The Project Gutenberg eBook ofDer HofmeisterThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der HofmeisterAuthor: Jakob Michael Reinhold LenzRelease date: November 1, 2004 [eBook #6821]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient German books in London*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HOFMEISTER ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Der HofmeisterAuthor: Jakob Michael Reinhold LenzRelease date: November 1, 2004 [eBook #6821]Most recently updated: December 30, 2020Language: GermanCredits: Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient German books in London
Title: Der Hofmeister
Author: Jakob Michael Reinhold Lenz
Author: Jakob Michael Reinhold Lenz
Release date: November 1, 2004 [eBook #6821]Most recently updated: December 30, 2020
Language: German
Credits: Thanks are given to Delphine Lettau for finding a huge collection of ancient German books in London
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HOFMEISTER ***
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Der Hofmeister odor Vortheile der Privaterziehung
Jakob Michael Reinhold Lenz
Eine Komödie.
Namen.
Herr von Berg. Geheimer Rath.Der Major. Sein Bruder.Die Majorin.Gustchen. Ihre Tochter.Fritz von Berg.Graf Wermuth.Läuffer. Ein Hofmeister.Pätus und Bollwerk. Studenten.Herr von Seiffenblase.Sein Hofmeister.Frau Hamster. Räthin.Jungfer Hamster.Jungfer Knicks.Frau Blitzer.Wenzeslaus. Ein Schulmeister.Marthe. Alte Frau.Lise.Der alte Pätus.Der alte Läuffer. Stadtprediger.Leopold. Junker des Majors. Ein Kind.Herr Rehhaar. Lautenist.Jungfer Rehhaar. Seine Tochter.
Erster Akt.
Erste Scene.
Zu Insterburg in Preussen.
Läuffer. Mein Vater sagt: ich sey nicht tauglich zum Adjunkt. Ich glaube, der Fehler liegt in seinem Beutel; er will keinen bezahlen. Zum Pfaffen bin ich auch zu jung, zu gut gewachsen, habe zu viel Welt gesehn und bey der Stadtschule hat mich der geheime Rath nicht annehmen wollen. Mag's! er ist ein Pedant und dem ist freylich der Teufel selber nicht gelehrt genug. Im halben Jahr hätt' ich doch wieder eingeholt, was ich von der Schule mitgebracht, und dann wär' ich für einen Klassenpräceptor noch immer viel zu gelehrt gewesen, aber der Herr geheime Rath muß das Ding besser verstehen. Er nennt mich immer nur Monsieur Läuffer, und wenn wir von Leipzig sprechen, fragt er nach Händels Kuchengarten und Richters Kaffehaus, ich weiß nicht: soll das Satyre seyn, oder—Ich hab' ihn doch mit unserm Konrektor bisweilen tiefsinnig genug diskuriren hören; er sieht mich vermuthlich nicht für voll an.—Da kommt er eben mit dem Major; ich weiß nicht, ich scheu ihn ärger als den Teufel. Der Kerl hat etwas in seinem Gesicht, das mir unerträglich ist. (geht dem geheimen Rath und dem Major mit viel freundlichen Scharrfüssen vorbey.)
Zweyte Scene.
Geheimer Rath. Major.
Major.Was willst du denn? Ist das nicht ein ganz artiges Männichen?
Geh. Rath. Artig genug, nur zu artig. Aber was soll er Deinen Sohn lehren?
Major.Ich weiß nicht, Berg, Du thust immer solche wunderlicheFragen.
Geh. Rath. Nein aufrichtig! Du must doch eine Absicht haben, wenn Du einen Hofmeister nimmst und den Beutel mit einemmahl so weit aufthust, daß dreihundert Dukaten herausfallen. Sag mir, was meinst Du mit dem Geld auszurichten; was foderst Du dafür von Deinem Hofmeister?
Major. Daß er—was ich—daß er meinen Sohn in allen Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren—Ich weiß auch nicht, was Du immer mit Deinen Fragen willst; das wird sich schon finden; das werd ich ihm alles schon zu seiner Zeit sagen.
Geh. Rath. Das heißt: Du willst Hofmeister Deines Hofmeisters seyn; bedenkst Du aber auch, was Du da auf Dich nimmst—Was soll Dein Sohn werden, sag mir einmahl?
Major. Was er… Soldat soll er werden; ein Kerl, wie ich gewesen bin.
Geh. Rath. Das letzte laß nur weg, lieber Bruder; unsere Kinder sollen und müssen das nicht werden, was wir waren: die Zeiten ändern sich, Sitten, Umstände, alles, und wenn Du nichts mehr und nichts weniger geworden wärst, als das leibhafte Kontrefey Deines Eltervaters—
Major. Potz hundert! wenn er Major wird, und ein braver Kerl wie ich, und dem König so redlich dient als ich!
Geh. Rath. Ganz gut, aber nach funfzig Jahren haben wir vielleicht einen andern König und eine andre Art ihm zu dienen. Aber ich seh schon, ich kann mich mit Dir in die Sachen nicht einlassen, ich müste zu weit ausholen und würde doch nichts ausrichten. Du siehst immer nur der graden Linie nach, die Deine Frau Dir mit Kreide über den Schnabel zieht.
Major.Was willst Du damit sagen, Berg? Ich bitt Dich, mischDich nicht in meine Hausangelegenheiten, so wie ich michnicht in die Deinigen.—Aber sieh doch! da läuft jaeben Dein gnädiger Junker mit zwey Hollunken aus derSchule heraus.—Vortrefliche Erziehung, Herr Philosophus!Das wird einmal was rechts geben! Wer sollt' es in allerWelt glauben, daß der Gassenbengel der einzige Sohn Sr.Excellenz des königlichen geheimen Raths—
Geh. Rath. Laß ihn nur.—Seine lustigen Spielgesellen werden ihn minder verderben als ein galonirter Müßiggänger, unterstützt von einer eiteln Patronin.
Major.Du nimmst Dir Freyheiten heraus.—Adieu.
Geh. Rath.Ich bedaure Dich.
Dritte Scene.
Der Majorin Zimmer.Frau Majorin. (auf einem Kanapee)Läuffer. (in sehr demüthiger Stellung neben ihr sitzend)Leopold. (steht)
Majorin. Ich habe mit Ihrem Herrn Vater gesprochen und von den dreihundert Dukaten stehenden Gehalts sind wir bis auf hundert und funfzig einig worden. Dafür verlang' ich aber auch Herr—Wie heissen Sie?—Herr Läuffer, daß Sie Sich in Kleidern sauber halten, und unserm Hause keine Schande machen. Ich weiß, daß Sie Geschmack haben; ich habe schon von Ihnen gehört, als Sie noch in Leipzig waren. Sie wissen, daß man heut zu Tage auf nichts in der Welt so sehr sieht, als ob ein Mensch sich zu führen wisse.
Läuffer. Ich hoff', Euer Gnaden werden mit mir zufrieden seyn. Wenigstens hab' ich in Leipzig keinen Ball ausgelassen, und wohl über die funfzehn Tanzmeister in meinem Leben gehabt.
Majorin. So? lassen Sie doch sehen. (Läuffer steht auf) Nicht furchtsam, Herr…Läuffer! nicht furchtsam! Mein Sohn ist buschscheu genug; wenn der einen blöden Hofmeister bekommt, so ists aus mit ihm. Versuchen Sie doch einmal, mir ein Kompliment aus der Menuet zu machen; zur Probe nur, damit ich doch sehe.—Nun, nun, das geht schon an! Mein Sohn braucht vor der Hand keinen Tanzmeister! Auch einen Pas, wenn's Ihnen beliebt.—Es wird schon gehen; das wird sich alles geben, wenn Sie einmal einer unsrer Assembleen werden beigewohnt haben. Sind Sie musikalisch?
Läuffer.Ich spiele die Geige, und das Klavier zur Noth.
Majorin. Desto besser: wenn wir aufs Land gehn und Fräulein Milchzahn besuchen uns einmal; ich habe bisher ihnen immer was vorsingen müssen, wenn die guten Kinder Lust bekamen zu tanzen: aber besser ist besser.
Läuffer.Euer Gnaden setzen mich ausser mich: wo wär ein Virtuosauf der Welt, der auf seinem Instrument Euer GnadenStimme zu erreichen hoffen dürfte.
Majorin.Ha ha ha! Sie haben mich ja noch nicht gehört. … WartenSie; ist Ihnen die Menuet bekannt? (singt)
Läuffer. O… o… verzeihen Sie dem Entzücken, dem Enthusiasmus, der mich hinreißt. (küßt ihr die Hand.)
Majorin. Und ich bin doch enrhumirt dazu; ich muß heut krähen wie ein Rabe. Vous parlez françois, sans doute?
Läuffer.Un peu, Madame
Majorin.Avez Vous deja fait Vôtre tour de France?
Läuffer.Non Madame. … Oui Madame.
Majorin. Vous devez donc savoir, qu'en France, on ne baise pas les mains, mon cher. …
Bedienter. (tritt herein)Der Graf Wermuth …
Graf Wermuth. (tritt herein)
Graf. (nach einigen stummen Komplimenten setzt sich zur Majorin aufs Kanapee. Läuffer bleibt verlegen stehen) Haben Euer Gnaden den neuen Tanzmeister schon gesehn, der aus Dresden angekommen? Er ist ein Marchese aus Florenz, und heißt … Aufrichtig: ich habe nur zwey auf meinen Reisen angetroffen, die ihm vorzuziehen waren.
Majorin.Das gesteh' ich, nur zwey! In der That, Sie machen michneugierig; ich weiß, welchen verzärtelten Geschmack derGraf Wermuth hat.
Läuffer. Pintinello … nicht wahr? ich hab' ihn in Leipzig auf dem Theater tanzen sehen; er tanzt nicht sonderlich …
Graf. Er tanzt—on ne peut pas mieux.—Wie ich Ihnen sage, gnädige Frau, in Petersburg hab' ich einen Beluzzi gesehn, der ihm vorzuziehen war: aber dieser hat eine Leichtigkeit in seinen Füssen, so etwas freyes, göttlichnachläßiges in seiner Stellung, in seinen Armen, in seinen Wendungen—
Läuffer. Auf dem Kochischen Theater ward er ausgepfiffen, als er sich das letztemal sehen ließ.
Majorin.Merk Er sich, mein Freund! daß Domestiken inGesellschaften von Standespersonen nicht mitreden. GehEr auf Sein Zimmer. Wer hat Ihn gefragt? (Läuffer tritteinige Schritte zurück)
Graf. Vermuthlich der Hofmeister, den Sie dem jungen Herrn bestimmt? …
Majorin. Er kommt ganz frisch von der hohen Schule.—Geh' Er nur! Er hört ja, daß man von Ihm spricht; desto weniger schickt es sich, stehen zu bleiben. (Läuffer geht mit einem steifen Kompliment ab) Es ist was unerträgliches, daß man für sein Geld keinen rechtschaffenen Menschen mehr antreffen kann. Mein Mann hat wohl dreymahl an einen dasigen Professor geschrieben und dies soll doch noch der galanteste Mensch auf der ganzen Akademie gewesen seyn. Sie sehens auch wohl an seinem links bordirten Kleide. Stellen Sie sich vor, von Leipzig bis Insterburg zweihundert Dukaten Reisegeld und jährliches Gehalt fünfhundert Dukaten, ist das nicht erschröcklich?
Graf.Ich glaube, sein Vater ist der Prediger hier aus dem Ort …
Majorin. Ich weiß nicht—es kann seyn—ich habe nicht darnach gefragt, ja doch, ich glaub' es fast: er heißt ja auch Läuffer; nun denn ist er freylich noch artig genug. Denn das ist ein rechter Bär, wenigstens hat er mich ein für allemal aus der Kirche gebrüllt.
Graf.Ists ein Katholik?
Majorin.Nein doch, Sie wissen ja, daß in Insterburg keinekatholische Kirche ist: er ist Lutherisch, oderProtestantisch wollt' ich sagen; er ist protestantisch.
Graf.Pintinello tanzt … Es ist wahr, ich habe mir meinTanzen einige dreißig tausend Gulden kosten lassen, abernoch einmal so viel gäb' ich drum, wenn …
Vierte Scene.
Läuffers Zimmer.Läuffer. Leopold. Der Major.(Erstere sitzen an einem Tisch, ein Buch in der Hand,indem sie der letztere überfällt.)
Major. So recht; so lieb' ichs; hübsch fleißig—und wenn die Kanaille nicht behalten will, Herr Läuffer, so schlagen Sie ihm das Buch an den Kopf, daß ers Aufstehen vergißt, oder wollt' ich sagen, so dürfen Sie mirs nur klagen. Ich will Dir den Kopf zurecht setzen, Heyduk Du! Seht da zieht er das Maul schon wieder. Bist empfindlich, wenn Dir Dein Vater was sagt? Wer soll Dirs denn sagen? Du sollst mir anders werden, oder ich will Dich peitschen, daß Dir die Eingeweide krachen sollen, Tuckmäuser! Und Sie, Herr, seyn Sie fleißig mit ihm, das bitt' ich mir aus, und kein Feriiren und Pausiren und Rekreiren, das leid ich nicht. Zum Plunder, vom Arbeiten wird kein Mensch das Malum hydropisiacum kriegen. Das sind nur Ausreden von euch Herren Gelehrten.—Wie stehts, kann er seinen Cornelio? Lippel! ich bitt Dich um tausend Gottes willen, den Kopf grad. Den Kopf in die Höhe, Junge! (richtet ihn) Tausend Sakkerment den Kopf aus den Schultern! oder ich zerbrech Dir Dein Rückenbein in tausendmillionen Stücken.
Läuffer.Der Herr Major verzeihen: er kann kaum lateinisch lesen.
Major. Was? So hat der Rakker vergessen.—Der vorige Hofmeister hat mir doch gesagt, er sey perfekt im Lateinischen, perfekt. … Hat ers ausgeschwitzt—aber ich will Dir— Ich will es nicht einmal vor Gottes Gericht zu verantworten haben, daß ich Dir keinen Daumen aufs Auge gesetzt habe, und daß ein Galgendieb aus Dir geworden ist, wie der junge Hufeise oder wie Deines Onkels Friedrich, eh Du mir so ein Gassenläufferischer Taugenichts—Ich will dich zu Tode hauen—(giebt ihm eine Ohrfeige) Schon wieder wie ein Fragzeichen? Er läßt sich nicht sagen.—Fort mir aus den Augen.—Fort! Soll ich Dir Beine machen? Fort, sag' ich. (stampft mit dem Fuß. Leopold geht ab. Major setzt sich auf seinen Stuhl. Zu Läuffern.) Bleiben Sie sitzen, Herr Läuffer; ich wollte mit ihnen ein paar Worte allein sprechen, darum schickt' ich den jungen Herrn fort. Sie können immer sitzen bleiben; ganz, ganz. Zum Henker Sie brechen mir ja den Stuhl entzwey, wenn Sie immer so auf einer Ecke … Dafür steht ja der Stuhl da, daß man drauf sitzen soll. Sind Sie so weit gereist und wissen das noch nicht?—Hören Sie nur: ich seh' Sie für einen hübschen artigen Mann an, der Gott fürchtet und folgsam ist, sonst würd' ich das nimmer thun, was ich für Sie thue. Hundert und vierzig Dukaten jährlich hab' ich Ihnen versprochen: das machen drey—Warte— Dreymal hundert und vierzig: wieviel machen das?
Läuffer.Vier hundert und zwanzig.
Major. Ists gewiß? Macht das soviel? Nun damit wir gerade Zahl haben, vierhundert Thaler preußisch Courant hab' ich zu Ihrem Salarii bestimmt. Sehen Sie, das ist mehr als das ganze Land giebt.
Läuffer. Aber mit Eurer Gnaden gnädigen Erlaubniß, die Frau Majorin haben mir von hundert funfzig Dukaten gesagt; das machte gerade vierhundert funfzig Thaler und auf diese Bedingungen hab' ich mich eingelassen.
Major. Ey was wissen die Weiber!—Vierhundert Thaler, Monsieur; mehr kann Er mit gutem Gewissen nicht fodern. Der vorige hat zweihundert funfzig gehabt und ist zufrieden gewesen wie ein Gott. Er war doch, mein Seel! ein gelehrter Mann; auch und ein Hofmann zugleich: die ganze Welt gab' ihm das Zeugniß, und Herr, Er muß noch ganz anders werden, eh' Er so wird. Ich thu' es nur aus Freundschaft für Seinen Herrn Vater, was ich an Ihm thue und um Seinetwillen auch, wenn Er hübsch folgsam ist, und werd' auch schon einmal für Sein Glück zu sorgen wissen; das kann Er versichert seyn.—Hör Er doch einmal: ich hab' eine Tochter, das mein Ebenbild ist und die ganze Welt giebt ihr das Zeugniß, daß ihres gleichen an Schönheit im ganzen Preussenlande nichts anzutreffen. Das Mädchen hat ein ganz anders Gemüth als mein Sohn, der Buschklepper. Mit dem muß ganz anders umgegangen werden! Es weiß sein Christenthum aus dem Grunde und in dem Grunde, aber es ist denn nun doch, weil sie bald zum Nachtmahl gehen soll und ich weiß wie die Pfaffen sind, so soll er auch alle Morgen etwas aus dem Christenthum mit ihr nehmen. Alle Tage Morgens eine Stunde und da geht Er auf ihr Zimmer; angezogen, das versteht sich: denn Gott behüte, daß Er so ein Schweinigel seyn sollte wie ich einen gehabt habe, der durchaus im Schlafrock an Tisch kommen wollte.—Kann Er auch zeichnen?
Läuffer.Etwas, gnädiger Herr.—Ich kann Ihnen einige Proben weisen.
Major. (besieht sie) Das ist ja scharmant!—Recht schön; gut das: Er soll meine Tochter auch zeichnen lehren.—Aber hören Sie, werther Herr Läuffer, um Gottes Willen ihr nicht scharf begegnet; das Mädchen hat ein ganz ander Gemüth als der Junge. Weiß Gott! es ist als ob sie nicht Bruder und Schwester wären. Sie liegt Tag und Nacht über den Büchern und über den Trauerspielen da, und sobald man ihr nur ein Wort sagt, besonders ich, von mir kann sie nichts vertragen, gleich stehn ihr die Backen in Feuer und die Thränen lauffen ihr wie Perlen drüber herab. Ich wills Ihm nur sagen: das Mädchen ist meines Herzens einziger Trost. Meine Frau macht mir bittre Tage genug: sie will alleweil herrschen und weil sie mehr List und Verstand hat, als ich. Und der Sohn, das ist ihr Liebling; den will sie nach ihrer Methode erziehen; fein säuberlich mit dem Knaben Absalom, und da wird denn einmal so ein Galgenstrick draus, der nicht Gott, nicht Menschen was Nutz ist.—Das will ich nicht haben.—Sobald er was thut, oder was versieht, oder hat seinen Lex nicht gelernt, sag' Ers mir nur und der lebendige Teuffel soll drein fahren.—Aber mit der Tochter nehm' Er sich in Acht; die Frau wird Ihm schon zureden, daß Er ihr scharf begegnen soll. Sie kann sie nicht leiden, das weiß ich; aber wo ich das geringste merke. Ich bin Herr vom Hause, muß Er wissen, und wer meiner Tochter zu nahe kommt—Es ist mein einziges Kleinod, und wenn der König mir sein Königreich für sie geben wollt': ich schicke ihn fort. Alle Tage ist sie in meinem Abendgebet und Morgengebet und in meinem Tischgebet, und alles in allem, und wenn Gott mir die Gnade thun wollte, daß ich sie noch vor meinem Ende mit einem General oder Staatsminister vom ersten Range versorgt sähe,—denn keinen andern soll sie sein Lebtage bekommen,—so wollt' ich gern ein zehn Jahr eher sterben.—Merk' Er sich das—und wer meiner Tochter zu nahe kommt oder ihr worinn zu Leid lebt— die erste beste Kugel durch den Kopf. Merk' Er Sich das.—(geht ab.)
Fünfte Scene.Fritz von Berg. Augustchen.
Fritz. Sie werden nicht Wort halten Gustchen: Sie werden mir nicht schreiben, wenn Sie in Heidelbrun sind, und dann werd' ich mich zu Tode grämen.
Gustchen. Glaubst Du denn, daß Deine Juliette so unbeständig seyn kann? O nein; ich bin ein Frauenzimmer; die Mannspersonen allein sind unbeständig.
Fritz. Nein, Gustchen, die Frauenzimmer allein sinds. Ja wenn alle Julietten wären!—Wissen Sie was? Wenn Sie an mich schreiben, nennen Sie mich Ihren Romeo; thun Sie mir den Gefallen: ich versichere Sie, ich werd' in allen Stücken Romeo seyn, und wenn ich erst einen Degen trage. O ich kann mich auch erstechen, wenn's dazu kommt.
Gustchen. Gehn Sie doch! Ja Sie werden's machen, wie im Gellert steht: er besah die Spitz' und Schneide und steckt' ihn langsam wieder ein.
Fritz. Sie sollen schon sehen. (faßt sie an die Hand.) Gustchen— Gustchen! wenn ich Sie verlieren sollte oder der Onkel wollte Sie einem andern geben.—Der gottlose Graf Wermuth! Ich kann Ihnen den Gedanken nicht sagen Gustchen, aber Sie könnten ihn schon in meinen Augen lesen—Er wird ein Graf Paris für uns seyn.
Gustchen.Fritzchen—so mach' ichs wie Juliette.
Fritz. Was denn?—Wie denn?—Das ist ja nur eine Erdichtung; es giebt keine solche Art Schlaftrunk.
Gustchen.Ja, aber es giebt Schlaftrünke zum ewigen Schlaf.
Fritz. (fällt ihr um den Hals)Grausame!
Gustchen. Ich hör' meinen Vater auf dem Gange.—Laß uns in den Garten lauffen.—Nein; er ist fort.—Gleich nach dem Caffee Fritzchen reisen wir und so wie der Wagen Dir aus den Augen verschwindt, werd' ich Dir auch schon aus dem Gedächtniß seyn.
Fritz. So mag Gott sich meiner nie mehr erinnern, wenn ich Dich vergesse. Aber nimm Dich für den Grafen in Acht, er gilt soviel bey deiner Mutter und Du weißt, sie möchte Dich gern aus den Augen haben, und eh' ich meine Schulen gemacht habe und drey Jahr auf der Universität, das ist gar lange.
Gustchen. Wie denn Fritzchen! Ich bin ja noch ein Kind: ich bin noch nicht zum Abendmahl gewesen, aber sag mir.—O wer weiß, ob ich Dich sobald wieder spreche!—Wart, komm in den Garten.
Fritz. Nein, nein, der Papa ist vorbey gegangen.—Siehst Du, der Henker! er ist im Garten.—Was wolltest Du mir sagen?
Gustchen.Nichts…
Fritz.Liebes Gustchen…
Gustchen. Du solltest mir—Nein, ich darf das nicht von Dir verlangen.
Fritz.Verlange mein Leben, meinen letzten Tropfen Bluts.
Gustchen.Wir wollten uns beyde einen Eid schwören.
Fritz.O komm! Vortreflich! Hier laß uns niederknien; amCanapee, und heb' Du so Deinen Finger in die Höh'und ich so meinen.—Nun sag, was soll ich schwören?
Gustchen.Daß Du in drey Jahren von der Universität zurückkommenwillst und Dein Gustchen zu Deiner Frau machen; DeinVater mag dazu sagen, was er will.
Fritz. Und was willst Du mir dafür wieder schwören, mein englisches… (küßt sie)
Gustchen. Ich will schwören, daß ich in meinem Leben keines andern Menschen Frau werden will, als Deine und wenn der Kaiser von Rußland selber käme.
Fritz. Ich schwör Dir hunderttausend Eide—(Der geheime Rath tritt herein: beyde springen mit lautem Geschrey auf.)
Sechste Scene.
Geh. Rath. Was habt Ihr närrische Kinder? Was zittert Ihr?—Gleich, gesteht mir alles. Was habt Ihr hier gemacht? Ihr seyd beyde auf den Knien gelegen.—Junker Fritz, ich bitte mir eine Antwort aus; unverzüglich:—Was habt Ihr vorgehabt?
Fritz.Ich, gnädigster Papa?
Geh. Rath. Ich? und das mit einem so verwundrungsvollen Ton? Siehst Du: ich merk' alles. Du möchtest mir itzt gern eine Lüge sagen, aber entweder bist Du zu dumm dazu, oder zu feig, und willst Dich mit Deinem Ich? heraushelfen. … Und Sie Mühmchen?—Ich weiß. Gustchen verheelt mir nichts.
Gustchen. (fällt ihm um die Füße)Ach, mein Vater—
Geh. Rath. (hebt sie auf und küßt sie.) Wünschst Du mich zu Deinem Vater? Zu früh, mein Kind, zu früh Gustchen, mein Kind. Du hast noch nicht communicirt. —Denn warum soll ich euch verheelen, daß ich euch zugehört habe.—Das war ein sehr einfältig Stückchen von Euch beyden; besonders von Dir, großer vernünftiger Junker Fritz, der bald einen Bart haben wird wie ich, und eine Perücke aufsetzen und einen Degen anstecken. Pfuy, ich glaubt' einen vernünftigern Sohn zu haben. Das macht Dich gleich ein Jahr jünger, und macht, daß Du länger auf der Schule bleiben mußt. Und Sie, Gustchen, auch Ihnen muß ich sagen, daß es sich für Ihr Alter gar nicht mehr schickt, so kindisch zu thun. Was sind das für Romane, die Sie da spielen? Was für Eide, die Sie sich da schwören, und die Ihr doch alle beyde so gewiß brechen werdet als ich itzt mit Euch rede. Meynt Ihr, Ihr seyd in den Jahren, Eide zu thun, oder meynt Ihr, ein Eid sey ein Kinderspiel, wie es das Versteckspiel oder die blinde Kuh ist? Lernt erst einsehen, was ein Eid ist: lernt erst zittern dafür und alsdenn wagt's, ihn zu schwören. Wißt, daß ein Meineidiger die schändlichste und unglücklichste Creatur ist, die von der Sonne angeschienen wird. Ein solcher darf weder den Himmel ansehen, den er verleugnet hat, noch andere Menschen, die sich unaufhörlich vor ihm scheuen, und seiner Gesellschaft mit mehr Sorgfalt ausweichen, als einer Schlange oder einem tückischen Hunde.
Fritz.Aber ich denke meinen Eid zu halten.
Geh. Rath. In der That Romeo? Ha! Du kannst Dich auch erstechen, wenn's dazu kommt. Du hast geschworen, daß mir die Haare zu Berg standen. Also gedenkst Du Deinen Eid zu halten?
Fritz.Ja Papa, bey Gott! ich denk' ihn zu halten.
Geh. Rath. Schwur mit Schwur bekräftigt!—Ich werd' es Deinem Rektor beibringen. Er soll Euch auf vierzehn Tage nach Sekunda herunter transportiren, Junker: inskünftige lernt behutsamer schwören. Und worauf? Steht das in Deiner Gewalt, was Du da versicherst? Du willst Gustchen heyrathen! Denk doch! weißt Du auch schon, was für ein Ding das ist, Heyrathen? Geh doch, heyrathe sie: nimm sie mit auf die Akademie. Nicht? Ich habe nichts dawider, daß ihr Euch gern seht, daß Ihr Euch lieb habt, daß Ihrs Euch sagt, wie lieb Ihr Euch habt; aber Narrheiten müßt Ihr nicht machen; keine Affen von uns Alten seyn, eh' Ihr so reif seyd als wir; keine Romane spielen wollen, die nur in der ausschweifenden Einbildungskraft eines hungrigen Poeten ausgeheckt sind und von denen Ihr in der heutigen Welt keinen Schatten der Wirklichkeit antrefft. Geht! ich werde keinem Menschen was davon sagen, damit ihr nicht nöthig habt roth zu werden, wenn Ihr mich seht.—Aber von nun an sollt ihr einander nie mehr ohne Zeugen sehen. Versteht Ihr mich? Und Euch nie andere Briefe schreiben als offene und das auch alle Monathe, oder höchstens alle drey Wochen einmal, und sobald ein heimliches Briefchen an Junker Fritz oder Fräulein Gustchen entdeckt wird—so steckt man den Junker unter die Soldaten und das Fräulein ins Kloster, bis sie vernünftiger werden. Versteht ihr mich?—Jetzt— nehmt Abschied, hier in meiner Gegenwart.—Die Kutsche ist angespannt, der Major treibt fort; die Schwägerin hat schon Caffee getrunken.—Nehmt Abschied: Ihr braucht Euch vor mir nicht zu scheuen. Geschwind, umarmt Euch. (Fritz und Gustchen umarmen sich zitternd) Und nun mein Tochter Gustchen, weil Du doch das Wort so gern hörst, (hebt sie auf und küßt sie) Leb tausendmal wohl, und begegne Deiner Mutter mit Ehrfurcht; sie mag Dir sagen was sie will.—Jetzt geh, mach!—(Gustchen geht einige Schritte, sieht sich um; Fritz fliegt ihr weinend an den Hals.) Die beyden Narren brechen mir das Herz! Wenn doch der Major vernünftiger werden wollte, oder seine Frau weniger herrschsüchtig!—
Zweyter Akt.
Erste Scene.
Pastor Läuffer. Der geheime Rath.
Geh. Rath. Ich bedaure ihn—und Sie noch Vielmehr, Herr Pastor, daß Sie solchen Sohn haben.
Pastor.Verzeihen Euer Gnaden, ich kann mich über meinen Sohnnicht beschweren; er ist ein sittsamer und geschickterMensch, die ganze Welt und Dero Herr Bruder und FrauSchwägerin selbst werden ihm das eingestehen müssen.
Geh. Rath. Ich sprech' ihm das all nicht ab, aber er ist ein Thor, und hat alle sein Mißvergnügen sich selber zu danken. Er sollte den Sternen danken, daß meinem Bruder das Geld, das er für den Hofmeister zahlt, einmal anfängt zu lieb zu werden.
Pastor. Aber bedenken Sie doch: nichts mehr als hundert Dukaten; hundert arme Dukätchen; und dreihundert hatt' er ihm doch im ersten Jahr versprochen: aber beym Schluß desselben nur hundert und vierzig ausgezahlt, jetzt beym Beschluß des zweyten, da doch die Arbeit meines Sohnes immer zunimmt, zahlt' er ihm hundert, und nun beym Anfang des dritten wird ihm auch das zu viel.—Das ist wider alle Billigkeit! Verzeihn Sie mir.
Geh. Rath. Laß es doch.—Das hätt' ich Euch Leuten voraussagen wollen, und doch solle Ihr Sohn Gott danken, wenn ihn nur der Major beym Kopf nähm' und aus dem Hause würfe. Was soll er da, sagen Sie mir Herr? Wollen Sie ein Vater für ihr Kind seyn und schliessen so Augen, Mund und Ohren für seine ganze Glückseligkeit zu? Tagdieben, und sich Geld dafür bezahlen lassen? Die edelsten Stunden des Tages bey einem jungen Herrn versitzen, der nichts lernen mag und mit dem er's doch nicht verderben darf, und die übrigen Stunden, die der Erhaltung seines Lebens, den Speisen und dem Schlaf geheiligt sind, an einer Sklavenkette verseufzen; an den Winken der gnädigen Frau hängen, und sich in die Falten des gnädigen Herrn hineinstudiren; essen wenn er satt ist und fasten, wenn er hungrig ist, Punsch trinken, wenn er pssn möchte, und Karten spielen, wenn er das Lauffen hat. Ohne Freyheit geht das Leben bergab rückwärts, Freyheit ist das Element des Menschen wie das Wasser des Fisches, und ein Mensch der sich der Freyheit begiebt, vergiftet die edelsten Geister seines Bluts, erstickt seine süssesten Freuden des Lebens in der Blüthe und ermordet sich selbst.
Pastor. Aber—Oh! erlauben Sie mir; das muß sich ja jeder Hofmeister gefallen lassen; man kann nicht immer seinen Willen haben, und das läßt sich mein Sohn auch gern gefallen, nur—
Geh. Rath. Desto schlimmer, wenn er sichs gefallen läßt, desto schlimmer; er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst bleibt er kein Mensch. Mögen die Elenden, die ihre Ideen nicht zu höherer Glückseligkeit zu erheben wissen, als zu essen und zu trinken, mögen die sich im Keficht zu Tode füttern lassen, aber ein Gelehrter, ein Mensch, der den Adel seiner Seele fühlt, der den Tod nicht so scheuen sollt' als eine Handlung, die wider seine Grundsätze läuft…
Pastor.Aber was ist zu machen in der Welt? Was wollte meinSohn anfangen, wenn Dero Herr Bruder ihm die Conditionaufsagten?
Geh. Rath. Laßt den Burschen was lernen, daß er dem Staat nützen kann. Potz hundert Herr Pastor, Sie haben ihn doch nicht zum Bedienten aufgezogen, und was ist er anders als Bedienter, wenn er seine Freyheit einer Privatperson für einige Handvoll Dukaten verkauft? Sklav' ist er, über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat, nur daß er so viel auf der Akademie gelernt haben muß, ihren unbesonnenen Anmuthungen von weitem zuvorzukommen und so einen Firniß über seine Dienstbarkeit zu streichen: daß heißt denn ein feiner artiger Mensch, ein unvergleichlicher Mensch; ein unvergleichlicher Schurke, der, statt seine Kräfte und seinen Verstand dem allgemeinen Besten aufzuopfern, damit die Rasereyen einer dampfigten Dame und eines abgedämpften Officiers unterstützt, die denn täglich weiter um sich fressen wie ein Krebsschaden und zuletzt unheilbar werden. Und was ist der ganze Gewinnst am Ende? Alle Mittag Braten und alle Abend Punsch, und eine grosse Portion Galle, die ihm Tags über ins Maul gestiegen, Abends, wenn er zu Bett liegt, hinabgeschluckt, wie Pillen; das macht gesundes Blut, auf meine Ehr'! und muß auch ein vortrefliches Herz auf die Länge geben. Ihr beklagt Euch so viel übern Adel und über seinen Stolz, die Leute sähn Hofmeister wie Domestiken an, Narren! was sind sie denn anders? Stehn sie nicht in Lohn und Brod bey ihnen wie jene? Aber wer heißt Euch ihren Stolz nähren? Wer heißt euch Domestiken werden, wenn Ihr was gelernt habt, und einem starrköpfischen Edelmann zinsbar werden, der sein Tage von seinen Hausgenossen nichts anders gewohnt war als sklavische Unterwürfigkeit?
Pastor. Aber Herr Geheimer Rath—Gütiger Gott! es ist in der Welt nicht anders: man muß eine Warte haben, von der man sich nach einem öffentlichen Amt umsehen kann, wenn man von Universitäten kommt; wir müssen den göttlichen Ruf erst abwarten und ein Patron ist sehr oft das Mittel zu unserer Beförderung: wenigstens ist es mir so gegangen.
Geh. Rath. Schweigen Sie, Herr Pastor, ich bitt Sie, schweigen Sie. Das gereicht Ihnen nicht zur Ehr. Man weiß ja doch, daß Ihre seelige Frau Ihr göttlicher Ruf war, sonst säßen Sie noch itzt beym Herrn von Tiesen und düngten ihm seinen Acker. Jemine! daß Ihr Herrn uns doch immer einen so ehrwürdigen schwarzen Dunst vor Augen machen wollt. Noch nie hat ein Edelmann einen Hofmeister angenommen, wo er ihm nicht hinter eine Allee von acht neun Sklavenjahren ein schön Gemählde von Beförderung gestellt hat und wenn Ihr acht Jahr gegangen waret, so macht' ers wie Laban und rückte das Bild um noch einmal so weit vorwärts. Possen! lernt etwas und seyd brave Leut. Der Staat wird Euch nicht lang am Markt stehen lassen. Brave Leut sind allenthalben zu brauchen, aber Schurken, die den Namen vom Gelehrten nur auf den Zettel tragen und im Kopf ist leer Papier …
Pastor. Das ist sehr allgemein gesprochen, Herr Rath!—Es müssen doch, bey Gott! auch Hauslehrer in der Welt seyn; nicht jedermann kann gleich geheimer Rath werden und wenn er gleich ein Hugo Grotius wär. Es gehören heutiges Tags andere Sachen dazu als Gelehrsamkeit.—
Geh. Rath. Sie werden warm, Herr Pastor!—Lieber, werther Herr Pastor, lassen Sie uns den Faden unsers Streits nicht verlieren. Ich behaupte: es müssen keine Hauslehrer in der Welt seyn! das Geschmeis taucht den Teufel zu nichts.
Pastor.Ich bin nicht hergekommen mir Grobheiten sagen zulassen: ich bin auch Hauslehrer gewesen. Ich habe dieEhre—
Geh. Rath. Warten Sie; bleiben Sie, lieber Herr Pastor! Behüte mich der Himmel! Ich habe Sie nicht beleidigen wollen und wenn's wider meinen Willen geschehen ist, so bitt' ich Sie tausendmahl um Verzeihung. Es ist einmal meine üble Gewohnheit, daß ich gleich in Feuer gerathe, wenn mir ein Gespräch interessant wird: alles übrige verschwinde mir denn aus dem Gesicht und ich sehe nur den Gegenstand, von dem ich spreche.
Pastor. Sie schütten,—Verzeihen Sie mir, ich bin auch ein Cholerikus, und rede gern von der Lunge ab.—Sie schütten das Kind mit dem Bade aus. Hauslehrer taugen zu nichts.—Wie können Sie mir das beweisen? Wer soll Euch jungen Herrn denn Verstand und gute Sitten beibringen Was wär aus Ihnen geworden, mein werther Herr geheimer Rath, wenn Sie keinen Hauslehrer gehabt hätten?
Geh. Rath. Ich bin von meinem Vater zur öffentlichen Schul gehalten worden, und seegne seine Asche dafür, und so hoff' ich, wird mein Sohn Fritz auch dereinst thun.
Pastor. Ja,—da ist aber noch viel drüber zu sagen Herr! Ich meiner Seits bin Ihrer Meynung nicht; ja wenn die öffentlichen Schulen das wären, was sie seyn sollten.— Aber die nüchternen Subjecta, so oft den Classen vorstehen; die pedantischen Methoden, die sie brauchen, die unter der Jugend eingerissenen verderbten Sitten—
Geh. Rath. Wes ist die Schuld? Wer ist schuld dran, als ihr Schurken von Hauslehrern? Würde der Edelmann nicht von Euch in der Grille gestärkt, einen kleinen Hof anzulegen, wo er als Monarch oben auf dem Thron sitzt, und ihm Hofmeister und Mamsell und ein ganzer Wisch von Tagdieben huldigen, so würd' er seine Jungen in die öffentliche Schule thun müssen; er würde das Geld, von dem er jetzt seinen Sohn zum hochadlichen Dummkopf aufzieht, zum Fond der Schule schlagen: davon könnten denn gescheidte Leute salarirt werden und alles würde seinen guten Gang gehn; das Studentchen müste was lernen, um bey einer solchen Anstalt brauchbar zu werden, und das junge Herrchen, anstatt seine Faullenzerey vor den Augen des Papas und der Tanten, die alle keine Argusse sind, künstlich und manierlich zu verstecken, würde seinen Kopf anstrengen müssen, um es den bürgerlichen Jungen zuvorzuthun, wenn es sich doch von ihnen unterscheiden will.—Was die Sitten anbetrift, das findt sich wahrhaftig.—Wenn er gleich nicht, wie seine hochadliche Vettern, die Nase von Kindesbeinen an höher tragen lernt als andere, und in einem nachläßigen Ton, von oben herab, Unsinn sagen, und Leuten ins Gesicht sehen, wenn sie den Hut vor ihm abziehen, um ihnen dadurch anzudeuten, daß sie auf kein Gegencompliment warten sollen. Die feinen Sitten hol der Teufel! Man kann dem Jungen Tanzmeister auf der Stube halten, und ihn in artige Gesellschaften führen, aber er muß durchaus nicht aus der Sphäre seiner Schulkamraden herausgehoben, und in der Meinung gestärkt werden, er sey eine bessere Kreatur als andere.
Pastor. Ich habe nicht Zeit, (zieht die Uhr heraus) mich in den Disput weiter mit Ihnen einzulassen, gnädiger Herr; aber so viel weiß ich, daß der Adel überall nicht ihrer Meinung seyn wird.
Geh. Rath. So sollten die Bürger meiner Meynung seyn.—Die Noth würde den Adel schon auf andere Gedanken bringen, und wir könnten uns bessere Zeiten versprechen. Sapperment, was kann aus unserm Adel werden, wenn ein einziger Mensch das Faktotum bey dem Kinde seyn soll, ich setz' auch den unmöglichen Fall, daß er ein Polyhistor wäre, wo will der eine Mann Feuer und Muth und Thätigkeit hernehmen, wenn er alle seine Kräfte auf einen Schaafskopf concentriren soll, besonders wenn Vater und Mutter sich kreutz und die quer immer mit in die Erziehung mengen, und dem Faß, in welches er füllt, den Boden immer wieder ausschlagen?
Pastor. Ich bin um zehn Uhr zu einem Kranken bestellt. Sie werden mir verzeihen.—(Im Abgehen wendt er sich um) Aber wär's nicht möglich, gnädiger Herr, daß Sie Ihren zweyten Sohn nur auf ein halb Jährchen zum Herrn Major in die Kost thäten? Mein Sohn will gern mit achtzig Dukaten zufrieden seyn, aber mit sechzigen, die ihm der Herr Bruder geben wollen, da kann er nicht von subsistiren.
Geh. Rath. Laß ihn quittiren.—Ich thu es nicht, Herr Pastor! Davon bin ich nicht abzubringen. Ich will Ihrem Herrn Sohn die dreyßig Dukaten lieber schenken; aber meinem Sohn geb ich zu keinem Hofmeister. (Der Pastor hält ihm einen Brief hin) Was soll ich damit? Es ist alles umsonst, sag ich Ihnen.
Pastor.Lesen Sie—Lesen Sie nur.—
Geh. Rath. Je nun, ihm ist nicht—(liest)—wenden Sie doch alles an, den Herrn geheimen Rath dahin zu vermögen, —Sie können Sich nicht vorstellen, wie elend es mir hier geht; nichts wird mir gehalten, was mir ist versprochen worden. Ich speise nur mit der Herrschaft, wenn keine Fremde da sind,—das ärgste ist, daß ich gar nicht von hier komme und in einem ganzen Jahr meinen Fuß nicht aus Heidelbrunn habe setzen—man hatte mir ein Pferd versprochen, alle Vierteljahr einmal nach Königsberg zu reisen, als ich es foderte, fragte mich die gnädige Frau, ob ich nicht lieber zum Carneval nach Venedig wollte.—(wirft den Brief an die Erde.) Je nun, laß ihn quittiren; warum ist er ein Narr und bleibt da?
Pastor.Ja das ist eben die Sache. (hebt den Brief auf)Belieben Sie doch nur auszulesen.
Geh. Rath. Was ist da zu lesen?—(liest) Dem ohngeachtet kann ich dies Haus nicht verlassen, und sollt' es mich Leben und Gesundheit kosten. So viel darf ich Ihnen sagen, daß die Aussichten in eine selige Zukunft mir alle die Mühseligkeiten meines gegenwärtigen Standes— Ja, das sind vielleicht Aussichten in die selige Ewigkeit, sonst weiß ich keine Aussichten, die mein Bruder ihm eröfnen könnte. Er betrügt sich, glauben Sie mirs; schreiben Sie ihm zurück, daß er ein Thor ist. Dreyßig Dukaten will ich ihm dies Jahr aus meinem Beutel Zulage geben, aber ihn auch zugleich gebeten haben, mich mit allen fernern Anwerbungen um meinen Karl zu verschonen: denn ihm zu Gefallen werd' ich mein Kind nicht verwahrlosen.
Zweyte Scene.
In Heidelbrunn.Gustchen. Läuffer.
Gustchen.Was fehlt ihnen dann?
Läuffer. Wie stehts mit meinem Porträt? Nicht wahr, Sie haben nicht dran gedacht? Wenn ich auch so saumselig gewesen wäre—Häte ich das gewußt: ich hätt Ihren Brief so lang zurückgehalten, aber ich war ein Narr.
Gustchen. Ha ha ha. Lieber Herr Hofmeister! Ich habe wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt.
Läuffer.Grausame!
Gustchen. Aber was fehlt Ihnen denn? Sagen Sie mir doch! So tiefsinnig sind Sie ja noch nie gewesen. Die Augen stehn Ihnen ja immer voll Wasser: ich habe gemerkt, Sie essen nichts.
Läuffer. Haben Sie? In der That? Sie sind ein rechtes Muster des Mitleidens.
Gustchen.O Herr Hofmeister—
Läuffer.Wollen Sie heut Nachmittag Zeichenstunde halten?
Gustchen. (faßt ihn an die Hand) Liebster Herr Hofmeister! verzeihen Sie, daß ich sie gestern aussetzte. Es war mir wahrhaftig unmöglich zu zeichnen; ich hatte den Schnuppen auf eine erstaunende Art.
Läuffer.So werden Sie ihn wohl heute noch haben. Ich denke,wir hören ganz auf zu zeichnen. Es macht Ihnen keinVergnügen länger.
Gustchen. (halbweinend) Wie können Sie das sagen, Herr Läuffer? Es ist das einzige, was ich mit Lust thue.
Läuffer. Oder Sie versparen es bis auf den Winter in die Stadt und nehmen einen Zeichenmeister. Ueberhaupt werd ich Ihren Herrn Vater bitten, den Gegenstand Ihres Abscheues, Ihres Hasses, Ihrer ganzen Grausamkeit von Ihnen zu entfernen. Ich sehe doch, daß es Ihnen auf die Länge unausstehlich wird, von mir Unterricht anzunehmen.
Gustchen.Herr Läuffer—
Läuffer.Lassen Sie mich—Ich muß sehen, wie ich das elendeLeben zu Ende bringe, weil mir doch der Tod verbotenist—
Gustchen.Herr Läuffer—
Läuffer.Sie foltern mich.—(reißt sich loß und geht ab.)
Gustchen.Wie dauert er mich!
Dritte Scene.
Zu Halle in Sachsen.Pätus Zimmer.Fritz von Berg.Pätus (im Schlafrock an einem Tisch sitzend.)
Pätus. Ey was Berg! Du bist ja kein Kind mehr, daß du nach Papa und Mama—Pfuy Teufel! ich hab Dich allezeit für einen braven Kerl gehalten, wenn Du nicht mein Schulkamerad wärst: ich würde mich schämen mit Dir umzugehen.
Fritz. Pätus, auf meine Ehr, es ist nicht Heimweh, Du machst mich bis über die Ohren roth mit dem dummen Verdacht. Ich möchte gern Nachricht von Hause haben, das gesteh' ich, aber das hat seine Ursachen—
Pätus. Gustchen—Nicht wahr? Denk doch, Du arme Seele! Hundertachtzig Stunden von ihr entfernt—Was für Wälder und Ströme liegen nicht zwischen Euch? Aber warte, wir haben hier auch Mädchen; wenn ich nur besser besponnen wäre, ich wollte Dich heut in eine Gesellschaft führen—Ich weiß nicht, wie Du auch bist; ein Jahr in Halle und noch mit keinem Mädchen gesprochen: das muß melancholisch machen; es kann nicht anders seyn. Warte, Du must mir hier einziehen, daß Du lustig wirst. Was machst Du da bey dem Pfarrer? Das ist keine Stube für Dich—
Fritz.Was zahlst Du hier?
Pätus. Ich zahle—Wahrhaftig, Bruder, ich weiß es nicht. Es ist ein guter ehrlicher Philister, bey dem ich wohne: seine Frau ist freylich bisweilen ein bischen wunderlich, aber mags. Was gehts mich an? Wir zanken uns einmal herum und denn laß ich sie laufen: und die schreiben mir alles auf. Hausmiethe, Kaffee, Tabak; alles was ich verlange, und denn zahl' ich die Rechnung alle Jahre, wenn mein Wechsel kommt.
Fritz.Bist du jetzt viel schuldig?
Pätus. Ich habe die vorige Woche bezahlt. Das ist wahr, diesmal haben Sie mirs arg gemacht: mein ganzer Wechsel hat herhalten müssen bis auf den letzten Pfennig, und mein Rock, den ich Tags vorher versetzt hatte, weil ich in der äussersten Noth war, steht noch zu Gevattern. Weiß der Himmel, wenn ich ihn wieder einlösen kann.
Fritz.Und wie machst Dus denn itzt?
Pätus.Ich?—Ich bin krank. Heut morgen hat mich die FrauRäthin Hamster invitiren lassen, gleich kroch ich insBett …
Fritz.Aber bey dem schönen Wetter immer zu Hause zu sitzen.
Pätus. Was macht das? des Abends geh ich im Schlafrock spatzieren, es ist ohnedem in den Hundstagen am Tage nicht auszuhalten—Aber Potz Mordio! Wo bleibt denn mein Kaffee? (pocht mit dem Fuß) Frau Blitzer!—Nun sollst Du sehn, wie ich meinen Leuten umspringe—Frau Blitzer! in aller Welt Frau Blitzer. (klingelt und pocht)—Ich habe sie kürzlich bezahlt: nun kann ich schon breiter thun—Frau …
Frau Blitzer. (tritt herein mit einer Portion Kaffee.)
Pätus.In aller Welt, Mutter! wo bleibst Du denn? Das Wettersoll Dich regieren. Ich warte hier schon über eineStunde—
Frau Blitzer.Was? Du nichtsnutziger Kerl, was lärmst Du? Bist Duschon wieder nichts nutz, abgeschabte Laus? DenAugenblick trag ich meinen Kaffee wieder herunter—
Pätus. (gießt sich ein) Nun, nun, nicht so böse Mutter! aber Zwieback—Wo ist denn Zwieback?
Frau Blitzer.Ja, kleine Steine Dir! Es ist kein Zwieback im Hause.Denk doch, ob so ein kahler lausichter Kerl nun alleNachmittag Zwieback frißt oder nicht—
Pätus. Was tausend alle Welt! (stampft mit dem Fuß) Sie weiß, daß ich keinen Kaffee ohne Zwieback ins Maul nehme—Wofür gebe ich denn mein Geld aus—
Frau Blitzer. (langt ihm Zwieback aus der Schürze, wobey sie ihn an den Haaren zupft.) Da siehst Du, da ist Zwieback, Posaunenkerl! Er hat eine Stimme wie ein ganzes Regiment Soldaten. Nu, ist der Kaffee gut? Ist er nicht? Gleich sag mirs, oder ich reiß Ihm das letzte Haar aus Seinem kahlen Kopf heraus.
Pätus. (trinkt) Unvergleichlich—Aye!—Ich hab in meinem Leben keinen bessern getrunken.
Frau Blitzer. Siehst Du Hundejunge! Wenn Du die Mutter nicht hättest, die sich Deiner annähme und Dir zu essen und zu trinken gäbe, Du müstest an der Strasse verhungern. Sehen Sie ihn einmal an, Herr von Berg, wie er daher geht, keinen Rock auf dem Leibe und sein Schlafrock ist auch, als ob er darin wär aufgehenkt worden und wieder vom Galgen gefallen. Sie sind doch ein hübscher Herr, ich weiß nicht wie Sie mit dem Menschen umgehen können, nun freylich unter Landsleuten da ist immer so eine kleine Blutsverwandschaft, drum sag ich immer, wenn doch der Herr von Berg zu uns einlogiren thäte. Ich weiß, daß Sie viel Gewalt über ihn haben: da könnte doch noch was ordentliches aus ihm werden, aber sonst wahrhaftig— (geht ab)
Pätus. Siehst Du, ist das nicht ein gut fidel Weib. Ich seh' ihr all etwas durch die Finger, aber potz, wenn ich auch einmal ernsthaft werde, kusch ist sie wie die Wand—Willst Du nicht eine Tasse mit trinken? (gießt ihm ein) Siehst Du, ich bin hier wohl bedient; ich zahle was rechts, das ist wahr, aber dafür hab' auch ich was …
Fritz. (trinkt.)Der Kaffee schmeckt nach Gerste.
Pätus. Was sagst Du?—(schmeckt gleichfalls) Ja wahrhaftig, mit dem Zwieback hab' ichs nicht so—(sieht in die Kanne) Nun so hol Dich! (wirft das Kaffeezeug zum Fenster hinaus) Gerstenkaffee und fünfhundert Gulden jährlich!—
Frau Blitzer. (stürzt herein) Wie? Was zum Teufel, was ist das? Herr, ist Er rasend oder plagt Ihn gar der Teufel?—
Pätus.Still Mutter!
Frau Blitzer. (mit gräßlichem Geschrey)Aber wo ist mein Kaffeezeug? Ey! zum Henker! aus demFenster—Ich kratz' Ihm die Augen aus dem Kopf heraus.
Pätus.Es war eine Spinne darin und ich warf's in der Angst—Was kann ich dafür, daß das Fenster offen stand?
Frau Blitzer. Daß Du verreckt wärst an der Spinne, wenn ich Dich mit Haut und Haar verkaufe, so kannst Du mir mein Kaffeezeug nicht bezahlen, nichtswürdiger Hund! Nichts als Schaden und Unglück kann Er machen. Ich will Dich verklagen; ich will Dich in Karcer werfen lassen. (läuft heraus)
Pätus. (lachend) Was ist zu machen, Bruder! man muß sie schon ausrasen lassen.
Fritz.Aber für Dein Geld?
Pätus. Ey was!—Wenn ich bis Weyhnachten warten muß, wer wird mir sogleich bis dahin kreditiren? Und denn ists ja nur ein Weib und ein närrisch Weib dazu, dem's nicht immer so von Herzen geht- wenn mirs der Mann gesagt hätte, das wär was anders, dem schlüg' ich das Leder voll—Siehst Du wohl!
Fritz.Hast Du Feder und Tinte?
Pätus.Dort auf dem Fenster—
Fritz. Ich weiß nicht, das Herz ist mir so schwer—Ich habe nie was auf Ahndungen gehalten.
Pätus. Ja mir auch—Die Döbblinsche Gesellschaft ist angekommen. Ich möchte gern in die Komödie gehn und habe keinen Rock anzuziehen. Der Schurke mein Wirth leyht mir keinen und ich bin eine so große dicke Bestie, daß mir keiner von all Euren Röcken passen würde.
Fritz. Ich muß gleich nach Hause schreiben. (setzt sich an ein Fenster nieder und schreibt)
Pätus. (setzt sich einem Wolfspelz gegenüber, der an der Wand hängt) Hm! nichts als den Pelz gerettet, von allen meinen Kleidern, die ich habe, und die ich mir noch wollte machen lassen. Grade den Pelz, den ich im Sommer nicht tragen kann, und den mir nicht einmal der Jude zum Versatz annimmt, weil sich der Wurm leicht hineinsetzt. Hanke, Hanke! das ist doch unverantwortlich, daß Du mir keinen Rock auf Pump machen willst. (steht auf und geht herum) Was hab' ich Dir gethan, Hanke, daß Du just mir keinen Rock machen willst? Just mir, der ich ihn am nöthigsten brauche, weil ich jetzo keinen habe, just mir!—Der Teufel muß Dich besitzen, er macht Hunz und Kunz auf Kredit und just mir nicht! (faßt sich an den Kopf und stampft mit dem Fuß) Just mir nicht, just mir nicht!—
Bollwerk. (der sich mittlerweile hineingeschlichen und ihm zugehört, faßt ihn an: er kehrt sich um und bleibt stumm vor Bollwerk stehen) Ha ha ha … Nun du armer Pätus—ha ha ha! Nicht wahr, es ist doch ein gottloser Hanke, daß er just Dir nicht—Aber, wo ist das rothe Kleid mit Gold, das Du bey ihm bestellt hast, und das blauseidne mit der silberstücknen Weste, und das rothsammetne mit schwarz Sammet gefüttert, das wär vortreflich bey dieser Jahrszeit. Sage mir! antworte mir! Der verfluchte Hanke! Wollen wir gehn und ihm die Haut vollschlagen? Wo bleibt er so lang mit Deiner Arbeit? Wollen wir?
Pätus. (wirft sich auf einen Stuhl)Laß mich zufrieden.
Bollwerk. Aber hör Pätus, Pätus, Pä Pä Pä Pätus (setzt sich zu ihm) Döbblin ist angekommen. Hör Pä Pä Pä Pä Pätus, wie wollen wir das machen? Ich denke, Du ziehst Deinen Wolfspelz an und gehst heut Abend in die Komödie. Was schadt's, Du bist doch fremd hier—und die ganze Welt weiß, daß Du vier Paar Kleider bey Hanke bestellt hast. Ob er sie Dir machen wird, ist gleich viel!—Der verfluchte Kerl! Wollen ihm die Fenster einschlagen, wenn er sie Dir nicht macht!
Pätus. (heftig)Laß mich zufrieden, sag ich Dir.
Bollwerk. Aber hör…aber…aber…hör hör hör' Pätus; nimm Dich in Acht Pätus! daß Du mir des Nachts nicht mehr im Schlafrock auf der Gasse läufst. Ich weiß, daß Du bange bist vor Hunden; es ist eben ausgetrummelt worden, daß zehn wütige Hunde in der Stadt herumlaufen sollen; sie haben schon einige Kinder gebissen: zwey sind noch davon kommen, aber vier sind auf der Stelle gestorben. Das machen die Hundstage? Nicht wahr Pätus? Es ist gut, daß Du jetzt nicht ausgehen kannst. Nicht wahr? Du gehst itzt mit allem Fleiß nicht aus? Nicht wahr Pä Pä Pätus?
Pätus.Laß mich zufrieden … oder wir verzürnen uns.
Bollwerk. Du wirst doch kein Kind seyn—Berg, kommen Sie mit in die Komödie?
Fritz. (zerstreut)Was?—Was für Komödie?
Bollwerk.Es ist eine Gesellschaft angekommen—Legen Sie dieSchmieralien weg. Sie können ja auf den Abend schreiben.Man giebt heut Minna von Barnhelm.
Fritz.O die muß ich sehen.—(steckt seine Briefe zu sich)Armer Pätus, daß Du keinen Rock hast.—
Bollwerk.Ich lieh' ihm gern einen, aber es ist hol mich derTeufel mein einziger, den ich auf dem Leibe habe—(gehn ab)
Pätus. (allein) Geht zum Teufel mit Eurem Mitleiden! Das ärgert mich mehr als wenn man mir ins Gesicht schlüge—Ey was mach ich mir draus. (zieht seinen Schlafrock aus) Laß die Leute mich für wahnwitzig halten! Minna von Barnhelm muß ich sehen und wenn ich nackend hingehen sollte! (zieht den Wolfspelz an) Hanke, Hanke! es soll Dir zu Hause kommen! (stampft mit dem Fuß) Es soll dir zu Hause kommen! (geht)
Vierte Scene.
Frau Hamster. Jungfer Hamster. Jungfer Knicks.
Jungfer Knicks.Ich kanns Ihnen vor Lachen nicht erzehlen, FrauRäthin, ich muß krank vor Lachen werden. StellenSie Sich vor: wir gehen mit Jungfer Hamster imGäßchen hier nah bey, so läuft uns ein Mensch imWolfspelz vorbey, als ob er durch Spießruthen gejagtwürde; drey große Hunde hinter ihm drein. JungferHamster bekam einen Schubb, daß sie mit dem Kopf andie Mauer schlug und überlaut schreyen muste.
Frau Hamster.Wer war es denn?
Jungfer Knicks.Stellen Sie Sich vor, als wir ihm nachsahen, war'sHerr Pätus—Er muß rasend worden seyn.
Frau Hamster.Mit einem Wolfspelz in dieser Hitze!
Jungfer Hamster. (hält sich den Kopf) Ich glaube noch immer, er ist aus dem hitzigen Fieber aufgesprungen. Er ließ uns heut Morgen sagen, er sey krank.
Jungfer Knicks. Und die drey Hunde hinter ihm drein, das war das lustigste. Ich hatte mir vorgenommen heut in die Komödie zu gehen, aber nun mag ich nicht, ich würde doch da nicht soviel zu lachen kriegen. Das vergeß ich mein Lebtage nicht. Seine Haare flogen ihm nach wie der Schweif an einem Kometen, und je eyfriger er lief, desto eyfriger schlugen die Hunde an und er hatte das Herz nicht, sich einmal umzusehen… Das war unvergleichlich!
Frau Hamster. Schrie er nicht? Er wird gemeynt haben, die Hunde seyn wütig.
Jungfer Knicks. Ich glaub, er hatte keine Zeit zum Schreyen, aber roth war er wie ein Krebs und hielt das Maul offen, wie die Hunde hinter ihm drein—O das war nicht mit Geld zu bezahlen! ich gäbe nicht meine Schnur ächter Perlen darum, daß ich das nicht gesehen.
Fünfte Scene.
In Heidelbrunn.Augustchens Zimmer.Gustchen. (liegt auf dem Bette)Läuffer. (sitzt am Bette)
Läuffer. Stell Dir vor Gustchen, der geheime Rath will nicht. Du siehst, daß Dein Vater mir das Leben immer saurer macht: nun will er mir gar aufs folgende Jahr nur vierzig Dukaten geben. Wie kann ich das aushalten? Ich muß quittiren.
Gustchen. Grausamer, und was werd ich denn anfangen? (nachdem beyde eine zeitlang sich schweigend angesehen) Du siehst: ich bin schwach, und krank; hier in der Einsamkeit unter einer barbarischen Mutter—Niemand fragt nach mir, niemand bekümmert sich um mich: meine ganze Familie kann mich nicht mehr leiden; mein Vater selber nicht mehr: ich weiß nicht warum.
Läuffer. Mach, daß Du zu meinem Vater in die Lehre kommst; nach Insterburg.
Gustchen. Da kriegen wir uns nie zu sehen. Mein Onkel leidt es nimmer, daß mein Vater mich zu Deinem Vater ins Haus giebt.
Läuffer.Mit dem verfluchten Adelstolz!
Gustchen. (nimmt seine Hand) Wenn Du auch böse wirst, Herrmannchen! (küßt sie) O od! Tod! warum erbarmst Du Dich nicht!
Läuffer. Rathe mir selber—Dein Bruder ist der ungezogenste Junge den ich kenne: neulich hat er mir eine Ohrfeige gegeben und ich durft ihm nichts dafür thun, durft nicht einmal drüber klagen. Dein Vater hätt ihm gleich Arm und Bein gebrochen und die gnädige Mama alle Schuld zuletzt auf mich geschoben.
Gustchen.Aber um meinetwillen—Ich dachte, Du liebtest mich.
Läuffer. (stützt sich mit der andern Hand auf ihremBett, indem sie fortfährt seine eine Hand von Zeit zuZeit an die Lippen zu bringen.)Laß mich denken…(bleibt nachsinnend sitzen)
Gustchen. (in der beschriebenen Pantomime) O Romeo! Wenn dies Deine Hand wäre.—Aber so verlässest Du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß Deine Julie für Dich stirbt—von der ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespyen. (drückt seine Hand an ihre Augen) O unmenschlicher Romeo!
Läuffer. (sieht auf)Was schwärmst Du wieder?
Gustchen. Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich gern recitire, wenn ich Sorgen habe. (Läuffer fällt wieder in Gedanken, nach einer Pause fängt sie wieder an) Vielleicht bist Du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und Todesgefahr selbst—Du hast mich vergessen… Vielleicht besorgtest Du für mich—ja,—ja, Dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das was ich leide. (küßt Läuffers Hand inbrünstig) O göttlicher Romeo!
Läuffer. (küßt ihre Hand lange wieder und sieht sie eine Weile stumm an) Es könnte mir gehen wie Abälard—
Gustchen. (richtet sich auf)Du irrst Dich—Meine Krankheit liegt im Gemüth—Niemand wird Dich muthmaßen—(fällt wieder hin) HastDu die neue Heloise gelesen?
Läuffer.Ich höre was auf dem Gang nach der Schulstube.—
Gustchen.Meines Vaters—Um Gotteswillen!—Du bist dreyViertelstund zu lang hiergeblieben.
(Läuffer läuft fort)
Sechste Scene.
Die Majorin. Graf Wermuth.
Graf. Aber gnädige Frau! kriegt man denn Fräulein Gustchen gar nicht mehr zu sehen? Wie befindt sie sich auf die vorgestrige Jagd?
Majorin.Zu Ihrem Befehl; sie hat die Nacht Zahnschmerzengehabt, darum darf sie sich heut nicht sehen lassen.Was macht Ihr Magen, Graf! auf die Austern?
Graf. O das bin ich gewohnt. Ich habe neulich mit meinem Bruder ganz allein auf unsre Hand sechshundert Stück aufgegessen und zwanzig Bouteillen Champagner dabey ausgetrunken.
Majorin.Rheinwein wollten Sie sagen.
Graf. Champagner—Es war eine Idee, und ist uns beyden recht gut bekommen. Denselben Abend war Ball in Königsberg, mein Bruder hat bis an den andern Mittag getanzt und ich Geld verloren.
Majorin.Wollen wir ein Piquet machen?
Graf.Wenn Fräulein Gustchen käme, macht' ich ein PaarTouren im Garten mit ihr. Ihnen, gnädige Frau, darfichs nicht zumuthen; mit Ihrer Fontenelle am Fuß.
Majorin. Ich weiß auch nicht, wo der Major immer steckt. Er ist in seinem Leben so rasend nicht auf die Oekonomie gewesen; den ganzen ausgeschlagenen Tag auf dem Felde und wenn er nach Hause kommt, sitzt er stumm wie ein Stock. Glauben Sie, daß ich anfange mir Gedanken drüber zu machen.
Graf.Er scheint melancholisch.
Majorin. Weiß es der Himmel—Neulich hatt' er wieder einmal den Einfall bey mir zu schlafen, und da ist er mitten in der Nacht aus dem Bett' aufgesprungen und hat sich— He he, ich soll es Ihnen nicht erzehlen, aber Sie kennen ja die lächerliche Seite von meinem Mann schon.
Graf.Und hat sich …
Majorin. Auf die Knie niedergeworfen und an die Brust geschlagen und geschluchzt und geheult, daß mir zu grauen anfieng. Ich hab ihn aber nicht fragen mögen, was gehen mich seine Narrheiten an? Mag er Pietist oder Quacker werden. Meinethalben! Er wird dadurch weder häßlicher noch liebenswürdiger in meinen Augen werden, als er ist. (sieht den Grafen schalkhaft an)
Graf. (faßt sie ans Kinn) Boßhafte Frau!—Aber wo ist Gustchen? Ich möchte gar zu gern mit ihr spatzieren gehn.
Majorin. Still da kommt ja der Major … Sie können mit ihm gehen, Graf.
Graf.Denk doch—Ich will nun aber mit Ihrer Tochter gehn.
Majorin. Sie wird noch nicht angezogen seyn: es ist was unausstehliches, wie faul das Mädchen ist—
(Major von Berg kommt im Nachtwämmschen, einenStrohhut auf.)
Majorin. Nun wie stehts, Mann? Wo treiben Sie Sich denn wieder herum? Man kriegt Sie ja den ganzen Tag nicht zu sehen. Sehn Sie ihn nur an Herr Graf; sieht er doch wie der Heavtontimorumenos in meiner großen Madame Dacier abgemahlt—Ich glaube, Du hast gepflügt, Herr Major? Wir sind itzt in den Hundstagen.
Graf. In der That, Herr Major, Sie haben noch nie so übel ausgesehen, blaß, hager, Sie müssen etwas haben, das Ihnen auf dem Gemüth liegt, was bedeuten die Thränen in Ihren Augen, sobald man Sie aufmerksam ansieht? Ich kenne Sie doch zehn Jahr schon und habe Sie nie so gesehen, selbst da nicht, als Ihr Bruder starb.
Majorin. Geitz, nichts als der leidige Geitz, er meynt, wir werden verhungern, wenn er nicht täglich wie ein Maulwurf auf dem Felde wühlt. Bald gräbt er, bald pflügt er, bald eggt er. Du willst doch nicht Bauer werden? Du mußt mir vorher einen andern Mann geben, der die Aufsicht über Dich führt.
Major. Ich muß wohl schaffen und scharren, meiner Tochter einen Platz im Hospital auszumachen.
Majorin. Was sind das nun wieder für Phantasien!—Ich muß wahrhaftig den Doktor Würz noch aus Königsberg holen lassen.
Major. Du siehst nimmer nichts, vornehme Frau! daß Dein Kind von Tag zu Tag abfällt, daß sie Schönheit, Gesundheit und den ganzen Plunder verliert und dahergeht, als ob sie, hol mich der Teufel—Gott verzeyh mir meine schwere Sünde,—als ob der arme Lazarus sie gemacht hätte—Es frißt mir die Leber ab—
Majorin. Hören Sie ihn nur! Wie er mich anfährt! Bin ich schuld daran? Bist du denn wahnwitzig?
Major. Ja freylich bist Du schuld daran, oder was ist sonst schuld daran? Ich kann's, zerschlag mich der Donner! nicht begreifen. Ich dacht immer, ihr eine der ersten Parthien im Reich auszumachen; denn sie hat auf der ganzen Welt an Schönheit nicht ihres gleichen gehabt und nun sieht sie aus wie eine Kühmagd—Ja freilich bist Du schuld daran mit Deiner Strenge und Deinen Grausamkeiten und Deinem Neid, das hat sie sich zu Gemüth gezogen und das ist ihr nun zum Gesicht herausgeschlagen, aber das ist Deine Freude, gnädige Frau, denn Du bist lang schalu über sie gewesen. Das kannst Du doch nicht leugnen? Solltst Dich in Dein Herz schämen, wahrhaftig! (geht ab)
Majorin.Aber … aber was sagen Sie dazu, Herr Graf! HabenSie in Ihrem Leben eine ärgere Kollektion von Sottisengesehen?
Graf.Kommen Sie; wir wollen Piquet spielen, bis FräuleinGustchen angezogen ist..
Siebente Scene.
In Halle. Fritz von Berg. (im Gefängniß) Bollwerk. von Seiffenblase und sein Hofmeister. (stehn um ihn)
Bollwerk. Wenn ich doch den Jungen hier hätte, daß Fell zög' ich ihm über die Ohren. Es ist mit alledem doch infam gehandelt, einen ehrlichen Jungen, wie Berg, ins Karcer zu bringen; da sich keiner sein hat annehmen wollen. Denn das ist ja wahr, kein einziger Landsmann hat den Fuß vor die Thür seinethalben gesetzt. Wenn Berg nicht gut für ihn gesagt hätte, wär' er im Gefängniß verfault. Und in vierzehn Tagen soll das Geld hier seyn und wo er den Berg in Verlegenheit läßt, soll man ihn für einen ausgemachten Schurken halten. O du verdammter Pä Pä Pä Pä Pätus! Wart Du verhenkerter Pätus, wart einmal!—
Hofmeister. Ich kann Ihnen nicht genug beschreiben, lieber Herr von Berg, wie leyd es mir besonders um Ihres Herrn Vaters und der Familie willen thut, Sie in einem solchen Zustande zu sehen und noch dazu ohne Ihre Schuld, aus blosser jugendlicher Unbesonnenheit. Es hat schon einer von den sieben Weisen Griechenlandes gesagt, für Bürgschaften sollst du dich in Acht nehmen und in der That es ist nichts unverschämter, als daß ein junger Durchbringer, der sich durch seine lüderliche Wirthschaft ins Elend gestürzt hat, auch andere mit hineinziehen will, denn vermuthlich hat er das gleich anfangs im Sinne gehabt, als er auf der Akademie Ihre Freundschaft suchte.
Herr von Seiffenblase. Jaja, lieber Bruder Berg! nimm mir nicht übel, da hast Du einen großen Bock gemacht. Du bist selbst schuld daran; dem Kerl hättst Du's doch gleich ansehen können, daß er Dich betrügen würde. Er ist bey mir auch gewesen und hat mich angesprochen: er wär' aufs äusserste getrieben, seine Kreditores wollten ihn wegstecken lassen, wo ihn nicht Sonn noch Mond beschiene. Laß sie dich, dachte ich, es schadt dir nichts. Das ist dafür, daß Du uns sonst kaum über die Achsel ansahst, aber wenn ihr in Noth seyd, da sind die Adelichen zu Kaventen gut genug. Er erzehlte mir Langes und Breites; er hätte seine Pistolen schon geladen, im Fall die Kreditores ihn angriffen—Und nun läßt der lüderliche Hund Dich an seiner Stelle prostituiren. Das ist wahr, wenn mir das geschehen wäre: ich könnte so ruhig nicht dabey seyn: zwischen vier Mauren der Herr von Berg und das um eines lüderlichen Studenten willen.
Fritz. Er war mein Schulkamerad—Laßt ihn zufrieden. Wenn ich mich nicht über ihn beklage, was geht's Euch an? Ich kenn' ihn länger als Ihr; ich weiß, daß er mich nicht mit seinem guten Willen hier sitzen läßt.
Hofmeister.Aber, Herr von Berg, wir müssen in der Welt mitVernunft handeln. Sein Schade ist es gewiß nicht,daß Sie hier für ihn sitzen und seinethalben könnenSie noch ein Sekulum so sitzen bleiben—
Fritz. Ich hab' ihn von Jugend auf gekannt: wir haben uns noch niemals was abgeschlagen. Er hat mich wie seinen Bruder geliebt, ich ihn wie meinen. Als er nach Halle reißte, weint' er zum erstenmal in seinem Leben, weil er nicht mit mir reisen konnte. Ein ganzes Jahr früher hätt' er schon auf die Akademie gehn können, aber um mit mir zusammen zu reisen, stellt' er sich gegen die Präceptores dummer als er war, und doch wollt es das Schicksal und unsre Väter so, daß wir nicht zusammen reißten und das war sein Unglück. Er hat nie gewußt mit Geld umzugehen und gab jedem was er verlangte. Hätt' ihm ein Bettler das letzte Hemd vom Leibe gezogen und dabey gesagt: mit Ihrer Erlaubnis, lieber Herr Pätus, er hätt's ihm gelassen. Seine Kreditores giengen mit ihm um wie Strasenräuber und sein Vater verdiente nie, einen verlornen Sohn zu haben, der bey all seinem Elend ein so gutes Herz nach Hause brachte.