Zwakh war vor uns die Treppen hinaufgelaufen und ich hörte, wie Mirjam, die Tochter des Archivars Hillel, ihn ängstlich ausfragte und er sie zu beruhigen trachtete.
Ich gab mir keine Mühe, hinzuhorchen, was sie miteinander sprachen, und erriet mehr, als ich es in Worten verstand, daß Zwakh erzählte, mir sei ein Unfall zugestoßen und sie kämen bitten, mir die erste Hilfe zu leisten und mich wieder zu Bewußtsein zu bringen.
Noch immer konnte ich kein Glied rühren, und die unsichtbaren Finger hielten meine Zunge; aber mein Denken war fest und sicher und das Gefühl des Grauens hatte von mir abgelassen. Ich wußte genau, wo ich war und was mit mir geschah, und empfand es nicht einmal als absonderlich, daß man mich wie einen Toten herauftrug, samt der Bahre im Zimmer Schemajah Hillels niedersetzte und — allein ließ.
Eine ruhige, natürliche Zufriedenheit, wie man sie beim Heimkommen nach einer langen Wanderung genießt, erfüllte mich.
Es war finster in der Stube, und mit verschwimmenden Umrissen hoben sich die Fensterrahmen in Kreuzesformen von dem mattleuchtenden Dunst ab, der von der Gasse heraufschimmerte.
Alles kam mir selbstverständlich vor und ich wunderte mich weder darüber, daß Hillel mit einem jüdischensiebenflammigen Sabbatleuchter eintrat, noch, daß er mir gelassen „Guten Abend“ wünschte wie jemandem, dessen Kommen er erwartet hatte.
Was ich die ganze Zeit, die ich im Hause wohnte, nie als etwas Besonderes bemerkt hatte, — trotzdem wir einander oft drei- bis viermal in der Woche auf den Stiegen begegnet waren, — fiel mir plötzlich stark an ihm auf, wie er so hin und her ging, einige Gegenstände auf der Kommode zurechtrückte und schließlich mit dem Leuchter einen zweiten, gleichfalls siebenflammigen anzündete.
Nämlich: sein Ebenmaß an Leib und Gliedern und der schmale, feine Schnitt des Gesichtes mit dem edlen Stirnaufbau.
Er konnte, wie ich jetzt beim Schein der Kerze sah, nicht älter sein als ich: höchstens 45 Jahre zählen.
„Du bist um einige Minuten früher gekommen“, — begann er nach einer Weile — „als anzunehmen war, sonst hätte ich die Lichter schon vorher angezündet.“ — Er deutete auf die beiden Leuchter, trat an die Bahre und richtete seine dunklen, tiefliegenden Augen, wie es schien, auf jemand, der mir zu Häupten stand oder kniete, den ich aber nicht zu sehen vermochte. Dabei bewegte er seine Lippen und sprach lautlos einen Satz.
Sofort ließen die unsichtbaren Finger meine Zunge los und der Starrkrampf wich von mir. Ich richtete mich auf und blickte hinter mich: Niemand außer Schemajah Hillel und mir war im Zimmer.
Sein „Du“ und die Bemerkung, daß er mich erwartet habe, hatten also mir gegolten!?
Viel befremdender als diese beiden Umstände an sich wirkte es auf mich, daß ich nicht imstande war, auch nur die geringste Verwunderung darüber zu empfinden.
Hillel erriet offenbar meine Gedanken, denn er lächelte freundlich, wobei er mir von der Bahre aufstehen half und mit der Hand auf einen Sessel wies, und sagte:
„Es ist auch nichts Wunderbares dabei. Schreckhaft wirken nur die gespenstischen Dinge — die Kischuph — auf den Menschen; das Leben kratzt und brennt wie ein härener Mantel, aber die Sonnenstrahlen der geistigen Welt sind mild und erwärmend.“
Ich schwieg, da mir nichts einfiel, was ich ihm hätte erwidern sollen. Er schien auch keine Gegenrede erwartet zu haben, setzte sich mir gegenüber und fuhr gelassen fort: „Auch ein silberner Spiegel, hätte er Empfindung, litte nur Schmerzen, wenn er poliert wird. Glatt und glänzend geworden, gibt er alle Bilder wieder, die auf ihn fallen, ohne Leid und Erregung.“
„Wohl dem Menschen“, setzte er leise hinzu, „der von sich sagen kann: Ich bin geschliffen.“ — Einen Augenblick versank er in Nachdenken, und ich hörte ihn einen hebräischen Satz murmeln: „Lischuosècho Kiwisi Adoschem.“ Dann drang seine Stimme wieder klar an mein Ohr:
„Du bist zu mir gekommen in tiefem Schlaf und ich habe dich wach gemacht. Im Psalm David heißt es:
„Da sprach ich in mir selbst: jetzt fange ich an: Die Rechte Gottes ist es, welche diese Veränderung gemacht hat.“
Wenn die Menschen aufstehen von ihren Lagerstätten, so wähnen sie, sie hätten den Schlaf abgeschüttelt, und wissen nicht, daß sie ihren Sinnen zum Opfer fallen und die Beute eines neuen viel tieferen Schlafes werden, als der war, dem sie soeben entronnen sind. Es gibt nur ein wahres Wachsein und das ist das, dem du dich jetzt näherst. Sprich den Menschen davon und sie werden sagen, du seist krank, denn sie können dich nicht verstehen. Darum ist es zwecklos und grausam, ihnen davon zu reden.
Sie fahren dahin wie ein Strom —Und sind wie ein Schlaf,Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird —Das des Abends abgehauen wird und verdorret.“
Sie fahren dahin wie ein Strom —Und sind wie ein Schlaf,Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird —Das des Abends abgehauen wird und verdorret.“
Sie fahren dahin wie ein Strom —Und sind wie ein Schlaf,Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird —Das des Abends abgehauen wird und verdorret.“
Sie fahren dahin wie ein Strom —
Und sind wie ein Schlaf,
Gleich wie ein Gras, das doch bald welk wird —
Das des Abends abgehauen wird und verdorret.“
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„Wer war der Fremde, der mich in meiner Kammer aufgesucht hat und mir das Buch „Ibbur“ gab? Habe ich ihn im Wachen oder im Traum gesehen?“, wollte ich fragen, doch Hillel antwortete mir, noch ehe ich den Gedanken in Worte fassen konnte:
„Nimm an, der Mann, der zu dir kam und den du den Golem nennst, bedeute die Erweckung des Toten durch das innerste Geistesleben. Jedes Ding auf Erden ist nichts als ein ewiges Symbol in Staub gekleidet!
Wie denkst du mit dem Auge? Jede Form, die du siehst, denkst du mit dem Auge. Alles, was zur Form geronnen ist, war vorher ein Gespenst.“
Ich fühlte, wie Begriffe, die bisher in meinem Hirnverankert gewesen, sich losrissen und gleich Schiffen ohne Steuer hinaustrieben in ein uferloses Meer.
Ruhevoll fuhr Hillel fort:
„Wer aufgeweckt worden ist, kann nicht mehr sterben; Schlaf und Tod sind dasselbe.“
„— — kann nicht mehr sterben?“ — ein dumpfer Schmerz ergriff mich.
„Zwei Pfade laufen nebeneinander hin: der Weg des Lebens und der Weg des Todes. Du hast das Buch „Ibbur“ genommen und darin gelesen. Deine Seele ist schwanger geworden vom Geist des Lebens“, hörte ich ihn reden.
„Hillel, Hillel, laß mich den Weg gehen, den alle Menschen gehen: den des Sterbens!“, schrie alles wild in mir auf.
Schemajah Hillels Gesicht wurde starr vor Ernst.
„Die Menschen gehen keinen Weg, weder den des Lebens, noch den des Todes. Sie treiben daher wie Spreu im Sturm. Im Talmud steht: „Ehe Gott die Welt schuf, hielt er den Wesen einen Spiegel vor; darin sahen sie die geistigen Leiden des Daseins und die Wonnen, die darauf folgten. Da nahmen die einen die Leiden auf sich. Die anderen aber weigerten sich, und diese strich Gott aus dem Buche der Lebenden.“ Du abergehsteinen Weg und hast ihn aus freiem Willen beschritten, — wenn du es jetzt auch selbst nicht mehr weißt: Du bist berufen von dir selbst. Gräm’ dich nicht: allmählich, wenn das Wissen kommt, kommt auch die Erinnerung.Wissen und Erinnerung sind dasselbe.“
Der freundliche, fast liebenswürdige Ton, in den Hillels Rede ausgeklungen war, gab mir meine Ruhe wieder, und ich fühlte mich geborgen wie ein krankes Kind, das seinen Vater bei sich weiß.
Ich blickte auf und sah, daß mit einem Male viele Gestalten im Zimmer waren und uns im Kreis umstanden: Einige in weißen Sterbegewändern, wie sie die altenRabbiner trugen, andere mit dreieckigem Hut und Silberschnallen an den Schuhen — aber Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen und die Stube war wieder leer.
Dann geleitete er mich hinaus zur Treppe und gab mir eine brennende Kerze mit, damit ich mir hinaufleuchten könne in mein Zimmer.
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Ich legte mich zu Bett und wollte schlafen, aber der Schlummer kam nicht, und ich geriet statt dessen in einen sonderbaren Zustand, der weder Träumen war, noch Wachen, noch Schlafen.
Das Licht hatte ich ausgelöscht, aber trotzdem war alles in der Stube so deutlich, daß ich jede einzelne Form genau unterscheiden konnte. Dabei fühlte ich mich vollkommen behaglich und frei von der gewissen qualvollen Unruhe, die einen foltert, wenn man sich in ähnlicher Verfassung befindet.
Nie vorher in meinem Leben wäre ich imstande gewesen, so scharf und präzis zu denken wie eben jetzt. Der Rhythmus der Gesundheit durchströmte meine Nerven und ordnete meine Gedanken in Reih und Glied wie eine Armee, die nur auf meine Befehle wartete.
Ich brauchte bloß zu rufen, und sie traten vor mich und erfüllten, was ich wünschte.
Eine Gemme, die ich in den letzten Wochen aus Aventurinstein zu schneiden versucht hatte, — ohne damit zurecht zu kommen, da sich die vielen zerstreuten Flimmer in dem Mineral niemals mit den Gesichtszügen decken wollten, die ich mir vorgestellt, — fiel mir ein, und im Nu sah ich die Lösung vor mir und wußte genau, wie ich den Stichel zu führen hatte, um der Struktur der Masse gerecht zu werden.
Ehedem Sklave einer Horde phantastischer Eindrücke und Traumgesichter, von denen ich oft nicht gewußt: waren es Ideen oder Gefühle, sah ich mich jetzt plötzlich als Herr und König im eigenen Reich.
Rechenexempel, die ich früher nur mit Ächzen und auf dem Papier hätte bewältigen können, fügten sich mir mit einem Male im Kopf spielend zum Resultat. Alles mit Hilfe einer neuen, in mir erwachten Fähigkeit, das zu sehen und festzuhalten, was ich gerade brauchte: Ziffern, Formen, Gegenstände oder Farben. Und wenn es sich um Fragen handelte, die durch derlei Werkzeuge nicht zu lösen waren: — philosophische Probleme und Ähnliches —, so trat an Stelle des inneren Sehens das Gehör, wobei die Stimme Schemajah Hillels die Rolle des Sprechers übernahm.
Erkenntnisse seltsamster Art wurden mir zuteil.
Was ich tausendmal im Leben achtlos als bloßes Wort an meinem Ohr hatte vorübergehen lassen, stand wertgetränkt bis in die tiefste Faser vor mir; was ich „auswendig“ gelernt, „erfaßte“ ich mit einem Schlag alsmein „Eigen“tum. Der Wortbildung Geheimnisse, die ich nie geahnt, lagen nackt vor mir.
Die „hohen“ Ideale der Menschheit, die vordem mit kommerzienrätlich biederer Miene, die Pathosbrust mit Orden bekleckst, mich von oben herab behandelt hatten, — demütig nahmen sie jetzt die Maske von der Fratze und entschuldigten sich: sie seien selber ja nur Bettler, aber immerhin Krücken für — einen noch frecheren Schwindel.
Träumte ich nicht vielleicht doch? Hatte ich etwa gar nicht mit Hillel gesprochen?
Ich griff nach dem Sessel neben meinem Bett.
Richtig: dort lag die Kerze, die mir Schemajah mitgegeben hatte; und selig wie ein kleiner Junge in der Christfestnacht, der sich überzeugt hat, daß der wundervolle Hampelmann wirklich und leibhaftig vorhanden ist, wühlte ich mich wieder in die Kissen.
Und wie ein Spürhund drang ich weiter vor in das Dickicht der geistigen Rätsel, die mich rings umgaben.
Zuerst versuchte ich zu dem Punkt in meinem Leben zurückzugelangen, bis zu dem meine Erinnerung reichte. Nur von dort aus — glaubte ich — könnte es mir möglich sein, jenen Teil meines Daseins zu überblicken, der für mich, durch eine seltsame Fügung des Schicksals in Finsternis gehüllt lag.
Aber wie sehr ich mich auch bemühte, ich kam nicht weiter, als daß ich mich wie einst in dem düsteren Hofe unseres Hauses stehen sah und durch den Torbogen den Trödlerladen des Aaron Wassertrum unterschied — als ob ich ein Jahrhundert lang als Gemmenschneider indiesem Hause gewohnt hätte, immer gleich alt und ohne jemals ein Kind gewesen zu sein!
Schon wollte ich es als hoffnungslos aufgeben, weiter zu schürfen in den Schächten der Vergangenheit, da begriff ich plötzlich mit leuchtender Klarheit, daß wohl in meiner Erinnerung die breite Heerstraße der Geschehnisse mit dem gewissen Torbogen endete, nicht aber eine Menge winzig schmaler Fußsteige, die wohl bisher den Hauptpfad ständig begleitet hatten, von mir jedoch nicht beachtet worden waren: „Woher“, schrie es mir fast in die Ohren, „hast du denn die Kenntnisse, dank derer du jetzt dein Leben fristest? Wer hat dich Gemmenschneiden gelehrt — und gravieren und all das andere? Lesen, schreiben, sprechen — und essen — und gehen, atmen, denken und fühlen?“
Sofort griff ich den Rat meines Innern auf. Systematisch ging ich mein Leben zurück.
Ich zwang mich, in verkehrter, aber ununterbrochener Reihenfolge zu überlegen: was ist soeben geschehen, was war der Ausgangspunkt dazu, was lag vor diesem und so weiter?
Wieder war ich bei dem gewissen Torbogen angelangt — — jetzt! Jetzt! Nur ein kleiner Sprung ins Leere und der Abgrund, der mich von dem Vergessenen trennte, mußte überflogen sein — da trat ein Bild vor mich, das ich auf der Rückwanderung meiner Gedanken übersehen hatte: Schemajah Hillel fuhr mir mit der Hand über die Augen — genau wie vorhin unten in seinem Zimmer.
Und weggewischt war alles. Sogar der Wunsch, weiter zu forschen.
Nur eins stand fest als bleibender Gewinn: die Erkenntnis: die Reihe der Begebenheiten im Leben ist eine Sackgasse, so breit und gangbar sie auch zu sein scheint. Die schmalen, verborgenen Steige sind’s, die in die verlorene Heimat zurückführen: das, was mit feiner, kaum sichtbarer Schrift in unserem Körper eingraviert ist, und nicht die scheußliche Narbe, die die Raspel des äußeren Lebens hinterläßt, — birgt die Lösung der letzten Geheimnisse.
So, wie ich zurückfinden könnte in die Tage meiner Jugend, wenn ich in der Fibel das Alphabet in verkehrter Folge vornähme von Z bis A, um dort anzulangen, wo ich in der Schule zu lernen begonnen, — so, begriff ich, müßte ich auch wandern können in die andere ferne Heimat, die jenseits alles Denkens liegt.
Eine Weltkugel aus Arbeit wälzte sich auf meine Schultern. Auch Herkules trug eine Zeitlang das Gewölbe des Himmels auf seinem Haupte, fiel mir ein, und versteckte Bedeutung schimmerte mir aus der Sage entgegen. Und wie Herkules wieder loskam durch eine List, indem er den Riesen Atlas bat: „Laß mich nur einen Bausch von Stricken um den Kopf binden, damit mir die entsetzliche Last nicht das Gehirn zersprengt“, so gäbe es vielleicht einen dunkeln Weg — dämmerte mir — von dieser Klippe weg.
Ein tiefer Argwohn, der Führerschaft meiner Gedanken weiter blind zu vertrauen, beschlich mich plötzlich. Ich legte mich gerade und verschloß mit den Fingern Augen und Ohren, um nicht abgelenkt zu werden durch die Sinne. Um jeden Gedanken zu töten.
Doch mein Wille zerschellte an dem ehernen Gesetz: Ich konnte immer nur einen Gedanken durch einen anderen vertreiben, und starb der eine, schon mästete sich der nächste an seinem Fleische. Ich flüchtete in den brausenden Strom meines Blutes, aber die Gedanken folgten mir auf dem Fuß; ich verbarg mich im Hämmerwerk meines Herzens: nur eine kleine Weile, und sie hatten mich entdeckt.
Abermals kam mir da Hillels freundliche Stimme zu Hilfe und sagte: „Bleib auf deinem Weg und wanke nicht! Der Schlüssel zur Kunst des Vergessens gehört unseren Brüdern, die den Pfad des Todes wandeln; du aber bist geschwängert vom Geiste des — Lebens.“
Das Buch Ibbur erschien vor mir, und zwei Buchstaben flammten darin auf: der eine, der das erzene Weib bedeutete, mit dem Pulsschlag, mächtig, gleich einem Erdbeben, — der andere in unendlicher Ferne: der Hermaphrodit auf dem Thron von Perlmutter, auf dem Haupte die Krone aus rotem Holz.
Dann fuhr Schemajah Hillel ein drittes Mal mit der Hand über meine Augen, und ich schlummerte ein.
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„Mein lieber und verehrter Meister Pernath!Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, — oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. — Ich hätte keine Ruhe sonst.Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir — „neulich“ — (Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen Namen darunter zu setzen) — so viel Vertrauen eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, — alles das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, zu wenden.Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.Eine Ihnen bekannte Dame.“
„Mein lieber und verehrter Meister Pernath!
Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, — oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. — Ich hätte keine Ruhe sonst.
Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!
Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir — „neulich“ — (Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen Namen darunter zu setzen) — so viel Vertrauen eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, — alles das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, zu wenden.
Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.
Eine Ihnen bekannte Dame.“
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Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten,war mit einem Schlag gewichen, — weggeweht von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll — ein Frühlingskind — auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. — Bei mir! Wie sah meine Stube plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.
Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und Glanz.
So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?
Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen gelegen in mir — verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.
Und ichwußteso gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die Sicherheit.
Wieder und wieder las ich die Stelle: „und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat — — — — — —“; — mir stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein?“ Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk entgegen:die Rückerinnerung, nach der ich dürstete, — würde mir das Geheimnis offenbaren, denVorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!
„Ihr lieber, seliger Vater“ — —, wie fremdartig die Worte klangen, als ich sie mir vorsagte! — Vater! — Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe auftauchen — fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; — — dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.
Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.
Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen: „Wir lassen dich nicht, — du bist unser, — wir wollen nicht, daß du dich freust — das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!“
Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tür.
Sollte ich eintreten?
Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders heute, — so, alsdürfeich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. — —
Die Gasse lag weiß im Schnee.
Ich glaube, daß viele Leute mich gegrüßt haben; ich erinnerte mich nicht, ob ich ihnen gedankt. Immer wieder fühlte ich an die Brust, ob ich den Brief auch bei mir trüge:
Es ging eine Wärme von der Stelle aus.
— — — — — — — — — — — — — —
Ich wanderte durch die Bogen der gequaderten Laubengänge auf demAltstädter Ring und an dem Erzbrunnen vorbei, dessen barockes Gitter voll Eiszapfen hing, hinüber über die steinerne Brücke mit ihren Heiligenstatuen und dem Standbild des Johannes von Nepomuk.
Unten schäumte der Fluß voll Haß gegen die Fundamente.
Halb im Traum fiel mein Blick auf den gehöhlten Sandstein der heiligen Luitgard mit „den Qualen der Verdammten“ darin: dicht lag der Schnee auf den Lidern der Büßenden und den Ketten an ihren betend erhobenen Händen.
Torbogen nahmen mich auf und entließen mich, Paläste zogen langsam an mir vorüber mit geschnitzten, hochmütigen Portalen, darinnen Löwenköpfe in bronzene Ringe bissen.
Auch hier überall Schnee, Schnee. Weich, weiß wie das Fell eines riesigen Eisbären.
Hohe, stolze Fenster, die Simse beglitzert und vereist, schautenteilnahmslos zu den Wolken empor.
Ich wunderte mich, wie der Himmel so voll ziehender Vögel war.
Wie ich die unzähligen Granitstufen emporstieg zumHradschin, jede so breit, wie wohl vier Menschenleiber lang sind, versank Schritt um Schritt die Stadt mit ihren Dächern und Giebeln vor meinem Sinn.
— — — — — — — — — — — — — —
Schon schlich die Dämmerung die Häuserreihen entlang, da trat ich auf den einsamen Platz, aus dessen Mitte der Dom aufragt zum Thron der Engel.
Fußtapfen — die Ränder mit Krusten aus Eis — führten hin zum Nebentor.
Von irgendwo aus einer fernen Wohnung klangen leise, verlorene Töne eines Harmoniums in die Abendstille hinaus. Wie Tränentropfen der Schwermut fielen sie in die Verlassenheit.
Ich hörte hinter mir das Seufzen des Schlagpolsters, wie die Kirchentüre mich aufnahm, dann stand ich im Dunkel, und der goldene Altar blinkte in starrer Ruhe herüber zu mir durch den grünen und blauen Schimmer sterbenden Lichtes, das durch die farbigen Fenster auf die Betstühle niedersank. Funken sprühten aus roten, gläsernen Ampeln.
Welker Duft von Wachs und Weihrauch.
Ich lehne mich in eine Bank. Mein Blut wird seltsam still in diesem Reich der Regungslosigkeit.
Ein Leben ohne Herzschlag erfüllte den Raum — ein heimliches, geduldiges Warten.
Die silbernen Reliquienschreine lagen im ewigen Schlaf.
Da! — Aus weiter, weiter Ferne drang das Geräusch von Pferdehufen gedämpft, kaum merklich an mein Ohr, wollte näherkommen und verstummte.
Ein matter Schall, wie wenn ein Wagenschlag zufällt.
— — — — — — — — — — — — — —
Das Rauschen eines seidenen Kleides war auf mich zugekommen, und eine zarte, schmale Damenhand hatte meinen Arm berührt.
„Bitte, bitte, gehen wir doch dort neben den Pfeiler; es widerstrebt mir, hier in den Betstühlen von den Dingen zu sprechen, die ich Ihnen sagen muß.“
Die weihevollen Bilder ringsum zerrannen zu nüchterner Klarheit. Der Tag hatte mich plötzlich angefaßt.
„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Meister Pernath, daß Sie mir zuliebe bei dem schlechten Wetter den langen Weg hier herauf gemacht haben.“
Ich stotterte ein paar banale Worte.
„— — Aber ich wußte keinen andern Ort, wo ich sicherer vor Nachforschung und Gefahr bin, als diesen. Hierher, in den Dom, ist uns gewiß niemand nachgegangen.“
Ich zog den Brief hervor und reichte ihn der Dame.
Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete. Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders erwartet.
Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien,als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt hatte.
— — — — — — — — — — — — — —
„Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, — wenigstens so lange wir hier sind — die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,“ sprach sie gepreßt weiter, „ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche Dinge denken — —“
„Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen“, war das einzige, was ich hervorbrachte.
„Ich danke Ihnen, Meister Pernath“, sagte sie warm und schlicht. „Und jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.“ — Ich fühlte, wie eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. — „Damals — — im Atelier — — — damals brach die schreckliche Gewißheit über mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt hat. — Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch immer ging, — ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit — — — mit — mit Dr. Savioli, — stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aberum so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!
Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte — schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, — irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das Leben kosten kann.
Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihnder Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat!— Ichweißes, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. — Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.“
Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen.
„Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht, immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, — ich kann mich nicht mehr mit ihm verständigen — darf ihn nicht besuchen, wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm entdeckt wird —; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich erkundigen konnte, ist, daß er sich imFieber von einem Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: — Aaron Wassertrum!
Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher — können Sie sich das vorstellen? — wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe —: alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber —“ sie schrie es förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, — „ichkannnicht! — Ich hab’ doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel! Ichkanndoch mein Kind nicht hergeben! — Glauben Sie denn, mein Mann ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath“ — sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und Edelsteinen — „und bringen Sie es dem Verbrecher; — ich weiß, er ist habsüchtig — er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind soll er mir lassen. — Nicht wahr, er wird schweigen? — So reden Sie doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!“
Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.
Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose Sätze.
Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ichselbst kaum verstand, was mein Mund redete, — Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum daß sie geboren waren.
Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine Pulse schlugen zu laut.
Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still.
Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
„Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, Meister Pernath“, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. „Es waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben — und die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch —“
Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.
„— — Sie nahmen Abschied von mir — ich weiß nicht mehr, weshalb und wieso, ich war ja noch ein Kind, — und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:
‚Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, daßichesdann sein darf, der Ihnen hilft.‘ — Ich habe mich damals abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.“ — — —
Erinnerung!
— Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich — unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder vor mir.
— — — — — — — — — — — — — —
Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie fortfuhr: „Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und — und ich danke Ihnen dafür.“
Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.
Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinnswar damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden.
Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.
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Wieder hörte ich das dumpfe Fallen des Wagenschlags und das Trappen der Hufe.
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Durch nachtblauglitzernden Schnee ging ich hinab in die Stadt.
Die Laternen staunten mich an mit zwinkernden Augen, und aus geschlichteten Bergen von Tannenbäumen raunte es von Flitter und silbernen Nüssen und vom kommenden Christfest.
Auf dem Rathausplatz an der Mariensäule murmelten bei Kerzenglanz die alten Bettelweiber mit den grauen Kopftüchern der Muttergottes ihren Rosenkranz.
Vor dem dunklen Eingang zur Judenstadt hockten die Buden des Weihnachtsmarktes. Mitten darin, mit rotem Tuch bespannt, leuchtete grell, von schwelenden Fackeln beschienen, die offene Bühne eines Marionettentheaters.
Zwakhs Policcinell in Purpur und Violett, die Peitsche in der Hand und daran an der Schnur ein Totenschädel, ritt klappernd auf hölzernem Schimmel über die Bretter.
In Reihen fest aneinandergedrängt starrten dieKleinen — die Pelzmützen tief über die Ohren gezogen — mit offenem Munde hinauf und lauschten gebannt den Versen des Prager Dichters Oskar Wiener, die mein Freund Zwakh da drinnen im Kasten sprach:
„Ganz vorne schritt ein Hampelmann,Der Kerl war mager wie ein DichterUnd hatte bunte Lappen anUnd torkelte und schnitt Gesichter.“
„Ganz vorne schritt ein Hampelmann,Der Kerl war mager wie ein DichterUnd hatte bunte Lappen anUnd torkelte und schnitt Gesichter.“
„Ganz vorne schritt ein Hampelmann,Der Kerl war mager wie ein DichterUnd hatte bunte Lappen anUnd torkelte und schnitt Gesichter.“
„Ganz vorne schritt ein Hampelmann,
Der Kerl war mager wie ein Dichter
Und hatte bunte Lappen an
Und torkelte und schnitt Gesichter.“
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Ich bog in die Gasse ein, die schwarz und winklig auf den Platz mündete. Dicht, Kopf an Kopf, stand lautlos eine Menschenmenge da in der Finsternis vor einem Anschlagszettel.
Ein Mann hatte ein Streichholz angezündet, und ich konnte einige Zeilen bruchstückweise lesen. Mit dumpfen Sinnen nahm mein Bewußtsein ein paar Worte auf:
Vermißt!1000 fl BelohnungÄlterer Herr ...... schwarz gekleidet.............................. Signalement:...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht....................... Haarfarbe: weiß.................... Polizeidirektion .... Zimmer Nr...........
Vermißt!1000 fl BelohnungÄlterer Herr ...... schwarz gekleidet.............................. Signalement:...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht....................... Haarfarbe: weiß.................... Polizeidirektion .... Zimmer Nr...........
Vermißt!
1000 fl Belohnung
Älterer Herr ...... schwarz gekleidet.............................. Signalement:...... fleischiges, glattrasiertes Gesicht....................... Haarfarbe: weiß.................... Polizeidirektion .... Zimmer Nr...........
Wunschlos,teilnahmslos, ein lebender Leichnam, ging ich langsam hinein in die lichtlosen Häuserreihen.
Eine Handvoll winziger Sterne glitzerte auf dem schmalen, dunklen Himmelsweg über den Giebeln.
Friedvoll schweiften meine Gedanken zurück in denDom, und die Ruhe meiner Seele wurde noch beseligender und tiefer, da drang vom Platz herüber, schneidend klar — als stünde sie dicht an meinem Ohr — die Stimme des Marionettenspielers durch die Winterluft:
„Wo ist das Herz aus rotem Stein?Es hing an einem Seidenbande,Und funkelte im Frührotschein“
„Wo ist das Herz aus rotem Stein?Es hing an einem Seidenbande,Und funkelte im Frührotschein“
„Wo ist das Herz aus rotem Stein?Es hing an einem Seidenbande,Und funkelte im Frührotschein“
„Wo ist das Herz aus rotem Stein?
Es hing an einem Seidenbande,
Und funkelte im Frührotschein“
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Bis tief in die Nacht hatte ich ruhelos mein Zimmer durchmessen und mir das Gehirn zermartert, wie ich „ihr“ Hilfe bringen könnte.
Oft war ich nahe daran gewesen, hinunter zu Schemajah Hillel zu gehen, ihm zu erzählen, was mir anvertraut worden, und ihn um Rat zu bitten. Aber jedesmal verwarf ich den Entschluß.
Er stand im Geist so riesengroß vor mir, daß es eine Entweihung schien, ihn mit Dingen, die das äußere Leben betrafen, zu behelligen, dann wieder kamen Momente, wo mich brennende Zweifel befielen, ob ich in Wirklichkeit alles das erlebt hätte, was nur eine kurze Spanne Zeit zurücklag und doch so seltsam verblaßt schien, verglichen mit den lebenstrotzenden Erlebnissen des verflossenen Tages.
Hatte ich nicht doch geträumt? Durfte ich — ein Mensch, dem das Unerhörte geschehen war, daß er seine Vergangenheit vergessen hatte, — auch nur eine Sekunde lang als Gewißheit annehmen, wofür als einziger Zeuge bloß meine Erinnerung die Hand aufhob?
Mein Blick fiel auf die Kerze Hillels, die immer noch auf dem Sessel lag. Gott sei Dank, wenigstens das eine stand fest: ich war mit ihm in persönlicher Berührung gewesen!
Sollte ich nicht ohne Besinnen hinunterlaufen zu ihm,seine Knie umfassen und wie Mensch zu Mensch ihm klagen, daß ein unsägliches Weh an meinem Herzen fraß?
Schon hielt ich die Klinke in der Hand, da ließ ich sie wieder los; ich sah voraus, was kommen würde: Hillel würde mir mild über die Augen fahren und — — — nein, nein, nur das nicht! Ich hatte kein Recht, Linderung zu begehren. „Sie“ vertraute auf mich und meine Hilfe, und wenn die Gefahr, in der sie sich fühlte, mir in Momenten auch klein und nichtig erscheinen mochte, —sieempfand sie sicherlich als riesengroß!
Hillel um Rat zu bitten, blieb morgen Zeit — ich zwang mich, kalt und nüchtern zu denken; — ihn jetzt — mitten in der Nacht zu stören? — es ging nicht an. So würde nur ein Verrückter handeln.
Ich wollte die Lampe anzünden; dann ließ ich es wieder sein: der Abglanz des Mondlichts fiel von den Dächern gegenüber herein in mein Zimmer und gab mehr Helle, als ich brauchte. Und ich fürchtete, die Nacht könnte noch langsamer vergehen, wenn ich Licht machte.
Es lag so viel Hoffnungslosigkeit in dem Gedanken, die Lampe anzuzünden, nur um den Tag zu erwarten, — eine leise Angst sagte mir, der Morgen rücke dadurch in unerlebbare Ferne.
Ich trat ans Fenster: Wie ein gespenstischer, in der Luft schwebender Friedhof lagen die Reihen verschnörkelter Giebel dort oben — Leichensteine mit verwitterten Jahreszahlen, getürmt über die dunkeln Modergrüfte, diese „Wohnstätten“, darein sich das Gewimmel der Lebenden Höhlen und Gänge genagt.
Lange stand ich so und starrte hinauf, bis ich mich leise, ganz leise zu wundern begann, warum ich denn nicht aufschräke, wo doch ein Geräusch von verhaltenen Schritten durch die Mauern neben mir deutlich an mein Ohr drang.
Ich horchte hin: Kein Zweifel, wieder ging da ein Mensch. Das kurze Ächzen der Dielen verriet, wie seine Sohle zögernd schlich.
Mit einem Schlage war ich ganz bei mir. Ich wurde förmlich kleiner, so preßte sich alles in mir zusammen unter dem Druck des Willens zu hören. Jedes Zeitempfinden gerann zu Gegenwart.
Noch ein rasches Knistern, das vor sich selbst erschrak und hastig abbrach. Dann Totenstille. Jene lauernde, grauenhafte Stille, die ihr eigener Verräter ist und Minuten ins Ungeheuerliche wachsen macht.
Regungslos stand ich, das Ohr an die Wand gedrückt, das drohende Gefühl in der Kehle, daß drüben einer stand, genau so wie ich und dasselbe tat.
Ich lauschte und lauschte:
Nichts.
Der Atelierraum nebenan schien wie abgestorben.
Lautlos — auf den Zehenspitzen — stahl ich mich an den Sessel bei meinem Bett, nahm Hillels Kerze und zündete sie an.
Dann überlegte ich: Die eiserne Speichertüre draußen auf dem Gang, die zum Atelier Saviolis führte, ging nur von drüben aufzuklinken.
Aufs Geratewohl ergriff ich ein hakenförmiges Stück Draht, das unter meinen Graviersticheln auf demTische lag: derlei Schlösser springen leicht auf. Schon beim ersten Druck auf die Riegelfeder!
Und was würde dann geschehen?
Nur Aaron Wassertrum konnte es sein, der da nebenan spionierte, — vielleicht in Kästen wühlte, um neue Waffen und Beweise in die Hand zu bekommen, legte ich mir zurecht.
Ob es viel nützen würde, wenn ich dazwischentrat?
Ich besann mich nicht lang: handeln, nicht denken! Nur dies furchtbare Warten auf den Morgen zerfetzen!
Und schon stand ich vor der eisernen Bodentüre, drückte dagegen, schob vorsichtig den Haken ins Schloß und horchte. Richtig: Ein schleifendes Geräusch drinnen im Atelier, wie wenn jemand eine Schublade aufzieht.
Im nächsten Augenblick schnellte der Riegel zurück.
Ich konnte das Zimmer überblicken und sah, obwohl es fast finster war und meine Kerze mich nur blendete, wie ein Mann in langem, schwarzem Mantel entsetzt vor einem Schreibtisch aufsprang, — eine Sekunde lang unschlüssig, wohin sich wenden, — eine Bewegung machte, als wolle er auf mich losstürzen, sich dann den Hut vom Kopf riß und hastig damit sein Gesicht bedeckte.
„Was suchen Sie hier!“ wollte ich rufen, doch der Mann kam mir zuvor:
„Pernath! Sie sind’s? Gotteswillen! Das Licht weg!“ Die Stimme kam mir bekannt vor, war aber keinesfalls die des Trödlers Wassertrum.
Automatisch blies ich die Kerze aus.
Das Zimmer lag halbdunkel da — nur von dem schimmrigen Dunst, der aus der Fensternische hereindrang,matt erhellt — genau wie meines, und ich mußte meine Augen aufs äußerste anstrengen, ehe ich in dem abgezehrten, hektischen Gesicht, das plötzlich über dem Mantel auftauchte, die Züge des Studenten Charousek erkennen konnte.
„Der Mönch!“ drängte es sich mir auf die Zunge und ich verstand mit einem Male die Vision, die ich gestern im Dom gehabt!Charousek! Das war der Mann, an den ich mich wenden sollte!— Und ich hörte seine Worte wieder, die er damals im Regen unter dem Torbogen gesagt hatte: „Aaron Wassertrum wird es schon erfahren, daß man mit vergifteten, unsichtbaren Nadeln durch Mauern stechen kann. Genau an dem Tage, an dem er Dr. Savioli an den Hals will.“
Hatte ich an Charousek einen Bundesgenossen? Wußte er ebenfalls, was sich zugetragen? Sein Hiersein zu so ungewöhnlicher Stunde ließ fast darauf schließen, aber ich scheute mich, die direkte Frage an ihn zu richten.
Er war ans Fenster geeilt und spähte hinter dem Vorhang hinunter auf die Gasse.
Ich erriet: er fürchtete, Wassertrum könne den Lichtschein meiner Kerze wahrgenommen haben.
„Sie denken gewiß, ich bin ein Dieb, daß ich nachts hier in einer fremden Wohnung herumsuche, Meister Pernath,“ fing er nach langem Schweigen mit unsicherer Stimme an, „aber ich schwöre Ihnen — —“
Ich fiel ihm sofort in die Rede und beruhigte ihn.
Und um ihm zu zeigen, daß ich keinerlei Mißtrauen gegen ihn hegte, in ihm vielmehr einen Bundesgenossensah, erzählte ich ihm mit kleinen Einschränkungen, die ich für nötig hielt, welche Bewandtnis es mit dem Atelier habe, und daß ich fürchte, eine Frau, die mir nahestehe, sei in Gefahr, den erpresserischen Gelüsten des Trödlers in irgendwelcher Art zum Opfer zu fallen.
Aus der höflichen Weise, mit der er mir zuhörte, ohne mich mit Fragen zu unterbrechen, entnahm ich, daß er das meiste bereits wußte, wenn auch vielleicht nicht in Einzelheiten.
„Es stimmt schon,“ sagte er grübelnd, als ich zu Ende gekommen war. „Habe ich mich also doch nicht geirrt! Der Kerl will Savioli an die Gurgel fahren, das ist klar, aber offenbar hat er noch nicht genug Material beisammen. Weshalb würde er sich sonst noch hier immerwährend herumdrücken! Ich ging nämlich gestern, sagen wir mal: ‚zufällig‘ durch die Hahnpaßgasse,“ erklärte er, als er meine fragende Miene bemerkte, „da fiel mir auf, daß Wassertrum erst lange — scheinbar unbefangen — vor dem Tor unten auf und ab schlenderte, dann aber, als er sich unbeobachtet glaubte, rasch ins Haus bog. Ich ging ihm sofort nach und tat so, als wollte ich Sie besuchen, das heißt, ich klopfte bei Ihnen an, und dabei überraschte ich ihn, wie er draußen an der eisernen Bodentür mit einem Schlüssel herumhantierte. Natürlich gab er es augenblicklich auf, als ich kam, und klopfte ebenfalls als Vorwand bei Ihnen an. Sie schienen übrigens nicht zu Hause gewesen zu sein, denn es öffnete niemand.
Als ich mich dann vorsichtig in der Judenstadt erkundigte, erfuhr ich, daß jemand, der nach den Schilderungennur Dr. Savioli sein konnte, hier heimlich ein Absteigequartier besäße. Da Dr. Savioli schwer krank liegt, reimte ich mir das übrige zurecht.
Sehen Sie: und das da habe ich aus den Schubladen zusammengesucht, um Wassertrum für alle Fälle zuvorzukommen“, schloß Charousek und deutete auf ein Paket Briefe auf dem Schreibtisch; „es ist alles, was ich an Schriftstücken finden konnte. Hoffentlich ist sonst nichts mehr vorhanden. Wenigstens habe ich in sämtlichen Truhen und Schränken gestöbert, so gut das in der Finsternis ging.“
Meine Augen durchforschten bei seiner Rede das Zimmer und blieben unwillkürlich auf einer Falltüre am Boden haften. Ich entsann mich dabei dunkel, daß Zwakh mir irgendwann erzählt hatte, ein geheimer Zugang führe von unten herauf ins Atelier.
Es war eine viereckige Platte mit einem Ring daran als Griff.
„Wo sollen wir die Briefe aufheben?“, fing Charousek wieder an. „Sie, Herr Pernath, und ich sind wohl die einzigen im ganzen Ghetto, die Wassertrum harmlos vorkommen, — warum geradeich, das — hat — seine — besonderen — Gründe“, — (ich sah, daß sich seine Züge in wildem Haß verzerrten, wie er so den letzten Satz förmlich zerbiß —) „und Sie hält er für — —“ Charousek erstickte das Wort „verrückt“ mit einem raschen, erkünstelten Husten, aber ich erriet, was er hatte sagen wollen. Es tat mir nicht weh; das Gefühl, „ihr“ helfen zu können, machte mich so glückselig, daß jede Empfindlichkeit ausgelöscht war.
Wir kamen schließlich überein, das Paket bei mir zu verstecken, und gingen hinüber in meine Kammer.
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Charousek war längst fort, aber immer noch konnte ich mich nicht entschließen, zu Bette zu gehen. Eine gewisse innere Unzufriedenheit nagte an mir und hielt mich davon ab. Irgend etwas sollte ich noch tun, fühlte ich, aber was? was?
Einen Plan für den Studenten entwerfen, was weiter zu geschehen hätte?
Das allein konnte es nicht sein. Charousek ließ den Trödler sowieso nicht aus den Augen, darüber bestand kein Zweifel. Ich schauderte, wenn ich an den Haß dachte, der aus seinen Worten geweht hatte.
Was ihm Wassertrum wohl angetan haben mochte?
Die seltsame innere Unruhe in mir wuchs und brachte mich fast zur Verzweiflung. Ein Unsichtbares, Jenseitiges rief nach mir, und ich verstand nicht.
Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches Kunststück er machen soll, den Willen seines Herrn nicht erfaßt.
Hinuntergehen zu Schemajah Hillel?
Jede Faser in mir verneinte.
Die Vision des Mönchs in der Domkirche, auf dessen Schultern gestern der Kopf Charouseks aufgetaucht war als Antwort auf eine stumme Bitte um Rat, gab mir Fingerzeig genug, von nun an dumpfe Gefühle nicht ohne weiteres zu verachten. Geheime Kräfte keimten in mir auf seit geraumer Zeit, das war gewiß: ich empfandes zu übermächtig, als daß ich auch nur den Versuch gemacht hätte, es wegzuleugnen.
Buchstaben zuempfinden, sie nicht nur mit den Augen in Büchern zu lesen, — einen Dolmetsch in mir selbst aufzustellen, der mir übersetzt, was die Instinkte ohne Worte raunen, darin muß der Schlüssel liegen, sich mit dem eigenen Innern durch klare Sprache zu verständigen, begriff ich.
„Sie haben Augen und sehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht“, fiel mir eine Bibelstelle wie eine Erklärung dazu ein.
„Schlüssel, Schlüssel, Schlüssel“, wiederholten mechanisch meine Lippen, derweilen mir der Geist jene sonderbaren Ideen vorgaukelte, bemerkte ich plötzlich.
„Schlüssel, Schlüssel — —?“ mein Blick fiel auf den krummen Draht in meiner Hand, der mir vorhin zum Öffnen der Speichertüre gedient hatte, und eine heiße Neugier, wohin wohl die viereckige Falltür aus dem Atelier führen könnte, peitschte mich auf.
Und ohne zu überlegen, ging ich nochmals hinüber in Saviolis Atelier und zog an dem Griffring der Falltüre, bis es mir schließlich gelang, die Platte zu heben.
Zuerst nichts als Dunkelheit.
Dann sah ich: Schmale, steile Stufen liefen hinab in tiefste Finsternis.
Ich stieg hinunter.
Eine Zeitlang tastete ich mich mit den Händen die Mauern entlang, aber es wollte kein Ende nehmen: Nischen, feucht von Schimmel und Moder, — Windungen, Ecken und Winkel, — Gänge geradeaus, nachlinks und nach rechts, Reste einer alten Holztüre, Wegteilungen und dann wieder Stufen, Stufen, Stufen hinauf und hinab.
Matter, erstickender Geruch nach Schwamm und Erde überall.
Und noch immer kein Lichtstrahl. —
Wenn ich nur Hillels Kerze mitgenommen hätte!
Endlich flacher, ebener Weg.
Aus dem Knirschen unter meinen Füßen schloß ich, daß ich auf trockenem Sand dahinschritt.
Es konnte nur einer jener zahllosen Gänge sein, die scheinbar ohne Zweck und Ziel unter dem Ghetto hinführen bis zum Fluß.
Ich wunderte mich nicht: die halbe Stadt stand doch seit unvordenklichen Zeiten auf solchen unterirdischen Läuften, und die Bewohner Prags hatten von jeher triftigen Grund, das Tageslicht zu scheuen.
Das Fehlen jeglichen Geräusches zu meinen Häupten sagte mir, daß ich mich immer noch in der Gegend des Judenviertels, das nachts wie ausgestorben ist, befinden mußte, obwohl ich schon eine Ewigkeit gewandert war. Belebtere Straßen oder Plätze über mir hätten sich durch fernes Wagenrasseln verraten.
Eine Sekunde lang würgte mich die Furcht: was, wenn ich im Kreise herumging!? In ein Loch stürzte, mich verletzte, ein Bein brach und nicht mehr weitergehen konnte!?
Was geschah dann mitihrenBriefen in meiner Kammer? Sie mußten unfehlbar Wassertrum in die Hände fallen.
Der Gedanke an Schemajah Hillel, mit dem ich vag den Begriff eines Helfers und Führers verknüpfte, beruhigte mich unwillkürlich.
Vorsichtshalber ging ich aber doch langsamer und tastenden Schrittes und hielt den Arm in die Höhe, um nicht unversehens mit dem Kopf anzurennen, falls der Gang niedriger würde.
Von Zeit zu Zeit, dann immer öfter stieß ich oben mit der Hand an, und endlich senkte sich das Gestein so tief herab, daß ich mich bücken mußte, um durchzukommen.
Plötzlich fuhr ich mit dem erhobenen Arm in einen leeren Raum.
Ich blieb stehen und starrte hinauf.
Nach und nach schien es mir, als falle von der Decke ein leiser, kaum merklicher Schimmer von Licht.
Mündete hier ein Schacht, vielleicht aus irgend einem Keller herunter?
Ich richtete mich auf und tastete mit beiden Händen in Kopfeshöhe um mich herum: die Öffnung war genau viereckig und ausgemauert.
Allmählich konnte ich darin als Abschluß die schattenhaften Umrisse eines wagerechten Kreuzes unterscheiden, und endlich gelang es mir, seine Stäbe zu erfassen, mich daran emporzuziehen und hindurchzuzwängen.
Ichstandjetzt auf dem Kreuz und orientierte mich.
Offenbar endeten hier die Überbleibsel einer eisernen Wendeltreppe, wenn mich das Gefühl meiner Finger nicht täuschte?
Lang, unsagbar lang mußte ich tappen, bis ichdie zweite Stufe finden konnte, dann klomm ich empor.
Es waren im ganzen acht Stufen. Eine jede fast in Manneshöhe über der andern.
Sonderbar: die Treppe stieß oben gegen eine Art horizontalen Getäfels, das aus regelmäßigen, sich schneidenden Linien den Lichtschein herabschimmern ließ, den ich schon weiter unten im Gang bemerkt hatte!
Ich duckte mich, so tief ich konnte, um aus etwas weiterer Entfernung besser unterscheiden zu können, wie die Linien verliefen, und sah zu meinem Erstaunen, daß sie genau die Form eines Sechsecks, wie man es auf den Synagogen findet, bildeten.
Was mochte das nur sein?
Plötzlich kam ich dahinter: es war eine Falltür, die an den Kanten Licht durchließ! Eine Falltür aus Holz in Gestalt eines Sternes.
Ich stemmte mich mit den Schultern gegen die Platte, drückte sie aufwärts und stand im nächsten Moment in einem Gemach, das von grellem Mondschein erfüllt war.
Es war ziemlich klein, vollständig leer bis auf einen Haufen Gerümpel in der Ecke und hatte nur ein einziges, stark vergittertes Fenster.
Eine Türe oder sonst einen Zugang mit Ausnahme dessen, den ich soeben benützt, vermochte ich nicht zu entdecken, so genau ich auch die Mauern immer wieder von neuem absuchte.
Die Gitterstäbe des Fensters standen zu eng, als daß ich den Kopf hätte durchstecken können, so viel aber sah ich:
Das Zimmer befand sich ungefähr in der Höhe eines dritten Stockwerks, denn die Häuser gegenüber hatten nur zwei Etagen und lagen wesentlich tiefer.
Das eine Ufer der Straße unten war für mich noch knapp sichtbar, aber infolge des blendenden Mondlichts, das mir voll ins Gesicht schien, in tiefe Schlagschatten getaucht, die es mir unmöglich machten, Einzelheiten zu unterscheiden.
Zum Judenviertel mußte die Gasse unbedingt gehören, denn die Fenster drüben waren sämtlich vermauert oder aus Simsen im Bau angedeutet, und nur im Ghetto kehren die Häuser einander so seltsam den Rücken.
Vergebens quälte ich mich ab herauszubringen, was das wohl für ein sonderbares Bauwerk sein mochte, in dem ich mich befand.
Sollte es vielleicht ein aufgelassenes Seitentürmchen der griechischen Kirche sein? Oder gehörte es irgendwie zur Altneusynagoge?
Die Umgebung stimmte nicht.
Wieder sah ich mich im Zimmer um: nichts, was mir auch nur den kleinsten Aufschluß gegeben hätte. — Die Wände und Decke waren kahl, Bewurf und Kalk längst abgefallen und weder Nagellöcher, noch Nägel, die verraten hätten, daß der Raum einst bewohnt gewesen.
Der Boden lag fußhoch bedeckt mit Staub, als hätte ihn seit Jahrzehnten kein lebendes Wesen betreten.
Das Gerümpel in der Ecke zu durchsuchen, ekelte ichmich. Es lag in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht unterscheiden, woraus es bestand.
Dem äußern Eindruck nach schienen es Lumpen zu einem Knäuel geballt.
Oder waren es ein paar alte, schwarze Handkoffer?
Ich tastete mit dem Fuß hin, und es gelang mir, mit dem Absatz einen Teil davon in die Nähe des Lichtstreifens zu ziehen, den der Mond quer übers Zimmer warf. Es schien wie ein breites, dunkles Band, das sich da langsam aufrollte.
Ein blitzender Punkt wie ein Auge!
Ein Metallknopf vielleicht?
Allmählich wurde mir klar: ein Ärmel von sonderbarem, altmodischem Schnitt hing da aus dem Bündel heraus.
Und eine kleine weiße Schachtel oder dergleichen lag darunter, lockerte sich unter meinem Fuß und zerfiel in eine Menge fleckiger Schichten.
Ich gab ihr einen leichten Stoß: Ein Blatt flog ins Helle.
Ein Bild?
Ich bückte mich: Ein Pagad?
Was mir eine weiße Schachtel geschienen, war ein Tarokspiel.
Ich hob es auf.
Konnte es etwas Lächerlicheres geben: Ein Kartenspiel hier an diesem gespenstischen Ort!
Merkwürdig, daß ich mich zum Lächeln zwingen mußte. Ein leises Gefühl von Grauen beschlich mich.
Ich suchte nach einer banalen Erklärung, wie dieKarten wohl hierhergekommen sein könnten, und zählte dabei mechanisch das Spiel. Es war vollständig: 78 Stück. Aber schon während des Zählens fiel mir etwas auf: Die Blätter waren wie aus Eis.
Eine lähmende Kälte ging von ihnen aus, und wie ich das Paket geschlossen in der Hand hielt, konnte ich es kaum mehr loslassen: so erstarrt waren meine Finger. Wieder haschte ich nach einer nüchternen Erklärung:
Mein dünner Anzug, die lange Wanderung ohne Mantel und Hut in den unterirdischen Gängen, die grimmige Winternacht, die Steinwände, der entsetzliche Frost, der mit dem Mondlicht durchs Fenster hereinfloß: — sonderbar genug, daß ich erst jetzt anfing zu frieren. Die Erregung, in der ich mich die ganze Zeit befunden, mußte mich darüber hinweggetäuscht haben. —
Ein Schauer nach dem andern jagte mir über die Haut. Schicht um Schicht drangen sie tiefer, immer tiefer in meinen Körper ein.
Ich fühlte mein Skelett zu Eis werden und wurde mir jedes einzelnen Knochen bewußt wie kalter Metallstangen, an denen mir das Fleisch festfror.
Kein Umherlaufen half, kein Stampfen mit den Füßen und nicht das Schlagen mit den Armen. Ich biß die Zähne zusammen, um ihr Klappern nicht zu hören.
Das ist der Tod, sagte ich mir, der dir die kalten Hände auf den Scheitel legt.
Und ich wehrte mich wie ein Rasender gegen den betäubenden Schlaf des Erfrierens, der, wollig und erstickend, mich wie mit einem Mantel einhüllen kam.
Die Briefe, in meiner Kammer, —ihreBriefe!brüllte es in mir auf: man wird sie finden, wenn ich hier sterbe. Und sie hofft auf mich! Hat ihre Rettung in meine Hände gelegt! — Hilfe! — Hilfe! — Hilfe! —
Und ich schrie durch das Fenstergitter hinunter auf die öde Gasse, daß es widerhallte: Hilfe, Hilfe, Hilfe!
Warf mich zu Boden und sprang wieder auf. Ich durfte nicht sterben, durfte nicht! ihretwegen, nur ihretwegen! Und wenn ich Funken aus meinen Knochen schlagen sollte, um mich zu erwärmen.
Da fiel mein Blick auf die Lumpen in der Ecke, und ich stürzte darauf zu und zog sie mit schlotternden Händen über meine Kleider.
Es war ein zerschlissener Anzug aus dickem, dunklem Tuch von uraltmodischem, seltsamem Schnitt.
Ein Geruch nach Moder ging von ihm aus.
Dann kauerte ich mich in dem gegenüberliegenden Mauerwinkel zusammen und spürte meine Haut langsam, langsam wärmer werden. Nur das schauerliche Gefühl des eigenen, eisigen Gerippes in mir wollte nicht weichen. Regungslos saß ich da und ließ meine Augen wandern: die Karte, die ich zuerst gesehen, — der Pagad, — lag noch immer inmitten des Zimmers in dem Lichtstreifen.
Unverwandt mußte ich sie anstarren.
Sie schien, soweit ich auf die Entfernung hin erkennen konnte, in Wasserfarben ungeschickt von Kinderhand gemalt, und stellte den hebräischen Buchstaben Aleph dar, in Form eines Mannes, altfränkisch gekleidet, den grauen Spitzbart kurz geschnitten und den linken Arm erhoben, während der andere abwärts deutete.
Hatte das Gesicht des Mannes nicht eine seltsame Ähnlichkeit mit meinem, dämmerte mir ein Verdacht auf? — Der Bart — er paßte so gar nicht zu einem Pagad, — — ich kroch auf die Karte zu und warf sie in die Ecke zu dem Rest des Gerümpels, um den quälenden Anblick los zu sein.
Dort lag sie jetzt und schimmerte — ein grauweißer, unbestimmter Fleck — zu mir herüber aus dem Dunkel.
Mit Gewalt zwang ich mich zu überlegen, was ich zu beginnen hätte, um wieder in meine Wohnung zu kommen:
Den Morgen abwarten! Unten die Vorübergehenden vom Fenster aus anrufen, damit sie mir von außen mit einer Leiter Kerzen oder eine Laterne heraufbrächten! — Ohne Licht die endlosen, sich ewig kreuzenden Gänge zurückfinden, würde mir nie gelingen, empfand ich als beklemmende Gewißheit. — Oder, falls das Fenster zu hoch läge, daß sich jemand vom Dach mit einem Strick — —? Gott im Himmel, wie ein Blitzstrahl durchfuhr es mich: jetzt wußte ich, wo ich war: Ein Zimmer ohne Zugang — nur mit einem vergitterten Fenster — das altertümliche Haus in der Altschulgasse, das jeder mied! — schon einmal vor vielen Jahren hatte sich ein Mensch an einem Strick vom Dach herabgelassen, um durchs Fenster zu schauen, und der Strick war gerissen und — Ja: ich war in dem Haus, in dem der gespenstische Golem jedesmal verschwand!
Ein tiefes Grauen, gegen das ich mich vergeblichwehrte, das ich nicht einmal mehr durch die Erinnerung an die Briefe niederkämpfen konnte, lähmte jedes Weiterdenken, und mein Herz fing an, sich zu krampfen.
Hastig sagte ich mir vor mit steifen Lippen, es sei nur der Wind, der da so eisig aus der Ecke herüberwehte, sagte es mir vor, schneller und schneller, mit pfeifendem Atem — es half nicht mehr: dort drüben der weißliche Fleck — die Karte — sie quoll auf zu blasigen Klumpen, tastete sich hin zum Rande des Mondstreifens und kroch wieder zurück in die Finsternis. — Tropfende Laute — halb gedacht, geahnt, halb wirklich — im Raum und doch außerhalb um mich herum und doch anderswo, — tief im eigenen Herzen und wieder mitten im Zimmer — erwachten: Geräusche, wie wenn ein Zirkel fällt und mit der Spitze im Holz stecken bleibt!
Immer wieder: Der weißliche Fleck — — — der weißliche Fleck — —! Eine Karte, eine erbärmliche, dumme, alberne Spielkarte ist es, schrie ich mir ins Hirn hinein — — — umsonst — — jetzt hat er sich dennoch — dennoch Gestalt erzwungen — der Pagad — und hockt in der Ecke und stiert herüber zu mir mitmeinem eigenen Gesicht.
— — — — — — — — — — — — — —
Stunden und Stunden kauerte ich da — unbeweglich — in meinem Winkel, ein frosterstarrtes Gerippe in fremden, modrigen Kleidern! — Und er drüben: ich selbst.
Stumm und regungslos.
So starrten wir uns in die Augen — einer das gräßliche Spiegelbild des andern. — — —
Ob er es auch sieht, wie sich die Mondstrahlen mit schneckenhafter Trägheit über den Boden hinsaugen und wie Zeiger eines unsichtbaren Uhrwerks in der Unendlichkeit die Wand emporkriechen und fahler und fahler werden? —
Ich bannte ihn fest mit meinem Blick und es half ihm nichts, daß er sich auflösen wollte in dem Morgendämmerschein, der ihm vom Fenster her zu Hilfe kam.
Ich hielt ihn fest.
Schritt vor Schritt habe ich mit ihm gerungen um mein Leben — um das Leben, das mein ist, weil es nicht mehr mir gehört. — — —
Und wie er kleiner und kleiner wurde und sich bei Tagesgrauen wieder in sein Kartenblatt verkroch, da stand ich auf, ging hinüber zu ihm und steckte ihn in die Tasche — den Pagad.
— — — — — — — — — — — — — —
Immer noch war die Gasse unten öd und menschenleer.
Ich durchstöberte die Zimmerecke, die jetzt im stumpfen Morgenlichte lag: Scherben, dort eine rostige Pfanne, morsche Fetzen, ein Flaschenhals. Tote Dinge und doch so merkwürdig bekannt.
Und auch die Mauern — wie die Risse und Sprünge darin deutlich wurden — wo hatte ich sie nur gesehen?
Ich nahm das Kartenpäckchen zur Hand — es dämmerte mir auf: hatte ich die nicht einst selbst bemalt? Als Kind? Vor langer, langer Zeit?
Es war ein uraltes Tarokspiel. Mit hebräischen Zeichen. — Nummer 12 muß der „Gehenkte“ sein, überkam’smich wie halbe Erinnerung. — Mit dem Kopf abwärts? Die Arme auf dem Rücken? — Ich blätterte nach: Da! Da war er.
Dann wieder, halb Traum, halb Gewißheit, tauchte ein Bild vor mir auf: Ein geschwärztes Schulhaus, bucklig, schief, ein mürrisches Hexengebäude, die linke Schulter hochgezogen, die andere mit einem Nebenhaus verwachsen. — — — Wir sind mehrere halbwüchsige Jungen — ein verlassener Keller ist irgendwo — — —
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Dann sah ich an meinem Körper herab und wurde wieder irre: Der altmodische Anzug war mir völlig fremd. — — —
Der Lärm eines holpernden Karrens schreckte mich auf, doch wie ich hinabblickte: Keine Menschenseele. Nur ein Fleischerhund stand versonnen an einem Eckstein.
Da! Endlich! Stimmen! menschliche Stimmen!
Zwei alte Weiber kamen langsam die Straße dahergetrottet, und ich zwängte den Kopf halb durch das Gitter und rief sie an.
Mit offenem Mund glotzten sie in die Höhe und berieten sich. Aber als sie mich sahen, stießen sie ein gellendes Geschrei aus und liefen davon.
Sie haben mich für den Golem gehalten, begriff ich.
Und ich erwartete, daß ein Zusammenlauf von Menschen entstehen würde, denen ich mich verständlich machen könnte, aber wohl eine Stunde verging, und nur hie und da spähte unten vorsichtig ein blasses Gesicht herauf zu mir, um sofort in Todesschreck wieder zurückzufahren.