Das neunzehnte Kapitel.

[pg 357]Das neunzehnte Kapitel.Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf[pg 358]Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan,[pg 359]ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich[pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“„Was mein ist, ist meines Bruders.“„Wenn er es nicht giebt?“„Es ist nicht an mir zu fordern.“„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle[pg 362]unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.[pg 363]„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“„Das sind Ausnahmen.“„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“„Dann hat’s gute Weile.“Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“[pg 364]Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.„Glauben Sie an Gott?“Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der[pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?Auf dieses Alles antwortete er nicht.Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte[pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“[pg 367]Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und[pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdiesfander die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.[pg 370]Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“„Auch Goethe?“„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“„Er ist aber doch Excellenz geworden.“„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränickeist!“„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls.Es lebePommeränicke!“[pg 371]„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen[pg 372]Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe,[pg 373]Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, dasjetzigeSystem war dumm.Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter,mitder Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.[pg 374]„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau[pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“[pg 376]Das zwanzigste Kapitel.Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände.„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen[pg 377]der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die erkannte Natur.“Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des[pg 378]Magens in Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er leutseliger fort.„Wasist Seele, als das vitale Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. „Grosse Ueberreizung,“ decretirte der[pg 379]Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die Laien sind eben Laien.“Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur[pg 380]ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten.Wirpassen ihn ein, nicht er uns.“Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm das Höchste.Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem Philosophischen befasste.[pg 381]„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! Das ist Alles sehr gleichgültig.“„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s Staub?“„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die Phantasie!“„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen.[pg 382]Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden sein.“„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“[pg 383]„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger,wollüstiger.Eine beseelte Natur. DieSeele, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden:[pg 384]‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern Irrenhäusern.“[pg 385]Ende.Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der Aufsicht eines Wärters.Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, kichernd, unmotivirt.Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht[pg 386]dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter schon.Alle Felder lagen unter Dünger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die üble Laune des Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der blaugrüne Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach allen Seiten. Sie schienen das natürliche Moos dieser graubraunen Erde, stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist Haide.Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des Directors, der Oberärzte. Man hatte eine Kapelle für die Irren, Gesell[pg 387]schaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume waren mit dem neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite.Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da außerordentlich wohl fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders leben mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat für überreizte Nerven.Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der Ausdruck Verrückte oder Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, Störungen des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit der mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in früheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, prügelnden[pg 388]Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich angenehm da zu existiren. Aufgeklärte Leute versicherten, dass sie sofort bei der ersten Störung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen würden. Es war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und so lange. Dann greift man zur Pistole ...... „Kranke eben.“Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Lärm, Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer härter werdende Kampf um’s Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten lagen die Ungethüme, Grossstädte, die sie schickten. Hier war’s still. Gesunder Kiefernadelduft.Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am Verfolgungswahn litten; eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie in ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“,[pg 389]eine Persönlichkeit, die plötzlich mitten im Gespräch abbrach, die Kiefern auf- und zuschnappte, als ob er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich, lebten beinah glücklich. Da waren welche, die die griechischen Tragödien in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschäftigten.Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die Hauptsache für sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von ihrer Degradation. – Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.Es war unangenehm, dass einmal eine ältere Dame eine Häkelnadel verschluckt hatte. Natürlich war es den Wärterinnen streng verboten gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an Kranke Schnaps verkauften. – So etwas kam überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles grün ist, war es noch viel schöner, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die Neugier des Publikumsschützen. Die Leute, die da wohnten, waren[pg 390]Stille. Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, zweiter oder dritter Klasse, je nachdem sie vermögend waren. Erster Klasse hatte man natürlich bessres Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten übernahm der Staat. Sie machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen Arbeiten. Alle waren immer entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser Ärzte und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass die Wissenschaft dies übernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustände früher herrschten!Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte man denn auch thun?Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück. In den Kampf. In’s Laute.Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen[pg 391]Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese Unglücklichen.Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame[pg 392]aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen!Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.[pg 393]O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe Ausschweifung. Das Leben fand schon immer[pg 394]die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie bleiben.Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch dieser Kranke nur ein Object.Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der[pg 395]kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen.Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war.Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das[pg 396]zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und liebte ihn.Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende specielle Form des religiösen Wahnsinns sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – Braucht man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus aufzuhören?“Eine der Damen sah ihn lange an: „Er hat schöne Augen ...“[pg 397]Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an dämmrig zu werden.Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklärtes, vor dem denen, die es später sich erzählten, die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben müssen und stumpfe Hirne peitschende Schauer der Unwelt fühlen.In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, wer den Andern herführte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth, Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz nackte, misshandelte Leib war buchstäblich zerstossen, zerschunden, erwürgt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit einem schweren zugespitzten Holzstück sah man ihn grosse Streiche führen nach[pg 398]der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches Blut troff:„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!...„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, die Lust!„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in’s Herz geträufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die Kraft unsrer Hände zerbrochen.„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen sie hässlich.„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen von Deiner Stirn! Die Dornen!“ ...Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über und über mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Fäusten.Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Brüderlichkeit in diesen beiden ge[pg 399]marterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden würde, ... seinen Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch das Sitzen, die Schreibtischarbeit, den Händen zu fein und zu lang, die nicht mehr fassen konnten, verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. Viel zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben über das ganze übrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine fürchterliche, struppige Aureole.Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte in Hohn und Verzweiflung: „Teufel! Teufel!“– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that, als ob er sein Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste die Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones, endloses, zweckloses Weinen ...Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen Lidern waren ge[pg 400]brochen. Aber die Lippen standen ein wenig geöffnet, als ob Ihn dürstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner geöffneten Seite unter der Brust floss das Blut.Das Blut floss.Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich violett unter ihr.Beständig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.

[pg 357]Das neunzehnte Kapitel.Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf[pg 358]Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan,[pg 359]ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich[pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“„Was mein ist, ist meines Bruders.“„Wenn er es nicht giebt?“„Es ist nicht an mir zu fordern.“„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle[pg 362]unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.[pg 363]„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“„Das sind Ausnahmen.“„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“„Dann hat’s gute Weile.“Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“[pg 364]Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.„Glauben Sie an Gott?“Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der[pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?Auf dieses Alles antwortete er nicht.Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte[pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“[pg 367]Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und[pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdiesfander die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.[pg 370]Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“„Auch Goethe?“„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“„Er ist aber doch Excellenz geworden.“„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränickeist!“„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls.Es lebePommeränicke!“[pg 371]„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen[pg 372]Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe,[pg 373]Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, dasjetzigeSystem war dumm.Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter,mitder Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.[pg 374]„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau[pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“[pg 376]Das zwanzigste Kapitel.Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände.„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen[pg 377]der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die erkannte Natur.“Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des[pg 378]Magens in Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er leutseliger fort.„Wasist Seele, als das vitale Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. „Grosse Ueberreizung,“ decretirte der[pg 379]Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die Laien sind eben Laien.“Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur[pg 380]ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten.Wirpassen ihn ein, nicht er uns.“Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm das Höchste.Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem Philosophischen befasste.[pg 381]„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! Das ist Alles sehr gleichgültig.“„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s Staub?“„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die Phantasie!“„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen.[pg 382]Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden sein.“„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“[pg 383]„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger,wollüstiger.Eine beseelte Natur. DieSeele, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden:[pg 384]‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern Irrenhäusern.“[pg 385]Ende.Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der Aufsicht eines Wärters.Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, kichernd, unmotivirt.Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht[pg 386]dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter schon.Alle Felder lagen unter Dünger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die üble Laune des Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der blaugrüne Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach allen Seiten. Sie schienen das natürliche Moos dieser graubraunen Erde, stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist Haide.Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des Directors, der Oberärzte. Man hatte eine Kapelle für die Irren, Gesell[pg 387]schaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume waren mit dem neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite.Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da außerordentlich wohl fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders leben mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat für überreizte Nerven.Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der Ausdruck Verrückte oder Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, Störungen des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit der mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in früheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, prügelnden[pg 388]Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich angenehm da zu existiren. Aufgeklärte Leute versicherten, dass sie sofort bei der ersten Störung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen würden. Es war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und so lange. Dann greift man zur Pistole ...... „Kranke eben.“Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Lärm, Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer härter werdende Kampf um’s Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten lagen die Ungethüme, Grossstädte, die sie schickten. Hier war’s still. Gesunder Kiefernadelduft.Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am Verfolgungswahn litten; eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie in ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“,[pg 389]eine Persönlichkeit, die plötzlich mitten im Gespräch abbrach, die Kiefern auf- und zuschnappte, als ob er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich, lebten beinah glücklich. Da waren welche, die die griechischen Tragödien in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschäftigten.Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die Hauptsache für sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von ihrer Degradation. – Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.Es war unangenehm, dass einmal eine ältere Dame eine Häkelnadel verschluckt hatte. Natürlich war es den Wärterinnen streng verboten gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an Kranke Schnaps verkauften. – So etwas kam überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles grün ist, war es noch viel schöner, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die Neugier des Publikumsschützen. Die Leute, die da wohnten, waren[pg 390]Stille. Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, zweiter oder dritter Klasse, je nachdem sie vermögend waren. Erster Klasse hatte man natürlich bessres Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten übernahm der Staat. Sie machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen Arbeiten. Alle waren immer entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser Ärzte und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass die Wissenschaft dies übernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustände früher herrschten!Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte man denn auch thun?Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück. In den Kampf. In’s Laute.Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen[pg 391]Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese Unglücklichen.Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame[pg 392]aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen!Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.[pg 393]O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe Ausschweifung. Das Leben fand schon immer[pg 394]die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie bleiben.Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch dieser Kranke nur ein Object.Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der[pg 395]kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen.Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war.Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das[pg 396]zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und liebte ihn.Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende specielle Form des religiösen Wahnsinns sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – Braucht man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus aufzuhören?“Eine der Damen sah ihn lange an: „Er hat schöne Augen ...“[pg 397]Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an dämmrig zu werden.Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklärtes, vor dem denen, die es später sich erzählten, die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben müssen und stumpfe Hirne peitschende Schauer der Unwelt fühlen.In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, wer den Andern herführte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth, Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz nackte, misshandelte Leib war buchstäblich zerstossen, zerschunden, erwürgt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit einem schweren zugespitzten Holzstück sah man ihn grosse Streiche führen nach[pg 398]der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches Blut troff:„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!...„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, die Lust!„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in’s Herz geträufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die Kraft unsrer Hände zerbrochen.„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen sie hässlich.„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen von Deiner Stirn! Die Dornen!“ ...Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über und über mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Fäusten.Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Brüderlichkeit in diesen beiden ge[pg 399]marterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden würde, ... seinen Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch das Sitzen, die Schreibtischarbeit, den Händen zu fein und zu lang, die nicht mehr fassen konnten, verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. Viel zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben über das ganze übrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine fürchterliche, struppige Aureole.Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte in Hohn und Verzweiflung: „Teufel! Teufel!“– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that, als ob er sein Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste die Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones, endloses, zweckloses Weinen ...Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen Lidern waren ge[pg 400]brochen. Aber die Lippen standen ein wenig geöffnet, als ob Ihn dürstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner geöffneten Seite unter der Brust floss das Blut.Das Blut floss.Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich violett unter ihr.Beständig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.

[pg 357]Das neunzehnte Kapitel.Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf[pg 358]Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan,[pg 359]ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich[pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“„Was mein ist, ist meines Bruders.“„Wenn er es nicht giebt?“„Es ist nicht an mir zu fordern.“„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle[pg 362]unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.[pg 363]„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“„Das sind Ausnahmen.“„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“„Dann hat’s gute Weile.“Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“[pg 364]Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.„Glauben Sie an Gott?“Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der[pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?Auf dieses Alles antwortete er nicht.Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte[pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“[pg 367]Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und[pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdiesfander die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.[pg 370]Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“„Auch Goethe?“„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“„Er ist aber doch Excellenz geworden.“„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränickeist!“„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls.Es lebePommeränicke!“[pg 371]„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen[pg 372]Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe,[pg 373]Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, dasjetzigeSystem war dumm.Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter,mitder Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.[pg 374]„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau[pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“

Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines jüngeren Collegen.

„Ein Narr,“ sagte er, „und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!“

Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, dünner Herr und neigte zu einer pessimistischen Weltauffassung, während der Gerichtsrath in seiner rosigen, behäbigen Fülle auch Alles rosig sah. Die Specialität dieses Ersteren waren Majestätsbeleidigungen. Er sah diese überall. Er roch sie, witterte, zog sie hervor aus den gröbsten Verwicklungen. Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch insofern, als die Majestät für ihn die Autorität Gottes auf[pg 358]Erden vertrat. – Er war schlimmer wie ein römischer Statthalter.

„I bewahre!“ sagte der Amtsgerichtsrath. „Wo wollen Sie das nun wieder rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch eine Majestätsbeleidigung. – Dreck sind wir Alle.“

Der Dünne blinzte, unangenehm berührt. Der Assessor drehte die Daumen. Er lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.

Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kämen, die Leute liefen zusammen; „na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger söffen?“ – Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.

„Nur weil er ihm in’s Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! – Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen Sie’s schon. Predigte er den leibhaftigen Satan,[pg 359]ginge es noch. Dann hätten sie Wasser auf ihre Mühlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! Die verbrennten uns Christus heute noch.“

Der Assessor lachte. Die Ausfälle gegen die Clerisei amüsirten ihn. Er konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem – ein leichter Anflug von Semitismus haftete ihm an – deswegen war er kirchlich.

„Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand,“ sagte der Gelbe bitter. „Die Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam – die Gewissenspolizei.“

„Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeränicke. Sehen Sie, zum Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger macht, gar zu übermüthig wird, dann giebt’s was drauf. Das hält die Gesellschaft zusammen.“

„Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist.“

„Das überlasse ich feineren Nasen. Es wäre doch ungemüthlich schliesslich, allein als Krone übrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhäutigkeit macht allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten für sich[pg 360]und Andre erträglich. So’n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker bleiben Waisenknaben dagegen.“

Der Dicke ging seinen Amtsgeschäften nach, ohne sich dadurch den Appetit verderben zu lassen. Selbstmörder, die er zu recognosciren hatte, theilte er in Krammetsvögel und Rohrdommeln ein, Erhängte oder Ertränkte. Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die armen Teufel liessen die Köpfe hängen und ergaben sich in ihre Strafe. Er begrüsste die Rückfälligen auch stets wieder mit derselben Jovialität. Unter der Hand war er wohlthätig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark fünfzig oder drei Mark Conventionalstrafe für Holzsammeln, Beerensuchen von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse rüde Ausdrucksweise ging dabei mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.

Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine persönlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim möglichst zu zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich erhängten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauen[pg 361]zimmer vorher gründlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein Gefühl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten musste man unbarmherzig sein, während der Dicke sich vorgenommen hatte, dann lieber nach der andern Seite zu sündigen, die Sittlichkeitsfrage von vornherein ironisirte.

Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geärgert. Er fand den Fremden im Gegentheil höchst gefährlich, staatsauflösend. Dabei blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.

„Sie sind Communist?“ fragte ihn der Vorsitzende. „Sie predigen den Communismus?“

„Was mein ist, ist meines Bruders.“

„Wenn er es nicht giebt?“

„Es ist nicht an mir zu fordern.“

„Ich habe gehört, dass Sie auflösende Tendenzen gegen die Ehe predigen? Wie denken Sie darüber?“

„Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so.“

„Wie ist denn aber eine Ehe möglich ohne physischen Umgang?“

„Das wäre allerdings die Radicalcur für alle[pg 362]unsre Gebresten,“ sagte der dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee höchst spasshaft.

Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militärdienst zu thun?

„So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ...“

„Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz.“

Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu Eidesleistungen gebraucht wurde: „So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr Gesetze?“

Sie fragten: „Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?“

Er sprach: „Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht wieder, sondern schaffe mit seinen Händen, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht gethan.“

„Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen,“ warfen sie ein.

„Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt täglich zu thun mit Solchen.“

„Das sind Ausnahmen.“

„Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben.“

„Er ist scharf wie ein alter Fuchs,“ schmunzelte der Amtsrichter.

„Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand möglich.“

„Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er ändert die Gesinnung nicht. Die mächtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die stärksten, die das Beispiel geben.“

„Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister könnten davon ein Liedchen singen.“

„Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und Todtschlag je möglich sein wird?“

„Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist.“

„Dann hat’s gute Weile.“

Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestät den König anerkennte?

„Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu ist ein Herr?“

Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestätsbeleidigung läge, zum Mindesten Zweideutigkeit.

„Glauben Sie an Gott?“

Er glaubte natürlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, Aussprüche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht vorhanden.

Der Assessor fand, ein paar Monate könnten nichts schaden. Man musste sich schneidig zeigen.

Der joviale Amtsrichter war dagegen: „Er hat nicht gestohlen, thut Keinem was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!“

Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.

Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der[pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.

„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“

Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?

Auf dieses Alles antwortete er nicht.

Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.

Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.

Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte[pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.

Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“

Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“

Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“

Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“

Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“

Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:

„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“

Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.

Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“

Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.

... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“

Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.

Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und[pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?

Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdiesfander die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.

Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.

„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“

„Auch Goethe?“

„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“

„Er ist aber doch Excellenz geworden.“

„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.

„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.

„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränickeist!“

„Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren Gerechtigkeitsgefühls.Es lebePommeränicke!“

„Sie sind ein Farceur.“ Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestätsbeleidigung. Nur pietätlose Menschen lachten.

Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wünschten innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verständigte sich mit dem Director.

Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.

Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo die einzelnen Sitze durch Brettwände abgetheilt waren, um eine Communication der Sträflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte Hofstreifen zwischen Steinwänden, in dem sie ihre Spaziergänge machen.

Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! „Förmlich nervenberuhigend,“ meinte die Mama.

Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen[pg 372]Bedingungen geprügelt werden dürfte? Er liess sich die Einrichtung erklären. Er war sehr überzeugt von der Zweckmässigkeit solcher Strafen. Der affenartige Gehorsam, mit dem die Sträflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. „Da haben Sie’s bequemer!“ meinte er scherzend.

Die jungen Damen interessirten hauptsächlich die Insassen. Besonders ganz schwere Verbrecher. Sie waren fast enttäuscht, dass ihre Unthaten nicht noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu dürfen. – Es war so amüsant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.

Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. „Die sehen ja fast wie katholische Priester aus,“ meinte ein Offizier.

Von da kam man auf physische Eigenthümlichkeiten, Abnormitäten der Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe,[pg 373]Lombroso. Es stand ja beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, durch Alkoholismus hervorgerufen: „Man müsste die Leute einfach in Irrenanstalten unterbringen.“

„Oder blenden, verstümmeln,“ schlug Einer vor.

Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthäusler dem Staat jährlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt werden. Zudem drückte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden herab. Nun ja, dasjetzigeSystem war dumm.

Der Amtsgerichtsrath erzählte von einer Hinrichtung, der er als ganz junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gründen beigewohnt hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Mörder, einen Zwanzigjährigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter,mitder Axt todtgeschlagen und zerstückelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig noch in ein Café gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er auch arretirt worden.

„Sie ärgerte mich,“ blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach den Beweggründen seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und trank und ergab sich in sein Schicksal.

„Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas Verblüfftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht vollständig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten liess er ruhig über sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. – Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, verantwortungsloser Dummheit.“

Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte jedes Stück Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die sentimentalsten Verse und päppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu rächen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Märtyrer, Helden. Spätere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.

Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. „Da haben wir nun heute eine Frau[pg 375]im hochschwangeren Zustand, die beim Jäten im Garten ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam für ihre Arbeit fünfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat einen Werth von fünfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, die sie seit sechs Jahren beschäftigt. Die ärztliche Wissenschaft, die Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch müssen wir sie verurtheilen, weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die Vernunft?“

Der Amtsgerichtsrath zuckte die behäbigen Schultern. „Schliesslich, meine Herrschaften – was ist Vernunft?“

[pg 376]Das zwanzigste Kapitel.Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände.„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen[pg 377]der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die erkannte Natur.“Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des[pg 378]Magens in Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er leutseliger fort.„Wasist Seele, als das vitale Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. „Grosse Ueberreizung,“ decretirte der[pg 379]Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die Laien sind eben Laien.“Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur[pg 380]ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten.Wirpassen ihn ein, nicht er uns.“Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm das Höchste.Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem Philosophischen befasste.[pg 381]„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! Das ist Alles sehr gleichgültig.“„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s Staub?“„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die Phantasie!“„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen.[pg 382]Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden sein.“„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“[pg 383]„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger,wollüstiger.Eine beseelte Natur. DieSeele, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden:[pg 384]‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern Irrenhäusern.“

Der berühmte Professor wusch sich die Hände. Er that das immer mit besondrer Umständlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er berühmt schöne Hände.

„Es giebt nichts, was auf das Gehirn schädlicher einwirkt, als religiöse Wahnvorstellungen,“ sagte der grosse Mann. „Schon das Bedürfniss einer Religion überhaupt. Ich will nicht mit einem hochlöblichen Consistorium in Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt werden ...“ Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer auf brüllenden Applaus rechnen konnten ... „Es ist bekannt, dass Mohammed epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend die Satzungen[pg 377]der Essäer angenommen, unter denen die Forderung der absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss heutzutage Jedermann, dass die Unterdrückung des Paarungstriebes die Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Fällen des Irrsinns ist. Chassez le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die Wissenschaft ist die erkannte Natur.“

Der Professor hatte seine Hände fertig gewaschen und sorgfältig abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war nicht an Widerspruch gewöhnt. Er verachtete ihn.

„Es ist eine Schande für unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen noch möglich sind,“ fuhr er streng fort, „dass der Aberglaube eine solche Macht auf die Gemüther noch ausüben kann. Allein die Ignoranz ist daran schuld, systematisches Zurücksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des[pg 378]Magens in Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und Consumtionsverhältniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles.“

Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses gesagt hatte. „Wie es übrigens die Seele selber ist ...“ fuhr er leutseliger fort.„Wasist Seele, als das vitale Princip der Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten brauchte man Kutscher und Pferde für die Wagen. Dann machte man’s mit Dampf. Jetzt treibt die Electricität ohne äusserlich sichtbaren Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades hätte an Dämonen geglaubt, ein Mönch des Mittelalters an den Teufel, ein von den Missionaren bekehrter Wilder an Gott. – Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus.“

Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe Persönlichkeit verlangte seine Autorität in schwierigen Nervenleiden. „Grosse Ueberreizung,“ decretirte der[pg 379]Professor. Ruhe, frische Luft, blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.

Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.

Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem Wahlkreis wählte er conservativ. „Für die Crapule ist das gut und schön. Halbbildung bleibt das Allergefährlichste. Das fehlte uns gerade noch, dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die Laien sind eben Laien.“

Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft die Autorität des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die vielleicht momentan viel Lärm machten, sich wichtiger dünkten. Sie hatten das nicht nöthig. „Alles das sind Blasen, flüchtige Gährungserscheinungen an der Oberfläche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. – Der grösste Geist, ein König, ein Eroberer ist doch schließlich nur[pg 380]ein Laie, ein Decadent, ein Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, ändert aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und festgelegten Resultaten.Wirpassen ihn ein, nicht er uns.“

Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, inmitten seiner Arbeitssäle und Laboratorien, mit ihren kahlen, weissgestrichnen Wänden, wo Instrumente und Präparate standen. Alle diese Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Präcision und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie eine gewisse Grösse. Sein Colleg war immer gedrängt voll. Es gab eine ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schüler nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und Forschung waren ihm das Höchste.

Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. Er hatte einen jüngeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem Philosophischen befasste.

„Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberfläche gebraucht hat, sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! Das ist Alles sehr gleichgültig.“

„Es haben sich doch Menschen dafür schlachten und verbrennen lassen.“

„Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafür gehabt, sich um hohle Töpfe die Schädel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte – Worte – Worte. Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf dem Kirchhof finden Sie alle Anfänge der Naturphilosophie. Sie erinnern sich des Passus von Cäsar’s Staub?“

„Trotzdem stach er sich um ein Phantom.“

„Hamlet war eben ein Künstler,“ sagte der Professor beinah mitleidig. „Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie – die Phantasie!“

„Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von Existirendem weiterspinnen.[pg 382]Sie müssen irgendwie in der Natur mit vorhanden sein.“

„In der Natur ist noch Vieles.“ Der Professor zuckte die Achseln. „Wir wissen es nicht.“

Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. – Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. Sie war noch sehr jung, glücklich verheirathet und sollte zum ersten Mal Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur dankbar lächelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.

„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“

„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“

Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger,wollüstiger.Eine beseelte Natur. DieSeele, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“

Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.

Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.

„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden:[pg 384]‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“

„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“

„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“

„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“

Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.

Die junge Frau sah von einem der Männer zum andern. Sie litt nicht. Aber sie war müde – von einer süssen Müdigkeit. Das beschwerte sie, aber machte sie froh. – Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie sähe, in etwas sehr Helles, Glänzendes sähe. Aber sie sprach nicht. Ein träumendes Fühlen war in ihrem Sehen. ...

Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: „In unsern Irrenhäusern.“

[pg 385]Ende.Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der Aufsicht eines Wärters.Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, kichernd, unmotivirt.Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht[pg 386]dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter schon.Alle Felder lagen unter Dünger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die üble Laune des Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der blaugrüne Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach allen Seiten. Sie schienen das natürliche Moos dieser graubraunen Erde, stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist Haide.Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des Directors, der Oberärzte. Man hatte eine Kapelle für die Irren, Gesell[pg 387]schaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume waren mit dem neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite.Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da außerordentlich wohl fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders leben mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat für überreizte Nerven.Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der Ausdruck Verrückte oder Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, Störungen des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit der mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in früheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, prügelnden[pg 388]Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich angenehm da zu existiren. Aufgeklärte Leute versicherten, dass sie sofort bei der ersten Störung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen würden. Es war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und so lange. Dann greift man zur Pistole ...... „Kranke eben.“Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Lärm, Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer härter werdende Kampf um’s Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten lagen die Ungethüme, Grossstädte, die sie schickten. Hier war’s still. Gesunder Kiefernadelduft.Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am Verfolgungswahn litten; eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie in ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“,[pg 389]eine Persönlichkeit, die plötzlich mitten im Gespräch abbrach, die Kiefern auf- und zuschnappte, als ob er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich, lebten beinah glücklich. Da waren welche, die die griechischen Tragödien in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschäftigten.Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die Hauptsache für sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von ihrer Degradation. – Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.Es war unangenehm, dass einmal eine ältere Dame eine Häkelnadel verschluckt hatte. Natürlich war es den Wärterinnen streng verboten gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an Kranke Schnaps verkauften. – So etwas kam überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles grün ist, war es noch viel schöner, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die Neugier des Publikumsschützen. Die Leute, die da wohnten, waren[pg 390]Stille. Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, zweiter oder dritter Klasse, je nachdem sie vermögend waren. Erster Klasse hatte man natürlich bessres Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten übernahm der Staat. Sie machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen Arbeiten. Alle waren immer entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser Ärzte und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass die Wissenschaft dies übernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustände früher herrschten!Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte man denn auch thun?Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück. In den Kampf. In’s Laute.Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen[pg 391]Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese Unglücklichen.Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame[pg 392]aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen!Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.[pg 393]O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe Ausschweifung. Das Leben fand schon immer[pg 394]die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie bleiben.Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch dieser Kranke nur ein Object.Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der[pg 395]kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen.Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war.Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das[pg 396]zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und liebte ihn.Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende specielle Form des religiösen Wahnsinns sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – Braucht man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus aufzuhören?“Eine der Damen sah ihn lange an: „Er hat schöne Augen ...“[pg 397]Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an dämmrig zu werden.Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklärtes, vor dem denen, die es später sich erzählten, die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben müssen und stumpfe Hirne peitschende Schauer der Unwelt fühlen.In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, wer den Andern herführte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth, Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz nackte, misshandelte Leib war buchstäblich zerstossen, zerschunden, erwürgt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit einem schweren zugespitzten Holzstück sah man ihn grosse Streiche führen nach[pg 398]der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches Blut troff:„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!...„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, die Lust!„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in’s Herz geträufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die Kraft unsrer Hände zerbrochen.„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen sie hässlich.„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen von Deiner Stirn! Die Dornen!“ ...Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über und über mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Fäusten.Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Brüderlichkeit in diesen beiden ge[pg 399]marterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden würde, ... seinen Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch das Sitzen, die Schreibtischarbeit, den Händen zu fein und zu lang, die nicht mehr fassen konnten, verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. Viel zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben über das ganze übrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine fürchterliche, struppige Aureole.Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte in Hohn und Verzweiflung: „Teufel! Teufel!“– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that, als ob er sein Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste die Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones, endloses, zweckloses Weinen ...Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen Lidern waren ge[pg 400]brochen. Aber die Lippen standen ein wenig geöffnet, als ob Ihn dürstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner geöffneten Seite unter der Brust floss das Blut.Das Blut floss.Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich violett unter ihr.Beständig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.

Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, gelber Häuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee führte eine Fahrstrasse, alleeartig mit Bäumen bestanden. Rechts und links lagen Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der Aufsicht eines Wärters.

Man sah sie Kohlstrünke ausreissen, Gräben ziehen, jäten. Manchmal lachte einer seltsam, kichernd, unmotivirt.

Die Vorübergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. „Irre!“ Das interessirte sie. Sie fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie Außerordentliches. Vielleicht[pg 386]dass Einer sich auf seinen Wärter stürzte und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.

An der Chaussee lagen die Wärterhäuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind über die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.

Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebäude. Es war mit einer hohen rothen Backsteinmauer umgeben. Man hörte Gänsegeschnatter. Ein fauliger Gestank von Dünger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter schon.

Alle Felder lagen unter Dünger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die üble Laune des Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der blaugrüne Saum der Kiefernwälder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach allen Seiten. Sie schienen das natürliche Moos dieser graubraunen Erde, stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist Haide.

Das Mittelgebäude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des Directors, der Oberärzte. Man hatte eine Kapelle für die Irren, Gesell[pg 387]schaftssäle, Bibliothek- und Musiksaal. Die Räume waren mit dem neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rückseite.

Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da außerordentlich wohl fühlten. Sie würden gar nicht wieder wo anders leben mögen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat für überreizte Nerven.

Die Aerzte sagten immer: „Die Kranken.“ Der Ausdruck Verrückte oder Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Gehirn, Störungen des Sensoriums und der Motilität verbunden. Mit der mönchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in früheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeräumt. Aufgeklärte Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, prügelnden[pg 388]Wärtern erzählten sich Köchinnen. – Es war wirklich angenehm da zu existiren. Aufgeklärte Leute versicherten, dass sie sofort bei der ersten Störung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen würden. Es war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.

Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und so lange. Dann greift man zur Pistole ...... „Kranke eben.“

Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Lärm, Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer härter werdende Kampf um’s Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten lagen die Ungethüme, Grossstädte, die sie schickten. Hier war’s still. Gesunder Kiefernadelduft.

Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am Verfolgungswahn litten; eine ältere adelige Dame glaubte, dass man sie in ihrem Standesgefühl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; besonders scherzhaft war der sogenannte „Gott Ra“,[pg 389]eine Persönlichkeit, die plötzlich mitten im Gespräch abbrach, die Kiefern auf- und zuschnappte, als ob er etwas verschlänge. Alle diese waren ungefährlich, lebten beinah glücklich. Da waren welche, die die griechischen Tragödien in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschäftigten.

Auch die Blödsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die Hauptsache für sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von ihrer Degradation. – Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.

Es war unangenehm, dass einmal eine ältere Dame eine Häkelnadel verschluckt hatte. Natürlich war es den Wärterinnen streng verboten gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Wärter an Kranke Schnaps verkauften. – So etwas kam überall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.

Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles grün ist, war es noch viel schöner, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die Neugier des Publikumsschützen. Die Leute, die da wohnten, waren[pg 390]Stille. Ihre Angehörigen bezahlten für sie, erster, zweiter oder dritter Klasse, je nachdem sie vermögend waren. Erster Klasse hatte man natürlich bessres Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten übernahm der Staat. Sie machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen Arbeiten. Alle waren immer entzückt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen förmlich. Die Bilder grosser Ärzte und Philanthropen schmückten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass die Wissenschaft dies übernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustände früher herrschten!

Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte man denn auch thun?

Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück. In den Kampf. In’s Laute.

Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen[pg 391]Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese Unglücklichen.

Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.

Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame[pg 392]aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen!

Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?

Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.

Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.

Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.

O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.

Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“

Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe Ausschweifung. Das Leben fand schon immer[pg 394]die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie bleiben.

Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.

Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch dieser Kranke nur ein Object.

Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der[pg 395]kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.

Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.

Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen.

Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war.

Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das[pg 396]zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und liebte ihn.

Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.

Der Arzt erklärte, dass dies eine häufig vorkommende specielle Form des religiösen Wahnsinns sei: „Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Württembergischen. – Braucht man bündigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus aufzuhören?“

Eine der Damen sah ihn lange an: „Er hat schöne Augen ...“

Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an dämmrig zu werden.

Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklärtes, vor dem denen, die es später sich erzählten, die Haare sich sträubten, wo die Vernünftigsten den ewigen Blödsinn der Dinge zugeben müssen und stumpfe Hirne peitschende Schauer der Unwelt fühlen.

In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, wer den Andern herführte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.

Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertrümmertem Holzgeräth, Bänken und Stühlen, hatte er Nägel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz nackte, misshandelte Leib war buchstäblich zerstossen, zerschunden, erwürgt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit einem schweren zugespitzten Holzstück sah man ihn grosse Streiche führen nach[pg 398]der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwärzliches Blut troff:

„Du hast die Welt zerstört! Du! Du!...

„Die Schönheit hast Du getödtet, den Ruhm, die Lust!

„Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in’s Herz geträufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!

„Mit Deinen zerrissnen Händen hast Du die Kraft unsrer Hände zerbrochen.

„Deine Füsse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.

„Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.

„Die Stricke umwürgen unsre Leiber und machen sie hässlich.

„Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen von Deiner Stirn! Die Dornen!“ ...

Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Händen, über und über mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Fäusten.

Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Brüderlichkeit in diesen beiden ge[pg 399]marterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden würde, ... seinen Gliedern gekrümmt und schlaff geworden durch das Sitzen, die Schreibtischarbeit, den Händen zu fein und zu lang, die nicht mehr fassen konnten, verkrüppelten, zagen Füssen, die das Gehen verlernt. Viel zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben über das ganze übrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine fürchterliche, struppige Aureole.

Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte in Hohn und Verzweiflung: „Teufel! Teufel!“

– – – Der Blödsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that, als ob er sein Weihrauchfass schwänge, bückte sich und küsste die Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones, endloses, zweckloses Weinen ...

Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.

Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen Lidern waren ge[pg 400]brochen. Aber die Lippen standen ein wenig geöffnet, als ob Ihn dürstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner geöffneten Seite unter der Brust floss das Blut.

Das Blut floss.

Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte sich auf ihnen gebildet. Der Stein färbte sich violett unter ihr.

Beständig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.

Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.


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