Die Vergangenheit
W
Wenige Wochen nach seinem ersten Besuch ist der Kapitän genötigt, noch einmal in der Mühle vorzusprechen.
Es handelt sich um eine große und wichtige Getreideladung, die während unsachgemäßer Lagerung gelitten hat und gereinigt werden soll, ehe sie weitergeht.
Herr Pohl hat zwar zurzeit wenig Raum. Aber er erklärt sich schließlich bereit, seine Einrichtungen dafür zur Verfügung zu stellen, wenn der Kapitän die Arbeit überwachen läßt.
Der Kapitän will selbst von Zeit zu Zeit das Getreide prüfen. So kommt es, daß er nun oft jenseits des Kanals zu sehen ist.
Wenn er Irmgard Pohl begegnet, so grüßt er sie mit seinem eckigen Hutschwenken wie einen alten Freund. Sie hat keine Zeit, sich in eine Unterhaltung mit ihm einzulassen, wenn er im dienstlichen Eifer um das Bureau der Mühle stapft. Er nimmt ein Lächeln von ihr mit in das Gebrumm der Maschinen, und sie sagt bei Tisch zum Vater:
»Ich habe den Kapitän eben hier getroffen.«
»Ja«, erwidert er. »Der hat jetzt öfter bei uns zu tun.«
Frau Pohl erkundigt sich nach dem Mann, welche Stellung er im Hafen bekleide, und — nach kurzer Pause — ob er verheiratet sei.
Vater und Tochter wechseln einen raschen Blick. Sie geben ihr Auskunft, und sie mag daraus entnehmen, daß sie es mit dem ersten und wichtigsten Mann im Hafen, nach dem Kommerzienrat, zu tun habe, denn Joachim Becker wird in stillem Einvernehmen nicht erwähnt.
»Siehst du«, sagt Herr Pohl auf dem Weg ins Bureau zu seiner Tochter. »Die Mutter hat einen Heiratskandidaten für dich.«
»Ja«, sagt Irmgard. »Sie beschäftigt sich jetzt damit. Neulich fragte sie mich, wie alt ich sei. Sie war lange sehr nachdenklich, als ich es ihr wahrheitsgemäß gesagt hatte. Es wird immer schwerer, ihre Fragen zu beantworten.«
Herr Pohl nickt. »Sie möchte, daß du mehr unter junge Leute kommst, und erklärte sich sogar bereit, Gäste zu bewirten.«
Sie sind vor dem Bureau angekommen. Irmgard macht keine Anstalten, zu ihm hineinzugehen, um das Gespräch fortzusetzen. Sie wendet sich halb zu ihrer Tür, dann sagt sie, ehe sie im Hauptkontor verschwindet:
»Wenn ihr wollt, könnt ihr ja den Kapitän einladen!«
Michael Pohl sieht ihr einen Augenblick kopfschüttelnd nach und geht mit unzufriedenem Gesicht zu seinem Schreibtisch.
Der Kapitän ist ihm nicht unsympathisch. Seinetwegen war er auch der Hafengesellschaft entgegengekommen, denn er kann einem guten Menschen schwer etwas abschlagen, während er sich die schlechten peinlich vom Halse hält.
Und gern sieht er es nicht mit an, wie die Tochter im Bureau sitzt und sich daheim überflüssig fühlt.
Der Kapitän wäre ihm als Gesellschafter bei einer guten Zigarre gleichfalls recht. Aber nun kann er die Einladung verteufelt schwer anbringen.
Er legt die Hand wuchtig auf den Tisch. Seine Stirn hat sich bedenklich gerötet.
Zum Kuckuck, soll er seine Tochter jetzt vielleicht öffentlich ausbieten? Nein, mitseinerEinladung kommt der Kapitän nicht in sein Haus. Das ist seine Ansicht, klipp und klar.
Und er begegnet dem Hafendirektor, der ihm bisher wahrhaftig keinen Anlaß zu Klagen gab, von nun an mit kühlen, fast finsteren Mienen.
Die Arbeiten sind auch beendet, die Abrechnungen erledigt. Der Kapitän hatte sich mehr als nötig selbst darum bemüht. Nun dürfte er eine Weile auf der anderen Seite des Kanals bleiben. Herr Pohl atmet erleichtert auf.
Irmgard Pohl hat selbst eingesehen, daß ihr einige Abwechslung gut täte. Sie will zunächst einmal in ein Konzert gehen. Der Vater kann sich noch immer nicht entschließen, seine Frau an den Abenden allein zu lassen, sonst hätte er sie vielleicht begleitet, wie er es früher zuweilen tat, bis Joachim Becker ihr ein besserer Gesellschafter wurde.
Er hilft ihr in den Pelz und begleitet sie bis zum Tor. Ihr Gesicht ist von innen erwärmt, und wie sie nun, hoch und schmal, mit behenden Schritten von ihm fortgeht, sieht er ihr mit unverhülltem Vaterstolz nach.
Der Konzertsaal ist nicht sehr weit entfernt. Irmgard nimmt den Weg als willkommenen Spaziergang. Es ist unvermeidlich, daß sie wieder Erinnerungen nachhängt, denn sie hatte am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Joachim Becker auch einige Male versucht, ihn für gute Musik zu interessieren. Er verstand wenig davon, ließ sich aber willig führen, und dann waren sie taumlig von den Tönen durch die Straßen gesegelt. Im Frühjahr und im Sommer fanden sie später andere Verwendung für ihre Abende. Irmgard hatte jedoch schon viele Pläne für den neuen Winter geschmiedet, der dann so trostlos und einsam verlief.
Bei solchen Träumereien achtet man nicht auf die Umwelt. Der Kapitän, der ihr entgegenkommt, kann ungesehen umkehren und eine ganze Weile hinter ihr hergehen.
Vielleicht überlegt er, ob er sie noch ansprechen soll. Er zögert sehr lange. Das mag an ihrem leichten und wiegenden Gang liegen. Sie hat nicht sonderlich kleine, aber sehr schmale Füße, die sie in ihrer Verträumtheit langsam über das bereifte Pflaster führt.
»Werden Ihnen in diesen dünnen Schuhen nicht die Füße erfrieren?« sagt er schließlich dicht neben ihr, während er die Hand aus der Manteltasche zieht, um sie nach dieser burschikosen Anrede zu begrüßen.
Er hat sie selbstverständlich sehr erschreckt. Aber sie geht rasch auf seinen Ton ein und sagt: »Wie hätten Sie die schönen neuen Schuhe bewundern können, wenn sie in solchen Ungetümen von Überschuhen steckten?«
Sie mögen beide jetzt zu gleicher Zeit erkennen, daß das der geeignete Verkehrston für sie ist. Menschen mit Enttäuschungen, die nicht verbittern wollen, wählen gern den leichten Spott zum Verdecken ihrer Grundstimmung.
Nun haben sie das richtige Fahrwasser gewonnen und langen in munterer Unterhaltung vor dem Konzerthaus an. Der Kapitän macht keine Anstalten, sich zu verabschieden.
Sie sieht ihn belustigt an: »Ja, wollen Sie denn auch hierher?«
»Nein, das heißt ja, jetzt will ich es auch. Sie haben mich auf eine ausgezeichnete Idee gebracht.«
Sie ist einen Augenblick verlegen und bleibt stehen.
»Ich hoffe doch, Sie wissen, mit wem Sie hier hineingehen, und daß es für Sie peinlich sein kann?« fragt sie und fühlt, wie ihr die Röte langsam ins Gesicht steigt.
»Ich weiß, was ich tue«, sagt er fast ärgerlich. »Und ich wüßte mir keine angenehmere Gesellschaft.« Seine Worte verlieren dabei den Sinn eines Komplimentes.
»Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht verstimmen wollen. Zuweilen muß man sich selbst daran erinnern, damit man nicht zu übermütig wird. Natürlich werden Sie wissen, was Sie zu unternehmen haben, um keinen Menschen zu kränken.«
»Wovon sprechen Sie, Fräulein Pohl?« fragt er plötzlich sehr streng.
»Wovon?« fragt sie verwirrt. »Von dem, was Sie ebenso wissen wie alle anderen, die mich kennen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, daß die Menschen über das Unangenehme schweigen. Nur das Angenehme behalten sie für sich. Warum soll ich diskreter sein als die anderen, zumal es sich hier um mich selbst handelt?«
»Nur mit dem Unterschied, daß Sie heute noch darüber sprechen, während die anderen längst schweigen. Geben Sie mir Ihre Karte, damit ich versuche, den Nachbarplatz zu bekommen.«
Sie folgt der Aufforderung wie ein gestraftes Schulmädchen. Als sie von ihrer Tasche hochblickt und die strengen Falten in seinem Gesicht bemerkt, muß sie lächeln. Sie weißkeine Erklärung dafür, daß sie sich auf einmal unsäglich erleichtert fühlt.
Er geht stumm neben ihr her, während sie sich der Billettkasse nähern. Sie ist ihm so dankbar und möchte ihm irgend etwas Gutes sagen.
Während sie ihn betrachtet, wie er zum Schalter herabgeneigt ist und in seiner etwas umständlichen Art verhandelt, muß sie daran denken, daß ihr die Achtung der Menschen doch nicht so gleichgültig ist, wie sie es sich immer eingeredet hatte. Es ist sehr schön, zu wissen, daß man trotzdem nicht von ihnen gerichtet wurde.
Der Kapitän kommt zurück. Er hat drei Karten in der Hand.
»Der Nachbarplatz war schon vergeben«, sagt er und blickt unschlüssig auf die unverwendbare Karte.
»Geben Sie, bitte!« sagt sie. Er läßt sich die Karte aus der Hand nehmen. Sie steckt sie in ihre Handtasche. »Die hebe ich mir auf zum Andenken an einen guten Mann.«
»Sie sollten sie lieber einem armen Menschen schenken, der sich keine Musik leisten kann«, erwidert er, auch jetzt nicht ohne Strenge.
»Mein Gott, Herr Schulmeister, nun könnten Sie wieder etwas freundlicher sein. Natürlich haben Sie recht.« Sie sieht sich suchend um.
Er lächelt. »Gehen wir wieder vor den Eingang! Hier haben die Leute schon das Geld in der Hand.«
An der Tür begegnet ihnen ein junger Mensch mit rotgefrorenen Händen. Ein armer Musikstudent vielleicht.
Irmgard geht schüchtern auf ihn zu und sagt leise: »Ach verzeihen Sie, wollen Sie vielleicht ...«
Sie hält ihm die Karte hin. Aber ehe sie ausgesprochen hat, sagt er barsch: »Danke«, und geht beschleunigt weiter.
Erschreckt zieht sie die Hand zurück und gesellt sich kleinlaut zum Kapitän. Der hebt die Schultern hoch, wie jemand, der einen Bubenstreich ausgeheckt hat und nun flüchtet. Er nimmt ihren Arm, und sie schlüpfen vor die Tür.
»Aber das haben Sie ja ganz verkehrt angefangen«, sagt er draußen mit seinem aufgeräumten trocknen Lachen. »Der Mann hat natürlich gedacht, daß er Ihnen die Karte abkaufen soll, und er hat höchstens das Geld für die Galerie. Soll ich es einmal versuchen?«
»Bitte, wenn Sie es besser verstehen!«
Sie beobachten nun beide die Passanten. Ein paarmal sieht der Kapitän sie fragend an.
»Sie können doch nicht irgendeinem Mann, der vielleicht zu einem Rendezvous gehen will, eine Konzertkarte aufschwatzen!« Jetzt lacht sie ihn aus, weil er es auch nicht geschickter anzufangen weiß.
Zufällig fahren gerade viele Autos vor. Elegante, plaudernde Menschen gehen in das Tor. Es ist inzwischen spät geworden. Sie müssen eilen, um den Beginn nicht zu versäumen.
Er gibt es auf. »Ich habe mir das Verschenken wirklich leichter gedacht«, sagt er resignierend.
Schließlich nimmt sie die Karte wieder an sich, und sie begeben sich hinein.
»Ach ja, Beethoven kann man immer wieder hören«, sagt eine Frau sehr laut neben ihnen, als wolle sie sich vor aller Öffentlichkeit entschuldigen, daß sie noch zu so alter Musik geht.
Die beiden sehen sich belustigt an. Sie sind in der Laune, die alles mit einem heitern Spott betrachtet.
Aber dann sitzen sie auf ihren Plätzen und werden schon bei den ersten Tönen, die vom Stimmen der Instrumente in das schwatzende Publikum fallen, sehr still.
In der Pause gehen sie lange schweigsam auf und ab. Nach diesem gemeinsamen Erlebnis will ihr neuer Verkehrston doch nicht mehr passen.
Endlich beginnt er das Gespräch damit: »Ja, die Deutschen müssen sich bei der Musik immer etwas denken. Sie machen sich zu jeder Symphonie und selbst zu den Walzern einen Text.«
Irmgard, die von den Tönen sehr angeregt wird und noch im tiefen Nachdenken ist, sagt:
»Sie sprechen von den Deutschen, als gehörten Sie nicht dazu.«
»Verzeihen Sie, ich habe mich nicht korrekt genug ausgedrückt, ich hätte sagen müssen ›wir‹ Deutschen.«
»Ja, sehen Sie, das klingt schon mehr nach persönlichem Bekenntnis, und darum vermeiden Sie es.« Sie kann es sich selbst nicht erklären, warum sie ihm jetzt seine Schwäche vorhalten muß.
»Sie haben recht,« erwidert er, »man gewöhnt sich daran, seine Gefühle vor den Menschen zu verbergen.«
Sie sehen einander einen Augenblick schweigend an. Da sagt sie unvermittelt:
»Sie haben eine Geige, und ich würde gern wieder Klavier spielen, wenn Sie manchmal zur Begleitung herüberkämen.«
Er wird nicht verlegen, wie es sonst seine Art ist, wenn man sein Steckenpferd erwähnt.
»Ja,« sagt er, »das will ich gern tun. Bestimmen Sie die Stunde!«
Dann beginnt er, ehe sie geantwortet hat, sehr ausführlich davon zu erzählen, wie andere Völker die Musik auffassen, die Südländer etwa oder die Chinesen. Am wenigsten könne man als Europäer bei der Negermusik etwas empfinden.
Sie hört ihm sehr unaufmerksam zu. Er hat einen gleichmäßigen, einschläfernden Tonfall. Es wäre ihr viel lieber, wenn er jetzt schwiege.
Sie muß daran denken, daß Joachim Becker sie niemals durch seine Anwesenheit oder durch überflüssige Worte störte wie dieser gebildete und rücksichtsvolle Mann, der von derMusik sehr erschüttert ist und trotzdem so viele Worte macht. Aber sie ist gerecht genug, sich einzugestehen, daß der ungeliebte Mensch eben nichts zur Zufriedenheit machen kann, der geliebte aber selbst nach den schlechtesten Handlungen noch in guter Erinnerung bleibt.
Die Musik läßt sie diese Betrachtungen wieder vergessen. Und am Schluß, nach dem ernüchternden Handgemenge an der Garderobe, sind sie wieder in ihrem Fahrwasser. Irmgard wird viel betrachtet, der Kapitän nimmt mit ironischen Bemerkungen davon Notiz.
Sie hat unwillkürlich das Gefühl, daß sie noch etwas an ihm gutzumachen habe. Es muß ihr immer erst einfallen, sie ist gewissermaßen mit dem Verstande und nicht mit dem Herzen gut zu ihm.
»Sie sind sehr weit gereist und haben viele Menschen und Gebräuche kennengelernt. Auch mein Vater wird sich auf eine Unterhaltung mit Ihnen freuen. Kommen Sie morgen abend!« sagt sie freundlich.
»Danke, gern.«
»Gegen sieben, zu einem Imbiß?«
»Ja, wie Sie bestimmen. Noch weiß ich nicht, wo ich heute etwas zu essen bekomme.«
»Mein Gott«, ruft sie erschreckt aus. »Haben Sie heute abend noch nicht gegessen?«
»Ich wußte doch nicht, daß mir nur Musik vorgesetzt wird«, erwidert er lächelnd.
»Aber für heute kann ich Sie nicht einladen.«
»Beileibe nicht. Doch wenn Sie mir noch bei einem Abendbrot Gesellschaft leisten würden ...«
»Nein«, sagt sie entschlossen.
»Das ist sehr schroff. Die jungen Damen sind heute so selbständig, daß ich nicht glaubte, gegen die guten Sitten zu verstoßen.«
»Gewiß nicht!« erwidert sie. »Frauen, die einen guten Ruf haben, dürften es vielleicht annehmen, die mit einem schlechten noch eher. Aber wer sich sein Ansehen zurückerobern muß —«
»Ja, kommen Sie nur, Sie Moralistin!« Er läßt sie den Satz nicht zu Ende sprechen und begleitet sie unter vielen Erzählungen und Scherzen nach Haus.
»Im übrigen haben Sie ja Tee zu Haus, und in der Kantine wird auch noch etwas für Sie zu essen sein«, sagt sie einmal zwischendurch. Er stellt fest, daß sie sich sehr besorgt mit seinem Hunger beschäftigt, und wird immer lebhafter.
An der Föhrbrücke verabschieden sie sich. Sie fühlt seinen schmerzhaft festen Händedruck noch, als sie in das erhellte Wohnzimmer tritt, wo sie den Vater über der Zeitung antrifft.
Er geht ihr entgegen und hilft ihr beim Ablegen. Es fällt ihr auf, daß er sehr ernst ist. Sie war auch von ihm mit vielen guten Wünschen und unter Scherzen entlassen worden. Esscheint ihr, daß alle Menschen heute gut und heiter waren.
Sie legt daher ihren Arm um seine Schulter und lehnt das heiße Gesicht an seine Wange.
»Noch mein Kamerad?« fragt sie.
»Ja«, sagt er lächelnd. Er selbst hatte ihr vor kurzem nach einer tüchtigen Arbeit im Bureau diesen Titel gegeben. Nun bekommt er ihn zurück.
Er erkundigt sich, ob sie Hunger habe, und macht eine Bewegung zur Tür, als wolle er sie selbst noch bewirten.
Sie lehnt ab und beginnt zu berichten. Sie habe den Kapitän getroffen. Er sei auch im Konzert gewesen. Unwillkürlich sagt sie nicht, daß er ihretwegen mitgekommen sei. Sie überlegt, wovon sie zuerst erzählen solle, vom Eindruck der Musik, vom Publikum oder vom Kapitän. Sie ist ungewöhnlich plauderlustig und in einem inneren Gleichgewicht, wie sie es seit Joachim Beckers Zeit nicht mehr kannte.
Ein Geräusch, das vom Schlafzimmer herüberdringt, läßt sie aufhorchen.
Herr Pohl rückt verlegen auf seinem Sofa.
»Es ist der Junge«, sagt er zögernd. »Wir haben den Arzt schon kommen lassen. Er hustet und hat leichtes Fieber.«
Irmgard starrt ihn fassungslos an. Hier sitzt sie in ihrem silbergrauen leichten Kleid, so reizvoll wie seit Jahren nicht, und wird mit dieser Nachricht empfangen.
Sie ist nicht traurig, sondern fast ärgerlich. Als habe man ihr rücksichtslos ein Vergnügen verdorben.
»Es wird irgendeine gewöhnliche Kinderkrankheit sein«, meint Herr Pohl beruhigend.
»Dann werde ich mich umziehen und die Mutter ablösen«, sagt sie still.
»Nein.« Er hält sie auf ihrem Stuhl zurück. »Ich wollte ohnehin in diesen Tagen mit dir über die Mutter reden. Sie wird jetzt niemand zum Knaben lassen. Du kennst ihren Eifer.«
Er schweigt und holt dann sehr weit aus: »Wie du weißt, stammt ihr Vater aus einer Hugenottenfamilie, und dieser Fanatismus mag ihnen von den Ahnen her im Blute liegen. Wir können nicht dagegen ankämpfen. Denn durch Widerstand unterstützen wir ihren Wahn. Nun scheint sich in letzter Zeit ihr Erinnerungsvermögen viel mehr gestärkt zu haben, als wir ahnen. Ich habe zuweilen das Gefühl, daß sie der Wahrheit schon sehr nahe ist, aber absichtlich nicht mehr fragt, weil sie sich fürchtet.«
Irmgard, die immer eine so aufmerksame Zuhörerin war, schweift mit ihren Gedanken ab und vermag der Rede des Vaters nicht mit Interesse zu folgen. Die vielfältigen Klänge des Orchesters, sanfte Tonfolgen, Beethovensche Akkorde mit ihren dunklen Untertönen liegen ihr in den Ohren. Sie hat Mühe, auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben. Es drängt sie, einherzugehen, leicht, mit schwebendem Rhythmus im Gang.
Sie versteht nicht, warum der Vater gerade heute mit ihr darüber sprechen muß. Merkt er nicht, daß sie in die »Welt« zurückgekehrt ist, daß sie endlich, endlich mit der Vergangenheit abschließen will? Großer Gott, daß sie einmal von Krankheit, Wahn und Kindersorge nichts hören möchte?
Sie blickt, ein wenig verträumt und gleichzeitig trotzig, in eine Ecke des Zimmers, am Vater vorbei und sagt, mit einer fremden kühlen Stimme: »Was soll ich denn tun? Ich kann ja verreisen, wenn du willst. Ja —«
Sie springt auf und geht nun doch im Zimmer umher.
»Reisen! Ich werde mir die Welt ansehen. Du sagtest neulich, der Mensch muß seine alte Umgebung verlassen, um neu anfangen zu können. Gut, ich will mir die Welt ansehen!«
Sie hat die Arme auf dem Rücken ineinandergelegt und bleibt plötzlich vor dem Vater stehen, während der weite silbrige Rock noch um ihre schmalen Beine schwebt.
»Komm einmal hierher!« sagt Herr Pohl in gutmütig befehlendem Ton und macht ihr den Sofaplatz an seiner Seite frei. Etwas an seiner Tochter gefällt ihm nicht. Es ist ein Zuviel in den Bewegungen, eine Übertreibung im Ton.
Er legt die Hand um ihre abfallenden Hüften und zuckt unwillkürlich vor der weichen Seide zusammen, die seine Fingerspitzen so unendlich lange nicht berührten. WievielHärte und Strenge, wieviel Entsagung ist doch immer in seinem Hause gewesen, wo nur die Arbeit regiert. Er zieht die Finger wieder fort und rückt ein wenig ab.
»Ja,« sagt er langsam, »du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und das ganze Leben liegt noch vor dir. Wir beide, deine Mutter und ich, sind nun so weit —« Er stockt.
»Nein, nicht erst jetzt«, setzt er mit leichter Bitterkeit fort. »Wir waren immer so, daß wir nicht uns selbst, sondern den Pflichten lebten. Man kann auch darin zu Egoisten werden. Man bildet sich ein, für die anderen, für die Kinder etwa, zu leben, und hat sich rücksichtslos an die Arbeit gehalten, um den Mangel an Lebensfreude nicht einzugestehen. Siehst du, darin haben wir an dir gesündigt.«
»Das darfst du von dir nicht sagen, denn du bist immer gut gewesen. Und mit dir konnte man auch manchmal lustig sein.«
»Manchmal!« wiederholt er. In seinem großen braunen Gesicht mit den grauen, aufschimmernden Haaren, ist irgend etwas schief gezogen. Er versucht krampfhaft, es fortzulächeln. »Was ich dir bisher in diesem Arbeitshof geboten habe, war nicht die Freude.«
»Vater, fast ein Jahr lang bin ich sehr glücklich und jung gewesen. Und wenn es dann anders kam, so war ich daran schuld.«
»Nein,« erwidert er, »jetzt weiß ich, daß wir schuld sind. Mußtest du in jener Zeit nicht von zwanzig Jahren ohne Zärtlichkeit und Lebensfreude erlöst werden und alles einholen, was in dir ungehoben blieb? Wenn wir ein klares Glas aus kalter Luft in die Wärme tragen, so wird es blind. Aber bleibt es nicht blank, wenn es das Klima nicht wechselt? Die Kinder, die Wärme und Heiterkeit in reichem Maße bei den Eltern haben, werden selten in Gefühlsüberschwang geraten, der die Grenzen verliert.«
Irmgard lehnt den Kopf gegen das Polster und läßt ungehindert aus den weitgeöffneten, lächelnden Augen Tränen tropfen.
»Und nun sehe ich mit an, wie du dich um den Knaben quälst. Du wärst vielleicht so weit, ihn der Mutter allein zu überlassen, weil er ihr einziger Lebensinhalt ist und du jung und gesund genug wärst, um noch auf ein eigenes Leben zu hoffen. Erst wenn man von sich selbst nichts mehr erwartet, versenkt man sich vollkommen in seine Kinder. Aber da ist dir von uns dieses Pflichtbewußtsein eingeimpft. Du glaubst, die Achtung vor dir verlieren zu müssen, wenn du dich mit deinen Muttergefühlen von ihm befreist.«
Er spricht das alles vor sich hin, während sie still neben ihm sitzt. Jetzt wendet er sich um und blickt offen in ihr tränenüberströmtes heißes Gesicht.
»Glaubst du,« fragt sie, während sie die Augen langsam schließt, »daß es nicht unnatürlich wäre, wenn ich, wenn ich —«
»Wenn du lebensfreudig genug wärst, um mit der Vergangenheit abzuschließen?«
Er versucht, zu lächeln und in leicht scherzendem Ton zu sprechen. »Du gibst uns das — das Produkt unserer falschen Erziehung als Tribut zurück und beginnst, dein junges Leben neu und richtig aufzubauen. Jetzt wissen wir wohl, wie wir es machen müssen?«
»Ja«, sagt sie leise. »Alle Sorgen werden heute von mir fortgenommen.«
Sie denkt an den Kapitän, an die bewundernden Blicke der fremden Menschen, an die Musik, die von ferne wieder aufklingt, an ihre eigenen leichten wiegenden Schritte.
Sie springt auf und gleitet mit den Händen über die weiche Seide ihres Kleides, während sie sich in der Mitte des Zimmers hinstellt und mit glänzenden Augen in die Luft blickt.
»Jetzt —« sagt sie, als wäre sie voller Unternehmungslust, »jetzt muß ich wohl schlafen gehen.«
Herr Pohl steht auch auf und will sie zur Tür begleiten. Da schlingt sie ihren Arm noch einmal um ihn und eilt davon.
Er lauscht gedankenvoll ihren Schritten. Dann nimmt er langsam die Hand von der Klinke.
›Wir wissen wohl, wie wir es jetzt machen müssen,‹ denkt er, ›aber wir haben nicht selbst die Entscheidung —‹
Es ist fast Mitternacht. Aus dem Schlafzimmer dringen keine Geräusche mehr herüber. Er faltet seine Zeitung zusammen und geht hinein. —