Freiberg, 23. März 1760.
Ihr Bericht vom 18. d. M.[245]ist mir richtig zugegangen. Sehr befriedigt hat mich Ihre genaue Wiedergabe derUnterredung zwischen Yorke und dem Grafen von Saint-Germain. Es giebt wohl nichts Seltsameres, aber sie ist sehr fesselnd.
(Hellen soll Yorke im Namen des Königs für die Mitteilung danken und ihm Verschwiegenheit zusichern.)
(Hellen soll Yorke im Namen des Königs für die Mitteilung danken und ihm Verschwiegenheit zusichern.)
Indes habe ich meinem Gesandten in England einiges über diese Unterredung vertraulich mitgeteilt und ihn angewiesen, beim englischen Ministerium nach Kräften darauf zu dringen, daß es jetzt sobald wie möglich seine Weisungen dem General Yorke giebt, damit er genau weiß, welche Friedensbedingungen England für sich und seine Verbündeten Frankreich gegenüber stellt, und was es von seinen Eroberungen behalten oder den Franzosen zurückgeben will. Ist man erst soweit, dann lassen sich schnell bestimmte, klare und unzweideutige Präliminarartikel vereinbaren, die zur Herstellung des Friedens und als Grundlage für den allgemeinen Kongreß dienen können.
Hellen an König Friedrich
Haag, 29. März 1760.
(Hellen berichtet über die weitere Unterredung Yorkes mit Saint-Germain am 27. März, vgl.S. 177 ff.)
(Hellen berichtet über die weitere Unterredung Yorkes mit Saint-Germain am 27. März, vgl.S. 177 ff.)
Mittlerweile ist ein sonderbarer Zwischenfall eingetreten. Am vergangenen Sonntag (23. März) erhielt Graf d’Affry einen Kurier vom Herzog von Choiseul mit dem Befehl, den Grafen von Saint-Germain nicht mehr zu empfangen und den alliierten Gesandten[246]zu versichern, daß er keinerlei Auftrag hätte. Man wird ja bald sehen, ob Frankreich diesen Mann als Unterhändler benutzen oder ihn verleugnen und den Gesandten mit Unterhandlungen betrauen wird. Das letztere würde beweisen,daß der Staatssekretär und die österreichische Partei noch das Übergewicht haben.
Haag, 1. April 1760.
Es wäre sicherlich recht eigenartig, wollte Frankreich einen Mann wie den Grafen Saint-Germain mit einer so wichtigen Unterhandlung wie der des Friedens betrauen. Zieht man jedoch in Betracht, daß diese Persönlichkeit — welcher Art sie auch nach Aussage aller aus Frankreich kommenden anständigen Leute ist — in Versailles aus und ein geht, mit der Favoritin, dem Marschall Belle-Isle und den ersten Personen am Versailler Hofe auf bestem Fuße steht, daß der König von Frankreich ihm ganz gewiß das Schloß Chambord geschenkt hat, daß der Marschall Belle-Isle ihm persönlich einen Blankopaß Seiner Allerchristlichsten Majestät schickte, — so erscheint es keineswegs unmöglich, daß er in höherem Auftrag handelt.
Als er hier ankam und dem Grafen d’Affry diesen Blankopaß und die Schreiben (Belle-Isles) zeigte, empfing ihn der Botschafter mit Auszeichnung, gab ihm Soupers, führte ihn in seine Theaterloge usw. Allerdings hat er ihm darauf, wenn auch äußerst höflich, gesagt: „Sie haben sich in Versailles furchtbare Unannehmlichkeiten durch einen Brief an die Marquise zugezogen. Ich habe eben einen Kurier mit einem Befehl des Königs erhalten, Sie nicht mehr bei mir zu empfangen.“ Darauf verlangte der Graf von Saint-Germain diesen Befehl zu sehen, und d’Affry mußte einräumen, daß er nicht von Sr. Majestät selbst stamme, sondern vom Staatssekretär. Hierauf erwiderte Saint-Germain: „Das macht mir wenig aus“ und verabschiedete sich ziemlich plötzlich von dem Gesandten, der ihn bat, am nächsten Tage wiederzukommen, da ersehr gern mit ihm plaudern werde. Doch jener entgegnete: „Gestatten Sie, Herr Botschafter, daß ich dies nicht tue. Ich möchte Sie nicht ein zweites Mal in Gefahr bringen, Ihren Befehlen zuwiderzuhandeln.“
So hat Saint-Germain den Vorfall dem General Yorke selbst erzählt[247]. Aber noch merkwürdiger ist, daß Graf d’Affry am übernächsten Tage nochmals zu ihm geschickt haben soll, um sich nach ihm zu erkundigen, indem er sagen ließ, er fürchte, daß er nicht wohl sei, da er seinen Besuch am Tage zuvor erwartet und ihn leider nicht gesehen hätte.
Übrigens hat der Graf dem englischen Gesandten noch einen sehr freundschaftlichen Brief des Grafen von Clermont vom 14. März gezeigt, worin dieser ihn fast wie seinesgleichen behandelt[248]. Nach seiner Angabe steht Graf Clermont in hohem Ansehen und ist sehr zum Frieden geneigt.
Haag, 5. April 1760.
Der Herzog von Choiseul, der sich dem Wiener Hofe verkauft hat, besitzt ständig großen Einfluß in Versailles. Das sieht man wieder an der Art, wie er gegen den Grafen Saint-Germain verfährt. Der Staatssekretär hat dem Grafen d’Affry mit der Pferdepost soeben einen zweiten Brief geschrieben, worin er ihm befiehlt, ihm bei seiner Rückkehr nach Frankreich mit einem Kerkerloch zu drohen, falls er sich noch weiter in Dinge mischte, zu denen er keinen Auftrag hätte[249]. Dieser ganze Zorn kommt von einem ersten Briefe des Genannten an die Marquise[250], den sie so schwach war, dem Staatssekretär mitzuteilen. Soviel ich glaube, war dies aber noch nicht der Bericht über seine Unterredungenmit dem englischen Gesandten. D’Affry hat den Befehl gestern ausgeführt, aber der Graf hat ziemlich selbstbewußt geantwortet, wenn man ihm (Choiseul) den Inhalt seines ersten Briefes mitgeteilt hätte, würde man ihm wahrscheinlich auch die folgenden mitteilen. Recht merkwürdig ist jedoch, daß der Marschall Belle-Isle dem Grafen durch Vermittlung des Grafen d’Affry geantwortet und ihn dabei etwas ausgescholten hat, freilich in sehr schonender Form. Er sagt, der König von Frankreich habe im Haag einen Gesandten, der sein Vertrauen besitze, und er werde dem Grafen d’Affry selber schreiben; trotzdem sei er überzeugt, daß den Grafen Saint-Germain die besten Absichten beseelten.
Bei alledem glaubt der englische Gesandte, der Mann sei nicht zuverlässig und seiner Sache nicht hinreichend sicher. Er wies darauf hin, daß Saint-Germain, als er ihm den Befehl seines Hofes mitteilte, die Neigung durchblicken ließ, den Staatssekretär auf irgendeine Weise in Kenntnis zu setzen, während er doch früher gesagt hatte, er wolle ihn stürzen. Er besann sich dann freilich eines anderen und sagte, er wolle nur an die Favoritin, den Marschall und den Grafen Clermont schreiben[251]. Seitdem ist er nicht mehr beim englischen Gesandten erschienen und hat nur für gestern abend um eine Audienz gebeten, aber ich weiß noch nicht, ob er vorgelassen wurde oder nicht ...
Übrigens erzählte Graf d’Affry dem englischen Gesandten, welche Befehle er betreffs Saint-Germains erhalten hätte, und fragte ihn, ob er ihn gesehen habe. Der Gesandte antwortete, er hätte ihm nichts gesagt, was er nicht überall wiederholen könne. „Das hat er mir auch selbst gesagt“, entgegnete der Franzose[252].
König Friedrich an Hellen
Freiberg, 8. April 1760.
Die Einzelheiten Ihres Berichtes vom 29. März waren sehr beachtenswert. Was den Grafen Saint-Germain und das Rundschreiben über ihn betrifft, das der Herzog von Choiseul an die Gesandten der Verbündeten Frankreichs im Haag erlassen hat, so muß sich jetzt bald herausstellen, ob der Graf Vollmacht hatte oder nicht. Im ersteren Falle ist es klar, daß der Staatssekretär über die wirkliche Denkweise und die wahren Absichten seines Hofes nicht genau Bescheid weiß. Wie dem aber auch sei, durch die Schritte des Grafen sind die Dinge zwischen Frankreich und England in Fluß gekommen, und wenn Frankreich ernstlich gewillt ist, die Partie abzubrechen und Frieden mit uns Alliierten zu schließen, so muß es sich jetzt England gegenüber bald erklären.
Hellen an König Friedrich
Haag, 22. April 1760.
Soviel steht fest: die Reden, die Graf Saint-Germain geführt hat, haben wenigstens die Wirkung gehabt, daß der Herzog von Choiseul der Friedensströmung im Versailler Kabinett nicht ganz hat widerstehen können. Unseres Wissens hat man ihm auch nicht die letzten Berichte des Grafen mitgeteilt. Wenigstens schien der Botschafter davon keine Kenntnis zu haben, aber der besagte Staatssekretär ist so in Wut auf den armen Teufel geraten, daß er den Grafen d’Affry beauftragt hat, seine Verhaftung und Auslieferung zu beantragen. Dieser hat auch schon tatsächlich mit den Vertretern der Republik darüber gesprochen. Als aber Graf Bentinck davon erfuhr, hat erSaint-Germain mit Wissen des Prinzen Ludwig[253]sofort davon benachrichtigt und ihm einen Paß vom General Yorke beschafft, damit er nach England fliehen kann[254]. Gekränkt, wie er ist, kann der Graf dort sehr gute Nachrichten über die jetzigen Finanzen Frankreichs geben, über die er genau Bescheid weiß.
Haag, 3. Mai 1760.
E. M. werden in der Leidener und Amsterdamer Zeitung den genauen Abdruck des Antrages finden, den Graf d’Affry am 30. April bei den Generalstaaten wegen der Auslieferung des Grafen Saint-Germain gestellt hat[255], obwohl er, wie er nicht abstreitet, schon wußte, daß dieser bereits vor einigen Tagen nach London abgereist ist. Die Hochmögenden haben diesen Antrag im Schoße von Kommissionen begraben[256], offenbar um ihn nicht zu beantworten.
Knyphausen und Michell an König Friedrich
London, 1. April 1760.
Das hiesige Ministerium erhielt gestern die Schreiben des Generals Yorke vom 28. vorigen Monats, worin erüber eine Unterredung berichtet, die er tags zuvor mit dem sogenannten Grafen Saint-Germain wegen seiner Eröffnungen über den Frieden hatte[258]... Wir beschränken uns auf den Hinweis, daß das hiesige Ministerium sehr in Verlegenheit ist, sich ein richtiges Urteil über den Zwischenfall zwischen Graf d’Affry und besagtem Saint-Germain zu bilden. Nur das eine läßt diese Kabale erkennen, daß die Meinungen im Versailler Staatsrat sehr geteilt sind. In Erwartung einer Aufklärung über die Gesinnung des Versailler Hofes ist man hier sehr zufrieden, dem General Yorke eine gleichmäßige Sprache sowohl dem Botschafter wie dem Unterhändler gegenüber vorgeschrieben zu haben.
London, 22. April 1760.
Wie wir in diesem Augenblick erfahren, soll der sogenannte Graf Saint-Germain mit dem heutigen Postschiff in England angekommen sein[259], nicht als Unterhändler, sondern um Zuflucht vor den Gewaltakten des Herzogs von Choiseul zu suchen, der über sein Auftreten im Haag entrüstet ist. Diese Geschichte scheint den Einfluß des Ministers und seine Bundestreue gegen den Wiener Hof von neuem zu bestätigen. Ein Schlachtopfer mußte offenbar fallen, um dafür öffentlich Zeugnis abzulegen.
London, 29. April 1760.
Der Graf Saint-Germain hat sich seit seiner Ankunft hierselbst nicht öffentlich gezeigt und unseres Wissens keinen Minister gesehen. Wir haben jedoch dauernd ein Augenmerk auf sein Tun und Lassen und werden alles in dieser Hinsicht Beachtenswerte gewissenhaft melden.
König Friedrich an Knyphausen
Meißen, 30. April 1760.
Es ist leicht zu merken ..., daß der Herzog von Choiseul wieder die Oberhand über seinen König und Herrn erlangt und im Staatsrat über die Friedenspartei gesiegt hat. Was dem Grafen Saint-Germain zugestoßen ist, ist ein schlagender Beweis dafür. Ebenso sieht man, daß Frankreich unter dem Einfluß des Wiener Hofes jetzt nicht ernstlich an Frieden denkt, sondern daß es England nur hinhalten und hintergehen will.
Immediatbericht Knyphausens an König Friedrich
London, 6. Mai 1760.
Ich habe E. M. zu melden, daß nach Ansicht des englischen Ministeriums der Aufenthalt des sogenannten Grafen Saint-Germain in England nach außen hin den Verdacht erwecken kann, als ob geheime Unterhandlungen mit England stattfinden, und daß er vielleicht auch im Lande selbst nachteilig wirkt. Deshalb hat Herr Pitt[260]sich nicht nur geweigert, ihn zu empfangen, sondern er besteht auch durchaus auf seiner Abreise. In der Verlegenheit, in die besagter Graf Saint-Germain dadurch gekommen ist, hat er sich entschlossen, sich an mich zu wenden, und Herrn Pitt, der ihn polizeilich überwachen ließ, gebeten, ihm eine Unterredung mit mir zu verschaffen.
Als ich ihn also auf Wunsch des Ministers aufsuchte, erklärte er, er könne um seiner Sicherheit willen nicht nach Holland zurückkehren, und da Herr Pitt durchaus auf seiner Abreise bestehe, habe er beschlossen, sich zu E. M. zu begeben und Sie um Zuflucht in Ihren Staatengegen die Gewaltakte des Herzogs von Choiseul zu bitten. Wie er hinzufügte, sei dies seine Absicht schon bei der Abreise von Holland gewesen, aber Graf Bentinck habe ihm geraten, vorerst nach England zu gehen[261].
Ich brauche E. M. nicht zu versichern, wie peinlich mir diese Eröffnung war. Da ich jedoch voraussah, daß das Erscheinen dieses Mannes E. M. sehr unliebsam wäre, und da es nicht in meiner Macht stand, ihn daran zu hindern, habe ich im Einvernehmen mit Herrn Pitt mit ihm vereinbart, daß er unter dem NamenGraf Ceanach Aurich reisen und von dort bei E. M. anfragen solle, welches Ihre Absichten seien, so daß E. M. also Ihre Maßnahmen in voller Freiheit treffen können.
Damit er nicht argwöhnte, ich suchte seine Reise zu hintertreiben, habe ich ihm sogar Abschrift des beifolgenden Briefes an E. M. gegeben und ihm gesagt, daß ich ihn aufs wärmste empfohlen hätte. Ich habe hinzugefügt, ich hätte ihm lediglich deshalb geraten, in Aurich Station zu machen, weil ich fürchtete, er könne ohne Regelung seines Reiseweges in österreichische oder französische Hände fallen.
Die Entscheidung steht jetzt bei E. M. Inzwischen glaube ich, E. M. einen Dienst erwiesen zu haben, indem ich die Abreise des Grafen Saint-Germain nach Sachsen[262]hinausgezögert habe. Sie zu verhindern, lag nicht in meiner Macht, so gern ich es getan hätte.
Im übrigen habe ich bei meiner Unterredung mit ihm nichts erfahren, was für E. M. von Belang sein könnte und was Sie nicht schon aus den Briefen aus dem Haag wissen.
Nachschrift.Nach Abschluß dieses Berichtes hat Herr Pitt, mit dem wir nochmals eine Unterredunghatten, uns stark zugesetzt, E. M. nach Möglichkeit abzureden, den Grafen Saint-Germain zu empfangen, damit daraus keine Umtriebe oder Unannehmlichkeiten entstehen.
Knyphausen an das Kabinettsministerium
London, 6. Mai 1760.
Beiliegend die Abschrift meines Immediatberichts an den König, betreffend einen recht eigenartigen Zwischenfall, den ich mit dem sogenannten Grafen Saint-Germain hatte. Da dieser mir seit Jahren bekannte Mann[263]von gefährlichem Ungestüm ist und den König bestricken und zu vielen falschen Maßregeln verleiten könnte, bitte ich Euer Exzellenz, Ihr möglichstes zu tun, um seine Reise nach Sachsen zu verhindern.
König Friedrich an Knyphausen
Meißen, 10. Mai 1760.
Der Graf Saint-Germain sucht in England wohl nichts anderes als eine Zuflucht vor den Verfolgungen des Herzogs von Choiseul, mit dem und dessen Partei er, wie man deutlich sieht, völlig zerfallen ist.
Meißen, 19. Mai 1760.
Was Herr Pitt Ihnen über den Grafen Saint-Germain gesagt hat, leuchtet mir völlig ein. Bisher hat dieser nicht an mich geschrieben. Sollte er es noch tun, so will ich ihm Zuflucht in Emden oder besser in Aurich geben, falls er sich in nichts einmischt[264]. Ich fürchte nur, der seltsame Mann wird so unbesonnen sein, hierher zukommen, ohne an mich zu schreiben und vorher um meine Erlaubnis zu bitten, wofür ich keine Verantwortung übernehme.
Mitchell[265]an Lord Holdernesse
Freiberg, 27. März 1760.
Der König von Preußen geruhte, mir Kenntnis von einem außergewöhnlichen Gespräch zu geben, das der Graf Saint-Germain am 14. im Haag mit General Yorke hatte[266]. Er bemerkte, obwohl der Mann und seine ganze Art höchst ungewöhnlich seien, hätte General Yorke doch Recht getan, Euer Lordschaft über den Vorfall unmittelbar zu berichten, daß nämlich der Graf mit diesem geheimen Auftrage sehr wahrscheinlich vom Marschall Belle-Isle ohne Kenntnis der übrigen französischen Minister betraut worden sei, da das Kabinett sehr geteilter Meinung ist. Er fragte mich, ob ich den Grafen Saint-Germain kenne, der, wie er gehört habe, eine Zeitlang in England gewesen sei[267]. Ich antwortete, ich hätte ihn dort gesehen, hätte aber nie geglaubt, daß er zum Unterhändler werden würde. Seine Preußische Majestät entgegnete, er hätte gehört, daß der Graf Mittel und Wege gefunden hätte, sich die Gunst des Königs von Frankreich zu verschaffen. Er hätte ihn mit einigen chemischen Versuchen unterhalten, und der König hätte ihm das Schloß Chambord geschenkt.
Freiberg, 20. April 1760.
Nach Ansicht Seiner Preußischen Majestät erhellt aus allen Gesprächen der Herren d’Affry und Saint-Germain im Haag deutlich, daß das französische Ministerium in seiner Meinung geteilt sei. Einige seien für den Frieden, andere für Fortsetzung des Krieges, aber aus allem bisher Gesagten ließe sich unmöglich folgern, welchen Entschluß sie fassen würden und ob die Friedenswinke ernst gemeint oder nur gegeben seien, um Zeit zu gewinnen.
Lord Holdernesse an Mitchell[268]
Whitehall, 6. Mai 1760.
Sie werden aus meinen letzten Briefen ersehen haben, was zwischen General Yorke und dem Grafen Saint-Germain vorgefallen ist, und ich bin überzeugt, General Yorke wird Sie jedenfalls davon in Kenntnis gesetzt haben, daß Herr von Choiseul ihn in aller Form desavouiert hat und daß Saint-Germain beschlossen hat, nach England zu gehen, um sich den weiteren Verfolgungen des französischen Ministers zu entziehen[269]. Infolgedessen ist er vor einigen Tagen hier eingetroffen. Aber es liegt auf der Hand, daß er keine Vollmacht hatte, auch nicht von den französischen Ministern, in deren Namen er zu sprechen vorgab. Da sein hiesiger Aufenthalt unzweckmäßig ist und üble Folgen haben kann, wurde für angemessen erachtet, ihn bei seiner hiesigen Ankunft zu verhaften. Sein Verhör hat nichts sehr Belangreiches ergeben. Sein Benehmen und seine Sprache sind verschlagen, mit einem wunderlichen Einschlag, der schwer zu bestimmen ist.
Alles in Allem hielt man es für durchaus angezeigt, ihn nicht in England zu dulden. Demgemäß ist er amletzten Sonnabend (3. Mai) früh abgereist, mit der Absicht, Zuflucht im preußischen Staate zu suchen, da er sich in Holland nicht sicher fühlte. Auf seine dringende wiederholte Bitte hin besuchte ihn Baron Knyphausen während seiner Haft[270], aber keiner der königlichen Beamten.
Der König hielt es für richtig, Sie von diesen Vorgängen zu unterrichten. Sein Wunsch ist, daß Sie den Inhalt dieses Briefes Seiner Majestät dem König von Preußen mitteilen.
Haag, 18. (März) 1760.
Der Ew. Excellenz bekannte Freund (Prinz Ludwig von Braunschweig[272]) hat mich vorgestern besuchet, ... um mich zu bereden, ihm die in Händen habende Contre-Declaration[273]einsehen oder ablesen zu lassen. Ich beharrte aber darauf, daß mich dermalen noch nicht im Stande befinde, sondern, wie ihm schon gemeldet, das weitere von dem Herrn Grafen von Starhemberg[274]gewärtige.
Worüber derselbe (Prinz Ludwig) gemeldet, er besorge, man werde mit einer solchen Contre-Declaration solang zuwarten, daß indessen Frankreich soviel Zeit gewinnen werde, um mit Engelland einen Frieden zu schließen.Herr Graf d’Affry habe vor etwas mehr als acht Tagen durch den allhiesigen preußischen Minister von Hellen dem engelländischen Minister Yorke ein Rendezvous in Ryswijk oder in selbiger Gegend antragen lassen ...
Es befinde sich ein gewisser Fremder, der sichComteSaint-Germain nennt, schon einige Zeit in Amsterdam, allwo er bei dem sehr reichen und geschickten Negocianten Hope[275], welcher dermalen die meiste französischen Geschäften in Amsterdam verrichtet und durch seinen Credit große Geldsummen dem französischen Hofe verschaffe, wohnhaft, seit den allhiesigen Heirats-Festivitäten[276]aber in dem Haag gegenwärtig seie, allwo er den Mr. Yorke besuche und seit kurzem mit ihm eine dreistündige Unterredungtête-à-têtegehabt habe[277], so daß er um so weniger zweifle, er müsse von dem französischen Hofe mit Friedensgeschäften beladen sein, als man wahrnehme, daß dessen allhiesige Anwesenheit den Herrn Graf d’Affry alarmiere und er sein Mißvergnügen hierüber nicht verbergen könne.
Ich trachtete, denselben (Prinz Ludwig) zu verleiten, sich gegen mich weiters zu eröffnen, was nämlich Herr Graf d’Affry dem Mr. Yorke beigebracht habe und in weme dann desMr. le Comte de Saint-Germainobhabende Commissionen bestehen möchten.
Derselbe ließe sich aber weiter nicht heraus, als daß er eingestanden, Saint-Germain gebe aus, „daß er sich schmeichle, Frankreich durch seinen Aufenthalt in Holland zu retten“. Über die Unterredung des Herrn Graf d’Affry mit Mr. Yorke wollte er sich gar nicht eröffnen, sondern widersetzte mir, daß, weil ich ihm von dem Inhalt der Contra-Declaration nichts beibringen wolle, er mir auchvon dem, was zwischen besagten zweienMinistresvorbei gehe, nichts mitteilen könne ...
Als der sogenannteComteSaint-Germain aus Amsterdam allhier angelanget, so befragte den Herrn Graf d’Affry, ober von dessen Ankunft von seinem Hofepreveniretund ob ihm bekannt, daß er in Holland, wie es verlaute, mit einigen Commissionen beladen sei. Derselbe wollte weder von dem einen noch von dem andern etwas wissen, sondern brache denDiscoursab, mit Vermelden, daß er allzeit vor einespèce d’aventurierpassiret habe.
Von solcher Zeit hat derselbe den Herrn Graf d’Affry besuchet, welchen mehrmalen inCompagniebei ihm angetroffen. Vor 2 Tagen ist er wiederum nach Amsterdam zurückgekehret, solle aber, wie von Herrn Graf d’Affry selbst vernommen, inners ungefähr 8 Tagen wiederum allhier zurück eintreffen.
Man versicheret mich, daß man nicht eigentlich weiß, wer dieser sogenannteComteSaint-Germain sei. Er redet fast alle europäische Sprachen inperfection, hat sich viele Zeit in Polen, Teutschland, Italien, Spanien, Engelland, Frankreich, auch vor diesem in Holland aufgehalten, allwo er unterschiedliche Namen geführet. Er ist in derMusicund sonderbar in Spielung der Violine sehr erfahren, und scheinet aus seinem Umgang, daß er allerorten die große Weltfrequentirethabe. Dermalen soll er aus Frankreich kommen, allwo der König ihm das Schloß Chambord, so ehevordemMr. le maréchal Comte de Saxe[278]zugehöret, überlassen haben soll. Es fehlet ihm an der Leichtigkeit, sich zu explicieren, und an Geist nicht. Wann er aber mit Geschäften beladen, so gedeucht mich, daß er zu viel rede und seineDiscoursnicht genügsam nach den Reglen der Prudenz abmesse.
Haag, 25. März 1760.
Vorgestern hat Graf d’Affry wiederum einen Expressen, aber nur aus Brüssel von dem Mr. Lesseps[279]erhalten; wie er mir gestern gemeldet, hat derselbe ihmDepêchenvon seinem Hofe mitgebracht, wodurch der HerrDuc deChoiseul ihm auftraget, dem sogenanntenComte deSaint-Germain, von welchem in meinem ehevorigen Berichtschreiben Meldung beschehen und [welcher] dermalen wiederum von Amsterdam in dem Haag angelanget ist, auf das schärfeste zu untersagen, sich nicht zu unterstehen, in diePolitiquesich einmischen zu wollen, widrigenfalls demselben sein Haus zu verbieten oder gar ihn arretieren zu lassen[280].
Haag, 28. März 1760.
Der Herr Graf d’Affry hat dem sogenanntenComtede Saint-Germain ernstlich untersaget, sich in Friedens- oder politische Geschäften einigermaßen einzumischen, mit Bedrohen, daß er widrigenfalles ihn gar nicht mehr sehen werde.
Mir ist indessen von guter Hande zu vernehmen gekommen, daß Saint-Germain sich allhier gegen einem Freunde über dieses gegen ihm ausübendes Verfahren ungemein beschweret und demselben ein Originalschreiben von dem Herrnmaréchal Ducde Belle-Isle vorgezeiget habe, in welchem derselbe ihm zu erkennen gegeben, daß er von ihm eine Antwort über seine allhiesige Verrichtungen mit vielemEmpressementerwarte[281]. Ferner habe derselbe ihm, Freunde, vertrauet, daß er beladen worden, Mittel und Wege auszufinden, daß die französisch-amerikanische Insuln und Colonien, welchedirecteaus Frankreichnicht wohlapprovisionniertwerden können, von hier aus mit Lebensmitteln und andern Notwendigkeiten versehen werden; wo beinebens er auchchargiretworden sei, alles anzuwenden, den Credit der französischen Finanzien allhier wiederum zu erheben und emporzubringen, auch einzuberichten, was ihm von dem Friedensgeschäft zu Ohren kommen möchte. Dieses letztere habe er nicht besser zu bewirken gewußt, als den Herrn Grafen von Bentinck und Mr. Yorke zu sehen[282]. Der erstere habe sich wider Herrn Graf d’Affry beschweret, daß er von ihm gänzlichnegligiretwerde, da er doch imstand sich befinde, der Krone Frankreich allhier in Friedens- und andern Geschäften nützlich sein zu können. Mr. Yorke habe ihm die stärkste Versicherung erteilet, wie sehnlich und aufrichtig Engelland einen baldigen Frieden wünsche und suche; diese Krone werde den König in Preußen nicht verlassen, jedoch denselben vermögen, daß von ihm Ihro Majestät der Kaiserin[283]raisonnableundacceptableFriedensvorschläge gemacht werden. Von welchem allem er nach Versailles seinen Rapport abgestattet, darüber aber noch keine Antwort erhalten habe. Saint-Germain habe sich gegen diesem seinem Freunde herausgelassen, in was für großem Credit er bei derMadame la marquise dePompadour und dem HerrnDuc deBelle-Isle stehe und nicht anders glauben könne, als daß Herr Graf d’Affry die an ihm vollzogene Ordre von HerrnDuc deChoiseul (von welchem ihm,Comte deSaint-Germain, nichtscommittiretworden) erhalten habe. Er werde aber auf das stärkeste arbeiten, daß alles ohne Anstand repariret und seine hierin verletzteRéputationauf das bäldeste und vollkommenste hergestellt werde.
Was mir von derConduiteund Verrichtungen des sogenanntenComte deSaint-Germain beigebracht wird, höre ich zwar an, jedoch hüte mich, einigermaßen in Sachen mich einzumischen, die mich nicht weiters interessieren können, als davon die Wissenschaft zu haben.
Haag, 8. April 1760.
Der sogenannteMr. le Comtede Saint-Germain befindet sich noch allhier und hat dem Mr. Yorke und Herrn Grafen von Bentinck ein und das andere Mal besuchet. Von diesem letzteren wird derselbe wohl angesehen und hält sich unterweils mehrere Stunden bei ihm auf. Derselbe hat auch verlanget, bei dem Herrn Herzog Louis von Braunschweig aufgeführet zu werden. Er hat aber ihn bishero nicht vorkommen lassen wollen, welches er dem Herrn Grafen d’Affry, Herrn Grafen von Golowkin und mir, als wir uns bei Übergebung der Contre-Declaration in Ryswijk beisammen eingefunden, selbst erzählet und zugleich zu verstehen gegeben, daß dessen Anwesenheit allhier das Friedensgeschäft leichtlichembrouillirenund sehr schädlich sein könnte[284].
Herr Graf d’Affry gab die kräftigste Versicherungen, daß er ihm bereits aus Ordre seines Hofes auf das nachdrucksamste untersaget, sich in einige politischeAffairen, so seinen Hof betreffen, einzumischen, wie dann er ihm auch sein Haus wirklich verboten habe[285]und ihn nicht anderst als einenaventurieransehen könne.
Und da der Herr Herzog ihm hierauf zu erkennen gegeben, daß Saint-Germain von der Zeit, als er ihm obiges Verbot getan, den Mr. Yorke nochmals besucht und sich mit ihm unterhalten habe[286], so hat Graf d’Affry demselben erwideret, daß er ihn sogleich zu sich kommenlassen und ihm bedeuten wolle, daß, wann er hiervon nicht sogleich gänzlich abstehe, der französische Hof schon Mittel finden werde, ihn einzusperren und in einebasse-fosse[287]setzen zu lassen, wobei er den Herrn Herzog ersuchte, all solches dem Mr. Yorke zu hinterbringen.
Ich beobachtete hierbei, daß besagter Herr Herzog mit vielem Eifer sich wider Saint-Germain an Laden gelegt[288], welches mich urteilen gemacht, daß er vielleicht besorgen dürfte, es möchte durch seinen Canal ein Fried zwischen der Krone Frankreich und Engelland mit Ausschluß der engelländischen Aliirten beförderet werden.
Von Herrn Grafen d’Affry habe inzwischen vernommen, daß er obgemeldete Bedrohungen dem Saint-Germain wirklich eröffnet und er hierdurch ungemein betroffen worden sei.
Haag, 18. April 1760.
Gestern ist ... der bekannte Graf Saint-Germain von hier abgereiset, ohne daß man weiß, wohin er sich begeben will.
Haag, 22. April 1760.
In meinem letztern Berichtschreiben habe Ew. Excellenz zu melden die Ehre gehabt, daß der sogenannte Graf Saint-Germain von hier abgereiset, ohne daß bekannt ist, wohin er sich begeben habe. Ich bin aber gleich hinnach ganz sicherinformiretworden, daß er so gähling und unvermutet dieses Land verlassen habe, weil Herr Graf d’Affry durch den Courier, wovon in meinen letztern zwei Berichtschreiben Meldung getan, von seinem Hofe Befehl erhalten, das Ansuchen allhier zu machen, daß er arretiret und an Frankreich ausgeliefert werde, wovon, als Herr Graf d’Affry, wiewohl ganz in geheime, dessentwegeneinigepassusgemacht, derselbe benachrichtiget worden und sich alsdann sogleich aus dem Staube gemachet hat. Man weiß zwar noch nichtpositive, wohin er sich verfüget; es wird aber durchaus dafür gehalten, daß er nach Engelland abgegangen sei. Hierbei hat sich noch diesernotableUmstand ergeben, daß Herr Graf von Bentinck ihn vor seiner Abreise nachts um 9 Uhr besucht und bei demselben bis nach Mitternacht verblieben sein soll, worauf Graf Saint-Germain gegen anbrechendem Tage in einer mit 4 Pferden bespannten Kutsche abgereiset ist. Man will sogar behaupten, daß ein Bedienter des Herrn Grafen von Bentinck die Pferde und Wagen zu solcher Abreise veranstaltet habe[289].
Herr Graf d’Affry hat mir vor zwei Tagen von der empfangenen Ordre, den Saint-Germain allhier arretieren zu lassen und daß er dessentwegen in der Stille einigepassusgemacht, Kenntniß erteilet, mit dem Beisatz, daß er den dessentwegen erhaltenen Courier wiederum zurückgesendet und sich bei seinem Hofe angefraget habe, ob er die Ursachen, warum Saint-Germain habe sollen arretiret werden, allhier kundmachen solle oder nicht.
Haag, 25. April 1760.
Manprätendiret, nunmehro sichere Nachricht zu haben, daß der sogenannteComte deSaint-Germain von hier gerad nach Hellevoetsluis abgegangen und den 20. dieses mit dem Paquetbot nach Engelland abgefahren sei.
Von sicherer Hand vernehme, daß derselbe von hier aus ein Schreiben anMadame la marquise dePompadour erlassen, in welchem er unter anderm den Nutzen und die Notwendigkeit vorstellt, den allhiesigen Graf vonBentinck von Seiten Frankreich wegen seinem guten Willen, dieser Krone bei gegenwärtigen Umständen nützliche Dienste zu leisten, und wegen von ihm allhier und bei dem engelländischen Ministerio besitzenden besonderen Credit nicht nur allein sehr zumenagiren, sondern auf alle Weise zucultivieren[290]. Welches Schreiben aber von dem französischen Hofe an Herrn Graf d’Affrycommuniciretworden.
Aus allem, was mir zu Ohren kommet, muß ich urteilen, daß Herr Graf Bentinck sehr suchet, sich in künftiges Friedensgeschäft einmischen zu können. Es ist auch gewiß, daßComteSaint-Germain während seines allhiesigen Aufenthalts sehr vielen Umgang mit ihm gepflogen und deswegen aller Anschein vorhanden ist, daß er mit seinem Wissen und vielleicht aus seinem Rat nach Engelland abgegangen, er auch suchen wird, ihn allda zuprotegieren.
Haag, 2. Mai 1760.
Herr Graf d’Affry hat vorgestern bei den Generalstaaten abschriftlich anliegendesMémoire[291]überreichet, wodurch er das Ansuchen tuet, daß der bekannte Comte de Saint-Germain angehalten, ausgelieferet und gefänglich nach Antwerpen geführet werde. Da nun derselbe, jedermann bekanntermaßen, schon vor mehr als 14 Tagen sich von hier hinweg begeben und von Hellevoetsluis nach Engelland abgegangen ist, so scheinet nicht möglich zu sein, daß die Absicht des französischen Hofes auf dessen Anhaltung zähle, sondern etwa dahin gehen möchte, das Publicum dardurch zu belehren, daß demselben, wo er sich befinden möchte, kein Glauben und noch viel weniger einiges Vertrauen beigemessen werde, maßen Herrn Graf d’Affrynicht unbekannt sein kann, daß er sich allhier verlauten lassen, daß, wann der französische Hof ihm wegen jenem, was mit ihm allhier vorgefallen, nicht Satisfaction geben werde, er sich im Stand befinde, Sachen von demselben an Tage zu legen, welche ihn vollkommen rechtfertigen, demselben aber ungemein nachteilig sein werden.
Was die Generalstaaten über obigesMémoireentschlossen, ist mir noch nicht bekannt. Und da der widrige Wind noch immer anhaltet, so können keine engelländischen Nachrichten hier ankommen, wodurch man etwa vernehmen könnte, wie derselbe in Engelland angesehen werde oder wie er sich allda betrage.
Beilage zum Bericht Reischachs vom 13. Mai 1760
(Mitteilung eines englischen Correspondenten)
(London, Mai 1760.)
Die Denkschrift des Herrn Grafen d’Affry über den Grafen Saint-Germain[292], die Sie mir gütigst zugesandt haben, steht auch in den französischen Zeitungen. Allerdings lohnt es sich nicht, wie Sie sehr richtig bemerken, so viel Lärm über diese Sache zu schlagen. Man erweist diesem Abenteurer zu viel Ehre, wenn man viel Wesens von ihm macht. Der hiesige Hof glaubte, den Kundgebungen des Mißtrauens, die der französische Hof gegen diesen Mann in Szene gesetzt hat, nicht trauen zu dürfen; denn er verdient nur Verachtung. Sie hat ihn bei seiner Ankunft mit dem Paketboot sofort in polizeilichen Gewahrsam genommen und ihn erst außer Augen gelassen,als er wieder an Bord gebracht wurde, um über das Meer zurückzukehren. Ein scherzhaftes Abenteuer!
Haag, 16. Mai 1760.
Der sogenannteMr. le Comte deSaint-Germain ist den 11. dieses mit dem Paquetbot aus Engelland zu Hellevoetsluis angelanget und hat sogleich seine Reise über Rotterdam nach Teutschland und, wie hier ausgegeben wird, nach Berlin fortgesetzet. Mehrere allhier halten dafür, daß das engelländische Ministerium denselben ausAttentionvor Frankreich sogleich aus Engelland weggeschaffet habe, aus welchem sieinferiren, daß diese Kron sehr geneigt sei oder Hoffnung habe, mit Frankreich den Frieden in Bälde zu schließen.
Haag, 13. Juni 1760.
Wo der bekannte sogenannte Graf von Saint-Germain sich dermalen befinde, ist allhier nicht bekannt; es wird aber von mehreren öffentlich versicheret, daß derselbe schon von geraumer Zeit her einenEspionvor den König in Preußen gemachet habe, dergleichen derselbe an allen Höfen haben und solche reichlich bezahlen solle.
Kauderbach an Graf Wackerbarth-Salmour
Haag, 14. März 1760.
Wir haben hier gegenwärtig einen höchst seltsamen und ganz außergewöhnlichen Mann, der sich Graf Saint-Germainnennt. Er sieht höchstens wie 45 Jahre alt aus, und doch behauptet man, daß er mindestens 110 Jahre zählt. Wie mir Herr d’Affry versicherte, wäre er viel älter als wir beide zusammen, und doch sind wir beide über die Sechzig. Fest steht, daß ein fast siebzigjähriges Mitglied der Generalstaaten mir gesagt hat, er habe diesen seltsamen Mann im Hause seines Vaters gesehen, als er selbst noch ein Kind war, und er hätte fast genau so ausgesehen wie heute. Trotzdem macht er den gelenken, munteren Eindruck eines Dreißigjährigen. Seine Waden sind wie gedrechselt, sein eigenes Haar schwarz und voll, und er hat sozusagen keine Runzel im Gesicht.Fleisch ißt er fast nie, außer etwas Hühnerbrust; seine Nahrung beschränkt sich auf Grütze, Gemüse und Fische. Gegen Kälte schützt er sich sehr, aber er schont sich nicht übermäßig durch frühes Schlafengehen und hat uns, gleichsam aus Gefälligkeit, bis 1 Uhr nachts Gesellschaft geleistet, ohne daß man es ihm am nächsten Morgen anmerkte. Gelingt es mir, dem guten Alten sein Geheimnis zu entlocken, so glaube ich, dem König[294]einen wesentlichen Dienst zu leisten, wenn ich es Euer Gnaden mitteile, um Sr. Majestät ein so kostbares und für seinen Dienst so nützliches Leben zu verlängern.
Saint-Germain besitzt unermeßliche Reichtümer, und wenn man ihm glauben will, auch die schönsten Geheimnisse der Natur. Er spricht gelehrt darüber, ohne den Geheimnisvollen zu spielen, und sucht durch seine Beweisführungen auch die Ungläubigsten zu bekehren, anscheinend ohne jede Hintergedanken. Seine Reichtümer sind eine feststehende, in ganz Frankreich bekannte Tatsache. Er steht in höchster Gunst beim Allerchristlichsten König,der ihm das Schloß Chambord zum lebenslänglichen Wohnsitz angewiesen hat. Er zeigte uns Steine von unschätzbarem Wert und sämtlich von unvergleichlicher Größe und Schönheit. Beiliegend übersende ich E. E. der Wissenschaft halber die Maße eines seiner schönsten Opale, der von tadelloser Reinheit und herrlicher Schönheit ist. Nach seiner Behauptung besitzt kein Herrscher der Welt solche Schätze, wie er sie in Steinen zu besitzen vorgibt. Er sagt, daß alle irdische Größe ihm gleichgültig sei und daß er nur auf den Titel eines Bürgers Anspruch erhebe.
Von Frankreichs Unglück gerührt, hat er dem König[295]seine Dienste angeboten, um das Land zu retten, und zu diesem Zweck ist er nach Holland gekommen. Aus seinem Auftrag oder wenigstens dessen Zweck macht er kein Geheimnis. Wir sind gespannt, welche Mittel er hat; nach seiner Behauptung sind sie unfehlbar, da sie von ihm allein abhängen. Er ist ein großer Fürsprecher der Frau von Pompadour und sucht sie von dem Makel zu befreien, den man ihr hier angeheftet hat. Er schreibt ihr das beste Herz zu, die redlichsten Absichten und beispiellose Uneigennützigkeit. Ich hatte mit ihm ein langes Gespräch über die Ursachen von Frankreichs Mißgeschick und über die Ministerwechsel. Folgendes sagte er mir hierüber:
„Das Grundübel ist die Schwachheit des Monarchen. Seine Umgebung kennt seine übergroße Güte und mißbraucht sie, und diese Umgebung besteht nur aus Kreaturen der Brüder Pâris[296], die allein Frankreichs ganzes Unglück verschulden. Sie haben alles verderbt und die Pläne des besten französischen Bürgers, des Marschalls von Belle-Isle, durchkreuzt. Daher die Uneinigkeit und die Eifersucht unter den Ministern, die jeder einem anderenHerrscher zu dienen scheinen. Alles ist durch die Brüder Pâris verderbt: mag Frankreich zugrunde gehen, wenn sie nur ihr Ziel erreichen, 800 Millionen Vermögen zu erwerben. Unglücklicherweise besitzt der König mehr Güte als Scharfblick, um die Bosheit seiner Umgebung zu durchschauen. Da diese seine Charakterschwäche kennt, tut sie nichts, als seinen Schwächen zu schmeicheln, und findet dadurch vor allen anderen Gehör. Die gleiche Charakterschwäche zeigt sich bei der Mätresse. Sie kennt das Übel, hat aber nicht den Mut, ihm zu steuern.“
Er also, Saint-Germain, will die radikale Heilung unternehmen und macht sich anheischig, durch seine Maßnahmen in Holland zwei Männer zu stürzen, die dem Staate so schädlich sind und die man bisher für ganz unersetzlich hielt. Hört man ihn so frei von der Leber sprechen, so muß man annehmen, daß er seiner Sache gewiß ist, oder man muß ihn für den größten Gimpel auf Erden halten.
Ich könnte Euer Gnaden noch manches über diesen seltsamen Mann und seine physikalischen Kenntnisse erzählen, müßte ich nicht fürchten, Sie durch Berichte zu ermüden, die mehr romanhaft als wirklich erscheinen. Doch halte ich mit meinem Urteil noch zurück. D’Affry erweist ihm die größten Aufmerksamkeiten und scheint ihn für ein Wunder zu halten. Saint-Germain hat die ganze Welt durchstreift und spricht die meisten bekannten Sprachen. Er war mehrmals in Dresden und, wie er mir sagte, dem verstorbenen König[297]wohlbekannt. Auch in der Musik leistet er Hervorragendes. Er spielt vollendet Violine und Klavier und singt entzückend. Man läuft ihm hier das Haus ein, wie einem Wundertier, und er ist in der Tat ein sehr angenehmer Gesellschafter.
Kauderbach an den Fürsten Golizyn[298]
Haag, 14. März 1760.
Wir haben hier einen seltsamen Mann. Es ist der berühmte Graf Saint-Germain, der in ganz Europa wegen seiner Kenntnisse und seiner ungeheuren Reichtümer bekannt ist. Er ist mit einem wichtigen Auftrag in diesem Lande betraut und redet viel davon, er wolle ähnlich wie früher die Jungfrau von Orleans Frankreich retten. Wir müssen abwarten, wie er es anfangen wird. Er hat ein Lager von Edelsteinen von größter Schönheit. Er behauptet, der Natur ihre tiefsten Geheimnisse entrissen zu haben und sie durch und durch zu kennen. Das Merkwürdigste aber ist, daß er über 110 Jahre alt sein will. Er sieht indes nicht älter als 45 aus.Gaudeant bene nati[299]!Ich wünschte, ich könnte sein Geheimnis für Sie und auch für mich selbst erlangen! Er ist ein warmer Verteidiger der Frau von Pompadour und des Marschalls von Belle-Isle und verabscheut die beiden Brüder Pâris, denen er die Schuld an allem Mißgeschick Frankreichs zuschreibt.[300]Er spricht sehr frei über die französischen Verhältnisse — vom König bis zum Hanswurst.
Haag, 19. März 1760.
Ich schrieb Ihnen bereits von dem berühmten Saint-Germain, der gegenwärtig in Amsterdam bei Herrn Hope wohnt. Er hat Herrn Yorke in seinem Hause aufgesucht und ist drei Stunden bei ihm geblieben[301]. Er hat hier weder zu Herrn d’Affry geschickt noch sich an ihn gewandt, und doch hat er mir selbst erklärt, er sei mit einem wichtigen Auftrage betraut. Um jedoch die Wahrheit zusagen, erscheint er mir zu anmaßlich und unvorsichtig, als daß man ihm glauben könnte, daß er ein allerhöchst beauftragter Unterhändler ist. Ich stelle ihn auf eine Stufe mit dem berüchtigten Macanas, den Euer Exzellenz hier 1747 kennen lernten, oder wenigstens mit dem Grafen Seckendorff, der im letzten Jahre herkam[302]. Ich müßte mich sehr in ihm täuschen, wenn er mit seinem Auftrag Erfolg hat. Unsere Holländer sind zu schwerfällig, um auf solche Schliche einzugehen. Immerhin zweifle ich nicht mehr, daß wichtige Unterhandlungen im Gange sind.
Graf Wackerbarth-Salmour[303]an Kauderbach
Dresden, 23. März 1760.
Ihre Königlichen und Kurfürstlichen Hoheiten lesen stets mit Vergnügen, was Sie mir schreiben. Sie haben das Bild, das Sie mir von Saint-Germain entwarfen, sehr fesselnd gefunden. Wir können es noch nicht bis ins einzelne deutlich erkennen. Aus der Ferne wirkt es schön, aber man muß es sich näher daraufhin ansehen, ob alle seine Züge übereinstimmen und zutreffen, woran ich stark zweifle. Vor 50 Jahren lernte ich den berüchtigten Huldashop kennen und verkehrte mit ihm. Er behauptete, über 80 Jahre alt zu sein. In Danzig heiratete er 25 bis 30 Jahre später eine Prinzessin von Holstein, die ihn nach den öffentlichen Nachrichten kurz darauf ermorden ließ, um sich in Besitz seiner Forschungen und Geheimmittel zu bringen[304]. Ich kannte einen Mann, den man als Mitschuldigenan diesem Mord in Verdacht hatte; er hat durch seinen Reichtum eine große Rolle gespielt und großes Aufsehen erregt. Derartige Wundermänner blenden eine Zeit lang; man verliert sie aus dem Gesicht, wenn man es am wenigsten glaubt.
Der Opal, dessen Maße Sie mir schickten, scheint mir nicht so außerordentlich. Ich besitze einen orientalischen von fast gleicher Größe, und der König hat viel ansehnlichere in seinem Schatze. Wie Sie wissen, sind farbige Steine, so schön und hart sie scheinen mögen, stets mit Vorsicht zu genießen. Bei den Diamanten handelt es sich darum: besitzt er viele? sind sie groß und von tadellosem Wasser?
Seine politischen Erörterungen bedürfen m. E. gründlicher Beweise und Darlegungen.
Am meisten zu seinen Gunsten scheint mir zu sprechen, daß ihm der König von Frankreich in seiner Huld das Schloß Chambord geschenkt hat; denn ein so bedeutendes Lehen kann er nur infolge von hervorragenden Leistungen im Dienste der Krone erhalten haben.
Kauderbach an Graf Wackerbarth-Salmour
Haag, 4. April 1760.
Wir kennen den angeblichen Grafen Saint-Germain bisher nur nach dem Rufe, den er geflissentlich selbst verbreitet: über seine geheimnisvolle Herkunft, sein hohes Alter und seine Geheimnisse. Trotzdem steht fest, daß er am französischen Hofe eine Zeitlang hoch in Gunst stand und sehr ausgezeichnet wurde. Aber das alles war von kurzer Dauer und hat sich sehr geändert. Herr d’Affry hat mir indes versichert, er sei von Stand, wenn auch kein geborener Franzose. Er selbst behauptet, Spanier zu sein.
Haag, 24. April 1760.
Wie ich soeben erfahre, hat der Kurier, den d’Affry letzten Montag (14. April) erhielt, ihm Befehl gebracht, bei den Generalstaaten die Verhaftung und Auslieferung des berüchtigten Grafen Saint-Germain zu beantragen, da er ein gefährlicher Mensch sei, mit dem Se. Majestät aus guten Gründen unzufrieden ist. D’Affry hat diesen Befehl dem Großpensionär mitgeteilt und letzterer dem ständigen Ausschuß der Provinz Holland Bericht erstattet. Der Vorsitzende dieses Ausschusses, Graf Bentinck, hat den Mann gewarnt, ihn nach England abreisen lassen, und zwar hat er ihm dazu seinen eigenen Wagen geschickt[305]. Am Tage vor seiner Abreise war Saint-Germain vier Stunden beim englischen Gesandten[306]. Er hat sich gerühmt, mit der Herbeiführung des Friedens beauftragt zu sein. Ich habe jedoch die Schriftstücke gesehen, auf die er sich für seine Mission beruft[307], und habe darin nichts gefunden, was seine Behauptung erhärtet. Belle-Isle pflegt mit den elendesten Zeitungsschreibern und Projektenmachern in Briefwechsel zu stehen und ihre Offenbarungen sehr teuer zu bezahlen.
Dieser Saint-Germain hat uns so viele andere grobe und elende Märchen erzählt, daß man ihn nur mit Widerwillen zum zweitenmal hört, es sei denn, daß man sich über dergleichen Aufschneidereien belustigen will. Dieser Mann kann kein zehnjähriges Kind betrügen, geschweige denn aufgeklärte Männer. Es ist also anzunehmen, daß die Protektion, die er findet, andere Gründe und Zwecke hat, als Verhandlungen durch ihn anzuknüpfen. Ich betrachte ihn als Abenteurer ersten Ranges, der mit seinen Mitteln am Ende ist, und ich würde mich sehr täuschen,wenn er kein tragisches Ende nähme. Unter den englischen Offizieren, die hier sind, haben einige ihn in London vor 20 Jahren gekannt und sprechen mit größter Verachtung von ihm. Sie halten ihn für einen einfachen Violinspieler.
Haag, 2. Mai 1760.
Der Abenteurer hat sich hier als geheimer Unterhändler des Marschalls Belle-Isle aufgespielt und Briefe von ihm[308]gezeigt, denen allerdings die Glaubwürdigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Er ließ durchblicken, daß Belle-Isle ganz im Sinne der Frau von Pompadour, aber im Gegensatz zu Choiseul, leidenschaftlich nach Frieden trachte. Er hat stark aufgetragen und mit den stärksten Farben die Kabalen, die Not und die Zwistigkeiten geschildert, die in Frankreich herrschen sollen, und durch solche Schmeicheleien hat er das Vertrauen der englischen Partei zu gewinnen geglaubt. Andrerseits hat er an den Marschall Belle-Isle geschrieben[309], d’Affry wisse die Bestrebungen des Grafen Bentinck-Rhoon weder zu würdigen noch zu unterstützen. Dabei sei Bentinck von den besten Absichten beseelt und wünsche nichts so sehr, als die französischen Verhandlungen mit England zu fördern. Diese Briefe sind an d’Affry zurückgesandt worden, mit der Weisung, zu verhindern, daß Saint-Germain sich in irgendeine Angelegenheit einmische, falls er seine Dreistigkeit nicht damit büßen wolle, daß er bei der Rückkehr nach Frankreich seine Tage in einem Kerkerloch beschlösse[310].
Trotz dieses Verbots fuhr Saint-Germain fort, Reden zu halten und Schritte zu tun, um sich auch weiterhin dasAnsehen eines bedeutenden Mannes zu geben. Er hat beharrlich den englischen Gesandten besucht, der ihn aber scheinbar verachtete. Herr von Rhoon hat ihn beschützt, ihn bevorzugt und viel Aufhebens von ihm gemacht, und als d’Affry seine Auslieferung verlangte, hat er ihn vor der ganzen Stadt nach London reisen lassen[311]. Ich fürchte, der Elende wird noch Anlaß zu manchen Skandalgeschichten geben. Er hat gedroht, alle Urkunden nebst einer Rechtfertigungsschrift zu veröffentlichen. Er ist ein Gauner, der eine Rolle spielen will.
Voltaire an König Friedrich
15. April 1760.
Ihre Gesandten werden in Breda[313]wohl mehr erfahren, als ich weiß. Der Herzog von Choiseul, Graf Kaunitz und Herr Pitt verraten mir ihr Geheimnis nicht. Bekannt soll es nur einem Herrn von Saint-Germain sein, der einst in der Stadt Trient mit den Vätern des Konzils gespeist hat und wahrscheinlich die Ehre haben wird, E. M. in etwa fünfzig Jahren zu besuchen. Der Mann ist unsterblich und allwissend.
König Friedrich an Voltaire
Meißen, 1. Mai 1760.
Ein Kongreß in Breda wird nicht stattfinden, und ich lege die Waffen erst nach drei weiteren Feldzügen nieder.Das Pack soll sehen, daß es mein Entgegenkommen gemißbraucht hat, und der König von England wird den Frieden nur in Paris und ich ihn in Wien unterzeichnen ... Der Graf von Saint-Germain ist nur ein Ammenmärchen[314].
Der König sandte einen Unterhändler nach Frankreich, der die Absichten des Versailler Hofes sondieren und ihm, sowie dem König von England Bericht erstatten sollte. Die Wahl fiel auf einen jungen Edelsheim[316]... Er wurde in Paris leidlich aufgenommen. Man bedeutete ihm in unbestimmten Ausdrücken, daß die Erledigung seines Auftrages von der mehr oder minder schnellen Beilegung der Streitpunkte zwischen England und Frankreich abhängen würde. Man habe jedoch gehört, der König von Preußen gedenke, den König von Polen auf Kosten zahlreicher deutscher Kirchenfürsten zu entschädigen[317], die er säkularisieren wolle. Das aber könne der Allerchristlichste König nie und nimmer zugeben. Edelsheim brachte dem König den Bescheid nach Freiberg und reiste dann nach London, um ihn den großbritannischen Ministern zu übermitteln.
Zugleich mit Edelsheim tauchte in London ein anderer Politiker auf, eine rätselhafte Erscheinung, über deren Wesen man nie ins klare gekommen ist. Er nannte sich Graf Saint-Germain, hatte in französischen Diensten gestanden und sich bei Ludwig XV. so in Gunst gesetzt, daß der König ihm das Schloß Chambord schenken wollte. Nun spielte er die Rolle eines Gesandten, befaßte sich ohne Vollmacht mit Unterhandlungen und äußerte sich zugleich in beleidigender Weise über Frau von Pompadour und den Herzog von Choiseul. Die Engländer behandelten ihn als Abenteurer und wiesen ihn aus.
Ob nun aber das englische Ministerium Saint-Germain nicht traute oder infolge seiner Eroberungen die Hoffnungen höher schraubte, oder ob es gar mit der Erklärung des Versailler Ministeriums über den Kongreß[318]unzufrieden war, kurz, das Ministerium beauftragte den englischen Vertreter im Haag, Yorke, mit der Mitteilung an den französischen Gesandten d’Affry, der König von Großbritannien wäre zum Frieden geneigt und böte seine Hand zur Abhaltung eines Sonderkongresses, falls Frankreich die ungeschmälerte Erhaltung Preußens zur Grundlage der Präliminarien mache. Frankreich antwortete, es wünsche zwar nichts sehnlicher als die Beilegung seiner Streitigkeiten mit England. Da es aber mit Preußen gar nicht im Kriege liege, so könne es über die Interessen des Königs von Preußen nicht zugleich mit denen Seiner Britischen Majestät verhandeln. Mit dieser Antwort schwand die ohnedies schwache Hoffnung, die man auf die ganze Verhandlung gesetzt hatte.
Freitag, 2. Mai 1760.
Haag, 26. April. Ein gewisser Graf Saint-Germain, von dem seit über drei Monaten viel gesprochen wurde, ist verschwunden. Auf Antrag einer benachbarten Macht sollen die Generalstaaten einen Verhaftsbefehl gegen ihn genehmigt haben. Er ist nach London entflohen, der Abfallgrube von Paris und Rom.
Montag, 5. Mai 1760.
Der Graf Saint-Germain, der in unserer letzten Nummer als aus Holland hier angekommen gemeldet wurde, ist ein Ausländer, dem der König von Frankreich in seinem Lande Zuflucht gewährt hat. Da er fand, daß die Freiheit, mit der er von den öffentlichen Angelegenheiten sprach, ihn in eine schiefe Lage bringen konnte, verließ er Paris und ging nach Holland, wo er angeblich mit ganz geheimen Unterhandlungen zwischen Frankreich und der Republik betraut war. Herr d’Affry stellte einen förmlichen Antrag, ihn zu verhaften und ihn unter guter Bedeckung nach Antwerpen zu schicken[320], von wo er nach Frankreich gebracht werden sollte. Aber der angebliche Graf bekam rechtzeitig Wind davon und entfloh nach England.
Freitag, 9. Mai 1760.
Der Mann, der in Holland unter dem Namen Graf Saint-Germain auftrat ... und kürzlich in England eingetroffen ist, wurde in seiner Wohnung in London ermittelt und in polizeilichen Gewahrsam gebracht.
Montag, 26. Mai 1760[321].
Rotterdam, 18. Mai. Der Graf Saint-Germain ist in London in Freiheit gesetzt worden und hier eingetroffen[322]. Noch während seiner Gefangenschaft hatte er zahlreiche Unterredungen mit mehreren Mitgliedern des Geheimen Rats, die zu noch weiteren Mutmaßungen Anlaß geben. (Gazette de Bruxelles.)
Montag, 30. Juni 1760[323].
Wie wir aus Paris erfahren, haben mehrere vornehme Personen beim König Schritte zugunsten des Grafen Saint-Germain getan, der so viel von sich reden machte. Seine Majestät war im Begriff, ihm zu verzeihen, als es sich herausstellte, daß der Graf ein Spion des Königs von Preußen am französischen Hofe und sein Vertreter bei Frau von Pompadour war.
Freitag, 22. August 1760.
Wie wir erfahren, hat der berühmte Graf Saint-Germain, der vor kurzem hier war, sich in Altona niedergelassen.
Kopenhagen, 3. April 1760.
Gern hätte ich den brieflichen Verkehr mit Ihnen fortgesetzt, solange ich nicht das Glück habe, Sie zu sehen.Aber ich kenne leider Ihre Adresse nicht, und ich wagte Sie nicht zu stören, bis der Kammerherr Baron von Gleichen[325]mir versicherte, daß Sie mich mit Ihrem Angedenken beehrten. Nehmen Sie dies als Zeichen meiner Dankbarkeit und meiner Freude an, von neuem Gelegenheit gefunden zu haben, Ihnen für all die Güte und Freundschaft zu danken, womit Sie mich in England beehrt haben. Den Degen, den Sie mir geschenkt, und die Briefe, die Sie mir geschrieben haben, habe ich als einen Besitz bewahrt, der zu kostbar ist, um mich je davon zu trennen, aber die Ehre, daß Sie meiner gedenken, ist zu tief in mein Herz geschrieben, als daß ich diese Gelegenheit nicht benutzte, um Sie der tiefen Achtung zu versichern, die ich Ihrem teuren Selbst schulde. Bitte, geben Sie mir Nachricht von sich und Ihren Wünschen, falls ich Ihnen hierzulande irgendwie dienlich sein kann. Und glauben Sie mir, ich bin so erfreut, meinen Freund wiederzufinden (gestatten Sie mir diesen Ausdruck), daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen all meine Dankbarkeit ausdrücken soll. Bitte nehmen Sie diesen Brief freundlich auf und glauben Sie mir, ich kann mit ehrlicher Freude versichern, daß ich bin und zeitlebens sein werde Ihr usw.