Der Sohn
I
Joachim Becker erscheint am nächsten Morgen im Verwaltungsgebäude, um mit dem Hafendirektor einiges zu besprechen.
Der Kapitän muß von Fräulein Spandau erst gesucht werden. Der Generaldirektor geht solange in sein Zimmer, setzt sich vor den Schreibtisch und kann es sich nicht versagen, in die umherliegenden Papiere einen Blick zu werfen.
Er ist so vertieft, daß er fast aufschreckt, als das Telephon neben ihm rasselt. Er nimmt den Hörer ab und murmelt ärgerlich ein »Hallo« in den Apparat.
»Herr Kapitän?« hört er eine fragende Stimme.
Er weiß nicht sofort, woher ihm dieser Tonfall bekannt ist, aber er ist irgendwie davon betroffen und verliert so weit seine kühle Überlegung, daß er möglichst tonlos in der Art des Kapitäns ein »Ja« murmelt.
»Hier Irmgard Pohl«, vernimmt er nun, und es fällt ihm ein, daß er noch niemals mit ihr telephoniert hat. Ihre Stimme wirkt in der Verwandlung durch den Draht sehr tief und voll.
Seine Herzschläge werden heftiger und rascher. Er ist ärgerlich darüber, zumal ihm bewußt wird, daß er jetzt nicht länger hören darf, was für ihn nicht bestimmt ist.
»Ich muß Sie leider bitten, Herr Kapitän, heute nicht zu kommen. Unser Michael hat den Keuchhusten. Wir möchten doch vermeiden, daß Sie die Krankheit etwa zu den Kindern der Schiffer im Hafen bringen —«
Er wirft den Hörer hin und rennt erregt im Zimmer umher.
›Ist es nötig,‹ denkt er, ›daß der Kapitän mehr als das Geschäftliche drüben erledigt? Was hat er mit der Tochter zu tun? Und was sind das für Kinderkrankheiten drüben? Wie kommen Kinder in die Mühle?‹
Er wird immer ärgerlicher, weil er hier vor etwas Fremdem steht, vor einer Tatsache, die so unerwartet über ihn herfällt. Und weil er fühlt, daß das Vergangene ihn doch nicht so unberührt läßt. Wäre er sonst dermaßen erregt? Er ist unerklärlicherweise voller Zorn auf den Kapitän.
Der kommt ahnungslos herein, begrüßt ihn mit dem stets freundlichen Lächeln im braunen, hageren Gesicht und spricht gleich von den geschäftlichen Dingen.
Joachim Becker hört unaufmerksam zu. Er ist sehr nervös und muß sich zusammennehmen, um nicht ungerechte, ärgerliche Bemerkungen zu machen. Außerdem fürchtet er das erneute Klingeln des Telephons.
Die Sache ist ihm verdammt peinlich. Er sieht ein, daß er nicht schweigend darüber hinweggehen kann. Schließlich sagt er:
»Übrigens — ich habe da vorhin eine telephonische Bestellung für Sie entgegengenommen. Von der Mühle drübenhat jemand angerufen, Sie möchten nicht hinkommen, es hätte jemand den Keuchhusten —«
Er ärgert sich über das doppelte »jemand«, das ihm zu betont unpersönlich scheint. Dem Kapitän kann es nicht entgangen sein.
»Das ist ja sehr unangenehm,« meint der Kapitän, »sehr unangenehm.«
»Na, Sie werden sich doch nicht gleich den Keuchhusten holen«, sagt der Generaldirektor laut, mit übertriebenem Gelächter.
Der Kapitän lächelt höflich. »Nicht für mich natürlich. Ja, das tut mir sehr leid.«
Joachim Becker erhofft immer noch eine Erklärung. Er kann das Gefühl nicht loswerden, daß der Kapitän sie ihm absichtlich vorenthält.
»Da drüben sind anscheinend Kinder? Ich dächte doch, daß Erwachsene keinen Keuchhusten haben?« fragt er endlich.
»Allerdings nicht«, meint der Kapitän lächelnd. »Ja, ein Sohn ist da. Ein Knabe, von etwa zwei Jahren glaube ich.«
»So —« Der Generaldirektor fühlt, daß seine Ohren brennen und wendet sich halb ab. In seiner Verlegenheit zieht er die Uhr und sucht seine Aktentasche, um in sein Stadtbureau zurückzukehren.
Obgleich das konziliante Lächeln im verschlossenen Gesicht des Kapitäns ihn bis zum Äußersten reizt, gibt er ihm sehr liebenswürdig zum Abschied die Hand.
»Ja, was mir eben einfällt«, sagt er an der Tür. »War die alte Frau Pohl drüben nicht gelähmt?«
»Ich hörte auch einmal davon«, erwidert der Kapitän. »Soviel ich weiß, ist sie jetzt gesund.«
»Soso, das ist ja sehr erfreulich.« Er geht mit langen Schritten, ohne sich umzusehen, zu seinem Wagen.
Unterwegs rückt er auf den Polstern hin und her. Plötzlich lacht er nervös auf.
Der Chauffeur macht eine kleine Bewegung, als fühle er sich angerufen, fährt aber in steifer Haltung weiter.
›Zum Teufel!‹ denkt der Generaldirektor, ›was ist das für eine verrückte Geschichte! Ich könnte doch wahrhaftig fast den Kerl da vorn fragen, ob es möglich ist, daß ein altes Weib von beinahe fünfzig Jahren, das lange Zeit gelähmt und wahnsinnig war, noch Kinder kriegen kann.‹
Und dann rechnet er und überlegt, ob in seiner Umgebung nicht ein einziger Mensch ist, der es ihm gesagt haben könnte, wenn dieser Junge wirklich — Er stellt fest, daß er ganz allein ist und daß alle, denen es etwa bekannt war, gerade ihm gegenüber diskret schweigen mußten.
Auch der Kapitän ist mit dem Gespräch nicht zufrieden. Er kann nur annehmen, daß Irmgard Pohl ihm selbst die Mitteilung machen wollte. Und nun sollte sie mit dem gesprochen haben, den sie gerade jetzt zu vergessen im Begriff ist?
Während er nervös umherläuft und überlegt, was er zu unternehmen habe, vergißt er sogar, daß er nun um denBesuch gebracht wird. Er war hier in heiterer Stimmung spazierengegangen und hatte sich darauf gefreut.
Da liegen seine Papiere und warten auf ihn. Er hat im Grunde keine Zeit, sich während des Dienstes mit persönlichen Dingen abzugeben. Aber er nimmt langsam den schief eingehängten Hörer ab und läßt sich mit Irmgard Pohl verbinden.
Sie meldet sich von der Wohnung aus, und er glaubt zu entnehmen, daß sie in Ungeduld sei.
»Hier v. Hollmann«, sagt er so laut, daß seine heisere Stimme mehr Klang bekommt. Wenn er telephoniert, so ist es auch immer, als riefe er gegen einen mächtigen Sturm, der ihm die Verständigung erschwert.
Irmgard Pohl scheint im ersten Augenblick nicht zu wissen, mit wem sie es zu tun hat, denn sie kannte ihn immer nur als den »Kapitän«. Dann begrüßt sie ihn sehr herzlich und bedauert, daß die Verbindung vorhin gestört worden sei.
Ja, das bedaure er auch sehr lebhaft, noch mehr jedoch die Mitteilung von der Erkrankung des Knaben.
So, nun ist er im Bilde. Er atmet erleichtert auf. Aber blitzschnell fährt es ihm doch durch den Kopf, während er sich nach Fräulein Pohls Befinden erkundigt, daß der Generaldirektor aus irgendwelchen Gründen eine Täuschung beging.
Noch weiß er nicht, ob zu persönlichen oder geschäftlichen Zwecken. Jedenfalls findet er, daß es nicht leicht ist, diesem Mann gegenüber immer gerecht zu bleiben.
Irmgard nimmt alle guten Wünsche des Kapitäns entgegen und vertröstet ihn mit ihrer Musikstunde auf spätere Wochen. —
Es ist nicht mehr viel von der gestrigen heiteren und leichten Stimmung in ihr. Und wenn zuweilen noch einige Harmonien in ihr Ohr klingen, so werden sie bald von dem furchtbaren Stickhusten des kleinen Kranken zerstört.
Frau Pohl, die während der ganzen Nacht in ihrer Angst nicht schlafen konnte, hat sich nun hinlegen müssen und der Tochter die Pflege des Kindes nicht ohne Sorge überlassen.
Irmgard nimmt bei jedem Anfall den kleinen zuckenden Körper in ihre Arme, und die Tränen schießen ihr in die Augen, wenn sie diese Qual miterlebt.
Seine hellblonden geringelten Haare kleben naß auf dem Kopf, das Gesicht ist rot und verquollen. Er hat nun das Alter erreicht, in dem jedes Kind Freude bereitet. Fest und drollig trippelte er auf seinen stämmigen Beinchen umher, seine Stimme war hell, die Aussprache eigenwillig und ein steter Anlaß zu Belustigungen.
Noch nie ist so viel in der Familie Pohl gelacht worden wie in den letzten Monaten, während sich sein Sprachtalent entwickelte.
Irmgard glaubt, daß sie diesen reizenden, munteren Burschen keineswegs weniger lieben würde, wenn er ihr Bruder oder gar ein fremdes Kind wäre. Daß er von offener und heiterer Art ist, kann ihm in diesem Alter schon nachgesagtwerden. Wer sollte wohl solch einen Knaben, der außerdem schön und anschmiegsam ist, nicht in sein Herz schließen?
Man kann nicht übersehen, daß er nach Michael Pohl geraten ist. Nun, da sein Kopf durch das Fieber breiter scheint und die Augen tiefer in die Höhlen gesunken sind, tritt die Ähnlichkeit noch markanter hervor. Irmgard denkt, wenn es wahr sei, daß die Gefühle der Mutter Einfluß auf die Entwicklung der Kinder gewönnen, so wäre hier ein Beweis dafür, denn sie hatte in jener Zeit fast mehr um den Vater als um Joachim Becker gelitten.
Nur der schmale Mund, die Unduldsamkeit und der herrische Ton in der hellen, lauten Stimme mochten von ihm herrühren. Noch lieben sie alle diese Eigenschaften an ihm und freuen sich ihres kleinen Tyrannen.
Jetzt aber liegt er still in den Kissen, sein Atem geht pfeifend und hastig, und wenn er hochgehoben wird, so schlingt er seine Arme fest um Irmgards Hals und preßt das zerquälte heiße Gesicht gegen ihre Wange.
Irmgard ist zu gesund und vernünftig, um auf den Gedanken zu kommen, daß der Knabe nun so leiden müsse, weil sie gestern im Begriff war, ihn aufzugeben, oder weil es sie im letzten Jahr immer weniger schmerzte, wenn die Mutter ihn allein für sich in Anspruch nahm.
Doch sie hat keine Sehnsucht mehr nach der »Welt«, sie nimmt es als eine Mahnung hin, daß trotz allem in diesem Hause der Pflichterfüllung ihr Platz sei. Sie weißwieder, daß sie im Grunde eine ernste und arbeitsame Natur ist, die nur zuweilen feiertäglich beschwingt und gelöst sein will. In der Erinnerung an diesen Abend der Klänge und der Heiterkeit erkennt sie gleichzeitig, daß sie solcher Stunden auch bedarf, um nicht wie die Mutter über ihrem Tagewerk zu erkalten.
Sie beschließt, sobald der Knabe wieder gesund sei — der Gedanke an eine ernstliche Gefahr liegt ihr vollkommen fern —, den Kapitän zu bitten, daß er sie wieder in ein Konzert oder Theater begleite. —
Als die Krankheit des Kindes sich steigerte und heftigere Formen gewann, ließ Schwester Emmi es sich nicht nehmen, zu Herrn Pohl in das Bureau hinüberzugehen, um dort einige Ratschläge aus ihrer Praxis niederzulegen. In die Wohnung wollte sie sich »ihrer Kinder wegen« nicht begeben, so gern sie persönlich geholfen hätte.
Herr Pohl drückt ihr immer wieder die Hand. Er läuft in diesen Tagen unruhig und mit vielen Umwegen in seinem Betriebe umher und kann nicht still in seinem Schreibtischsessel sitzen. Nun schreibt er alles getreulich auf, was Schwester Emmi ihm diktiert, und sagt kaum ein Wort.
Das wäre wohl das letzte, daß er diesen kleinen Kerl verlieren sollte, den er allmählich ohne viel Aufhebens in sein altes, viel getäuschtes Herz aufnahm.
Er begleitet Schwester Emmi bis vor die Tür und gibt beim Abschied ihre kleine feste Hand langsam frei. Wie erdurch den dunklen Korridor zu seinem Zimmer zurückgeht, stützt er sich ein paarmal mit der Handfläche schwer gegen die Wand. —
Vor der Kantine begegnet Schwester Emmi dem Generaldirektor. Sie will ihm flink ausweichen, aber er tritt ihr entgegen und sagt sehr ungehalten:
»Ich sehe, Sie verlassen hier Ihren Platz!«
Sie glaubt, daß er sah, woher sie kam, und greift rasch zu einer Lüge.
»Ich hatte nur in der Mühle für die Verwaltung etwas auszurichten«, stammelt sie.
»So. Sie von der Fürsorge hätten am wenigsten Ursache, die ansteckende Krankheit von drüben hierher zu verschleppen. Oder ist die Gefahr vorüber?« fügt er etwas milder hinzu.
Es fällt ihr ein, daß es sich doch eigentlich um seinen eigenen Sohn handele und daß die Besorgnis ihr vor dem Generaldirektor zur Ehre gereichen müsse. Sie antwortet daher mit betrübtem Blick:
»Leider nein. Es steht sehr schlimm.«
Unwillkürlich sieht sie dabei verlegen zu Boden, und da sie in Anwesenheit von Vorgesetzten immer ein wenig verwirrt ist, zieht ein roter Schein über ihr kleines Gesicht.
Der Generaldirektor ist seit dem Telephongespräch in dieser Angelegenheit mißtrauisch geworden. Er vermutet überall Mitwisser, hämischen Klatsch. Im übrigen aber hofft er noch, daß seine wahnwitzige Hypothese falsch sein könne. Er bringtsich selbst in schiefe Situationen, um endlich aus der scheußlichen Ungewißheit herauszukommen. Vielleicht hat er zage vermutet, bei diesem Gespräch, das zu einer glatten Zurechtweisung der armen Fürsorgeschwester wurde, etwas zu erfahren.
Ärgerlich wendet er sich ab und geht in das Verwaltungsgebäude.
Am Schluß der geschäftlichen Besprechung mit dem Kapitän sagt er:
»Ich sah vorhin die Fürsorgeschwester von der Mühle kommen. Was hat gerade sie dort zu suchen, wo die ansteckende Krankheit ist? Hatten Sie keinen anderen Boten?«
Es verstimmt ihn, daß er nicht sofort davon sprach, sondern nervös während der geschäftlichen Auseinandersetzung die geschickteste Formulierung suchte. Seine Worte klingen daher schroffer, als es in seiner Absicht lag.
Der Kapitän ist nicht geneigt, sich von einem Vorwurf, zu dem keine Veranlassung vorliegt, auf Kosten eines Angestellten zu befreien. Außerdem weiß er nun, worauf Joachim Becker hinauswill.
»Ja,« meint er leichthin, während er mit den Händen auf dem Rücken in die Mitte des Raumes stelzt, »sie ist drüben bekannt, die Schwester Emmi. Sie hat seinerzeit Fräulein Pohl gepflegt. Übrigens haben Sie wohl auch nicht gewußt, daß sie eigentlich gelernte Säuglingsschwester ist?«
»Nein«, sagt der Generaldirektor verdutzt. Nun hat er seine Gewißheit. Auf so viel Aufklärung war er nicht einmal gefaßt. »Sie macht doch ihre Sache bei unserer Fürsorge ganz gut?« bringt er, immer noch sehr barsch, hervor.
»Allerdings, ausgezeichnet«, erwidert der Kapitän, der nun seine Stiefelspitzen beguckt. »Die Kenntnisse schaden durchaus nicht. Warum sollen sie nicht auch hier im Hafen noch zu verwerten sein?«
Er lacht wie über einen Witz. Der Generaldirektor nimmt es als eine geschmacklose Anspielung und verabschiedet sich zum erstenmal von diesem korrekten Mitarbeiter, ohne ihm die Hand zu reichen. — — —
Eines Nachts, nachdem Frau Pohl in ununterbrochener Pflege um das Leben des kleinen Kranken gekämpft hat, wird sie wieder von dieser Vision erschreckt: ein Kind, noch unausgeprägt in seinen Formen, vielleicht erst wenige Tage alt, liegt ohne Atem in ihrem Arm; sie lauscht, tastet und kann die Starrheit des winzigen Körpers mit ihrer eigenen Wärme nicht lösen.
Unmittelbar anschließend erscheint ihr dann diese beängstigende Barriere, die undurchdringliche Wand vor dem Abgrund in ihrer Erinnerung.
Sie weiß nichts mit diesem Bild zu beginnen, denn da liegt ihr Kind mit den Zügen Michael Pohls, und es fehlt ihr jede Ordnung in ihrem Gedächtnis.
Sie beugt sich zu dem Knaben herab und lauscht, dicht am fiebernden Körper, seinem geschwächten Herzschlag. Periodisch wiederkehrende Erstickungsanfälle, wohl vierzig an diesem Tag, haben den kleinen Organismus vollkommen erschüttert.
Frau Pohl starrt mit ihren heißen, fanatischen Augen angespannt auf die Uhr. Sie hat sich die Zeit für den nächsten Anfall ausgerechnet. Die Sekunden schleichen. Aber der Zeiger rührt sich, rückt fürchterlich vorwärts.
Das Brausen und Feilen des Blutes in ihrem Kopf, die gleichmäßigen Atemzüge ihres Mannes, der — hilfsbereit — angekleidet auf seinem Bett liegt, das Ticken der Uhr scheinen ihr lärmende Geräusche in der nächtlichen Stille.
Der Knabe wirft sich herum. Frau Pohl umklammert das Gitter des Bettes, vornübergebeugt, atemlos.
Den Körper gestrafft, jedes Gefühl, jeden Gedanken ausgeschaltet, alle Kräfte im wartenden Blick, im Lauschen des Ohrs gesammelt, so verharrt sie ohne Gefühl für Zeit und Raum.
Sie nimmt wahr, wie die Atemzüge allmählich reiner und gemäßigter werden, wie der Körper sich beruhigt, wie die fiebernde Röte schwindet.
Unvermittelt entsinnt sie sich der Uhr. Überschreitet der Zeiger nun die Zahl, ohne daß die Stille von jenem grauenhaften Bellen und Stöhnen des Kindes gestört wird?
Sie wendet ihr Gesicht zum Zifferblatt. Es verschwimmt, grau, mit einem tanzenden Zahlenkreis, vor ihrem Blick. Sie hebt die Hände über die Augen und starrt fassungslos auf die Uhr. Zwei Stunden sind vergangen, zwei Stunden war ihr eigenes Dasein ausgeschaltet, zwei Stunden bereits beginnt der Knabe zu genesen.
Sie preßt die Zähne gegen ihren Handrücken, um nicht vor Freude zu schreien. Sie weint lautlos, mit krampfhaft unterdrücktem Schluchzen, während sie in der Mitte des Zimmers steht, hager, abgezehrt, mit ihrem glühenden, eingefallenen Gesicht.
Dann setzt sie sich auf den Stuhl neben das Kinderbett und schläft augenblicklich ein, die Hände im Schoß, den Kopf zur Seite geneigt, die rissigen Lippen leicht geöffnet. —
Im Morgengrauen erwacht Michael Pohl. Die Kleider kleben an seinem Körper. Die Glieder sind schwer, ohne Gefühl.
Ein schwaches, leise stöhnendes Husten läßt ihn erschreckt hochfahren. Mit stechendem Schmerz fühlt er das Blut von der raschen Bewegung in den Schläfen aufwallen und verebben.
Er geht zum Kinderbett hinüber. Auch Frau Pohl ist von dem Geräusch schreckhaft erwacht. Sie beugt sich über den Knaben und hebt das Gesicht zu ihrem Mann wieder auf.
»Er hat im Schlaf gehustet«, flüstert sie, mit einem weichen Lächeln im ausgeruhten Gesicht.
Ihre Blicke haften ineinander, sekundenlang. Michael Pohl berührt sachte ihre Schultern. Da fährt sie zusammen.
»Wieder habe ich es gesehen«, flüstert sie ängstlich. »Jetzt, in diesem Augenblick, ganz deutlich.«
Er löscht das Licht und führt sie in das Nebenzimmer. Blaugraue nebelverhüllte Morgenluft ist hinter den Fenstern.
Während Frau Pohl starr geradeaus blickt, beginnt er, sie vorsichtig auszufragen.
Sie erzählt von der Vision.
»Ja,« sagt er, den Blick ruhig, zwingend auf ihre Augen gerichtet, »das war dein Sohn! Und der Knabe nebenan, den du dir heute nacht ins Leben zurückgerettet hast, ist Irmgards Sohn. Aber nun gehört er dir, als wäre er dein eigener.«
Sie versucht, den Kopf zu bewegen. Steif wendet sie ihn dem Fenster zu und starrt wieder in ihre Erinnerung zurück.
»Wie lange war ich krank?« fragt sie mühselig, tonlos.
»Fünf Jahre.«
»Fünf Jahre ...« wiederholt sie langsam.
Michael Pohl nimmt ihre kalten, zuckenden Hände auf.
»Alles,« flüstert sie hastig, »alles mußt du mir erzählen!«
Und er berichtet langsam, was sie zunächst zu fassen vermag, bis mählich ihre Augen ruhig werden und sie alle Zusammenhänge erkennt.
Sie äußert sich nicht. Sie lehnt stumm den Kopf an seine Schulter und schließt die Augen.
Er streicht zärtlich über ihre stumpfen braunen Haare mit den grauen Streifen und atmet leichter, befreit. Ob jetzt das Leben auch für sie beide noch einmal beginnt? — — —
Nun weiß Joachim Becker, welche Bewandtnis es mit dem Knaben in der Mühle hat, und könnte zur Tagesordnung übergehen. Laufen nicht genug Kinder in der Welt umher, die von ihren Vätern niemals gesehen wurden, ja, von deren Existenz die Erzeuger keine Ahnung haben? Es wäre wirklich keine Ursache, diese Angelegenheit allzu wichtig zu nehmen.
Aber daß er gerade jetzt auch von der Krankheit erfahren mußte, kompliziert den Fall. Schließlich ist er ein fühlender Mensch, und wenn jemand schwer darniederliegt, kann er ihm seine Teilnahme nicht versagen. Er malt sich aus, was der Verlust für Irmgard Pohl bedeuten müßte, denn an ein Kind von fast zwei Jahren hat man sich immerhin gewöhnt. Schon aus diesem Grunde hätte er gern gewußt, wie es mit dem Knaben steht.
Er findet eine geschäftliche Angelegenheit, die sofort mit dem Kapitän besprochen werden kann. Also fährt er wieder in den Hafen und sieht sich dort gelegentlich auch nach Schwester Emmi um. Man könnte ihr heute ein freundliches Wort geben, obgleich ihm der Gedanke nicht angenehm ist, daß sie recht viel von seinen rein privaten Angelegenheiten weiß.
Schwester Emmi wird ihn wohl rechtzeitig erspäht haben. Sie läuft nicht ein zweites Mal blind in Ungelegenheitenhinein. Aber der Kapitän ist da, freundlich und höflich wie immer. Joachim Becker sieht ein, daß er ihm neulich Unrecht getan hat.
Er drückt ihm kräftig die Hand und bietet ihm von seinen Zigaretten an, während sie sich über die Fortschritte am Bau ihres Getreidespeichers unterhalten.
»Nun werden wir es bald nicht mehr nötig haben, unser Getreide drüben einzulagern.«
»Wie steht es übrigens jetzt mit der Ansteckungsgefahr? Es wäre mir sehr peinlich, wenn einer der Schiffer, die hier im Winterlager sind, dadurch mit seinen Kindern Sorgen bekäme«, meint der Generaldirektor bei dieser Gelegenheit. Es gelingt ihm der beabsichtigte leichte Ton.
Vielleicht ist der Kapitän der Ansicht, daß die Sorge um die Kinder der Schiffer erst an zweiter Stelle käme. Er rückt ein wenig an seinem Stuhl und erwidert:
»Wie solche Krankheiten manchmal verschleppt werden können, ist nicht abzusehen. Ich habe mich gestern telephonisch erkundigt und die betrübliche Nachricht erhalten, daß der Junge in größter Gefahr schwebt. Ob die Krisis jetzt überwunden ist, weiß ich nicht.«
Wenn er mehr Erbarmen mit Joachim Becker hätte, der so vortrefflich seine Vatergefühle verbirgt, dann würde er vielleicht seiner Sekretärin Auftrag gegeben haben, anzufragen, wie es jetzt »drüben« steht. Der Generaldirektor hätte eine beruhigende Nachricht mitnehmen können, wenn sie auchsonst ohne Wert für ihn wäre. Doch der Kapitän unternimmt nicht mehr, als für einen neutralen Mann nötig ist.
Joachim Becker drückt sein Bedauern über den traurigen Fall aus und wendet sich wieder den geschäftlichen Dingen zu.
Nachdem er sich verabschiedet hat, läßt der Kapitän sich sofort mit Irmgard Pohl verbinden, um seinerseits Gewißheit zu gewinnen.
»So, das ist ja ausgezeichnet, ausgezeichnet!« antwortet er auf die gute Auskunft hin. Er beugt sich in seinem Stuhl vor, den Arm mit dem Hörer aufgestützt, als wolle er sich noch lange in dieser angenehmen Weise unterhalten.
»Da gratuliere ich uns allen!« ruft er hinterher.
»Ja, mir auch«, antwortet er auf Irmgards Frage, »denn ich habe doch die Einladung nicht vergessen.«
Er plaudert im gleichen angeregten Ton weiter: Gewiß, eine Woche würde er sich gern gedulden, auch etwas länger, wenn es sein müßte.
Dann richtet er sich plötzlich auf. Seine Stimme wird noch lauter, weil er den Ton sehr tief aus der Kehle holen muß.
Wie? Verreisen? Wie lange? Ein ganzes Jahr? In die Schweiz? Er habe doch recht gehört: sie selbst? Ja, dann wünsche er alles Gute. Ach, in ein paar Wochen erst? Gewiß, dann hätte er noch Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden. Demnach also auf Wiedersehen! Und eine Empfehlung an die Eltern!
Er legt den Hörer langsam hin. Sein schmales kantiges Gesicht mit den vielen Falten in der braunen, trocknen Haut sieht nicht befreiter aus als das Joachim Beckers, der vor wenigen Minuten diesen Raum verließ.
Aber auch diese Woche vergeht, und er begibt sich eines Abends gegen sieben Uhr auf den kurzen Weg zum Nachbarn. Seine Geige ist natürlich zu Hause geblieben, denn nun hat es ja keinen Zweck, damit zu beginnen.
Frau Pohl lernt er noch immer nicht kennen, weil sie der Luftveränderung wegen mit dem Knaben verreist ist. Das sei ein gutes Mittel gegen diese Krankheit, meinte Irmgard Pohl am Vormittag, gelegentlich der telephonisch ausgesprochenen Einladung. Damit wäre übrigens auch die Ansteckungsgefahr für »seine Kinder« beseitigt.
Er wird von Vater und Tochter sehr liebenswürdig empfangen. Sie essen gemeinsam, und der Kapitän bestreitet hauptsächlich die Kosten der Unterhaltung. Das kann nicht schwer für ihn sein, da er soviel auf seinen weiten Reisen erlebte. Auch von der Schweiz erzählt er. Vielleicht dürfe er ihr für die Reise einige Ratschläge geben.
»Ach, stellen Sie sich meine Reise nur nicht als eine wechselvolle Vergnügungsfahrt vor, wie sie sich für einen Mann gestalten mag!« sagt Irmgard Pohl lachend. »Wir haben an ein Institut geschrieben, wo ich mich ein Jahr lang in praktischen Dingen und in Sprachen üben und mit jungen Menschen etwas Sport treiben kann. Der Vater findet,daß ich hier zu wenig Bewegung habe und daß er zu alt für mich sei.«
»Ja, das ist wahr,« meint Herr Pohl, »Jugend gehört zu Jugend. Wir haben es uns reiflich überlegt. Und so wird es das Beste für alle sein.«
»Da haben Sie recht«, bestätigt der Kapitän. »Da haben Sie vollkommen recht.«
Dann wird er etwas einsilbig. Das Essen ist abgeräumt. Sie sitzen um den runden Tisch, Herr Pohl in seiner Sofaecke, und Irmgard findet es an der Zeit, mit Wein und Gebäck aufzuwarten.
Herr Pohl sagt: »Wir wollen auf das Wohl unserer beiden Familienmitglieder anstoßen, die heute nicht bei uns sind.«
Er sieht fast unternehmungslustig aus und läßt es sich nicht nehmen, von den »beiden« zu erzählen. Er habe sie gestern zu seinem jüngeren Bruder, dem Arzt, aufs Land gebracht. Da hätten sie die nötige Luftveränderung und ständige Pflege.
»Und Ihre Tochter wollen Sie auch noch fortschicken?« Der Kapitän scheint mit so viel Veränderungen in der Familie wenig zufrieden zu sein.
»Erst müssen die beiden zurückkommen«, meint Irmgard Pohl einlenkend. »Das kann drei bis vier Wochen dauern. Ich werde wohl erst im April fahren.«
»So, im April«, meint der Kapitän. »Das sind ja fast zwei Monate bis dahin.«
Er wird wieder aufgeräumter. Zum Schluß ist es noch ein freundlicher und angenehmer Abend.
Herr Pohl begleitet seinen Gast ziemlich spät bis zum Tor hinter der Mühle und sieht ihm einen Augenblick nach, wie er mit seinen festen steifen Schritten zu seiner einsamen Wohnung im riesengroßen dunklen Verwaltungsgebäude hinüberstapft.