»Dein Glück,« sagte der Padischah, »daß du das im Scherze gesagt hast; sonst hätte ich dich getötet.«
211.
EIn junger Mann ohne Erfahrung hatte auf einer Reise eine kleine Auswahl chinesischen Porzellans gekauft. Im Hafen angelangt und eben im Begriffe sich auszuschiffen, faßte er denPlan, sein Porzellan wegtragen zu lassen, ohne den Träger für seine Mühe zu bezahlen. Er sagte zu einem Träger: »Was für ein Landsmann bist du?«
Der antwortete: »Ich bin ein Anatolier und aus Tasch-Köprü.«
»Aha,« dachte der junge Mann, »ein Dummkopf von einem Türken.« Und er sagte zu ihm: »Wenn du mir diesen Pack in mein Karawanserai trägst, so werde ich dir drei gute Ratschläge geben.«
»Einverstanden,« antwortete der Türke dem schlauen Gesellen. Er nahm die Last auf und trug sie in das Karawanserai; als er dort ein paar Stufen emporgestiegen war, sagte er: »Nun höre ich.«
Der andere sagte: »Wenn man dir sagt, daß der Hunger der Sättigung vorzuziehen sei, so glaube es nicht.«
»Ich verstehe,« sagte der Träger und ging wieder ein paar Stufen weiter; dann sagte er: »Was hast du mir noch zu sagen?«
»Wenn man dir sagt, die Armut sei besser als der Reichtum, so glaube es nicht.«
Der Träger ging weiter und bat ihn nach einigen Stufen wieder, zu sprechen.
»Zum dritten: wenn man dir sagt, daß es besser ist, zu Fuße zu gehn als zu reiten, so glaube es nicht; das sind die Ratschläge, die ich dir zu geben habe.«
Der Träger stieg die Treppe vollends hinauf; und als er oben war, warf er seine Last hinunter.
Der junge Mann schrie: »Was machst du da?«
Und der Träger sagte: »Wenn man dir sagt,daß in dem Pack da ein einziges Stück ganz ist, so glaube es nicht.«
212.
MAn erzählt, daß Nasreddin-Effendi einen Bruder hatte; sie waren beide unbeweibt, verlangten aber zu heiraten. Schließlich fanden sie zwei Mädchen nach ihren Wünschen; sie heirateten beide, und jeder gründete einen Hausstand. Nun kam einmal der Bruder des Hodschas zu diesem auf Besuch; da sah er, daß des Hodschas Frau fröhlich war, lachte und scherzte, während die seinige außerordentlich ernst war. Und er sagte zu Nasreddin: »Du bist mein Bruder; sei also so gut und sage mir, wie du es angestellt hast, daß deine Frau so vergnügter Laune ist: ich will es dann mit der meinigen ebenso machen.«
»Umsonst verrate ich es dir nicht,« sagte der Hodscha; »wenn du mir aber einen vollständigen Anzug gibst, so will ich es zuwege bringen, daß sie lacht.«
Der Bruder sagte: »Das verspreche ich dir.«
Und der Hodscha fuhr fort: »Lade mich also an einem Abende ein. Nachdem du ein bißchen verweilt hast, so laß dich wegholen; befiehl aber deiner Frau, daß sie sich nicht eher schlafen lege als ich, was immer ich sagen würde und wie dringlich auch meine Aufforderungen seien. Wann du ihr das gesagt hast, geh weg.«
Der Bruder lud den Hodscha vereinbartermaßen ein; nach dem Rufe zum Abendgebete waren sie alle drei beisammen, als der Hausherr, wie abgemacht, geholt wurde. Er erteilte seiner Frau die besprochenen Anordnungen und gingweg. Von nun an sprach der Hodscha kein Wort mehr mit seiner Schwägerin, mit der er ganz allein war; sie wurde es bald müde, auf unbestimmte Zeit aufbleiben zu sollen, und verspürte die ersten Anzeichen der Schläfrigkeit. Drum sagte sie zum Hodscha: »Gestatte, Effendi, daß dir ein Bett bereitet wird; du wirst dich ein wenig ausruhen.«
Aber der Hodscha antwortete: »Ich will nicht schlafen.«
»Warum denn nicht?«
»Ich fürchte, daß, wann ich schlafe, die Mäuse kommen und mir den Kopf fressen.«
»Und wie weichst du dem aus, wenn du zu Hause bist?«
»Wann ich zu Hause schlafen gehe, lege ich meinen Kopf in die Hände meiner Frau und sie läßt das Licht brennen; geht sie dann später selber schlafen, so nimmt eine Sklavin ihre Stelle ein.«
Seine Schwägerin sagte: »Wir werden dasselbe tun.« Augenblicklich bereiteten die Sklavinnen ein Bett und die Frau setzte sich nieder und nahm den Kopf des Hodschas in ihre Hände; da sie dessen bald müde wurde, rief sie eine ihrer Sklavinnen und übergab ihr dieses Geschäft. Bald darauf schliefen die Herrin und die andern Frauen ein. Nun stand der Hodscha leise auf, blies das Licht aus, nahm seinen Sik heraus, gab ihn der Sklavin in die Hand, legte sich nieder und begann zu piepen wie eine Maus. Auf das Geräusch erwachte seine Schwägerin; da sah sie, daß das Licht erloschen und die Sklavin eingeschlafen war. »Nichtsnutziges Ding,« schriesie, »wie kannst du schlafen? Jetzt werden die Mäuse den Kopf des Effendis fressen.«
Die Sklavin antwortete: »Ich weiß nicht, ob das nicht schon geschehn ist; er ist schon ganz klein.«
Die Herrin begann das junge Mädchen zu beschimpfen; als sie aber das Licht anzündete, sah sie, was die Sklavin in der Hand hatte. In demselben Augenblicke sprang der Hodscha auf, lief zur Tür und ließ seinen Bruder eintreten, und der sah nun, wie seine Frau aus vollem Halse lachte und keines Wortes fähig war. Da er aus ihr nichts herausbringen konnte, ging er wieder zum Hodscha, der draußen geblieben war, und fragte ihn: »Was hast du denn also getan?«
»Ach,« sagte der Hodscha, »wenn du das ganze gesehn hättest, du hättest wohl lachen müssen bis zu deinem letzten Stündlein.«
213.
EInes Tages versammelten sich die Mäuse, um Rat zu halten, und sie sagten: »Was werden wir noch alles von der Katze leiden müssen, wenn wir kein Mittel entdecken, um uns vor ihr zu schützen?« Nachdem jede gesprochen hatte, überwog der Rat, ein Glöckchen zu verfertigen und es der Katze um den Hals zu hängen; »wenn wir das Geklingel hören,« dachten sie, »wollen wir Reißaus nehmen.«
»Ich liefere das Stückgut,« sagte die eine. »Ich die Kohle,« sagte die andere. »Ich das Kupfer,« sagte die dritte. Nur eine alte Maus verhielt sich ganz still, bis die andern sagten: »Rede doch auch du; du hast ja in diesem Lande schon so viele Jahre verrinnen sehn.«
Da sagte die alte Maus: »Ihr habt bei euerer Überlegung etwas wesentliches vergessen: ich bin bereit, das Glöckchen ganz zu liefern; aber wer von euch wird es der Katze an den Hals hängen?«
214.
EInst wurde ein bejahrter Christ Muselman. Sechs Monate nach seiner Bekehrung führte ihn der Gebetsaufseher vor den Kadi und klagte ihn an, er erfülle nicht die verordneten Gebete; der Kadi, der derselbe war, in dessen Hände der Greis abgeschworen hatte, fragte ihn: »Warum unterziehst du dich nicht den vorgeschriebenen Gebeten?«
»Effendi,« antwortete der Angeklagte, »in deiner Gegenwart war es, daß ich meinem alten Glauben entsagt habe, und du hast damals zu mir gesagt: ›Nun bist du rein aller Sünden; du bist jetzt so, als ob du ein zweites Mal aus dem Mutterleibe gekommen wärest.‹«
Der Kadi antwortete: »Das sind meine Worte.«
Und der Greis fuhr fort: »Freilich, und seither sind nicht mehr als sechs Monate verstrichen; betet denn ein Kind in diesem Alter?«
215.
ZWei Leute führten eines Rinds halber einen Rechtshandel. Jeder ging, ohne daß es der andere gewußt hätte, zum Kadi und drückte ihm zweihundert Asper in die Hand, um ihn sich geneigt zu machen. Als dann der Spruch gefällt werden sollte, erschienen die Streitenden und brachten das Rind mit; und der Kadi fragte den, der es hielt: »Wieviel ist das Rind wert?«
»Vierhundert Asper,« war die Antwort.
Da sagte der Kadi: »Wenn dem so ist, was brauchen wir uns weiter damit zu beschäftigen? Jeder von euch hat mir zweihundert Asper gegeben; damit ist also die Sache erledigt.«
Die beiden Gegner befragten einander, als sie weggingen, und vernahmen also, daß sie jeder dem Kadi ein Geschenk von zweihundert Asper gemacht hatten; und sie sagten: »Es hat keinen Sinn, den Streit weiterzuführen; das Rind hat ja schon der Kadi aufgegessen.«
216.
ES war einmal einer, der fühlte, daß er krank war; da sich sein Zustand verschlimmerte, ließ er einen Arzt rufen. Der Arzt untersuchte ihn und sagte ihm, daß ihm in diesem Falle ein einjähriger Essig gut tun würde. Der Kranke ging also, um einen Freund darum zu bitten, und der sagte: »Es trifft sich gut, daß ich gerade einen solchen habe.«
Einer, der vorbeiging, hatte ihr Gespräch gehört; deshalb sagte er: »Bruder, möchtest du nicht die Güte haben, mir auch etwas von diesem Essig zu geben?«
Und der Freund antwortete: »Hätte ich einem jeden gegeben, der Bedarf danach gehabt hätte, so wäre er kein Jahr alt geworden.«
217.
EIn Sultan und Chalif von Bagdad pflegte die Verse, die ihm gebracht wurden, abzuwägen und nach ihrem Gewichte die Dichter zu bezahlen. Nun verfaßte ein Dichter, der diese Gewohnheit des Chalifen nicht kannte, einen Lobgesang auf ihn in der Absicht, ihn ihm zu überreichen. Da sagte ihm einer: »Du machst dirumsonst viel Mühe; weißt du denn nicht, wie es unser Padischah zu halten pflegt? Er bezahlt die Dichter nach dem Gewichte ihrer Werke.«
»Danke schön,« sagte der Dichter; und er schrieb ein Gedicht auf einen großen Marmorblock. Den ließ er von Leuten, die ihn an einem Barren aufhängten, zum Palaste bringen und ging selbst mit, um ihn dem Padischah darzubringen. Der Padischah, der sofort sah, worum es sich handelte, sagte zu seinem Wesir: »Jetzt gilt es, sich auf eine anständige Art aus dem Handel zu ziehen.«
»Wie das?« fragte der Wesir.
»Wir werden uns«, antwortete der Chalif, »mit tausend Golddukaten ausgleichen.«
218.
EInmal sagte ein Kaufmann zu seinem indischen Sklaven: »Vorwärts, wir gehn auf den Abtritt.«
Der Sklave füllte die Kanne mit Wasser97, sah aber sofort, daß sie ein Loch hatte, weil alles Wasser auslief; da sagte er zu seinem Herrn: »Herr, die Kanne hält kein Wasser; wasch dich also zuerst, und dann geh erst dein Bedürfnis verrichten.«
219.
EIner begegnete einmal einem Dämon, der auf seinen Schultern einen alten jüdischen Rabbi trug; und der Rabbi schlug und mißhandelte den Dämon und zwang ihn auszuschreiten. Und derMann fragte ihn: »Warum trägst du einen, der dich schlägt und mißhandelt?«
Darauf antwortete der Teufel — er sei verflucht —: »Er gebraucht irgendeine verruchte Tücke, die meinen Verstand übersteigt; durch angestrengte Aufmerksamkeit wird es mir vielleicht gelingen, dahinterzukommen.«
Der Fluch Gottes sei über ihnen beiden!
220.
EInmal hatte ein Schüler des berühmten Mewlana Dschami Gedichte verfaßt und sie in einem Diwan vereinigt. Mewlana Dschami sah das Buch durch und überzeugte sich, daß es von unzusammenhängenden Worten, von Nachlässigkeiten und von Albernheiten strotzte; da er ein solches Machwerk nicht loben konnte, sagte er ironisch: »Gott segne dich! du hast da einen gewaltigen Diwan verfaßt.«
Der Dummkopf blähte sich über diese Schmeichelei und antwortete: »Es ist ein Diwan, den der heutige Dichtertroß gar nicht erfaßt.«
»Das stimmt,« sagte Mewlana Dschami; »ich habe nicht ein Wort verstanden.«
221.
ALs Bani-Tschokar einmal im Bade war, trat ein Badediener, einer von denen, die nicht rasieren, zu ihm und wollte ihn mit dem Wollhandschuh abreiben; doch Bani sagte: »Ich will nicht geknetet werden; rasiere mir aber den Kopf.«
Bald merkte er, daß das Rasiermesser nichts schnitt; da sagte er zu dem Bader: »Gib acht! du wirst mich wirklich rasieren, wenn du nicht acht gibst.«
222.
EIn Kadi kam auf einer Bereisung in ein Dorf in der Umgebung von Konia. Er befragte die Bauern über das Gebet und befahl einem von ihnen, der etwas weniger unwissend schien als die andern, ihm zu sagen, wie oft man am Morgen beten solle; der antwortete: »Zwanzigmal.«
»Schweig,« sagte der Kadi; »du bist ein Esel.«
Da sagte ein anderer: »Man betet viermal.«
Aber der erste sagte: »Ich habe ja schon zwanzig gesagt! das muß doch besser sein.«
223.
EInes Tages ging ein Bauer einer gewissen Sache halber zum Kadi; er dachte aber, er werde bei diesem besonders gut ankommen, wenn er recht verschwenderisch mit den Titeln sei, und so sagte er beim Eintritte: »Heil über dich, gnädigster Herr Prophet!«
Aber der Kadi sagte: »Schweig; du bist ein Einfaltspinsel.«
»Habe ich denn in meiner Rede die Gesetze der Sprache verletzt?«
Der Kadi befahl: »Züchtigt mir diesen Dummkopf!« Und die Schergen prügelten ihn durch.
Nun sagte der Kadi: »Warum sprichst du mich in dieser Weise an? Das ist die Rede eines nichtsnutzigen Menschen.«
Und der Bauer antwortete: »Ich war verwirrt, du Schwein; ich war verwirrt.«
224.
EInes Tages ging ein Herr ins Bad; dort stahl man ihm sein Tekjeh98. Als er wegging, sagte er zum Bademeister: »Du hast mir mein Tekjeh gestohlen.«
Der Bademeister antwortete ihm: »Du bist bloßköpfig ins Bad gekommen.«
Da schrie der Bestohlene, indem er sich an die andern Anwesenden wandte: »Hört, Leute, seht euch meinen Kopf an, und dann sagt, ob ich bloßköpfig gekommen sein kann.«
Sein Kopf war ganz voll Grind.
225.
IN Adrianopel, der wohlbehüteten, war einmal ein Dichter, Silani mit Namen, und der trug eines Tages dem Volke ein ganz jämmerlich schlechtes Gedicht vor. Die Zuhörer begannen zu lachen.
»Da sieht man,« rief Silani, sich selber lobend, »daß meine Werke nicht zur weinerlichen Gattung gehören.«
226.
EIn Dichter, der einst der Günstling der Wesire gewesen war, erblindete am Ende seiner Tage; nun gab er Unterricht und ließ sich von seinem Knaben von Tür zu Tür führen. Da träumte einmal einem der Wesire, daß er ihn also herabgekommen sehe. Der Wesir rief sich alle Einzelheiten der Vergangenheit dieses armen Menschen ins Gedächtnis, und am Morgen ging er ihn aufsuchen und sagte zu ihm: »Kennst du mich?«
»Warum sollte ich dich nicht kennen? wenn ich auch das Gesicht verloren habe, so ist mir doch das Gehör geblieben. Früher habe ich deine gütigen Wohltaten genossen; bist du nicht derundder Pascha?«
Der Wesir fuhr fort: »Und dieser Knabe, ist er dein Sohn?«
»Er ist mein Knabe und dein Diener.«
»Kann er lesen?«
»Freilich.«
»Und was liest er denn?«
»Er sieht die jämmerliche Lage, worin sich sein Vater befindet; drum liest er Verwünschungen gegen die, die ihn ohne Unterstützung seinem unglücklichen Schicksal überlassen.«
227.
EIn Kalender verabsäumte es, im Ramasan die vorgeschriebenen Fasten einzuhalten; andererseits aber unterließ er es nicht, allnächtlich kurz vor Sonnenaufgang zu essen. Man fragte ihn: »Da du bei Tage keineswegs fastest, warum ißt du dann vor Tagesanbruch?«
Und der Kalender antwortete: »Wenn einer nicht nur das Gesetz, sondern auch die Überlieferung außer acht ließe, müßte denn der nicht zu den Ungläubigen gezählt werden?«
228.
ALs der Hodscha einmal ackerte, riß ein Riemen. Sofort wickelte er seinen Turban ab, band ihn an die Stelle des Riemens an den Ochsen und den Pflug, packte den Stachel und trieb den Ochsen an; der nahm einen Ruck, so daß der Turban auf Stücke ging, und kehrte sich um. Da schrie der Hodscha: »So ein dummes Vieh! zieht es an einem Turban ebenso stark wie an einem Riemen!«
229.
DEr Hodscha erging sich eines Tages mit seinem Sohne, als sie einem Leichenzuge begegneten; und hinter dem Zuge kam die junge Gattin des Verstorbenen, die ihren Schmerz inbittern Klagen ausströmte: »Noch heute hat er gegessen, getrunken und unter der Decke geschlafen; und jetzt bringt man ihn an einen Ort, wo es nichts zu essen gibt und nichts zu trinken, keine Decke, kein Bett, ja nicht einmal eine Matte.«
»Vater,« sagte der Sohn des Hodschas, »bringt man den Toten zu uns?«
230.
IN einer fremden Stadt sah der Hodscha einmal einen Nußbaum. Da er einen solchen Baum nicht kannte, blieb er voll Verwunderung stehn; endlich schlug er einige Nüsse in ihrer grünen Schale herunter und biß ohne weiters in eine hinein. Sie schmeckte gar bitter und er gewahrte, daß sein Mund anschwoll; da sagte er voller Unruhe: »Farbe und Form sind so wie bei den Zwetschen; sollte ich vergiftet sein? Da steckt irgendeine Schurkerei dahinter. Ach, ihr Aussehn ist recht trügerisch!«
231.
ES war einmal ein Geiziger, der jahraus, jahrein nichts andres aß als Hammelkopf; darum wurde er eines Tages gefragt: »Warum ißt du eigentlich weder im Sommer, noch im Winter etwas andres?«
Er antwortete: »Siehst du denn nicht, wie billig so ein Hammelkopf ist? Wann ihn einmal der Diener vom Fleischer gebracht hat, braucht man nichts mehr an ihm herumzuschneiden; Kosten fürs Kochen hat man auch nicht, weil er schon gekocht verkauft wird. Und was hat man dann alles: die Haut, das Fleisch, die Augen, die Ohren, die Zunge, das Hirn; ebenso viel Gerichte!Begreifst du jetzt, was für ein vorteilhaftes Essen so ein Hammelkopf ist?«
232.
EIn Geizhals kam heim und bat seine Frau, ihm zu essen zu geben; sie briet ein Huhn und brachte es ihm. In diesem Augenblicke pochte ein Bettler an die Tür und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«
Der Geizige mißachtete diese Bitte und schickte den Armen mit leeren Händen weg.
Im Verlaufe der Zeit fiel der Geizhals in Unglück und fand sich bald von allen Mitteln entblößt; als er derart herabgekommen war, stritt er eines Tages mit seiner Frau und schied sich von ihr. Sie heiratete dann einen andern. Nun wollte es Gott, daß sie eines Tages ihrem zweiten Gatten ein Huhn kochte und es ihm just in dem Augenblicke vorsetzte, wo ein Bettler an die Tür klopfte und sagte: »Um Gotteswillen, schenkt mir etwas.«
Auf der Stelle nahm ihr Gatte das ganze Huhn, reichte es ihr und sagte: »Gib es dem armen Menschen.«
Die Frau gehorchte und erkannte in dem Bettler, den sie an der Tür fand, ihren ersten Mann. Sofort ging sie zu ihrem zweiten hinein und erzählte ihm von dieser sonderbaren Begegnung. Und dieser sagte: »Liebes Weib, wisse, daß ich einmal betteln gegangen bin; ich war damals in der äußersten Not. Aber dein Mann hat mir nichts gegeben und ich bin mit leeren Händen weggegangen. Nun hat ihm der Allmächtige all sein Gut genommen, sogar so eine Frau, wie du bist, um alles mir zu geben; sein Glück ist zu mirgekommen und meine Armut zu ihm. Ich habe seiner bedurft; jetzt bedarf er meiner.«
So erzählt man diese Geschichte. Zieht daraus, Freunde, den Nutzen, den ihr sollt. Danken wir dem Höchsten, daß er uns die irdischen Güter zugesteht, und laßt uns, ob arm oder reich, seinen Namen nie ohne Ehrfurcht nennen!
233.
EIn Geizhals wiederholte, sooft er sich zu Tische setzte, zweimal den Spruch: »Gott, beschütze mich!«
Eines Tages fragte man ihn: »Warum sprichst du diese Bitte Tag für Tag doppelt?«
Der Geizige antwortete: »Das erste Mal ist der Teufel — der Fluch sei auf ihm — gemeint; das zweite Mal gilt sie den Gästen, damit meine Küche von ihrem Besuche verschont bleibe.«
234.
ALs Tamerlan in Akschehir war, lud er einmal den Hodscha ein, mit ihm ins Bad zu gehn, und der Hodscha nahm die Einladung an. Tamerlan versah sich mit einem Badetuch, das hundert Goldstücke wert war, und sie gingen hinein; dort setzten sie sich neben der Kufe hin und unterhielten sich. Und Tamerlan sagte zum Hodscha: »Wenn ich ein Sklave wäre und verkäuflich, wie viel gäbest du für mich?«
»Kaum hundert Goldstücke.«
»Aber du Dummkopf, das Badetuch ist ja allein so viel wert.«
»Das habe ich wohl überlegt,« sagte der Hodscha; »sonst gäbe auch niemand für dich ein Goldstück99.«
235.
DEr Hodscha sagte einmal zu seiner Frau: »Bereite eine hübsche Schüssel Joghurt, damit ich sie morgen Tamerlan bringe. Ich will sie aber schon zeitlich früh haben.«
Die Frau bereitete den Joghurt und der Hodscha ging mit der Schüssel, nachdem er sie in gestickte Handtücher gewickelt hatte, noch vor der Dämmerung weg; er kam bei Tamerlan an und überreichte ihm den also eingewickelten Joghurt. Timur fragte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Diesen frischen Joghurt bringe ich dir, damit du ihn essest, und diese Tücher, damit du dich nach der Waschung abtrocknest.«
Timur band die Tücher auf und nahm sie, nachdem er den Joghurt herausgetan hatte, in die Hand, um die Stickerei zu betrachten; diese fand er aber jämmerlich schlecht, und so sagte er: »Ich möchte mich lieber an der Hand abtrocknen, die diese Tücher gestickt hat.«
Aber der Hodscha antwortete: »Die Hand, die sie gestickt hat, ist weit; aber die Tücher sind da und just zu dem Zwecke, den du sagst.«
236.
EInes Tages fand sich der Hodscha so von allem entblößt, daß ihm auch nicht ein Körnchen Weizen oder Gerste geblieben war. Da legteer seinem Esel einen großen Sack auf, hängte seinem Sohne eine Trommel um und ging von Tür zu Tür, um die Barmherzigkeit der Leute anzurufen. Kaum hatte er die Trommel geschlagen und sich in dieser Verfassung gezeigt, als ihm auch schon Männer und Frauen Gerste oder Korn brachten, der eine ein Nösel, der andere zwei; und der Hodscha schüttete alles in den Sack. Schließlich kam er zu einem großen Tor, dessen einer Flügel offen stand. Der Knabe schlug die Trommel, aber niemand trat heraus; er stieß den Esel in den Torweg, und da überzeugte er sich, daß auch innen völliges Schweigen herrschte. Nachdem sie den Esel im Stalle angebunden hatten, lehnten Vater und Sohn eine Leiter an das Haus und stiegen hinauf; sie kamen in einen Vorsaal und dann in ein Zimmer, ohne daß sie einen Laut gehört hätten.
Plötzlich traf ein Geräusch das Ohr des Hodschas; eine Frauenstimme sagte: »Jetzt wird der Effendi bald dasein.« Das wollte heißen, daß die Herrin des Hauses an diesem Tage mit dem Kadi der Stadt ein verliebtes Stelldichein hatte. In diesem Augenblicke war sie im Bade, und sie sagte zu ihren Sklavinnen, daß sie rasch heraussteigen müsse.
Das hörte der Hodscha alles und er sagte sich: »Da gilt es, einen hübschen Spaß anzustellen.« Als er darum unverzüglich ein passendes Versteck suchte, sah er ihm gegenüber ein köstliches Zimmer, reich mit Gold verziert. Ohne zu zaudern, trat er ein; dort fand er den großen Bettschrank schier leer, und er versteckte sich mit seinem Sohne hinter den Vorhängen.
Einen Augenblick darauf stieg die junge Dame aus dem Bade; gestützt auf die Arme ihrer Sklavinnen kam sie in das Zimmer und setzte sich auf den Ehrenplatz, um also die Ankunft des Kadis abzuwarten. Der war auch bald zur Stelle; die Sklavinnen führten ihn zu ihrer Herrin, die sich erhob, ihm einige Schritte entgegenging, ihn unter dem Arme faßte und ihm den Ehrensitz überließ. Es war im Sommer und an einem der heißesten Tage, so daß der Kadi etwas schwitzte; drum zogen ihm die Sklavinnen seine Kleider aus und er behielt nur die Unterhosen und ein Jäckchen und auf dem Kopfe eine Mütze. Die Kleider legten die Sklavinnen in eine Truhe.
Nun mußte sich der Effendi zu seiner Bequemlichkeit auf das Bett setzen und die Dame setzte sich, ebenso nur leicht gekleidet, neben seine Herrlichkeit. Nachdem sie dann ein leichtes Mahl eingenommen hatten, tranken sie einige Becher Wein; die Hitze tat das übrige, und so war der Kadi bald berauscht. Als das die Dame sah, gab sie ein Zeichen; der Kadi wurde niedergelegt und die Sklavinnen entfernten sich, so daß ihre Herrin und der Kadi allein blieben. Der Hodscha verhielt sich immerfort still.
Die Dame war gut aufgelegt; sie und der Kadi umarmten sich und begannen zu tändeln und Küsse zu tauschen. Der Kadi benutzte den Augenblick und entledigte die Dame all ihrer Hüllen. Als das geschehn war, fand sie ihre Sprache wieder und sagte: »Weißt du, Effendi, wie die Liebe sein soll, die mein Herz begehrt?«
»Nein, Königin meiner Seele; ich kenne auch keine andere als die bewegliche.«
»Die, die ich liebe,« sagte die Dame, »ist die Kriegsliebe.«
»Nach meiner Erfahrung«, antwortete der Kadi, »ist es die bewegliche, die den Preis verdient.«
Nun sagte die verschmitzte Schöne: »Nennen wir mein Schloß die Weiße Burg und deinen Schlüssel den Roten Prinzen. Wann ich mich niederlege, so daß die Weiße Burg zu sehn ist, laß du den Roten Prinzen hervorkommen; er soll die Weiße Burg angreifen, ohne viel Umschweife das Tor stürmen und als Sieger einziehen.«
Bei diesen Worten sagte sich der Hodscha: »Sie beabsichtigen also einen Krieg; aber es fehlt ihnen der Spielmann, der zum Sturme das Spiel schlüge: wann sie so weit sind, werde ich trommeln.«
Da legte sich auch schon die Dame auf den Rücken und die Weiße Burg bot sich den Blicken des Kadis; der holte unverdrossen den Roten Prinzen hervor und ließ ihn stürmen. Kaum war dann der Eingang erzwungen, machte Nasreddin seinem Sohne ein Zeichen und sagte: »Rühre die Trommel; es gibt keinen ordentlichen Sturm, ohne daß das Spiel geschlagen würde.«
Der Sohn nahm die Schlägel und begann den anbefohlenen Wirbel. Als der Lärm in dem Schranke losging, bekamen der Kadi und die Dame Angst: mit den Worten »Das ist kein gutes Zeichen« liefen sie aus dem Zimmer, und sie eilten durch den Vorsaal und blieben nicht eher stehn, als bis sie unten waren. Dann sahen sieeinander ganz betäubt an, und ohne ein Wort herausbringen zu können, weil sie vor Bestürzung die Sprache verloren hatten.
Der Hodscha aber sah in diesem Abenteuer eine Gelegenheit, Beute zu machen. Er verließ den Bettschrank, öffnete die Truhe und bemächtigte sich der Kleider des Kadis und dessen Turbans; dann stieg er ohne Verzug die Leiter hinunter, ging in den Stall, wo das Maultier des Kadis neben seinem Esel stand, legte die Kleider in den Sack, übergab den Esel seinem Sohne, band für sich selber das Maultier los, verschwand aus dem Hause und eilte heim. Dort stellte er das Maultier ein, verschloß den Turban und die Kleider und setzte sich nieder.
Seine Frau fragte ihn: »Woher hast du diese Sachen und das Maultier?«
»Sie gehören mir; sie sind mir als Beute zugefallen.«
Während sich der Hodscha in seinem Herzen freute und der süßen Ruhe genoß, sagte die Dame und der Kadi, die, wie wir erzählt haben, voller Schrecken hinuntergelaufen waren: »Es muß ein Geist dasein.« Da sie sich nicht hinaufzugehn getrauten, rief die Dame eine Sklavin und befahl ihr: »Geh hinauf und suche die Kleider des Herrn Kadi.«
Die Sklavin, die sich ebenso fürchtete, ging langsam und mit tausendfacher Vorsicht die Treppe hinauf, die zu dem Saale führte: sie schaute durch die Tür ins Zimmer hinein und sah niemand drinnen; sie öffnete den Bettschrank und die Truhe, ohne etwas zu entdecken, und kam wieder herunter. »Es ist niemand oben,«sagte sie zu der Dame und dem Effendi, »weder ein Teufel, noch ein Geist.«
Noch immer von tausenderlei Vermutungen beunruhigt, stiegen sie hinauf und setzten sich nieder; und der Kadi sagte: »Das war kein gutes Zeichen; verschieben wir unser Vergnügen auf ein andermal. Man bringe mir ungesäumt meine Kleider, daß ich mich anziehe und weggehe.«
Die Dame befahl den Sklavinnen, die Kleider des Kadis zu bringen; aber die, die die Truhe öffnete, fand drinnen weder Kleider, noch Turban. Sie meldete es ihrer Herrin, und die sagte es dem Kadi. Der Kadi versank in Nachdenken; er war völlig verwirrt und konnte sich nicht enträtseln, wie das zugegangen sein mochte: nackt war er ja vom Gerichtshause sicherlich nicht weggegangen. Endlich sagte er: »Was geschehn sollte, Liebste, ist geschehn; was sich erfüllen sollte, ist zur Wirklichkeit geworden.« Dann schrieb er einen Brief an seinen Haushofmeister: »Gib dem Überbringer einen vollständigen Anzug, vom Kopf bis zum Fuß.« Und indem er das Schreiben faltete, schloß und siegelte, bat er die Dame, damit jemand wegzuschicken.
Die Dame ließ den Brief durch ihre Amme befördern. Die ging geradewegs ins Gerichtshaus und übergab ihn dem Stellvertreter des Kadis, dem Najb-Effendi. Er nahm Kenntnis von dem Inhalte und sah, daß der Kadi eine Mütze, einen Turban, Unterhosen und alles übrige haben wollte; er rief den Haushofmeister und teilte ihm alles mit. Dieser ließ sich, dem Briefe gemäß, im Harem einen vollständigen Anzug ausfolgen und übergab den Pack der Amme, und die brachteihn rasch dem Kadi. Der Kadi kleidete sich an, gürtete sich und band sich den Turban um; als er dann gehn wollte, erinnerte er sich des Maultiers und befahl es ihm vorzuführen. Eine Sklavin lief in den Stall; da sie es aber nicht vorfand, schrien sie: »Effendi, das Maultier ist nicht da.«
Der Kadi war zwar verdutzt über dieses neue Ereignis, nahm aber, ohne noch weiter zu verziehen, von der Dame Abschied; er war so verstört, daß er auf dem ganzen Wege zum Gerichtshause nicht vor und nicht hinter sich sah. Als er dann auf seinem Sitze ausruhte, rief er sich alles, was er tagsüber erlebt hatte, ins Gedächtnis zurück. Bald darauf ging er heim und legte sich, da es Nacht geworden war, schlafen.
Am nächsten Tage verließ er seinen Harem schon in der Morgendämmerung und ging sein Amt als Richter versehn. Nachdem sich einige Freunde, die ihn zu unterhalten gekommen waren, entfernt hatten, wandten sich seine Gedanken, wie er so allein war, wieder den Vorfällen des Abends zu; aber je mehr er nachdachte, desto mehr verwundert war er.
Unterdessen zog der Hodscha Nasreddin die Kleider des Kadis an, wickelte sich dessen Turban um und hüllte sich in dessen Mantel; und in dieser Tracht bestieg er das Maultier des Effendis und begab sich aufs Gericht. Den Dienern des Kadis entging es, als sie ihn ansahen, keineswegs, daß er all die Kleider ihres Herrn trug und auch dessen Maultier ritt; sie liefen auch alsbald zum Kadi, um ihm das zu melden. »Herr,« sagten sie, »Nasreddin-Effendi, der jetzt kommt, hat dich bestohlen; sieh dir nur die Kleider an,die er am Leibe hat, und das Maultier, das er reitet.«
Aber der Kadi sagte: »Gebt acht, was ihr sagt; man darf niemand leichtfertig anklagen.«
Inzwischen stieg der Hodscha ab, band das Maultier unten an der Stiege an, ging hinauf und begrüßte den Kadi. Der gab ihm den Gruß zurück, erhob sich und ließ den Hodscha, um ihm eine Höflichkeit zu erzeigen, den Ehrensitz einnehmen; er bot ihm einen vortrefflichen Kaffee an und überhäufte ihn mit ehrenvollen Aufmerksamkeiten. Schließlich ließ er alle lästigen Zuhörer entfernen und richtete geradeaus an den Hodscha die Frage: »Woher hast du diese Kleider, Hodscha-Effendi, und woher hast du das Maultier?«
»Sowahr mir Gott helfe,« antwortete Nasreddin, »gestern hat hier ein Kampf stattgefunden: der Rote Prinz hat die Weiße Burg gestürmt. Als der Kampf am hitzigsten war, bemächtigte sich der Streitenden ein jäher Schrecken, und ich raffte die Beute auf, die auf dem Schlachtfelde verblieben war.«
Aus diesen Worten begriff der Kadi leicht, worum es sich handelte; er änderte seine Haltung und sagte zum Hodscha: »Da es deine Beute ist, ist es billig, daß du sie behältst; vielleicht muß sie sogar noch vergrößert werden, damit du, wenn man dich fragt: ›Hast du das Kamel gesehn?‹, antwortest: ›Es muß samt seinem Füllen verzehrt worden sein; ich habe weder das Kamel, noch das Füllen gesehn.‹«
Der Hodscha erwiderte: »Wenn das so sein soll, so gib mir den Preis des Kamels, damit sichunser Mund so schließe, daß ihm auch nicht ein Wörtchen entfällt.«
Sowohl um den Wunsch des Hodschas zu erfüllen, als auch der eigenen Ruhe halber reichte ihm der Kadi zwanzig Goldstücke, indem er ihm noch einmal ans Herz legte, ja nichts verlauten zu lassen. Und der Hodscha antwortete: »Wie sollte denn etwas bekannt werden? Alles bleibt unter uns, besonders wenn du mir statt des Kamelfüllens das Maultier geben willst; das ist dann alles, was ich von dir haben will.«
»Einverstanden,« sagte der Kadi, und er erteilte seinen Dienern die entsprechenden Aufträge. Die Diener führten dem Hodscha das Maultier vor und boten es ihm an; alsbald verabschiedete er sich von dem Kadi, stieg in den Sattel und ritt heim.
Von nun an trug er stets die Kleider, den Mantel und den Turban des Kadis und ritt stets das Maultier; außerdem hat er, nach dem, was erzählt wird, das Geheimnis keinem Menschen mitgeteilt.
237.
MAn erzählt, daß der Hodscha einmal ein Kalb hatte; einen Tag tränkte und fütterte es seine Frau, am andern Tage er, an wen eben die Reihe kam. Nun wurde an einem Tage, wo es an der Frau war, diese Verrichtungen zu besorgen, ihnen gegenüber eine Hochzeit gefeiert, wozu man die Frau eingeladen hatte; da sagte sie zu ihrem Manne: »Wie werden wir es diesmal halten?«
Er antwortete: »Wir wollen ein Übereinkommen treffen: wer von uns zuerst ein Wortspricht, muß dem Kalbe zu trinken und zu fressen geben.«
»Einverstanden,« antwortete sie.
Nach diesem Gespräche ging der Hodscha ins Haus und seine Frau ging zur Hochzeit.
Nun hatte sich just an diesem Tage ein Zigeunertrupp vor der Stadt gelagert, und die Frauen hatten sich in den Straßen zerstreut und sahen rechts und links, ob es etwas zu stehlen gebe. Von ungefähr trat eine in das Haus des Hodschas; dort herrschte völliges Schweigen. Im Harem angelangt, sah sie den Hodscha, der durchaus stumm blieb. Augenblicklich machte sie sich daran, das Haus zu durchstöbern, las alles zusammen, was sie fand, und steckte es in ihren Sack; den Hodscha hatte sie leicht anschauen: er verharrte in seinem Schweigen. Ohne weitere Bedenken nahm sie ihm die Mütze und den Turban vom Kopfe, und er verlor darüber kein Wort; »wenn ich spreche,« sagte er sich, »muß ich das Kalb tränken.« So schenkte er denn dem Treiben der Zigeunerin nicht die geringste Aufmerksamkeit; sie benutzte das und machte sich davon.
Inzwischen wurde im Hause des jungen Paares das Mahl aufgetragen, und die Frau des Hodschas belud eine Schüssel mit Speisen, um sie dem Hodscha zu bringen. Als sie heimkam, sah sie, daß man das Haus so gründlich ausgeplündert hatte, daß nicht einmal der Turban oder die Mütze auf des Hodschas Kopf verblieben war. Da brach sie das Schweigen und sagte: »Hodscha, wohin sind denn alle unsere Sachen gekommen?«
»Du hast gesprochen,« schrie nun Nasreddin; »du mußt also heute unser Kalb tränken und füttern!«
238.
MAn erzählt, daß einmal in der Landschaft Diarbekr ein kleiner Kaufmann war, der sein Geschäft betrieb, indem er von Dorf zu Dorf wanderte. Eines Tages trug er eine Last Trauben. Die Nacht fiel ein, als er noch im Freien war, aber niemand wollte ihm Gastfreundschaft gewähren. Schließlich sah er eine Frau, die vom Flusse kam. Er näherte sich ihr, als sie eben in ihr Haus treten wollte, und sagte ihr, daß ihm, weil er Trauben trage, niemand habe ein Nachtlager geben wollen trotz der geheimen und entwickelten Vorteile, womit ihn die Natur ausgestattet habe. Die Frau unterließ es keineswegs, diese seine letzten Worte zum Gegenstande ihrer Überlegungen zu machen; unverzüglich trat sie ins Haus, ging zu ihrem Manne und sagte zu ihm: »Wie ich höre, ist gegenwärtig der Sohn meines Oheims im Dorfe; er ist, sagt man mir, ein herumziehender Händler. Warum hast du ihn nicht eingeladen?«
Der Mann antwortete: »Aber wieso hätte ich denn von seiner Ankunft erfahren sollen?«
Sie erwiderte: »Nicht einmal ein Hund wird sich getrauen, sich irgendwo einzufinden, wenn man ihn nicht gerufen hat.«
Nach diesem Gespräche ging der Gatte den Mann mit den Trauben suchen und lud ihn ein, zu ihm zu kommen. Die Frau beeilte sich mit dem Empfange und sagte zu ihm: »Willkommen, Vetter! Glück zur Ankunft!« und überhäufte ihnmit Aufmerksamkeiten. Und als es Nacht wurde, bereitete sie ihm ganz nahe dem Schlafzimmer auf einem Sofa ein Bett. Er legte sich nieder und die Eheleute taten desgleichen. Einen Augenblick später schlief der Gatte, der sehr müde war; alsbald erhob sich die Frau geräuschlos und ging zu dem Kaufmanne. Sie unterhielten sich wohl miteinander; aber die Frau fand seine Waffen doch nicht so besonders, wie er früher gesagt hatte. Und sie sagte zu ihm: »Freund, du hast mir deine Vorteile arg übertrieben; es ist nichts da, was etwas wert wäre.«
»Ach, Frau,« antwortete er, »ich habe mehr, als du siehst; aber ich war, es ist eine Zeit her, gezwungen, es zu verpfänden.«
Sie sagte voll Lebhaftigkeit: »Wie viel hast du darauf entlehnt?«
Er antwortete: »Zwanzig oder dreißig Toman.«
Die gab sie ihm auf der Stelle und trug ihm auf, sein Pfand holen zu gehn und es ohne Fehl in der nächsten Nacht zu bringen.
Am Morgen stand der Kaufmann auf und ging von neuem seine Trauben im Dorfe ausbieten. Als es Abend wurde, fragte er sich, wie er es anfangen solle, um seine Wirtin zufrieden zu stellen. In diesen Gedanken versunken, bemerkte er auf einmal, daß ein Bienenschwarm seine Regungslosigkeit benutzt hatte, um sich auf dem Korbe mit den Trauben zu versammeln; da schrie er: »Ich habs!« Er nahm eine Biene und drückte sie auf das Werkzeug, das als zu geringfügig befunden worden war: die Biene versenkte ihren Stachel hinein; es zeigte sich eine Entzündung, und das Ding schwoll dermaßen an, daß man schier nicht hätte erraten können, was es war. Das getan, ging er die Frau aufsuchen; sie war gerade allein zu Hause. Und sie fragte ihn: »Hast du es ausgelöst aus den Händen der Wucherer?«
»Jawohl.«
Als es Abend war, ging man zu Tische; dann kam die Zeit, schlafen zu gehn. Alle drei legten sich so nieder wie in der Nacht vorher, und man hatte keine Acht darauf gehabt, das Bett des Fremden nicht neben dem Schlafzimmer zu bereiten.
Kaum war ihr Gatte eingeschlafen, so kam schon die Frau zu dem Kaufmanne, den die Schmerzen kein Auge zutun ließen und der sich in seinem Bette wand wie auf einem Roste. Bei dem Anblicke, der sich ihr bot, glaubte die Frau vor Wonne zu vergehn; dabei kam ihr ein Wind aus. »Wie?« schrie der Fremde; und mit einem in Diarbekr üblichen Ausdrucke: »Deinem Mann in den Bart?«
»O nein,« sagte die Frau, »den armen trifft kein Vorwurf, aber dich desto mehr; hast du dich doch, obwohl du weißt, wie unschätzbar das ist, was du hast, nicht gescheut, es zu verpfänden!«
239.
EInes Tages sagte der Hodscha zu seinen Freunden: »Ein Sommernachmittag ist so viel wert wie drei ganze Tage im Winter.«
Sie fragten ihn: »Wie das?«, und er antwortete: »Ich weiß es aus Erfahrung: als ich meinen Kaftan im Winter gewaschen habe, brauchte er drei Tage, um zu trocknen; dann habeich ihn an einem Nachmittag im Sommer gewaschen und da war er noch vor Nacht trocken.«
240.
EInmal sagte der Hodscha: »Zwischen der Jugend und dem Alter ist kein Unterschied.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »Vor unserer Tür liegt ein Stein; nur wenige Leute sind imstande, ihn zu heben. In meiner Jugend habe ich versucht, ihn zu heben, und es ist mir nicht gelungen; später und dann jetzt, wo ich ein Greis bin, ist mir das eingefallen, und ich habe es von neuem versucht, aber ich habe ihn wieder nicht heben können. Diese Erfahrung ist es, warum ich sage, daß zwischen der Jugend und dem Alter kein Unterschied ist.«
241.
DEr Hodscha Nasreddin — Gottes Barmherzigkeit über ihn — war vor kurzem aus diesem vergänglichen Leben in eine bessere Welt abgeschieden; sein erlauchtes Grab war neben einer ehrwürdigen Moschee. Als nun an einem Freitage das Volk zum Gebete versammelt war, hörte man plötzlich eine jauchzende Stimme: »Muselmanen, der Hodscha Nasreddin hat sein Grab verlassen; er reitet auf seinem Grabsteine, er schreit und ist lustig.«
Auf diese Worte hin liefen die Gläubigen aus der Moschee, und augenblicklich stürzte hinter ihnen die Kuppel ein; niemand erlitt auch nur die geringste Verletzung.
Ihr erseht, meine Freunde, eine wie hohe Stelle der erlauchte und glorreiche Hodscha Nasreddin unter den Heiligen einnimmt, die Gottden Allmächtigen umgeben, da ihm erlaubt worden ist, sogar nach seinem Tode Wunder zu tun.
Über ihn sind viele glaubwürdige Geschichten aufgezeichnet worden; aber noch zahlreichere sind mit Unwahrheiten behaftet. Gott weiß, wie es damit steht! Aber erinnern wird man sich seiner bis zu dem Tage des jüngsten Gerichtes!
Die Barmherzigkeit Gottes sei mit ihm, die Barmherzigkeit und die Verzeihung!
242.
EInes Tages predigte der Hodscha Nasreddin in Siwri-Hissar; und er sagte, mit dem Kopfe wackelnd: »Muselmanen, das Klima in dieser Stadt ist dasselbe wie in Kara-Hissar.«
Man fragte ihn: »Wieso denn?«, und er antwortete: »In Kara-Hissar habe ich mich entblößt und mein Glied betrachtet: es hing schlaff über dem Beutel; hier habe ich mich entblößt und es betrachtet: es war ebenso.«
243.
EInes Tages stieg der Hodscha auf die Kanzel und predigte: »Danken wir, Muselmanen, dem wahrhaftigen und allmächtigen Gotte, daß er nicht wollte, daß wir den Hintern in der Hand hätten; sonst würden wir uns mehr als hundertmal täglich die Nase schmutzig machen.«
244.
WIeder stieg der Hodscha auf die Kanzel und begann zu sprechen: »Ewigen Dank müssen wir Gott sagen, Muselmanen, daß er das, was er uns für vorne gegeben hat, nicht hat hinten anbringen wollen; sonst hätte jeder schier unfreiwillig den Gesellen Lots gleich werdenmüssen, indem er das getan hätte, wovor sich nur Lot allein hat bewahren können.«
245.
ALs sich der Hodscha eines Tages erging, sah er einige Frauen, die Kleidungsstücke wuschen. Er trat näher an sie heran, und da entblößten sie sich. Und sie fragten ihn: »Wie heißt das?«
Der Hodscha antwortete: »Auf Türkisch heißt es Am«, ohne irgendeine Umschreibung zu gebrauchen.
Sie antworteten: »Jedenfalls ist es das Paradies des Armen.«
Der Hodscha ging weg; er wickelte seinen Sik in ein Stück Leinwand wie in ein Leichentuch und legte einen Hobelspan herum, der die Stelle des Sarges vertreten sollte, und kam also zurück. Sie sagten zu ihm: »Was ist das, Hodscha?«
»Das ist ein Armer, der gestorben ist; jetzt will er ins Paradies.«
Um diesen Wunsch zu erfüllen, nahm ihn eine in die Hand; der Beutel aber blieb außerhalb und sie sagte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Das sind die Kinder des Armen, die sein Grab besuchen gekommen sind.«
246.
ZWei Männer erschienen vor dem Hodscha und der eine sagte: »Ich habe dem da Geld gegeben, und er gibt es mir nicht zurück.«
Der Hodscha sagte: »Warum bezahlst du ihn nicht?«
Der gefragte antwortete: »Der Grund ist, daß ich kein Geld habe.«
Der Gläubiger sagte: »Soll ich mich mit solchen Gründen bezahlen lassen, Effendi? Mach ihm doch ein bißchen Angst, ich bitte dich.«
Sofort hielt der Hodscha je einen Finger an seine Augen und einen an den Mund und schrie: »Wau!«, wie man tut, wenn man die kleinen Kinder schrecken will; »und jetzt gib ihm sein Geld.«
247.
DEm Hodscha wurde ein Mann vorgeführt, um verhört zu werden. Der Hodscha ließ ihn auf die Folter spannen und ihn schließlich an den Armen aufhängen; dabei sagte er immerfort zu ihm: »Gesteh doch.«
Endlich wurde er der Sache überdrüssig und ließ ihn abnehmen; da schrie der gefolterte: »Noch einen Augenblick, und ich hätte alles gesagt.«
Trotzdem ließ ihn der Hodscha ruhig weggehn.
248.
MAn führte dem Hodscha, der damals Kadi war, einen Mann vor und sagte, um ihn zu verklagen: »Er hat eine Katze besprungen.« Da Zeugen dafür da waren, war ein Leugnen unmöglich. Der Hodscha aber fragte ihn: »Wie hast du sie denn genommen?«
»Ich habe, du weißt schon, was ans Pförtchen gebracht und habe mir, indem ich sie bei den Pfoten hielt, den Eintritt erzwungen; es ist so gut gegangen, daß ich es zweimal habe wiederholen können.«
»Wahrhaftig,« schrie der Hodscha, indem erihn voll Bewunderung anblickte, »du bist wahrhaftig mein Meister in diesem Spiele; hab ichs doch schon mehr als dreißigmal so wie du versucht, ohne daß es mir auch nur einmal gelungen wäre.«
249.
MAn brachte zwei Krüge zum Hodscha, der eine voll Sesamöl, der andere voll Urin; zugleich führte ihm die Scharwache zwei Männer vor, deren jeder behauptete, das Öl gehöre ihm, und es handelte sich darum, es einem von den beiden zuzusprechen.
Der Hodscha befahl: »Sie sollen beide ihr Wasser ablassen und zwar in verschiedene Gefäße; den Krug mit Öl soll dann der haben, der Öl pißt.«
250.
DEr Hodscha schnitt sich die Nägel und man sagte zu ihm: »Die Abschnitzel mußt du in einer Fußtapfe vergraben.«
Der Hodscha stand auf, ging sie vergraben, wie man ihm gesagt hatte, und verrichtete darüber seine Notdurft. Als man ihn fragte: »Was machst du da, Hodscha?«, antwortete er: »Ich will den Ort bezeichnen, damit ihr ihn leichter kennt.«
251.
SEine Frau sagte zum Hodscha: »Ich gehe ins Bad; gib, solange ich abwesend bin, auf das Kind acht.« Kaum war sie gegangen, begann das Kind zu schreien. Nun hatte der Hodscha neben sich eine Schüssel Joghurt stehn; damit beschmierte er seinen Sik und fand auf diese Weise ein Mittel, den Hunger des Säuglings zu stillen.
»Sehr gut, Hodscha,« sagte seine Frau, als sie zurückkam und das Kind schlafend fand; »sehr gut.«
»Ach, Liebste,« antwortete der Hodscha, »bis du gekommen bist, habe ich ihn neunmal von diesem Sik Joghurt saugen lassen; wenn du das getan hättest, schliefest du auch.«
252.
»Hodscha,« sagte eines Tages seine Frau zu ihm, »du gehst von mir geradeso weg wie vom Abtritt.«
Als er nun einmal vom Abtritte wegging, ließ er wirklich einen Wind. Einer, der vorbeiging, sagte zu ihm: »Das ist eine Schande.«
Er antwortete: »Das ist diese Dirne, von der ich gelernt habe, aufzumachen, was man nicht soll.«
253.
EInes Tages sagte der Hodscha zu seiner Frau: »Koch mir Halwa.« Seine Frau bereitete die Kuchen und gab sie ihm; er legte sie in eine Schachtel. Als er nun damit auf dem Wege war, lockten ihn die Kuchen; er begann ein bißchen zu essen, dann noch ein bißchen, bis schließlich alles verzehrt war. So kam er zum Bei, und der schrie, kaum daß er ihn erblickt hatte: »Willkommen, Hodscha!«
»Gnädiger Herr,« sagte Nasreddin, »ich habe dir eine Schachtel Halwa mitgebracht; wenn du mir nicht glaubst, so schau dir die Schachtel an, die ich dahabe.« Und er zeigte ihm die Schachtel.
254.
MAn brachte dem Sohne des Hodschas weißen Halwa und fragte ihn: »Was ist das?«
Er besah die Kuchen von allen Seiten und sagte: »Das ist ein Topf mit weißen Zwiebeln.«
Da schrie der Hodscha: »Gott soll mich strafen, wenn er das von mir gelernt hat!«
255.
EInes Tages sah der Hodscha einen hübschen Esel; augenblicklich trat er an ihn heran und nahm ihn her. Kaum war er fertig, als zwei Männer daherkamen, und die fragten ihn: »Was machst du da, Hodscha?«
»Seht ihrs denn nicht?« antwortete er; »ich mache, daß ich von diesem Vieh wegkomme.«
256.
EInes Tages besprang der Hodscha ganz nahe bei einer Moschee einen Esel; ein Mann, der vorbeiging, spuckte aus. Da schrie der Hodscha voll Unwillen: »Wenn ich nicht eben beschäftigt wäre, würde ich dich lehren, hier ausspucken!«
257.
EInes Tages besprang der Hodscha seinen Esel; da er einen Mann herankommen sah, bedeckte er sich mit seinem Mantel. Der Mann trat näher; er hob einen Zipfel des Mantels und schrie: »Wer ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Sieh nach, bitte, was imstande gewesen ist, mich in diese Lage zu bringen; ich wenigstens weiß von gar nichts.«
258.
DEr Hodscha hatte eines Tages seinen Esel mit Schilf beladen. Da er bemerkte, daß die Last auf der einen Seite schwerer war als auf der andern, sagte er: »Ich will den schwerernBund anzünden; so wird sich das Gleichgewicht herstellen, und überdies werde ich mich, da mir sowieso kalt ist, wärmen können.« Kaum spürte aber der Esel die Wärme, als er davonzulaufen begann. Der Hodscha setzte ihm nach und schrie: »Hat man dich denn beim Füttern nicht getränkt, daß du es so eilig hast, zum Wasser zu kommen?«
259.
ALs einmal der Hodscha seinen Esel verloren hatte, sagte einer zu ihm: »Ich habe ihn dort und dort als Muezzin gesehn.« Der Hodscha ging in die ihm genannte Ortschaft, und als er ankam, stieg eben ein Muezzin aufs Minaret, um zum Gebete zu rufen; und der Hodscha schrie, als er das sah: »Woher kommt denn der Unselige!« Dann nahm er seinen Sack vom Rücken, nahm eine Handvoll Gerste und zeigte sie, wie man es macht, wenn man einen Esel ruft, dem Muezzin und rief: »Tschosch, Tschosch!«
Der Muezzin sah vom Minaret aus, daß ihm der Hodscha etwas anbot; er dachte, der Hodscha wolle ihn herunterlocken, um ihm einen Streich zu spielen, und so sagte er: »Du willst mich foppen; aber die Kosten wirst du bezahlen.«
Über diese Antwort war der Hodscha ganz verdutzt.
260.
EInes Tages besprang der Hodscha seinen Esel und legte sich dann mitten auf dem Wege in der Sonne neben ihm nieder, den Sik entblößt. Ein Mann kam dazu, und der schrie: »Was machst du da? das ist schändlich!«
»Ah,« sagte der Hodscha, »warum sollte ichihn nicht trocknen lassen? wenn ich ihn bei meiner Frau gebraucht habe, tue ichs ja auch.«
261.
DEr Hodscha hatte acht Esel; auf einen stieg er. Als er dann seinen Ritt gemacht hatte, zählte er sie, brachte aber nur sieben heraus; er vergaß nämlich den, auf dem er saß. Nachdem er abgestiegen war, brachte er acht heraus; über diese Erscheinung war er ganz verdutzt, so daß ihn einer, der vorüberkam, fragte, worüber er sich wundere. Er schrie: »Früher waren es nur sieben; jetzt sind es auf einmal acht.«
»Der, auf den du gesessen hast, hat eben die Zahl vollgemacht.«
Und der Hodscha antwortete: »Ja, wie hätte ich denn sehn sollen, was ich am Hintern hatte?«
262.
EInes Tages ging der Hodscha mit seinem Amad auf die Jagd. Er hatte einen Falken auf der Hand; sie ließen ihn steigen und er setzte sich auf einen Ochsen. Alsbald schlang der Hodscha einen Strick um den Kopf des Ochsen, zog ihn zu sich nach Hause und band ihn an. Der Eigentümer ging seinen Ochsen suchen und fand ihn schließlich beim Hodscha; da sagte er zum Hodscha: »Der Ochs ist mein; wieso hast du ihn hier angebunden?«
»Potzteufel, Dummkopf,« antwortete der Hodscha, »mein Falke hat ihn gebeizt; er ist meine Jagdbeute.«
Sie gingen mitsammen zum Kadi und erklärten ihm den Fall. Der Kadi schrie: »Aber Hodscha, seit wann fängt denn ein Falke einen Ochsen?«
»Nun,« antwortete Nasreddin, »auf das Kamel zu beizen, ist gewiß nicht verboten; sollte denn zwischen einem Vieh und dem andern mehr Unterschied sein als zwischen ihnen und dir?«
263.
DEr Amad sagte eines Tages zum Hodscha: »Hodscha, du bist nicht imstande, dich, wenn man Speisen vor dich hinstellt, so zurückzuhalten, wie die gebildeten Fremden tun, die nach ein paar Bissen zu essen aufhören.«
»Amad,« antwortete der Hodscha, »ich werde mir einen Faden an die Zehe binden; wenn du bemerkst, daß ich zu viel esse, so ziehe daran.«
Dergestalt miteinander einig, wurden einmal der Hodscha und sein Amad zu einem Mahle eingeladen. Eben war das Auftragen beendigt, als eine Katze ihre Pfote auf den Faden legte, der an dem Fuße des Hodschas befestigt war; sofort hörte der Hodscha zu essen auf.
Man fragte ihn: »Warum ißt du nichts, Hodscha?«
»Warum ich nicht esse?« schrie er; »mein Amad zieht ja am Faden!«
264.
EInes Tages wollte der Hodscha der Liebe pflegen; aber von ungefähr setzte sich eine Biene auf sein männliches Glied. Da schrie er: »Du weißt also ganz gut, was gut ist; es ist auch wahrhaftig eine Blume, die gewählt zu werden verdient, wenn es gilt, Honig zu bereiten!«
265.
EInes Tages legte man dem Hodscha die Frage vor: »Was soll die Versammlung tun, wenn der Imam einen Wind läßt?«
»Was sie tun soll,« antwortete der Hodscha; »aber es ist klar, sie muß scheißen.«
266.
ALs der Hodscha eines Tages auf dem Markte war, besahen sich die Leute sein Geld besonders aufmerksam; da sagte er zu einem: »Was siehst du denn daran außergewöhnliches? ist es vielleicht das, das der Bankhalter deiner Mutter versprochen hat, um bei ihr zu schlafen?«
267.
DEr Hodscha, der schon einen weißen Bart hatte, sah eines Tages eine Schar Frauen, die eine Braut dem jungen Gatten zuführten. Da verließ ihn seine Kaltblütigkeit und er tat ihnen einen Schimpf an. Sie sagten zu ihm: »Schämst du dich denn nicht? wie kannst du dich denn bei deinem weißen Barte so wenig zurückhalten?«
»Frißt vielleicht«, antwortete er, »ein weißer Hund weniger Dreck als ein anderer?«
268.
EInes Tages wollte der Hodscha in der Nachbarschaft einen Becher entleihen; da sagte seine Frau zu ihm, indem sie sich entblößte: »Nimm den da!«
»Meinetwegen,« antwortete er, indem er sich auch entblößte; »der Klotz da wird ihn schon in die richtige Form bringen.«
269.
ALs der Hodscha eines Tages in den Busch ging, begegnete er einem reitenden Boten. Bald darauf sah er, nachdem er auf seinen Esel gestiegen war, nach allen Seiten herum, konnte aber den Reiter nicht erblicken; dann sah er ihn wieder und da schrie er: »He, Mann! he, Mann!«