Das siebzehnte Kapitel.

[pg 308]Das siebzehnte Kapitel.Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt[pg 309]es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause.Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen[pg 310]grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der Nacht.So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der Andern, weil er wohl[pg 311]bekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie Alle folgten.Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen Seele gut ist.“Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg. Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“[pg 312]Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet über seinem Thron.“Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der Majestät gewohnt von Jugend auf.Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben undverkümmern.“Sie priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten.[pg 313]Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.[pg 314]So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem Einzug.“Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und Böse.“Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr[pg 315]zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit[pg 316]ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihrrührten.Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres[pg 317]Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt[pg 318]Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.[pg 319]Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie die eines Sterbenden.„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich dem wärmenden Licht.“Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer[pg 320]Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und athmen.“Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den Kranken. Er sprang[pg 321]plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet.[pg 322]Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! Gott! Gott!“ ...Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie todt.Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde troff das Blut.Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“[pg 323]Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des schrecklichsten Todes.Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume! Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde.Dies that er. Niemand konnte ihn hindern.[pg 324]Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.Er schwieg zuAllem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.[pg 325]So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern[pg 326]gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in[pg 327]den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.[pg 328]Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste.[pg 329]Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches.Derwar gestorben in der[pg 330]Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten.[pg 331]Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die[pg 332]Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.[pg 333]Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.[pg 334]Und sie tanzte vor ihm.Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss[pg 335]zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altar[pg 336]tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.[pg 337]Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. –[pg 338]Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen[pg 339]und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die[pg 340]Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.[pg 341]Das achtzehnte Kapitel.Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen,[pg 342]zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr[pg 343]ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.Sie liefen, liefen für ihr Leben.Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.[pg 344]Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen undPferdeäsern.Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Haupt[pg 345]quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. –[pg 346]Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader[pg 347]Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie[pg 348]schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.Für ein andres Mal reservirte man diese.Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das Ge[pg 349]sicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem Paradebett, ein gefällter Eichstamm.Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General, war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine schreckliche Sache.Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich. Wie hässlich der Tod war![pg 350]Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist ihr Werth?“An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas Dunkles verschwand im Schatten.[pg 351]Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig.Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches[pg 352]zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.[pg 353]Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.„Mama ...“ rief er. „Mama ...“Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie[pg 354]hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten[pg 355]und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden[pg 356]verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.Es war Nacht.

[pg 308]Das siebzehnte Kapitel.Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt[pg 309]es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause.Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen[pg 310]grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der Nacht.So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der Andern, weil er wohl[pg 311]bekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie Alle folgten.Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen Seele gut ist.“Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg. Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“[pg 312]Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet über seinem Thron.“Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der Majestät gewohnt von Jugend auf.Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben undverkümmern.“Sie priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten.[pg 313]Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.[pg 314]So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem Einzug.“Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und Böse.“Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr[pg 315]zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit[pg 316]ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihrrührten.Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres[pg 317]Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt[pg 318]Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.[pg 319]Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie die eines Sterbenden.„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich dem wärmenden Licht.“Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer[pg 320]Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und athmen.“Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den Kranken. Er sprang[pg 321]plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet.[pg 322]Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! Gott! Gott!“ ...Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie todt.Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde troff das Blut.Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“[pg 323]Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des schrecklichsten Todes.Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume! Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde.Dies that er. Niemand konnte ihn hindern.[pg 324]Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.Er schwieg zuAllem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.[pg 325]So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern[pg 326]gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in[pg 327]den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.[pg 328]Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste.[pg 329]Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches.Derwar gestorben in der[pg 330]Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten.[pg 331]Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die[pg 332]Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.[pg 333]Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.[pg 334]Und sie tanzte vor ihm.Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss[pg 335]zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altar[pg 336]tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.[pg 337]Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. –[pg 338]Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen[pg 339]und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die[pg 340]Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.[pg 341]Das achtzehnte Kapitel.Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen,[pg 342]zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr[pg 343]ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.Sie liefen, liefen für ihr Leben.Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.[pg 344]Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen undPferdeäsern.Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Haupt[pg 345]quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. –[pg 346]Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader[pg 347]Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie[pg 348]schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.Für ein andres Mal reservirte man diese.Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das Ge[pg 349]sicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem Paradebett, ein gefällter Eichstamm.Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General, war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine schreckliche Sache.Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich. Wie hässlich der Tod war![pg 350]Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist ihr Werth?“An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas Dunkles verschwand im Schatten.[pg 351]Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig.Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches[pg 352]zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.[pg 353]Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.„Mama ...“ rief er. „Mama ...“Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie[pg 354]hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten[pg 355]und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden[pg 356]verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.Es war Nacht.

[pg 308]Das siebzehnte Kapitel.Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt[pg 309]es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause.Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen[pg 310]grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der Nacht.So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der Andern, weil er wohl[pg 311]bekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie Alle folgten.Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen Seele gut ist.“Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg. Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“[pg 312]Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet über seinem Thron.“Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der Majestät gewohnt von Jugend auf.Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben undverkümmern.“Sie priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten.[pg 313]Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.[pg 314]So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem Einzug.“Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und Böse.“Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr[pg 315]zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit[pg 316]ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihrrührten.Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres[pg 317]Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt[pg 318]Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.[pg 319]Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie die eines Sterbenden.„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich dem wärmenden Licht.“Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer[pg 320]Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und athmen.“Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den Kranken. Er sprang[pg 321]plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet.[pg 322]Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! Gott! Gott!“ ...Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie todt.Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde troff das Blut.Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“[pg 323]Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des schrecklichsten Todes.Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume! Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde.Dies that er. Niemand konnte ihn hindern.[pg 324]Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.Er schwieg zuAllem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.[pg 325]So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern[pg 326]gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in[pg 327]den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.[pg 328]Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste.[pg 329]Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches.Derwar gestorben in der[pg 330]Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten.[pg 331]Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die[pg 332]Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.[pg 333]Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.[pg 334]Und sie tanzte vor ihm.Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss[pg 335]zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altar[pg 336]tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.[pg 337]Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. –[pg 338]Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen[pg 339]und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die[pg 340]Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.

Dies geschah, als eine Empörung kam im Lande.

Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten schlecht waren. Man hatte eine solche Fülle der Güter in den vergangenen Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren Preisen verkauft, weil die Händler nicht wussten was zu thun mit den Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. Während die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber und Kinder, müssig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: „Was nützt[pg 309]es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und todtschlagen, denn morgen sind wir todt.“

Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Köpfe der Fallenden sich zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stürzte aus den Schädeln gleich Wasser aus festen Töpfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfüllt wie in einem Schlachthause.

Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Röcke wegwarfen, zu den Feinden übergingen, neben welchen sie kämpften auf hohen Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestürzten Wagen, Matratzen und Möbelstücken aus den Häusern.

Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre früheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Häuser gefüllt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen verschonte man nicht, übte an ihnen[pg 310]grausame Verstümmelung, dass viele zarte Frauen und Mädchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. Die Leute, die sich verloren sahen, tödteten sich lieber selber, ehe sie sich dem Feind übergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, zusammenpackte in den Gefängnissen, getödtet zu werden oder gerichtet zum Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich dünkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.

Solches kam auch vor den König und verdross ihn sehr in seinem Herzen, bekümmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der Nacht.

So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch immer im Gefängniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm im Gefängniss und seinen Anhängern ausserhalb. Diese forderten laut, dass man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der Andern, weil er wohl[pg 311]bekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie Alle folgten.

Dieser sprach unerschrocken vor dem König. „Es ist Deine Schuld so gut wie dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als Thiere in Unwissenheit und Rohheit.“

Der König sprach: „Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht Alles geben.“

Er sprach: „Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es Deiner eignen Seele gut ist.“

Davon wollte er nichts hören, schickte ihn immer und immer wieder weg. Aber wenn seine Bekümmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hören, wenn seine Räthe drängten, sie sprachen: „Wir haben den Beweis und den. Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverräther.“

So dass ein Gerede ging im ganzen Land: „Der Drechslergeselle ist mehr denn unser König. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat.“

Sie verbreiteten dies Gerücht mit Fleiss bis zu den fremden Königen, dass diese Briefe schrieben, sich darüber bewegten. Alle sagten: „Er hat keine Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Hände dieses Aufrührers gegeben, der ihn am Narrenseil führt, eine Herrschaft der Bettler errichtet über seinem Thron.“

Seine Räthe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fürsten zu bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste wie glühendes Eisen. Er hielt viel auf seine Würde, die er von seinen Vätern ererbt hatte, und war noch ein junger Fürst, solchen Tand der Majestät gewohnt von Jugend auf.

Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, während sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. „Dein Angesicht ist strahlender wie die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben undverkümmern.“Sie priesen seine Weisheit, die grösser sei denn die aller Gelehrten und Weisesten im Land. Aber seine Macht war grösser als aller Könige ringsum. So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren würde ihm folgen auf allen seinen Fahrten.

Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu verringern: „Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Könige sind gewesen von Anbeginn der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht hältst? Vielschwätzer, armselige, kleine Krämer und Pillendreher? Man denkt, dass Du ihn fürchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. Du selbst bist erschüttert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Höchste der Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben.“

So peinigten sie die Seele des Fürsten, beugten sich in den Staub, gaben grosse Feste. Böller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte köstliche Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glänzenden Uniformen mit blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war für sie Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.

So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: „Es ist Alles zum Besten eingerichtet. Da sieh doch! Und höre den Jubel meines Volkes bei meinem Einzug.“

Der Gefangene aber blieb fest. „Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert werden Gut und Böse.“

Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.

Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.

Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr[pg 315]zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.

Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit[pg 316]ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.

So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihrrührten.Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.

Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres[pg 317]Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.

So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.

Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt[pg 318]Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“

Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“

Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“

Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein müsste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufrütteln. Sie fühlte, dass es für sein Leben wichtig war, wenn er sprach.

Er aber sprach: „Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ...“

So kam sie noch näher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie gleich ein Kind war und noch sehr jung, fühlte sie doch in ihrer grossen, reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden würde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie Eis. Sie küsste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, fast wie die eines Sterbenden.

„Sehnt Ihr Euch nach Liebe,“ sprach die Jungfrau, „so will ich sie Euch geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Vögel singen freundlich dem wärmenden Licht.“

Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.

Er fuhr mit der Hand über die Stirn: „Liebe – Liebe ...“ sagte er. „Das ist Liebe einer[pg 320]Stunde, Wärme des Lenztags. Ich möchte die Sonne selbst sehen. – Ich habe Sehnsucht nach dem Tode.“

„Der Tod kommt,“ sprach sie freundlich und ohne Zürnen, obgleich ihr Herz aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. „Aber erst ist das Leben. Seht, lieber Herr! Alle Knösplein strecken ihre zarten Blätter. Alle leben und athmen.“

Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, dass er ihr Herz athmen fühlte, die Wärme ihres Busens ihn umfing. „Du lebst jetzt,“ sagte er langsam. „Aber Du wirst todt sein. Würmer werden in Dir wachsen, Du stinkst ...“ Er schleuderte seine Hände fort, als ob er Würmer von ihnen abschlenkerte. Seine Nüstern zogen sich zusammen im Ekel.

Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurück: „Ich werde auch mit Euch sterben,“ sagte sie, „aber später. Es ist noch lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles Fragen, alle Sehnsucht hört auf im Himmel.“

Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den Kranken. Er sprang[pg 321]plötzlich auf, fasste ihre beiden Hände in den Gelenken, drückte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: „Das ist nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, stinkende Maden!“

Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, hässliche, unfläthige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig und wohlgebildet früher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel gewesen. Im Rathen über ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zähne.

Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel für ihr zärtliches und noch so kindliches Herz. Sie fühlte wie einen grossen Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und Wollen. Sie fiel ohnmächtig hin.

Dann stürzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln, trat und beleidigte sie. „Ihr – Ihr seid der Fluch der Welt,“ stiess er hervor. „Ihr habt uns zu Grunde gerichtet.[pg 322]Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen und nur zur Hälfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Götter. Wir sind reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth verkehrt. Ich habe die andre Hälfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! Gott! Gott!“ ...

Die Katze mit gesträubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er die Halbgestorbne zurückstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie todt.

Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind über seinen Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Frühlingsblüthen hineingestreut. Ihr weisses Kleid war über sie gebreitet wie ein Leintuch. Aus der rothen Halswunde troff das Blut.

Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.

„So viel Schönheit,“ sagte er, „so viel Unschuld und Güte. Das ist nun Alles dahin – dahin.“

Und weinte über die junge, süsse Maid, nahm ihre Hände, küsste sie. Und küsste ihre weissen, kleinen Füsschen in den seidnen Schuhen, die sie angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des schrecklichsten Todes.

Dann seufzte er sehr tief, sagte: „So vergehen die Blumen. O süsse Blume! Blume der Unschuld, der Güte und des Verzeihens! Sie hätte liebliche, kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel hätten sie gesegnet. Keinem hast Du je Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich bestürzt. Kein Anblick der Hässlichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?“

Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brüten. Da Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte ihr zerrüttetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zärtlich in ihrer Geberde.

Dies that er. Niemand konnte ihn hindern.[pg 324]Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.

Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.

Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.

Er schwieg zuAllem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.

So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.

Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.

Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“

Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“

Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.

Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern[pg 326]gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.

Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.

Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.

Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in[pg 327]den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.

Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“

Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.

Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.

Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste.[pg 329]Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches.Derwar gestorben in der[pg 330]Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.

Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...

Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten.[pg 331]Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.

Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.

Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die[pg 332]Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.

Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.

Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.

Und sie tanzte vor ihm.

Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.

Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss[pg 335]zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.

Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.

Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.

Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altar[pg 336]tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.

Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.

Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.

Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. –[pg 338]Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.

Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...

Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“

Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.

Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.

Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen[pg 339]und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“

Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.

Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.

Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“

Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“

Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die[pg 340]Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...

Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.

[pg 341]Das achtzehnte Kapitel.Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen,[pg 342]zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr[pg 343]ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.Sie liefen, liefen für ihr Leben.Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.[pg 344]Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen undPferdeäsern.Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Haupt[pg 345]quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. –[pg 346]Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader[pg 347]Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie[pg 348]schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.Für ein andres Mal reservirte man diese.Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das Ge[pg 349]sicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem Paradebett, ein gefällter Eichstamm.Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General, war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine schreckliche Sache.Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich. Wie hässlich der Tod war![pg 350]Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist ihr Werth?“An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas Dunkles verschwand im Schatten.[pg 351]Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig.Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches[pg 352]zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.[pg 353]Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.„Mama ...“ rief er. „Mama ...“Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie[pg 354]hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten[pg 355]und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden[pg 356]verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.Es war Nacht.

Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.

Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen,[pg 342]zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...

Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr[pg 343]ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.

Sie liefen, liefen für ihr Leben.

Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.

Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen undPferdeäsern.

Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.

Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.

Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Haupt[pg 345]quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. –[pg 346]Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.

Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.

Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.

In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader[pg 347]Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.

Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.

Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.

Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen hatten. Diese waren prächtig. Das Metall der sauber zusammengestellten Waffen blinkte. Sie[pg 348]schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals zugeknöpft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewählte junge Leute. Man hatte sie noch immer gut genährt. Die Landsleute hatten ihnen zugetrunken auf dem Marsche. Sie fürchteten sich nicht und schliefen mit einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.

Für ein andres Mal reservirte man diese.

Er ging über das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, Gras, Gärten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhämmert, geschmiedet von Millionen Füssen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von Wellen, Rücken. Ihre Abhänge waren mit Leichen gedüngt. Jeder Einzelne war für sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.

Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Füssen lang ausgestreckt. Der war mausetodt, in’s Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen Brustkastens. Das Ge[pg 349]sicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem Paradebett, ein gefällter Eichstamm.

Vierzig Jahre und fünfzig hätte er noch leben können. Und er, der General, war achtzig, ein kleiner, müder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine schreckliche Sache.

Von der einen Seite aus den Gebüschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten sich da hingeschleppt, die Sanitätscolonnen hatten sie noch nicht entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurück.

Grässlich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Würde, die der Mensch unwillkürlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewährt. Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, blödsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit hängenden Bäuchen, unter denen Pfühle standen, in der Ungeschicklichkeit der leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, – während die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt waren, lagen abgerissne Stücke, groteske Nacktheiten – beinah lächerlich. Wie hässlich der Tod war!

Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte fast sagen betrübter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. – Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmälern, wenn über dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er sich: „Wie könnte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, der Volksehre, für die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich überhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist ihr Werth?“

An dem Hügel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht wie abgemähte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. – Etwas Dunkles verschwand im Schatten.[pg 351]Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. Leichenraben! Schakale – das rief ihm einen Spion zurück, den er den Tag zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte für ihn gefleht und gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der Brust, einer hängenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in ihren Röcken. Natürlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein Schuft! – er hatte eine Frau – kleine Kinder ...

Ein Windzug hatte sich erhoben und kam über das Schlachtfeld, ein trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Flügeln. Er brachte ein Röcheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war traurig.

Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches[pg 352]zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?

Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.

Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“

Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.

Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.

„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.

Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.

„Mama ...“ rief er. „Mama ...“

Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie[pg 354]hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.

Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...

Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...

Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...

Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten[pg 355]und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.

Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.

Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...

Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden[pg 356]verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.

Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.

Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...

In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.

Es war Nacht.


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