Vierzehntes Capitel.

Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den beschwerlichen und gefährlichenSt.-Gotthard, nach Bellinzona. Schon jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend, die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im Freienübernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht, und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so vieler Tausend auf einemmeist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über die Schneegebirge.

Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert: Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt, ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen undSchafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben — was hier blos ausLeichtsinnund aufMildthätigkeitunternommen, und auch, wie bei uns Erwachsenen, zu nichts, alszu einem ebenso jämmerlichenAusgange gebracht wird.

Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich habe da ein Mädchen sterben sehen — dagegen ist aller Rittermuth lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts alsKinderherz, noch nicht ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort, wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem Herzen.

Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große Beschwerden —mit gar keiner Geduld, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer, und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen.Wie viel schwerer könnte der ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende getragen!

Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren! Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer. Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und Zäune — wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu, schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort.Da ist kein Schrank, keine Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich den Schaden zu besehen,um ihn zu verschweigen; — Ihr wißt wol, daß alle Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlagerhinund ein Nachtlagerheimsehr angenehm ist, in schöner Sommernacht, selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt wol gehört, wie sich die ZügeerwachsenerPilger und Kreuzfahrer gewöhnlich nicht durchbesondereHeiligkeit auszeichnen, da sie blos mit dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon allen andern Ansprüchen an Menschenglaubengenug zu thun und dabeikeineandern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten hätten, weil sie imVorausschon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit erhalten haben, — ebenso verdient die Aufführung unserer jungen Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen — vermischt mit so vielem Gesindel, das nur,weil es nichts taugt, mit ihnen gezogen ist — wol keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben. Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein und Nachtigallengesang!

Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und dieser „Reine“ sah ihn wiedersoan, und Beide erkannten sich als GenosseneinesGlaubens.

Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den Bändern unter dem Kinn sich fest zubindensollten. Damit schien ein doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an diemuthigen Schwestern, die „Syn-ei-Sactas“,erinnert, die das oft gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den „Sacktes“ hatten sie hier übelverstandene „Säcke“ gemacht, die herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich freuten und sie schon probirten.

Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können — und so waren sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden Köpfen.

Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen.

Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.

Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten, so mußte er die Aufhebung amTage, also gleichsam im Fluge vollbringen, und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten. Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!

Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute rittenmit ihnen, als von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu überfallen und als Feinde — ja von ihrem Widerstande gezwungen — als Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er, abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte er, fiel auf das Gesicht und der andereFührer stach ihn mit seiner Lanze in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte. Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften, banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte Straße im Thale der Aar hinauf.

Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen Mühle zudeutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann, zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern, mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch seine Rettung — aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter — gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam, daß sievor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten, weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur — wie aus Schonung ihrer gepeinigten Seelen — es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.

Hierwar kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloßenatürlicheMenschen in Hirtenkleidern —und machten Käse. So hoch hatten sie sich sogar noch über die Katharer da draußen, über dieReinenerhoben und unter dem treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt.

Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten Tochter, in nurihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und seiner Kinder.

Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe, daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten, sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind.Und das wußte Raimund auch nicht.Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache,warum er gestorben, und zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebenshatten ihm gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu sein; also Unvernünftiges —jedoch immer noch mit angeborener Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeitzu thun; aberUnmöglicheszu wünschen undVergangenesmitZukünftigemoderGegenwärtigem zu verwechseln. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm einst, als wenn einLicht in ihn falle, und da in der Thatsein Weiboder Mädchender Irmengardsehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun sein Weib geworden oder gewesen, und seinWeib, sein zu Kohlen verbranntes Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder schwarze Knöchel — er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig und gewiß:diese Gestalt konnte nicht verloren sein!sie mußtewosein!wersein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen, es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinnglaubte er nun, und er zog mit ihm fort.

In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, desHugo Ferreus, oder des eisernen Hugo, und desWilhelm Porcus,15)welche die Kinder für Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der InselSan-Pietro, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er ließ sich auf derkleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche „der neuen unschuldigen Kinder“16)gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührtunverwandelt frisch und wunderbar rührend dalagen; vor Allen der prächtige KnabeSt.-Etienne, an dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben, konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die Hände zu küssen.Kann ein Wahn so schön sein?Kann er solch Rührendes auf der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich seinen Rosenkranzmit ihm — und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu: „Schlag’ ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres, Leibliches.“ Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung einer Hirtin von der Loire neben ihmebenso unverwandeltdalag, sprach jetzt sehr sanft und anschauernd: „Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten sind so schon bettelarm.“ Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder in die Hände.

Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold undseine Schuldnervergessen.

Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans Land.

An der anfang- und endelosen Welthieß der Tag, zur Erkennung und Wiedererkennung — wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt — und somit auchwarden Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein sogenannter Mondtag, ja sogar „Mariä Himmelfahrt“; indeß kein Orangenbaum, kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen, hallten, blühten, schrien und flogen imewigenLeben. Und derdeutsche Kinderkreuzzugwar „vorgestern“, den 25. August, an einem sogenannten Sabbath, in Genua eingezogen.17)

Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen StraßeBalbi, nach dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem FreundeSavernzum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln; auch Frauenspersonen— Frauenzimmerwar zu nobel für sie gesagt. Sie sangendeutscheLieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot gesungen — die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie anzureden. „Hier muß was vorgegangen sein!“ sprach sein leiblicher Geist.

Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet,dennder Handelsfreundwar ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder weiter gereist?

Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax! Phylax!

Phylax richtete den Kopf in die Höhe.

Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem Schwanze wedelnwollte. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es ist vor deinem Tode!

Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:

Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste, den geborenen Stutz; das wird ein Hund,so gut wie ich!Ich mußmir meine Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist genug!

Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften nur schwach.

Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen. Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen — denn Phylax ist todt.

Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen, hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:

Wie es von allen alten Thronen aller altenKönige, Pharaonen und Kaiser der Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden Baldachin. Er war auch einmal in dem „1212“ gescholtenen Jahre eine flüchtige, nichtigeErscheinung von Holzgewesen, wie Sesostris’ von Königen gezogenes Fuhrwerk.

Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören, am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt diese drei Tage her abwechselndin den Wagen hinein. Und die bewegte Frau sprach zuerst:

Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik! Schon lange summte es aus den Alpen: „ein unwiderstehlicher Kreuzzug kommt!“ Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte, ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern, und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mitdem Papst gegen den Kaiser Ottogehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel;denn so ein Herr hat ein Gedächtnißfür Jeden, der nur ein unangenehmesWort gesprochen oder nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott bewahre! Aber was war es? Wer kam?

Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in die Fremde gejagt.

Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dannmit Erlaubniß der Barmherzigkeitzum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du lieber Gott, daließ der Herr Petrus über sie regnen — daß sie aus guten Gründen aufstehen mußten.

Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen, und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!

Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern, Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken, als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwarnur deutsch— aber wer versteht denn nicht:Lumpen, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen, und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden da unsere guten Kinder und Weiberdurch Geben und danken Hören!GanzGenua war ein „Ora pro nobis“ und ein „Benedictus qui venit in nomine domini!“ Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen mußten.18)

Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis in die Keller. Aber was war es: es war nurdie Ebbegewesen! Und als sie bezaubertdie Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen — o weh doch, so ein Jammergeschrei wünsch’ ich mir nicht mehr zu hören! Und sie mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen, sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. — Was essen nicht schon die Kinder in einem Hause! Undwir mußten in Genua eine Hungersnothbefürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause,in die Heimat, in das wahre Gelobte Landzu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen gequollenenLiede: „Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles satt!“ Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herumgemiethet, denn ein Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimwehgestorben. Andere schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.19)Und so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einenSonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet, von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes — mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!

Als Raimund so viel, fürihnwie nichts erfahren, da er über Irmengard nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus, wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war alsSavern.

Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben Pantoffeln, Beide in prächtigenTurbanen, die Stirn und den Mund mit kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund’s Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt, die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden, sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch kommen.

Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer. Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen Divan; Savernging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus dem Kern, und sprach:

Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuchgestorben, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem, Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen Haremswächters konnte ich meineausgemerzteSchwester desto eher für ihr doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen, wiederkaufen,besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine Wohnung getreulich zurückgeführt, ja „mit Bürgschaft“, die mich doch erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie mir mitleidig.

Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche SeeräuberFerreusin den fünfgroßen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er diedarauf gelegte Haushälterinsteuerbezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft, und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und noch beherzten lustigen Knaben — die vor Uebermenge bis zum Preise eines fetten Schöpfes gefallen waren — sind für den Khalifen von Bagdad an Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasienausgeladenworden.

Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte meinem Diener und dem Mohrensklaven — den ich schändlicherweise gekauft, aber keinen Aeltern entführte — den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt nachdem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter, nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. — Wir steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. — Früh gehe ich auf dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen —wersteht da, hinaus nach Abend gewandt? —der Goldlockenkopf!meiner Schwester angeblich ermordeter Mann! Undwerist der Herr des Schiffes? Wie mir der fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder,das ist der Ferreus!. . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn er sichüber Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?

Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte, sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine von Menschen auf Erden.

Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen, bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen, und sei’s am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter; denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil eres war, und seine Augen ruhten gelassen auf mir,so, alswenn Ich und Er Beide keine Menschen mehr wären.O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid der Unglücklichen mitden Unglücklichen! — Er fürchtete seinen Verrath durch mich nicht mehr.

So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein entsetzlicher Gallgeschah. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir eilen herum. — Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.

Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?

Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab’ es gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Dasstärke dich! Wenn nicht heute, doch morgen, oder zu Jahre — wenn der Verstand und der Haß die Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines Harems?

Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.

Aber um auf dasSchiffzurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekamdie Blatternund lag von seiner — Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.

Vor seinem Tod — denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln curiren, die sie meist bedauern — nicht zu haben, — ließ mich der Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den erschrecklichen herzdurchdringenden Worten:Behüte Euch Gott Euer Vaterland— das mir und uns die Römlinge genommen — denn ein Mensch ohne Vaterland ist wie welt-vogelfreiund zu allen Thaten fähig. Das merktund sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau — Eure Schwester,die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie zuvor ihren — ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden — nun ist mir wohl. Viel seien Eurer Jahre (πολλα τα ετιασας) und griff sich dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.

Also, was war das Leid Alles gewesen? — Kindesliebe! Kindesliebe! also gewiß zugutenAeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebenePanagiaerschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das Haupt abzuhauen — aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir ein Beil in die Hand und rieth mir:nehmt Euch ein Andenken mit!und ich nahm mir das Andenken!. . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus angebliche Erde aus dem Gelobten Lande — auf der Ziegeninsel, der Capraja — für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber „der gemachte Mann“ sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.

So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopfleibversenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn einzusegnen zu seiner Ruhe.

Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn durchein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in Konstantinopel zu übermachen.

Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden, nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt, in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh einzuziehen — und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.

Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.Und grause Fragen kannst du dann an ArmeUnd Reiche, Hohe, Groß’ und Kleine thun,Da an den Feldherrn, den geschlag’nen, sprich:„Wo hast du denn dein Heer?“ . . . und an das Weib:„Wo hast du deinen Mann?“ . . . und an die Tochter:„Wo hast du, ach, dein Kind?“ — Und also kannst duJedweden schwer nach Etwas fragen; denndie WeltVerschonet Keinen mit der Wahrheit. KeinenVerläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe,Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicherZu Thränen doch, zu Duldung und — zum Grabe.Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,Ein Märchen für den Winterherd zu werden,Worandie ganze Weltmit Bär und Hund,Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und KönigDem klaren Zauberaug’ der frohen KinderAls bunte Seifenblase nur erscheint.

Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,

Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,

Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.

Und grause Fragen kannst du dann an Arme

Und Reiche, Hohe, Groß’ und Kleine thun,

Da an den Feldherrn, den geschlag’nen, sprich:

„Wo hast du denn dein Heer?“ . . . und an das Weib:

„Wo hast du deinen Mann?“ . . . und an die Tochter:

„Wo hast du, ach, dein Kind?“ — Und also kannst du

Jedweden schwer nach Etwas fragen; denndie Welt

Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen

Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe,

Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher

Zu Thränen doch, zu Duldung und — zum Grabe.

Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,

Ein Märchen für den Winterherd zu werden,

Worandie ganze Weltmit Bär und Hund,

Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König

Dem klaren Zauberaug’ der frohen Kinder

Als bunte Seifenblase nur erscheint.

Dem größern Menschen wächst die Welt stets —kleiner!

Dem größern Menschen wächst die Welt stets —kleiner!

Der Ritter Savern war mit seiner SchwesterIsidorean einem und demselben Tage aus Vivaldi’s Palast nach der Schweiz geschieden, undRaimundmitGaiettenach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben . . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen, der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolasthat ihr leid, der durch immer ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig war — das war nicht mehr zu leugnen. DenneinenAugenblick scheint jeder Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm, und sie seufzte:Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen! selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narrwieder klug. . . wie unsere Kinder, und ich selbst! — Sie betrieb die Heimreise ängstlich für ihn.

Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an; denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie an: Nun,habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht — ihr wißt; darum macht uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen geschehen! — Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt, verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte — die Hälfte aber freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen wiederzusehen.

In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armenAeltern und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil sie die Narren und Missethäterabthundurften mit Ruhm und Ehren, wie ohne Gewissen.

Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt kam ihnen einSchwarm Menschenbis Bonn entgegen, und unter dem Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche „mit langen Nasen“ gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben — und aus Honig und Essig wird wirklich ein kühlender Balsam.

Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt bei den jungen Eheleuten,die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und prächtige Leute waren. Nur wasIrmengard, wenn sie ja wiederkäme, zu der Heirath sagen würde, besorgten sieihretwegen; aber heimlich lächelten sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit „unsichtbar geheilter Nase“, die er mit Recht seine „Märtyrerin“ nannte; er brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund’s Besuch zu warten, da ihm Don Ramon alsVerständiger auch des Unverstandesvertraut hatte, daß sein redlicher Freund Raimund ein unrettbarerCandidat desUnverstandes, nicht der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von Kindersachen — von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen,Verwandlungendurch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebstenvom Wiederkommen der Todten. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen — er ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er inseine Sparbüchsezum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle Monate an einem gewissenTageeine bedeutende Summe, wodurch er bei dem verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es sogar einmalbei Nachtversuchen ... oderdes Tags drei mal, und lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von Raimund hatte ihn um Geld dazugebeten, und — Raimund hatte sie gekauft und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und hatte es — zum Scherz — selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte,als immer aufmerksam, schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt „lächerlich“ ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheitabgerechnet oderdazu. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären? bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte, ob man auchWiedergekommene, z. B. Weiber, als doch im Grundedieselben, noch ein mal heirathen dürfe?Laß sie nur erst wiederkommen!Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn, gesagt, und ihmzur Ruhenur gewünscht, daß sein WahnGestaltannehme und ihmfreundlichesLeben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des heiligen Antoniusgemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet, und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde „Hm!“ vor dem nun auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäusergeschlichen, worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit geweint.

Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren; dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und klagten:Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!. . .

. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .

. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . . Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?

. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!

Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.

Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen — und die Nacht nicht geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe verschwunden.20)Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen, ja, von einem gewissen Brindisi21)aus hatten sieerst noch ihren Kopf aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß, abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde gesehen, daß es nicht hätte „gebettelt“ heißen sollen. Die mitgezogenen Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien gehört.22)„Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurückund fließt, auf sein Maß gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette — wie ein sogenanntes unschuldiges Kind.Das kennt man schon!“

So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth gerathen.

Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste dersogar ZwölfHeiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die Häuser, wo die Kinder unddie Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben weinen — denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause —wenn er kann, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes, die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines möglichen Endes.

So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenkenbehangen für Jeden, auch für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste: Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden.Die Birkeist besser daran — die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.

Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem gestorbenen Weibe Gabriele.

Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten:

„Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!

Dein kleiner lieber Adam.“

Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück. Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie ging und küßte ihm sein Haupt.

Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. DievielenChristkinder flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein Ruprecht, die jetzt auf denGassen einander die Rücken mit den Ruthen zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen, Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das „Quem pastores“ sangen, und selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden — wie geschrieben stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln, daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang.

*                    **

Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße. Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied gesungen:


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