Der Alte war bemüht, ihr Zeichen zu geben, und ich sah, daß sie es wohl wußte, aber sich benahm, als verstünde sie nicht.
Endlich hielt es der Alte nicht länger aus, watete auf den Fußspitzen hinüber und hüpfte mit lächerlicher Elastizität wie ein großer, schwarzer Gummiball über die Pfützen.
Man schien ihn zu kennen, denn ich hörte allerhand Glossen fallen, die darauf hinzielten. Ein Strolch hinter mir, ein rotes, gestricktes Tuch um den Hals, mit blauer Militärmütze, die Virginia hinter dem Ohr, machte mit grinsendem Mund Anspielungen, die ich nicht verstand.
Ich begriff nur, daß sie den Alten in der Judenstadt den „Freimaurer“ nannten und in ihrer Sprache mit diesem Spitznamen jemand bezeichnen wollten, der sich an halbwüchsigen Mädchen zu vergehen pflegt, aberdurch intime Beziehungen zur Polizei vor jeder Strafe sicher ist. — — —
Dann waren das Gesicht Rosinas und der Alte drüben im Dunkel des Hausflures verschwunden.
Wir hatten das Fenster geöffnet, um den Tabakrauch aus meinem kleinen Zimmer strömen zu lassen.
Der kalte Nachtwind blies herein und wehte an die zottigen Mäntel, die an der Türe hingen, daß sie leise hin und her schwankten.
„Prokops würdige Haupteszierde möchte am liebsten davonfliegen“, sagte Zwakh und deutete auf des Musikers großen Schlapphut, der die breite Krempe bewegte wie schwarze Flügel.
Josua Prokop zwinkerte lustig mit den Augenlidern.
„Er will,“ sagte er, „er will wahrscheinlich — — —“
„Er will zum ‚Loisitschek‘ zur Tanzmusik“, nahm ihm Vrieslander das Wort vorweg.
Prokop lachte und schlug mit der Hand den Takt zu den Klängen, die die dünne Winterluft her über die Dächer trug.
Dann nahm er meine alte, zerbrochene Gitarre von der Wand, tat, als zupfe er die zerbrochenen Saiten und sang mit kreischendem Falsett und gespreizter Betonung in Rotwelsch ein wunderliches Lied:
„An Bein-del von Ei-senrecht alt„An Stran-zen net gara so kalt„Messinung, a’ Räucherlund Rohn„und immerrr nurr putz-en — — —
„An Bein-del von Ei-senrecht alt„An Stran-zen net gara so kalt„Messinung, a’ Räucherlund Rohn„und immerrr nurr putz-en — — —
„An Bein-del von Ei-senrecht alt„An Stran-zen net gara so kalt„Messinung, a’ Räucherlund Rohn„und immerrr nurr putz-en — — —
„An Bein-del von Ei-sen
recht alt
„An Stran-zen net gar
a so kalt
„Messinung, a’ Räucherl
und Rohn
„und immerrr nurr putz-en — — —
— — — — — — — — — — — — — —
„Wie großartig er mit einem Mal die Gaunersprache beherrscht!“ und Vrieslander lachte laut auf und brummte mit:
„Und stok-en sich Aufzugund Pfiff„Und schmallern an eisernesG’süff.„Juch, —„Und Handschuhkren, Harom net san — — —
„Und stok-en sich Aufzugund Pfiff„Und schmallern an eisernesG’süff.„Juch, —„Und Handschuhkren, Harom net san — — —
„Und stok-en sich Aufzugund Pfiff„Und schmallern an eisernesG’süff.„Juch, —„Und Handschuhkren, Harom net san — — —
„Und stok-en sich Aufzug
und Pfiff
„Und schmallern an eisernes
G’süff.
„Juch, —
„Und Handschuhkren, Harom net san — — —
— — — — — — — — — — — — — —
„Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim ‚Loisitschek‘ der meschuggene NephtaliSchaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu“, erklärte mir Zwakh. „Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu Ende sind, — was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?“
„Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,“ sagte Prokop und klinkte das Fenster zu, — „man muß so etwas gesehen haben.“
Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
„Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,“ unterbrach Zwakh die Stille, „seit Siedas Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein Wort gesprochen.“
„Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,“ antwortete Prokop schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: „Es sieht gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben, die sonst immer tot daliegen. Nicht? — Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, — ohne daß ich vom Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, — in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden.
Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? — Ob nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher „Wind“ auch uns hin und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem,freiem Willen zu stehen?
Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er kommt und wohin er geht? — — — Träumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?“
„Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist’s mit Ihnen?“ sagte Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an.
„Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, — schade, daß Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, — hat ihn so nachdenklich gestimmt“, meinte Vrieslander.
„Eine Geschichte von einem Buche?“
„Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah. — Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht recht schildern.“
Zwakh horchte auf.
„Das ist sehr merkwürdig,“ sagte er nach einer Pause, „war der Fremde vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?“
„Ich glaube,“ antwortete ich, „das heißt, ich — ich — weiß es ganz bestimmt. Kennen Sie ihn denn?“
Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: „Er erinnert mich nur an den ‚Golem‘.“
Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
„Golem? — Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas über den Golem, Zwakh?“
„Wer kann sagen, daß er über den Golem etwaswisse?“, antwortete Zwakh und zuckte die Achseln. „Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen — den sogenannten Golem — verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.
Es sei aber doch kein richtiger Mensch daraus geworden und nur ein dumpfes, halbbewußtes Vegetieren habe ihn belebt. Wie es heißt, auch das nur tagsüber und kraft des Einflusses eines magischen Zettels, der ihm hinter den Zähnen stak und die freien siderischen Kräfte des Weltalls herabzog.
Und als eines Abends vor dem Nachtgebet der Rabbiner das Siegel aus dem Munde des Golem zu nehmen versäumt, da wäre dieser in Tobsucht verfallen, in der Dunkelheit durch die Gassen gerast und hätte zerschlagen, was ihm in den Weg kam.
Bis der Rabbi sich ihm entgegengeworfen und den Zettel vernichtet habe.
Und da sei das Geschöpf leblos niedergestürzt. Nichts blieb von ihm übrig, als die zwerghafte Lehmfigur, die heute noch drüben in der Altneusynagoge gezeigt wird.“
„Derselbe Rabbiner soll einmal auch zum Kaiser auf die Burg berufen worden sein und die Schemen der Toten beschworen und sichtbar gemacht haben,“ warf Prokop ein, „moderne Forscher behaupten, er habe sich dazu einerLaterna magicabedient.“
„Jawohl, keine Erklärung ist abgeschmackt genug, daß sie bei den Heutigen nicht Beifall fände,“ fuhr Zwakh unbeirrt fort. — „EineLaterna magica!! Als ob Kaiser Rudolf, der sein ganzes Leben solchen Dingen nachging, einen so plumpen Schwindel nicht auf den ersten Blick hätte durchschauen müssen!
Ich kann freilich nicht wissen, worauf sich die Golemsage zurückführen läßt, daß aber irgend etwas, was nicht sterben kann, in diesem Stadtviertel sein Wesen treibt und damit zusammenhängt, dessen bin ich sicher. Von Geschlecht zu Geschlecht haben meine Vorfahren hier gewohnt, und niemand kann wohl auf mehr erlebte und ererbte Erinnerungen an das periodische Auftauchen des Golem zurückblicken, als gerade ich!“
Zwakh hatte plötzlich aufgehört zu reden, und man fühlte mit ihm, wie seine Gedanken in vergangene Zeiten zurückwanderten.
Wie er, den Kopf aufgestützt, dort am Tische saß und beim Scheine der Lampe seine roten, jugendlichen Bäckchen fremdartig von dem weißen Haar abstachen, verglich ich unwillkürlich im Geiste seine Züge mit denmaskenhaften Gesichtern seiner Marionetten, die er mir so oft gezeigt.
Seltsam, wie ähnlich ihnen der alte Mann doch sah!
Derselbe Ausdruck und derselbe Gesichtsschnitt!
Manche Dinge der Erde können nicht loskommen voneinander, fühlte ich, und wie ich Zwakhs einfaches Schicksal an mir vorüberziehen ließ, da schien es mir mit einem Mal gespenstisch und ungeheuerlich, daß ein Mensch wie er, obschon er eine bessere Erziehung als seine Vorfahren genossen hatte und Schauspieler hätte werden sollen, plötzlich wieder zu dem schäbigen Marionettenkasten zurückkehren konnte, um nun abermals auf die Jahrmärkte zu ziehen und dieselben Puppen, die schon seiner Vorväter kümmerliches Erwerbsmittel gewesen, von neuem ihre ungelenken Verbeugungen machen und schläfrigen Erlebnisse vorführen zu lassen.
Er vermag es nicht, sich von ihnen zu trennen, begriff ich; sie leben mit von seinem Leben, und als er fern von ihnen war, da haben sie sich in Gedanken verwandelt, haben in seinem Hirn gewohnt und ihn rast- und ruhelos gemacht, bis er wieder heimkehrte. Darum hält er sie jetzt so liebevoll und kleidet sie stolz in Flitter.
„Zwakh, wollen Sie uns nicht weitererzählen?“ forderte Prokop den Alten auf und sah fragend nach Vrieslander und mir hin, ob auch wir gleichen Wunsches seien.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll,“ meinte der Alte zögernd, „die Geschichte mit dem Golem läßt sich schwer fassen. So wie Pernath vorhin sagte: er wisse genau, wie jener Unbekannte ausgesehen habe, und dochkönne er ihn nicht schildern. Ungefähr alle dreiunddreißig Jahre wiederholt sich ein Ereignis in unsern Gassen, das gar nichts besonders Aufregendes an sich trägt und dennoch ein Entsetzen verbreitet, für das weder eine Erklärung noch eine Rechtfertigung ausreicht:
Immer wieder begibt es sich nämlich, daß ein vollkommen fremder Mensch, bartlos, von gelber Gesichtsfarbe und mongolischem Typus aus der Richtung der Altschulgasse her, in altmodische, verschossene Kleider gehüllt, gleichmäßigen und eigentümlich stolpernden Ganges, so, als wolle er jeden Augenblick vornüber fallen, durch die Judenstadt schreitet und plötzlich — unsichtbar wird.
Gewöhnlich biegt er in eine Gasse und ist dann verschwunden.
Ein andermal heißt es, er habe auf seinem Wege einen Kreis beschrieben und sei zu dem Punkte zurückgekehrt, von dem er ausgegangen: einem uralten Hause in der Nähe der Synagoge.
Einige Aufgeregte wiederum behaupten, sie hätten ihn um eine Ecke auf sich zukommen sehen. Wiewohl er ihnen aber ganz deutlich entgegengeschritten, sei er dennoch, genau wie jemand, dessen Gestalt sich in weiter Ferne verliert, immer kleiner und kleiner geworden und — schließlich ganz verschwunden.
Vor sechsundsechzig Jahren nun muß der Eindruck, den er hervorgebracht, besonders tief gegangen sein, denn ich erinnere mich — ich war noch ein ganz kleiner Junge —, daß man das Gebäude in der Altschulgasse damals von oben bis unten durchsuchte.
Es wurde auch festgestellt, daß wirklich in diesem Hause ein Zimmer mit Gitterfenstern vorhanden ist, zu dem es keinen Zugang gibt.
Aus allen Fenstern hatte man Wäsche gehängt, um von der Gasse aus einen Augenschein zu gewinnen, und war auf diese Weise der Tatsache auf die Spur gekommen.
Da es anders nicht zu erreichen gewesen, hatte sich ein Mann an einem Strick vom Dache herabgelassen, um hineinzusehen. Kaum aber war er in die Nähe des Fensters gelangt, da riß das Seil, und der Unglückliche zerschmetterte sich auf dem Pflaster den Schädel. Und als später der Versuch nochmals wiederholt werden sollte, gingen die Ansichten über die Lage des Fensters derart auseinander, daß man davon abstand.
Ich selber begegnete dem ‚Golem‘ das erste Mal in meinem Leben vor ungefähr dreiunddreißig Jahren.
Er kam in einem sogenannten Durchhause auf mich zu, und wir rannten fast aneinander.
Es ist mir heute noch unbegreiflich, was damals in mir vorgegangen sein muß. Man trägt doch um Gotteswillen nicht immerwährend, tagaus, tagein die Erwartung mit sich herum, man werde dem Golem begegnen.
In jenem Augenblick aber, bestimmt — ganz bestimmt, noch ehe ich seiner ansichtig werden konnte, schrie etwas in mir gellend auf: der Golem! Und im selben Moment stolperte jemand aus dem Dunkel des Torflures hervor, und jener Unbekannte ging an mir vorüber. Eine Sekunde später drang eine Flut bleicher, aufgeregter Gesichtermir entgegen, die mich mit Fragen bestürmten, ob ich ihn gesehen hätte.
Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte.
Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewegen konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich, wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlages lang — in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte.
Über all das habe ich oft und lang nachgedacht, und mich dünkt, ich komme der Wahrheit am nächsten, wenn ich sage: immer einmal in der Zeit eines Menschenalters geht blitzschnell eine geistige Epidemie durch die Judenstadt, befällt die Seelen der Lebenden zu irgendeinem Zweck, der uns verhüllt bleibt, und läßt wie eine Luftspiegelung die Umrisse eines charakteristischen Wesens erstehen, das vielleicht vor Jahrhunderten hier gelebt hat und nach Form und Gestaltung dürstet.
Vielleicht ist es mitten unter uns, Stunde für Stunde, und wir nehmen es nicht wahr. Hören wir doch auch den Ton einer schwirrenden Stimmgabel nicht, bevor sie das Holz berührt und es mitschwingen macht.
Vielleicht ist es nur so etwas wie ein seelisches Kunstwerk, ohne innewohnendes Bewußtsein, — ein Kunstwerk, das entsteht, wie ein Kristall nach stets sich gleichbleibendem Gesetz aus dem Gestaltlosen herauswächst.
Wer weiß das?
Wie in schwülen Tagen die elektrische Spannung sich bis zur Unerträglichkeit steigert und endlich den Blitz gebiert, könnte es da nicht sein, daß auch auf die stetigeAnhäufung jener niemals wechselnden Gedanken, die hier im Ghetto die Luft vergiften, eine plötzliche, ruckweise Entladung folgen muß? — eine seelische Explosion, die unser Traumbewußtsein ans Tageslicht peitscht, um — dort den Blitz der Natur — hier ein Gespenst zu schaffen, das in Mienen, Gang und Gehaben, in allem und jedem das Symbol der Massenseele unfehlbar offenbaren müßte, wenn man die geheime Sprache der Formen nur richtig zu deuten verstünde?
Und wie mancherlei Erscheinungen das Einschlagen des Blitzes ankünden, so verraten auch hier gewisse grauenhafte Vorzeichen das drohende Hereinbrechen jenes Phantoms ins Reich der Tat. Der abblätternde Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich die Züge starrer Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und drängt dem argwöhnischen Beobachter den Verdacht auf, eine unsichtbareIntelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzubringen. — Ruht das Auge auf eintönigem Geflecht oder den Unebenheiten der Haut, bemächtigt sich unser die unerfreuliche Gabe, überall mahnende, bedeutsame Formen zu sehen, die in unsern Träumen ins Riesengroße auswachsen. Und immer zieht sich durch solche schemenhafte Versuche der angesammelten Gedankenherden, die Wälle der Alltäglichkeit zu durchnagen, für uns wie ein roter Faden die qualvolle Gewißheit, daß unser eigenstes Inneres mit Vorbedacht und gegen unsern Willen ausgesogenwird, nur damit die Gestalt des Phantoms plastisch werden könne.
Wie ich nun vorhin Pernath bestätigen hörte, daß ihm ein Mensch begegnet sei, bartlos, mit schiefgestellten Augen, da stand der ‚Golem‘ vor mir, wie ich ihn damals gesehen.
Wie aus dem Boden gewachsen stand er vor mir.
Und eine gewisse dumpfe Furcht, es stehe wieder etwas Unerklärliches nahe bevor, befiel mich einen Augenblick lang; dieselbe Angst, die ich schon einmal in meinen Kinderjahren verspürt, als die ersten spukhaften Äußerungen des Golem ihre Schatten vorauswarfen.
Sechsundsechzig Jahre ist das wohl jetzt her und knüpft sich an einen Abend, an dem der Bräutigam meiner Schwester zu Besuch gekommen war, und in der Familie der Tag der Hochzeit festgesetzt werden sollte.
Es wurde damals Blei gegossen — zum Scherz — und ich stand mit offenem Munde dabei und begriff nicht, was das zu bedeuten habe, — in meiner wirren, kindlichen Vorstellung brachte ich es in Zusammenhang mit dem Golem, von dem ich meinen Großvater oft hatte erzählen hören, und bildete mir ein, jeden Augenblick müsse die Tür aufgehen und der Unbekannte eintreten.
Meine Schwester leerte dann den Löffel mit dem flüssigen Metall in das Wasserschaff und lachte mich, der ich aufgeregt zusah, lustig an.
Mit welken, zitternden Händen holte mein Großvater den blitzenden Bleiklumpen heraus und hielt ihn ans Licht. Gleich darauf entstand eine allgemeine Erregung.Man redete laut durcheinander; ich wollte mich hinzudrängen, aber man wehrte mich ab.
Später, als ich älter geworden, erzählte mir mein Vater, es wäre damals das geschmolzene Metall zu einem kleinen, ganz deutlichen Kopf erstarrt gewesen, — glatt und rund, wie nach einer Form gegossen, und von solch unheimlicher Ähnlichkeit mit den Zügen des ‚Golem‘, daß sich alle entsetzt hätten.
Oft sprach ich mit dem Archivar Schemajah Hillel, der die Requisiten der Altneusynagoge in Verwahrung hat und auch die gewisse Lehmfigur aus Kaiser Rudolfs Zeiten, darüber. Er hat sich mit Kabbala befaßt und meint, jener Erdklumpen mit den menschlichen Gliedmaßen sei vielleicht nichts anderes als ein ehemaliges Vorzeichen, ganz so wie in meinem Fall der bleierne Kopf. Und der Unbekannte, der da umgehe, müsse das Phantasie- oder Gedankenbild sein, das jener mittelalterliche Rabbiner zuerstlebendig gedachthabe, ehe er es mit Materie bekleiden konnte, und das nun in regelmäßigen Zeitabschnitten, bei den gleichen astrologischen Sternstellungen, unter denen es erschaffen worden — wiederkehre, vom Triebe nach stofflichem Leben gequält.
Auch Hillels verstorbene Frau hat den ‚Golem‘ von Angesicht zu Angesicht erblickt und ebenso wie ich gefühlt, daß man sich im Starrkrampf befindet, solange das rätselhafte Wesen in der Nähe weilt.
Sie sagte, sie sei felsenfest überzeugt gewesen, daß es damals nur ihre eigene Seele habe sein können, die — aus dem Körper getreten — ihr einen Augenblick gegenübergestandenund mit den Zügen eines fremden Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte.
Trotz eines furchtbaren Grauens, das sich ihrer damals bemächtigt, habe sie doch keine Sekunde die Gewißheit verlassen, daß jener andere nur ein Stück ihres eignen Innern sein konnte.“
— — — — — — — — — — — — — —
„Es ist unglaublich“, murmelte Prokop in Gedanken verloren.
Auch der Maler Vrieslander schien ganz in Grübeln versunken.
Da klopfte es an die Türe und das alte Weib, das mir des Abends Wasser bringt und was ich sonst noch nötig habe, trat ein, stellte den tönernen Krug auf den Boden und ging stillschweigend wieder hinaus.
Wir alle hatten aufgeblickt und sahen wie erwacht im Zimmer umher, aber noch lange Zeit sprach niemand ein Wort.
Als sei ein neuer Einfluß mit der Alten zur Tür hereingeschlüpft, an den man sich erst gewöhnen mußte.
„Ja! Die rothaarige Rosina, das ist auch so ein Gesicht, das man nicht loswerden kann und aus den Winkeln und Ecken immer wieder auftauchen sieht“, sagte plötzlich Zwakh ganz unvermittelt. „Dieses erstarrte, grinsende Lächeln kenne ich nun schon ein ganzes Menschenleben. Erst die Großmutter, dann die Mutter! — Und stets das gleiche Gesicht, kein Zug anders! Derselbe Name Rosina; — es ist immer eine die Auferstehung der andern.“
„Ist Rosina nicht die Tochter des Trödlers Aaron Wassertrum?“ fragte ich.
„Man spricht so“, meinte Zwakh, — — „Aaron Wassertrum aber hat manchen Sohn und manche Tochter, von denen man nicht weiß. Auch bei Rosinas Mutter wußte man nicht, wer ihr Vater gewesen, — auch nicht, was aus ihr geworden ist. — Mit fünfzehn Jahren hatte sie ein Kind geboren und war seitdem nicht mehr aufgetaucht. Ihr Verschwinden hing mit einem Mord zusammen, soweit ich mich entsinnen kann, der ihretwegen in diesem Hause begangen wurde.
Wie jetzt ihre Tochter, spukte damalssieden halbwüchsigen Jungen im Kopfe. Einer von ihnen lebt noch, — ich sehe ihn öfter, — doch sein Name ist mir entfallen. Die andern sind bald gestorben, und ich meine, sie hat sie alle frühzeitig unter die Erde gebracht. Ich erinnere mich aus jener Zeit überhaupt nur noch an kurze Episoden, die wie verblichene Bilder durch mein Gedächtnis treiben. So hat es damals einen halb blödsinnigen Menschen gegeben, der nachts von Schenke zu Schenke zog und den Gästen gegen ein paar Kreuzer Silhouetten aus schwarzem Papier schnitt. Und wenn man ihn betrunken machte, geriet er in eine unsägliche Traurigkeit, und unter Tränen und Schluchzen schnitzelte er, ohne aufzuhören, immer das gleiche scharfe Mädchenprofil, bis sein ganzer Papiervorrat verbraucht war.
Aus Zusammenhängen zu schließen, die ich längst vergessen, hatte er — fast als Kind noch — eine gewisse Rosina, wohl die Großmutter der heutigen, so heftig geliebt, daß er den Verstand darüber verlor.
Wenn ich die Jahre zurückzähle, kann es keine andere als die Großmutter der jetzigen Rosina gewesen sein.“
— — — — — — — — — — — — — —
Zwakh schwieg und lehnte sich zurück. — — —
Das Schicksal in diesem Haus irrt im Kreise umher und kehrt immer wieder zum selben Punkt zurück, fuhr es mir durch den Sinn, und ein häßliches Bild, das ich einmal mit angesehen — eine Katze mit verletzter Gehirnhälfte im Kreise herumtaumelnd — trat vor mein Auge. — — —
„Jetzt kommt der Kopf“, hörte ich plötzlich den Maler Vrieslander mit heller Stimme sagen.
Und er nahm einen runden Holzklotz aus der Tasche und begann an ihm zu schnitzen.
Eine schwere Müdigkeit legte sich mir über die Augen, und ich rückte meinen Lehnstuhl aus dem Lichtschein in den Hintergrund.
Das Wasser für den Punsch brodelte im Kessel und Josua Prokop füllte wiederum die Gläser. Leise, ganz leise klangen die Klänge der Tanzmusik durch das geschlossene Fenster; — manchmal verstummten sie vollends, dann wiederum wachten sie ein wenig auf, wie sie der Wind unterwegs verlor oder zu uns von der Gasse emportrug.
Ob ich denn nicht mit anstoßen wolle, fragte mich nach einer Weile der Musiker.
Ich aber gab keine Antwort, — so vollkommen war mir der Wille, mich zu bewegen, abhanden gekommen, daß ich gar nicht auf den Gedanken, den Mund zu öffnen, verfiel.
Ich dachte ich schliefe, so steinern war die innere Ruhe, die sich meiner bemächtigt hatte. Und ich mußte hinüber auf Vrieslanders funkelndes Messer blinzeln, das ruhelos aus dem Holz kleine Späne biß, — um die Gewißheit zu erlangen, daß ich wach sei.
In weiter Ferne brummte Zwakhs Stimme und erzählte wieder allerlei wunderliche Geschichten über Marionetten und krause Märchen, die er für seine Puppenspiele erdacht.
Auch von Dr. Savioli war die Rede und von der vornehmen Dame, der Gattin eines Adligen, die in das versteckte Atelier heimlich zu Savioli zu Besuch komme.
Und wiederum sah ich im Geiste Aaron Wassertrums höhnische, triumphierende Miene. —
Ob ich Zwakh nicht mitteilen sollte, was sich damals ereignet hatte, überlegte ich, — dann hielt ich es nicht der Mühe für wert und für belanglos. Auch wußte ich, daß mein Wille versagen würde, wollte ich jetzt den Versuch machen zu sprechen.
Plötzlich sahen die drei am Tische aufmerksam zu mir herüber und Prokop sagte ganz laut: „Er ist eingeschlafen“, — so laut, daß es fast klang, als ob es eine Frage sein sollte.
Sie redeten mit gedämpfter Stimme weiter, und ich erkannte, daß sie von mir sprachen.
Vrieslanders Schnitzmesser tanzte hin und her und fing das Licht auf, das von der Lampe niederfloß, und der spiegelnde Schein brannte mir in den Augen.
Es fiel ein Wort wie: „irr sein“, und ich horchte auf die Rede, die in der Runde ging.
„Gebiete, wie das vom ‚Golem‘ sollte man vor Pernath nie berühren,“ sagte Josua Prokop vorwurfsvoll, „als er vorhin von dem Buche Ibbur erzählte, schwiegen wir still und fragten nicht weiter. Ich möchte wetten, er hat alles nur geträumt.“
Zwakh nickte: „Sie haben ganz recht. Es ist, wie wenn man mit offenem Lichte eine verstaubte Kammer betreten wollte, in der morsche Tücher Decke und Wände bespannen und der dürre Zunder der Vergangenheit fußhoch den Boden bedeckt; ein flüchtiges Berühren nur und schon schlägt das Feuer aus allen Ecken.“
„War Pernath lange im Irrenhaus? Schade um ihn, er kann doch erst vierzig sein“, sagte Vrieslander.
„Ich weiß es nicht, ich habe auch keine Vorstellung, woher er stammen mag und was früher sein Beruf gewesen ist. Aussehen tut er ja wie ein altfranzösischer Edelmann mit seiner schlanken Gestalt und dem Spitzbart. Vor vielen, vielen Jahren hat mich ein befreundeter alter Arzt gebeten, ich möchte mich seiner ein wenig annehmen und ihm eine kleine Wohnung hier in diesen Gassen, wo sich niemand um ihn kümmern und mit Fragen nach früheren Zeiten beunruhigen würde, aussuchen.“ — Wieder sah Zwakh bewegt zu mir herüber. — „Seit jener Zeit lebt er hier, bessert Antiquitäten aus und schneidet Gemmen und hat sich damit einen kleinen Wohlstand gegründet. Es ist ein Glück für ihn, daß er alles, was mit seinem Wahnsinn zusammenhängt, vergessen zu haben scheint. Fragen Sie ihn beileibe nur niemals nach Dingen, die die Vergangenheit in seiner Erinnerung wachrufen könnten, — wie oft hat mir dasder alte Arzt ans Herz gelegt! Wissen Sie, Zwakh, sagte er immer, wir haben so eine gewisse Methode; wir haben seine Krankheit mit vieler Mühe eingemauert, möchte ich’s nennen, — so wie man eine Unglücksstätte einfriedet, weil sich an sie eine traurige Erinnerung knüpft.“ — — —
Die Rede des Marionettenspielers war auf mich zugekommen wie ein Schlächter auf ein wehrloses Tier und preßte mir mit rohen, grausamen Händen das Herz zusammen.
Von jeher hatte eine dumpfe Qual an mir genagt, — ein Ahnen, als wäre mir etwas genommen worden und als hätte ich in meinem Leben eine lange Strecke Wegs an einem Abgrunde hin durchschritten wie ein Schlafwandler. Und nie war es mir gelungen, die Ursache zu ergründen.
Jetzt lag des Rätsels Lösung offen vor mir und brannte mich unerträglich wie eine bloßgelegte Wunde.
Mein krankhafter Widerwillen, der Erinnerung an verflossene Ereignisse nachzuhängen, — dann der seltsame, von Zeit zu Zeit immer wiederkehrende Traum, ich sei in ein Haus mit einer Flucht mir unzugänglicher Gemächer gesperrt, — das beängstigende Versagen meines Gedächtnisses in Dingen, die meine Jugendzeit betrafen, — alles das fand mit einem Male seine furchtbare Erklärung: Ich war wahnsinnig gewesen und man hatte Hypnose angewandt, hatte das — „Zimmer“ verschlossen, das die Verbindung zu jenen Gemächern meines Gehirns bildete, und mich zum Heimatlosen inmitten des mich umgebenden Lebens gemacht.
Und keine Aussicht, die verlorene Erinnerung je wiederzugewinnen!
Die Triebfedern meines Denkens und Handelns liegen in einem andern, vergessenen Dasein verborgen, begriff ich, — nie würde ich sie erkennen können: eine verschnittne Pflanze bin ich, ein Reis, das aus einer fremden Wurzel sproßt. Gelänge es mir auch, den Eingang in jenes verschlossene „Zimmer“ zu erzwingen, müßte ich nicht abermals den Gespenstern, die man darein gebannt, in die Hände fallen?!
Die Geschichte von dem ‚Golem‘, die Zwakh vor einer Stunde erzählte, zog mir durch den Sinn, und plötzlich erkannte ich einen riesengroßen, geheimnisvollen Zusammenhang zwischen dem sagenhaften Gemach ohne Zugang, in dem jener Unbekannte wohnen sollte, und meinem bedeutungsvollen Traum.
Ja! auch in meinem Falle „würde der Strick reißen“, wollte ich versuchen, in das vergitterte Fenster meines Innern zu blicken.
Der seltsame Zusammenhang wurde mir immer deutlicher und nahm etwas unbeschreiblich Erschreckendes für mich an.
Ich fühlte: es sind da Dinge — unfaßbare — zusammengeschmiedet und laufen wie blinde Pferde, die nicht wissen, wohin der Weg führt, nebeneinander her.
Auch im Ghetto: ein Zimmer, ein Raum, dessen Eingang niemand finden kann, — ein schattenhaftes Wesen, das darin wohnt und nur zuweilen durch die Gassen tappt, um Grauen und Entsetzen unter die Menschen zu tragen! — — —
Immer noch schnitzte Vrieslander an dem Kopfe, und das Holz knirschte unter der Klinge des Messers.
Es tat mir fast weh, wie ich es hörte, und ich sah hin, ob es denn nicht bald zu Ende sei.
Wie der Kopf sich in des Malers Hand hin und her wandte, war es, als habe er Bewußtsein und spähe von Winkel zu Winkel. Dann ruhten seine Augen lange auf mir, befriedigt, daß sie mich endlich gefunden.
Auch ich vermochte meine Blicke nicht mehr abzuwenden und starrte unverwandt auf das hölzerne Antlitz.
Eine Weile schien das Messer des Malers zögernd etwas zu suchen, dann ritzte es entschlossen eine Linie ein, und plötzlich gewannen die Züge des Holzkopfes schreckhaftes Leben.
Ich erkannte das gelbe Gesicht des Fremden, der mir damals das Buch gebracht.
Dann konnte ich nichts mehr unterscheiden, der Anblick hatte nur eine Sekunde gedauert, und ich spürte, daß mein Herz zu schlagen aufhörte und ängstlich flatterte.
Dennoch blieb ich mir — wie damals — des Gesichtes bewußt.
Ich war es selber geworden und lag auf Vrieslanders Schoß und spähte umher.
Meine Augen wanderten im Zimmer umher, und eine fremde Hand bewegte meinen Schädel.
Dann sah ich mit einem Male Zwakhs aufgeregte Mienen und hörte seine Worte: um Gottes Willen, das ist ja der Golem!
Und ein kurzes Ringen entstand, und man wollteVrieslander mit Gewalt das Schnitzwerk entreißen, doch der wehrte sich und rief lachend:
„Was wollt ihr, es ist doch ganz und gar mißlungen.“ Und er wand sich los, öffnete das Fenster und warf den Kopf auf die Gasse hinunter.
Da schwand mein Bewußtsein und ich tauchte in eine tiefe Finsternis, die von schimmernden Goldfäden durchzogen war, und als ich, wie es mir schien, nach einer langen, langen Zeit erwachte, da erst hörte ich das Holz klappernd auf das Pflaster fallen.
— — — — — — — — — — — — — —
„Sie haben so fest geschlafen, daß Sie nicht merkten, wie wir Sie schüttelten,“ — sagte Josua Prokop zu mir, „der Punsch ist aus, und Sie haben alles versäumt.“
Der heiße Schmerz, über das, was ich vorhin mitangehört, übermannte mich wieder, und ich wollte aufschreien, daß ich nicht geträumt habe, als ich ihnen von dem Buche Ibbur erzählte — und es aus der Kassette nehmen und ihnen zeigen könne.
Aber diese Gedanken kamen nicht zu Wort und konnten die Stimmung allgemeinen Aufbruches, die meine Gäste ergriffen hatte, nicht durchdringen.
Zwakh hängte mir mit Gewalt den Mantel um und rief:
„Kommen Sie nur mit zum Loisitschek, Meister Pernath, es wird Ihre Lebensgeister erfrischen.“
Willenlos hatte ich mich von Zwakh die Treppe hinunterführen lassen.
Ich spürte den Geruch des Nebels, der von der Straße ins Haus drang, deutlicher und deutlicher werden. Josua Prokop und Vrieslander waren einige Schritte vorausgegangen, und man hörte, wie sie draußen vor dem Torweg mitsammen sprachen.
„Er muß rein in das Kanalgitter gefallen sein. Es ist doch zum Teufelholen.“
Wir traten hinaus auf die Gasse, und ich sah, wie Prokop sich bückte und die Marionette suchte.
„Freut mich, daß du den dummen Kopf nicht finden kannst“, brummte Vrieslander. Er hatte sich an die Mauer gestellt und sein Gesicht leuchtete grell auf und erlosch wieder in kurzen Intervallen — wie er das Feuer eines Streichholzes zischend in seine kurze Pfeife sog.
Prokop machte eine heftig abwehrende Bewegung mit dem Arm und beugte sich noch tiefer herab. Er kniete beinahe auf dem Pflaster:
„Still doch! Hört ihr denn nichts?“
Wir traten an ihn heran. Er deutete stumm auf das Kanalgitter und legte horchend die Hand ans Ohr. Eine Weile standen wir unbeweglich und lauschten in den Schacht hinab.
Nichts.
„Was war’s denn?“ flüsterte endlich der alte Marionettenspieler; doch sofort packte ihn Prokop heftig beim Handgelenk.
Einen Augenblick — kaum einen Herzschlag lang — hatte es mir geschienen, als klopfte da unten eine Hand gegen eine Eisenplatte — fast unhörbar. Wie ich eine Sekunde später darüber nachdachte, war alles vorbei; nur in meiner Brust hallte es wie ein Erinnerungsecho weiter und löste sich langsam in ein unbestimmtes Gefühl des Grauens auf.
Schritte, die die Gasse heraufkamen, verscheuchten den Eindruck.
„Gehen wir; was stehen wir da herum!“ mahnte Vrieslander.
Wir schritten die Häuserreihe entlang.
Prokop folgte nur widerwillig.
„Meinen Hals möcht’ ich wetten, da unten hat jemand geschrien in Todesangst.“
Niemand von uns antwortete ihm, aber ich fühlte, daß etwas wie leise dämmernde Angst uns die Zunge in Fesseln hielt.
Bald darauf standen wir vor einem rotverhängten Schenkenfenster.
„SALON LOISITSCHEK“.„Heinte großes Konzehr“
stand auf einem Pappendeckel geschrieben, dessen Rand mit verblichenen Photographien von Frauenzimmern bedeckt war.
Ehe noch Zwakh die Hand auf die Klinke legen konnte, öffnete sich die Eingangstür nach innen und ein vierschrötigerKerl mit gewichstem, schwarzem Haar, ohne Kragen — eine grünseidene Kravatte um den bloßen Hals geschlungen und die Frackweste mit einem Klumpen aus Schweinszähnen geschmückt — empfing uns mit Bücklingen.
„Jä, jä, das sin mir Gästäh. — — — Pane Schaffranek, rasch einen Tusch!“ setzte er, über die Schulter in das von Menschen überfüllte Lokal gewendet, hastig seinem Willkommengruß hinzu.
Ein klimperndes Geräusch, wie wenn eine Ratte über Klaviersaiten liefe, war die Antwort.
„Jä, jä, das sin mir Gästäh, das sin mir Gästäh. Da schaut man“, murmelte der Vierschrötige immerwährend vor sich hin, während er uns aus den Mänteln half.
„Ja, ja, heinte ist der ganze verehrliche Hochadel des Landes bei mir versammelt“, beantwortete er triumphierend Vrieslanders erstaunte Miene, als im Hintergrund auf einer Art Estrade, die durch Geländer und eine zweistufige Treppe vom vorderen Teil der Schenke getrennt war, ein paar vornehme junge Herren in Abendtoilette sichtbar wurden.
Schwaden beißenden Tabakrauches lagerten über den Tischen, hinter denen die langen Holzbänke an den Wänden vollbesetzt von zerlumpten Gestalten waren: Dirnen von den Schanzen, ungekämmt, schmutzig, barfuß, die festen Brüste kaum verhüllt von mißfarbigen Umhängetüchern, Zuhälter daneben mit blauen Militärmützen und Zigaretten hinter dem Ohr, Viehhändler mit haarigen Fäusten und schwerfälligen Fingern, die bei jeder Bewegung eine stumme Sprache der Niedertrachtredeten, vazierende Kellner mit frechen Augen und blatternarbige Kommis mit karrierten Hosen.
„Ich stell’ ich Ihnen spanische Plente umadum, damit Sie schön ungestört sein“, krächzte die feiste Stimme des Vierschrötigen, und eine Rollwand, beklebt mit kleinen tanzenden Chinesen, schob sich langsam vor den Ecktisch, an den wir uns gesetzt hatten.
Schnarrende Klänge einer Harfe machten das Stimmengewirr im Zimmer verlöschen.
Eine Sekunde eine rhythmische Pause.
Totenstille, als hielte alles den Atem an.
Mit erschreckender Deutlichkeit hörte man plötzlich wie die eisernenGasstäbe fauchend die flachen herzförmigen Flammen aus ihren Mündern in die Luft bliesen — — dann fiel die Musik über das Geräusch her und verschlang es.
Als wären sie soeben erst entstanden, tauchten da zwei seltsame Gestalten aus dem Tabakqualm vor meinem Blick empor.
Mit langem,wallendem, weißem Prophetenbart, ein schwarzseidenes Käppchen — wie es die alten jüdischen Familienväter tragen — auf dem Kahlkopf, die blinden Augen milchbläulich und gläsern — starr zur Decke gerichtet — saß dort ein Greis, bewegte lautlos die Lippen und fuhr mit dürren Fingern wie mit Geierkrallen in die Saiten einer Harfe. Neben ihm in speckglänzendem, schwarzem Taffetkleid, Jettschmuck und Jettkreuz an Hals und Armen — ein Sinnbild erheuchelter Bürgermoral — ein schwammiges Weibsbild, die Ziehharmonika auf dem Schoß.
Ein wildes Gestolper von Klängen drängte sich aus den Instrumenten, dann sank die Melodie ermattet zur bloßen Begleitung herab.
Der Greis hatte ein paarmal in die Luft gebissen und riß den Mund weit auf, daß man die schwarzen Zahnstumpen sehen konnte. Langsam aus der Brust herauf rang sich ihm, von seltsamen hebräischen Röchellauten begleitet, ein wilder Baß:
„Roo — n — te, blau — we Stern — —“
„Rititit“ (schrillte das Weibsbild dazwischen und schnappte sofort die keifigen Lippen zusammen, als habe sie schon zuviel gesagt)
„Roonte blaue SteernHörndlach ess i’ ach geern“;„Rititit“„Rothboart, Grienboartallerlaj Stern“ — —„Rititit, rititit.“
— — — — — — — — — — — — — —
Die Paare traten zum Tanze an.
„Es ist das Lied vom ‚chomezigen Borchu‘“, erklärte uns lächelnd der Marionettenspieler und schlug leise mit dem Zinnlöffel, der sonderbarerweise mit einer Kette am Tisch befestigt war, den Takt. „Vor wohl hundert Jahren oder mehr noch hatten zwei Bäckergesellen, Rotbart und Grünbart, am Abend des ‚Schabbes Hagodel‘ das Brot — Sterne und Hörnchen — vergiftet, um ein ausgiebiges Sterben in der Judenstadt hervorzurufen; aber der ‚Meschores‘ — der Gemeindediener — war infolge göttlicher Erleuchtung noch rechtzeitig daraufgekommenund konnte die beiden Verbrecher der Stadtpolizei überliefern. Zur Erinnerung an die wundersame Errettung aus Todesgefahr dichteten damals die ‚Lamdonim‘ und ‚Bocherlech‘ jenes seltsame Lied, das wir hier jetzt als Bordellquadrille hören.“
„Rititit — Rititit“
„Roote blaue Steern — — — —“ immer hohler und fanatischer erscholl das Gebell des Greises.
Plötzlich wurde die Melodie konfuser und ging allmählich in den Rhythmus des böhmischen „Schlapak“ — eines schleifenden Schiebetanzes — über, bei dem die Paare die schwitzenden Wangen innig aneinander preßten.
„So recht. Bravo. Äh da! fang, hep, hep!“ rief von der Estrade ein schlanker, junger Kavalier im Frack, das Monokel im Auge, dem Harfenisten zu, griff in die Westentasche und warf ein Silberstück in der Richtung. Es erreichte sein Ziel nicht: ich sah noch, wie es über das Tanzgewühl hinblitzte; da war es plötzlich verschwunden. Ein Strolch — sein Gesicht kam mir so bekannt vor; ich glaube, es muß derselbe gewesen sein, der neulich bei dem Regenguß neben Charousek gestanden — hatte seine Hand hinter dem Busentuch seiner Tänzerin, wo er sie bisher hartnäckig ruhen gehabt, hervorgezogen — ein Griff in die Luft mit affenartiger Geschwindigkeit, ohne auch nur einen Takt der Musik auszulassen, und die Münze war geschnappt. Nicht eine Muskel zuckte im Gesicht des Burschen auf, nur zwei, drei Paare in der Nähe grinsten leise.
„Wahrscheinlich einer vom ‚Bataillon‘, nach der Geschicklichkeit zu schließen“, sagte Zwakh lachend.
„Meister Pernath hat sicherlich noch nie etwas vom ‚Bataillon‘ gehört“, fiel Vrieslander auffallend rasch ein und zwinkerte heimlich dem Marionettenspieler zu, daß ich es nicht sehen sollte. — Ich verstand gar wohl: es war wie vorhin, oben auf meinem Zimmer. Sie hielten mich für krank. Wollten mich aufheitern. Und Zwakh sollte etwas erzählen. Irgend etwas.
Wie mich der gute Alte so mitleidig ansah, stieg es mir heiß vom Herzen in die Augen. Wenn er wüßte, wie weh mir sein Mitleid tat!
Ich überhörte die ersten Worte, mit denen der Marionettenspieler seine Worte einleitete, — ich weiß nur, mir war, als verblute ich langsam. Mir wurde immer kälter und starrer, wie vorhin, als ich als hölzernes Gesicht auf Vrieslanders Schoß gelegen hatte. Dann war ich plötzlich mitten drin in der Erzählung, die mich fremdartig umfing, — einhüllte, wie ein lebloses Stück aus einem Lesebuch.
Zwakh begann:
„Die Erzählung vom Rechtsgelehrten Dr. Hulbert und seinem Bataillon.
— — — No, was soll ich Ihnen sagen: Das Gesicht hatte er voller Warzen und krumme Beine wie ein Dachshund. Schon als Jüngling kannte er nichts als Studium. Trockenes, entnervendes Studium. Von dem, was er sich durch Stundengeben mühsam erwarb, mußte er noch seine kranke Mutter erhalten. Wie grüne Wiesen aussehen und Hecken und Hügel voll Blumen und Wälder, erfuhr er, glaube ich, nur aus Büchern. Und wiewenig von Sonnenschein in Prags schwarze Gassen fällt, wissen Sie ja selbst.
Sein Doktorat hatte er mit Auszeichnung gemacht; das war eigentlich selbstverständlich.
Nun, und mit der Zeit wurde er ein berühmter Rechtsgelehrter. So berühmt, daß alle Leute — Richter und alte Advokaten — zu ihm fragen kamen, wenn sie irgend etwas nicht wußten. Dabei lebte er ärmlich wie ein Bettler in einer Dachkammer, deren Fenster hinaus auf den Teinhof schaute.
So vergingen Jahre um Jahre und Dr. Hulberts Ruf als Leuchte seiner Wissenschaft wurde allmählich Sprichwort im ganzen Lande. Daß ein Mann wie er weichen Herzensempfindungen zugänglich sein konnte, zumal sein Haar schon anfing weiß zu werden und sich niemand erinnerte, ihn je von etwas anderem als von Jurisprudenz sprechen gehört zu haben, hätte wohl keiner geglaubt. Doch gerade in solchen verschlossenen Herzen glüht die Sehnsucht am heißesten.
An dem Tage, als Dr. Hulbert das Ziel erreichte, das ihm wohl schon als höchstes seit seiner Studentenzeit vorgeschwebt hatte: — als nämlich Seine Majestät der Kaiser von Wien aus ihn zum Rektor Magnifikus an unserer Universität ernannte, da ging es von Mund zu Mund, er habe sich mit einem jungen, bildschönen Fräulein aus zwar armer, aber adliger Familie verlobt.
Und wirklich schien von da an das Glück bei Dr. Hulbert eingezogen zu sein. Wenn auch seine Ehe kinderlos blieb, so trug er doch seine junge Gattin auf Händen, und jeden Wunsch zu erfüllen, den er ihr nur irgend vonden Augen abzulesen vermochte, war seine höchste Freude.
In seinem Glück vergaß er jedoch keineswegs, wie es wohl so manch anderer getan hätte, seiner leidenden Mitmenschen. „Mir hat Gott meine Sehnsucht gestillt,“ soll er einmal gesagt haben, — „er hat mir ein Traumgesicht zur Wahrheit werden lassen, das wie ein Glanz vor mir hergegangen ist seit Kindheit an: er hat mir das lieblichste Wesen zu eigen gegeben, das die Erde trägt. Und so will ich, daß ein Schimmer von diesem Glück, soweit es in meiner kleinen Macht steht, auch auf andere fällt.“ — — —
Und so kam es, daß er sich bei Gelegenheit eines armen Studenten annahm, wie seines eignen Sohnes. Vermutlich in der Erwägung, wie wohl ihm selbst ein solch gutes Werk getan hätte, wäre es ihm am eigenen Leib und Leben in den Tagen seiner kummervollen Jugendzeit passiert. Wie aber nun auf Erden manche Tat, die dem Menschen gut und edel scheint, Folgen nach sich zieht gleich der einer fluchwürdigen, weil wir wohl doch nicht richtig unterscheiden können zwischen dem, was giftigen Samen in sich trägt und was heilsamen, so begab es sich auch hier, daß aus Dr. Hulberts mitleidsvollem Werk das bitterste Leid für ihn selbst sproß.
Die junge Frau entbrannte gar bald in heimlicher Liebe zu dem Studenten, und ein erbarmungsloses Schicksal wollte, daß sie der Rektor gerade in dem Augenblicke, als er unerwartet nach Hause kam, um sie zum Zeichen seiner Liebe mit einem Strauß Rosen als Geburtstagspräsentzu überraschen, in den Armen dessen antraf, auf den er Wohltat über Wohltat gehäuft hatte.
Man sagt, daß die blaue Muttergottesblume für immer ihre Farbe verlieren kann, wenn der fahle, schweflige Schein eines Blitzes, der ein Hagelwetter verkündet, plötzlich auf sie fällt; gewiß ist, daß die Seele des alten Mannes für immer erblindete an dem Tage, wo sein Glück in Scherben ging. Am selben Abend noch saß er, er, der bis dahin nicht gewußt, was Unmäßigkeit ist, hier beim „Loisitschek“ — fast bewußtlos vom Fusel — bis zum Morgengrauen. Und der „Loisitschek“ wurde seine Heimstätte für den Rest seines zerstörten Lebens. Im Sommer schlief er irgendwo auf dem Schutt eines Neubaues, im Winter hier auf den hölzernen Bänken.
Den Titel eines Professors und Doktors beider Rechte beließ man ihm stillschweigend. Niemand hatte das Herz dazu, gegen ihn, den einst berühmten Gelehrten, den Vorwurf zu erheben, daß man Ärgernis nähme an seinem Wandel.
Allmählich sammelte sich um ihn, was an lichtscheuem Gesindel in der Judenstadt sein Wesen trieb, und so kam es zur Gründung jener seltsamen Gemeinschaft, die man noch heutigentags „das Bataillon“ nennt.
Dr. Hulberts umfassende Gesetzeskenntnis wurde das Bollwerk für alle die, denen die Polizei zu scharf auf die Finger sah. War irgendein entlassener Sträfling daran, zu verhungern, schickte ihn Dr. Hulbert splitternackt hinaus auf den Altstädter Ring — und das Amt auf der sogenannten „Fischbanka“ sah sich genötigt, einen Anzug beizustellen. Sollte eine unterstandslose Dirne aus der Stadt gewiesenwerden, so heiratete sie schnell einen Strolch, der bezirkszuständig war, und wurde dadurch ansässig.
Hundert solcher Auswege wußte Dr. Hulbert, und seinem Rate gegenüber stand die Polizei machtlos da. — Was diese Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft „verdienten“, übergaben sie getreulich auf Heller und Kreuzer der gemeinsamen Kassa, aus der der nötige Lebensunterhalt bestritten wurde. Niemals ließ sich auch nur eines die geringste Unehrlichkeit zuschulden kommen. Mag sein, daß angesichts dieser eisernen Disziplin der Name „das Bataillon“ entstand.
Pünktlich am ersten Dezember, wo sich der Tag des Unglücks jährte, das den alten Mann betroffen hatte, fand jedesmal nachts beim „Loisitschek“ eine seltsame Feier statt. Kopf an Kopf gedrängt standen sie hier: Bettler, Vagabunden, Zuhälter und Dirnen, Trunkenbolde und Lumpensammler, und eine lautlose Stille herrschte wie beim Gottesdienst. — Und dann erzählte ihnen Dr. Hulbert dort von der Ecke aus, wo jetzt die beiden Musikanten sitzen, gerade unter dem Krönungsbilde Seiner Majestät des Kaisers seine Lebensgeschichte: — wie er sich emporgerungen, den Doktortitel erworben und späterRektor magnificusgeworden war. Wenn er zu der Stelle kam, wo er mit dem Busch Rosen in der Hand ins Zimmer seiner jungen Frau trat, — zur Feier ihres Geburtstages und zugleich zum Gedächtnis jener Stunde, da er dereinst um sie anhalten gekommen und sie seine liebe Braut geworden war, — da versagte ihm jedesmal die Stimme, und weinend sank er am Tisch zusammen. Dann geschah es wohl zuweilen, daß irgendeinliederliches Frauenzimmer ihm verschämt und heimlich, damit es keiner sehen sollte, eine halbwelke Blume auf die Hand legte.
Von den Zuhörern rührte sich dann noch lange Zeit keiner. Zum Weinen sind diese Menschen zu hart, aber an ihren Kleidern blickten sie herunter und drehten unsicher die Finger.
Eines Morgens fand man Dr. Hulbert tot auf einer Bank unten an der Moldau. Er wird, denke ich, erfroren sein.
Sein Leichenbegängnis sehe ich noch heute vor mir. Das „Bataillon“ hatte sich fast zerfleischt, um alles so prunkvoll wie möglich zu gestalten.
Voran ging der Pedell der Universität in vollem Ornat: in den Händen das purpurne Kissenpolster mit der güldenen Kette darauf und hinter dem Leichenwagen in unabsehbarer Reihe — — das „Bataillon“ barfuß, schmutzstarrend, zerlumpt und zerfetzt. Einer von ihnen hatte sein Letztes verkauft und ging daher: Leib, Beine und Arme mit Lagen aus altem Zeitungspapier umwickelt und umbunden.
So erwiesen sie ihm die letzte Ehre.
Auf seinem Grabe, draußen im Friedhof, steht ein weißer Stein, darein sind drei Figuren gemeißelt: Der Heiland gekreuzigt zwischen zwei Räubern. Von unbekannter Hand gestiftet. Man munkelt, Dr. Hulberts Frau habe das Denkmal errichtet. — — —
Im Testament des toten Rechtsgelehrten aber war ein Legat vorgesehen, danach bekommt jeder vom „Bataillon“ mittags beim „Loisitschek“ umsonst eineSuppe; zu diesem Zwecke hängen hier am Tisch die Löffel an den Ketten, und die ausgehöhlten Mulden in der Tischplatte sind die Teller. Um 12 Uhr kommt die Kellnerin und spritzt mit einer großen, blechernen Spritze die Brühe hinein und, wenn sich einer nicht ausweisen kann als „vom Bataillon“, so zieht sie die Suppe mit der Spritze wieder zurück.
Von diesem Tisch aus machte die Gepflogenheit als Witz die Runde durch die ganze Welt.“
— — — — — — — — — — — — — —
Der Eindruck eines Tumultes im Lokal weckte mich aus meiner Lethargie. Die letzten Sätze, die Zwakh gesprochen, wehten über mein Bewußtsein hinweg. Ich sah noch, wie er seine Hände bewegte, um das Vor- und Zurückschieben eines Spritzenkolbens klarzumachen, dann jagten die Bilder, die sich rings um uns abrollten, so rasch und automatenhaft und dennoch mit so gespenstischer Deutlichkeit an meinem Auge vorüber, daß ich in Momenten ganz mich selbst vergaß und mir wie ein Rad vorkam in einem lebendigen Uhrwerk.
Das Zimmer war ein einziges Menschengewühl geworden. Oben auf der Estrade: dutzende Herren in schwarzen Fräcken. Weiße Manschetten, blitzende Ringe. Eine Dragoneruniform mit Rittmeisterschnüren. Im Hintergrund ein Damenhut mit lachsfarbigen Straußenfedern.
Durch die Stäbe des Geländers stierte das verzerrte Gesicht Loisas hinauf. Ich sah: er konnte sich kaum aufrecht halten. Auch Jaromir war da und schaute unverwandt hinauf, mit dem Rücken dicht, ganz dicht, an derSeitenwand, als presse ihn eine unsichtbare Hand dagegen.
Die Gestalten hielten plötzlich im Tanzen inne: der Wirt mußte ihnen etwas zugerufen haben, was sie erschreckt hatte. Die Musik spielte noch, aber leise; sie traute sich nicht mehr recht. Sie zitterte; man fühlte es deutlich. Und doch lag der Ausdruck hämischer, wilder Freude in dem Gesicht des Wirtes.
— — — — In der Eingangstür steht mit einem Mal der Polizeikommissär in Uniform. Er hat die Arme ausgebreitet, um niemand hinauszulassen. Hinter ihm ein Kriminalschutzmann.
„Wird also doch hier getanzt? Trotz Verbotes? Ich sperre die Spelunke. Sie kommen mit, Wirt! Und was hier ist, marsch auf die Wachstube!“
Es klingt wie Kommandos.
Der Vierschrötige gibt keine Antwort, aber das hämische Grinsen bleibt in seinen Zügen.
Bloß starrer ist es geworden.
Die Harmonika hat sich verschluckt und pfeift nur noch.
Auch die Harfe zieht den Schwanz ein.
Die Gesichter sind plötzlich alle im Profil zu sehen: sie glotzen erwartungsvoll hinauf auf die Estrade.
Und da kommt eine vornehme schwarze Gestalt gelassen die paar Stufen herab und geht langsam auf den Kommissär zu.
Die Augen des Kriminalschutzmannes hängen gebannt an den heranschlendernden schwarzen Lackschuhen.
Der Kavalier ist einen Schritt vor dem Polizeibeamtenstehen geblieben und läßt den Blick gelangweilt ihm von Kopf bis zu den Füßen und wieder zurückschweifen.
Die andern jungen Adligen oben auf der Estrade haben sich über das Geländer gebeugt und verbeißen das Lachen hinter ihren grauseidnen Taschentüchern.
Der Dragonerrittmeister klemmt ein Goldstück ins Auge und spuckt einem Mädchen, das unter ihm lehnt, seinen Zigarettenstummel ins Haar.
Der Polizeikommissär hat sich verfärbt und starrt in der Verlegenheit immerwährend auf die Perle in der Hemdbrust des Aristokraten.
Er kann den gleichgültigen, glanzlosen Blick dieses glattrasierten, unbeweglichen Gesichtes mit der Hakennase nicht ertragen.
Es bringt ihn aus der Ruhe. Schmettert ihn nieder.
Die Totenstille im Lokal wird immer quälender.
„So sehen die Ritterstatuen aus, die mit gefalteten Händen auf den Steinsärgen liegen in den gotischen Kirchen“, flüstert der Maler Vrieslander mit einem Blick auf den Kavalier.
Da bricht der Aristokrat endlich das Schweigen: „Äh — Hm.“ — — — er kopiert die Stimme des Wirtes: „Jä, jä, das sin mir Gästäh — da schaut man.“ Ein schallendes Gejohle explodiert im Lokal, daß die Gläser klirren; die Strolche halten sich den Bauch vor Lachen. Eine Flasche fliegt an die Wand und zerschellt. Der vierschrötige Wirt meckert uns erläuternd und ehrfurchtsvoll zu: „Seine Durchlaucht Exzellenz Fürst Ferri Athenstädt.“
Der Fürst hat dem Beamten eine Visitenkarte hingehalten.Der Ärmste nimmt sie, salutiert wiederholt und schlägt die Hacken zusammen.
Es wird von neuem still, die Menge lauscht atemlos, was weiter geschehen wird.
Der Kavalier spricht wieder:
„Die Damen und Herren, die Sie hier versammelt sehen, — äh — sind meine lieben Gäste.“ Seine Durchlaucht deutet mit einer nachlässigen Armbewegung auf das Gesindel, „wünschen Sie, Herr Kommissär, — äh — vielleicht vorgestellt zu werden?“
Der Kommissär verneint mit erzwungenem Lächeln, stottert verlegen etwas von „leidiger Pflichterfüllung“ und rafft sich schließlich zu den Worten auf: „Ich sehe ja, daß es hier anständig zugeht.“
Das bringt Leben in den Dragonerrittmeister: er eilt in den Hintergrund auf den Damenhut mit der Straußenfeder zu und zerrt im nächsten Augenblick unter dem Jubel der jungen Adligen — Rosina am Arm herunter in den Saal.
Sie schwankt vor Trunkenheit und hält die Augen geschlossen. Der große, kostbare Hut sitzt ihr schief, und sie hat nichts an als lange rosa Strümpfe und — einen Herrenfrack auf dem bloßen Körper.
Ein Zeichen: Die Musik fällt ein wie rasend — — — „Rititit — Rititit“ — — — — — und schwemmt den gurgelnden Schrei fort, den der taubstumme Jaromir, als er Rosina gesehen, an der Wand drüben ausgestoßen hat. — — —
Wir wollen gehen.
Zwakh ruft nach der Kellnerin.
Der allgemeine Lärm verschlingt seine Worte.
Die Szenen vor mir werden phantastisch wie ein Opiumrausch.
Der Rittmeister hält die halbnackte Rosina im Arm und dreht sich langsam mit ihr im Takt.
Die Menge hat respektvoll Platz gemacht.
Dann murmelt es von den Bänken: „Der Loisitschek, der Loisitschek“, die Hälse werden lang und zu dem tanzenden Paar gesellt sich ein zweites noch seltsameres. Ein weibisch aussehender Bursche in rosa Trikots, mit langem blondem Haar bis zu den Schultern, Lippen und Wangen geschminkt wie eine Dirne und die Augen niedergeschlagen in koketter Verwirrung, — hängt schmachtend an der Brust des Fürsten Athenstädt.
Ein süßlicher Walzer quillt aus der Harfe.
Wilder Ekel vor dem Leben schnürt mir die Kehle zusammen.
Mein Blick sucht voll Angst die Türe: der Kommissär steht dort abgewendet, um nichts zu sehen, und flüstert hastig mit dem Kriminalschutzmann, der etwas einsteckt. Es klirrt wie Handschellen.
Die beiden spähen herüber auf den blatternarbigen Loisa, der einen Augenblick sich zu verstecken sucht und dann gelähmt — das Gesicht kalkweiß und verzerrt vor Entsetzen — stehen bleibt.
Ein Bild zuckt in der Erinnerung vor mir auf und erlischt sofort: Das Bild, wie „Prokop lauscht, wie ich es vor einer Stunde gesehen, — über das Kanalgitter gebeugt — und ein Todesschrei gellt aus der Erde empor.“
— — — — — — — — — — — — — —
Ich will rufen und kann nicht. Kalte Finger greifen mir in den Mund und biegen mir die Zunge nach unten gegen die Vorderzähne, daß es wie ein Klumpen meinen Gaumen erfüllt und ich kein Wort hervorbringen kann.
Ich kann die Finger nicht sehen, weiß, daß sie unsichtbar sind, und doch empfinde ich sie wie etwas Körperliches.
Und klar steht es in meinem Bewußtsein: sie gehören zu der gespenstischen Hand, die mir in meinem Zimmer in der Hahnpaßgasse das Buch „Ibbur“ gegeben haben.
„Wasser, Wasser!“ schreit Zwakh neben mir. Sie halten mir den Kopf und leuchten mir mit einer Kerze in die Pupillen.
„In seine Wohnung schaffen, Arzt holen — der Archivar Hillel kennt sich aus in solchen Dingen — — zu ihm bringen!“ — beraten sie murmelnd.
Dann liege ich starr wie eine Leiche auf einer Bahre und Prokop und Vrieslander tragen mich hinaus.