[pg 170]Das zehnte Kapitel.Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte.Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter[pg 171]zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen hatten.Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt[pg 172]hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes[pg 173]Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller Augen.Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und kroch in der Luft, auf der Erde.Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass[pg 174]ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so[pg 175]gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem Rücken. Und lag im Staube, blutend.Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um[pg 176]ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh[pg 177]in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“[pg 178]Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es bösemachtin seiner Wirkung, sind Böse.“Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägstgegenDeine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe.[pg 179]Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“Er sprach: „Wie deutest Du das?“[pg 180]Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“Da erschrak Johannes in seinem Herzen und[pg 181]sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer[pg 182]denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.[pg 183]Das elfte Kapitel.Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.[pg 184]„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“[pg 185]Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, müssen tausende sterben.“Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz niedrig.“Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.[pg 186]Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter schreien.“Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein[pg 187]wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen.Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm[pg 188]zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den Hunden.“Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der das Gute suchte.Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele Güter hat, dass er das Gute finde!“Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen.[pg 189]Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit den Hohen nicht verderben wollte.Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte: WaswillstDu thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer Nacktheit und List.So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.[pg 190]Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“„Und Deine Liebe?“„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele,[pg 191]die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, Würmerfrass der Seele.“„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen[pg 192]der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts anhaben,denn sie schämen sich nicht. Das ist das Höchste, sich nicht zu schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im Recht oder ich?“Er sprach: „Warum forderst Du es?“[pg 193]Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund auf und fing an zu wehklagen.„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer Mangel.„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu geben?„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure[pg 194]Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und der feigen Angst?„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.„Ihrdenkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.„OIhr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das[pg 195]Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt.„Wehe Euch! Wehe Euch!„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.[pg 196]Das zwölfte Kapitel.Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.Die Nacht war stürmisch und sehr finster. Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind[pg 197]war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der Herausforderung über die Erde.Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war über die See gefahren und sein Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte er ihnen wieder, sich überschlagend in der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und warfen sich ihm nach an den Strand wie un[pg 198]gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er weiter.Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen Bahn.Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Läden fester zu. Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles auf[pg 199]stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Hühnerstall fährt.Hui – hui – machte der Sturmwind.Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Brücken und peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er war furchtbar.Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere.[pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin[pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.[pg 202]„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?“[pg 203]„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den Bau.“„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte unter den Menschen. Die Gnade von oben hat ihnen geholfen.“„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird dem Demüthigen.“„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der Krippe gebettet.“„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu sein?“[pg 204]„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. „Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“„... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde.„Das ist doch auch nur symbolisch.“„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das[pg 205]Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich binden und kreuzigen.“„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist göttlich.“Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen waren. Er hatte Narben in den Händen. Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in seine Seite. Er seufzte.„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem wäre geholfen? Und was ist Einer?“„Einer war und er that.“„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der Unterdrückung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind[pg 206]sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?“Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der Fremde antwortete nicht.„... Es könnte sein, dass Umwälzungen kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich thue meine Pflicht.“Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende Weisen.Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind.[pg 207]Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in[pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und[pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.[pg 210]Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.[pg 211]Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von[pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten.[pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“Der Fremde sass und zeichnete im Sand.Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen[pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer[pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde[pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Stärke?“„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt.“„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese sind arme, geringe Thiere.“„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?“„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des[pg 217]Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die schwersten Regeln und lösen das Innere der Menschheitsgeschichte.“„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh hüpfend.„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. – An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen,[pg 218]Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjährigen. – Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner Oede?„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten Schätze und schufen Welten für Zeiten und Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“[pg 219]„Du wirst mich kennen.“Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie ein Schatten ging es über seine Augen.„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein König und kommst im Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?“„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen Augen.“Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: „Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben dahinüber?“[pg 220]„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hölle gewesen.“„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart.„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden – –“„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten Stolzer ... Einer – –“„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!“Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.
[pg 170]Das zehnte Kapitel.Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte.Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter[pg 171]zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen hatten.Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt[pg 172]hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes[pg 173]Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller Augen.Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und kroch in der Luft, auf der Erde.Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass[pg 174]ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so[pg 175]gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem Rücken. Und lag im Staube, blutend.Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um[pg 176]ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh[pg 177]in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“[pg 178]Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es bösemachtin seiner Wirkung, sind Böse.“Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägstgegenDeine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe.[pg 179]Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“Er sprach: „Wie deutest Du das?“[pg 180]Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“Da erschrak Johannes in seinem Herzen und[pg 181]sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer[pg 182]denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.[pg 183]Das elfte Kapitel.Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.[pg 184]„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“[pg 185]Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, müssen tausende sterben.“Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz niedrig.“Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.[pg 186]Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter schreien.“Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein[pg 187]wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen.Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm[pg 188]zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den Hunden.“Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der das Gute suchte.Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele Güter hat, dass er das Gute finde!“Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen.[pg 189]Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit den Hohen nicht verderben wollte.Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte: WaswillstDu thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer Nacktheit und List.So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.[pg 190]Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“„Und Deine Liebe?“„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele,[pg 191]die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, Würmerfrass der Seele.“„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen[pg 192]der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts anhaben,denn sie schämen sich nicht. Das ist das Höchste, sich nicht zu schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im Recht oder ich?“Er sprach: „Warum forderst Du es?“[pg 193]Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund auf und fing an zu wehklagen.„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer Mangel.„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu geben?„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure[pg 194]Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und der feigen Angst?„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.„Ihrdenkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.„OIhr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das[pg 195]Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt.„Wehe Euch! Wehe Euch!„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.[pg 196]Das zwölfte Kapitel.Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.Die Nacht war stürmisch und sehr finster. Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind[pg 197]war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der Herausforderung über die Erde.Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war über die See gefahren und sein Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte er ihnen wieder, sich überschlagend in der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und warfen sich ihm nach an den Strand wie un[pg 198]gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er weiter.Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen Bahn.Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Läden fester zu. Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles auf[pg 199]stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Hühnerstall fährt.Hui – hui – machte der Sturmwind.Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Brücken und peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er war furchtbar.Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere.[pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin[pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.[pg 202]„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?“[pg 203]„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den Bau.“„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte unter den Menschen. Die Gnade von oben hat ihnen geholfen.“„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird dem Demüthigen.“„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der Krippe gebettet.“„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu sein?“[pg 204]„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. „Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“„... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde.„Das ist doch auch nur symbolisch.“„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das[pg 205]Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich binden und kreuzigen.“„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist göttlich.“Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen waren. Er hatte Narben in den Händen. Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in seine Seite. Er seufzte.„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem wäre geholfen? Und was ist Einer?“„Einer war und er that.“„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der Unterdrückung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind[pg 206]sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?“Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der Fremde antwortete nicht.„... Es könnte sein, dass Umwälzungen kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich thue meine Pflicht.“Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende Weisen.Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind.[pg 207]Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in[pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und[pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.[pg 210]Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.[pg 211]Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von[pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten.[pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“Der Fremde sass und zeichnete im Sand.Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen[pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer[pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde[pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Stärke?“„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt.“„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese sind arme, geringe Thiere.“„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?“„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des[pg 217]Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die schwersten Regeln und lösen das Innere der Menschheitsgeschichte.“„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh hüpfend.„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. – An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen,[pg 218]Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjährigen. – Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner Oede?„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten Schätze und schufen Welten für Zeiten und Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“[pg 219]„Du wirst mich kennen.“Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie ein Schatten ging es über seine Augen.„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein König und kommst im Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?“„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen Augen.“Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: „Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben dahinüber?“[pg 220]„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hölle gewesen.“„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart.„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden – –“„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten Stolzer ... Einer – –“„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!“Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.
[pg 170]Das zehnte Kapitel.Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte.Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter[pg 171]zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen hatten.Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt[pg 172]hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes[pg 173]Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller Augen.Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und kroch in der Luft, auf der Erde.Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass[pg 174]ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so[pg 175]gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem Rücken. Und lag im Staube, blutend.Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um[pg 176]ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh[pg 177]in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“[pg 178]Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es bösemachtin seiner Wirkung, sind Böse.“Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägstgegenDeine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe.[pg 179]Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“Er sprach: „Wie deutest Du das?“[pg 180]Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“Da erschrak Johannes in seinem Herzen und[pg 181]sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer[pg 182]denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.
Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen Stande gewidmet hatte.
Nie war für ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwählen. Von früh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt darüber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. Dabei war er von mässiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Würde in aller Gütigkeit, dass er die Spötter[pg 171]zurückwies, Niemand ihm etwas anhaben konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man Jemand etwas Gutes wünschte, und diese Leute waren älter, dass man ihnen einen Sohn wünschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst gegangen, ein Amt erwählte, das ihnen fremdartig war und nicht so angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in frühen Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Mühsal getragen hatten.
Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in ihren Sünden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Gerücht drang bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger angestellt auf den eignen Wunsch des Fürsten, der gern seine Predigt[pg 172]hörte, auch manches Gespräch mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und redlicher Gemüthsart, dachte viel nach über die Pflichten und Vorrechte seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fühlte in seinem Gemüth, liess er oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.
Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es ihm freigestanden hätte, ein Weib zu wählen, Niemand ihm seine beste Tochter geweigert hätte, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzöge von seinem geistlichen Amt, welches er als das höchste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und würdigeren jungen Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war für Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes[pg 173]Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach geschliffener Stahl vor Aller Augen.
Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die Stadt schon aufhörte, blühende Sträucher standen und Fruchtbäume im Laub – wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich selber –, freute er sich am Gesang der Vögel, wie sie alle einträchtig sangen und war keiner grösser und mehr geachtet denn der andre in ihrem Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter ihre zwei Pieptöne, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt würden von dem, was flog und kroch in der Luft, auf der Erde.
Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass[pg 174]ihre Schwingen fast die Erde berührten. Dann hoben sie sich wieder, blieben segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Böschung dufteten Veilchen. Libellen schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.
Wie er nun also ging und sich freute, die Vöglein lieblich und fröhlich sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf einem der Bäume. Leise schlich sie auf unhörbaren, tastenden Zehen. Ihr Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In den Flanken sassen tiefe Löcher von der Anstrengung des Dehnens. Die Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, schlechtgenährt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es dämmrig wurde, sass auf dem Baum und hob ihre Kralle über dem Nestchen.
Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn die unschuldigen Vöglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen Stein, zielte und warf. Und traf so[pg 175]gut, dass er die Katze hart schlug in ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schützen. Sie stiess einen schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jämmerlich wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwärts zu strecken mit strebenden Vorderfüssen und schwachem, nachschleppendem Rücken. Und lag im Staube, blutend.
Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um[pg 176]ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.
Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.
Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh[pg 177]in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.
Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.
Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“
„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“
„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“
Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“
Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es bösemachtin seiner Wirkung, sind Böse.“
Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“
Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägstgegenDeine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“
Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“
Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe.[pg 179]Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“
„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“
„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“
Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“
Er sprach: „Wie deutest Du das?“
Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“
Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“
Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“
Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“
Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“
Da erschrak Johannes in seinem Herzen und[pg 181]sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“
Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“
Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“
Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“
Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer[pg 182]denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“
Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“
So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.
[pg 183]Das elfte Kapitel.Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.[pg 184]„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“[pg 185]Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, müssen tausende sterben.“Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz niedrig.“Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.[pg 186]Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter schreien.“Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein[pg 187]wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen.Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm[pg 188]zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den Hunden.“Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der das Gute suchte.Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele Güter hat, dass er das Gute finde!“Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen.[pg 189]Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit den Hohen nicht verderben wollte.Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte: WaswillstDu thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer Nacktheit und List.So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.[pg 190]Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“„Und Deine Liebe?“„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele,[pg 191]die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, Würmerfrass der Seele.“„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen[pg 192]der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts anhaben,denn sie schämen sich nicht. Das ist das Höchste, sich nicht zu schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im Recht oder ich?“Er sprach: „Warum forderst Du es?“[pg 193]Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund auf und fing an zu wehklagen.„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer Mangel.„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu geben?„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure[pg 194]Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und der feigen Angst?„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.„Ihrdenkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.„OIhr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das[pg 195]Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt.„Wehe Euch! Wehe Euch!„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.
Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:
„Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Häusern. In steinernen Kirchen ist das Wort verschlossen für blöde Mengen am Sonntagmorgen. Die Mächtigen missbrauchen Deine Worte für ihre Zwecke. Man führt Kriege in Deinem Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Sünder stirbt nachher wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?“
Er sprach: „Siehe zu, was ich thue:
„Soll ich Krieg führen, um die Welt zu überzeugen? Der Hass wäre schlimmer denn zuvor. Die Sklaven von heute wären grausamere Herren, als die Herren von gestern.
„Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz wäre gut, aber die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde Wüste.
„Vielen ist es gesagt, aber Wenige hören. Allen ist es ein Schlachtwort und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein Schwert, das durchbohrt, süsse Milch, die ganz junge Kinder trinken.“
Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich übersetzen liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein Tuch mit Samenkörnern eingebunden hatte, die er säen wollte auf seinem Acker.
Er sprach zu ihm: „Gieb mir von Deinen Körnern.“
Der Mann sprach: „Nimm so viele, wie Du willst?“
Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.
Sprach der Mann zu ihm: „Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser die Samen nicht hält und austreibt?“
Er sprach: „Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, müssen tausende sterben.“
Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.
Derselbe sprach zu ihm: „Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schön und der Andre hässlich, Jener klug und Dieser thöricht. So sage auch diesen, dass sie mich schön finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist.“
Er sprach zu ihm: „Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz hässlich bist Du und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schönheit, die Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz niedrig.“
Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.
Aber sie hörten es nicht gern. Die, die das hörten, fuhren fort, das Volk zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustürzen, oder System und Lehrsätze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine Fülle hätte, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: „Morgen kommt der grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie übertäuben und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter schreien.“
Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann’s aus der grossen Stadt. „Gebt Eure Güter und verlasst Eure stolzen Paläste! Gebt Eure Macht auf, Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr unsre Frauen und Mädchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. Einer soll sein wie der Andre, Keiner König und Keiner ein Bettler. Unsre Frauen sollen gleichgeachtet sein[pg 187]wie wir und unsre Töchter wie unsre Söhne. Wir wollen glücklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. – Denn was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod.“
Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm über seinen Seelenzustand sprechen.
Er sagte: „Ich habe immer ein untadeliges Leben geführt. Von Lastern und verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen Niedrigstehende bemühe ich mich höflich und gerecht zu sein. Es fehlt meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebühr und über Gebühr. Ich bin allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird Niemand zögern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es klebt kein Stäubchen an meinem Vermögen. Alles ist auf ehrliche Weise erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter fände einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. Dem Staat zahle ich pünklich, was ihm[pg 188]zukommt. Ich betheilige mich an allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnützigen Anstalten. Die Leute auf meiner Besitzung sind glücklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?“
Er sprach: „Du sagst, dass Du Güter hast. Nimm Deine Güter, den letzten Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den Hunden.“
Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schön von Ansehen, der das Gute suchte.
Darauf sprach er: „Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die Wollust giebt für Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher Busse, der grobe Sünde thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer für einen Menschen, der viele Güter hat, dass er das Gute finde!“
Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: „Was nützt es den Armen, so Einer giebt? Es käme wenig auf Alle. Morgen wäre dasselbe wieder, dass Einige nichts hätten und Andre mehr.“
Er sprach: „Es ist nicht um der Armen willen.[pg 189]Wenn er es auf’s Meer würfe, die Wellen trügen es fort, wäre es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass seine Güter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird ersticken in ihm, ohnmächtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. – Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafür Neid und Niedrigkeit als seine Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und die wahre Liebe ist stolz und eine Königin. Aber die begehren, sind Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fürst.“
Wenige verstanden dies und Viele murrten darüber. Einige sagten, er liebt nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionär sei und es mit den Hohen nicht verderben wollte.
Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurück, fragte: WaswillstDu thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschämt standen in ihrer Nacktheit und List.
So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.
Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? „Das Gesetz erlaubt mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die allgemeine Meinung und meine Stärke würden mir wohl gestatten, sie zu tödten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache.“
„Und Deine Liebe?“
„Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zärtlichkeiten, die ich ihr erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schönheit erfreute mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmücken. Keiner ihrer Wünsche, den es in meiner Macht war zu erfüllen, blieb unerfüllt. Ich liebte ihren Verstand, ihre Art sich auszudrücken, die Weichheit ihrer Stimme, die Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir erweckte, ihre Schüchternheit und Hülflosigkeit selbst.“
„Und ihre Seele? – Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und arm und nach Hülfe schrie? Ihre Zögerungen, den Glauben an Dich, Deine Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, – Deine Seele,[pg 191]die sich nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen machte, der sie noch unglücklicher liess? – Diese arme, nackte frierende, beschämte Seele, hast Du sie geliebt?“
Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: „Er ist nachsichtig für die Sünden des Fleisches. Huren und Lüstlinge sind ihm recht.“
„Die Sünden der Wollust sind traurig,“ sagte er. „Sie tragen ihre Strafe in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebärt. Die Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine Schönheit mehr für den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, Würmerfrass der Seele.“
„So wäre es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen und dass die Welt aufhörte?“ fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: „Welch’ ein Unsinn!“
Er sah ihn lange an. „Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen[pg 192]der Morgenröthe. Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts anhaben,denn sie schämen sich nicht. Das ist das Höchste, sich nicht zu schämen. Weil die Scham in uns ist von der Sünde.“
Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklärte.
Er that es nicht: „Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben – immer neues! Sie sind wohl die Unglücklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind unfruchtbar.“
Manche hätten gehofft, dass er mehr darüber sagte. Aber er hielt seinen Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.
So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. „Ich habe meinem Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im Recht oder ich?“
Er sprach: „Warum forderst Du es?“
Es entstand da ein ganz lächerlicher Disput über die Ehre. „Wenn Einer mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?“
Er sprach: „Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schläge. Machst Du ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlägst?“
Aber in seinem Herzen wurde es traurig über sie. Und er that seinen Mund auf und fing an zu wehklagen.
„Arme! die Ihr reich seid, und Eure Güter fressen Euch selbst, Geiz, Neid und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig hat, und für jedes Ueberflüssige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein Andrer Mangel.
„Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhäuser und sammelt für Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich – und wollt Lob Eurer Nachbarn und Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, was brauchet Ihr zu geben?
„Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet für die Freiheit Eurer Brüder, Gesetze, Unterricht und Bürgerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, wenn Ihr nicht Unfreie gemacht hättet zuvor, Eure[pg 194]Seelen nicht in Banden wären des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Lüge, der Trägheit und der feigen Angst?
„Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, dass sie Euch anstaunen möchten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu Grabe trägt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.
„Ihrdenkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die äussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, köstlichen Kleidern um Eure Nacktheit. Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Grösse die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.
„OIhr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Ungläubigen! Wie unglücklich seid Ihr in Eurem Glücke! Wie erbärmlich in Eurem Stolz!
„Die Kinder und Unmündigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr verachtet habt. Das[pg 195]Lamm wird stärker sein denn der Löwe, der laut brüllt. Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Königreiche leiten, die der Eisenfuss zertritt.
„Wehe Euch! Wehe Euch!
„Die Pflanzen wissen, die Felsstücke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.
„Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr könnt nicht, die Ihr stark seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kämpfen, siegen nicht.“
Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.
[pg 196]Das zwölfte Kapitel.Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.Die Nacht war stürmisch und sehr finster. Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind[pg 197]war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der Herausforderung über die Erde.Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war über die See gefahren und sein Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte er ihnen wieder, sich überschlagend in der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und warfen sich ihm nach an den Strand wie un[pg 198]gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er weiter.Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen Bahn.Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Läden fester zu. Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles auf[pg 199]stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Hühnerstall fährt.Hui – hui – machte der Sturmwind.Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Brücken und peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er war furchtbar.Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere.[pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin[pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.[pg 202]„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?“[pg 203]„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den Bau.“„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte unter den Menschen. Die Gnade von oben hat ihnen geholfen.“„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird dem Demüthigen.“„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der Krippe gebettet.“„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu sein?“[pg 204]„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. „Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“„... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde.„Das ist doch auch nur symbolisch.“„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das[pg 205]Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich binden und kreuzigen.“„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist göttlich.“Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen waren. Er hatte Narben in den Händen. Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in seine Seite. Er seufzte.„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem wäre geholfen? Und was ist Einer?“„Einer war und er that.“„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der Unterdrückung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind[pg 206]sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?“Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der Fremde antwortete nicht.„... Es könnte sein, dass Umwälzungen kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich thue meine Pflicht.“Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende Weisen.Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind.[pg 207]Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in[pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und[pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.[pg 210]Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.[pg 211]Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von[pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten.[pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“Der Fremde sass und zeichnete im Sand.Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen[pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer[pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde[pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Stärke?“„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt.“„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese sind arme, geringe Thiere.“„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?“„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des[pg 217]Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die schwersten Regeln und lösen das Innere der Menschheitsgeschichte.“„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh hüpfend.„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. – An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen,[pg 218]Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjährigen. – Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner Oede?„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten Schätze und schufen Welten für Zeiten und Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“[pg 219]„Du wirst mich kennen.“Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie ein Schatten ging es über seine Augen.„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein König und kommst im Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?“„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen Augen.“Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: „Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben dahinüber?“[pg 220]„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hölle gewesen.“„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart.„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden – –“„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten Stolzer ... Einer – –“„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!“Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.
Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.
Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt, dass Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine Gestalt, dass es unmöglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener hütete sein Pferd, während er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.
Die Nacht war stürmisch und sehr finster. Man hörte den Wind brausen. Er trieb die nassen Zweige der Bäume in grossen Packen gegen die Fenster, dass es klatschte und prasselte. Der Wind[pg 197]war gewaltig. Er fuhr über die Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der Herausforderung über die Erde.
Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war über die See gefahren und sein Mantel hatte die Kämme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm schnappten und sich überschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann entschlüpfte er ihnen wieder, sich überschlagend in der Luft. Sie machten verzweifelte Sprünge und warfen sich ihm nach an den Strand wie un[pg 198]gefüge Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.
Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.
Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwächter erschrak in seinem Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er blies dem Wächter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Flügeln. Dann fuhr er weiter.
Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner geraden, majestätischen Bahn.
Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Läden fester zu. Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Dächern, die schlechten Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles auf[pg 199]stob, durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Hühnerstall fährt.
Hui – hui – machte der Sturmwind.
Im Gebirge köpfte er die Tannen und schleuderte sie kopfüber den Abhang hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Brücken und peitschte die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist ihr Herr. Er war furchtbar.
Ueber die Städte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Läden vor und zogen sich die Nachtmützen tiefer über die Ohren: Es ist Sturm draussen und gut, dass wir nicht im Freien sind. – Wo er Einen fand, der draussen war, schüttelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kältete ihn durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und ein Feind der Menschen.
Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war dicht verhüllt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der Regelmässigkeit schöner, geübter Edelthiere.[pg 200]Der Sturm versuchte ihm den Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er hüllte sich nur noch dichter hinein. Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in einiger Entfernung.
Der Reiter hörte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind sang.
Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer – dann der Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen König unter den Menschen, dem Gewaltigen!
... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken läuteten. Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tüchern. Weissgekleidete Mädchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. – Der Hermelin[pg 201]hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, wie die Schlange, die den Weltkreis hält, funkelnd im Schmuck der Edelgesteine – des Rubins, der das Blut ist, Topase, köstlicher als Gold, der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde grüne Augen der Edelkatze. – Und er war es, der gross und reich war, der König war.
Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der Mitternacht hörte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhüllt und ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.
Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.
Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte nach seinem Röhren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.
„Es ist Sturmwind und sehr finster,“ sagte der schwarze Reiter. „Ich bin zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen über Dinge, die gefährlich sind zu nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, diese Nacht!“
„Es giebt einen Morgen,“ sagte der Fremde. „Das Licht wird sehr hell kommen. Wir werden Morgen haben bald.“
„Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hörst Du die Weisen draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Rüstungen von Eisen und gehen langsam vorüber. Die Letzten haben Purpurmäntel und Einige reiten auf herrlichen Pferden. Einer trägt sein Haupt unter seinem Arm. – Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?“
„Sie haben getödtet,“ sagte der Fremde. „Sie haben genommen. Sie haben gerächt und gerichtet.“
„Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Stärke ihres Arms. Sie waren Väter und Erbauer.“
„Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele führt in die Irre, der als ein Führer selber irrt. So er dieser Geringsten einen ärgert, besser wäre es ihm, er verlöre Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch wählt, gefährdet den Bau.“
„Das ist schrecklich. – Sie waren Erwählte unter den Menschen. Die Gnade von oben hat ihnen geholfen.“
„Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde,“ sagte der Fremde. „Die Gnade wird dem Demüthigen.“
„Man kann demüthig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat Könige eingesetzt.“
„Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der Krippe gebettet.“
„Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu sein?“
„Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller Knecht.“
„Das ist bildlich gemeint,“ sagte der Reiter. „Wer dem Ganzen dient, ist Aller Knecht.“
„... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Füsse,“ sagte der Fremde milde.
„Das ist doch auch nur symbolisch.“
„Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?“ Der Fremde lächelte – ein trauriges Lächeln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.
Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.
„Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir hängen am Kreuz. Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu kämpfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. – Auf Einen fällt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom Unrecht. Für dieses schwere Amt müsste man Vorrechte haben. Wer wollte freiwillig es auf sich nehmen?“
„Glaubst Du, dass es Keiner möchte?“
Der Reiter verwirrte sich. „Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es ist besser, dass das[pg 205]Festgefügte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?“
„Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. Er liess sich binden und kreuzigen.“
„Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist göttlich.“
Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schärfen, Spitzen, die eingedrungen waren. Er hatte Narben in den Händen. Ein Schmerz, wie von einer schweren, nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in seine Seite. Er seufzte.
„Und wenn ich es thäte?“ fuhr der Reiter fort. „Wer hätte den Vortheil? Ein Andrer, der käme und schlimmer wäre, vielleicht weniger tief angelegt, – ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem wäre geholfen? Und was ist Einer?“
„Einer war und er that.“
„Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der Unterdrückung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind[pg 206]sie darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?“
Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelächter, das Lachen von tausend Kobolden und Dämonen. Der Fremde antwortete nicht.
„... Es könnte sein, dass Umwälzungen kämen,“ sagte der Reiter, „allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genügen lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erlöser. Nicht ein Genie ... Ich thue meine Pflicht.“
Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.
Ueber ihren Häuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende Weisen.
Hoiho – hoiho – triumphirte der Sturmwind.
Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.
Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in[pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.
Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.
Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und[pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.
Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.
Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.
Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.
Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.
Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von[pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.
Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.
Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten.[pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“
Der Fremde sass und zeichnete im Sand.
Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen[pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.
Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.
Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer[pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.
Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde[pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.
„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.
„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“
„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“
„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.
„Buddha ist gestorben, Alexander und Cäsar. Was ist geblieben von ihrer Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Stärke?“
„Die Amsel, die läuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt.“
„Du sprichst sehr thöricht,“ sagte der alte Mann. „Jene waren Helden und Weise. Diese sind arme, geringe Thiere.“
„War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum grösser denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?“
„Sie rechnet nach Tagen. Wir zählen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. Die Weisheit des[pg 217]Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die schwersten Regeln und lösen das Innere der Menschheitsgeschichte.“
„Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es zerreisse!“
Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh hüpfend.
„Ich fürchte den Tod nicht,“ sagte der alte Mann stolz. „Ich habe das Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, ärmer wie der ärmste Tagelöhner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl pflanzte, war mein glücklichster Tag. Kaiser und Könige habe ich gekannt. Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die Gummibälle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und zerblasen. – An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, Noth, Neid, Hass habe ich getragen,[pg 218]Undank, der schlimmer ist wie der giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, Ruhm, Liebe der Weiber, flüchtige Tropfen des Blüthenöls, die verfliegen. – Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich grüsse den Tod, denn ich bin müde vom Leben. In mir ist Alles todt, was lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles ist eins, und so gut als wäre es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, werde ich es tragen. Niemals werde ich glücklich sein und niemals klagen. Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjährigen. – Was bist Du gekommen mich zu stören in meiner Oede?
„... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen,“ sagte der alte Mann, „und Götter. Es waren andre Götter vor ihnen, grösser und gewaltiger als Du. Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Göttern! – Sie rafften und wussten und sammelten Schätze und schufen Welten für Zeiten und Jahre. Sie waren Götter und sind wie Menschen. Ich gehöre zu ihnen. Du bist nicht meiner.“
„Du wirst mich kennen.“
Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen mit der Hand. Wie ein Schatten ging es über seine Augen.
„Ich träumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein König und kommst im Kleide des Bettlers. Du könntest tödten und Du streckst die Hand aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?“
„Ich bin für Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen Augen.“
Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: „Wohl – wohl – Du bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. Ueber Schuld und Nacht – – Kannst Du lieben dahinüber?“
„Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hölle gewesen.“
„In der Hölle ... In der Hölle ...“ Der alte Mann beugte sich noch weiter vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu ringen – zu ertrinken. Er athmete hart.
„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden – –“
„Wo die Flammen steigen zum nächtlichen Himmel, die Starken schmachten in Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten Stolzer ... Einer – –“
„Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!“
Der alte Mann hatte einen Schritt vorwärts gemacht. Wie ein Blitz an der Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.
Der Fremde drückte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Länge, die tausendjährige Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und fällt. Der Hund hielt die Wache neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die Vorderpfoten nebeneinander ge[pg 221]stellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen auf alten Grabmälern.
Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel hüpfte und beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.
Niemals wieder im Zauberwald hörte man die Klage der weissen Frau.