DIE MISSION SAINT-GERMAINS IM HAAG (1760)

DIE MISSION SAINT-GERMAINS IM HAAG (1760)

Graf d’Affry[179]an Choiseul

Haag, 22. Februar 1760.

Herr Astier[180]schreibt, daß sich in Amsterdam ein gewisser Graf Saint-Germain aufhält, der, soviel ich weiß, früher lange in England gelebt hat und einen recht sonderbaren Eindruck macht. Er spricht in ungewöhnlicher Weise von unseren Finanzen und unserem Ministerium und behauptet, mit einer wichtigen finanziellen Mission für Frankreich betraut zu sein.

Haag, 10. März 1760.

Graf Saint-Germain hat mich vorgestern hier aufgesucht. Er führte mir gegenüber dieselben Reden, wie er sie in Amsterdam geführt haben soll. Er hat soeben meinHaus verlassen; seine Gespräche drehten sich um die gleiche Sache. Er sagte mir zuerst, er könne mir unsere Finanzlage nicht trüb genug schildern; er besitze einen gewissen Plan zu ihrer Aufbesserung; mit einem Wort, er wolle das Königreich retten. Ich ließ ihn reden, soviel er wollte, und als er innehielt, fragte ich ihn, ob der Generalkontrolleur über diesen Plan Bescheid wisse. Er verneinte es und sagte bei dieser Gelegenheit viel Übles über den Vorgänger des Herrn Bertin[181].Er schien besonders den Herren Pâris de Montmartel und Duverney[182]feindlich gesinnt.Wie er mir sagte, hätte er enge Beziehungen zum Herrn Marschall von Belle-Isle[183]; auch zeigte er mir zwei Briefe von ihm, die er seit seiner Ankunft in Holland erhalten hat. Darin spricht sich Herr von Belle-Isle anerkennend über seinen Eifer aus, aber sie enthalten nur allgemeine Wendungen und keine Einzelheiten.

Ich gestand Herrn von Saint-Germain, daß ich seinen Plan durchaus nicht begriffe. Er gab mir seinerseits zu, daß er ihn schlecht erklärt hätte, und versprach mir, ihn mir morgen mitzubringen. Ich fragte ihn, was seine Reise nach Holland mit diesem Plane zu tun hätte. Er gab mir darauf keine klare Antwort und sagte nur, sein allgemeines Vorhaben sei, uns den Kredit der vornehmsten hiesigen Bankhäuser zu sichern.

Ich werde mich beehren, Herr Herzog, Ihnen am nächsten Freitag (14. März) zu berichten, was Herr von Saint-Germain mir morgen etwa sagt und mitteilt. Ich weiß nicht, ob alle seine Behauptungen völlig wahrheitsgemäß sind, aber er hat sicherlich sehr ungewöhnliche Ansichten.

Haag, 11. März.

Herr von Saint-Germain hat mir seinen Plan mitgeteilt, der Herrn Bertin bekannt ist und sogar von ihm empfohlen wird.

Graf Saint-Germain an die Marquise von Pompadour

[Haag] 11. März 1760.

Gnädige Frau. Meine reinen und aufrichtigen Wünsche für die Wohlfahrt Ihres verehrten Volkes und für Sie selbst werden, wo ich auch in Europa weile, unverändert bleiben. Doch will ich nicht unterlassen, Ihnen Beweise dafür in aller Reinheit, Aufrichtigkeit und Stärke zu geben. Ich bin jetzt im Haag und wohne beim Grafen Bentinck, Herrn van Rhoon, zu dem ich enge Beziehungen habe[184]. Ich war so erfolgreich, daß ich glaube, Frankreich hat keinen verständigeren, treueren und beständigeren Freund. Des seien Sie versichert, gnädige Frau, wenn Sie auch das Gegenteil davon hören sollten.

Herr von Bentinck ist hier ebenso allmächtig wie in England, ein großer Staatsmann und vollendeter Ehrenmann. Er ist mir gegenüber völlig offen. Aus der Fülle meines Herzens sprach ich ihm von der reizenden Marquise von Pompadour. Meine Gefühle gegen Sie, gnädige Frau, sind Ihnen längst bekannt und gewiß der Herzensgüte und Seelenschönheit wert, die diese Gefühle erweckten. Er war so begeistert davon, daß er ganz bezaubert ist; mit einem Wort, Sie können sich auf ihn verlassen wie auf mich.

Ich glaube mit gutem Grunde, daß der König angesichts seiner Macht, seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit große Dienste von ihm erwarten kann. Wenn der König glaubt, daß meine Beziehungen zu ihm irgendwie von Nutzen sein können, so will ich mich aufs äußerste bemühen, ihm zu dienen. Meine freiwillige, selbstlose Hingebung an seine heilige Person muß ihm ja bekannt sein. Sie kennen die Treue, die ich Ihnen geschworen habe, gnädige Frau: befehlen Sie, und ich gehorche. Sie können Europa ohne die Verdrießlichkeiten und Schwierigkeiten eines Kongresses den Frieden geben. Ihre Befehle werden mir völlig sicher zukommen, wenn Sie sie an den Grafen van Rhoon im Haag senden oder, wenn Sie es für besser halten, an die Herren Thomas und Adrian Hope[185], bei denen ich in Amsterdam wohne. Was ich Ihnen zu schreiben habe, erscheint mir so bedeutsam, daß ich mir schwere Vorwürfe machen müßte, gnädige Frau, wenn ich es Ihnen verschweigen wollte, da ich nie etwas verborgen habe noch verbergen werde. Wenn Sie keine Zeit haben, mir selbst zu antworten, so bitte ich Sie, es durch eine sichere, vertrauenswürdige Person zu tun. Aber verlieren Sie keinen Augenblick; ich beschwöre Sie bei aller Liebe und Zuneigung für den besten und würdigsten aller Könige.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 14. März 1760.

Ich habe den Plan gesehen, von dem Herr von Saint-Germain mir gesprochen hatte. Ich habe ihn an ihn zurückgesandt und werde ihm bei nächster Gelegenheit sagen, daß derartige Geschäfte mit meinem Amte nichts zu tun haben. Ich könnte mich ohne Auftrag nicht damitbefassen und wünschte selbst, Kredite für die Staatsfinanzen in Amsterdam oder in anderen holländischen Städten zu finden ...

Wie Herr von Saint-Germain mir sagte, hat Herr Bentinck van Rhoon sich über meine Zurückhaltung bei ihm beschwert; ich spräche mit ihm nie von Geschäftssachen. Wie er hinzusetzte, hat Herr Bentinck ihm versichert, niemand sei weniger englisch gesinnt als er; er sei ein guter Patriot und mehr Franzose, als ich glaubte. Ich antwortete Herrn von Saint-Germain mit allgemeinen Wendungen, ließ aber durchblicken, daß ich es seltsam fände, daß Herr Bentinck ihm diesen Auftrag gegeben hätte, und noch seltsamer, daß er ihn übernommen hätte. Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen alles mitzuteilen, was zwischen diesem Manne und mir stattgefunden hat.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 19. März 1760.

Ich sende Ihnen einen Brief des Herrn von Saint-Germain an die Marquise von Pompadour[186], der die unglaubliche Art dieses Mannes hinreichend beweist. Er ist ein Abenteurer ersten Ranges und zudem, soweit ich sehen kann, sehr töricht. Ich bitte Sie, ihn sofort nach Empfang meines Briefes zu sich kommen zu lassen und ihm zu sagen, ich wisse zwar nicht, wie man im Finanzdepartement über ihn dächte, gäbe Ihnen aber den Befehl, ihm zu eröffnen: sobald ich erführe, daß er sich irgendwie im Großen oder im Kleinen in die Politik einzumischen wage, so könne er sich darauf verlassen, ich würde beim König den Befehl erwirken, ihn bei seiner Rückkehr nach Frankreich für den Rest seiner Tage ineinem Kerkerloch einzusperren. Sie wollen hinzusetzen, er möge ganz sicher sein, daß diese meine Absichten ebenso ernst sind, wie daß sie bestimmt ausgeführt werden, falls er mir Anlaß gibt, mein Wort zu halten.

Nach dieser Erklärung werden Sie ihn auffordern, nie wieder einen Fuß in Ihr Haus zu setzen, und Sie werden gut daran tun, allen fremden Gesandten sowie den Amsterdamer Bankiers das Kompliment bekanntzugeben, das Sie diesem unausstehlichen Abenteurer in meinem Auftrage gemacht haben.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 21. März 1760.

Graf Rhoon van Bentinck hat mich nicht nur durch Herrn von Saint-Germain unterrichtet, sondern mir auch durch andere Personen sagen lassen, wie sehr ihm daran liege, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Ich gab zur Antwort, da ich bisher keinerlei Beziehungen zu ihm gehabt hätte, schiene es mir zwecklos, jetzt damit zu beginnen. Ich wäre jedoch stets bereit, mit Personen zusammenzugehen, die es als gute holländische Patrioten für ihr Land für vorteilhaft hielten, die Freundschaft und das Wohlwollen Seiner Majestät zu pflegen. Ich wüßte, daß Herr von Bentinck diese für sein Land wie für ihn selbst so wünschenswerten Grundsätze stets außer acht gelassen hätte und daß seine diesbezügliche Sinnesänderung Beweise von längerer Dauer erheischte, als ihm recht sein möchte. Er hat meine Antwort erhalten, sich dadurch aber nicht entmutigen lassen.

Ich hielt mich für verpflichtet, den Ratspensionär[187], Herrn van Slingelandt[188]und Herrn von Hompesch zubenachrichtigen. Wie sie mir sagten, wünscht Herr von Bentinck eine Annäherung an uns nur, um seinen Kredit hier und in England aufzufrischen, und er möchte wahrscheinlich zu einem der Bevollmächtigten der Republik auf dem künftigen Kongreß[189]ernannt werden.

Haag, 5. April 1760.

Ihren Erlaß vom 19. März über den Grafen Saint-Germain kann ich erst heute beantworten, weil das indiskrete Benehmen dieses Abenteurers (um nicht mehr zu sagen) mir Nachforschungen nötig erscheinen ließ, bevor ich Ihnen Bericht erstatte. Aber dies Benehmen ist derart, daß ich es für meine Pflicht halte, es zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen.

Am Tage nach Empfang Ihres Schreibens suchte Herr von Saint-Germain, der aus Amsterdam kam, mich auf. Er kam mit Herrn von Brühl und Kauderbach[190]und sagte mir, die Herren wollten mit ihm zum Grafen Golowkin[191]nach Ryswijk, wohin auch ich wollte. Ich sagte Herrn von Saint-Germain, daß ich ihn vorher zu sprechen wünschte, und teilte ihm zugleich den Inhalt Ihres Schreibens über seinen Plan mit. Er war davon niedergeschmettert. Zuletzt bat ich ihn, am nächsten Morgen um 10 Uhr zu mir zu kommen. Kurz darauf teilte ich Kauderbach den Inhalt Ihres Schreibens mit, worauf er sofort beschloß, Saint-Germain nicht nach Ryswijk mitzunehmen.

Saint-Germain ist nicht zu mir gekommen, und da ich glaubte, meine sehr deutlichen Erklärungen würden hinreichen, um ihn vorsichtig zu machen, ja ihn zum Verlassendes Landes bestimmen, so hielt ich es nicht für erforderlich, ihn nochmals zu mir zu bitten, sondern ließ es dabei bewenden, das, was Sie mir geschrieben haben, an die vornehmsten Vertreter der Republik und an einige fremde Gesandte mitzuteilen, sowie Herrn Astier in Amsterdam anzuweisen, die größten Bankhäuser vor den etwaigen Vorschlägen Saint-Germains zu warnen. Wie Herr Astier mir mitteilte, haben unter anderen die Herren Thomas und Adrian Hope seinen Aufenthalt bei ihnen als sehr lästig und peinlich empfunden und wollen die erste Gelegenheit wahrnehmen, um ihn loszuwerden.

Aber die beiden Briefe des Marschalls Belle-Isle, die Sie mir gesandt haben, scheinen mir zu beweisen, daß der Mann sich nicht an die ihm von mir erteilten Weisungen gehalten hat, sondern uns in neue Schwierigkeiten verwickeln wird. Diese Briefe erhielt ich Dienstag (1. April). Ich ließ Herrn von Saint-Germain auffordern, mich am Mittwoch früh aufzusuchen, aber er kam nicht, und vorgestern, am Donnerstag, sagte mir der Prinz von Braunschweig[192]in Gegenwart der Herren Golowkin und von Reischach[193], nachdem wir ihm unsere Gegenerklärungen[194]mitgeteilt hatten, er hätte erfahren, auf Befehl Seiner Majestät seien die Briefe, die Saint-Germain nach Versailles gerichtet hat, an mich übersandt worden.Wahrscheinlich würde ich bald noch andere erhalten; denn er wisse, daß Saint-Germain noch mehrere sehr lange geschrieben hätte, seit ihm mein Haus von mir verbotensei. Er selber hätte sich bestimmt geweigert, ihn zu empfangen. Trotzdem sei ihm bekannt, daß er andere Personen gesehen hätte und daß dieser Mensch hier noch immer Ränke spänne. Es ließe sich ihm zwar nichts zur Last legen, aber er sei in diesem Augenblick und hierzulande eine sehr gefährliche Person, und ein Mensch von solcher Dreistigkeit könne eine Unterhandlung durch einen einzigen Schritt erschweren und verzögern. Nun glaubte ich das Wort ergreifen zu müssen und sagte zum Prinzen Ludwig, ich sei vollauf ermächtigt, ihm sowie den Herren Golowkin und Reischach zu erklären, daß Saint-Germain von uns völlig desavouiert werde und daß auf irgendwelche Äußerungen von ihm über unsere Angelegenheiten oder unsere Regierung nichts zu geben sei. Ich sagte dem Prinzen von Braunschweig ferner, wenn er Gelegenheit habe, Herrn Yorke[195]zu sehen, vielleicht am gleichen Tage, so bäte ich ihn ernstlich, ihm von mir aus die gleiche Erklärung abzugeben. Dasselbe tat ich gestern morgen beim Ratspensionär und beim Greffier[196].

Vorgestern Abend, nach meiner Rückkehr aus Ryswijck, sandte ich zu Herrn von Saint-Germain und ließ ihn um seinen Besuch bitten. Er war nicht zu Hause. Ich sandte ihm eine schriftliche Einladung, mich gestern früh um acht Uhr aufzusuchen. Ich mußte nochmals nach ihm schicken; schließlich kam er. Ich hielt es nicht für angezeigt, ihm die Briefe des Herrn von Belle-Isle zu übergeben, da er schlechten Gebrauch davon machen könnte, aber ich sagte ihm, der Herr Marschall hätte mir auf ausdrücklichen Befehl des Königs geboten, alles anzuhören, was er mir zu sagen hätte. Ich fragte ihn, ob seine Eröffnungen sich auf unser Militär bezögen; erverneinte es. Ich fragte ihn, ob sie unsere Flotte oder unsere Finanzen beträfen. Er verneinte es gleichfalls. Hierauf entgegnete ich, sie könnten also lediglich politischer Natur sein, und darauf las ich ihm alles vor, was Sie mir über sein ihm bevorstehendes Schicksal bei seiner Rückkehr nach Frankreich geschrieben haben. Anfangs trug er große Gleichgültigkeit zur Schau, dann drückte er sein Erstaunen über die Behandlung aus, mit der man einen Mann seines Ranges bedrohe, aber schließlich schien ihn die Sache zu verwirren. Da er indes anscheinend nicht gesonnen war, den Plan, den sein Betätigungsdrang ihm eingibt, fallen zu lassen, warnte ich ihn beim Abschied nochmals sehr ernstlich und sagte ihm, wenn er sich noch weiterhin irgendwie in die Angelegenheiten und Interessen Seiner Majestät einmische, so würde ich Ihnen das melden und hier öffentlich sagen, daß alles, was er hier verbreitet habe, von Seiner Majestät und dessen Ministern völlig dementiert werde.

Sogleich ging ich zu Herrn Yorke ... und fragte ihn, ob Saint-Germain in seinem Hause gewesen sei. Er sagte, er sei zweimal bei ihm gewesen[197]. Beim ersten Besuch hätte er mit ihm vom Frieden gesprochen, und er selbst hätte sich lediglich in allgemeinen Wendungen über Englands ehrlichen Friedenswillen geäußert. Beim zweiten Besuch sei er, Yorke, zurückhaltender geworden, da er gehört habe, daß ich Saint-Germain mein Haus verboten hätte. Er fügte hinzu, daß der Herzog von Newcastle[198]auf seinen Bericht über den ersten Besuch des Mannes an ihn geschrieben hätte, er möge ihm erwidern, daß Eröffnungen über den Frieden von seiten Frankreichs in London stets willkommen seien, einerlei durch wen siegemacht würden. Aber ich weiß nicht, ob Herr Yorke ihm diesen Bescheid mitgeteilt hat.

Ich bitte Sie, Herr Herzog, diesen Bericht dem Herrn Marschall von Belle-Isle mitzuteilen. Ich bin sicher, daß er jeden brieflichen Verkehr mit einem Manne abbrechen wird, der sich in der von mir geschilderten Weise benommen hat. Anbei folgen die beiden Schreiben zurück, die er mir für Saint-Germain zugesandt hat.

Ich habe Ihnen noch zu sagen, daß Herr von Saint-Germain so anmaßend ist, überall zu behaupten und sogar mir zu sagen, daß Seine Majestät so gütig waren, ihm das Schloß Chambord unter den gleichen Bedingungen zuzuweisen wie dem verstorbenen Marschall von Sachsen, mit Ausnahme der Einkünfte, die er, wie er sagte, gar nicht zu haben wünschte.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 11. April 1760.

Aus meinem besonderen Schreiben über den Grafen Saint-Germain[199]haben Sie ersehen, welche Meinung ich von diesem unausstehlichen Abenteurer habe. Ich kann Ihnen versichern, daß alle Minister Seiner Majestät ebenso denken, und der König läßt Ihnen ausdrücklich befehlen, Sie sollen den sogenannten Grafen Saint-Germain nicht nur bei allen Personen in ganz Holland, von denen Sie annehmen können, daß sie diesen Halunken kennen, mit Schimpf und Schande in Verruf bringen, sondern Seine Majestät wünscht auch, daß Sie mit Berufung auf die zwischen ihm und Holland bestehende Freundschaft die Verhaftung dieses Burschen durchsetzen, damit er nach Frankreich überführt und gemäß der Schwere seinesVergehens bestraft wird. Es liegt im Interesse aller Herrscher und der öffentlichen Moral, daß mit solcher Unverschämtheit aufgeräumt wird, die sich in die Angelegenheiten einer Macht wie Frankreich einzumischen wagt, ohne dazu ermächtigt zu sein. Nach meiner Meinung ist das Auslieferungsverlangen in diesem Falle ebenso berechtigt, wie sonst bei Verbrechern. Somit hofft der König nicht ohne Grund, daß Saint-Germain auf Ihren Antrag verhaftet und mit sicherem Geleit nach Lille gebracht wird.

Ich muß gestehen, daß Sie nach meiner Meinung sehr schonend mit ihm verfahren sind und daß ich vielleicht nach Ihrer letzten Unterredung mit ihm den Befehl hätte geben sollen, ihm eine gute Tracht Prügel verabfolgen zu lassen.

Was er Ihnen über Chambord gesagt hat, ist eine Lüge ersten Ranges. Der König will durchaus, daß dieser Abenteurer alsbald in den Vereinigten Provinzen in Verruf und Mißkredit gebracht und, wenn möglich, so bestraft wird, wie sein Unterfangen es verdient. Seine Majestät hat mich ausdrücklich beauftragt, Sie in seinem Namen aufzufordern, daß Sie der Sache Ihre volle Aufmerksamkeit widmen.

Nachschrift.Wäre es nicht möglich, außer dem Antrag auf Auslieferung Saint-Germains bei den Generalstaaten einen Artikel in die holländischen Zeitungen zu bringen, durch den dieser Halunke ein für allemal diskreditiert wird, damit alle Betrüger, die ihn nachahmen wollen, eine Lehre erhalten? Auch dies hat der König vollauf genehmigt, und Sie werden es voll ausführen, wenn Sie es für möglich halten.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 17. April 1760.

Ich habe den Kurier bis heute zurückbehalten, um Ihnen über die Ausführung Ihrer Befehle, betreffend den sogenannten Grafen Saint-Germain, eingehend berichten zu können. Gestern suchte ich den Ratspensionär auf, las ihm alles vor, was Sie mir betreffs dieses dreisten Abenteurers geschrieben haben, und bat um dessen Verhaftung und Auslieferung im Namen Seiner Majestät. Das schien ihm Verlegenheit zu bereiten, aber er versprach mir trotzdem, alles zu tun, was in der Sache von ihm abhinge ...

Der Greffier sagte mir, er zweifle nicht, daß dieser Mann an uns ausgeliefert würde. Da jedoch Herr von Bentinck der Vorsitzende des ständigen Ausschusses ist, von dem die Sache während der Abwesenheit der Generalstaaten geprüft werden muß, fürchtete ich sofort, man werde Saint-Germain das Entkommen erleichtern, und diese Befürchtung ist eingetroffen.

Ich erwartete gestern morgen weitere Nachrichten, als Herr Kauderbach zu mir kam und mich fragte, ob ich schon von Saint-Germains Flucht gehört hätte? Ich verneinte es. Darauf sagte er mir, vorgestern abend zwischen 7 und 8 Uhr sei Herr von Bentinck im Hause dieses Abenteurers gewesen[200]und hätte es vor 9 Uhr verlassen. Dann wäre Herr Pieck van Soelen[201]hingekommen, aber nicht lange geblieben. Darauf wäre Herr von Bentinck zwischen 9 und 10 Uhr nochmals erschienen und bis nach Mitternacht dageblieben. Herr von Saint-Germain sei zu Bett gegangen; um 5 Uhr früh hätte er Tee getrunken, undein Bedienter des Herrn von Bentinck sei mit einem vierspännigen Mietswagen vor der Tür erschienen. Der Schwindler hätte ihn bestiegen, aber der Wirt könne nicht angeben, welche Straße er eingeschlagen habe, noch könne er sagen, ob Herr von Bentincks Bedienter mitgefahren sei. Diese Abreise geschah so hastig, daß er im Wirtshause seinen Degen und Koppel, sowie ein Paket mit Silber- oder Zinnspänen und ein paar Flaschen mit einer unbekannten Flüssigkeit hinterlassen habe. Ich hielt an mich, um Herrn Kauderbach meine Entrüstung über das Benehmen des Herrn von Bentinck zu verbergen. Ich sagte ihm nicht mehr, als ich ihm über das Auslieferungsgesuch sagen sollte, und fragte nur, ob er all der mir angegebenen Einzelheiten sicher sei. Er entgegnete mir, er habe sie von Saint-Germains Gastwirt, einem Sachsen, und schlug vor, diesen zu mir zu senden. Wir ließen ihn holen, und er bestätigte alles, was Herr Kauderbach mir gesagt hatte.

Als Herr Kauderbach mein Haus verlassen hatte, ließ ich den Ratspensionär um eine Audienz bitten. Er war gerade von einem großen Mahle zurückgekehrt, bei dem er seit 7 Uhr gewesen war, und schob meinen Besuch bis heute 9 Uhr morgens auf. Ich ging zu ihm und fragte ihn, wie die Angelegenheit mit Saint-Germain stände. Er entgegnete, er allein könne die Verantwortung nicht auf sich nehmen, und ich müsse durchaus Herrn von Bentinck, dem Vorsitzenden des ständigen Ausschusses, eine Denkschrift überreichen. Der Ausschuß werde wohl Saint-Germains Verhaftung beschließen, nicht aber seine Auslieferung, bevor er nicht von den Staaten von Holland bei ihrem demnächstigen Zusammentritt dazu ermächtigt sei. Ich erwiderte, daß ich auf die Überreichung einer Denkschrift an Herrn von Bentinck verzichte und ihmauch den Grund dafür sagen wolle. Dann erzählte ich ihm Saint-Germains Flucht mit allen Einzelheiten und dem, was vorhergegangen war, ohne den Gastwirt weiter zu erwähnen, und stellte alles so dar, daß er glauben mußte, ich hätte das Ein- und Ausgehen des Herrn von Bentinck in dem Gasthofe und das Erscheinen seines Bedienten mit dem Mietswagen nur durch die Wachsamkeit meiner Spione erfahren. Er schien mir über alles, was er hörte, ehrlich entrüstet. Darauf sagte ich ihm, da man dem Abenteurer vom Haag aus zur Flucht verholfen hätte, hätte er vielleicht Zuflucht in Amsterdam gefunden, und ich wolle an unseren Marinekommissar, Herrn Astier, schreiben, er solle den Schurken im Namen Seiner Majestät verhaften und bis auf weiteren Befehl in sicherem Gewahrsam halten lassen ... Ferner sagte ich dem Ratspensionär, da der Abenteurer vielleicht in anderen Provinzen der Generalstaaten Zuflucht gesucht habe, würde ich zugleich die Genehmigung Seiner Majestät einholen, einen Antrag an die Hochmögenden zu stellen, und falls insbesondere die Provinz Holland oder eine andere diesen Akt der Gerechtigkeit abschlagen oder ihn dadurch vereiteln sollte, daß sie Saint-Germain zur Flucht behilflich sei, so würden wir ihn schon zu finden wissen, und ich sei sicher, wenn er in England oder sonstwo ermittelt würde, daß er nach Friedensschluß unmittelbar an uns ausgeliefert würde. Letzteres schien den Ratspensionär sehr in Verlegenheit zu setzen, und es sollte mich nicht wundern, wenn er in Amsterdam auf unseren Antrag hin verhaftet würde, aber ich bin überzeugt, daß er die Grenze der Republik bereits erreicht hat.

Die Denkschrift[202], zu deren Einreichung an die Generalstaaten ich Ihre Erlaubnis erbitte und deren Entwurf ichhier beilege, kann, wenn es Seiner Majestät genehm ist, in allen Zeitungen erscheinen. Sie wird diesem Abenteurer einen Stempel aufdrücken, den er nie wieder los werden wird. Sie ist eine Art von Verurteilungin contumaciam, die ihn in ganz Europa brandmarkt.

Ich glaube, der Schwindler ist in arger Geldverlegenheit. Er hat sich von dem Juden Boas[203]2000 Gulden geborgt, für die er bei dem Juden drei Opale, falsche oder echte, in einem versiegelten Papier als Pfand hinterlassen hat. Die 2000 Gulden sollen am 25. d. M. bezahlt werden, und Herr Boas sagte gestern zu Herrn Kauderbach, wenn der Wechselbrief am 25. nicht einträfe, würde er die drei Opale öffentlich versteigern lassen. Betreffs des Herrn von Bentinck werde ich gemäß Ihrem letzten Erlaß handeln, falls Seine Majestät mir nicht neue diesbezügliche Befehle erteilt. Wenn ich ihn dieser Tage treffe, werde ich mit ihm von Herrn von Saint-Germain und dessen Abreise sprechen, ohne mich bloßzustellen, aber so, daß ich ihn zwinge, sein Benehmen und seine Beziehungen zu diesem Abenteurer ein für allemal abzuleugnen.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 24. April 1760.

Der König genehmigt, daß Sie den Generalstaaten die Denkschrift über den sogenannten Grafen Saint-Germain einreichen, deren Entwurf Sie mir übersandten.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 25. April 1760.

Man glaubt, daß der sogenannte Graf Saint-Germain sich nach England begeben hat. Ich hörte sagen, er hättesolche Angst vor der Verhaftung gehabt, daß er nicht in der Stadt Hellevoetsluis zu bleiben gewagt hat, sondern sich sofort auf ein Paketboot begab, wo er bis zum Augenblick der Abfahrt blieb, ohne den Fuß an Land zu setzen. Andere glauben, er sei nach Utrecht gefahren, von wo er Deutschland erreicht haben muß.

Haag, 30. April 1760.

Hochmögende Herren! Ein Unbekannter, der sich Graf Saint-Germain nennt und dem mein Herr und König Zuflucht in seinem Reiche gewähren wollte, hat seine Gnade gemißbraucht. Er ist vor einiger Zeit nach Holland und seit kurzem nach dem Haag gekommen, wo er ohne irgendeine Vollmacht Seiner Majestät und des Ministeriums und ohne irgendeinen Auftrag in schamloser Weise ausgesprengt hat, er wäre zu Unterhandlungen im Namen des Königs ermächtigt. Mein Herr und König befiehlt mir ausdrücklich, dies Ihnen, hochmögende Herren, öffentlich mitzuteilen, damit niemand in Ihrem Machtbereich durch einen derartigen Schwindler getäuscht werde.

Seine Majestät befiehlt mir ferner, die Auslieferung dieses Abenteurers von dunkler Herkunft zu beantragen, der von Anfang an die ihm gewährte Zuflucht gemißbraucht hat, indem er sich beikommen ließ, von der Regierung des Königreiches mit ebenso großer Dreistigkeit wie Unkenntnis zu reden und die falsche und dreiste Behauptung zu verbreiten, er sei mit Vertretung der wichtigstenInteressen meines Herrn und Königs betraut. Seine Majestät zweifelt nicht, daß Sie, hochmögende Herren, ihm die Gerechtigkeit nicht versagen werden, die er von Ihrer Freundschaft und Gerechtigkeit erwarten darf, und daß Sie veranlassen, daß der angebliche Graf Saint-Germain verhaftet und mit guter Bedeckung nach Antwerpen gebracht wird, um von dort nach Frankreich überführt zu werden. Ich hoffe auf unverzügliche Gewährung dieser Bitte.

Haag, 30. April 1760.

In der Versammlung wurde die Denkschrift des Herrn Grafen d’Affry, Botschafter Seiner Majestät des Königs von Frankreich, die die Person eines sogenannten Grafen Saint-Germain reklamierte, verlesen.

Darauf wurde in die Beratung eingetreten. Die Deputierten der verschiedenen Provinzen haben die erwähnte Denkschrift in Abschrift entgegengenommen, um sie in ihren Provinzen weiter mitzuteilen. Ferner wurde einstimmig beschlossen, die Abschrift der obigen Denkschrift dem Herrn Pieck van Soelen und anderen Mitgliedern der Generalstaaten, die zum auswärtigen Ausschuß gehören, zur weiteren Prüfung und Berichterstattung an die Versammlung zu übergeben[206].

Sonntag, 9. März 1760.

Saint-Germain erzählte mir, England würde dem Frieden keine Hindernisse in den Weg legen, Frankreich dagegen Schwierigkeiten bereiten. Der französische König und Frau von Pompadour, der ganze Hof sowie das gesamte Land verlangten leidenschaftlich nach Frieden. Der Herzog von Choiseul sei der einzige, der dies Bestreben zu vereiteln suche. Er habe seinen Einfluß gewonnen, als er am Wiener Hof weilte[208]. Alles Elend und Mißgeschick in Europa habe der Versailler Vertrag von 1756 verursacht. Durch eine geheime Klausel in demselben sei Flandern dem Infanten zugesichert, und dafür solle Schlesien nach seiner Eroberung der Königin von Ungarn abgetreten und übertragen werden[209]. Einen Weg aus dieser Verlegenheit gebe es: nämlich der Friedensschluß zwischen England und Frankreich. Das übliche System von Präliminarien, Kongressen und Konferenzen würde nur die Lösung unbegrenzt hinausschieben und zu einem neuen Kriege führen. Der bloße Gedanke lasse einen erschaudern.Sobald man nur einige annehmbare Vorschläge vorbrächte oder nur etliche aufrichtige und vertrauenswürdige Männer sich ins Mittel legten, würde seiner Ansicht nach der Friede zustande kommen, den England ebenso dringend gebrauche wie Frankreich. Der König und Frau von Pompadour verlangten sehnsüchtig nach Frieden, nicht minder der englische König. Ebenso wären der Herzog von Newcastle[210]und Lord Granville[211]dafür eingenommen.Pitt[212], der jetzt mit ihnen beiden gemeinsame Sache mache, hätte bisher stets seine Pläne durchkreuzt; aber er wäre dem Könige verhaßt.

Ein Schotte, namens Crammon, der in Paris lebe, habe ein Schreiben von Neufville in Amsterdam[213]erhalten, mit dem Auftrage, sich auf seinen Empfang vorzubereiten. Er bekam noch einen weiteren Brief über Brüssel aus London, und dieses letztere Schreiben enthielt Andeutungen über einen Sonderfrieden zwischen Frankreich und England. Diese Andeutungen kamen vom Herzog von Newcastle und Lord Granville. Frau von Pompadour habe ihn von dem Inhalt dieses Schreibens unterrichtet; sie sei hocherfreut gewesen und habe ihm aufgetragen, Choiseul davon in Kenntnis zu setzen. Nach anfänglicher Weigerung habe er, Saint-Germain, schließlich nachgegeben. Aber Choiseul verwerfe alles.

Dienstag, 11. März 1760.

Wie Saint-Germain mir sagte, hat er Frau von Pompadour mitgeteilt, was zwischen mir und ihm vorgefallenist[214], ... und auch an den Minister in diesem Sinne geschrieben. Auf meine Frage, wie der Minister diese Nachricht aufnehmen werde, sagte er lächelnd, doch mit zuversichtlichem Blick, es werde sich in Versailles bald manches ändern, und er gab mir zu verstehen, daß es nicht in Choiseuls Macht liegen werde, den Frieden noch lange zu hintertreiben.

Freitag, 4. April 1760.

Der Ratspensionär Steyn erzählte mir, d’Affry hätte ihm mitgeteilt, daß die Weisungen Choiseuls, betreffend Saint-Germain, in der Hauptsache darauf hinausliefen, alles, was Saint-Germain für den Frieden getan hätte oder tun würde, zu desavouieren. Ferner sei er beauftragt, Saint-Germain davon zu unterrichten und die Drohung hinzuzufügen, bei weiterer Einmischung würde er bei seiner Rückkehr nach Frankreich eingekerkert[215]...

An demselben Tage speiste Saint-Germain zusammen mit mir und erzählte mir, d’Affry habe ihm die Befehle mitgeteilt und Choiseuls Brief[216]gezeigt. Er hätte geantwortet, das werde ihn nie an der Rückkehr nach Frankreich hindern und diese Drohungen würden nie zur Ausführung gelangen; sie stammten lediglich von Choiseul. Ferner berichtete er, er hätte Yorke schon vor 17 Jahren als Kind kennen gelernt und die Familie Yorke wäre stets die Güte selbst zu ihm gewesen. D’Affry hätte ihm auch seine häufigen Besuche bei mir vorgehalten, aber er, Saint-Germain, hätte erklärt, daß er damit fortfahren würde. Dann habe d’Affry ihm Choiseuls Brief zusammen mit dem gezeigt, den er selbst an Frau von Pompadourgeschrieben habe[217]. Dazu bemerkte Saint-Germain, nach seiner Überzeugung hätte Choiseul diesen der Frau von Pompadour gestohlen. Wiederholt hätte ihm d’Affry gesagt, Frankreich werde nie Vertrauen in mich setzen. Nach allem scheint es, als ob sich Saint-Germain aus den Weisungen, die d’Affry empfangen hat, wenig macht, und noch weniger aus Choiseul selbst.

Dienstag, 15. April 1760.

Der Ratspensionär erzählte mir, d’Affry habe ihm die in der letzten Nacht durch Kurier überbrachten Befehle gezeigt, in denen es hieß, daß Saint-Germain „ein bloßer Landstreicher“ sei, und daß alles, was er etwa vorgebracht habe, dementiert werden solle. Es solle Klage gegen ihn erhoben, er solle festgenommen und nach Lille zur weiteren Überführung nach Frankreich gebracht und dort eingekerkert werden[218]... Demgegenüber entwickelte ich meine Ansicht, daß Saint-Germain, wie andere Fremde, im Vertrauen auf den Schutz der Gesetze hergekommen sei und auf seine persönliche Sicherheit rechne; daß er kein Kapitalverbrecher sei, wie Mörder oder Giftmischer, denen kein Herrscher Schutz gewähre, und daß das Asylrecht in unserer Republik als geheiligt gelte ... Er stimmte dem zu, schien aber sehr besorgt wegen der Aufnahme in Frankreich.

Darauf ging ich zum Greffier, der mir in Gegenwart des Ratspensionärs und ebenso wie dieser von d’Affrys Besuch und seinen Forderungen erzählte und daß er ihm geraten habe, sich an die Regierung selber zu wenden usw., daß er aber nicht glaube, die Regierung werde jemand ausliefern, der im Lande im Vertrauen auf dessen Schutzlebe, und der sich kein scheußliches Verbrechen, dem kein Herrscher Schutz gewähre, habe zu schulden kommen lassen.

Mittwoch, 16. April 1760.

Als ich Yorke mitteilte, was ich soeben über Saint-Germain gehört hatte, erwartete ich, er werde ihn in Schutz nehmen; denn Yorke hatte mit Saint-Germain zu verhandeln begonnen und ihn ermutigt. Ich habe seine Originalbriefe an Saint-Germain selbst gesehen; sie sind sehr freundlich und ermutigend. Statt aber Saint-Germain in Schutz zu nehmen, nahm er seinen harten, hochmütigen und anmaßlichen Ausdruck an und sagte, es sei ihm „sehr lieb, Saint-Germain in den Händen der Polizei zu sehen“. Ich war wie vom Donner gerührt und sagte ihm mit voller Absicht meine Meinung, freilich in sehr höflicher und vorsichtiger Weise, um ihn nicht zu verletzen. Aber Yorke blieb dabei und sagte, er „wüsche sich betreffs Saint-Germains die Hände in Unschuld“. Auch verweigerte er mir einen Paß für das Paketboot, um den ich ihn bat. Als ich ihn drängte, sagte Yorke schließlich, wenn ich einen Paß alspersönlicheGunst erbäte, werde er ihn mir „mit Rücksicht auf meine Stellung“ nicht abschlagen. Ich nahm es an und betonte, daß d’Affry uns eine Menge Scherereien machen könne, denen sich vorbeugen ließe, wenn man Saint-Germain die Flucht ermöglichte. Darauf rief Yorke seinen Sekretär und ließ einen Paß bringen, den er unterzeichnete und mir unausgefüllt aushändigte, so daß Saint-Germain seinen eigenen Namen oder irgendeinen anderen hineinsetzen konnte, um sich den Verfolgungen d’Affrys oder seiner Agenten zu entziehen. Ich ging mit dem Paß fort, ohne Yorke zu zeigen, wie sehr ich über diesen Vorfall verletzt und empört war.

18. April 1760.

D’Affry besuchte mich, und als er von Linnières und seinen Beziehungen zu Saint-Germain sprach[219], fiel mir dieser Name auf und erregte meine Neugierde, da ich viel über ihn in England gehört hatte, wo er längere Zeit gewesen war und in den besten Kreisen verkehrt hatte. Kein Mensch dort wußte, wer er war. Aber das wunderte mich nicht, da es in England keine Geheimpolizei gibt. Um so erstaunlicher war dagegen, daß er in Frankreich unbekannt war. Nur der König, so erzählte d’Affry, kannte ihn, und in England, wie er glaubte, der Herzog von Newcastle. Ich berichtete d’Affry, was ich über Saint-Germain, sein Gebaren, seinen Reichtum, sein prächtiges Auftreten gehört hatte, ebenso über die Regelmäßigkeit, mit der er seine Schulden bezahlte, und über die großen Summen, die er in England, wo das Leben teuer ist, ausgab usw. Darauf bemerkte d’Affry, sicher wäre er ein merkwürdiger Mann; die seltsamsten Geschichten würden von ihm erzählt, eine immer abgeschmackter als die andere. Z. B. solle er den Stein der Weisen besitzen, 100 Jahre alt sein, obwohl er noch nicht wie ein Vierziger aussähe usw. Meine Frage, ob er ihn persönlich kenne, bejahte er; im Hause der Prinzessin Montauban sei er ihm begegnet. Saint-Germain sei in Versailles hochwillkommen und eine bekannte Persönlichkeit gewesen und habe oft Frau von Pompadour besucht. Er sei verschwenderisch und trete prächtig auf. Unter anderem erwähnte er seine kostbaren Gemälde, Juwelen und Kunstgegenstände. An Weiteres erinnere ich mich nicht mehr ...

Auf die Mitteilung von Linnières, daß ich seine Bekanntschaft wünschte, machte mir Saint-Germain im März seinen Besuch. Seine Unterhaltung gefiel mir außerordentlich; sie war glänzend, voll Abwechslung und reich an Schilderungen der verschiedenen Länder, die er gesehen hatte — alles sehr fesselnd. Seinen Urteilen über Personen und Sachen, die mir bekannt waren, konnte ich nur beipflichten. Sein Auftreten war sehr höflich und bewies, daß er in der besten Gesellschaft aufgewachsen war.

Mit Frau Geelvinck und Herrn A. Hope[220]war er von Amsterdam herübergekommen, wo er täglich im Hause des Bürgermeisters Hasselaar[221]verkehrte. Er hatte von der Hasselaarschen Familie Empfehlungen an Herrn van Soelen im Haag, der ihn zu Frau von Byland und anderswohin mitnahm. Am Geburtstag des Prinzen von Oranien[222]nahm ich ihn nach dem „Alten Hof“ (Oude Hof), wo ich seinen Namen nannte, zum Ball mit, wo er von den Hasselaars, Frau Geelvinck und Frau Byland und anderen angesprochen wurde.

Er wollte ursprünglich am Tage nach dem Ball wieder abreisen und hatte zu dem Zwecke eine Kutsche aus Amsterdam gemietet, um mit den beiden Damen, die mit ihm gekommen waren, dorthin zurückzukehren. Aber sie hielten ihn drei bis vier Tage länger auf. Während dieser Zeit war er täglich mit d’Affry zusammen, bei dem er auch speiste, bevor er wieder nach Amsterdam abreiste. Ich hatte verschiedene Unterredungen mit ihm, doch ist das meiste meinem Gedächtnis entfallen. Ich muß noch bemerken, daß während der Zeit,die zwischen dem Ball und seiner Abfahrt verstrich, d’Affry im steten Glauben, daß er abreisen wolle, ihm täglich Wein und Fleisch sandte. Das kann ich persönlich bezeugen, da ich zugegen war, als d’Affrys Bote ihm zwei Tage hintereinander die Sachen brachte. Da aber Saint-Germain trotzdem nicht abreiste, kam er zu Tisch in d’Affrys Haus ...

Ich ging selbst zu Saint-Germain und riet ihm in seinem eigenen Interesse, sobald als möglich fortzugehen[223]. Ich erzählte, ich wäre von dritter Seite unterrichtet[224], daß d’Affry Befehl habe, seine Festnahme zu bewirken, worauf er unter Bedeckung an die Grenze gebracht und an Frankreich ausgeliefert werden solle, damit er dort für den Rest seines Lebens eingekerkert würde. Er war außerordentlich überrascht, nicht sowohl über Choiseuls Befehle, als darüber, daß d’Affry daran dächte, sie in einem Lande, wo Recht und Gesetz noch Geltung hätten, zur Ausführung zu bringen. Er stellte eine Menge Fragen, eine immer gemessener als die andere, und mit der größten Ruhe der Welt. Ich wollte mich auf keinerlei Erörterung einlassen, da es mir zu schwierig schien, alle seine Fragen zu beantworten und alle Punkte, die er zur Sprache brachte, aufzuklären. Ich sagte ihm, dazu wäre keine Zeit; er solle vielmehr an sofortige Abreise denken, wenn ihm seine Sicherheit lieb wäre. Bis zum anderen Morgen hätte er für seine Vorbereitungen Zeit, da d’Affry die Schritte, die er etwa vorhätte, nicht vor 10 Uhr am nächsten Morgen unternehmen könnte. Vor diesem Zeitpunkte müsse also Saint-Germain seine Pläne gefaßt und ins Werk gesetzt haben. Darauf wurde Art und Weise und Ziel der Reise besprochen. Für das erstere stellte ich mich zur Verfügung; für das letztere riet ich zu England.Wir einigten uns darüber, und ich erbot mich, ihm von Herrn Yorke den Paß zu besorgen, dessen er zur Einschiffung auf dem Paketboot bedurfte. Da ein Schiff am nächsten Tage fahren sollte, drängte ich ihn, sich so schnell als möglich nach Hellevoetsluis zu begeben. Sei das geschehen, kämen alle Schritte d’Affrys zu spät ...

Abends zwischen 7 und 8 Uhr brachte ich Saint-Germain den Paß. Er richtete einen Haufen Fragen an mich, auf die ich aber nicht einging; vielmehr bat ich ihn, lieber an Wichtigeres zu denken als Fragen zu stellen, die in der gegenwärtigen Bedrängnis abgeschmackt und nutzlos seien. Er entschloß sich zur Abreise. Da keiner von seinen Bedienten Sprache, Straßen und Bräuche des Landes kannte, bat er mich, ihm einen der meinigen zu leihen, was ich mit Vergnügen tat. Ja, ich tat noch mehr, ich bestellte einen Mietswagen mit vier Pferden, der ihn angeblich nach Leiden bringen sollte, für den nächsten Morgen um 4½ Uhr vor mein Haus und beauftragte einen Diener, den Grafen Saint-Germain auf den richtigen Weg zu bringen und bei ihm zu bleiben, bis dieser ihn zu mir zurückschicken würde.

Yorke an Lord Holdernesse[226]

Haag, 14. März 1760.

Da Seine Majestät[227]geruht hat, Frankreich seine Meinung über die europäischen Verhältnisse im großen undganzen mitzuteilen und durch mich seinen Wunsch nach Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe auszudrücken[228], nehme ich an, daß der Versailler Hof diesen Weg als den gangbarsten ansieht, um sich mit England in Verbindung zu setzen. Das ist wenigstens der nächstliegende Grund für Frankreichs Versuche, mich durch einen Dritten auszuforschen.

Euer Lordschaft kennen die Geschichte des seltsamen Mannes, der unter dem Namen eines Grafen von Saint-Germain bekannt ist. Er hat sich eine Zeitlang in England aufgehalten[229], ohne irgendwie hervorzutreten; die zwei bis drei letzten Jahre hat er in Frankreich verbracht, wo er auf vertrautestem Fuße mit dem König von Frankreich, Frau von Pompadour, dem Marschall von Belle-Isle usw. stand. Das hat ihm das Geschenk des königlichen Schlosses Chambord eingetragen und ihn instand gesetzt, in jenem Land eine gewisse Rolle zu spielen. In meinen Privatbriefen glaube ich schon einmal von diesem Phänomen gesprochen zu haben.

Der Mann ist vor ein paar Tagen hier angekommen. Er tauchte für einige Tage in Amsterdam auf, wo er sehr umschmeichelt wurde und wo man viel von ihm redete. Anläßlich der Hochzeit der Prinzessin Karoline[230]kam er nach dem Haag, wo er der gleichen neugierigen Aufmerksamkeit begegnete. Seine Zungenfertigkeit warb ihm Zuhörer; der Freimut, mit dem er über alles mögliche sprach, erregte allerlei Vermutungen, nicht zuletzt die, daß er als Friedensunterhändler gekommen sei. Herr d’Affrybehandelt ihn mit Achtung und Aufmerksamkeit, ist aber sehr eifersüchtig auf ihn.Ich für mein Teil kümmerte mich nicht um ihn und habe mir nicht einmal die Mühe gegeben, meine Bekanntschaft mit ihm zu erneuern. Trotzdem sprach er bei mir vor, ich erwiderte seinen Besuch, und gestern wünschte er mich zu sprechen, erschien aber nicht zur bestimmten Stunde. Heute früh wiederholte er seine Bitte, und ich empfing ihn.

Er sprach zunächst von der schlechten Lage Frankreichs, von seinem Friedensbedürfnis und seinem Wunsch, Frieden zu schließen, sowie von seinem eigenen Ehrgeiz, zu einem für die gesamte Menschheit so erwünschten Ziele beizutragen. Schließlich betonte er seine Vorliebe für England und Preußen, die ihn nach seiner Behauptung in Frankreich jetzt beliebt mache. Da ich ihn zur Genüge kenne und mich auf eine Unterhaltung mit ihm, ohne näher unterrichtet zu sein, nicht einlassen wollte, war ich zuerst sehr ablehnend und sagte ihm, dergleichen Dinge seien zu heikel, um sie mit unberufenen Leuten zu erörtern; ich wünschte daher seine Absichten kennen zu lernen.

Dies Verfahren verfehlte seinen Zweck nicht; denn sofort zeigte er mir als Beglaubigungsschreiben zwei Briefe des Marschalls von Belle-Isle vom 14. und 26. Februar. In dem ersteren sandte ihm der Marschall einen Blankopaß des Königs von Frankreich mit der Erlaubnis, ihn auszufüllen. In dem zweiten wartete er mit Ungeduld auf Nachrichten von ihm, und in beiden ergeht er sich in Lobeserhebungen über seinen Eifer, sein Geschick und die Hoffnungen, die er auf den Zweck seiner Sendung setze. An der Echtheit beider Briefe zweifle ich nicht. Nachdem ich sie gelesen und ihm ein paar übliche Komplimente gemacht hatte, bat ich ihn, sich zu erklären, was er folgendermaßen tat.

Der König, der Dauphin, Frau von Pompadour, der ganze Hof und das gesamte Volk, mit Ausnahme Choiseuls und Berryers[231], wünschen Frieden mit England. Sie könnten nicht anders, da die innere Lage es fordere. Die wahre Gesinnung Englands ist ihnen unbekannt, und sie wünschen mit Anstand aus der Sache herauszukommen. Herr d’Affry ist nicht eingeweiht, und der Herzog von Choiseul ist so österreichisch gesinnt, daß er nicht alles ausplaudern wird; aber das hat nichts zu bedeuten, denn er wird hinausgesetzt werden. Frau von Pompadour ist nicht für den Wiener Hof, aber sie ist unentschlossen, weil sie nicht weiß, auf wen sie sich verlassen kann. Sie wird aber entschlossen werden, sobald sie des Friedens gewiß ist. Der Marschall von Belle-Isle hat mit Wissen des Königs von Frankreich den Grafen Saint-Germain als Fühler vorgeschoben. Auf Spanien rechnet man nicht und macht sich in dieser Hinsicht keine Hoffnungen[232], obgleich der Herzog von Choiseul sich bemüht, diesen Glauben zu erwecken. Das und vieles andere brachte der politische Abenteurer vor.

Ich schwankte sehr, ob ich ihm gegenüber auf die Sache eingehen sollte; da ich aber von der Richtigkeit seiner Sendung überzeugt war, glaube ich keine Mißbilligung zu finden, wenn ich in allgemeinen Wendungen antwortete. Ich sagte ihm also, der König wünsche ernstlich den Frieden, und daran sei kein Zweifel möglich, da er ja inmitten seiner Erfolge, die seitdem noch beträchtlich zugenommen hätten, die Hand zum Frieden geboten habe. Mit unseren Verbündeten[233]sei die Sacheleicht, aber ohne sie unmöglich, und Frankreich kenne unsere Lage zu gut, um sie erst von mir erfahren zu müssen. Auf Einzelheiten könne man jedoch erst eingehen, wenn wir vom ernstlichen Friedenswunsch der Gegner überzeugt seien; zudem sei ich nicht eingeweiht. Ich ging dann auf Frankreichs Abhängigkeit von den beiden Kaiserinnen[234]und auf die unangenehmen Aussichten ein, die sich für Frankreich böten, selbst wenn der König von Preußen Unglück hätte. Aber ich hütete mich wohl, über die allgemeinsten, wenn auch durchaus positiven Versicherungen hinauszugehen, daß Seine Majestät die Wiederherstellung des Friedens wünsche.

Als das Gespräch lebhafter wurde, fragte ich ihn, welcher Verlust für Frankreich am empfindlichsten gewesen sei? Ob es Kanada[235]wäre?

„Nein,“ sagte er, „denn wir wissen, daß es uns 36 Millionen gekostet hat, ohne uns etwas einzubringen.“

„Guadalupe?“

„Deswegen wird der Frieden nicht scheitern, denn wir haben auch ohne diese Insel Zucker genug.“

„Ostindien?“

„Das ist der empfindliche Punkt, denn es hängt mit unserer Finanzlage zusammen.“

Ich fragte ihn, was man von Dünkirchen dächte.

„Man wird es ohne Schwierigkeit schleifen; darauf können Sie sich verlassen.“

Nun fragte er mich, was wir von Minorka dächten.

Ich entgegnete ihm, wir hätten es vergessen, wenigstens spräche niemand mehr davon.

„Das“, sagte er, „habe ich ihnen hundert und tausendmal gesagt. Auch die Kostenfrage brächte uns sehr in Verlegenheit.“

Das sind die Hauptpunkte einer dreistündigen Unterredung, über die ich ihm zu berichten versprach.

Er bat mich um Geheimhaltung und sagte, er ginge nach Amsterdam und Rotterdam, bis er erführe, daß ich eine Antwort erhalten hätte. Ich habe ihn nicht ermutigt, darauf zu warten, aber auch nicht das Gegenteil getan.

Ich hoffe, Seine Majestät wird mein Benehmen nicht mißbilligen. Es ist in solchen Verhältnissen nicht leicht, das Rechte zu treffen, aber ich kann diese Verhandlungen ebenso leicht abbrechen, wie ich sie angeknüpft habe. Der König scheint ja dem Frieden eine Tür öffnen zu wollen, und Frankreich scheint ihn sehr nötig zu haben. Die Gelegenheit scheint günstig, aber bevor ich weiter gehe, erwarte ich Weisung. Ein allgemeiner Friedenskongreß scheint nicht nach Frankreichs Geschmack, und man scheint weiter gehen zu wollen, als man gesagt hat, aber es wäre Frankreich sehr angenehm, wenn man ihm irgendein Angebot machte; denn Seine Allerchristlichste Majestät und die Marquise sind etwas schwer von Entschluß.

Lord Holdernesse an Yorke

Whitehall, 21. März 1760.

Ich kann Ihnen zu meiner Freude mitteilen, daß Seine Majestät Ihr Verhalten bei der Unterredung mit dem Grafen Saint-Germain, die Sie durch Geheimbericht vom 14. melden, durchaus billigt. Insbesondere ist es dem König lieb, daß Sie so vorsichtig waren, nicht auf Einzelheiten einzugehen, bevor er die beiden Briefe des Marschalls von Belle-Isle vorzeigte, die, wie Sie richtig bemerken,eine Art Vollmacht waren. Da Sie ihm gegenüber nur in allgemeinen Wendungen und gemäß Ihren früheren Instruktionen gesprochen haben, würde es auch nichts schaden, wenn Ihre Worte öffentlich bekannt würden. Seine Majestät hält es für wahrscheinlich, daß der Graf Saint-Germain — vielleicht sogar mit Vorwissen des Königs von Frankreich — von einigen Mitgliedern des Staatsrats tatsächlich beauftragt war, so zu reden, und es ist einerlei, durch welche Mittelsperson man zum erwünschten Ziele kommt. Weiter aber dürfen die Unterhandlungen zwischen einem beglaubigten Gesandten Seiner Majestät und einer Persönlichkeit wie Saint-Germain, so wie dieser bisher auftritt, nicht gehen. Alles, was Sie sagen, ist offiziell, wogegen Saint-Germain kurzerhand verleugnet werden kann, wenn es dem französischen Hofe paßt. Deshalb ist sein Auftrag auch nicht nur dem französischen Gesandten im Haag unbekannt, sondern auch dem Minister des Auswärtigen in Versailles, der, wenn ihn auch das gleiche Los treffen kann, wie seinen Vorgänger, Kardinal von Bernis[236], doch der offizielle Minister ist.

Seine Majestät wünscht also, daß Sie dem Grafen Saint-Germain sagen sollen: in Beantwortung des Berichtes, den Sie mir über Ihre Unterredung mit ihm schrieben, hätten Sie Befehl erhalten, ihm zu sagen, Sie könnten mit ihm über so wichtige Dinge nur reden, wenn er einen authentischen Beweis dafür beibrächte, daß er tatsächlich mit Wissen und Wollen Seiner Allerchristlichsten Majestät handle. Zugleich aber können Sie hinzufügen, da der König stets geneigt sei, die Reinheit seiner Gesinnung und seinen ehrlichen Wunsch nach Vermeidung jedes weiteren Vergießens von Christenblut zu beweisen, sei er bereit, sich über die Friedensbedingungen auszulassen,wenn der französische Hof einen gehörig beglaubigten Unterhändler schickte. Dabei werde jedoch vorausgesetzt, daß, wenn beide Kronen sich über die Friedensbedingungen einigten, der französische Hof ausdrücklich und zuverlässig seine Zustimmung erklärte, daß die Verbündeten Seiner Majestät, insbesondere der König von Preußen, in das Abkommen einbegriffen werden. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß England sich auf keine Friedensunterhandlungen einläßt, in die Seine Majestät nicht als Kurfürst [von Hannover] eingeschlossen wird.

Yorke an Lord Holdernesse

Haag, 28. März 1760.

Gestern morgen besuchte mich der Graf Saint-Germain, da ich ihn hatte wissen lassen, daß ich ihn sprechen möchte. Ich erklärte ihm offen, weitere Verhandlungen mit ihm seien unmöglich, wenn er nicht eine Vollmacht, die von dem König von Frankreich oder in dessen Namen ausgestellt sei, vorweisen könne. Ich sagte ihm, ich sei beglaubigt und er nicht, und daher könne alles, was er sage, sogleich desavouiert werden, wogegen alles, was von mir käme, das Gepräge der mir vom König verliehenen Eigenschaft trage. Ich betonte das als Einleitung zu den Eröffnungen, die ich auf Weisung Eurer Lordschaft vom 21. ds. Mts. machen sollte. Ich setzte hinzu, obwohl es klar sei, daß die Meinungen am französischen Hofe auseinandergingen, würden wir nicht mit verschiedenen Personen unterhandeln, die teils Vollmacht hätten und teils nicht. Da, wie er wisse, der König seinen Feinden einen Kongreß offen angeboten habe und dank der unvergleichlichen Hochherzigkeit Seiner Majestät Unterhandlungen mit Herrn d’Affry hätten angeknüpft werdenkönnen, sei jede weitere Erörterung über die Nutzlosigkeit und Unzweckmäßigkeit weiterer Schritte von unserer Seite zwecklos, wenn wir keine Gegenliebe fänden.

Nachdem ich dies vorausgeschickt hatte, sagte ich zu ihm: Ganz abgesehen von der Person, deren Briefe er mir früher gezeigt hätte, und in der Überzeugung, daß er ein so heilsames Werk ehrlich zu fördern wünsche, hätte der König mir erlaubt, ihm mitzuteilen, daß Seine Majestät auch künftig einer Aussöhnung mit dem französischen Hofe geneigt sei. Das könne jeden Wohlmeinenden von der Lauterkeit der Gesinnung Sr. Majestät überzeugen. Demgemäß teilte ich ihm die Weisung Eurer Lordschaft mit und erlaubte ihm auf seine Bitte, Abschrift von dem letzten Teile zu nehmen, von den Worten: „Seine Majestät wünscht also“, bis zum Schluß.

So weit bin ich gemäß dem mir erteilten Auftrag gegangen. Da jedoch seit meinem letzten Bericht über den Grafen von Saint-Germain ein Zwischenfall eingetreten ist, über den d’Affry (der noch nichts über meine Unterredung mit ihm weiß) ganz offen gesprochen hat, wünschte ich die Geschichte aus seinem eigenen Munde zu hören, und er erzählte mir folgendes:

Am Sonntag (23. März) erhielt d’Affry einen Kurier vom Herzog von Choiseul mit der Weisung, zu erklären, Saint-Germain hätte keinerlei Auftrag vom Versailler Hofe, und er (d’Affry) solle ihn wissen lassen, daß er nicht in seinem Hause verkehren dürfe, ja er solle ihm dies sogar verbieten[237]. Das teilte d’Affry dem Saint-Germain am Mittwoch (26. März) bei seinem Besuche mit, und zwar im Namen des Königs von Frankreich. Als dieser aber den Befehl zu sehen verlangte, da er sich nicht denkenkonnte, daß er vom König selbst käme, räumte d’Affry ein, daß der Befehl nicht vom König selbst, sondern vom Herzog von Choiseul als Staatssekretär des Auswärtigen käme. Dies begleitete er mit Versicherungen seiner Hochachtung und drückte zugleich den Wunsch aus, ihn am nächsten Tage nochmals zu sprechen. Saint-Germain jedoch lehnte dies ab, da er nicht gewillt sei, den Gesandten nochmals zu einem Verstoß gegen seine Befehle zu veranlassen, die er bereits durch seinen Empfang übertreten hätte. D’Affry ließ einfließen, daß dieser Befehl die Folge eines Briefes sei, den Saint-Germain an die Marquise von Pompadour geschrieben hätte[238], und durch den er, wie er sich ausdrückte, in Versailles in Teufels Küche geraten sei, obwohl er leugnete, von dem Inhalt des Briefes das geringste zu wissen. Saint-Germain berief sich auf die ihm bei seinem ersten Besuche gegebenen Beweise dafür, daß er nicht ohne Vollmacht sei, und erklärte, daß die möglichen Folgen seiner Briefe ihm keine Kopfschmerzen verursachten, was den Gesandten einigermaßen mißtrauisch machte. Schließlich verabschiedete er sich kurzerhand. Nichtsdestoweniger ließ d’Affry sich gestern wieder nach ihm erkundigen. Dabei ließ er ihm sein Bedauern ausdrücken, ihn nicht gesehen zu haben, und seine Besorgnis, er möchte unpäßlich sein. Ob er seitdem bei ihm war, weiß ich nicht.

Diese neue Episode in dem Roman Saint-Germains verwundert mich nicht sehr. Ebensowenig sollte es mich wundern, wenn über kurz oder lang ein mächtiger französischer Minister seinem Treiben ein Ende macht, obwohl er behauptet, sich vor nichts zu fürchten.

Ich war jedoch begierig zu erfahren, was er nun vorhat und wie er sein Unternehmen fortsetzen will. Mir scheint, fürs nächste wird er nicht recht wissen, was er tun soll. Ob aus Furcht vor dem Groll des Herzogs von Choiseul, oder, wie er behauptet, wegen der Tatlosigkeit des Königs von Frankreich und der Unschlüssigkeit der Marquise, vermag ich nicht zu sagen. Aber ich fand ihn im Zweifel darüber, ob er nicht versuchen solle, den Herzog von Choiseul selbst für das System zu gewinnen, das seine eigenen Auftraggeber seiner Ansicht nach vertreten. Es war nicht meines Amtes, ihn dazu zu ermutigen, und so sagte ich nur, die Sache schiene mir, aus der Entfernung gesehen, heikel zu sein und könnte seine Beschützer in Ungelegenheit bringen.

Dann suchte ich von ihm zu erfahren, in welcher Weise er von meinen Eröffnungen Gebrauch machen werde, und ob er selbst nach Versailles zu gehen gedächte. Dies lehnte er fürs erste ab, da er, wie er sagte, sonst gleich wieder zurückgeschickt würde und nur neuen Argwohn erregen müßte. Doch wollte er einen seiner Diener mit drei Briefen absenden, einem an die Frau von Pompadour, einem an den Marschall von Belle-Isle und dem dritten an einen Prinzen von Geblüt, den Grafen von Clermont[239], den er anfangs als seinen Busenfreund und als einen Mann hingestellt hatte, der des Königs Vertrauen unabhängig von seinen Ministern besäße und sehr für einen sofortigen Friedensschluß mit England einträte.

Um jeden Verdacht zu zerstreuen, zeigte er mir tatsächlich einen Brief dieses Prinzen an ihn vom 14. d. M., der in den freundschaftlichsten und herzlichsten Ausdrückengehalten war, seine Abwesenheit beklagte und seine baldige Rückkehr herbeiwünschte. Er hegte keinen Zweifel, daß er von den beiden Letztgenannten Antworten erhalten würde. Von Frau von Pompadour, sagte er, erwarte er dies nicht, denn es wäre bei ihr Grundsatz, über Staatsangelegenheiten nichts zuschreiben, obwohl es unbedingt nötig sei, sie zu unterrichten, damit sie in den Stand gesetzt werde, ihrerseits zu wirken.

Das alles klingt sehr wahrscheinlich, aber der Erfolg muß sich erst noch zeigen. Inzwischen ist es klar, daß die französischen Minister gegeneinander arbeiten und somit verschiedene Systeme verfolgen. Welches den Sieg davontragen wird, hängt nicht von uns ab, aber es kann für den königlichen Dienst nicht nachteilig sein, daß die Gesinnung Seiner Majestät am französischen Hofe bekannt wird, einerlei durch welche Mittelsperson dies geschieht.

Daß d’Affry dem Grafen Saint-Germain noch Komplimente macht, nachdem er ihm den Befehl des Herzogs von Choiseul mitgeteilt hatte, ist ebenso ungewöhnlich wie das übrige, zumal er dessen Beziehungen zum Marschall von Belle-Isle sehr wohl kennt und den vom König ihm ausgestellten Paß gesehen hat.

Dies ganze Mysterium wird nach und nach aufgeklärt werden, und ich werde nicht verfehlen, Euer Lordschaft von allem zu unterrichten, was ich darüber erfahren kann. Ich ließ Saint-Germain wissen, daß er oder irgendeine andere gehörig beglaubigte Person England genehm sei. Was wir gegenwärtig einzuwenden hätten und was die ganze Sache zum Stillstand brächte, sei der Mangel einer richtigen, ausreichenden Vollmacht.

Hellen an König Friedrich

Haag, 15. März 1760.

Hier ist soeben eine Person eingetroffen, die vielleicht weitgehende Aufträge hat. Es ist eine Art Abenteurer, ein Mann, dessen Vaterland unbekannt ist. Er durchstreift seit mehreren Jahren die Welt, tritt überall groß auf, spricht alle neueren Sprachen und nennt sich Graf Saint-Germain. Ich hatte bereits die Ehre, E. M. einen Immediatbericht darüber zu senden, wie weit dieser Mann es verstanden hat, sich beim Versailler Hofe beliebt zu machen[241]. Wie man mir versichert, hat ihm der König von Frankreich soeben das Schloß Chambord geschenkt. Er ist seit etwa 3 Wochen in Holland, mit einer Empfehlung an Herrn Hope[242], den reichsten Kaufmann in Amsterdam, bei dem er sogar vierzehn Tage gewohnt hat. Hier hat er Empfehlungen an die reichsten portugiesischen Juden. Wie behauptet wird, hat er den Auftrag, über 30 Millionen (Anleihe) für Frankreich zu verhandeln, aber ich neige zu der Ansicht, daß er andere Aufträge hat, und zwar ohne Wissen des Grafen d’Affry, der ihn zwar höflich behandelt, aber im Grunde sehr eifersüchtig auf ihn ist.

Gestern bat er um eine Unterredung mit dem General Yorke, die 2 Stunden gewährt hat. Das sagte mir dieseram Abend ins Ohr, mit dem Zusatz, er schiene beauftragt, ihn auszuforschen, und er würde mir bei anderer Gelegenheit mehr darüber sagen. Ich hoffe, mit der nächsten Post darüber berichten zu können[243].

Heute muß ich mich auf die Meldung beschränken, daß der Mann viel schwatzt, sich als Gegner Österreichs ausgiebt und Frankreich wegen seines Bündnisses mit Wien laut tadelt. Dagegen ist er ein großer Anhänger Eurer Majestät. Ich selbst hörte ihn neulich ganz laut in Gesellschaft und fast in nächster Nähe des Barons Reischach[244]sagen, Frankreich hätte sich sehr unklug benommen.

König Friedrich an Hellen

Freiberg, 22. März 1760.

Ich kann mir kaum vorstellen, daß der König von Frankreich einen Menschen, den man eigentlich nur als Abenteurer ansehen kann, mit einem so wichtigen Auftrag wie Friedensverhandlungen betraut. Sie werden daher gut tun, sich nicht auf den Anschein noch auf unbestimmte Gerüchte zu verlassen, sondern dem Mann scharf auf die Finger zu sehen. Es scheint mir wohl möglich, daß er den Auftrag hat, wegen einer Anleihe zu verhandeln, aber dreißig Millionen kommen mir doch etwas stark vor.


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