Licht

Sollte ich warten, bis vielleicht nach Stunden oder gar erst morgen Polizisten kamen — die Staatsfalotten, wie Zwakh sie zu nennen pflegte?

Nein, lieber wollte ich einen Versuch machen, die unterirdischen Gänge ein Stück weit auf ihre Richtung hin zu untersuchen.

Vielleicht fiel jetzt bei Tag durch Ritzen im Gestein eine Spur von Licht hinab?

Ich kletterte die Leiter hinunter, setzte den Weg, den ich gestern gekommen war, fort — über ganze Halden zerbrochener Ziegelsteine und durch versunkene Keller — erklomm eine Treppenruine und stand plötzlich — — im Hausflur desschwarzen Schulhauses, das ich vorhin wie im Traum gesehen.

Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke, bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang, ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. — Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.

Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter.

Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los. Ich drehte mich umund sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen.

Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: — ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug, und die Leute glaubten, den „Golem“ vor sich zu haben.

Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen Fetzen vom Leibe.

Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber.

— — — — — — — — — — — — — —

Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; — es ließ mir keine Ruhe: ich mußte ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch nicht zu Hause.

Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter sofort verständigen. —

Ein sonderbares Mädchen übrigens, diese Mirjam!

Ein Typus, wie ich ihn noch nie gesehen.

Eine Schönheit, so fremdartig, daß man sie im ersten Moment gar nicht fassen kann, — eine Schönheit, die einen stumm macht, wenn man sie ansieht, und ein unerklärliches Gefühl, so etwas, wie leise Mutlosigkeit in einem erweckt.

Nach Proportionsgesetzen, die seit Jahrtausenden verloren gegangen sein müssen, ist dieses Gesicht geformt, grübelte ich mir zurecht, wie ich es so im Geiste wieder vor mir sah.

Und ich dachte nach, welchen Edelstein ich wählen müßte, um es als Gemme festzuhalten und dabei den künstlerischen Ausdruck richtig zu wahren: Schon an dem rein Äußerlichen; dem blauschwarzen Glanz des Haares und der Augen, der alles übertraf, worauf ich auch riet, scheiterte es. — Wie erst die unirdische Schmalheit des Gesichtes sinn- und visionsgemäß in eine Kamee bannen,ohne sich in die stumpfsinnige Ähnlichkeitsmacherei der kanonischen „Kunst“richtung festzurennen!

Nur durch ein Mosaik ließ es sich lösen, erkannte ich klar, aber was für Material wählen? Ein Menschenleben gehörte dazu, das passende zusammen zu finden. — —

Wo nur Hillel blieb!

Ich sehnte mich nach ihm wie nach einem lieben, alten Freunde.

Merkwürdig, wie er mir in den wenigen Tagen — und ich hatte ihn doch, genau genommen, nur ein einziges Mal im Leben gesprochen, — ins Herz gewachsen war.

Ja, richtig: die Briefe —ihreBriefe wollte ich doch besser verstecken. Zu meiner Beruhigung, falls ich wieder einmal länger von zu Hause fort sein sollte.

Ich nahm sie aus der Truhe: — in der Kassette würden sie sicherer aufbewahrt sein.

Eine Photographie glitt zwischen den Briefen heraus. Ich wollte nicht hinschauen, aber es war zu spät.

Den Brokatstoff um die bloßen Schultern gelegt — so wie ich ‚sie‘ das erste Mal gesehen, als sie in mein Zimmer flüchtete aus Saviolis Atelier — blickte sie mir in die Augen.

Ein wahnsinniger Schmerz bohrte sich in mich ein. Ich las die Widmung unter dem Bilde, ohne die Worte zu erfassen, und den Namen:

DeineAngelina.

— — — — — — — — — — — — — —

Angelina!!!

Wie ich den Namen aussprach, zerriß der Vorhang, der meine Jugendjahre vor mir verbarg, von oben bis unten.

Vor Jammer glaubte ich zusammenbrechen zu müssen. Ich krallte die Finger in die Luft und winselte, — biß mich in die Hand: — — nur wieder blind sein, Gott im Himmel, — den Scheintod weiter leben, wie bisher, flehte ich.

Das Weh stieg mir in den Mund. — Quoll. — Schmeckte seltsam süß, — wie Blut. — —

Angelina!!

— — — — — — — — — — — — — —

Der Name kreiste in meinen Adern und wurde — zu unerträglicher gespenstischer Liebkosung.

Mit einem gewaltsamen Ruck riß ich mich zusammen und zwang mich — mit knirschenden Zähnen — das Bild anzustarren, bis ich langsam Herr darüber wurde!

Herrdarüber!

Wie heute nacht über das Kartenblatt.

— — — — — — — — — — — — — —

Endlich: Schritte! Männertritte.

Er kam!

Voll Jubel eilte ich zur Tür und riß sie auf.

Schemajah Hillel stand draußen und hinter ihm — ich machte mir leise Vorwürfe, daß ich es als Enttäuschung empfand — mit roten Bäckchen und runden Kinderaugen: der alte Zwakh.

„Wie ich zu meiner Freude sehe, sind Sie wohlauf, Meister Pernath“, fing Hillel an.

Ein kaltes „Sie“?

Frost. Schneidender, ertötender Frost lag plötzlich im Zimmer.

Betäubt, mit halbem Ohr, hörte ich hin, was Zwakh, atemlos vor Aufregung, auf mich losplapperte:

„Wissen Sie schon, der Golem geht wieder um? Neulich erst sprachen wir davon, wissen Sie noch, Pernath? Die ganze Judenstadt ist auf. Vrieslander hat ihn selbst gesehen, den Golem. Und wieder hat es, wie immer, mit einem Mord begonnen“ — Ich horchte erstaunt auf: Ein Mord?

Zwakh schüttelte mich: „Ja, wissen Sie denn von gar nichts, Pernath? Unten hängt doch großmächtig ein Polizeiaufruf an den Ecken: den dicken Zottmann, den ‚Freimaurer‘ — na, ich meine doch den Lebensversicherungsdirektor Zottmann — soll man ermordet haben. Der Loisa — hier im Haus — ist bereits verhaftet. Und die rote Rosina: spurlos verschwunden. — Der Golem — der Golem — es ist ja haarsträubend.“

Ich gab keine Antwort und suchte in Hillels Augen: warum blickte er mich so unverwandt an?

Ein verhaltenes Lächeln zuckte plötzlich um seine Mundwinkel.

Ich verstand. Es galt mir.

Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen vor jauchzender Freude.

Außer mir in meinem Entzücken, lief ich planlos im Zimmer umher. Was zuerst bringen? Gläser? Eine Flasche Burgunder? (Ich hatte doch nur eine.) Zigarren? — Endlich fand ich Worte: „Aber warum setzt ihr euchdenn nicht!?“ — Rasch schob ich meinen beiden Freunden Sessel unter. — — —

Zwakh fing an, sich zu ärgern: „Warum lächeln Sie denn immerwährend, Hillel? Glauben Sie vielleicht nicht, daß der Golem spukt? Mir scheint, Sie glauben überhaupt nicht an den Golem?“

„Ich würde nicht an ihn glauben, selbst wenn ich ihn hier im Zimmer vor mir sähe“, antwortete Hillel gelassen mit einem Blick auf mich. — Ich verstand den Doppelsinn, der aus seinen Worten klang.

Zwakh hielt erstaunt im Trinken inne: „Das Zeugnis von hunderten Menschen gilt Ihnen nichts, Hillel? — Aber warten Sie nur, Hillel, denken Sie an meine Worte: Mord auf Mord wird es jetzt in der Judenstadt geben! Ich kenne das. Der Golem zieht eine unheimliche Gefolgschaft hinter sich her.“

„Die Häufung gleichartiger Ereignisse ist nichts Wunderbares“, erwiderte Hillel. Er sprach es im Gehen, trat ans Fenster und blickte durch die Scheiben hinab auf den Trödlerladen — „Wenn der Tauwind weht, rührt sich’s in den Wurzeln. In den süßen, wie in den giftigen.“

Zwakh zwinkerte mir lustig zu und deutete mit dem Kopf nach Hillel.

„Wenn der Rabbi nur reden wollte, der könnte uns Dinge erzählen, daß einem die Haare zu Berge stünden,“ warf er halblaut hin.

Schemajah drehte sich um.

„Ich bin nicht ‚Rabbi‘, wenn ich auch den Titel tragen darf. Ich bin nur ein armseliger Archivar im jüdischenRathaus und führe die Register — über die Lebendigen und die Toten.“

Eine verborgene Bedeutung lag in seiner Rede, fühlte ich. Auch der Marionettenspieler schien es unterbewußt zu empfinden, — er wurde still und eine Zeitlang sprach keiner von uns ein Wort.

„Hören Sie mal, Rabbi —, verzeihen Sie: ‚Herr Hillel‘, wollte ich sagen,“ — fing Zwakh nach einer Weile wieder an, und seine Stimme klang auffallend ernst, „ich wollte Sie schon lange etwas fragen. Sie brauchen mir ja nicht drauf zu antworten, wenn Sie nicht mögen, oder nicht dürfen — — —“

Schemajah trat an den Tisch und spielte mit dem Weinglas — er trank nicht; vielleicht verbot es ihm das jüdische Ritual.

„Fragen Sie ruhig, Herr Zwakh.“

„— — Wissen Sie etwas über die jüdische Geheimlehre, die Kabbala, Hillel?“

„Nur wenig.“

„Ich habe gehört, es soll ein Dokument geben, aus dem man die Kabbala lernen kann: den ‚Sohar‘ — —“

„Ja, den Sohar, — das Buch des Glanzes.“

„Sehen Sie, da hat man’s“, schimpfte Zwakh los. „Ist es nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, daß eine Schrift, die angeblich die Schlüssel zum Verständnis der Bibel und zur Glückseligkeit enthält —“

Hillel unterbrach ihn: „— nur einige Schlüssel.“

„Gut, immerhin einige! — also, daß diese Schrift infolge ihres hohen Wertes und ihrer Seltenheit wieder nur den Reichen zugänglich ist? In einem einzigenExemplar, das noch dazu im Londoner Museum steckt, wie ich mir habe erzählen lassen? Und überdies chaldäisch, aramäisch, hebräisch — oder was weiß ich wie — geschrieben? — Habeichzum Beispiel je im Leben Gelegenheit gehabt, diese Sprachen zu lernen oder nach London zu kommen?“

„Haben Sie denn alle Ihre Wünsche so heiß auf dieses Ziel gerichtet?“ fragte Hillel mit leisem Spott.

„Offen gestanden — nein“, gab Zwakh einigermaßen verwirrt zu.

„Dann sollten Sie sich nicht beklagen,“ sagte Hillel trocken, „wer nicht nach dem Geist schreit mit allen Atomen seines Leibes, — wie ein Erstickender nach Luft, — der kann die Geheimnisse Gottes nicht schauen.“

„Es sollte trotzdem ein Buch geben, in dem sämtliche Schlüssel zu den Rätseln der anderen Welt stehen, nicht nur einige“, schoß es mir durch den Kopf, und meine Hand spielte automatisch mit dem Pagad, den ich immer noch in der Tasche trug, aber ehe ich die Frage in Worte kleiden konnte, hatte Zwakh sie bereits ausgesprochen.

Hillel lächelte wieder sphinxhaft: „Jede Frage, die ein Mensch tun kann, ist im selben Augenblick beantwortet, wo er sie geistig gestellt hat.“

„VerstehenSie, was er damit meint?“, wandte sich Zwakh an mich.

Ich gab keine Antwort und hielt den Atem an, um kein Wort von Hillels Rede zu verlieren.

Schemajah fuhr fort:

„Das ganze Leben istnichtsanderes als formgewordene Fragen, die den Keim der Antwort in sich tragen — und Antworten, die schwanger gehen mit Fragen. Wer irgend etwas anderes darin sieht, ist ein Narr.“

Zwakh schlug mit der Faust auf den Tisch:

„Jawohl: Fragen, die jedesmal anders lauten, und Antworten, die jeder anders versteht.“

„Geradedaraufkommt es an,“ sagte Hillel freundlich. „Alle Menschen übereinenLöffel zu — kurieren, ist lediglich Vorrecht der Ärzte. Der Fragende erhältdieAntwort, die ihm not tut: sonst ginge nicht die Kreatur den Weg ihrer Sehnsucht. Glauben Sie denn, unsere jüdischen Schriften sind bloß aus Willkür nur in Konsonanten geschrieben? — Jeder hatsich selbstdie geheimen Vokale dazu zu finden, die ihm den nur für ihn allein bestimmten Sinn erschließen, — soll nicht das lebendige Wort zum toten Dogma erstarren.“

Der Marionettenspieler wehrte heftig ab:

„Das sindWorte, Rabbi,Worte! Pagad ultimo will ich heißen, wenn ich daraus klug werde.“

Pagad!!— Das Wort schlug in mich ein wie der Blitz. Ich fiel vor Entsetzen beinahe vom Stuhl.

Hillel wich meinen Augen aus.

„Pagad ultimo? Wer weiß, ob Sie nicht wirklich so heißen, Herr Zwakh!“ — schlug Hillels Rede wie aus weiter Ferne an mein Ohr. „Man soll seiner Sache niemals allzu sicher sein. — Übrigens, da wir gerade von Karten sprechen: Herr Zwakh, spielen Sie Tarok?“

„Tarok? Natürlich. Von Kindheit an.“

„Dann wundert’s mich, wieso Sie nach einem Buche fragen können, in dem die ganze Kabbala steht, wo Sie es doch selbst tausende Male in der Hand gehabt haben.“

„Ich? In der Hand gehabt? Ich?“ — Zwakh griff sich an den Kopf.

„Jawohl,Sie! Ist es Ihnen niemals aufgefallen, daß das Tarokspiel zweiundzwanzig Trümpfe hat, — genau so viel, wie das hebräische Alphabet Buchstaben? Zeigen unsere böhmischen Karten nicht zum Überfluß noch Bilder dazu, die offenkundig Symbole sind: Der Narr, der Tod, der Teufel, das letzte Gericht? — Wie laut, lieber Freund, wollen Sie eigentlich, daß Ihnen das Leben die Antworten in die Ohren schreien soll? — — Was Sie allerdings nicht zu wissen brauchen, ist, daß ‚tarok‘ oder ‚Tarot‘ soviel bedeutet wie das jüdische ‚Tora‘ = das Gesetz, oder das altägyptische ‚Tarut‘ = ‚die Befragte‘, und in der uralten Zendsprache das Wort: ‚tarisk‘ = ‚ich verlange die Antwort‘. — Aber die Gelehrten sollten es wissen, bevor sie die Behauptung aufstellen, das Tarok stamme aus der Zeit Karls des Sechsten. — Und so, wie der Pagad die erste Karte im Spiel ist, so ist der Mensch die erste Figur in seinem eignen Bilderbuch, sein eigner Doppelgänger: — — der hebräische Buchstabe Aleph, der, nach der Form des Menschen gebaut, mit der einen Hand zum Himmel zeigt und mit der andern abwärts: das heißt also: ‚So wie es oben ist, ist es auch unten; so wie es unten ist, ist es auch oben‘. — Darum sagte ich vorhin: Wer weiß, ob Sie wirklich Zwakh heißen und nicht: ‚Pagad‘ — Berufen Sie’s nicht,“ — Hillel blickte mich dabei unverwandtan, und ich ahnte, wie sich unter seinen Worten ein Abgrund immer neuer Bedeutungen auftat — „berufen Sie’s nicht, Herr Zwakh!Man kann da in finstere Gänge geraten, aus denen noch keiner zurückfand, der nicht —einen Talisman bei sich trug. Die Überlieferung erzählt, daß einmal drei Männer hinabgestiegen seien ins Reich der Dunkelheit, der eine wurde wahnsinnig, der zweite blind, nur der dritte, Rabbi ben Akiba, kam heil wieder heim und sagte, er sei sich selbst begegnet. Schon so mancher, werden Sie sagen, ist sich selbst begegnet, z. B. Goethe, gewöhnlich auf einer Brücke, oder sonst einem Steig, der von einem Ufer eines Flusses zum andern führt, — hat sich selbst ins Auge geblickt und istnichtwahnsinnig geworden. Aber dann war’s eben nur eine Spiegelung des eigenen Bewußtseins und nicht der wahre Doppelgänger: nicht das, was man ‚den Hauch der Knochen‘, den ‚Habal Garmin‘ nennt, von dem es heißt:Wie er in die Grube fuhr, unverweslich, im Gebein, so wird er auferstehen am Tage des letzten Gerichts.“ — Hillels Blick bohrte sich immer tiefer in meine Augen — „Unsere Großmütter sagen von ihm: ‚er wohnthoch über der Erdein einem Zimmer ohne Türe, nur mit einem Fenster, von dem aus eine Verständigung mit den Menschen unmöglich ist. Wer ihn zu bannen und zu — — verfeinern versteht, der wird gut Freund mit sich selbst.‘ — — — Was schließlich das Tarok betrifft, so wissen Sie so gut wie ich: für jeden Spieler liegen die Karten anders, wer aber die Trümpfe richtig verwendet, der gewinntdie Partie — — —. Aber kommen Sie jetzt, Herr Zwakh! Gehen wir, Sie trinken sonst Meister Pernaths ganzen Wein aus, und es bleibt nichts mehr übrig für ihn selbst.“

Eine Flockenschlacht tobte vor meinem Fenster. Regimenterweise jagten die Schneesterne — winzige Soldaten in weißen, zottigen Mäntelchen — hintereinander her an den Scheiben vorüber — minutenlang — immer in derselben Richtung, wie auf gemeinsamer Flucht vor einem ganz besonders bösartigen Gegner. Dann hatten sie das Davonlaufen mit einem Mal dick satt, schienen aus rätselhaften Gründen einen Wutanfall zu bekommen und sausten wieder zurück, bis ihnen von oben und unten neue feindliche Armeen in die Flanken fielen und alles in ein heilloses Gewirbel auflösten.

Monate schien mir zurückzuliegen, was ich an Seltsamem erst vor kurzem erlebt hatte, und wären nicht täglich einigemal immer neue krause Gerüchte über den Golem zu mir gedrungen, die alles wieder frisch aufleben ließen, ich glaube, ich hätte mich in Augenblicken des Zweifels verdächtigen können, das Opfer eines seelischen Dämmerzustandes gewesen zu sein.

Aus den bunten Arabesken, die die Ereignisse um mich gewoben, stach mit schreienden Farben hervor, was mir Zwakh über den noch immer unaufgeklärten Mord an dem sogenannten „Freimaurer“ erzählt hatte.

Den blatternarbigen Loisa damit in Zusammenhang zu bringen, wollte mir nicht recht einleuchten, obwohl ich einen dunklen Verdacht nicht abschütteln konnte, —fast unmittelbar darauf, als Prokop in jener Nacht aus dem Kanalgitter ein unheimliches Geräusch gehört zu haben geglaubt, hatten wir den Burschen beim „Loisitschek“ gesehen. Allerdings lag kein Anlaß vor, den Schrei unter der Erde, der überdies geradesogut eine Sinnestäuschung gewesen sein konnte, als Hilferuf eines Menschen zu deuten. — — —

Das Schneegestöber vor meinen Augen blendete mich, und ich fing an, alles in tanzenden Streifen zu sehen. Ich lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf die Gemme vor mir. Das Wachsmodell, das ich von Mirjams Gesicht entworfen hatte, mußte sich vortrefflich auf den bläulich leuchtenden Mondstein da übertragen lassen. — Ich freute mich: es war ein angenehmer Zufall, daß ich etwas so Geeignetes unter meinem Mineralienvorrat gefunden hatte. Die tiefschwarze Matrix von Hornblende gab dem Stein gerade das richtige Licht, und die Konturen paßten so genau, als habe ihn die Natur eigens erschaffen, ein bleibendes Abbild von Mirjams feinem Profil zu werden.

Anfangs war meine Absicht gewesen, eine Kamee daraus zu schneiden, die den ägyptischen Gott Osiris darstellen sollte, und die Vision des Hermaphroditen aus dem Buche Ibbur, die ich mir jederzeit mit auffallender Deutlichkeit ins Gedächtnis zurückrufen konnte, regte mich künstlerisch stark dazu an, aber allmählich entdeckte ich nach den ersten Schnitten eine solche Ähnlichkeit mit der Tochter Schemajah Hillels, daß ich meinen Plan umstieß. — — —

— Das Buch Ibbur! —

Erschüttert legte ich den Stahlgriffel weg. Unfaßbar, was in der kurzen Spanne Zeit in mein Leben getreten war!

Wie jemand, der sich plötzlich in eine unabsehbare Sandwüste versetzt sieht, wurde ich mir mit einem Schlage der tiefen, riesengroßen Einsamkeit bewußt, die mich von meinen Nebenmenschen trennte.

Konnte ich je mit einem Freund — Hillel ausgenommen — davon reden, was ich erlebt?

Wohl war mir in den stillen Stunden der verflossenen Nächte die Erinnerung wiedergekehrt, daß mich all meine Jugendjahre — von früher Kindheit angefangen — ein unsagbarer Durst nach dem Wunderbaren, dem jenseits aller Sterblichkeit Liegenden, bis zur Todespein gefoltert hatte, aber die Erfüllung meiner Sehnsucht war wie ein Gewittersturm gekommen und erdrückte den Jubelaufschrei meiner Seele mit ihrer Wucht.

Ich zitterte vor dem Augenblick, wo ich zu mir selbst kommen und das Geschehene in seiner vollen, markverbrennenden Lebendigkeit alsGegenwartempfinden mußte.

Nur jetzt sollte es noch nicht kommen! Erst den Genuß auskosten: Unaussprechliches an Glanz auf sich zukommen zu sehen!

Ich hatte es doch in meiner Macht! Brauchte nur hinüberzugehen in mein Schlafzimmer und die Kassette aufzusperren, in der das Buch Ibbur, das Geschenk der Unsichtbaren, lag!

Wie lang war’s her, da hatte es meine Hand berührt, als ich Angelinas Briefe dazuschloß!

— — — — — — — — — — — — — —

Dumpfes Dröhnen draußen, wie von Zeit zu Zeit der Wind die angehäuften Schneemassen von den Dächern hinab vor die Häuser warf, gefolgt von Pausen tiefer Stille, da die Flockendecke auf dem Pflaster jeden Laut verschlang.

Ich wollte weiterarbeiten, — da plötzlich stahlscharfe Hufschläge unten die Gasse entlang, daß man’s förmlich Funken sprühen sah.

Das Fenster zu öffnen und hinauszuschauen war unmöglich: Muskeln aus Eis verbanden seine Ränder mit dem Mauerwerk, und die Scheiben waren bis zur Hälfte weiß verweht. Ich sah nur, daß Charousek scheinbar ganz friedlich neben dem Trödler Wassertrum stand — sie mußten soeben ein Gespräch mitsammen geführt haben — sah, wie die Verblüffung, die sich in ihrer beider Mienen malte, wuchs und sie sprachlos offenbar den Wagen, der meinen Blicken entzogen war, anstarrten.

Angelinas Gatte ist es, fuhr es mir durch den Kopf. — Sie selbst konnte es nicht sein! Mit ihrer Equipage hier bei mir vorzufahren, — in der Hahnpaßgasse! — vor aller Leute Augen! Es wäre hellichter Wahnsinn gewesen. — Aber was sollte ich ihrem Gatten sagen, wenn er’s wäre und mich auf den Kopf zu fragte?

Leugnen, natürlich leugnen.

Hastig legte ich mir die Möglichkeiten zurecht: es kann nur ihr Gatte sein. Er hat einen anonymen Brief bekommen, — von Wassertrum — daß sie hier gewesen sei zu einem Rendezvous, und sie hat eine Ausrede gebraucht: wahrscheinlich, daß sie eine Gemme oder sonstetwas bei mir bestellt habe. — — — Da! wütendes Klopfen an meiner Tür und — Angelina stand vor mir.

Sie konnte kein Wort hervorbringen, aber der Ausdruck ihres Gesichtes verriet mir alles: sie brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Das Lied war aus.

Dennoch lehnte sich irgendetwas in mir auf gegen diese Annahme. Ich brachte es nicht fertig, zu glauben, daß das Gefühl, ihr helfen zu können, mich belogen haben sollte.

Ich führte sie in meinen Lehnstuhl. Streichelte ihr stumm das Haar; und sie verbarg todmüde wie ein Kind ihren Kopf an meiner Brust.

Wir hörten das Knistern der brennenden Scheite im Ofen und sahen, wie der rote Schein über die Dielen huschte, aufflammte und erlosch — aufflammte und erlosch — aufflammte und erlosch — — —

„Wo ist das Herz aus rotem Stein — — —“ klang es in meinem Innern. Ich fuhr auf: wo bin ich! Wie lang sitzt sie schon hier?

Und ich forschte sie aus, — vorsichtig, leise, ganz leise, daß sie nicht aufwache und ich mit der Sonde die schmerzende Wunde nicht berühre.

Bruchstückweise erfuhr ich, was ich zu wissen brauchte, und setzte es mir zusammen wie ein Mosaik:

„Ihr Gatte weiß — —?“

„Nein, noch nicht; er ist verreist.“

Also um Dr. Saviolis Leben drehte sich’s; — Charousek hatte es richtig erraten. Und weil’s um Saviolis Leben ging, und nicht mehr um ihres, war sie hier. Siedenkt nicht mehr daran, irgend etwas zu verbergen, begriff ich.

Wassertrum war abermals bei Dr. Savioli gewesen. Hatte sich mit Drohungen und Gewalt den Weg erzwungen bis zu seinem Krankenlager.

Und weiter! Weiter! Was wollte er von ihm?

Was er wollte? Sie hatte es halb erraten, halb erfahren: er wollte, daß — — daß — er wollte, daß sich Dr. Savioli — — ein Leid antue.

Sie kenne jetzt auch die Gründe von Wassertrums wildem, besinnungslosem Haß: „Dr. Savioli habe einst seinen Sohn, den Augenarzt Wassory, in den Tod getrieben.“

Sofort schlug ein Gedanke in mich ein wie der Blitz: hinunter laufen, dem Trödler alles verraten: daßCharousekden Schlag geführt hatte, aus dem Hinterhalt — und nicht Savioli, der nur das Werkzeug war — — —. „Verrat! Verrat!“ heulte es mir ins Hirn, „du willst also den armen schwindsüchtigen Charousek, derdirhelfen wollte undihr, der Rachsucht dieses Halunken preisgeben?“ — Und es zerriß mich in blutende Hälften. — Dann sprach ein Gedanke eiskalt und gelassen die Lösung aus: „Narr! Du hast es doch in der Hand! Brauchst ja nur die Feile dort auf dem Tisch zu nehmen, hinunter zu laufen und sie dem Trödler durch die Gurgel zu jagen, daß die Spitze hinten zum Genick herausschaut.“

Mein Herz jauchzte einen Dankesschrei zu Gott.

— — — — — — — — — — — — — —

Ich forschte weiter:

„Und Dr. Savioli?“

Kein Zweifel, daß er Hand an sich legen wird, wenn sie ihn nicht rettete. Die Krankenschwestern ließen ihn nicht aus den Augen, hätten ihn mit Morphium betäubt, aber vielleicht erwacht er plötzlich — vielleicht gerade jetzt — und — und — nein, nein, sie müsse fort, dürfe keine Sekunde Zeit mehr versäumen, — sie wolle ihrem Gatten schreiben, ihm alles eingestehen, — solle er ihr das Kind nehmen, aber Savioli sei gerettet, denn sie hätte Wassertrum damit die einzige Waffe aus der Hand geschlagen, die er besäße und mit der er drohe.

Sie wolle das Geheimnis selbst enthüllen, ehe er es verraten könne.

„Das werden Sienichttun, Angelina!“ schrie ich und dachte an die Feile, und die Stimme versagte mir in jubelnder Freude über meine Macht.

Angelinawollte sich losreißen: ich hielt sie fest.

„Nur noch eins: überlegen Sie, wird Ihr Gatte denn dem Trödler so ohne weiteres glauben?“

„Aber Wassertrum hat doch Beweise, offenbar meine Briefe, vielleicht auch ein Bild von mir, — alles, was im Schreibtisch nebenan im Atelier versteckt war.“

Briefe? Bild? Schreibtisch? — ich wußte nicht mehr, was ich tat: ich riß Angelina an meine Brust und küßte sie. Auf den Mund, auf die Stirn, auf die Augen.

Ihr blondes Haar lag wie ein goldner Schleier vor meinem Gesicht.

Dann hielt ich sie an ihren schmalen Händen und erzählte ihr mit fliegenden Worten, daß der Todfeind Wassertrums — ein armer böhmischer Student — dieBriefe und alles in Sicherheit gebracht hätte und sie in meinem Besitz seien und fest verwahrt.

Und sie fiel mir um den Hals und lachte und weinte in einem Atem. Küßte mich. Rannte zur Tür. Kehrte wieder um und küßte mich wieder.

Dann war sie verschwunden.

Ich stand wie betäubt und fühlte noch immer den Atem ihres Mundes an meinem Gesicht.

Ich hörte, wie die Wagenräder über das Pflaster donnerten und den rasenden Galopp der Hufe. Eine Minute später war alles still. Wie ein Grab.

Auch in mir.

— — — — — — — — — — — — — —

Plötzlich knarrte die Tür leise hinter mir, und Charousek stand im Zimmer:

„Verzeihen Sie, Herr Pernath, ich habe lange geklopft, aber Sie schienen es nicht zu hören.“

Ich nickte nur stumm.

„Hoffentlich nehmen Sie nicht an, daß ich mich mit Wassertrum versöhnt habe, weil Sie mich vorhin mit ihm sprechen sahen?“ — Charouseks höhnisches Lächeln sagte mir, daß er nur einen grimmigen Spaß machte. — „Sie müssen nämlich wissen: Das Glück ist mir hold; die Kanaille da unten fängt an, mich in ihr Herz zu schließen, Meister Pernath. — — Es ist eine seltsame Sache, das mit der Stimme des Blutes,“ setzte er leise — halb für sich — hinzu.

Ich verstand nicht, was er damit meinen konnte, und nahm an, ich hätte etwas überhört. Die ausgestandene Erregung zitterte noch zu stark in mir.

„Er wollte mir einen Mantel schenken,“ fuhr Charousek laut fort. „Ich habe natürlich dankend abgelehnt. Mich brennt schon meine eigene Haut genug. — Und dann hat er mir Geld aufgedrängt.“

„Sie haben es angenommen?!“ wollte es mir herausfahren, aber ich hielt noch rasch meine Zunge im Zaum.

Die Wangen des Studenten bekamen kreisrunde rote Flecken:

„Das Geld habe ich selbstverständlich angenommen.“

Mir wurde ganz wirr im Kopf!

„— an — genommen?“ stammelte ich.

„Ich hätte nie gedacht, daß man auf Erden eine so reine Freude empfinden kann!“ — Charousek hielt einen Augenblick inne und schnitt eine Fratze. — „Ist es nicht ein erhebendes Gefühl, im Haushalt der Natur ‚Mütterchen Vorsehungs‘ ökonomischen Finger allenthalben in Weisheit und Umsicht walten zu sehen!?“ — Er sprach wie ein Pastor und klimperte dabei mit dem Geld in seiner Tasche, — „wahrlich, als hehre Pflicht empfinde ich es, den Schatz, mir anvertraut von milder Hand, auf Heller und Pfennig dereinst dem edelsten aller Zwecke zuzuführen.“

War er betrunken? Oder wahnsinnig?

Charousek änderte plötzlich den Ton:

„Es liegt eine satanische Komik darin, daß Wassertrum sich die — Arznei selber bezahlt. Finden Sie nicht?“

Eine Ahnung dämmerte mir auf, was sich hinter Charouseks Rede verbarg, und mir graute vor seinen fiebernden Augen.

„Übrigens lassen wir das jetzt, Meister Pernath. Erledigen wir erst die laufenden Geschäfte. Vorhin, die Dame, das war ‚sie‘ doch? Was ist ihr denn eingefallen, hier öffentlich vorzufahren?“

Ich erzählte Charousek, was geschehen war.

„Wassertrum hat bestimmt keine Beweise in den Händen,“ unterbrach er mich freudig, „sonst hätte er nicht heute morgen abermals das Atelier durchsucht. — Merkwürdig, daß Sie ihn nicht gehört haben!? Eine volle Stunde lang war er drüben.“

Ich staunte, woher er alles so genau wissen könne, und sagte es ihm.

„Darf ich?“ — als Erklärung nahm er sich eine Zigarette vom Tisch, zündete sie an und erläuterte: — „Sehen Sie, wenn Sie jetzt die Tür öffnen, bringt die Zugluft, die vom Stiegenhaus hereinweht, den Tabaksrauch aus der Richtung. Es ist das vielleicht das einzige Naturgesetz, das Herr Wassertrum genau kennt, und für alle Fälle hat er in der Straßenmauer des Ateliers — das Haus gehört ihm, wie Sie wissen — eine kleine, versteckte, offene Nische anbringen lassen: eine Art Ventilation, und darin ein rotes Fähnchen. Wenn nun jemand das Zimmer betritt oder verläßt, das heißt: die Zugtür öffnet, so merkt es Wassertrum unten aus dem heftigen Flattern des Fähnchens. Allerdings weiß ich es ebenfalls,“ setzte Charousek trocken hinzu, „wenn’s mir drum zu tun ist, und kann es von dem Kellerlochvis-à-vis, in dem zu hausen ein gnädiges Schicksal mir huldreichst gestattet, genau beobachten. — Der niedliche Scherz mit der Ventilation ist zwar ein Patentdes würdigen Patriarchen, aber auch mir seit Jahren geläufig.“

„Was für einen übermenschlichen Haß Sie gegen ihn haben müssen, daß Sie so jeden seiner Schritte belauern. Und noch dazu seit langem, wie Sie sagen!“ warf ich ein.

„Haß?“ Charousek lächelte krampfhaft. „Haß? — Haß ist kein Ausdruck. Das Wort, das meine Gefühle gegen ihn bezeichnen könnte, muß erst geschaffen werden. — Ich hasse, genau genommen, auch gar nichtihn. Ich hasse sein Blut. Verstehen Sie das? Ich wittere wie ein wildes Tier, wenn auch nur ein Tropfen von seinem Blut in den Adern eines Menschen fließt, — und“ — er biß die Zähne zusammen — „das kommt ‚zuweilen‘ vor hier im Ghetto.“ Unfähig, weiter zu sprechen vor Aufregung lief er ans Fenster und starrte hinaus. — Ich hörte, wie er sein Keuchen unterdrückte. Wir schwiegen beide eine Weile.

„Hallo, was ist denn das?“ fuhr er plötzlich auf und winkte mir hastig: „Rasch, rasch! Haben Sie nicht einen Operngucker oder so etwas?“

Wir spähten vorsichtig hinter den Vorhängen hinunter:

Der taubstumme Jaromir stand vor dem Eingang des Trödlerladens und bot, soviel wir aus seiner Zeichensprache erraten konnten, Wassertrum einen kleinen blitzenden Gegenstand, den er in der Hand halb verbarg, zum Kauf an. Wassertrum fuhr danach wie ein Geier und zog sich damit in seine Höhle zurück.

Gleich darauf stürzte er wieder hervor — totenblaß— und packte Jaromir an der Brust: Es entspann sich ein heftiges Ringen. — Mit einem Mal ließ Wassertrum los und schien zu überlegen. Nagte wütend an seiner gespaltenen Oberlippe. Warf einen grübelnden Blick zu uns herauf und zog dann Jaromir am Arm friedlich in seinen Laden.

Wir warteten wohl eine Viertelstunde lang: sie schienen nicht fertig werden zu können mit ihrem Handel.

Endlich kam der Taubstumme mit befriedigter Miene wieder heraus und ging seines Weges.

„Was halten Sie davon?“ fragte ich. „Es scheint nichts Wichtiges zu sein? Vermutlich hat der arme Bursche irgendeinen erbettelten Gegenstand versilbert.“

Der Student gab keine Antwort und setzte sich schweigend wieder an den Tisch.

Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:

„Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. — Unterbrechen Sie mich, Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder — oder ein Dichter. — Seit die Welt steht, wär’s niemand eingefallen, vor Leid die ‚Hände zu ringen‘, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als besonders ‚plastisch‘ ausgetüftelt hätten.“

Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu bekommen.

Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab, faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an ihren Platz.

Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:

„Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ‚ihm‘ ähnlich sehen und als seinegelten, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, — man kann mich nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn ist, aber ich habe es — ich möchte sagen — gerochen.

Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen Beziehungen Wassertrum zu mir steht,“ — sein Blick ruhte eine Sekunde forschend auf mir, — „besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, — hat mich hungern und dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich peinigten. Ichkonnteeinfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für Haß. — Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.

Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan — ich will damit sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: ich weiß das genau, — und doch richtete sich alles, wasan Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!

Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt habe. Wenn’s die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.

Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußtauswendiggelernt haben, bis sich’s mir in die Seele fraß, daß ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen kann.

Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt haben, — andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie Freunde, die ihm Böses wünschten.“

Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.

„Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich Philosophie und Medizinstudierte — auch nebenbei selbst denken lernte —, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:

Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns selbst ist.

Und wie ich später dahinter kam, — nach und nach alles erfuhr: was meine Mutter war — und — und noch sein muß, wenn — wenn sie noch lebt, — und daß mein eigner Leib“ — er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht sehen sollte, — „voll ist vonseinemeklen Blut — nun ja, Pernath, — warum sollen Sie’s nicht wissen:eristmein Vater! — da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. — — — Zuweilen kommt’s mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig bin und Blutspucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von ‚ihm‘ ist, und stößt es mit Abscheu von sich.

Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ‚ihm‘ zufügen durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack des — Unbefriedigtseins in mir hinterließen.

Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, — ja nicht einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer ‚ihn‘ und seinen Stamm, — beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte das sein, was man einen ‚guten Menschen‘ nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. — Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.

Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksalmich verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies erst in späteren Jahren) — ich habeeinenFreudentag erlebt, der weit in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, — ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt — als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und sah, wie ‚er‘ die Nachricht bekam, — sie ‚stumpfsinnig‘, wie ein Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, — hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als sonst und den Blick so gewiß — — so — so — so eigenartig nach innen gekehrt, — — — — da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. — — Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.“ —

— — — Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.

Charousek fuhr fort:

„Die äußeren Umstände, die meinen Haß ‚rechtfertigen‘ oder in den Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: — Tatsachen sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen.Sie sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages hält. — Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, — wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann — — nun ja — und dann hat er sie an — ein Freudenhaus verkauft, — — — so etwas ist nicht schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, — aber nicht etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines Herzens: andemTage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des ‚Hergebenmüssens‘. Er möchte den Begriff ‚haben‘ am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär’s das, sich dereinst in den abstrakten Begriff ‚Besitz‘ aufzulösen. — —

Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von Angst: „seiner selbst nicht mehr sicher“ zu sein, — nicht: etwas an Liebe geben zuwollen, sondern geben zumüssen: die Gegenwart eines Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. — So war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hechtmechanisch zubeißen muß, — ob er will oder nicht — wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.

Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. — — — Verzeihen Sie, Meister Pernath,“ — Charouseks Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, daß ich erschrak, — „verzeihen Sie, daß ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände; unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.“ —

Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.

Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.

„Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;“ sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, — „machen Sie bald Ihr Doktorat?“

„Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat’s ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.“

Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab:

„Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. — — Andererseits,“ — setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, — „wird mir leider jedes weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal abgeschnitten sein.“ Er griff nach seinem Hut. „Jetzt will ich aber nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. — Ich bin übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.“

Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte: „Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen hinunter. — Hillel erwartet mich,“ log ich.

Er stutzte:

„Sie sind mit ihm befreundet?“

„Ein wenig. Kennen Sie ihn? — — Oder mißtrauenSie ihm,“ — ich mußte unwillkürlich lächeln — „vielleicht auch?“

„Da sei Gott vor!“

„Warum sagen Sie das so ernst?“

Charousek zögerte und dachte nach:

„Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trägt. — Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und ist doch unsagbar arm.“

Ich fuhr entsetzt auf: „arm?“

„Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort ‚nehmen‘ kennt er, glaub’ ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem ‚Rathaus‘ kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später — samt seiner Tochter selber verhungern. — Wenn’s wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. — Haben Sie noch nie bemerkt, wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht? Interessant, sag’ ich Ihnen!Sehen Sie,solchesBlutkannsich gar nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. — Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; — er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.“

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

„Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt — daß überhaupt an der Kabbala etwas sein könnte?“ fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:

„Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn’s dunkel wird und er allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im ‚Gesang‘, wie er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, — das heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für — preußische Schlachthymnen oder dergleichen hält.“

Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:


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