Die Mutter

Die Mutter

I

Irmgard Pohl geht vor das Haus. Die Luft in den Zimmern ist stickig. Ohne Abkühlung selbst in der Nacht. Dazu der Geruch von Medizin und Krankheit, der in alle Zimmer dringt, seitdem Frau Pohl in die unteren Räume übergesiedelt ist.

Jetzt, gegen Abend, weht ein Luftzug vom Wasser herüber. Die Mühle und die Speicher wirken noch bestaubter als sonst, und auch die Pflanzen im kleinen Vorgarten des Wohnhauses werden trocken und stumpf.

Die Geräusche vom Hafen sind nun ferner gerückt. Einige Arbeiter werkeln am zerstörten Getreidespeicher, dessen verstümmelter Bau wieder abgetragen werden muß. Die neue Arbeit aber wird am südlicher gelegenen Mittelbecken geleistet. Die wimmelnden Massen der Arbeitenden, die kleinen Kippwagen und die Arbeitsautos wirken von der Mühle aus spielerisch klein. Silhouettenhaft gezeichnet sieht Irmgard die Vorgänge durch die verdickte, vom letzten Sonnenleuchten glitzernde Luft.

Sie setzt sich auf die Bank vor dem Haus, müde und des vielen Lärmens überdrüssig. Auch an der Mühle wird nungebaut. Herr Pohl läßt den Speicher aufstocken und einen Flügel am Müllereigebäude anbauen. Die Arbeiter sind gegangen, doch die Steine und Bottiche stehen umher, die Gerüstbalken liegen vor dem Speicher und zerstören den ruhigen Eindruck, der auf diesem Gelände bisher bewahrt geblieben war.

Es ist kaum vorstellbar, daß noch vor einem Jahr die Vögel in Scharen auf den Feldern drüben niedergingen und sich holten, was von der Ernte zurückgeblieben war. Daß die alten Linden ihren weichen Duft mit den warmen Südwinden über den Kanal hinweg zur Mühle sandten. Daß Kinder auf den Wiesen spielten, und daß zwischen ihnen ein paar weiße Ziegen mit gesenkten Köpfen dahintrotteten. Dort, wo jetzt die tiefen Gruben sind und neue Speicher aus der Erde wachsen.

Wenn man des Abends vor das Haus trat und über den Kanal hinwegblickte, war eine ebene Fläche, soweit das Auge reichte. Nur zur Linken dunkelten die breiten Wipfel der Linden und verdeckten das Fräuleinstift, dessen Pensionäre man niemals zu Gesicht bekam. Die Rufe heller Kinderstimmen wehten zuweilen herüber, und dann konnte man ganz gedämpft irgendwelche dunklen, schweren Kirchenglocken aus dem Innern der Stadt vernehmen. So still war es in diesem Winkel, wo nun der neue Hafen entsteht.

Aber hatte Irmgard sich damals dieser Stille vollkommen bewußt gefreut?

Sie bückt sich und fegt mit der Hand über das blaue Blumenbeet, aus dessen dichten kleinen Blüten dabei ein heller Hauch von Staub auffliegt. Sie sucht immer eine Beschäftigung, wenn peinliche Gedanken sie bedrängen, trotzdem sie längst weiß, daß sie sich zu anderer Zeit doch wieder melden und auf die Dauer nicht abzuwenden sind.

Nein, sie hatte die Ruhe als einen hinterwäldlerischen Zustand hingenommen und mit Joachim Becker von dem großen Hafen geträumt.

Einige Rosen am hohen Stock in der Mitte des runden Beetes hängen welk herab. Irmgard nimmt einen der sammetweichen kühlen Köpfe sachte mit der Handfläche auf. Sie kann nicht übersehen, daß der Rosenstock an einen runden Stab gebunden ist, einen grünen Stab mit weißer Spitze, den Joachim Becker im vorigen Jahr mit seinem Taschenmesser zurechtschnitt und in knabenhaftem Eifer farbig überpinselte.

Sie zieht die Hand von der Rose fort. Schwer sinkt sie vornüber, und dann segeln die hellen Blätter nach allen Seiten in die blauen Blumen hinein.

Irmgard wendet sich brüsk ab. Vor der Tür stockt sie einen Augenblick. Sie will das Haus meiden, um von der Mutter nicht gehört und gerufen zu werden. Mit kleinen Schritten schleppt sie sich um das Gebäude herum und geht durch den Gemüsegarten zum Mittelweg.

Hier und im Hof sind noch Kalkspritzer von den Ausbesserungsarbeiten am Hintereingang zu sehen. Michael Pohlhatte alles sofort auf eigene Kosten wiederherstellen lassen und sich auch wegen der zersprungenen Fensterscheiben nicht mit Ersatzansprüchen gemeldet. Eines Tages war jedoch Rechtsanwalt Bernhard erschienen und hatte um die Rechnungen gebeten, da die Hafengesellschaft selbstverständlich alles ersetzen werde. Er konnte es sich nicht nehmen lassen, persönlich vorzusprechen, weil er immer noch auf einen gütlichen Ausgleich in der Prozeßangelegenheit hoffte. Michael Pohl sprach mit keinem Wort davon.

Das Mädchen in der Küche hört die Schritte auf dem Kies. Sie setzt einen Teller klappernd nieder und steckt den Kopf aus dem Fenster.

»Sie schlafen beide«, flüstert sie. Sie gönnt Irmgard die kurze Ruhepause.

Irmgard nickt ihr zu und geht durch die kleine Pforte zu den Wiesen hinaus, die sich bis zum Verbindungskanal erstrecken. Dort, in der Nähe des Wassers, setzt sie sich, mit dem Rücken gegen das Hafengelände, auf den Rasen, den sie kühl und frisch auf der Handfläche fühlt.

Sie kann hier noch vom Mädchen gesehen und im Notfall gerufen werden, wenn einer von den »beiden« erwachen und sie brauchen sollte. Diese beiden, die jetzt ihr ganzes Leben ausfüllen sollten: die Mutter und das Kind.

Der Knabe ist gesund und gedeiht, obgleich er mit der Flasche großgezogen werden muß, und die Mutter erholt sich mit fast beängstigender Eile. Sie kann es nicht erwarten,wieder überall selbst zur Stelle zu sein und die Zügel fester in die Hand zu nehmen.

Ihre abgezehrten Glieder werden elektrisiert und massiert, und wenn sie nicht zuweilen bei heimlichen Versuchen erfahren hätte, daß Energie und Unrast allein ihr die alte Kraft nicht wiedergeben, so würde sie wohl noch heftiger über all diese »teuren und überflüssigen Prozeduren an einem alten Weibe« schelten. So aber begnügt sie sich mit einem gutmütig-ungeduldigen Protest, soweit es sich um ihre eigene Person handelt.

Streng jedoch und ohne Duldung jeglichen Widerspruchs ist sie wieder in ihrem Kommando über den Haushalt und die Wartung des Sohns.

Irmgard hat es sich in den langen einsamen Monaten vor der Geburt des Knaben angewöhnt, oft mit den Händen im Schoß untätig dazusitzen und in sich hineinzulauschen. Erst waren es die Erinnerungen, von denen sie willenlos aus der traurigen Gegenwart fortgetragen wurde. Dann spürte sie das mählich pochende Leben, und sie malte sich die Zukunft als Mutter dieses neuen Menschen aus.

Schließlich mußte sie es ertragen, daß sie ihren Vater und sich selbst vor seinen Leuten und vor den wenigen Menschen, mit denen sie gelegentlich zusammenkamen, dadurch in Unehre bringen würde. Sie hatte nie viel von der Meinung derjenigen gehalten, die nach den allgemeinen Gesetzen urteilen. Und nun begann sie, in ihrer Mutterschaft eine große undmutige Mission zu sehen. Erst als sie so weit in ihren inneren Kämpfen gekommen war, beschloß sie, sich dem Vater zu offenbaren.

Sie kannte ihn von jeher als einen Eigenbrötler, der sich auch nicht viel um die herkömmlichen Ansichten kümmerte, aber sie wußte, wie tief er durch den Abfall Joachim Beckers verletzt wurde. Trotzdem hatte sie diese Aussprache als eine Befreiung von der Bitternis und dem stummen Nebeneinander mit dem Vater erhofft.

Sie vergaß, daß sie selbst sich nach quälendsten Wirrnissen zu der neuen Anschauung durchringen mußte, und daß sie den Vater vor eine ganz unerwartete Tatsache stellte. Und vollkommen hatte sie, in ihre Liebe zu Joachim Becker verstrickt, übersehen, welchen großen Vertrauensbruch der Vater nun auch auf ihrer Seite darin erblicken mußte.

Wie sie nun, bleich und schon ein wenig entstellt, dem Vater am Tisch gegenübersaß und fast ohne Stocken davon zu sprechen begann, war ihr allmählich, über der fürchterlichen Veränderung in seinem Gesicht, die ganze Tragweite zum Bewußtsein gekommen.

Sie konnte plötzlich alle zurechtgelegten großen und kühnen Worte nicht finden, ihre Mundhöhle zog sich bitter zusammen, und die Magenkrämpfe, an denen sie in letzter Zeit so viel gelitten hatte, setzten wieder ein. So saß sie vor ihm, stumm, mit schmerzverzerrten Zügen. Ihre Hände tasteten krampfhaft über die Decke. Da verschwammen die Umrisse seinesKopfes vor ihren Augen. Sie ahnte nur seinen erstarrten Blick.

Erst war es, als ob er ihr Gesicht damit gläsern machte, sie spürte kein Leben mehr darin, und dann fühlte sie ihn auf den Händen. Sie hielt sie plötzlich ganz still, aber sein Blick lag immer noch darauf. Und da schämte sie sich unwillkürlich ihrer Hände, die gelb und mager geworden waren. Sie zog sie vom Tisch herab und wußte keinen Grund dafür. Sie hörte eine Tür fallen und war allein im Raum ...

Später hatte er ihr den Arzt geschickt, der über ihren Zustand unterrichtet war. Er untersuchte sie und verschrieb ihr Stärkungsmittel. Aber der Vater und sie haben bis zu ihrer Niederkunft niemals »davon« gesprochen. Noch jetzt muß Irmgard die Augen schließen, wenn sie daran denkt, wie sie sich schämte, wenn der Blick des Vaters unversehens auf ihre veränderte Gestalt fiel.

Die erste stumme Annäherung glaubte sie zu fühlen, als sie ihm nach der Katastrophe im Hafengelände entgegenging und sagte, welchen Namen man dem Knaben geben müsse. Da hatte sie noch nicht gewußt, was sie damit unternahm. Die große Erregung an jenem Tag und die Freude über die Erlösung der Mutter veranlaßten sie ohne Überlegung zum Verzicht ihrer Rechte.

Als es dem Vater nicht mehr entgehen konnte, wie schwer es ihr fiel, den Knaben als unbestrittenen Besitz der Mutter zu betrachten und ihr in allen kategorischen Weisungen willenloszu folgen, hatte er endlich offen mit ihr darüber geredet. In seiner knappen und schweren Art begann er zunächst mit großen Pausen und dann ohne falsche Scheu über alles zu sprechen, was seit Joachim Beckers Zeit zwischen ihnen lag. So lange hatte er gebraucht, um es zu verarbeiten.

Zum Schluß nahm er sie in seine Arme und sprach beruhigend auf sie ein. Er sagte im Grunde nicht mehr als der Arzt, Schwester Emmi und gewiß manche anderen, die ein Urteil darüber hatten: daß es so am besten für sie alle sei, und daß ihr der Knabe innerlich nicht weniger gehöre, wenn sie ihn nach außen als Bruder anerkennen müsse.

Aber sie empfand den Druck seiner breiten warmen Hand auf ihrer Schulter, sie durfte ihren Kopf wieder an seine Wange lehnen, und dann hatte er wie in den Kindertagen mit seinem großen weißen Taschentuch die Tränen von ihrem zuckenden Gesicht gewischt. —

Die kleinen stehenden Wolken verlieren allmählich ihr rotes Leuchten, das vom Westen her über den Himmel gezogen ist. Irmgard gibt sich noch eine kurze Frist, indem sie das Schwinden des gelben Scheins hinter einer dunklen Wolkengruppe abwartet, dann steht sie auf, um zu ihren »beiden« zu gehen.

Das Mädchen flüstert ihr an der Küchentür zu: »Sie ist schon lange wach. Ich habe ihr gesagt, daß Sie Besorgungen machen.«

Irmgard will etwas erwidern, aber sie sieht schließlich selbst ein, daß man der Mutter keine anderen Erklärungengeben kann, denn sie wird niemals die Menschen verstehen, denen zuweilen die Hände im Schoß liegen bleiben.

Sie hört ihre Stimme im Schlafzimmer und weiß, daß sie sich das Kind ins Bett reichen ließ. Und wieder verliert sich ihre brennende Sehnsucht nach dem Knaben, weil sie ihn in den Händen der Mutter weiß. Nur in den wenigen Minuten, da sie unbeobachtet ganz allein mit ihm sein kann, wird er zu ihrem Besitz.

Entschlossen würgt sie alle Bitterkeit hinab und geht mit beschleunigten, festeren Schritten ins Zimmer, als ein Mensch, der unter Zwang eine schlechte Rolle spielt.

Hier wartet so viel Arbeit auf sie, daß sie sich schnell wieder zurechtfindet. Schwester Emmi hatte die Hafengesellschaft nicht auf ihre Dienste warten lassen, und nun fehlt sie ihr sowohl bei der Arbeit wie mit ihrem heiteren Wesen.

»Meine Zukunft«, sagte sie immer, wenn sie von ihrem neuen Posten sprach. Sie war klug genug, Joachim Becker nicht zu verraten, daß ihre jüngste Vergangenheit bei Irmgard Pohl und seinem Sohne war. Irmgard hatte sie aber außerdem gebeten, über diese Tätigkeit zu schweigen.

»Denn vielleicht weiß er gar nichts davon«, fügte sie mit einem Blick auf den kleinen Michael errötend hinzu.

Frau Pohl war es recht, daß die kleine blonde Schwester bald das Haus verließ, denn erstens hält sie eine Pflegerin für überflüssig, wenn eine erwachsene Tochter im Hause weilt, und zweitens kann sie keine Sympathien für Schwester Emmigewinnen. Sie ist mit ihrer stillen und zielbewußten Tochter zufriedener, vermeidet es aber streng, sich davon etwas anmerken zu lassen.

Irmgard kann ihr eine gute Nachricht bringen: die Masseuse ist am Nachmittag dagewesen, um zu sagen, daß der Arzt für den nächsten Morgen die ersten Gehversuche erlaubt habe.

Während die Mutter in ihrer Freude weinend und lachend das Kind an ihr hageres Gesicht preßt und in sein erschrecktes Schreien mit überschwenglichen Koseworten hineinredet, wird sie wieder die hilflose und schwergeprüfte Kranke, der Irmgard sich von neuem verbunden fühlt. —

Als sich Frau Pohl — mehrere Wochen später — schon an Stöcken in der Wohnung bewegen kann, öffnet sie eines Abends die Tür zum Zimmer ihrer Tochter, um ihr einen Auftrag zu geben. Sie glaubt erst, daß sie nicht im halbdämmrigen Raume sei. Doch da richtet sich Irmgard erschreckt vom zerwühlten Bett auf und starrt ihr blaß und verweint entgegen.

Es ist, als käme Frau Pohl in diesem Augenblick zum Bewußtsein, daß es noch etwas anderes als ihre Krankheit und die Pflege des Knaben in der Welt gibt. Sie läßt sich zitternd auf einen Stuhl sinken. Einer ihrer Stöcke fällt polternd zur Erde.

Unwillkürlich erwartet sie, daß er ihr von der Tochter heraufgereicht wird. Irmgard ist aber vorher hinausgerannt und hat das Haus verlassen. Ohne Überlegung ergriff sie imKorridor Mantel und Hut. Sie eilt durch den Vorgarten, über den Mühlenplatz und die Föhrbrücke zu den belebten Straßen.

Die Menschen gleiten wie Schatten an ihr vorbei. Sie erkennt ihre Umrisse kaum. Aber sie schämt sich vor ihnen.

Sie verachtet sich selbst, ihre Schwäche und innere Zerrissenheit. Aber sie geht, wie oft in den letzten Tagen, den gleichen Weg. Den falschen Weg zu Joachim Becker, anstatt von ihm fortzustreben.

Der herbstliche, feuchte Wind kühlt ihre brennenden Augen. Die ersten Nebel verdicken am Abend die Luft, die grau und schwer um die Häuser schleicht.

Irmgard steigt in eine Straßenbahn und fährt in die Vorstadt, zu Joachim Beckers Haus. Wie vieles andere über ihren Chef, so hat Schwester Emmi ihr auch seine Wohnung verraten. Und Irmgard Pohl, die in ihrer Zurückhaltung alle kleinlichen Berichte über die Nebenmenschen bisher von sich fernhielt, verstrickte sich immer tiefer. Sie verschlang jeden Klatsch über den Hafendirektor, der von Herrn Gregor über Frau Reiche zu Schwester Emmi gelangte.

Und dann begann sie mit diesen abendlichen Fahrten.

Sie steigt an der Endstation der Bahn aus und geht durch die dunklen, breiten Straßen des Villenviertels. Es ist zur Zeit des Geschäftsschlusses. Die Stille wird in kurzen Abständen von den lichtschießenden Autos zerschnitten, durch deren Luftdruck das verwehte braune Laub nach den Seitenflieht wie Hühner auf der Dorfstraße. Modriger Geruch steigt zuweilen aus den Gärten auf.

Irmgard lehnt gegen rauhes Eisengitter und blickt zu dem Grundstück hinüber: ein niedriges Landhaus ist tief in den Garten hineingebaut und wird von alten Bäumen fast verdeckt.

Sie wartet auf den Wagen. Joachim Becker wird aussteigen. Sie darf, im Dunkel verborgen, die Umrisse seiner Gestalt, seine flinken, elastischen Bewegungen erkennen und dann — unglücklicher als zuvor — in die Trostlosigkeit ihres zerstörten Lebens zurückkehren.

Sie unternahm diesen erniedrigenden Weg zum erstenmal, als sie sich endlich entschlossen hatte, ihren Sohn nicht mehr zu lieben, sondern als Eigentum der Mutter zu betrachten. Frau Pohl sollte nicht mehr darüber schelten, daß sie die Pflege des Knaben der häuslichen Arbeit vorzog, sie sollte ihr nicht mehr mit eifersüchtigen Blicken folgen, wenn sie das Kind in den Armen hielt.

Aber als die Arbeit sie gegen Abend entließ, überfielen sie die alten Erinnerungen noch drängender, lebendiger. In Gedanken ging sie ihm entgegen, stand wie heute vor seinem Haus, um ihm körperlich näher zu sein.

Der herbstliche Sturm, der ihr den Hut fast von den Haaren zieht, erinnert sie wieder an ihre Spaziergänge mit Joachim Becker. Sie waren damals barhäuptig am Abend bis zum alten Kanal gelaufen. Über die feuchten Wiesen, amWasser entlang, das an die Kaimauern klatschend schwankte. Ganz oben, am Verbindungskanal, standen noch Bäume, die sich im Sturm bogen und rauschten wie Meereswellen.

In dieses Brausen und Feilen des Windes waren sie übermütig hineingestapft. Sie lachten, riefen. Sie freuten sich, daß ihre Stimmen ohne Kraft schienen, sosehr sie sich auch bemühten. Sie wateten mit schleudernden Bewegungen im dickgeschichteten raschelnden Laub und suchten herabgefallene Kastanien. Sie freuten sich an der glatten sattbraunen Frucht im weißen Bett ihrer grüngehäuteten Hülle.

Er warf die Kastanien in hohem Bogen zum Wasser hinüber. Sie stand mit mütterlich mildem Lächeln daneben und freute sich seiner weitausholenden, federnden Schwungkraft.

Einmal hatte sie gesagt: »Es ist unbeschreiblich schön, dich nur in meiner Nähe so gelöst und knabenhaft zu wissen. Wenn ich mir deine strenge und energische Haltung im Bureau oder vor den Arbeitern vorstelle, dann bin ich sehr stolz darüber, daß ich dich so verwandeln kann.«

»Aber ich habe es doch nicht verstanden,« sagt sie sich nun, »denn sonst hätte er mich nicht verlassen können. Oder er müßte leiden wie ich.« Da sie jetzt nichts mehr mit ihm gemeinsam hat, möchte sie durch Qual und Einsamkeit mit ihm verbunden sein.

Sie beginnt zu frösteln. Doch sie bleibt auf ihrem Platz. Während des Wartens verliert sie vollkommen das Bewußtsein davon, wie gedemütigt und erbärmlich sie hier steht.Wenn sie ihn gesehen hatte, zuweilen nur seinen Schatten — einmal trug der Wind den Klang seiner Stimme herüber —, hatte sie sich leer und erniedrigt gefühlt.

Ein schaler Geschmack bleibt von der erregenden Sehnsucht zurück. Sie will umkehren, weil die Automobile immer wieder vorbeifahren, weil sie keine Hoffnung mehr hat, ihn zu sehen. Und bleibt doch, bis endlich das Verhalten eines Motors als vertrautes Geräusch herüberdringt. Sie kann in schräger Linie hinüberblicken und verfolgen, wie Joachim Becker aussteigt.

Er trägt einen Koffer in der Hand — der Chauffeur holt einen größeren und schweren von seinem Sitz herab — und dann beugt Joachim Becker sich noch einmal zum Wagenschlag, und seine Frau steigt aus.

Sie geht langsam, schwerfällig. Ihre kleine Gestalt ist ungefüge, und er stützt sie mit der Behutsamkeit, die man an Kranke und Gebrechliche wendet.

Irmgard Pohl schließt die Augen und lehnt sich fast taumelnd gegen das Gitter. Ihre Nerven sind so überreizt, daß sie lautlos mit verzerrtem Gesicht vor sich hinlacht. Ja, wie konnte sie so vernarrt sein und noch eine innere Gemeinschaft mit ihm suchen, der nun mit einer anderen Frau glücklich ist. Mit dieser Frau, die ihm Kinder schenken wird, die seine und ihre Züge tragen. Er wird diese Kinder lieben, in denen er sich selbst wiederfindet, und er wird eine Episode vergessen, die auf dem Wege zu seinem Aufstieg lag.

Ist sie endlich aus ihrer Verwirrung erwacht? Sie entfernt sich rasch von dieser Straße, mit dem Bewußtsein, sie nie wieder zu betreten.

Sie legt den weiten Weg zu Fuß zurück und kommt müde, zerschlagen zu Haus an. Ihre Augen brennen in den Höhlen und sind wie leer. Sie geht sofort in ihr Zimmer. Und zum erstenmal seit Monaten fällt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf. —

Frau Pohl liegt wach in den Kissen und lauscht. Sie ist wieder in ihrem alten Eheschlafzimmer gebettet und legt sich schon am frühen Abend nieder, weil die ungewohnte Bewegung sie noch allzusehr ermüdet. Aber erst, wenn ihr Mann neben ihr liegt, wird sie ruhig und kann schlafen.

Nun lauscht sie seinen gleichmäßigen Atemzügen, sie glaubt, selbst den zarten Hauch aus dem Kinderbett zu vernehmen, und sie könnte einschlafen, weil ihr Haus wohlbestellt ist, denn auch Irmgards Heimkehr war ihr nicht entgangen.

Aber da ist etwas, das sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Sie hat nach der stummen Begegnung mit ihrer Tochter angefangen, in ihrem Gedächtnis zu suchen.

Man hat ihr gesagt, daß sie lange krank war und daß Lücken in ihre Erinnerung gerissen sind. Sie kann ausrechnen, daß ihre Krankheit nur wenige Monate währte, denn der Knabe ist nun ein halbes Jahr alt.

Aber ihren verwirrten Gedanken drängen sich Bilder und Geräusche auf, die unendlich lange zurückliegen, während diejüngste Vergangenheit spurlos verwischt ist. Immer wieder dröhnen in ihren Ohren die dunklen Schläge jener Uhr, die ihr Vater zu Hause in unheimlichem Eifer stimmte, damit sie dem reinen Klang der Kirchenglocken gleichen. Er hatte sich in den Wahn verstiegen, daß seine Sünden erst dann von ihm genommen würden, wenn auch der letzte unreine Ton aus der alten Uhr verschwunden wäre. Sie hört sein halblautes Beten und seine Selbstgespräche. Sie geht durch die Zimmer der alten Wohnung, sie spricht mit dem Vater und bittet ihn, endlich aufzuhören, denn keine Glocke könne heller schlagen als seine Uhr. Und kein Mensch könne das länger mit anhören.

Sie sieht seine glänzenden Fanatikeraugen so deutlich und irisierend, als müßte er jetzt in das Zimmer treten und ächzend auf den Stuhl steigen, um wiederum an der Uhr zu drehen und sie schlagen zu lassen. Sie selbst aber ist nicht älter als Irmgard und geht zuweilen in ein dunkles Zimmer, um aus ihrer Einsamkeit heraus zu weinen.

Mächtiger und quälender schlagen die Töne in das Brausen ihrer Ohren. Das Blut schießt brennend in ihren Kopf, und ihre Glieder erstarren unter den dicken Federbetten.

Endlich erträgt sie es nicht länger. Sie weckt ihren Mann. Verstört wacht Michael Pohl auf. Er verdrängt alle Besorgnis aus seinem Blick, während er sich zu ihr hinüberneigt und sie behutsam fragt.

»Willst du Vaters Uhr forttragen, damit sie mich nicht länger quält?« bittet sie ihn.

Michael Pohl weiß nicht, welche Antwort er ihr geben soll, denn die Uhr ist niemals in seinem Hause gewesen.

»Die Uhr ist nicht hier«, sagt er schließlich. »Deine erregten Nerven täuschen sie dir vor. Du bist noch zu anfällig nach der langen Krankheit und wirst dich künftig nicht so überanstrengen.«

»Ja, das sind die fixen Ideen, an denen der Vater zugrunde gegangen ist und die ich dir nun als Erbe ins Haus gebracht habe. Jetzt hat es schon unsere Tochter angesteckt. Sie sitzt im dunklen Zimmer und weint.«

»Irmgard hat einen ganz gewöhnlichen Liebeskummer wie viele junge Mädchen. Sie ist gesund und vernünftig und wird es überwinden. Aber sieh: bei dir ist es anders. Du hast so viel Schweres erlebt, daß es dich wieder überfallen muß, wenn du krank und schwach bist.«

Sie ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich nach dem Kummer der Tochter näher zu erkundigen.

»Aber in meiner Erinnerung ist ein Abgrund«, flüstert sie und versucht sich aufzurichten. Er ist ihr behilflich und stützt sie durch Kissenberge im Rücken.

»Du kannst nur allmählich zurückfinden.« Er hält ihre Hände fest, die unter seiner Wärme wieder ruhig werden. »Vor allen Dingen darfst du es nicht erzwingen wollen, du mußt geduldig warten, bis alles von selbst wiederkehrt.«

»Ja«, erwidert sie gehorsam. »Nur das eine mußt du mir sagen: der Vater ist tot?«

»Seit fünfundzwanzig Jahren!« bestätigt er.

»Und daß mein Bruder bei seiner Bank die große Summe unterschlagen hat und daß du alles bezahltest, das ist kein Traum?«

Michael Pohl überlegt einen Augenblick und sagt schließlich lachend:

»Was sind das für alte Sachen! Auch das ist fünfundzwanzig Jahre her.«

»Siehst du, das habe ich gewußt. Das ist kein Traum gewesen. Ich habe so viel Unglück über dich gebracht. Und nun bin ich krank und kann nicht sparen und arbeiten, um dir alles wieder einzubringen.«

Sie hat ihm damit zum erstenmal nach so viel Jahren eine Erklärung für ihren Arbeitsfanatismus gegeben, der ihm so oft zur Last geworden war.

Er setzt ihr auseinander, daß sie reich seien, sehr reich. Er zählt ihr die Werte seiner Mühle und des Grundstücks auf. Ja, sie hätten mehr Geld, als sie verbrauchen könnten. Und wenn sie wolle, so würde er hier sofort alles verkaufen und sie in ein herrliches Schloß setzen, wie sie es sich damals träumte, als sie beide noch jung waren.

»Gott hat mich für meinen Hochmut bitter gestraft«, sagt sie abwehrend. »Ich bin schuld daran, daß mein Bruder das getan hat. Ich habe ihn zu sehr geliebt und verwöhnt und mit meinen Plänen vergiftet.«

»Du warst nur wenige Jahre älter als er, und mankonnte von dir noch nicht verlangen, daß du ihn allein erziehst, zumal du auch ohne Mutter aufgewachsen warst. Er war nicht schlecht und hat seine leichtsinnige Handlung bereut. Ich bin fest davon überzeugt, daß er drüben ein neues Leben angefangen hat. Wir haben nur nichts mehr von ihm gehört, weil du nicht wolltest, daß er uns schreibt.«

»Nein,« sagt sie, »dein Leben sollte nicht noch einmal das eines Verbrechers kreuzen.«

Er fühlt wieder ihre unbeugsame Strenge und versucht, ihre Gedanken von diesen Erinnerungen abzulenken.

Allmählich gelingt es ihm, sie zu beruhigen. Er hält ihre Hand fest und erkennt an dem sachte nachlassenden Druck ihr Versinken in den Schlaf.


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