. Das Gute ist dasselbe wie das Böse. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und nichts schlecht. Es ist wie es ist.“Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die müde Traurigkeit erschien wieder in ihrer Haltung, dem Körper, der sich zurückbog, während die Linie des Halses straff wurde.„... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten. Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser.“„Es ist besser hier.“[pg 89]„Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles müsste mit hinein. Viel, viel mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit – weit ...“Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt über die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe schien weitgerückt, aufgesogen im Allen ...Eine Fledermaus strich leise mit unhörbaren, schwarzen, tappenden Schwingen. Näher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr deutlich sah man die feinen Krallennägel, zwischen denen die Flughäute angemacht waren gleich Stofffächern eines Regenschirms, den kleinen, platten Kopf mit spitzen Zähnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten Männchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und hamsterten leise in sich hinein wie Geizhälse. Ein Fuchs schlich auf Raub mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe.Ganz fern quakten Frösche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem auf.[pg 90]Sehr lange sassen sie.Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du bist näher wie die Andern.“

Es begab sich, da er müde war, setzte er sich nieder an einem Brunnen.

Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine wehende Schleier. In der gemauerten Höhlung hörte man es murmeln vom schwärzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war grün, sammetgrün mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn es war Abenddämmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hörte das Locken der Vögel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen.

Er setzte sich auf die Steinbrüstung des Brunnens.

Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie führte ein weisses Pferd am Zügel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag nicht hörte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemühen, die Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nüstern. Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre hängende Hand. Sie ging in tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer wären für ihren schmalen Kopf. Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und führte das weisse Pferd am Zügel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein edles, geduldiges, sehr feines Thier.

Gerade über die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.

Sie seufzte. Gegenüber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.

Sie hob die Augen auf und sah ihn.

„Warum bist Du unglücklich?“ fragte der Fremde.

„Ich bin unglücklich, weil ich glücklich bin. Ich habe Alles, was die Menschen Glück nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich anbetet, gute Kinder. Doch bin ich unglücklich. Ich gehe zu diesem Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich auflöst in dem der Natur, der über diesem Ort lagert. – Warum ist sie unglücklich?“

„Weil sie sterblich ist und vergänglich.“

Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie leichte, faltige Frauengewänder und fielen zusammen. Der Hund schob liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das Wasser. „Sind wir es nicht auch? Vergänglich und sterblich? Der Tod ist in Allem. Das Schöne hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer Kraft ist der unsrer Güte. Wenn[pg 84]wir krank sind, sind wir selbstsüchtig, schlecht, Andre quälend und gequält von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist der Tod.“

„Es giebt etwas über dem Tod,“ sagte der Fremde.

„Es giebt etwas,“ sagte sie in sehr tiefen Gedanken. „Ja, es muss etwas geben. Man denkt nicht daran, wenn man glücklich ist. – All’ diese Tiefen – diese Schmerzen! Diese Schmerzen müssen unsterblich sein.“

„Die Schmerzen sind unsterblich.“

„Die Ahnung des Unendlichen – diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste, was wir haben. – Es ist sehr schmerzlich.“

„Leiden ist schön.“

„Ja, es ist schön. Ich möchte nicht ohne es sein. – Doch die Andern sind glücklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?“

„Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergänglich.“

„Sie auch, diese Bäume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gäbe eine Vollkommenheit für sie? Eine Erfüllung? Wo ist sie?“

„Ahnst Du sie nicht? – Sieh in die Weite!“ ...

„Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen[pg 85]Zusammenklang, einen verlornen, fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Sünde: Einer hat Einen getödtet. Man tödtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erlöst? ... Aber es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltäglich“ ...

„Sie sind weitab.“

Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Füssen gelagert, sah sie an mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter fortwährend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse Pferd. Man hörte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen starken, höckrigen Zähnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie wenn es antwortete, als röche es den Frühling.

„Ja, ja,“ sagte sie athemlos. „Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein. Man quält auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?“

„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es finden, selber in sich finden. Dann ist es der Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“

Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten sich in dem Schleier, der über die Felder ging. Es war, als ob die Farbe der Felder in sie eindränge und es bliebe nureineFarbe in ihren Augen und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, die höhlen, klopfen.

„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist der Weg.“

„So ist es.“

„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe ge[pg 87]sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er auch, war ein König. In seinem Auge las ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“

„Nichts ist seltsam.“

„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. Manchmal in Büchern, in der sehr grossen Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn,[pg 88]an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern einer Schmiede.

„Warum denkst Du?“ fragte er gütig.

„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen zu erklären,einWissen für Alle, Gesetze sucht, weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... weil Frauen lieben.“

„Und Gott?“ fragte er.

„Gott auch liebt,“ sagte sie träumend. „Er hasst nicht. Das Gute ist dasselbe wie das Böse. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und nichts schlecht. Es ist wie es ist.“

Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die müde Traurigkeit erschien wieder in ihrer Haltung, dem Körper, der sich zurückbog, während die Linie des Halses straff wurde.

„... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten. Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser.“

„Es ist besser hier.“

„Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles müsste mit hinein. Viel, viel mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit – weit ...“

Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt über die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe schien weitgerückt, aufgesogen im Allen ...

Eine Fledermaus strich leise mit unhörbaren, schwarzen, tappenden Schwingen. Näher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr deutlich sah man die feinen Krallennägel, zwischen denen die Flughäute angemacht waren gleich Stofffächern eines Regenschirms, den kleinen, platten Kopf mit spitzen Zähnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten Männchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und hamsterten leise in sich hinein wie Geizhälse. Ein Fuchs schlich auf Raub mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe.

Ganz fern quakten Frösche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem auf.

Sehr lange sassen sie.

Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.

„Gehe in Frieden,“ sagte der Fremde, „Du bist näher wie die Andern.“


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