Achtes Capitel.Die Kinderpredigt.

Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fasterhabenzu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt, weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem siebis zum Weinenähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäreoder wer sie gewesen sei, ja wer sie noch werden könnte — oder wirklich würde. Er war wie bezaubert. Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen „Angelus“ gegeben, bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er, um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auchDonRamon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe „Liebfrauenmilch“ kredenzt, in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im Stillen sehr ernst und genau beobachtet.

Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischerBegeisterung und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den allerfeinsten Sinnen begabt — und als wäre er wirklich, wie das Volk von ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt — nur von Zeit zu Zeit den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief: Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! — Er ist betrunken!

Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen tönen ließ: Knabe,dubist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen fürperfect, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und den Mond fürperfect; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf, und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.

Der entflammte Knabe, zugleich von einemwiderwilligen Grauen wie in zwei unsichtbare Geister zertheilt, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heutzu Nacht!

Raimund konnte sich nicht enthalten, dareinzu sagen: „Heut zu Tag“ — das gibt es nicht mehr — bis Weiteres.

Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein SchäferhundPhylaxden Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus, aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu knien.

Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme Witwen geblieben waren.

Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Malzu Schiffe gefahren, also seekrank gewesen— also ist Euch ganz erbärmlich zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde,Vater und Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?

Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer!

Also errege ichAbscheu, Widerdei, zuerst gegen Alles, dann in Tagen: Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der Seele, und mache die Kräftedes Leibesschwach durch ein zweites „ausführliches“ Mittel. Kann manVerliebteso heilen und mäßigen, eben denn so auchVerglaubte, welche hier vorliegen; so denn auch Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen.Das ist nicht Scherz!Denn stellt einen Blumennapf mit einem Busch „Marum verum“ vor das Fenster, da sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischenKatzen mehr scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willigfangen, jamarternundtodtschlagenlassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater — denn ein Kater ist auch eine Katze — und Kätzchennachdurch Wasser und Feuer.

Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend.

So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, undjedes Volkeine Zeitlang sein wahres „Marum verum“, das zu seinem Glücke es behext, und ihmüber alle andern Uebel seiner Zeit hilft. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist es den Katzen „Marumfalsum“, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst.

Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. DieGedanken,GefühleundWünscheder Aeltern in einer Zeit stehen im nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre Kindersinddie Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben!Und sind wir Beide besser?Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid derder Euren — nur mitderGefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und Euch, mein theurer Raimund, sehe ich nochmitden Kindern ziehen, um ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein Kind Einer Mutter erhalten ist einedoch nicht strafbareThat.

Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab sie sich mit ihrer Frohmuthebei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem Rehchen verzauberten Brüderchen — in dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ — das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb; aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs — und sollte sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oderindeß doch tausend Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.

Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß sieerleuchtetwaren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem, auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und Vettern — himmlisch angefunkelt!

Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem Geistlichen inder Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang, und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien, heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war und nur mit Haupt und Schulter erschien.

Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur tauchten jetzt ein: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ auf — ein: „Ihnen ist das Reich“; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich mit ergreifender Rührung gleichsam einbrennender Fluß: Laßt alle Könige, selbst den König Andreas, zu Hause sitzen — uns Kindern istdas Heilige Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren, daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen Harnisch und Schwerter wehrt! Unduns Kindernist der Entschluß so ganz nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel — wir werdenThränen Christitrinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen,kein Aermel nur ein Loch bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre gehalten — und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,11)der nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt, heute sinddie Hundertedavon, und von morgen an liegt er nur noch die ihm gezählten Tage im Sterben.12)

Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte: Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu setzen; — gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe, voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! — Das, das glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen? Kommen sie uns bravendeutschenKindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod und ihr Unglück wahr — dann,nicht desto besser, sondern desto höher unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und sosage ich und verkünde ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für euch, setz’ ich hinzu:Todsündehat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!

Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an inAller Namen den Müttern und Vätern der Kinder zu danken; dann für sie und für sich zu beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.

Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem Geistlichen in die Arme, und die Freunde führtengleichsam eine Selige in ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: „Nun ziehe ich mit!“ und Ramon beinahe sich schämte: „Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!“Aber es fiel ein Stern wunderschönvom Himmel. Und er war wieder ein Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur ein Fünkchen ist.

Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen, Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern, und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach denverschiedenenAbsichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete, hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand Bezug — auf denKinderkreuzzug; oder, als das Zweite: auf die brennendeHurd, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten waren in dieStädte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.

Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen klar und deutlich an den vielen andernKindern, und besonders an dem Don Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit, ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, undin Wahrheitnicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden können wie Wasser.Des Nachts, so rühmte er sich,könne er alle Sprachenund unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockungein; es falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht, daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch amTageherausbrechen würden, und nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; dennredenbrauche man ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen froh.

Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen — aber er hatte sie gesehen, und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes, schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindlicheVerneigung machte. Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus. Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen wirklich den Vers!

Wenn der Jüngste Tag soll werden,Fallen die Sternlein auf die Erden,Kommt der liebe Gott gezogenAuf einem schönen Regenbogen,Neigen sich die Bäumelein,Singen die lieben Engelein:„Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:Wohlan, wohlan, auf diesen PlanDer liebe Gott will uns Alle han.“

Wenn der Jüngste Tag soll werden,

Fallen die Sternlein auf die Erden,

Kommt der liebe Gott gezogen

Auf einem schönen Regenbogen,

Neigen sich die Bäumelein,

Singen die lieben Engelein:

„Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!

Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:

Wohlan, wohlan, auf diesen Plan

Der liebe Gott will uns Alle han.“

Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen. Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns, so lieb und treu ist es gewiß jetzt inallen hundert Städten und Dörfern umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild:wieschön unser deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder — ja, wenn auch hier und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber zu ihm: „Vater, versündige dich nicht!“ und er zuckte die Achseln.

Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh’ deinen Kindernimmerredlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, inallerihrer Noth, und erst recht in Menschenschandeund in Sünde vor den Menschen.Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im Himmel keine Sünde istvor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme der Heiligste selbst nicht in den Himmel.Er hatte sich geschämt, ihr erst zu vergeben.

Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise vor sich hin gesprochen:Auch mit den Weibern muß man es so halten.— Das war verständlich jetzt für Don Ramon.

Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf überraschende milde Weise auch ihrennatürlichenSchwiegersohn bei ihr gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne,natürlicheWeib da kennen und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch dieWeiber in guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe verabscheuten, und durch die Weiberder Judenim Chor zu ihren Gunsten geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.

Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, alsnatürlicherSchwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur desgleichen das Wort:Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!— Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide wohl — nur wohl! — Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehenvergilt das Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang.

Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu.

Motto:Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt.Die Haken halten.

Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die Erdetonlosschmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares — ein gleichsamfrommes Dach, eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele, sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.

Voran kamen „Funken“; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen, noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater, sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zurWarnung gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen, und alleohne Maske, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in wunderlicher Maskeder Ewige Jude, der die erhabensten Männer seines Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel. Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm einwirklicher Dieb, der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den Kindern aus der Tasche —doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen, wie jedes Land sie — ihre zeitlang hat.

Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger geißelten.Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten — um nicht zu zeigen: sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor, und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief:Und das leidet ihr Frauen?Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres Kindes wird?Dasist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch! wehe! wehe!

Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an,an den Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt.

Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die Mutter,wannsie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht dieMutterliebe, diehimmlischeMutterangst.

Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichenWeibern heimzuführen, langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der jüdischen Könige, und derEwige Judejubelte und tanzte voraus.

Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. — Sie drückten sich die Hände.

Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,13)der ärmste und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. — „Fleisch lebe wohl!“ hatte er, schon den Strick um denHals, noch gerufen. Nun seht und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen zwei Beinen zappeln — mehre habe ich nicht für den Augenblick — und dabei wißt nur: da tanz’ ich mitLilith, der alten Großmutter — ihr wißt schon von wem!

Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu — denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.

So sind wir denn fort — „man sollte es gar nicht glauben!“ wie du immer sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt nichts als: „bim-baum! — bim-baum!“ summen. So singe ich schon zuweilen mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte ich manchmalund lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer im Morgenlande werden, deraus seiner Erinnerunggar kein dummes Leben herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein Vernünftigeres, Besseres — oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art Bergleute oder Berggeister.

Also zum Nagelneuem!

Den Auszug aus Köln14)habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise istdas Geschlecht glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt denZuzugder Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel, Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas, von sechs starken Knaben gezogen, fuhr,in einer niedrigen, vierrädrigen, vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines Herrn BrudersSt.-Etienne. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte, und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen. Meine Gesichter Hab’ ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf das erste Dorf, bis nachRothenkirchen, eine Düte mit Fliedertheenach, wenn sie sich erkältet hätte! — Da kamen mir die Thränen schon in die Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben nochsein Bettenachbrachte — nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel — da brachen die Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so Absonderliches verfallen, daßdem Herzennicht viel Gutes zu thun und der Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt, daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich unterwegsnichts erbitten, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es geradezunehmenund ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als —ich weiß nicht was!und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!

Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß — denn sonst —wohldenenselben! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb mit Ziegenkäsenerbarmt(denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihrsein, und Diebe seid ihr! und „Diebe“ bellte der Hund, und „Diebe“ blökte das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sieunverwundertso hin, als lebten sie im Alten Testamente zu Bileam’s Zeiten, und sie würden noch der Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten den Hund nach und jagten das Kalb umher.

Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern, kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen — Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man diese Nacht wieder schlafen?

Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.

O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen; so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus. Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an — freilich als seiner Herrschaft geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen Mädchen müssen uns was versuchen!

Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet,wie viele andere junge Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werdendieJerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles — selbst die Haare der Kinder — durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und Alles wird gehorchen wie blind — nur ich nicht. Meine Haare sind mein Schönstes. Aberdie demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen. So sprach das muthige Mädchen.

Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig.

Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten:WannIrmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein wird? — Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem Schwarme.

Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm, diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt und eszu thunkeinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz. Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst.Könnenist eine schöne Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so viel Grabmäler vongestorbenenKaisern, daß Einem ordentlich frei und hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite.

Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa 7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sichbis jetztdurch Aufnahme und Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der Ferne zu beaugen. Sie werden dann — denn wahrscheinlich werde ich wegen meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein — ihren Weg von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nachGenuanehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.

Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wirReisegebete, wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen — das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten, weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother Erdbeeren ist eine köstlicheLabung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem „fr“ davor) wie Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg weisen auf die Seitenwege, da wir dannin der Breitemarschiren, und weil ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele haben sich einander die Haare vom Kopfgeschoren, um gewisse Kümmernisse loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen — das verzieht sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und necken und werfen sie — aus lieber Natur! Oder sie spielenLeinwand, und die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weitgenug durch Gebüsche voneinander geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht mehr fadenhaltigen Bälle, — und die kleinen erschöpften Wandersleutchen pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh, wobei die Kleinenuntröstlichweinen und immer rufen: „Ich will heim! . . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!“ . . . oder Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: „Ach, wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt’ ich folgen! Wie wird meine Mutter weinen!“

Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das sähen! —Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen — wo welche sind! Sie sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken zu läuten, und freuen sich, daß siean den Stricken und Strängen sich gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe bis an die Deckehinaufreißenlassen — was uns einen Todten gekostet, mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch kein Mädchenmeinem verlorenen jungen schönen Weibe, meiner Gabriele,in ihren Mädchenjahren,wo ich sie lieb gewann, ähnlicher sehen, als Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde, sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen, hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise — Schinken, Rheinlachs, allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins, die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase des ganzen Heerzugs.

Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt — denn er ist nicht nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als Geräusch nur vernommenen Begeisterungdes Auszugs so ergriffen — sind so hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren. Da war Freude!

Heut’ berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß!

Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke von Kehl, daraufgegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es zu kennen; zuletzt selbst ihn — und ich besann mich: von jenem Abend her, da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren gekommen.

Er war’s; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach Alexandrien. Ja, spracher, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört eine wahre, noch unerhörte Geschichte.

Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd, mir folgende Jammergeschichte:

„Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als seine Braut fand, die sterblich — leider sterblich — in ihn verliebt war. Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn zu verlieren oder je zu verlassen.Was kann ein Bruder dazu sagen, dazu oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und machen Brüderschaft mit demSchwager und er mit den Schwestern der Braut. Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen, daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Undwo die Rache ins Unglück fällt, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten, und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder voraus) von seinem BruderEndy, der ihm als Zwillingsbruder zum Verwechselnähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst nannte sich mit seinem TaufnamenMion; denn der Vater habe den NamenEndymionin sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen, der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einerMit- oder Nachgift, oder gar einem Erbe — und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter einemGriechischgläubigenzum Weibe zu geben . . .und so weit weg!— Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes, aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat reden könne.

Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu kommen — und sie war drei Jahre nichtgekommen und hatte auch nie geschrieben! — Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen,damit sie in der Seele ihrer Verwandten leben bliebe!Er nahm kurzen Abschied. Ich fing Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen Mann! Vielleicht sind die jungen Leute vonchristlichenSeeräubern geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf, in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig,schuldig. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt.Ihn plattweg«erstechen» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir?Er mußte mir Rede stehen, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mitihr trauenlassen, und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich nochseinen Dienerertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir gerade müßige, bärbeißigeund mitleidslose Diener bei der Inquisition der Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter . . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht — und was? . . . Meine Schwester war schon diedritte — Frau, um so zu sagen, die er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit Freuden geben. Er hatte sich mit ihrtrauenlassen, um sie sicher zu machen und zu beruhigen! So waren sie, meine SchwesterIsidoreund er, nach Alexandrien — geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die Ankunft einer frischen Schönen dem StatthalterMaschemuchzu wissen gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und bleiben mußte.Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!Sie hatte er gereizt,ein Haremsehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen — undnicht mehr hinausgehen dürfen. Welche Ueberraschung für ein liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem — worein, wie in alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen — die Nachricht hineinschwärzen müssen: ihr Mann sei ermordet.Das sollte ihr Trost sein!

Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine bezauberndeSchönheitzum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich zu entzücken.

Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf den Walfischfang—besorgt!Erkönntesobald und würde sich kaum rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie vor Gram — über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und elend geworden — schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte, eine dazuWilligezu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollenlieben; das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden inGeliebtseinwollende, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Ausdiesen Geblütsarten mischt das Herz und das Glück und das Unglückihnen das Leben.“

*                    **

Der junge Ritter, derHeinrich von Savernhieß, begleitete seinen frühern Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen einzuhaltendeStraßewisse; dieZahlihrer Begleiter — nur zwei —; dieFarbeihrer Maulthiere; dieWoche, in der sie an einem ihm genanntenOrteinSänftenmit schwarzen Kreuzen und Fähnlein vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern versehen und bereit halte, dieUnglücklichen aufzuheben und dann weit vom Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse undwerde, um entsetzt und beschämt zu erwachen und zu sehen, „wo sie wären“. Aber wohin, frug er, rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube „Salomon“, zu bringen?

Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg, und dannnoch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei,die außer allen Wegen liegt.

Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen, und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua.

Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.

Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand. Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich.Dortbist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen! Also!

Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?

Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten.

Kannst du singen?

Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten.

Kannst du Türkisch reden?

Und das begeisterte Mädchen redete Worteaus ihrem Glauben: „wie Türkisch klingen müsse!“redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: „Ili, kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!“ sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.

Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern.Aber nun noch die Hauptsache: Kannst du tanzen?

Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah — wie in das Morgenland.

Raimund ward zum Nikolas in einen „Rath der Hirtenknaben“ fort aus dem Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.

Savern blieb in Gedanken sitzen.

Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brustnaßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?

Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sieals letztes Mittel, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen, mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und „des Menschen Wille ist sein Himmelreich“, sprach er, „nur ein verrückter Wille: ein Verrücktes“.


Back to IndexNext