Sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, setzte ich mich zu Pferde und ritt hinaus in die Steppe; ich mag gern auf einem feurigen Rosse durch das hohe Gras gegen den Wüstenwind jagen; mit Gier sauge ich die duftige Luft ein, und richte den Blick in die blaue Ferne, bemüht die nebeligen Umrisse der Gegenstände zu erfassen, welche von Minute zu Minute klarer und bestimmter werden. Welcher Gram auch auf dem Herzen laste, welche Unruhe auch die Gedanken ermüde, Alles zerstiebt im Augenblicke; in der Seele wird einem so leicht; die Ermüdung des Körpers überwindet die Aufregung des Geistes. Es giebt keinen Blick eines Weibes, den ich nicht beim Anblick der lockigen Berge vergäße, wenn sie von der Mittagssonne in duftiges Roth gehüllt daliegen, — den ich nicht dem Lächeln des blauen Himmels oder dem Geräusche des Waldstroms, der von Fels zu Felsen stürzt, vergäße.
Ich glaube, die Kosaken, die auf ihren Wachtposten gähnten, zerbrachen sich lange den Kopf mit dem Räthsel, das ich ihnen darbot, als sie mich so ohne allen Grund und ohne Ziel dahinstürmen sahen; denn der Kleidung nach hielten sie mich wahrscheinlich für einen Tscherkessen. Man hat mir in der That versichert, daß ich im tscherkessischen Costüm zu Pferde einem Kabardinzer ähnlicher sei als viele Kabardinzer. — In der That bin ich, was diese edle kriegerische Kleidung anbetrifft, ein vollkommener Dandy. Nicht Eine Tresse zu viel; die Waffen sind werthvoll, aber von einfacher Arbeit; das Rauhwerk an der Mütze nicht zu langund nicht zu kurz, die Nesteln und Verbrämungen sind mit aller nur möglichen Genauigkeit angeheftet; mein Beschmet ist weiß, mein Tscherkessenmantel dunkelbraun. Ich habe mich lange der tscherkessischen Art zu reiten befleißigt, und nichts kann meiner Eigenliebe so schmeicheln, als wenn man meine Kunst, auf kaukasische Weise zu reiten, anerkennt. Ich halte vier Pferde: eins für mich, drei für meine Freunde, um der langen Weile zu entgehen mich allein umherzuschleppen; sie machen mit Vergnügen von meinen Pferden Gebrauch, reiten aber niemals mit mir zusammen aus. Es war bereits sechs Uhr Nachmittags, als ich mich erinnerte, daß es Zeit sei zu essen; mein Pferd war ermüdet, ich lenkte es daher auf den Weg, welcher von Pätigorsk nach einer deutschen Kolonie führt, wohin die Brunnengesellschaft sehr oft zum Piquenique geht. Der Weg dahin windet sich zwischen Gebüschen, indem er bisweilen durch kleine Schluchten führt, wo unter dem Schatten hoher Gräser rauschende Bäche dahinfließen; rundum erheben sich amphitheatralisch die blauen Gebirgskolosse des Beschtu, des Schlangenberges, des Eisen- und des Kahlenberges. Ich betrat eine dieser Schluchten, welche im hiesigen Dialekt Balka heißen und hielt still, um mein Pferd zu tränken; in demselben Augenblicke wurde auf dem Wege eine laute und glänzende Kavalkade sichtbar; die Damen in schwarzen und blauen Amzonen, die Herren im buntesten Gemisch des tscherkessischen und nishegarótskischen Costüm; voran ritt Gruschnitzki mit der Fürstin Mary.
Die Damen, welche das Bad besuchen, glauben noch immer an die Anfälle der Tscherkessen am hellen, lichten Tage; aus diesem Grunde wahrscheinlich hatte Gruschnitzki über seinen Soldatenmantel eine Schaschka gehängt und ein paar Pistolen in den Gurt gesteckt, in welcher heldenmäßigen Ausstaffirung er ziemlich lächerlich aussah. Ein hohes Gesträuch verbarg mich vor ihnen, doch konnte ich sie durch dessen Blätter Alle sehen und an dem Ausdruck ihrer Mienen errathen, daß ihr Gespräch ein sentimentales war. Endlich näherten sie sich der Schlucht; Gruschnitzki führte das Pferd der Fürstin beim Zügel; ich hörte zufällig das Ende, ihrer Unterhaltung.
„So wollen Sie also Ihr ganzes Leben im Kaukasus zubringen?“ sagte die Fürstin.
— Was ist mir Rußland, antwortete ihr Kavalier: ein Land, wo Tausende von Leuten, weil sie reicher sind als ich, mit Verachtung auf mich blicken würden, während hier — hier, dieser dicke Mantel mich nicht verhinderte, Ihre Bekanntschaft zu machen.
„Im Gegentheil . . .“ sagte die Fürstin erröthend.
Das Gesicht Gruschnitzki’s drückte hohe Selbstzufriedenheit aus. Er fuhr fort: Hier fließt mein Leben unter den Kugeln der Wilden geräuschvoll unbemerkt und rasch dahin, und wenn mir der liebe Gott jedes Jahr nur einen hellen Mädchenblick gewährt, einen Blick wie der . . .
In diesem Augenblicke waren sie dicht vor mir; ichgab meinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und sprengte aus dem Gesträuch hervor.
„Mon dieu, un Circassien!“ schrie die Fürstin mit Entsetzen auf.
Um ihr ihren Irrthum aufs vollkommenste zu benehmen, antwortete ich mit einer leichten Verbeugung: Ne craignez rien, madame, je ne suis pas plus dangereux que votre cavalier.
Sie war verwirrt, — doch weshalb? war’s über ihren Irrthum oder weil meine Antwort ihr zu keck schien? Ich hatte gewünscht, daß die letztere Voraussetzung die richtigere gewesen wäre. Gruschnitzki warf mir einen unzufriedenen Blick zu.
Abends spät, gegen eilf Uhr, ging ich in der Lindenallee des Boulevard’s spazieren. Die Stadt schlief, nur in einigen Fenstern schimmerten noch Lichter. Von drei Seiten erhoben sich dunkle Felsenkämme, Zweige des Máschuk, auf dessen Spitze ein unheilverkündendes Wölkchen lag; der Mond stieg im Osten auf; in der Ferne, wie mit silbernen Fransen umstickt, erglänzten die Schneeberge. Der Ruf der Wachen wurde vom Geräusche der heißen Quellen unterbrochen, die des Nachts losgelassen werden. Dann und wann ertönte ein lautes Pferdegetrappel durch die Straßen, vom Geknarre der Arba, (eines hohen zweirädrigen Wagens) und einem melancholischen, tatarischen Liedchen begleitet.
Ich setzte mich auf eine Bank und versank in Gedanken.
Ich fühlte die Nothwendigkeit, meine Gedanken in einem vertrauten Gespräche zu ergießen . . . aber mit wem . . . Was macht jetzt Wära, dachte ich? ich würde viel darum gegeben haben, hätte ich ihr in diesem Augenblicke die Hand drücken können. Plötzlich höre ich rasche und ungleiche Schritte . . . wahrscheinlich Gruschnitzki . . . und so war es in der That.
— Woher?
„Von der Fürstin Ligoffska,“ antwortete er sehr wichtig; „o, wie Mary singt!“
— Weißt Du was, sagte ich zu ihm, ich wette, sie weiß nicht, daß Du Junker bist; sie denkt gewiß, Du seiest ein degradirter Offizier . . .
„Das kann sein; was geht das mich an,“ antwortete er mit Zerstreuung.
— Nein, ich meine nur so.
„Aber weißt Du wohl, daß Du sie heute außerordentlich aufgebracht hast? Sie fand, daß Dein Betragen unerhört frech war; ich konnte sie nur mit Mühe überzeugen, daß Du eine gute Erziehung habest und die Welt zu gut kennest, als daß es Deine Absicht hätte sein können, sie zu beleidigen; sie meint, Du habest einen unverschämten Blick und wahrscheinlich eine sehr hohe Meinung von Dir selbst.“
— Sie irrt sich nicht! . . . aber Du, willst Du nicht ihre Eroberung machen?
„Leider habe ich noch kein Recht dazu.“
— Aha! dachte ich, er nährt also doch bereits Hoffnungen.
„Uebrigens kommst Du bei alle dem nur um so schlechter weg,“ fuhr Gruschnitzki fort; „jetzt wird es Dir sehr schwer werden, mit ihnen Bekanntschaft zu machen, und das ist Schade; es ist eins der angenehmsten Häuser, die ich nur kenne . . .“
Ich lächelte bei mir selbst. — Das angenehmste Haus für mich ist gegenwärtig das meine, sagte ich gähnend, indem ich aufstand, um fortzugehen.
„Indessen gestehe selbst, daß Du darüber ergrimmt bist!“
— Was für ein Unsinn! Wenn ich sonst will, so kann ich Morgen Abend bei der Fürstin sein! —
„Nun, wir wollen sehen.“
— Wenn es Dir Vergnügen macht, will ich sogar der jungen Fürstin den Hof machen . . .
„Ja, wenn sie nur überhaupt mit Dir sprechen will.“
— Ich warte bloß den Augenblick ab, wo sie sich an Deinem Gespräch langweilt; Adieu!
„Ich muß mich durchaus noch etwas ergehen; für nichts auf der Welt könnte ich jetzt einschlafen. Höre, laß uns lieber in die Restauration gehen, dort wird gespielt, und ich bedarf heute der starken Aufregungen.“
— So wünsche ich, daß Du verspielen mögest. Mit diesen Worten begab ich mich nach Hause.
Wiederum ist bereits eine Woche vergangen und ich bin immer noch nicht mit den Ligoffska’s bekannt geworden. Ich warte auf eine günstige Gelegenheit. Gruschnitzki folgt der Fürstin überall, wie ihr Schatten; ihre Gespräche finden gar kein Ende; wann wird sie seiner überdrüssig sein? . . . Ihre Mutter richtet nicht die geringste Aufmerksamkeit auf das ganze Verhältniß, denn er ist kein Bräutigam für sie. Das nenne ich mütterliche Logik! Ich fing zwei bis drei zärtliche Blicke auf und muß dem Dinge endlich ein Ende machen.
Gestern erschien Wära zum erstenmal am Brunnen. Sie ist seit unserm Zusammentreffen in der Grotte noch nicht aus dem Hause gewesen. Wir schöpften zu gleicher Zeit mit unsern Gläsern das Wasser aus dem Brunnen, wobei sie mir zuflüsterte, indem sie sich etwas vorbog:
„So willst Du nicht die Bekanntschaft der Ligoffska machen? Wir können uns nur dort sehen.“
Ein Vorwurf! Unausstehlich! aber ich habe ihn verdient. —
— Apropos! Morgen soll im Restaurationssaale ein Subscriptionsball Statt finden; auf diesem will ich mit der jungen Fürstin die Mazurka tanzen.
Der Restaurationssaal war in einen adligen Versammlungssaal verwandelt worden. Der Ball begann um neun Uhr. Die Fürstin war mit ihrer Tochter unter den zuletzt erscheinenden; so manche Dame sah mit Neid und Mißgunst auf sie, denn die Fürstin Mary kleidet sich mit vielem Geschmacke. Diejenigen, welche sich zu den hiesigen Aristokraten rechnen, verbargen ihren Neid und begrüßten sie. Wie konnte dem anders sein? In einer Gesellschaft von Damen bildet sich auch sogleich ein höherer und ein niederer Kreis. Gruschnitzki stand am Fenster im dicksten Gewühl, indem er sein Gesicht ans Fensterglas drückte und kein Auge von seiner Göttin verwandte; beim Vorübergehen gab sie ihm ein kaum bemerkliches Zeichen mit dem Kopfe. Er strahlte wie die Sonne . . . Der Tanz begann mit einer Polonaise, auf welche ein Walzer gespielt wurde. Die Sporen klirrten, die Gewänder wogten und rauschten. Ich stand hinter einer dicken Dame, welche unter rosafarbenen Federn begraben war; der Prunk ihres Kleides erinnerte an die Zeit der Reifröcke, und die Buntscheckigkeit ihrer rauhen Haut an die glückliche Epoche der Schönpflästerchen aus schwarzem Taffet. Eine ungeheuer große Warze am Halse war von einem Fermoir überdeckt. Sie sagte zu ihrem Kavaliere, einem Dragoner-Kapitaine:
„Diese junge Fürstin ist ein unausstehliches Jüngferchen! Stellen Sie sich vor, sie hat mich gestoßen und nicht einmal um Entschuldigung gebeten, sich vielmehr noch umgekehrtund mich lorgnettirt . . . C’est impayable! Und worauf bildet sie sich so viel ein? Der müßte man einmal einen Denkzettel geben.“
— Daran soll es ihr nicht fehlen; entgegnete ihr der dienstfertige Kapitain und begab sich in ein anderes Zimmer.
Ich ging sogleich auf die Fürstin zu und forderte sie zum Walzen auf, den hiesigen freien Gebräuchen gemäß, die einem erlauben, mit Damen, denen man zuvor nicht vorgestellt war, zu tanzen.
Sie konnte sich kaum bezwingen ein Lächeln zurückzudrängen und ihren Triumph zu verbergen; indessen gelang es ihr noch schnell genug, eine vollkommen gleichgültige, ja sogar strenge Miene anzunehmen. Sie lehnte nachlässig ihren Arm auf meine Schulter, bog ihr Köpfchen etwas auf die Seite, — und wir begannen.
Ich kenne keine reizendere, zartere Taille! Ihr frischer Athem streifte über mein Gesicht; bisweilen spielte eine im wirbelnden Fluge des Walzers losgelöste Locke auf meiner glühenden Wange . . . Ich machte drei Touren (sie walzt wunderbar leicht!). Sie war ganz außer Athem, ihre Augen waren ihr wie verwirrt; kaum konnten ihre halbgeöffneten Lippen das herkömmliche: merci, monsieur! hervorbringen. Nach einigen Minuten tiefen Stillschweigens von meiner Seite sagte ich, indem ich die bescheidenste Miene machte:
— Ich habe gehört, meine Fürstin, daß, obgleich ich Ihnen völlig fremd bin, ich dennoch das Unglück hatte ihreUngnade zu verdienen . . . daß Sie mein Betragen befremdete . . . Wäre es möglich?
„Wie es scheint, wünschen Sie, daß ich Sie in dieser Meinung bestätige,“ antwortete sie mit einem ironischen Zuge, der ihrer beweglichen Physiognomie übrigens recht wohl ansteht.
— Wenn ich die Kühnheit hatte, Sie irgendwie zu beleidigen, so erlauben Sie mir die noch viel größere, Sie um Verzeihung zu bitten. Ich wünsche in der That Ihnen zu beweisen, daß Sie sich in Betreff meiner sehr geirrt haben.
„Es möchte Ihnen doch etwas schwer werden . . .“
— Und warum das?
„Weil Sie unser Haus nie besuchen und diese Bälle sich wahrscheinlich nicht oft wiederholen werden.“
— Das heißt, dachte ich bei mir selbst, daß ihre Thüren mir auf ewig verschlossen sind. — Wissen Sie wohl, Fürstin, sagte ich mit einem Anflug von Bedauern, daß man nie einen reuigen Sünder verwerfen muß, weil er aus Verzweiflung doppelt so schuldig werden kann, und dann . . .
Ein lautes Gelächter und Zischeln der uns Umstehenden veranlaßte mich, mich umzudrehen und meine Phrase zu unterbrechen. In der Entfernung von einigen Schritten stand eine Gruppe von Männern, unter denen sich auch der Dragoner-Hauptmann befand, welche ihre feindlichen Absichten gegen die schöne Fürstin offen kund gaben. Der Hauptmann besonders schien mit etwas sehr zufrieden zusein, rieb sich die Hände, lachte laut auf und winkte seinen Genossen zu. Plötzlich erschien aus ihrer Mitte ein Herr im Fracke, mit langem Schnurrbart und rothem Gesichte, welcher seine unsicheren Schritte gerade auf die Fürstin zulenkte; er war betrunken.
Als er vor der erbebenden Fürstin mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Händen stillstand und seine umnebelten, grauen Augen auf sie richtete, hob er mit falscher Diskantstimme an:
„Permettez! Ei was Ceremonien! ich engagire Sie hiermit zur Mazurka!“ —
— Was ist Ihnen gefällig, sagte sie mit zitternder Stimme, indem sie einen hülferufenden Blick um sich warf. Leider hatte sich ihre Mutter entfernt und keiner der ihr bekannten Kavaliere war in der Nähe; ein Adjutant zwar schien Alles zu sehen, was vorging, verbarg sich aber in dem großen Haufen, um nicht in diese Geschichte mit hineingezogen zu werden.
„Wie?“ sagte der betrunkene Herr, welcher dem Dragoner-Hauptmann zuwinkte, der ihn seinerseits durch Zeichen ermuthigte, „so ist’s Ihnen nicht gefällig? ich habe nochmals die Ehre, Sie pour Mazurek zu engagiren . . . . Sie glauben vielleicht, ich bin betrunken? Das ist nichts! im Gegentheil, ich kann Ihnen versichern . . .“
Ich sah, daß sie nahe daran war, vor Furcht und Unwillen in Ohnmacht zu fallen.
Ich ging an den betrunkenen Herrn heran, faßte ihnziemlich fest am Arme und bat ihn, indem ich ihm fest ins Auge blickte, sich zu entfernen, weil, fügte ich hinzu, die Fürstin mir schon längst versprochen habe, die Mazurka mit mir zu tanzen.
„Nun, auch gut, auf’n andermal,“ sagte er grinsend und entfernte sich mit seinen Gefährten, welche ihn in ein anderes Zimmer zogen.
Ein wunderbarer, seelenvoller Blick war mein Lohn.
Die Fürstin ging sogleich zu ihrer Mutter und erzählte ihr Alles; diese suchte mich sogleich auf und drückte mir ihre Dankbarkeit aus; sie erklärte mir, daß sie meine Mutter kenne und mit einem halben Dutzend meiner Tanten befreundet sei.
„Ich weiß nicht, wie es geschah, daß wir mit Ihnen bis jetzt noch nicht bekannt sind,“ fügte sie hinzu, „aber gestehen Sie, daß Sie selbst daran Schuld sind; Sie fliehen alle Menschen so, daß man gar nicht weiß, was man daraus machen soll. Ich hoffe, daß die Luft meines Salons ihren Spleen vertreiben wird, nicht wahr?“
Ich antwortete ihr mit einer jener Redensarten, welche ein jeder in ähnlichen Fällen bereit haben muß.
Die Quadrille zog sich schrecklich in die Länge.
Endlich ertönte die Mazurka, wir setzten uns in die Reihen.
Ich spielte weder auf den betrunkenen Herrn, noch auf mein früheres Betragen, noch auf Gruschnitzki an. Der unangenehme Eindruck der vorangegangenen Scene fingallmälig an sich zu verwischen; ihr Gesichtchen blühte wieder auf; sie scherzte sehr sinnig; ihre Unterhaltung war geistreich, ohne alle Prätension, lebhaft und beredt; ihre Bemerkungen bisweilen recht treffend. Ich gab ihr in einer sehr verwickelten Phrase zu verstehen, daß sie mir schon längst gefiele. Sie senkte das Köpfchen und eine leichte Röthe verbreitete sich über ihr Antlitz. —
„Sie sind ein seltsamer Mann!“ begann sie hierauf, indem sie ihre Sammetaugen auf mich richtete und gezwungen lächelte.
— Ich suchte deshalb Ihre Bekanntschaft nicht, fuhr ich fort, weil Sie ein zu dichter Kreis von Verehrern bereits umgiebt und ich befürchten mußte, vollkommen unter diesen zu verschwinden.
„Sie befürchteten das umsonst; sie sind alle unausstehlich langweilig.“
— Alle! Wäre es möglich . . . Alle?
Sie blickte mir scharf ins Auge, als ob sie sich bemühe, sich etwas ins Gedächtniß zurückzurufen, worauf sie abermals erröthend mit fester Stimme sagte: „Alle!“
— Selbst mein Freund Gruschnitzki?
„Ist er auch Ihr Freund?“ sagte sie, indem sie den Zweifel durch ihre Frage blicken ließ.
— Das ist er.
„Nun freilich, er gehört nicht in die Reihe der Lästigen . . .“
— Aber wohl in die Reihe der Unglücklichen, sagte ich lächelnd.
„Gewiß! Ist Ihnen das lächerlich? Ich möchte Sie wohl einmal an seiner Stelle sehen . . .“
— Wie so? Ich bin seiner Zeit auch einmal Junker gewesen und muß gestehen, daß dies die glücklichste Zeit meines Lebens war!
„Ist er denn Junker? . . .“ sagte sie rasch, „ich meinte . . .“
— Was meinten Sie?
„Nichts, nichts! — Wer ist doch jene Dame?“
Das Gespräch nahm nun eine andere Richtung und kehrte auf diesen Gegenstand nicht wieder zurück.
Die Mazurka war beendigt und wir gingen auseinander — auf Wiedersehn!
Die Damen fuhren nach Hause. Ich ging zum Abendessen und begegnete Werner.
„Aha!“ sagte er, „sind Sie das? Und wollten doch die Bekanntschaft der Fürstin nicht anders machen, als indem sie sie von einem sichern Tode erretteten!“
— Ich habe mehr gethan, erwiederte ich ihm; ich habe sie vor einer Ohnmacht auf dem Balle gerettet! . . .
„Wie so das? Erzählen sie doch.“
— Nein, das mögen Sie errathen, der Sie ja doch Alles auf der Welt errathen.
Gegen sieben Uhr Abends ging ich auf dem Boulevard spazieren. Gruschnitzki, der mich von fern kommen sah, kamauf mich zu; in seinen Augen leuchtete ein lächerlicher Enthusiasmus. Er drückte mir kräftig die Hand und sagte mit tragischer Stimme:
„Ich danke Dir, Petschorin . . . Du verstehst mich? . . .“
— Aufrichtig gesagt: nein; doch in jedem Falle bedarf es durchaus keines Dankes, erwiederte ich ihm, da ich mich einer Dir erwiesenen Wohlthat nicht recht erinnern kann. —
„Wie, und gestern? hast Du denn ganz vergessen? Mary hat mir alles wiedererzählt . . .“
— So, so also zwischen Euch ist jetzt schon alles gemein? sogar die Dankbarkeit? . . .
„Höre,“ sagte Gruschnitzki sehr wichtig, „ich bitte Dich, scherze nicht über meine Liebe, wenn Du mein Freund bleiben willst . . . Siehst Du, ich liebe sie bis zum Wahnsinn, und ich meine, ich hoffe, sie liebt mich auch . . . Ich habe eine Bitte an Dich. Du wirst heute Abend dort sein; versprich mir alles zu beobachten: ich weiß, daß Du darin Meister bist und die Weiber besser kennst als ich . . . Die Weiber! Die Weiber! Wer kann sie je verstehen? Ihr Lächeln widerspricht ihren Blicken, ihre Worte versprechen und locken an, während der Ton ihrer Stimme wieder zurückstößt . . . Bald errathen sie unsere geheimsten Gedanken, bald verstehen sie die sichtbarsten Zeichen nicht . . . So z. B. die Fürstin: gestern noch sprühten ihre Augen vor Leidenschaft, so oft sie auf mir ruhten, und heute sind sie umwölkt und kalt.“ —
— Vielleicht geschieht dies in Folge der Wirkungen des Wassers? entgegnete ich ihm.
„Du siehst auch in Allem nur die schlechte Seite . . . Materialist,“ fügte er verächtlich hinzu. „Uebrigens, laß uns von etwas anderem sprechen,“ und mit einem abgedroschenen, schalen Calembour versetzte er sich wieder in heitere Laune.
Gegen neun Uhr begaben wir uns zusammen zur Fürstin.
Als ich an den Fenstern Wäras vorüberging, sah ich sie in der Fensterbrüstung sitzen. Wir warfen uns einen verstohlenen Blick zu; bald nach uns erschien auch sie in dem Gastzimmer der Fürstin, die mich ihr als einen weitläuftigen Verwandten vorstellte. Man trank Thee; der Gäste waren viele, das Gespräch ein allgemeines. Ich war bemüht der Fürstin zu gefallen, ich scherzte und machte sie einige Male recht herzlich lachen. Die junge Fürstin hätte wohl auch manchmal gern mitgelacht, allein sie nahm sich zusammen, um nicht aus ihrer angenommenen Rolle zu fallen: sie findet nämlich: daß ein düsteres Wesen ihr wohl steht und hat vielleicht nicht so Unrecht. Auch Gruschnitzki schien sehr damit zufrieden, daß meine Lustigkeit sie nicht ansteckte.
Nach dem Thee begab man sich in den großen Salon.
„Bist Du mit meiner Folgsamkeit zufrieden, liebe Wära?“ fragte ich sie, als ich an ihr vorüberging.
Sie warf mir einen Blick der Liebe und Dankbarkeit zu. Ich bin an solche Blicke gewöhnt, doch gewährten siemir einstmals die reinste Seligkeit. Die Fürstin ließ ihre Tochter ans Piano gehen: alle bestürmten sie mit Bitten, ein Liedchen vorzutragen; — ich schwieg und begab mich, dies augenblickliche Durcheinander benutzend, an’s Fenster zu Wära, die mir etwas für uns beide ganz besonders Wichtiges mitzutheilen hatte . . . Was kam heraus? Unsinn.
Unterdessen war der Fürstin meine Gleichgültigkeit sehr empfindlich, wie ich das an einem erzürnten, strahlenden Blicke leicht errathen konnte . . . O, ich verstehe wunderbar diese stumme aber ausdrucksvolle, kurze aber kräftige Sprache! . .
Sie sang. Ihre Stimme ist nicht übel, es fehlt ihr aber an Schule . . . übrigens habe ich kaum hingehört. Dahingegen verschlang sie Gruschnitzki, der sich völlig auf das Royal legte, mit den Augen, und rief ein Mal über das andere mit halber Stimme: charmant! délicieux!
„Höre,“ sagte Wära zu mir, „ich will nicht, daß Du mit meinem Manne Bekanntschaft machst, dahingegen verlange ich unbedingt, daß Du der Fürstin zu gefallen strebst; das ist Dir ein Leichtes, Du kannst alles, was Du nur willst. Wir können uns nur hier sehen . . .“
— Nur? . . .
Sie erröthete und fuhr fort: „Du weißt, daß ich Deine Sklavin bin, daß ich Dir niemals zu widerstreben vermochte . . . und ich werde meinen Lohn dafür schon erhalten: Du wirst aufhören mich zu lieben. Aber meinen Ruf muß ich doch zu erhalten suchen — Du weißt recht gut, daß es nicht meinetwegen geschieht! O, ich flehe Dich an,quäle mich nicht wieder, wie früher, mit leeren Zweifeln und einer erzwungenen Kälte: ich sterbe wohl bald, denn ich fühle, wie ich von Tag zu Tage abnehme . . . und doch kann ich an das künftige Leben nicht denken, sondern meine Gedanken weilen immer bei Dir. Ihr Männer könnt den Genuß eines Blickes, eines Händedruckes nicht verstehen . . . während ich — ich schwöre es Dir — wenn ich Deine Stimme höre, eine tiefergreifende, seltsame Seligkeit empfinde, welche selbst die glühendsten Küsse nicht ersetzen können.“
Unterdessen hatte die Fürstin Mary aufgehört zu singen. Laute Lobeserhebungen ertönten rund um sie; ich war der letzte, der zu ihr heranging und ihr etwas über ihre Stimme sagte. Ich that es ziemlich gleichgültig.
Sie machte eine kleine Grimasse, indem sie die Unterlippe etwas nach vorn bewegte, und nahm sich überhaupt sehr lächerlich aus.
„Es ist mir dies um so schmeichelhafter,“ sagte sie, „als Sie mich gar nicht gehört haben; aber vielleicht lieben Sie die Musik gar nicht.“
— Im Gegentheil . . . besonders nach Tische.
„So hat Gruschnitzki Recht, wenn er sagt, daß Sie einen sehr prosaischen Geschmack haben . . . und ich sehe, daß Sie die Musik nur in gastronomischer Beziehung lieben.“
— Sie sind nochmals im Irrthum, ich bin durchaus kein Gastronom, denn ich habe einen sehr verdorbenen Magen. Aber nach Tische schläfert einen die Musik ein und es soll gesund sein, nach dem Essen zu schlafen: folglichliebe ich die Musik in medizinischer Beziehung. Abends hingegen greift sie meine Nerven zu sehr an und ich werde entweder zu melancholisch oder zu ausgelassen. Das eine wie das andere ist entsetzlich ermüdend, wenn man keine bestimmte Ursachen hat sich zu härmen oder zu freuen; außerdem erscheint die Melancholie in Gesellschaft immer lächerlich und eine zu große Ausgelassenheit nicht wohlanständig.
Sie hörte mich nicht aus, ging fort, setzte sich neben Gruschnitzki und es entspann sich alsbald zwischen ihnen ein recht sentimentales Gespräch; wie es schien, antwortete aber die Fürstin auf seine weisen Phrasen ziemlich zerstreut und unzusammenhängend, obgleich sie sich Gewalt anthat, ihm zu zeigen, daß sie ihm mit Aufmerksamkeit zuhöre, denn bisweilen blickte er sie erstaunt an, bemüht, die Ursache dieser innern Aufregung zu errathen, die sich bisweilen in ihrem unruhigen Blicke verrieth . . .
Ich aber, holde Fürstin, habe Sie längst durchschaut, nehmen Sie sich wohl in Acht! Sie wollen mich mit derselben Münze bezahlen und meine Eigenliebe verwunden, — das soll Ihnen nicht gelingen; sollten Sie mir aber gar den Krieg erklären, so würde ich schonungslos sein!
Im Verfolg des Abends bemühte ich mich absichtlich zu wiederholten Malen, mich in ihr Gespräch zu mischen; sie nahm aber meine Bemerkungen ziemlich trocken auf und ich entfernte mich zuletzt, mit verstelltem Aerger. Die Fürstin jubelte; ebenso Gruschnitzki. Jubelt nur, meine Freunde, und thut es bald! Ihr sollt früh genug aufhören zu jubeln!Es wird gewiß so kommen, meine Ahnung trügt mich nicht! So oft ich noch mit einem Frauenzimmer bekannt wurde, errieth ich stets, ohne je zu irren, ob sie mich lieben würde oder nicht.
Den Rest des Abends brachte ich an Wära’s Seite zu und sprach mich mit ihr über die vergangenen Zeiten recht satt. Warum sie mich so lieb hat? ich weiß es wahrhaftig, nicht, um so weniger, als sie das einzige Weib ist, welche mich vollkommen verstand, mit allen meinen kleinen Schwächen und niedrigen Leidenschaften . . . Oder wäre gar das Böse so anziehend? . . .
Ich verließ mit Gruschnitzki das Haus; auf der Straße faßte er mich unter den Arm und begann endlich nach längerem Schweigen:
„Nun, was sagst Du nun?“
— Du bist ein Narr, hätte ich ihm antworten mögen; aber ich hielt mich zurück und zuckte nur mit den Achseln. —
Alle diese Tage über bin ich nicht ein einziges Mal von meinem System abgewichen. Die Fürstin fängt an Gefallen an meiner Unterhaltung zu finden; ich erzählte ihr einige der seltsamen Begebenheiten meines Lebens und sie beginnt in mir einen ungewöhnlichen Menschen zu sehen.Ich lache über alles auf der Welt, besonders über die Gefühle: dies fängt an sie zu erschrecken. Sie wagt es nicht mehr, sich in meiner Gegenwart mit Gruschnitzki in sentimentale Debatten einzulassen und antwortete schon mehrmals auf seine Ausfälle mit einem spöttischen Lächeln; so oft sich Gruschnitzki ihr nur nähert, nehme ich ein ehrerbietiges, diskretes Wesen an und ziehe mich von ihnen zurück; das erste Mal war sie erfreut darüber, oder bemühte sich wenigstens so zu scheinen; das zweite Mal aber ärgerte sie sich über mich; das dritte Mal über Gruschnitzki.
„Sie haben außerordentlich wenig Selbstliebe!“ sagte sie gestern zu mir. Warum glauben Sie denn, daß ich mich mit Gruschnitzki lieber unterhalte?“
Ich entgegnete ihr, daß ich dem Glücke meines Freundes mein eigenes Vergnügen gern aufopfere . . .
„Und das meinige auch,“ fügte sie hinzu.
Ich blickte sie starr an und machte eine sehr ernste Miene. Hierauf sprach ich den ganzen Tag kein Wort mit ihr . . . Am Abende war sie sehr nachdenklich, und heute morgen am Brunnen noch viel nachdenklicher. Als ich mich ihr näherte, hörte sie nur zerstreut auf Gruschnitzki, der sich, wie es schien, in Entzückungen über die Natur erging; kaum bemerkte sie mich, so begann sie laut zu lachen (und zwar durchaus mal à propos), um damit zu zeigen, als habe sie mich gar nicht bemerkt. Ich ging an ihr vorüber und beobachtete sie unbemerkt aus der Ferne: sie wandte sich von ihrem Gesellschafter ab und gähnte zweimal. Gruschnitzkilangweilt sie also ganz bestimmt. Noch während zweier Tagen werde ich nicht mit ihr sprechen.
Ich frage mich öfter, woher es kommt, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit der Liebe eines jungen Mädchens nachjage, die ich weder verführen will noch jemals zu heirathen beabsichtige. Wozu diese weibische Koketterie? Wära liebt mich besser, als die Fürstin Mary mich jemals lieben wird; hätte sie mir nun noch wenigstens eine unüberwindliche Schöne geschienen, so wäre ich vielleicht von der Schwierigkeit des Unternehmens angestachelt worden . . . .
Dem ist aber nicht so! Folglich ist es nicht jenes, unruhige Bedürfniß nach Liebe, welches uns in den ersten Jünglingsjahren so martert, und uns von dem einen Weibe zum andern wirft, bis wir auf eine solche stoßen, die uns nicht ausstehen kann: nun beginnt unsere Beständigkeit — die wahre, unendliche Leidenschaft, welche man mathematisch mit einer Linie vergleichen kann, die von einem gegebenen Punkte sich in die Unendlichkeit erstreckt; das Geheimniß dieser Unendlichkeit ruht nur in der Unmöglichkeit, das Ziel, nämlich das Ende, erreichen zu können.
Warum aber mache ich mir so viel damit zu thun? Aus Neid gegen Gruschnitzki? Der Schlucker! er ist dessen gar nicht werth. Oder ist es in Folge jenes garstigen, aber unüberwindlichen Gefühles, welches uns die süßen Verirrungenunseres Nächsten zu vernichten antreibt, damit wir, wenn er uns verzweiflungsvoll frägt, wem man nun noch trauen könne, die niedrige Genugthuung haben mögen, ihm zu antworten:
— Mein Freund, es ist mir grade so ergangen, und doch siehst Du, daß ich zu Mittag und zu Abend speise, wunderschön schlafe und hoffe, dereinst ohne Klagen und Thränen zu versterben.
Doch verhehlen wir es uns nicht, es liegt ein unermeßlicher Genuß in der Herrschaft über eine jugendliche, dem Leben kaum erschlossenen Seele! Sie ist einer Blume gleich, deren süßestes Aroma dem ersten Sonnenstrahle entgegenduftet; in dieser Minute muß man sie pflücken und sich sattsam daran weiden. Dann werfe man sie immerhin auf den Weg, es wird sich wohl noch Jemand finden, der sie aufnimmt! Ich fühle in mir eine unersättliche Gier, die alles verschlingt, was mir in den Weg kommt; die Leiden und Freuden der andern betrachte ich nur insofern, als sie Bezug auf mich haben, wie eine Speise, welche meine Seelenkräfte aufrecht erhält. Ich selbst bin nicht mehr im Stande unter dem Einflusse der Leidenschaften den Verstand zu verlieren; mein Ehrgefühl wurde durch äußere Umstände zurückgedrängt, es erschien aber bald wieder in einer andern Gestalt; denn was ist das Ehrgefühl anders als der Durst nach Macht — meine höchste Genugthuung aber ist: meinem Willen alles zu unterwerfen, was mich umgiebt; wenn man nun das Gefühl der Liebe, der Hingebung, der Furchtin andern erweckt — was ist denn dies anders als das erste Zeichen, als der höchste Sieg der Macht? Ist es nicht die süßeste Nahrung unseres Stolzes, für irgend Jemand der Grund des Leidens und der Wonne zu sein, ohne, ein bestimmtes Recht dazu zu haben? Was heißt Glück!? Der gesättigte Stolz. — Dürfte ich mich für besser und mächtiger halten als alle Menschen auf der Welt, so würde ich glücklich sein; wenn alle Menschen mich liebten, so würde ich auch die unversieglichen Quellen der Liebe in mir wahrnehmen. Das Böse erzeugt das Böse; das erste Leiden erweckt in uns das Verständniß von dem Genusse, einen andern zu quälen. Die Idee des Bösen konnte das menschliche Gehirn nicht durchdringen, ohne daß es nicht auch suchte, sie zur wirklichen Ausführung zu bringen. Die Ideen, sagte Jemand, sind organische Wesen, ihre bloße Empfängniß verleiht ihnen auch schon ihre Gestalt, und diese Gestalt ist die That; derjenige, in dessen Haupte die meisten Ideen entsprangen, hat auch mehr als andere gewirkt. Daher muß das Genie, das an den Büreautisch gefesselt ist, entweder sterben oder wahnsinnig werden, gerade so wie ein Mensch von mächtigem Körperbau bei einer sitzenden Lebensart und strenger Keuschheit am Schlagflusse sterben muß.
Die Leidenschaften sind nichts anders als Ideen in ihrer ersten Gestalt-Entwickelung; sie sind das Eigenthum der Herzensjugend, und ein Thor ist der, welcher glaubt das ganze Leben von ihnen bewegt zu werden: viele ruhige Ströme fangen als tobende Wasserfälle an, aber auchnicht einer von ihnen schäumt und braust bis zu seinem Ausfluß ins Meer. Aber auch diese Ruhe ist wiederum häufig das Wahrzeichen einer gewaltigen, wenn schon verborgenen Kraft. Die Vollkraft und Tiefe der Gefühle und Gedanken lassen heftige Stöße gar nicht zu: die Seele legt sich im Dulden wie im Genusse strenge Rechenschaft von Allem ab und ist davon überzeugt, daß sie so handeln muß; sie weiß, daß ohne Stürme eine beständige Sonnengluth sie austrocknen würde; sie durchdringt sich mit ihrem eigenen Leben — verzärtelt sich und bestraft sich, wie ein geliebtes Muttersöhnchen. Nur in diesem höhern Zustande der Selbsterkenntniß kann der Mensch die Gerechtigkeit Gottes wirklich ermessen.
Indem ich diese Seite überlese, bemerke ich, daß ich mich weit von meinem Gegenstande entfernt habe . . . Doch was schadet das? Schreibe ich doch dies Journal für mich selbst, und wird doch alles, was ich auch darin hinwerfe, mir dereinst eine theure Erinnerung gewähren.
Gruschnitzki kam zu mir und warf sich mir an den Hals. Er ist zum Offizier ernannt worden. Ich ließ Champagner auffahren. Doktor Werner kam ebenfalls kurz nach ihm.
„Ich gratulire Ihnen nicht,“ sagte er zu Gruschnitzki.
— Und warum das?
„Darum, daß Ihr Soldatenmantel Ihnen viel besser steht, und weil, wie Sie selbst gestehen müssen, eine hier ineinem Badeorte genähte Armee-Infanterie-Uniform Sie wahrhaftig um nichts interessanter machen kann. Sehen Sie wohl, bisher wurden Sie hier zu den Ausnahmen gerechnet, jetzt aber gehen Sie in der allgemeinen Regel auf.“
— Sprechen Sie was Sie wollen, Doktor! Sie werden mich in meiner Freude nicht stören. Er weiß nicht, raunte er mir ins Ohr, welche Hoffnungen mir diese Epauletten verliehen . . . O, Epauletten, Epauletten! Eure Sternchen sind mir Wegweiser . . . Nein, ich bin jetzt vollkommen glücklich! —
„Wirst Du die Promenade nach dem Erdfalle mit uns machen?“ fragte ich ihn.
— Ich? Für nichts in der Welt zeige ich mich der Fürstin eher, als bis meine Uniform fertig ist.
„Wünschest Du, daß man ihr Deine Freude mittheile?“
— Nein, ich bitte Dich, sprich ihr nichts davon . . . Ich will sie überraschen . . .
„So sage mir wenigstens, wie Deine Sachen mit ihr stehen?“
Er wurde verwirrt und nachdenkend; er hätte gern ein Bischen aufgeschnitten und sich wichtig gemacht, wenn er sich nicht ein Gewissen daraus gemacht hätte, und doch schämte er sich die Wahrheit zu gestehen.
„Ja, was meinst Du, liebt sie Dich?“
— Ob sie mich liebt? Aber ich bitte Dich, Petschorin, was hast Du für Ideen! . . . Wie könnte das so schnellgehen? . . . Und gesetzt, es wäre dem so, wie könnte ein anständiges Frauenzimmer das sagen! . . .
„Gut! Nach Deiner Meinung soll nun wahrscheinlich ein Mann auch von seiner Leidenschaft schweigen? . . .“
— Ach, Liebster, es kommt nur darauf an, wie man’s anfängt. Vieles spricht man nie aus, sondern läßt es errathen. —
„Das ist schon recht . . . Indessen verpflichtet die Liebe, die wir in den Augen lesen, ein Frauenzimmer durchaus zu nichts, während Worte . . . Nimm Dich in Acht, Gruschnitzki, sie führt Dich an . . .“
— Sie? antwortete er, die Augen zum Himmel erhebend und selbstgefällig lächelnd: Du thust mir leid, Petschorin!
Er ging.
An demselben Abend begab sich eine zahlreiche Gesellschaft zu Fuß nach dem Erdsturz. —
Nach der Meinung der hiesigen Gelehrten ist dieser Erdsturz nichts anders als ein erloschener Krater; er befindet sich am Abhange des Maschuk, ungefähr eine Werst von der Stadt. Ein enger Fußpfad führt zwischen Gesträuchern und Felsen dahin; als wir den Berg erstiegen, reichte ich der Fürstin meinen Arm, den sie während der ganzen Promenade nicht wieder fahren ließ.
Unser Gespräch begann mit übler Nachrede: ich fing an, alle An- und Abwesenden unserer Bekanntschaft herunter zu reißen, indem ich zuerst ihre schwachen, alsdann ihre schlechten Seiten hervorhob. Meine Galle gerieth in volleThätigkeit. Ich fing scherzend an und endigte mit wirklicher Erbitterung. Anfangs belustigte sie es; zuletzt fing sie an zu erbeben.
„Sie sind ein gefährlicher Mensch!“ sagte sie zu mir; „ich möchte lieber den Mördern im Walde unter’s Messer fallen als unter ihre kleine Zunge, und ich bitte Sie in vollem Ernste: sollte es Ihnen jemals einfallen, Schlechtes von mir sagen zu wollen, lieber ein Messer zu nehmen und mich damit zu ermorden; — ich glaube ohnedem, daß es Ihnen nicht schwer fallen würde.“
— Sehe ich denn einem Mörder so ähnlich? . .
„Sie sind noch viel schlimmer . . .“
Ich blieb einen Augenblick in Nachdenken versunken, und sagte endlich zu ihr, indem ich eine tief gerührte Miene annahm: „Ja, das war mein Schicksal von Jugend auf; alle lasen auf meinem Gesichte die Kennzeichen schlechter Eigenschaften, die ich gar nicht besaß; aber man setzte sie voraus — und sie kamen zum Vorschein. Ich war aufrichtig — man beschuldigte mich der Falschheit: ich wurde versteckt: Ich fühlte tief das Gute und das Schlechte. — Niemand hatte mich lieb, alle thaten mit weh — ich wurde rachesüchtig; ich war finster, andere Kinder waren heiter und plauderhaft; ich fühlte mich über sie erhaben, — man stellte mich unter sie: so wurde ich neidisch. Ich war bereit, die ganze Welt zu lieben — Niemand wollte mich verstehen: so lernte ich hassen. So floß meine farblose Jugend im Kampfe mit mir und der Welt dahin; meine besten Gefühleverbarg ich in der Tiefe meines Herzens aus Furcht vor dem Grinsen der Ironie: dort sind sie nun erstorben. Ich redete die Wahrheit — man versagte mir das Vertrauen: ich fing an zu täuschen. Da ich nun die Welt und die Sprungfedern der Gesellschaft so gut kennen gelernt hatte, so wurde ich in der Kunst zu leben bald erfahren, und sah, wie andere Leute ohne alle Kunst glücklich wurden, die sich ganz umsonst derjenigen Vortheile bedienten, welchen ich mit so unermüdlichem Fleiße nachjagte. Da tauchte in meiner Brust die Verzweiflung auf, — nicht jene Verzweiflung, welche man mit dem Laufe einer Pistole kuriren kann, sondern eine kalte, ohnmächtige Verzweiflung, die unter der äußeren Liebenswürdigkeit und einem gutmüthigen Lächeln verborgen liegt. Ich wurde ein moralischer Krüppel: die eine Hälfte meiner Seele existirte gar nicht mehr; sie war vertrocknet, verdampft, abgestorben und so riß ich sie aus und warf sie fort, — während die andere sich rührte und lebte Jedermann zu dienen, und Keiner dies bemerkte; weil Niemand von der Existenz der verloren gegangenen Hälfte etwas gewußt hatte; aber Sie haben jetzt die Erinnerung an sie wachgerufen und ich habe Ihnen ihre Grabschrift vorgelesen. Vielen Menschen scheinen alle Grabschriften insgesammt lächerlich; mir nicht, besonders, wenn ich daran denke, was unter ihnen begraben liegt. Uebrigens bitte ich Sie gar nicht etwa, meine Meinung zu theilen; lachen Sie immerhin, wenn Ihnen meine Darstellung derSache lächerlich scheint: Ich benachrichtige Sie zuvor, daß mich das nicht im Geringsten beleidigen wird.
In diesem Augenblicke begegnete ich ihrem Blicke; in ihren Augen glänzten Thränen, ihr Arm, der sich auf den meinigen stützte, zitterte, ihre Wangen glühten, sie bedauerte mich! Das Mitgefühl — dies Gefühl, dem sich die Frauen so leicht unterwerfen, streckte seine Klauen über ihr unerfahrenes Herz. Während der ganzen Promenade war sie zerstreut und kokettirte mit Niemand, — ein wichtiges Zeichen!
Wir langten beim Erdfalle an; die Damen verließen ihre Kavaliere, sie ließ meinen Arm nicht fahren. Die Witze der hiesigen Dandies machten sie nicht irre. Der Abgrund der Untiefe, vor welchem sie stand, erschreckte sie nicht, während die andern Damen laut aufkreischten und sich die Augen bedeckten.
Auf dem Rückwege erneuerte ich unser trauriges Gespräch nicht, indessen gab sie mir auf meine leeren Fragen und Gaukeleien nur kurze und zerstreute Antworten.
— Haben Sie schon geliebt? fragte ich zuletzt.
Sie sah mich mit einem durchdringenden Blicke an, schüttelte das Köpfchen und verfiel wieder in tiefes Nachdenken; es war klar, daß sie etwas sagen wollte, aber nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Busen wogte . . . Wie konnte dem anders sein! Ein Gaze-Aermel ist ein geringer Schutz, und der elektrische Funke zuckte aus meinem Arme in — den ihrigen: fast alle Leidenschaften fangen damit an, und wir täuschen uns sehr oft wenn wir glauben, daß ein Frauenzimmer uns wegen unserer moralischen oder physischenVorzüge liebt; es ist wahr, diese bahnen uns den Weg, sie stimmen das Herz zur Aufnahme des heiligen Feuers — nichtsdestoweniger entscheidet die erste Berührung jedesmal das ganze Verhältnis.
„Nicht wahr, ich bin heute sehr liebenswürdig gewesen?“ sagte die Fürstin mit einem gezwungenen Lächeln zu mir, als wir von der Promenade zurückgekehrt waren.
Wir verließen einander.
Sie ist unzufrieden mit sich; sie klagt, sich selbst der Kälte an . . . O, dies ist der erste, der wichtigste Sieg! Morgen wird sie mich belohnen wollen. Das weiß ich alles schon im Voraus — und das ist langweilig!
Heute sah ich Wära. Sie quälte mich mit ihrer Eifersucht. Die junge Fürstin war wahrscheinlich auf die Idee gekommen, ihr ihre Herzensgeheimnisse anzuvertrauen: eine glückliche Wahl, in der That!
„Ich errathe recht gut, wohin dies alles neigt,“ sagte Wära zu mir: „sage mir jetzt lieber ganz einfach, daß Du sie liebst.“
— Wenn ich sie nun aber nicht liebe?
„Wozu sie denn so verfolgen, beunruhigen und ihre Einbildungskraft so in Wallung bringen? . . . . O, ich kenne Dich durch und durch! Höre, wenn Du willst, daß ich Dir glauben soll, so kommst Du in ungefähr einer Woche nachKislowodsk; wir ziehen schon übermorgen dahin. Die Fürstin wird hier noch länger bleiben. Miethe die Wohnung nebenan; wir werden im Halbgeschosse des großen Hauses nahe bei der Quelle wohnen; die Fürstin bezieht die untere Etage. Nebenan steht ein Haus desselben Wirthes, das noch nicht vermiethet ist. Du kommst doch?“
Ich versprach es und schickte noch denselben Tag dahin, die Wohnung für mich in Beschlag zu nehmen.
Gruschnitzki kam um sechs Uhr Abends zu mir und machte mir die Mittheilung, daß morgen, gerade zum Balle, seine Uniform fertig sein würde.
„Endlich werde ich mit ihr einen ganzen Abend hindurch tanzen . . . Da will ich mich einmal mit ihr recht satt reden,“ fügte er hinzu.
— Wann findet der Ball Statt?
„Morgen! Mein Gott, weißt denn Du das nicht? Es ist morgen ein großer Feiertag, und die hiesige Behörde hat es übernommen, den Ball zu arrangiren . . .“
— Komm, laß uns nach dem Boulevard gehen . . .
„Für nichts in der Welt in diesem eckligen Mantel . . .“
— Wie, so hast Du ihn nicht mehr lieb? . . .
Ich ging allein, und da ich zufällig der Fürstin Mary begegnete, engagirte ich sie zur Masurka. Sie schien erstaunt und erfreut.
„Ich dachte, Sie, tanzten nur aus Nothwendigkeit, wie das vergangene Mal,“ sagte sie holdselig lächelnd.
Sie bemerkt, wie es scheint, die Abwesenheit Gruschnitzki’s durchaus nicht.
— Sie werden morgen angenehm überrascht werden, sagte ich zu ihr:
„Wodurch das?“
— Das ist ein Geheimniß . . . auf dem Balle werden Sie es selbst errathen.
Den übrigen Theil des Abends brachte ich bei der Fürstin zu; Gäste waren nicht da, außer Wära und einem sehr, drolligen alten Männchen. Ich war aufgelegt und improvisirte verschiedene seltsame Geschichten. Die junge Fürstin saß mir gegenüber und hörte meinem Unsinne mit einer so tiefen, gespannten, ja, zärtlichen Aufmerksamkeit zu, daß es mir ordentlich zu Herzen ging. Wohin ist ihre Lebhaftigkeit, ihre Koketterie; wohin ihre Launen, ihre herausfordernde Miene, ihr superbes Lächeln, ihr zerstreuter Blick?
Wära bemerkte alles; auf ihrem krankhaften Gesichte malte sich ein tiefer Kummer; sie saß im Schatten am Fenster, in einen breiten Lehnstuhl begraben . . . Sie that mir leid . . .
Da begann ich die ganze dramatische Geschichte unserer Bekanntschaft, unserer Liebe — versteht sich unter veränderten Namen — zu erzählen. Ich stellte meine Zärtlichkeit, alle meine Bekümmernisse, mein Entzücken so lebhaft dar, ich schilderte ihren Charakter und ihre Schritte in so vortheilhaften Farben, daß sie mir unwillkürlich meine Koketterie mit der Fürstin verzeihen mußte.
Sie stand auf setzte sich zu uns heran und wurde lebhafter. Erst gegen zwei Uhr erinnerten wir uns, daß die Doktoren befehlen, um eilf Uhr schlafen zu gehen.
Ungefähr eine halbe Stunde vor dem Balle war Gruschnitzki im vollen Glanze seiner Armee-Infanterie-Uniform zu mir gekommen. Mit dem dritten Knopfe war noch eine kleine bronzene Kette eingeknöpft, an welcher ein Doppellorgnon hing; die Epauletten von ungleicher Form standen in die Höhe wie ein Paar Amorsflügel. Seine Stiefeln krachten; in der linken Hand hielt er zimmetfarbige, hundelederne Handschuhe und seine Mütze, mit der rechten wühlte er in den kleinen Locken seines gekräuselten Haupthaares. Selbstzufriedenheit und zu gleicher Zeit eine gewisse Unsicherheit drückten sich in seinem Gesichte aus; sein sonntägliches Aussehen, sein stolzer Gang hätten mich laut lachen gemacht, wenn das mit meinen Absichten hätte übereinstimmen können.
Er warf seine Mütze und Handschuhe auf den Tisch und fing an, an den Schößen zu ziehen und sich vor dem Spiegel in Ordnung zu bringen: ein ungeheuer großes schwarzes Halstuch, über ein bereits sehr hohes Unterhalstuch gebunden, dessen Schweinsborsten sein Kinn in die Höhe hielten, guckte wohl um dreiviertel Zoll aus dem Kragen heraus; das schien ihm noch zu wenig: er zog es noch vollends bis an die Ohren in die Höhe; von dieser saurenArbeit — denn der Kragen war eng und unbequem — füllte sich sein Gesicht ganz mit Blut an.
„Man sagt, Du habest dieser Tage meiner Fürstin ungeheuer die Cour gemacht?“ sagte er ziemlich nachlässig und ohne mich anzublicken.
— Wo haben wir schon Gänse mit einander gehütet! antwortete ich ihm, indem ich mich eines sehr beliebten volksthümlichen Sprichwortes bediente.
„Sag’ mal, sitzt mir die Uniform gut? . . . Ach, der verfluchte Jude! . . . wie mich das unter den Armen schneidet! Hast Du keine Odeurs?“
— Aber ich bitte Dich, wozu willst Du deren noch mehr? Du riechst so schon nach nichts als Rosenpomade . . .
„Das thut nichts; gieb nur her . . .“
Er goß sich ein halbes Glas ins Halstuch, Schnupftuch und in die Aermel.
„Wirst Du tanzen?“ fragte er.
— Ich glaube kaum.
„Ich fürchte, daß ich mit der Fürstin werde die Mazurka eröffnen müssen, — und noch weiß ich fast nicht eine einzige Figur . . .“
— Hast Du sie bereits zur Mazurka engagirt?
„Nein, noch nicht . . .“
— Siehe zu, daß man Dir nicht zuvorkommt.
„Wirklich?“ sagte er, indem er sich vor die Stirn schlug. „Adieu, ich will sie am Thorwege erwarten.“ Er ergriff seine Mütze und eilte fort.Nach einer halben Stunde ging auch ich. Auf der Straße war es dunkel und leer; rund um das Restaurationsgebäude drängte sich das Volk; die Fenster waren erleuchtet. Die Töne der Militair-Musik wurden mir vom Abendwinde entgegengetragen. Ich ging langsamen Schrittes vorwärts; ich war traurig . . . Ist es möglich, dachte ich, daß meine einzige Bestimmung auf dieser Erde die wäre, die Hoffnungen anderer zu zerstören. Seit ich lebe und wirke, gebrauchte mich das Schicksal noch immer zur Entwickelung fremder Dramen, als ob ohne mich Niemand sterben oder in Verzweiflung gerathen könnte! Ich war noch immer eine nothwendige Person des fünften Aktes; unwillkührlich spielte ich die Rolle des Henkers oder des Verräthers. Welche Absicht hatte das Schicksal hierbei? Hätte es mich wohl gar zum Verfasser von bürgerlichen Trauerspielen und Familienromanen bestimmt? Oder zum Mitarbeiter der Novellenlieferanten für literarische Journale, wie z. B. die „Lesebibliothek“?31). . . Was strebe ich darnach es zu wissen? . . . Wie viele der Menschen giebt es nicht, die beim Beginn ihres Lebens hoffen, dasselbe wenigstens wie Alexander der Große oder Lord Byron zu endigen, und die dennoch ihr ganzes Leben lang nicht über den Titel eines Titularrathes hinauskommen? . . .
Als ich in den Saal getreten war, hielt ich mich hintereiner Menge Herren versteckt und fing an meine Beobachtungen zu machen. Gruschnitzki stand neben der jungen Fürstin und erzählte ihr etwas mit großer Lebhaftigkeit; sie hörte ihm zerstreut zu, blickte nach den Seiten und legte ihren Fächer an die Lippen; ihr Gesicht drückte Unzufriedenheit aus, ihre Augen suchten rundum etwas; ich ging sachte von hinten herum, um ihr Gespräch zu überhören. —
— Sie martern mich, Fürstin, sagte Gruschnitzki. Sie haben sich ungemein verändert, seit ich Sie zum letzten Male gesehen habe . . .
„Sie haben sich auch verändert,“ antwortete sie, einen rapiden Blick auf ihn werfend, dessen versteckten Spott er nicht auffaßte.
— Ich, ich hätte mich verändert? . . . O niemals! Sie wissen, daß dies unmöglich ist! Wer Sie nur einmal gesehen, der trägt auf ewig Ihr göttliches Bild in sich! —
„Ich bitte, schweigen Sie . . .“
— Warum wollen Sie denn jetzt das nicht mehr anhören, wozu Sie mir noch unlängst ein geneigtes Gehör schenkten? . . .
„Weil ich Wiederholungen nicht liebe,“ antwortete sie mit einem feinen Lächeln.
— O, wie bitter habe ich mich getäuscht! Ich wähnte, daß diese Epauletten mir wenigstens das Recht verliehen, zu hoffen . . . Nein, es wäre mir besser gewesen ewig in jenem verachteten Soldatenmantel zu verbleiben, welchem ichvielleichtIhre Auszeichnung einzig und allein verdankte . . .
„In der That, der Mantel stand Ihnen sehr gut . . .“
In diesem Augenblicke trat ich hervor und machte der Fürstin eine Verbeugung; sie erröthete leicht und sagte rasch:
„Nicht wahr, Monsieur Petschorin, der graue Mantel steht Monsieur Gruschnitzki bei weitem besser? . . .“
— Ich bin nicht Ihrer Meinung, gnädige Fürstin, erwiederte ich, in der Uniform sieht er noch viel jugendlicher aus.
Gruschnitzki hielt diesen letzten Schlag nicht aus. „Wie alle Knaben, hat auch er die Prätension ein reifer Mann zu sein; er glaubt, daß auf seinem Gesichte die tiefen Spuren der Leidenschaften den Stempel der Jahre ersetzen.“ Er warf mir einen wüthenden Blick zu, stampfte mit dem Fuße und entfernte sich.
— Gestehen Sie, gnädige Fürstin, sagte ich zu ihr, daß, obgleich er immer höchst lächerlich war, er Ihnen doch jüngst noch interessant schien . . . im grauen Mantel? . . .
Sie schlug die Augen nieder und schwieg.
Gruschnitzki verfolgte die Fürstin den ganzen Abend; bald tanzte er mit ihr, bald war er ihr vis-à-vis; er verschlang sie mit den Augen, seufzte, und langweilte sie mit Bitten und Vorwürfen. Nach der dritten Quadrille haßte sie ihn bereits.
„Das hätte ich von Dir nicht erwartet,“ sagte er, auf mich zukommend und mich am Arme fassend.
— Was?
„Du wirst mit ihr die Mazurka tanzen?“ fragte er mit siegender Stimme. „Sie hat es mir gestanden . . .“
— Nun, und was weiter? Ist das etwa ein Geheimniß?
„Versteht sich . . . Ich hätte das von einem solchen Kinde, einer solchen Kokette wohl erwarten können . . . Aber ich werde mich schon rächen!“
— Schäume gegen Deinen Mantel oder gegen Deine Epauletten — warum denn gerade sie beschuldigen? Was kann sie dafür, wenn Du ihr nicht länger gefällst? . . .
„Warum gab sie mir dann Hoffnungen . . .?“
— Warum gabst Du Dich Hoffnungen hin? Wünschen und nach etwas streben — das begreife ich — aber hoffen, hoffen! . . .
„Du hast die Wette gewonnen, nur noch nicht ganz,“ sagte er tückisch lächelnd.
Die Mazurka begann. Gruschnitzki wählte zu allen Figuren nur die Fürstin, dasselbe thaten die übrigen Kavaliere: es war ein offenbares Einverständniß gegen mich; — um so besser: sie will mit mir sprechen, man verhindert sie daran — sie wird es nun doppelt so sehr wünschen.
Ich drückte ihr zweimal die Hand; beim zweiten Male zog sie dieselbe zurück, ohne ein Wort zu sagen.
„Ich werde diese Nacht schlecht schlafen,“ sagte sie zu mir, als die Mazurka zu Ende ging.
— Daran ist Gruschnitzki Schuld.
„O nein!“ Ihr Antlitz war so nachdenklich, so trübe,daß ich mir das Wort gab ihr diesen Abend unbedingt die Hand zu küssen.
Der Ball fing an sich aufzulösen. Als ich die Fürstin in den Wagen hob, drückte ich rasch ihr kleines Händchen an meine Lippen. Es war dunkel, und Niemand konnte es gesehen haben.
Ich kehrte, höchst zufrieden mit mir selbst, in den Saal zurück. —
An einem großen Tische speisten die jungen Leute zu Nacht; zwischen ihnen auch Gruschnitzki. Als ich eintrat, schwiegen sie alle: es war klar, man hatte von mir gesprochen. Viele haben mich noch seit dem letzten Balle auf dem Korne, besonders der Dragonerhauptmann; jetzt aber hat sich offenbar eine feindliche Clique gegen mich zusammengerottet, die unter dem Kommando Gruschnitzki’s steht. Er blickt so stolz und tapfer um sich. —
— Mir sehr angenehm; ich liebe die Feinde, obgleich nicht im Sinne des Evangeliums: sie gewähren mir Zerstreuung und setzen mein Blut in Bewegung. Immer auf der Wache stehn, jeden Blick, die Bedeutung jedes Wortes erhaschen, die Absichten Anderer errathen, ihre Verabredungen zu nichte machen, den Getäuschten spielen und dann plötzlich mit einem Rucke das ganze ungeheure und mühselige Gebäude ihrer Ränke und Pläne über den Haufen werfen, — das nenne ich Leben!!
Im Verlaufe des Abendessens zischelte Gruschnitzki mit dem Dragonerhauptmann und gab ihm verschiedene Winke.
Heute früh ist Wära mit ihrem Gemahle nach Kislowodsk abgereist. Ich begegnete ihrem Wagen, als ich mich eben zur Fürstin Ligoffska begab. Sie winkte mir mit dem Kopfe, in ihrem Blicke lag ein Vorwurf.
Wer ist Schuld an allem? Warum gewährt sie mir nicht die Gelegenheit sie allein zu sehen? Die Liebe wie das Feuer — erlischt ohne Nahrung. Vielleicht bewirkt die Eifersucht, was meine Bitten nicht vermochten.
Ich saß eine volle Stunde bei der Fürstin. Mary kam nicht zum Vorschein, — sie ist krank. Auf dem Boulevard erschien sie des Abends auch nicht. Die daselbst zusammengekommene Rotte, mit Lorgnetten bewaffnet, nahm in der That eine drohende Gestalt an. Ich war froh, daß die Fürstin krank war: sie würden ihr irgend einen Affront angethan haben. Gruschnitzki’s Haar war in wilder Unordnung, seine Miene eine verzweifelte. Wie es scheint, ist er wirklich tief angegriffen, besonders fühlt er sich in seiner Eigenliebe schwer verletzt; es giebt nun aber einmal Leute, an denen alles lächerlich ist, sogar die Verzweiflung! —
Nach Hause zurückgekehrt, bemerkte ich, daß mir heute etwas fehlt.Ich habe sie nicht gesehen! Sie ist krank!Sollte ich in der That verliebt sein? . . . Was für Unsinn!
Um eilf Uhr Morgens, — nämlich zur Zeit, in welcher die Fürstin Ligoffska gewöhnlich in der Jermoloff’schen Badewanne schwitzt, — ging ich an ihrem Hause vorbei. Mary saß nachdenklich am Fenster; als sie mich sah, fuhr sie auf. —
Ich trat ins Vorzimmer; da ich keinen Lakai daselbst antraf, so benutzte ich die hiesigen freien Gebräuche und begab mich unangemeldet ins Wohnzimmer.
Eine trübe Blässe bedeckte das holde Gesicht der Fürstin. Sie stand am Fortepiano und stützte sich mit der einen Hand auf die Lehne eines Sessels; diese Hand zitterte unmerklich. Ich ging leise auf sie zu und sagte:
— Zürnen Sie mir, gnädige Fürstin? . . .
Sie heftete einen düstern, tiefen Blick auf mich und schüttelte das Haupt; ihre Lippen wollten einige Worte hervorbringen, vermochten es aber nicht; ihre Augen füllten sich mit Thränen; sie ließ sich in den Lehnstuhl gleiten und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
— Was ist Ihnen, Fürstin? sagte ich, und ergriff ihre Hand.
„Achten Sie mich denn gar nicht? . . . O! verlassen Sie mich! . . .“
Ich machte einige Schritte . . . Sie richtete sich im Sessel auf, ihre Augen funkelten . . .
Ich blieb an der Thür, die Klinke in der Hand, stehen und sagte:
— Verzeihen Sie mir, gnädige Fürstin! Mein Verfahren ist das eines Wahnsinnigen . . . es soll nicht wieder vorkommen, ich werde meine Maßregeln darnach treffen . . . Was ginge Sie auch Das an, was bisher in meiner Seele vorgegangen? Sie sollen es niemals erfahren, es ist soviel besser für Sie; leben Sie wohl!
Beim Hinausgehen kam es mir vor, als hörte ich sie schluchzen. Ich trieb mich bis zum Abende zu Fuß in den Umgebungen des Maschuk herum, ermüdete mich fürchterlich und warf mich, sobald ich nach Hause zurückgekehrt war, in vollkommener Abspannung auf’s Bett.
Doktor Werner besuchte mich.
„Ist es wahr, daß Sie sich mit der jungen Fürstin Ligoffska vermählen?“
— Wie so?
„Die ganze Stadt sagt es; alle meine Kranken sind mit dieser wichtigen Neuigkeit beschäftigt; diese Kranken, das ist die rechte Sorte, die wissen alles!“
Das ist ein Streich von Gruschnitzki, dachte ich.
— Um Ihnen, lieber Doktor, die Unwahrheit dieser Gerüchte zu widerlegen, theile ich Ihnen als Geheimniß mit, daß ich morgen nach Kislowodsk übersiedele.
„Und die Fürstin?“
— Sie bleibt noch eine Woche hier . . .
„Also verheirathen Sie sich nicht?“
— Doktor, Doktor! Sehen Sie mich doch nur an:sehe ich wohl einem Bräutigame oder so etwas im Geringsten ähnlich?
„Das will ich damit nicht sagen . . . Indessen, wissen Sie wohl, giebt es Fälle . . .“ fügte er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, in welchen ein anständiger Mensch gezwungen ist zu heirathen, auch giebt es Mütter, welche derartigen Fällen nicht vorbeugen. Darum rathe ich Ihnen als Freund vorsichtiger zu sein. Hier am Brunnen weht eine gefährliche Luft: wie manchen schmucken Kerl habe ich nicht gesehen, der wahrhaftig eines bessern Looses werth gewesen wäre, und der von hier geradesweges unter die Haube gerieth . . . Wollen Sie wohl glauben, daß man mich sogar hat verheirathen wollen! Besonders eine Mama aus der Provinz, die ein sehr blasses Töchterchen hatte. Ich hatte das Unglück ihr zu sagen, daß die frische Gesichtsfarbe nach der Hochzeit wiederzukehren pflegt; alsbald bot sie mir mit Thränen der Dankbarkeit die Hand ihrer Tochter und ihr ganzes Vermögen an — ich glaube sie hatte etwa funfzig Seelen. — Ich antwortete ihr aber, daß ich dazu unfähig wäre.
Werner verließ mich in der festen Meinung, er habe mich gewarnt. Aus seiner Rede vernahm ich, daß über mich und die Fürstin entschieden schlechte Gerüchte im Umlauf waren. Das soll Gruschnitzki nicht umsonst hingehen.
Seit drei Tagen bin ich bereits in Kislowodsk. Ich sehe Wära jeden Tag am Brunnen und auf der Promenade. Des Morgens, nach dem Aufstehen, setze ich mich ans Fenster und richte meine Lorgnette auf ihren Balkon; sie ist schon längst angekleidet und wartet auf das verabredete Zeichen; wir begegnen uns wie zufällig im Garten, der von unsern Häusern nach dem Brunnen führt. Die belebende Bergluft hat ihr ihre Gesichtsfarbe und Kräfte wiederverliehen. Nicht umsonst wird der Narsan die Heldenquelle genannt. Die hiesigen Einwohner behaupten, daß die Luft von Kislowodsk zur Liebe stimmt, daß hier alle Romane ihre Entwickelung finden, die irgendwo am Fuße des Maschuk geknüpft wurden. Und wirklich athmet hier alles nur Einsamkeit und Mysterium; die dunkeln Schatten der Lindenalleen, die sich über den Sturzbach breiten, der bald mit Schaum und Gebrause von Abhang zu Abhang rast, bald ein Bett sich mitten durch die grünenden Berge wühlt, sowohl, wie die Schluchten voller Nacht und Schweigen, deren Verzweigungen sich nach allen Seiten hin erstrecken, — wie die Frische der aromatischen Luft, vom Dufte der hohen Gräser des Südens und dem der weißen Akazie geschwängert, — wie das ununterbrochene, süß einlullende Rauschen der kühlen Quellen, die sich am Ende der Ebene begegnen, und nun, wie Freunde vereint, ihrem Ausflusse in den Podkúmok entgegenfließen. Diesseits ist die Schlucht breiter und verwandelt sich zuletzt in einen begrünten Hohlweg; eine staubigeLandstraße zieht sich hindurch. So oft ich nach ihr schaue, will es mich bedünken, als käme ein Wagen, und als schaute ein rosiges Gesichtchen aus dem Wagenfenster. Wie viele Wagen sind nicht dieses Weges daher gekommen, aber der noch immer nicht. Das Dörfchen, jenseits der Festung, ist bevölkert. Aus der Restauration, die wenige Schritte von meiner Wohnung auf einem Hügel liegt, schimmern des Abends die Lichter durch die doppelte Pappelreihe; Lärm und Gläserklang ertönen bis in die späte Nacht.
Nirgends wird so viel Kachetiner (Land-) wein und so viel Mineralwasser getrunken wie hier.