Chapter 3

Der Senator seufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor sagte aber nun mit gemessenem Tone: »Unsere Ansichten weichen ab, wie ich sehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.« — Dem Senator starb die weitere Frage im Munde, da der Doctor ganz ruhig fortfuhr: »Ich bin Katholik. VonmeinerKirche hab' ich gesprochen: und — wahrlich — sie erfüllt ihre Mutterpflichten tüchtiger als Eine.« —

Müssinger bückte sich verlegen. Der Doctor sprach unbefangen weiter: »Von unserer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröstet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöset. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer mystischen Form auf die heiligsten Pflichten hin; auf die der Versöhnung, der Menschenliebe. Doch, wem sage ich das, und zu welchem Endzweck?« fügte er, sich besinnend bei: »Sie mein verehrter Herr, haben nie die apostolische Lehre näher prüfen gelernt, da die Gesetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung unsers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs strengste untersagen; gewiß ist es Ihnen auch völlig gleichgültig, wie ein Katholik von seinem Glauben denkt.«

»Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit verlebt,« versetzte nachdenkend der Senator: »Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgesetzten in die katholische Kirche geschlichen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienstes, an der herrlichen Musik ergötzt, ... ich kann nicht läugnen, daß ...«

Justinens Stimme störte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete dem Vater, — sich vor dem Fremden sittsam verbeugend — über eine nicht besonders bedeutende Angelegenheit der Wirthschaft. Der Doctor betrachtete während dessen sowohl den Senator, als seine Tochter mit der größten Aufmerksamkeit. Als Justine wieder hinausgegangen war, sagte Leupold mit fast bewegter Stimme: »Wahrlich, Herr Senator! Wüßte ich nicht durch meinen Pflegesohn, daß Ihre Tochter sich Justine nennt, ich würde darauf schwören, sie müsse Clara heißen.«

Der Senator richtete schnell und fragend die Augen auf den Doctor.

»Clara?« fragte er: »Wie kommen Sie zu diesem Namen?«

»Clara war, wieJustine.«

»Welche Clara?«

»Clara Münzner.«

»Mein Gott! Sie wissen ...?«

»Ja, mein Freund.«

»Woher? — Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt doppelt schmerzlich mein Gefühl verletzt.«

»Das soll sie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.«

»Ja, sie war ein Engel!... ein Engel, wie ihn diese Welt nicht verdient.«

»Der Engel ist in seine Heimath gegangen.«

»Barmherziger! versteh ich Sie?«

»Clara ist todt.«

»Todt?... todt?... Und ich lebe noch; ...wielebe ich?...«

»Bis an ihr Ende hat sie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein Jahrzehend sie von Ihnen trennten. Jetzt wird sie, sollte es Noth thun, für Sie beten bei dem unsterblichen Vater!« —

»Oh!« seufzte Müssinger, und lehnte sich mit vor das Gesicht gehaltenen Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft: »Erklären Sie mir, räthselhafter Mann! wie könnenSievon dem unterrichtet sein, was außer mir ...«

»Ich bin Clarens Bruder!« flüsterte der Doctor dem Senator in das Ohr ...

»Xaver?«

»Derselbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr Zimmer, dem Drang der Geschäfte Preis gegeben, ist nicht geeignet, daß wir uns darinnen der wohlthätigen Erinnerung ungestört hingeben könnten. Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, so besuchen Sie mich. Ich wohne eng, aber niedlich und einsam, in der Rahmgasse. Das Haus ist zum Apfel geschildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie werden mir willkommen sein.«

Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte sich der Doctor gelassen und fremdthuend gegen den unbeweglich hinstarrenden Senator, und ging.

Langsam und sinnend durchstrich er die Stadt, und machte geflissentlich einen Umweg nach seiner Wohnung, um seinen Gedanken nachhängen zu können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanständigen Bürgerhäusern freundlich grüßende Gesichter zu. In einem armseligen Gäßchen schlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem sie sich vorher überall umgesehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte seine Hand. Er reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte sie für die Ruhe eines Sünders zu beten. Hierauf schlug er sich rechts durch ein Paar Durchgänge nach der Rahmgasse, und stieg im bezeichneten Hause in sein Quartier hinauf. — Eine sauber angekleidete Magd öffnete ihm ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der Wohnstube schreibend saß, richtete sich grüßend auf, und brachte dienstfertig dem Pflegevater den Steifrock herbei, gegen den der Doctor eilig den unbequemen Schlafrock vertauschte. Er nahmseinen Platz im Lehnstuhle am Fenster, das, auf einen Garten aussehend, selbst einen Garten vorstellte, geschmückt mit würzigen Blumenstöcken. In der Stube sah es so reinlich, so friedlich und traulich aus; sie stellte ein reizendes Stillleben dar. Der Boden, sauber wie ein Spiegel; die Geräthschaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falten in den Teppichen der Tische, kein Stäubchen auf dem grünen Vorhange, der eine kleine Büchersammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von der weißen Decke schwebend; eine tickende Schwarzwälderuhr an der Wand; viele summende Mücken auf dem Blumenflor am Fenster. Das Schweigen wurde lange nur durch der Thierchen Geschwätz, den Perpendikelschlag, und die knarrende Feder des jungen Engländers unterbrochen, der sich gleich wieder an seine Arbeit gesetzt hatte. Der Doctor saß mit gefalteten Händen, rückwärts gelehntem Kopf und geschlossenen Augen in seinem Lehnstuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freundlichen Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber schwebte, und er schwieg wie ein Träumender, bis er einen leisen Hauch an seiner Wange fühlte, und forschend die Augen aufschlug. Schon dämmerte es. James stand bei ihm, und hatte sich über sein Gesicht gebeugt.

»Ich wollte mich überzeugen, ob Sie schliefen, mein Vater,« sprach der Jüngling. »Meine Arbeit ist vollendet; die Feierstunde da. Sie sind aber heute nicht so munter und gesprächig, wie wohl sonst. Darf Ihr Pflegesohn nach der Ursache fragen?«

»Die Ursache, mein Sohn, ist nur eine kleine Geschichte aus der Zeit, da ich dein Alter hatte;« antwortete der Doctor, freundlich ihm zunickend; »setze dich zu mir, und höre sie, wenn du willst. Ich sage dir aber im Voraus, daß die Geschichte so kurz und einfach und natürlich ist, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt freilich nur ein Labyrinth von Abenteuern. Dem greisen Manne jedoch schließt gerade die klarste Begebenheit einen Zaubertempel auf. Versetze dich mit mir nach Augsburg, wo du zwar niemals warst, von dem du aber manches gelesen. In jener alten, weit berühmten Stadt ist eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen Thore. Durch diesen leicht zu übersehenden Winkel soll, heißt die Sage, der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demselben große Gefahr drohte, und alle anderen Ausgänge von Feinden besetzt waren. Obgleich nun diese Geschichte durchaus Fabel und unhaltbar, so führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab! — In diesem Dahinab nun stand unter andern kleinen Häusern ein von einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuschauen, und die Wohnung eines braven Mannes. Der Fleiß desselben hatte das Haus gebaut, und die Heiligen, — buchstäblich zu verstehen, — hülfreich dazu gethan. Der Fleißige war nämlich Kupferstecher, und hat — durchaus dem Fach sich hingebend, — viele hundert Heiligenbilder gestochen und geätzt, die zu damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien gingen. Der Künstler war fromm und still, wie seine Bilder, arbeitete unverdrossen von früh bis spät, und seine einzige Erholung außer dem Hause war am Sonnabend ein Ruhe-Stündchen auf der Schießstatt, bei einem Krug Bier und freundlichem Geschwätze. Den Sonntag nahm die Kirche und — bei schönem Wetter — ein Spaziergang mit dem Weibe nach dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Diese Lebensordnung machte auch, daß es im Hause fein und ordentlich aussah, und der Friede doppelt mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künstler schenkte. Der Bube hieß Xaver, die Tochter Clara. Der Erste, zugleich der Aeltere, sollte anfangs Kupferstecher werden, wie der Vater; die Zweite ein braves Weib,wie die Mutter. Es ergab sich indessen bald, daß Xaver, um schwacher Augen willen, der Kupferstecherkunst nicht gewachsen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einst aus dem Jungen werden möchte, schickte ihn der Vater in die Schulen, damit er etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, besuchte kein anderes Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener Stätte ein sehnsüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgespäht hatte. Die Eltern ahnten's um so weniger. Der Bruder allein, der oft, um zu studiren, im Gärtchen sich befand, merkte das Erste von der Sache. Eine Bastion der Festungswerke, die gerade, — senkrecht fast, — in die Höhe stieg, und die Ansicht über die Häuser des Dahinab frei gab — bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand dieser Bastion stand einmal um die Mittagszeit ein blutjunger Mann, und sah immer so steif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem studirenden Xaver, — als dieser, durch die Blätter der Laube schielend, zum zweiten oder dritten Male das Unwesen wahrnahm, — bang um den Verstand des jungen Menschen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf der Bastion eigentlich der Schwester gelte. Denn so oft diese, blühend und frisch wie eine Rose, um die Mittagsstunde aus dem Hause hüpfte, den Bruder zu Tisch zu rufen, — so oft zogderauf der Schanze ein Fernrohr aus der Tasche, und richtete es so scharf und fest auf das Mädchen, als ein Constabler nur mit seinem Geschütz thun kann. Der Bruder hütete sich wohl, der unbefangenen Schwester das Geringste von seinen Beobachtungen, — die er eine ganze Woche hindurch fortsetzte, mitzutheilen. Endlich eines Vormittags, aus dem Collegium kommend, wandelt ihn die Lust an, der Sache auf den Grund nachzuspüren. Er steigt auf die Bastion, und findet den Bewußten bereits am Posten. Er schlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu spioniren, mein Freund? — Der Andere erröthet, antwortet aber vornehm: Das gehtIhnnichts an, mein Freund. — Er ist ein Narr! sagt ihm hierauf Xaver, und der Andere antwortet mit einem »unverschämten Menschen.« Für einen Studenten von neunzehn Jahren ist das zu viel. Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der Andere greift nach seinem Degen. Xaver bedeutet ihm, er selbst dürfe als angehender Theolog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter in's Haus gehen, sich einen Degen holen, und sicherlich binnen wenig Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen. »Was hat Er in jenem Hause zu thun?« fragt der Andere verwundert. — Es ist das meiner Eltern; entgegnete Xaver. — Und das Mädchen? — Meine Schwester. — Nun lacht der Mensch ausgelassen, steckt die Klinge ein, fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müssen Kameradschaft trinken. — Wie so? — Ich bin in deine Schwester verliebt, mein Junge; fährt der Andere fort: ich sterbe, wenn ich nicht wenigstens bald zu ihr sagen kann: Wie befinden Sie sich, Jungfer? Du mußt mich bei deinen Eltern einführen, als einen Mitstudenten, als einen Freund aus dem Gasthause, — als was du willst. — Nun erzählte der heftige närrische Mensch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener sei, vor wenigen Wochen erst die Lehre verlassen habe, und in einer der ersten Handlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm meine Schwester gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten und Gottesdienst gefeiert, zum Besten und Frommen der unglücklichen Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordschwerdt des Königs von Frankreich bluteten. Bei einer dieser Processionen war der Kaufmannsdiener an Clara's Seite gekommen, und sie hatte ihm schnell gefallen, obwohl sein Mund keine Sylbe mit ihr gesprochen. — Xaver, derin dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus einer entfernten Stadt erkannte, dem derselbe gefiel, ließ sich endlich bereden, gab den sonderbaren Gesellen für einen Bekannten aus, und brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach, nun beginnt eine schöne Zeit; sie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb; Clara theilte seine Gefühle. Xaver sah eine schöne Zukunft für die Schwester leuchten. Die Mutter betete zu diesem Endzweck im Stillen. Harmlos flossen die Tage, von Vertrauen, von Freundschaft und Liebe getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren alle glücklich. Aber — der Friede, das Glück hat seine Grenzen, und somit endigte auch dieses.«

Der Doctor sammelte sich hier, wehmüthig werdend, und sprach nach einer langen Stille, gefaßt und trocken weiter: »Der junge Mensch hatte nicht redlich an der Familie gehandelt. In dem Augenblick, als alle, — Clara selbst — im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung hofften, verließ er Augsburg, heimlich, schnell, um in die Heimath zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Protestant, — er hatte sich für einen der Unsern ausgegeben — nicht daran denken könne, aus der Neigung seiner Jugend Ernst zu machen, und mit blutendem Herzen sich von der Stelle losreißen müsse, die ihm theuer und lieb geworden, wie das Vaterhaus. — Wir weinten; Clara verzweifelte fast. Die Jahre beruhigten zwar ihr Herz, aber — an dem Entfernten treu und eigen hängend, blieb sie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdemersie verlassen, — mit seinem Namen auf den Lippen. Hiermit, mein Sohn, endigt sich die Geschichte, deren erster Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen Bildern füllt. Du hast meine Eltern, meine Schwester und mich kennen gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Claren verloren, und heute — bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ichihnwieder, der sie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder, unglücklich, darniedergedrückt vonschweren, schweren Aengsten, wie ich fürchte; ein armer, elender Mensch, im Schooße des Ueberflusses der eiteln Welt!«

»Errathe ich?« fragte James ungestüm: »Der Senator?«

Der Doctor nickte mit dem Haupte. — »Beinahe,« sagte er, »hätte mich die Schwachheit überrascht, ein Wohlbehagen zu empfinden, als ich ihn so erbarmenswürdig vor mir stehen sah, und jetzt erst bestimmt in's Reine kam, daßerjener Walter sei, den ich — seltsam fürwahr — beinahe vergessen hatte. Kein Zug der Jugend mehr in seinem Gesichte; keine Zufriedenheit in seinem Hause; keine Ruhe in seiner Brust. Die Vergeltung hat an dir gearbeitet! wollte ich sagen; doch Gott hielt meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe zu ihm als Vermächtniß hinterlassen, und ich muß ihn oder die Seinen glücklich machen, wenn ich's vermag; schon darum, weil ihnClarageliebt, weil ihnClaragesegnet hat! —«

»O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe ist die Liebe!« versetzte James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn fest bei der Hand, und redete: »Mein Sohn, hüte dich vor Sophismen, wie sie nur gar zu gerne die Leidenschaft gebiert, wenn sie sich in Fesseln spürt. Denke deines Versprechens, der Zusage, die du mir gegeben. Du gehörst nicht mehr dir selbst an, du gehörst nichtmir. Und wäre dies Alles nicht, so sollte meine Erzählung dir bewiesen haben, daß Ungleichheit des Glaubens Verderben bringt.« — James schwieg mit bitterem Gefühle. — »Ich sehe, daß es Zeit ist, deine Besuche in des Senators Hause abzukürzen,« fuhr der Doctor sorglich fort: »die letzte Aufgabe vollende noch. Vielleicht begründest du dadurch das Heil einer Person, die duliebst, wie ich fürchten muß.« — »Und gelänge es mir,« fragte James, Muth fassend: »dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?«

»Dein Schicksal hängt nicht von mir ab,« antwortete der Doctor: »wäre dieses aber auch, — Sohn! hätten wir uns in dir getäuscht ...? Laß mich das nicht ahnen!«

»O, welch' ein Schicksal ist mir bereitet worden?« seufzte der junge Mann: »Zu welchem Gewerbe, — mir widerstrebend, meinen Sinn empörend, wurde ich bestimmt! und zum Dank dafür verbietet man mir grausam, zu fühlen wie ein Mensch!«

»Dafür rasest du wie ein Thor,« unterbrach ihn der Doctor heftig: »zur Strafe wirst du deine bisherigen Andachtsübungen verdoppeln, bis ich es anders bestimme! —« Milder fuhr er, und plötzlich besonnen fort: »Was wäre dein Schicksal unter den dänischen Dragonern gewesen, du Verblendeter? Du schlägst die Hand, die dir wohl that. Dein Gewerbe empört dich? Das heißt: Deine Pflicht gefällt dir nicht. Glaube mir: Oft ist auchmirdie Meinige zuwider, aber ich erfülle sie dennoch ohne Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der geringste Dienst vonnöthen ist, wie der edelste. Die Leute, die im finstern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtscheue Arbeit mehr gethan, als der Meister, der das leichte Prunkgetäfel anschlägt, und den Blumenstrauß stecken auf den fertigen Bau kann vollends jeder Lehrjunge. Bescheide dich also dankbar vor dem Höchsten, zu dessen größerer Ehre wir handeln, und bemeistre flüchtige Aufwallungen der Jugend, die immer nur eitel sind, und denen im vorliegenden Falle ohnehin nichtentgegengekommenwird.«

Dieses letzte Argument entschied. James fühlte wohl, waserempfand, aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft geblieben. Er schwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und waffnete sich mit starrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators Haus betreten mußte. »Wo will Er hin?« schnauzte ihn mit unerträglicher Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm just entgegen kam.

»Zur Jungfer Justine.« — »Die Jungfer hat Kopfschmerzen. Komm Er ein Andermal.« — James wollte, nachdem er mit leichtem Achselzucken den Ungeschliffenen gemessen, still davon gehen, als sich Justinens Stimme von oben vernehmen ließ: »Kommt nur herauf, werther Monsieur; für Euch bin ich zu Hause, nur für den Neidhammel nicht, der Euchsans façonbelügt, wie ein Schelm!« — James stutzte erfreut. Von Zorn brennend, und mit einem: »Verdammter Naseweis!« lief Nothhaft in das Comptoir.

»Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,« sagte Justine ohne Umstände in Gegenwart der Mutter zu dem jungen Engländer: »Wir Deutsche haben — wie wir denn in allem derb sind — ein derbes Sprichwort, das man wohl sonst nur in Pöbels Mund hört, das aber stets wohl angebracht ist, wenn manvomPöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! — Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache sich ebenfalls ein ähnlicher Spruch vorfinden werde. Der Bursche, der Euch belog, ist der Klotz, der sich sogar einmal unterstanden hat, sich in mich zu verlieben. Ich bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren, sollte ich an dem blatternarbigten Ungeschickt eine Freude finden! Ich habe ihm das Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit tausend Tücken und Nücken, die mir, — wider seinen Willen, — Spaß machen, weil ich sie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei hat er auch auf Euch seinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber nicht, Monsieur: Ihr steht unter meinem Schutze.«

»Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Mademoiselle,« antwortete James lächelnd: »Doch wüßte ich schon selbst mir den Ueberlästigen vom Halse zu schaffen, wenn er mir ernstlich zur Last fallen wollte.«

»Das meine ich auch,« ließ sich die Senatorin breit und förmlich vernehmen; »Er hat starke Knochen, Monsieur, und mag sich durchhelfen. Für dich, Justine, schickt es sich indessen ganz und gar nicht, einem jungen Mann solche Promessen zu geben. Die Chapeaus sind doch — so Gott will, — dafür in der Welt,unszu beschützen, und es ziemen sich folglich solche cavaliere Redensarten keineswegs für eine schon verlobte Tochter. Ich werde also ...«

»Uebergenug, beste Mama,« fiel Justine kurz abfertigend ein; »Sie verstehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monsieur, beginnt die Lehrstunde!« — James gehorchte, doch Justinens Geist war keineswegs bei der Grammatik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der Wanduhr, und sie machte Schicht, sobald die Glocke schlug. Ein Vorwand wurde bald gefunden, den Lehrer zu begleiten, und schnell raunte sie ihm zu: »Wie ist's, Herr? habt Ihr der armen Französin das Geschenk gebracht? Lindert es ihr Elend? Was ist ferner zu thun?« — James erwiderte verlegen: »Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank, Ihre reichliche Gabe hat sie in Ueberfluß versetzt, und zu ihrem Glücke fehlt nur noch Eines:Sie, freundliche Geberin, von Angesicht zu sehen; Ihnen mündlich danken zu können!« —

»Rathet der guten Frau ab,« versetzte Justine ängstlich; »sie soll ja nicht hierher kommen. Der Vater, — er ist ohnehin mürrisch — würde es nicht gerne sehen. Die Mutter gibt in ihrem Leben kein Almosen, und ich hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taschengeld ...«

Sie stockte, besann sich einen Augenblick und setzte dann hinzu: »Die arme Frau soll sich deshalb nicht so grämen. Ich wünsche selbst, sie zu sehen, mich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen, aber Ihr begreift, es geht nicht an, daß sie komme. Ja, — wenn ich ein Mittel wüßte, ... ich würde mich gerne selbst einmal zu ihr schleichen ... ich helfe gar zu gern; ... aber ... ich weiß nicht ...«

»Das Mittel wäre leicht,« entgegnete James, etwas zögernd: »Vertrauen Sie sich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde sind wir hin- und zurückgegangen.«

Justine blickte ihn neugierig und strenge forschend an: »Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber wann? Ich will nicht mit Euch gesehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wissen.«

»So bleiben uns die frühen Morgenstunden,« meinte James, und der Vorschlag gefiel Justinen. »Schön!« rief sie, »das paßt. Mutter schläft fest bis um neun Uhr. Vater ist vor acht nicht sichtbar, und kümmert sich nicht um mich. Um sechs Uhr also. Dann sind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht sehen sollen. Wartet meiner morgen um diese Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, so wird mir das artige Abenteuer Freude machen.«

James versicherte seine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hause. Justine schwelgte dagegen in dem Genusse ihres kleinen Geheimnisses. Der Umstand, die Wohlthäterin einer Bedrängten geworden zu sein, schmeichelte ihrer Eitelkeit, und schien ihrem Leben eine gewisse Bedeutung zu verleihen. Sie sah sich nicht mehr verdammt, zwischen einer stumpfsinnigen Mutter und einem schwermüthigen Vater den freudenlosen Pfad zu gehen; sie wirkte nach Außen hin, und diese Idee erquickteihren Geist, der ihr zu etwas Besserem geschaffen schien, als zu der Einklammerung in alltägliche Hausverhältnisse. Justine war so gut und liebevoll, als sie sich manchmal schroff und ungestüm geberdete. Sie hätte gewünscht, die Pflegerin der Welt zu sein, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu besitzen, um sie an die Armuth zu vertheilen. Sie konnte darum der Neugierde nicht widerstehen, das dankbare Geschöpf ihrer Milde zu sehen, dessen Noth mit eigenen Ohren zu vernehmen, ihm Trost zu geben durch Worte und durch die freigebige That. Mit Ungeduld erhob sie sich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durch's Fenster belehrte sie, daß das schönste Wetter ihre heimliche Wanderung begünstige; schnell war sie in ein unscheinbares Gewand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf sechs Uhr wies, die Thüre ihrer Schlafkammer leise, leise geöffnet. Ein Geräusch hielt sie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutsam die ThüreseinesGemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langsam schritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hause. Justine war betroffen. Sie hatte den Vater gestern am ganzen Tage nicht gesehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, seinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieses leise, schleichende Ausgehen ... es kam ihr seltsam vor. Allein, was war denn, seit jener unglücklichen Begebenheit, nicht seltsam in dem Benehmen ihre Vaters? Schnell gefaßt trat Justine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu versäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu lassen.

James hatte sich schon seit geraumer Zeit auf dem Neumarkte eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken, vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Justine, die eiligst herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte, und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte seine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wohin sie noch nie gekommen war. Stutzig sah sie sich auf einer Kreuzstraße um, und sagte englisch zu dem Führer: »Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende, Sir? und wie steht's mit der Euern? —« James lächelte etwas verlegen, deutete jedoch auf eine Thüre, und antwortete: »Wir sind am Ziele!«

Justine betrachtete diese Pforte aufmerksam. Nur eine Mauer stellte sich dar, über welche sparsame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne Seitenfenster oder Lücke, war enge, niedrig, und sehr fest, von Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von dem Pförtchen abgesondert, standen nur einige halbverfallene, elende Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbeitend, schon beim Grauen des Morgenlichts ausgingen, und in später Nacht erst wieder heimkamen. Alle Thüren und Fenster zu; nur hie und da schrie aus dem Innern ein eingesperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund. — Mit fragendem Blicke deutete Justine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und wollte an dieselbe pochen. Rasch hielt ihm das Mädchen die Hand, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Wo führt Er mich hin, Monsieur? Da hinein gehe ich nicht.« James betrachtete einen Augenblick ihre Miene. Die seinige verfinsterte sich nicht. »Nach Belieben!« entgegnete er schnell, »so gehen wir zurück, weil Sie sich fürchten.«

Der Vorwurf der Furcht, so wenig er verwunden sollte, traf sein Ziel. Justine maß von neuem mit dem Auge die verschlossene Thüre, den zum Gehen gewendeten Jüngling, die menschenleere Nachbarschaft. »Glaubt Ihr, daß ich ein Kind sei?« fragte sie alsdann mit Vorwurf. »Furchtkenne ich nicht, Monsieur, aber ich muß darauf sehen, daß mein Vorwitz mich nicht an einen Ort bringe, der vielleicht meinem Geschlecht und meiner Familie gleich unangemessen wäre.«

»Wie, Mademoiselle?« fragte James mit flammenden Augen: »Glauben Sie, daßichfähig sei, Sie an einen solchen Ort zu führen? O wenden Sie schnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.«

Justine machte ihm rasch ein Zeichen, zu schweigen, und faßte, an ihn tretend, seinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Gesicht gedrückt, und zum Ueberfluß einen Mantel um das Kinn geschlagen, daß auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich vertraut zweimal an die räthselhafte Thüre. Ein Mensch von gemeinem Ansehen öffnete sie, und schob hinter dem Eintretenden die Riegel vor. Justine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Aussicht auf einen Hof mit Bäumen, und ein darin stehendes Gebäude erhascht. — »Kennt Ihr den Mann?« fragte Sie ihren Führer. Er verneinte. »Es sieht doch da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!« fuhr sie lächelnd fort: »wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?« »Ihr wollt es?« versetzte James: »in Gottes Namen denn!« — Er klopfte zweimal wie der Vorgänger. Derselbe Pförtner schloß auf, bückte sich wie ein Bekannter vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen desselben die Dame. Der Hof war bald durchschritten, das Gebäude bald erreicht. Tiefe Stille herrschte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein Kloster gewesen zu sein schien. Die in der Hausflur aufgeschichteten Geräthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewesen. Die halbdunkle, halbverfallene Treppe knisterte unter den Schritten der Kommenden. Neue Besorgnisse stiegen in Junstinens Seele auf. Da pochte James an eine recht unscheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der Engländer mit seiner Begleiterin trat rasch hinein. »Mein Gott!« flüsterte nun James der Letzteren zu: »wir sind am unrechten Orte!« Aber schon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore, die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen Verschlag, der zur Seite stand. Eine Bank war in dem dämmerigen Versteck zu sehen, und ein hölzernes Gitter gab die Aussicht auf das Gemach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe, dem Ansehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabsteinen auf dem Fußboden, und ausgebrochenem Ziegelpflaster. Die Fenster waren theils zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu beiden Seiten Verschläge hin, dem ähnlich, in welchem sich Justine befand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fensterlucken; Betstübchen aus sehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln und anderer Vermummung zu sehen. — »Wir sind in der ehemaligen Kapitelstube der Johanniter!« sagte James leise und verlegen zu der staunenden Freundin: »Verzeihen Sie mein Ungeschick. Schweigen Sie aber zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.«

Justine sah ihn starr an, und wendete sich, ohne eine Sylbe zu erwidern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürsteher beginnen würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kasten zuging, welcher am obern Ende derselben stand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel, schlug die vordere Wand herab, und siehe, es gestaltete sich unter seinem Geschäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit einem sauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der Diener anzündete, und einige Gefäße mit Blumen standen zu den Seiten eines Kruzifixes. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener nahm einige zinnerne Kännchen nebst Schlüssel und Serviette aus einer Lade, setzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte sich durch eine enge Thüre hinter dem schnell errichteten Opfertische. Justine sah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher und Rosenkränze aus den Taschen genommen wurden, und sie ahnte, was hier geschehen würde. Diese Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit einem großen Buche in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein ansehnlicher, ehrwürdig aussehender Mann folgte, in einem funkelnden, wunderlich geschnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend, und in ernstes Sinnen und Gebet versunken. Justine hatte einigemal auf Bildern und in Kupferstichen römisch-katholische Priester in solchen Kleidern gesehen, und zweifelte nun nicht, sich an einem Orte zu befinden, wo man den römischen Gottesdienst unter'm Schleier des Geheimnisses feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Brust entstand, läßt sich nicht beschreiben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerstrebende Form, gegen den dienstfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leichtsinn, hätte sie den Ort verlassen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht vor dem Aufsehen, das entstehen würde, — mehr noch als das — ihreNeugierdehielt sie fest.

Das Meßopfer begann mit der größten Ruhe, und der Anstand des Geistlichen versöhnte bald die Protestantin mit den Gebräuchen, die sie nicht faßte. Sie sah den Priester demüthig vor den Stufen des Altars auf die Kniee sinken; sie fühlte, daß er vor dem Einigen seine Schuld bekenne, für sich und seine Gläubigen; und geheimnißvoll vorbereitend drangen die halblaut gesprochenen lateinischen Worte zu ihrem Ohr. Unwillkürlich machte sie die Geberden der übrigen Zuhörer nach. Sie hörte stehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie genoß im Geiste das Abendmahl des Priesters mit, und als derselbe dem Volke verkündete, die Messe sei vorüber, als er wieder hinter der Thüre entschwand, durch welche er gekommen, — da bedauerte fast Justine, daß das seltsame, nie gesehene Schauspiel vorüber gegangen. Um den Eindruck, den dasselbe auf sie gemacht, noch aus dem baufälligen Hause mit sich in die freie Luft zu retten, drängte sie rasch den Begleiter, der sie zurückhalten wollte, nach der Thüre, und trat, — beinahe die Erste der Davongehenden, aus der Kapelle.

»Was thun Sie?« flüsterte ihr James besorglich zu: »Sie werden sich verrathen, erkannt werden! Wir hätten die Letzten sein sollen!«

Von der triftigen Einrede erschüttert, stand Justine verlegen still, zog den Schleier fester zu, und sah kaum nach den Vorübergehenden, die, vermummt wie sie, mit flüchtigem Seitenblick von dannen zogen.

»Hier herein!« sagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Justine in eine andere, nur angelehnte Thüre: »Hier finden wir, was wir gesucht, und indessen wird Haus und Hof von den neugierigen Gästen rein.«

Justine sah sich in dem Gemache um, und ward angenehm überrascht, ein ziemlich junges und hübsches Frauenzimmer, in prunkloser, aber sorgfältiger Kleidung, vor sich zu haben.

Dieses Letztere bewillkommte sie demüthig freundlich, mit einem wohlgesetzten Gruße in ausländischem Deutsch.

»Darf ich fragen ...?« äußerte Justine. —

»Mein Name ist Lainez;« versetzte die junge Frau: »wie glücklich machen Sie mich, indem Sie mich eines Besuchs würdigen, und einer Gelegenheit, Ihnen zu sagen, wie dankbar ich für die großmüthige Hülfe bin, die Sie mir durch den uneigennützigsten Wohlthäter, durch Herrn White, angedeihen ließen.«

»Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen sagte;« schaltete James ein: »Nur ein Zufall ließ uns die rechte Thüre verfehlen.«

»So?« erwiderte Justine trocken, indem sie einen mißfälligen und mißtrauischen Blick auf den Engländer warf, sich aber dann schnell zu der Französin wendete:

»Sie leben in einer geheimnißvollen Nachbarschaft, Madame.«

»Ich kenne meinen nächsten Nachbar nicht;« antwortete die Wittwe unbefangen, und sah Justinen furchtlos in das Auge; »der Verwalter dieses ehemaligen Magazinhauses hat viel von dem bedeutenden Gelasse, in dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht sich gern. Die Hausgenossen sind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe taube Frau, die mich mit Wasser und Holz versieht.«

»Ich glaube Ihnen,« versicherte Justine, indem sie der Freundlichen die Hand reichte: »Monsieur White wird um desto bekannter mit den Leuten sein, die ich so eben verließ.« —

»Ein Zufall, wie gesagt, Mademoiselle, brachte uns in die Mitte einer Versammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher ich mich jedoch nicht zähle.«

Justine betrachtete ihn ungläubig, und erwiderte rasch und drohend: »Gleichviel, Monsieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn und Frauen mögen unterdessen sorgen, daß nicht auch derSenatunter der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute anmeinemPlatze, so war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daßichnicht plaudre?«

»Ihr Herz,« versetzte James ruhig und zuversichtlich: »Sie sind ein zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vorsätzlich Unglück über Menschen bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr Gewissen zu seiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsgesetz sie verbietet.«

»Was ist denn hier im Werke? Was ist vorgefallen?« fragte Madame Lainez verwundert und neugierig.

Justine sagte: »Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu Herrn White: Ich bin Euch für die gute Meinung verbunden, Monsieur. Ihr fangt an, in meiner Seele zu lesen. Was wünscht diese wohl gerade jetzt?«

»Die Heimkehr;« antwortete James gefällig: »darf ich Ihnen wieder meinen Arm bieten?«

»Mit nichten, Monsieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hause meines Vaters finden. Ich fürchte weitereZufällean Eurer Seite. Eure völlige Entfernung ist mein Wunsch, und bis Ihr diesen erfüllt, werde ich schon der Dame hier zur Last fallen müssen.«

»Welche Ehre!« betheuerte die Lainez: »Wie schmeichelhaft diese Güte!«

»Sie zürnen?« fragte James gekränkt und bestürzt.

»Die ganze Stadt spricht von Justinen's Launen;« erwiderte Müssingers Tochter; »ich habe heute die Caprice vorsichtig zu sein; ich werde sie auch Morgen und Uebermorgen haben, und bitte Euch daher, dieses heutige Zusammensein als unser Letztes anzusehen.«

»Sie verstoßen mich?« rief James mit den Lauten des tiefsten Grams, wollte heftig auf das Mädchen zugehen, — faltete jedoch, sich besinnend, die Hände, warf noch einen seelenvollen Blick auf Justine, und empfahl sich dann rasch mit einer Verbeugung.

Justine hatte den schnellen Abschied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz. »Ich habe demMonsieur vielleicht Unrecht gethan,« sagte sie langsam zu der Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las; »allein was soll ein Mädchen thun, dem ein Mann Ursache zu gerechtem Argwohn gab? Aengstlich auf der Hut sein, denn die Männer sollen lieben, uns mit Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers Zufälle scheinen mir ein Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Gesicht gefällt mir, wie Ihr Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Lassen Sie mich wissen, worin ich Ihnen noch gefällig sein könnte.«

»Meine junge Dame! ich habe schon so Vieles von Ihrer Güte genossen, daß ich unbescheiden sein würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe reichte hin, die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein anständiges Wittwenzimmer auszuschmücken, und Sie würdiger aufzunehmen. Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, so flehe ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der trostlos von Ihnen ging, zu verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth verschuldet hat.«

Justine bewegte ungeduldig das Haupt. »Warum reden Sie von ihm?« fragte Sie: »Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie scheinen viel von ihm zu halten.«

»Mademoiselle!« erwiderte die Lainez: »Ich lebe eigentlich nur in meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abschied genommen, seit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven Soldaten starb. Gott sei gelobt, daß die Handlungen eines wackern Mannes noch für dessen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen. Mademoiselle! mein Gatte, Victor Lainez, machte, — wir waren kaum einige Monate verbunden, — an der Spitze seiner Grenadierkompagnie, die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den tapfern Boufflers aus der drohendsten Gefahr retten konnte, worein ein scheu gewordenes Pferd den Marschall versetzt hatte; ferner, daß er den kühnen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß. — Villars belohnte freilich die seinem Nebenbuhler Boufflers geleistete Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marschalls Familie verließ mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeschick dem vaterländischen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er, daß mein seliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tausend Engländern als König verehrt, einen Ehrendienst geleistet, als auch sein Beistand sich verdoppelte. Er wußte, selbst mittellos, seinen Pflegevater, den Doctor, in mein Interesse zu ziehen, — mein Schicksal zu erleichtern, und endlich in Ihnen nicht minder einen guten Engel für mich zu gewinnen.«

»So?« versetzte Justine, beinahe mit einem Anstriche von Eifersucht: »Es muß Ihnen peinlich sein, Madame, von einem jungen Mann abzuhängen. Frauen sollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines unverdienten Mißgeschicks verdanken. Welches ist denn Ihr weiteres Ziel? Ohne Zweifel sehnen Sie sich, in die Heimath zurückzukehren?«

Die Lainez schüttelte traurig den Kopf. »Ich finde nur Gräber dort, die mir werth sind,« antwortete sie: »meine Lieben sind alle hinüber. — Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus ihrer Heimath verwiesen, leben zu Berlin. Ich kenne diese fremden Vettern und Basen nicht, und fürchte, sie werden auch mich nicht kennen wollen.«

»Ihre Furcht möchte gegründet sein,« begann Justine, nach einigem Nachdenken. Die Lainez fuhr fort:

»Und ist es nicht grausam, daß ich diese Ueberzeugung hegen muß? Trage ich denn die Schuld, daß mein Vater, seiner Familie Vortheil berücksichtigend, den katholischen Glauben für sich und die Seinigen annahm? Die Auswanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben gebracht. Im Grunde ist es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen wir Gott verehren. Wir sind die KinderEinesVaters, und, so gut von ihm die zahllosen Sprachen verstanden werden, in welchen die Welt zum Himmel betet, so gut versteht er auch des Herzens frommen Willen von der Form zu sondern.«

Justine sah ihr bewegt, scheu und dennoch freundlich in's Auge. — »Sie sprechen gut, Madame!« sagte sie: »Sie erregen meine lebhafte Theilname. Ich werde Sie wieder sehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre Zukunft mit Ihnen reden. Verlassen Sie sich auf mich. Ich bin ein junges Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von größerem Nutzen sein, als der Monsieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich seinem Beistande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen schicklichere Dienste zu leisten. Ich muß überlegen, ... mein Gott! ich habe diesen Morgen schon so Vieles gehört und gesehen;.... sagen Sie mir aufrichtig: Sie wissen in der That nicht, was in Ihrem Hause — Ihrem Zimmer gegenüber, vorzugehen pflegt?«

»Wahrlich: Nein, Mademoiselle.«

»So bleibt mir nichts übrig, als die Delikatesse zu bewundern, womit sich augenscheinlich eine Gesellschaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie eigentlich gehören, — die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu drehen, um Sie der Gefahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen. Oder.... will man erst Ihrer Verschwiegenheit gewisser werden.«

»Noch einmal, Mademoiselle, ich verstehe Sie nicht.«

Justine rieb sich ungeduldig die Stirne. — »Ich werde ganz verwirrt,« sagte sie: »Ihre Unwissenheit.... White's räthselhaftes Betragen.... ist der Monsieur Protestant oder nicht?«

»So viel ich weiß: ja. —«

»Und Sie, Madame, sind, wie Sie sagten, Katholikin?«

»Aufrichtig zu sein, Mademoiselle, muß ich Ihnen bekennen, daß mein Vater, ob er gleich zur Messe ging, dennoch Protestant geblieben. Wir Kinder folgten, größer geworden, seinen Grundsätzen. Herr von Lainez ließ mir freien Willen in Religionssachen. Meine Verwandten zu Berlin werden freilich nie glauben, was ich Ihnen so eben gestand, aber es ist nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich entgegen sehne.«

»Dann müssen Sie aus diesem Hause!« rief Justine lebhaft: »ja Madame. Sie müssen, — ehe Sie erfahren ...«

»Was, Mademoiselle?«

»Ich werde überlegen, — nachdenken, Sie dieser Lage entreißen. Glauben Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.«

»Erklären Sie sich....«

»Ein Andermal ... Morgen oder Uebermorgen! So eben schlägt die Stunde, in der ich schon zu Hause sein sollte. Ich verlasse Sie jetzt, um Sie bald gefaßter wieder zu sehen. Veranstalten Sie indessen, daß ich den Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl, meine Beste. Keinen Dank für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünsche, ich hoffe, ein Mehreres für Sie thun zu können. Adieu.«

Justine ging in der heftigsten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators Tochter eilte die Gasse hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete, wie einarmer Sünder seines Richters, hätte zu keiner unpassenderen Zeit in ihren Weg treten können.

»Was wollt Ihr?« fragte sie ernst und hastig, und streifte an ihm vorüber.

»Mademoiselle!« entgegnete er verschüchtert: »hassen Sie mich nicht! ich wollte meine Reue ... ich hatte nicht Ruhe; ... darf ich nicht ein Wort ...?«

»Incommodirt Euch nicht, Monsieur,« sagte Justine kurz: »Schleicht nicht an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke. Adieu.«

Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen verzweifelnd, zurück, und schlug den Weg in eine andere Straße ein. Er rannte an einer bekannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt, der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und dann eiligst der Jungfer folgte, die er wahrscheinlich von ferne, mit James redend, gesehen.

White hatte indessen nicht Zeit, nicht Besonnenheit genug, über diese Begegnung nachzudenken. Die, wie er sich bewußt war, verschuldete Mißbilligung und Verachtung eines geliebten Mädchens, auf dessen Gedanken-Consequenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz allein sein Herz, erfüllte sein Gemüth. Er verwünschte im raschen Laufe nach seiner Wohnung seine Bestimmung, sein Geschick, seine Liebe, und den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränendem Auge und hochschlagender Brust erreichte er sein Stübchen, und warf sich, wie trostlos auf das Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geschlossenen Augen seine Sinne gesammelt, als er hinter der Bretterwand, die sein Gemach von dem Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräusch einer aufgehenden und zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterschied die Stimme des Doctors, die Stimme des Senators Müssinger.

»Erholen Sie sich,« sagte der Erstere: »in allen Verhältnissen des Lebens ist uns Fassung am nöthigsten. Der Mensch ist seiner Herr, sobald er über seinem Schmerze, wie über seinem Glücke steht. Die Erinnerung an das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier stört uns niemand; hier lauscht niemand.«

»Arme Clara!« seufzte der Senator: »nach neun und zwanzig Jahren muß sich Dein Andenken so grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher bösen Zeit, mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!«

»Clara ist im Himmel, Herr Senator. Sie sitzt zu den Füßen der Gebenedeiten, und sieht gewiß segnend auf uns herab, denn dort oben löscht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.«

»Welche Reden, würdiger Herr! das sind Worte des Trostes, der unendlichen Zuversicht auf unendliche Barmherzigkeit! Aber — was hilft es? Ein stummer Fluch verfolgt mich, — und weil mein frevelhafter Leichtsinn ein unschuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das Meine. —«

»Der Schatz göttlicher Liebe ist groß, unermeßlich. Vertrauen Sie dem Heiland. Ich darf seine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges, nach Versöhnung lechzendes Gemüth sich vor dem Kreuze in Staub wirft. Sie erschraken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage. Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derselben angehörten! um zu erproben, ob ich den Beruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande besitze.«

»O!« — stieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram undKummer heraus: »fast wünschte ich auch, einer der Ihrigen zu sein, daß ich auf Milde und Vergebung rechnen dürfte. —«

»Die Sonne scheint dem Bösen, wie dem Guten;« antwortete der Doctor mit Salbung: »Der Verirrte hat in seinem Irrthum selbst Anspruch auf die Gnade seines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der Entfremdete, der einen Bild des Sehnens nach der traurenden Heimath zurückwirft? Beruhigen Sie sich, bester Freund. Das Wort, das Sie so eben gesprochen haben, macht Sie schon gleichsam zu den Unsrigen. Ich trage daher, — die Macht benützend, die unsere frommen Väter im Namen des Statthalters Gottes auszuüben begannen, — kein Bedenken, Ihnen die Tröstungen unsrer Religion anzubieten, da Ihnen, wie ich bemerke, diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ihnen zu geben vermag, nicht zulänglich scheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn, und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr ist Ihnen offen, und meine Hand bereit, jeden Kummer aus Ihrer Brust zu nehmen, und den Balsam der Versöhnung dafür hinein zu legen.«

Der Doctor schwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen husten, und endlich mit unsicherer Stimme erwidern:

»Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu erzeigen bereit sind. Allein, — obgleich mein Herz sich nach der himmlischen Speise sehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört ist von der starren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem kindlichen Vertrauen entgegen kam, — so muß ich doch nicht minder bekennen, daß die in der Jugend eingesogenen Grundsätze und Lehren mir zu verbieten scheinen, von Ihrer barmherzigen Freundschaft Gebrauch zu machen. Ich bin nie ein Kopfhänger gewesen, — leide nur seit einiger Zeit an den schweren Scrupeln meines Gewissens, — ich darf nur von der mildesten aller Religionen Milderung meines Zustandes erwarten, — aber — das ist die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es so nennen wollen, daß ich in meiner Angst nicht weiß, ob ich in Ihren Vorschlag eingehen darf, wenn ich gleich sonst an jeder Tröstung verzweifle.«

»Herr Senator!« lautete des Doctors ruhige und alsobald folgende Antwort: »Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! so heißt die schwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es sich umsonst bestrebt, sich zu Gott zu erheben. In der heidnischen Fabel von dem Vogel Phönix finden Sie den Zustand einer muthigen Seele angegeben, die, über Zeit und irdische Hinfälligkeit hinaus verlangend, sich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die Heiden verstanden selbst die Fabel nicht, die sie dichteten, aber dem wahren Christen muß sie verständlich sein. Er verbrenne in der Anschauung des Höchsten den vom alten Adam umsponnenen Körper, und mit ihm alles Irdische, damit er in Gott verjüngt werde. Er lasse sich nicht von weltliche und irrthümlichen Fesseln halten, um das Wahre zu finden. Er verschmähe nicht die herrlichste Frucht, weil ihm etwa von Kindheit auf aberwitzige Leute gesagt haben, sie sei ungesund.«

»Indessen,«, fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Augenblick inne gehalten: »indessen rottet man das Vorurtheil, für welches der arme, irrende Mensch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten Blumen verlangen von ihrem fürsichtigen Gärtner eine kluge, treue und sanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unsere Kirche, die, allen Lästerungen zum Trotze, dennoch die weißeste, sanfteste — und freudigste Gärtnerin im Paradiese des Herrn ist? Sie spricht also zu Ihnen, mein werther Freund und Beichtsohn: Es ist nicht zu läugnen, daß gebieterische Umstände das Abweichenvon der gewohnten und vorgeschriebenen Regel entschuldigen. So gilt zu Zeiten das mündliche Testament eines vom gerichtlichen Testiren abgehaltenen Sterbenden; — so gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Wasser. — Soll ich noch von den Begräbnißgebräuchen reden, die der Capitän eines Schiffes, in Ermangelung eines Geistlichen an den verschiedenen Matrosen verrichten darf? oder von der Absolution, die im Augenblicke der Schlacht der Soldat seinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme sie aus Priesters Munde? Es wäre überflüssig, mich weiter darüber zu verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein katholischer Priester oder ein Prädikant ihr beisteht, — gleichviel! wenn sie nur gesundet!«

»Wahr, ehrwürdiger Herr!« versetzte Müssinger: »jedoch ...«

Der Doctor unterbrach ihn alsobald: »Mit wie viel größerem Rechte aber bietet IhnenmeineKirche ihre tröstende Hand! Sie dringt sich Ihnen nicht auf, sie bettelt auch nicht um ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie will Sie nicht erst überreden, sich zu ihr zu wenden; sie macht alte Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre Partei sagen mag: Die katholische Kirche ist Ihre Mutterkirche.Siehaben ihren Schooß verlassen; aber die Mutter hatSienicht aufgegeben, Sie sind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholischen, der Allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proselyt für diese Letzte, kein Abtrünniger von Ihrer Sekte; — Sie sind ganz einfach nur dem verirrten Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurückkommt, und sich an die gewohnte Stelle am Tische setzt. Die römische Kirche ist Ihr Haus, auf welches sich Ihre Ansprüche nicht verjähren, so wie sich hinwiederum das Recht derselben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, sondern Sie üben eine Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es Ihnen selbst sagt, daß ich wahr geredet habe.«

»Ihre Worte rühren und ergreifen mich,« erwiderte der Senator, »verlangen Sie aber nicht, daß mein so befangener geängstigter Geist sich davon überzeugen lasse. Ich bin keiner der Frommen in meiner Kirche, aber wenn es darauf ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre zu vertauschen, so rasch, so unüberlegt ...«

»Verlange ich denn dieses?« fragte der Doctor sehr sanft, »Hat denn der Mensch seinen freien Willen umsonst? Ist denn die Kirche neidisch auf den Pflegling, der einer irrthümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem Vater ist es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hause kommt, unbekümmert, ob ihn der nächste Augenblick wieder von dannen reiße. Weil die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, füllt sie dem Scheidenden die Reisetasche mit köstlicher Speise und mit Ruhe die Brust. Mag es dann wieder fremdem Zuge folgen; sie liebt es nicht minder zärtlich.«

»Sie meinen also, daß der Seelentrost, den Sie mir verheißen, von mir genossen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte, die ich bisher beschritt?«

»Nichts faßlicher, als dieses. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen, der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören? Werde ich von Ihnen erst ein Glaubensbekenntniß fordern, das von dem Verlangen Ihrer Seele schon ausgesprochen wurde? Ohne es zu wissen, waren Sie schon wieder der Unsrige geworden, — und ist, mein werther Beichtsohn, in Ihrem Sünden-Bekenntnisse und der daraus entspringenden Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erst aufgegangen, so ist Alles geschehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie sindim Innern wieder geworden, wozu Sie Gott erschuf, und das genügt uns. Von Ihrem Gutdünken, und der Forderung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie nicht in der Befolgung aller Gebräuche unsrer Kirche eine größere Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und seines Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht unsre Nachsicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen und Töchtern, jede öffentliche Aussprechung dieser Handlung zu erlassen, damit die Vereinigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem Sohne, und dem Geiste, nicht durch weltliche Rücksichten und Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieses berührt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beichtsohn, den ich als einen Gast freundlich zum Tische des Allbarmherzigen lade. Machen Sie sich demnach keine weitere Gemüthsbewegung; sammeln Sie Ihre Gedanken, und beginnen Sie, im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit, die ungeschmückte schlichte Schilderung des Kummers, der Sie bedrängt, und der Sünden, von denen Wir Alle nicht rein sind, in meinen Schooß niederzulegen.« —

James hörte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab ging, wie er sich alsdann mit einem tief aus der Brust geholten: »Ach! in Gottesnamen denn!« neben dem Doktor niederließ, — wie er mit gedämpfter Stimme begann, demselben sein Herz zu eröffnen. Ein unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und gewissenhafter sein würde, nicht länger den Horcher abzugeben, — die Scheu endlich, ein Beichtgeheimniß zu erlauschen, vermochte den Jüngling, ohne Geräusch vom Lager zu entweichen, und sich an das Fenster zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende Aussicht gewährte. Er verlor sich in den Träumen seines Verstandes, in den Bewegungen seines Herzens, und sein wachendes Auge theilte sich mit dem Letztern in das Geschäft: eine Täuschung zu geben, die dem Hellsehen ähnlicher ist, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gartens gestaltete sich zu dem Hause des Senators, und darinnen waltete ein liebliches, wohlbekanntes Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beschauer durch unendliche Anmuth fesselte, durch unendliche Seltsamkeit abstieß. Dem jungen Engländer kam es vor, als sei es ihm vergönnt, in das Innere Justinens einen scharfen Blick zu werfen; als sei er auf dem Punkte, dieses holde und quälende Räthsel zu entziffern. Justinens Blicke sprachen Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens schien der trotzige Mund es zu leugnen, das fremde Wort es zu verneinen. James sah sein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand es muthwillig von sich warf. Warum wehrst du dich gegen das Gefühl, das uns verbinden möchte? fragte seine Zunge stille vor sich hin: Siehst du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde deiner werth bin? daß mein Herz nicht böse, meine Seele ohne Falsch ist? Betrübe dich doch nicht um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen! Sie sind mir ja von einem harten Loose aufgegeben: noch bin ich zu schwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenspiele zwingt, das ich Muth haben möchte, zu verabscheuen, und zu endigen! Ich kann ja nur durch deine Liebe zum Manne werden, nur in dir meine Stütze finden, so wie du in mir, denn verwaist stehen wir beide: Du, einsam im Vaterhause zwischen den lebendigen Eltern, — ich, in der Fremde, zwischen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das meine Mutter verschlang! Wenn ich dich rufe, damit du mich zu kühner That begeisterst, — wirst du mich nicht hören? Wenn ich meine Arme nach dir ausstrecke, um dich an mein Herz zu ziehen, — wirst du dich ewig sträuben? — Das Bild der Geliebten entzogsich den Armen des Jünglings nicht; es beugte sich aus den spiegelhellen Fenstern, — heller, klarer als diese; seine Brust pochte vor Entzücken, seine Hand zitterte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewährende getrennt. Ein dunkles Feld schob sich zwischen Beide. Ein Thurm schoß auf aus der Tiefe, und trug Justinens Gestalt bis zu den Wolken, daß der Zurückbleibende bald ihre Züge nicht mehr unterscheiden konnte. Statt ihres glänzenden Auges blinkte ein vergoldeter Thurmknopf auf die Wasserwüste hernieder, die auf ihren unstäten Wellen den Jüngling fortzureißen schien. Wie vorhin die Laube zum Hause, so wurde nun die hochstrebende Tanne zum Maste, von welchem schwarze Wimpel flatterten. Je frischer der Wind über des Gartens Blumenbeete strich, und deren Häupter bewegte, je drohender schienen die Wasser zu schwellen, und James ängstigte sich, von Heimweh und Sehnsucht gemartert, auf der reißenden Fahrt. Wohl klärte sich der betäubende Schwindel wieder in ein helles Bewußtsein auf; — wohl warf an den Ufern eines reizenden Landes die Hoffnung den Anker aus, und es rastete der fluthenschneidende Kiel ... wohl winkte aus dem Myrthengebüsch am Strande, aus den Palmenwipfeln der Höhen ein reizendes Weib, verführerisch in ihrer Anmuth und in fremder Tracht und Sitte ..., James konnte nicht weilen im herrlichen Gebäude, durfte nicht rasten, wie das verlassene Schiff. Justine schwebte ja über den blauen Bergen des Horizonts; ihre versagende Geberde, ihr strenges Lebewohl, riß ihn ja dahin wie mit Göttergewalt, — bis unter den Blätterbehängen eines lautlosen Waldes ihre Huldgestalt verschwand, ihr abmahnender Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innre jenes geheimnißvollen Waldes folgen, denn seine Sinne endigten, erschöpft von den übermenschlichen Hindernissen, die ihre eigene Laune gebar, das trügerische, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit einem Schlage Alles um ihn her, wie zuvor; der Thurm zur kleinen Laube, der schwarzgewimpelte Mast zur düster belaubten Tanne geworden. Das wogende Meer hatte sich wieder in ein Blumenfeld, die myrthenbekränzte Küste in des Nachbars wohlgeschmückte Orangerie verwandelt; der blaue Gebirgsrücken in das hohe Schieferdach der Paulskirche; der schweigende Wald in die Pappelspitzen des zu St. Paul gehörenden Friedhofs. Das Schauspiel war vorüber, und den Gedanken des Jünglings wurde sogar verwehrt, ihm einen grübelnden Epilog zu halten, denn die Herren im Nebenzimmer, die wieder angefangen hatte, laut zu sprechen, erregten des fast unwillkürlich Lauschenden Aufmerksamkeit.

»Sie können von der Sünde, die Sie sich zuzurechnen haben, nur in Ihres Gewissens Buße und im Gebete Befreiung finden,« hob der Doctor ernst und mit bewegter Stimme an: »Gott und die Barmherzigkeit sind Eins: ich darf Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zusichern, und muß jetzo doppelt beklagen, daß Ihre Eltern Sie den Gebräuchen der wahren Kirche entfremdet haben; ein Irrthum, woran Sie unschuldig sind; der aber nichts desto weniger störend auf Ihren Seelenzustand in vorliegendem Falle einwirken muß.«

»Wie das, mein würdiger Vater?« fragte der Senator mit zerknirschter und erschöpfter Stimme.

»Hätten Sie den Muth, den Willen, mein Sohn,« — begann der Doctor wieder, — »mehr als ein Gast am Tische Ihres Vaters, in den Armen Ihrer Mutter zu sein, — würden Sie aufhören, die heiligen Glaubenslehren wegzuweisen, die allein unsere Glückseligkeit ausmachen, — in einem Augenblicke würde Ihr Herz beruhigt, glücklich sein. Ich würde Sielossprechen; das Vergangene gänzlich ungeschehen machen. Vermittelst einerkleinen Buße, die den Armen zu Gute käme, und einiger geistlichen Betrachtungen könnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen, während ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweisen habe. Ihre Prediger, mein Lieber, sind gut und böse, wie die Welt; aber die Besten unter ihnen, die Gelehrtesten, wie die Spitzfindigsten, die Tugendhaftesten, wie die Klügsten, ermangeln des Stempels, der ihrem Thun die Weihe aufdrücken könnte. Gewandtheit in der Rede und in der Dialektik ist nicht die Gelehrsamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber ist, als ein wohlgesetzter Sermon. Ihre Prediger, Herr Senator, sind nicht Priester, und gleichwie ihr Gewand sich dem Weltlichen nähert, so ist leider ihr Geschäft nur ein Weltliches.Unsist vom Heiland die Macht vertraut, zu lösen. Darum sprechen wir mit voller Zuversicht die zuversichtigen Glaubensbrüder los, während Ihre Geistlichkeit, indem sie dem Gewissen des Pönitenten und einem oberflächlichen sorglosen Vertrauen auf den Höchsten alles Sündenwesen anheimstellt, an jedem Beichttage eine Sünde mehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr glauben.«

»Sie sprechen hart ab, würdiger Herr.«

»Nicht so hart, als man über uns das Verdammungsurtheil fällt. Gott duldet aber diese Schmähungen seiner Kirche, damit ihr Sieg einst glänzender werde. Seine Langmuth kennt nur die weitesten Grenzen. Hin und wieder warnt sie scharf, aber der taube Irrende überhört den Ruf der Warnung. Ein Beispiel, mein Lieber: Es sind kaum sechs Monden verflossen, seit an einem Vorbereitungs- und Beichttage in der Johanniskirche, plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein Blitzstrahl in die Emporkirche schlug, die Orgel beschädigte, das in Marmor gehauene Evangelienbuch über dem Altare zertrümmerte, und durch ein offenstehendes Fenster in's Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen Fingerzeig des Ewigen, der in seinem Gewitter warnte, und dennoch nicht strafte, da kein Mensch beschädigt wurde, und der Organist mit einer leichten Betäubung davon kam.

Der Tag, an welchem dieser merkwürdige Vorfall Statt hatte, das kecke Sinnbild, das der Blitz zertrümmerte, Alles erregte die gerechten Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit ist, Gottes Willen zu erkennen, als ihren Führern lieb ist. Ihre Geistlichen verkündigten freilich von den Kanzeln, daß man den Schöpfer beleidigen würde, wollte man in der reinen Zufälligkeit jenerNaturerscheinungden Ausdruck seines Zorns erkennen. Was soll man jedoch von den gelehrten Männern denken, die am folgenden Tage vielleicht mit aller Wärme den Satz vertheidigen, daß kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unserem Haupte fällt, ohne den Willen des Allmächtigen? — Den schlechten Vogel auf dem Dache also, das dünne Haar auf unserem Scheitel vermag er zu halten, aber nicht das Gewitter, auf dem er daherfährt? nicht den Blitzstrahl, seinen fürchterlichen Macht- und Zornboten?«

»Ich sehe Sie in Gedanken vertieft,« fuhr er nach einer Pause fort, während welcher sich der Senator ganz ruhig verhielt: »Lassen Sie uns abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen Sie Ihr. Jeder Mensch ist zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege zur Besserung einschlägt. Jeder Sünder oder Irrende, der das Heilsucht, hat Theil an demselben, weil Christus es für Alle durch sein Blut erworben hat, und man muß gerade nur Jansenist sein, um diesen Trost läugnen zu wollen. Gehen Sie hin: ich bin überzeugt, daß Sie nach den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiermit erlaube, freudig zu mir zurückkehren werden, um das Kleid der Unschuld völlig anzuziehen.«

Der Senator seufzte wieder schwer, und setzte zögernd hinzu: »Was dieSummen betrifft, würdiger Herr, welche den Betrag der Wechsel ausmachten ... mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich könnte freilich, — Dank sei es jenem blinden Glückszufall, — dem Erben die Summen abtragen, allein schon zirkuliren sie im Handel. Mein gesunkener Credit bedurfte starken Aufschwungs, — jetzt kann ich das Geld nicht wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls, ... der Himmel behüte mich, es gänzlich abläugnen zu wollen ... aber ... wie gesagt..«

»Ich weiß bereits,« versetzte der Doctor: »ich glaube, daß Sie vor der Hand die fraglichen Summen gar wohl behalten dürfen. Wären Sie unsers Glaubens, ich würde unumwunden sagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn. Ihr redlicher Wille, es einst wieder zurückzuzahlen, genügt der Moral vollkommen, da — Erstens — Sie sich durch die einstweilige Verwendung der Summen aus der bedenklichsten Lage retten, und Selbsterhaltung die erste Pflicht ist; da — Zweitens — der jetzige Creditor in seinem Reichthume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen istpericulum; die Gelder, einst mit Interessen zurückgegeben, werden ihm doppelt erwünscht kommen. Sollte hingegen zu jener Frist er selbst nicht mehr leben, und keine Familie hinterlassen, so befreien Sie, der Kirche eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewissen völlig. Wären etwa Hinterbliebene vorhanden, so genügen Sie den Anforderungen der Moral, wenn Sie unter diese und die Kirche den Betrag gleich vertheilen: denn, da die Erben persönlich kein Unrecht erlitten, so entschädigt sie hinlänglich die Hälfte, während die andere, zu milden Stiftungen verwendet, am zweckmäßigsten die Rechnung mit dem Verstorbenen ausgleicht.«

»Sie sind ein wackerer, kluger Mann,« versicherte der Senator mit leichterem Herzen: »Ich fühle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menschen auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als alle unsere Geistliche durch ihre strengen Forderungen und schwülstigen Reden. Ihre Sittenlehre paßt in die Welt, wie sie ist. Sie verstehen die Bedürfnisse eines Hausvaters und Geschäftsmannes zu beachten. Wenn nur die Gestalt des armen Birsher von mir weichen wollte!«

»Die Absolution ist der beste Exorcism gegen die Gespenster des Gewissens. Nur die Lossprechung wälzt den Fels, den verschuldeten, von Ihrer Brust. Sie wissen den Weg zur Gnade. Wählen Sie in Zeiten.«

»Wenn mich nur die Furcht vor Sünde nicht abhielte, meine Sündhaftigkeit zu heilen!« sagte der Senator ängstlich: »Ich armer Mensch!«

»Wir halten häufig für Sünde und Verbrechen, was eine gleichgültige Handlung ist. Menschensatzung ist immer voll von Fehlern, und das Lutherthum ist eine solche. Der heilige Petrus konnteunswohl Worte vom Himmel bringen, er vernahm sie aus dem Munde seines himmlischen Meisters. Der Augustinermönch von Wittenberg konnte Ihnen nur Weltliches lehren.Wiröffneten ihm die Arme,erstieß uns verstockt zurück. Wer handelte hier im Geiste des versöhnlichen Gottes? Ein Cardinalhut hätte den ehrgeizigen Mönch beschwichtigt und zahm gemacht; die demüthige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am römischen Hofe nannte man es Verbrechen, den Widersacher durch heilige Würden kirren zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter reuig entgegen zu kommen. Was ist also Sünde, so lang die Welt es mit Recht und Unrecht zugleich hält? Würde man zu Hamburg Ihnen ein Verbrechen daraus machen, daß Sie in der Lotterie spielten, und das große Loos gewannen? Gewißlich nicht, während man Sie hier, würde es bekannt, aus dem Senate stoßen würde. — Wird ein unbefangener Mensch Sie eines Verbrechens beschuldigen, weil Sie nun wissen, daß ich ein katholischer Geistlicher bin, undweil Sie nicht hingehen, um mich zu denunciren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch würden Sie Ihrer Würde verlustig und in starke Geldbuße verfallen sein, erführe es die Stadt. Thun Sie Recht, bereuen Sie das Vergangene, damit Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unsern, daß ich die Freude haben kann, Ihr Gewissen gänzlich zufrieden zu stellen. Dahin gehe Ihr Trachten. Besuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herrn, im Stillen: Sie sollen immer in mir den verschwiegensten, den treuesten Freund finden.«

»Der Engel Clara spricht für Ihre Tugend und Ihre Liebe!« rief der Senator unter Thränen, die an des Doctors Brust zu fließen schienen.

»Um Clara's willen also, Herr Senator,« versetzte der Doctor eindringlich: »Muth! heilsamer Entschluß! Vertrauen zu mir und meinen Worten. Um Clara's willen, armer zweifelnder Mann!«

Nach einer kurzen Stille hörte der junge Engländer den Senator fortgehen. Der Doctor rief nach seinem Frühstück, sang seinem Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Tasse klirren hörte, glaubte er, es sei an der Zeit, dem Pflegvater sich vorzustellen.

Der Doctor hatte die Gewohnheit, sich zur Zeit des Frühstücks in sein Cabinet zurückzuziehen, um daselbst ungestört sein Brevier beten zu können. James fand ihn damit beschäftigt. Leupold legte das Buch indessen alsobald weg, und sagte heiter: »Guten Morgen, mein Sohn. Du findest mich erfreut, denn Gott will erlauben, daß ich wieder eine Seele zu dem Freudenreiche der alleinseligmachenden Mutter zurückführen darf. Wie hat sich deine Bemühung belohnt, James? Ich glaube, dich in der Kapelle gesehen zu haben.«

James berichtete mit Bedauern und Achselzucken. Der Doctor hörte aufmerksam zu. »Recht gut!« sagte er alsdann. »Ich finde keinen Grund zum Verdruß und zur Mißbilligung. Das Mädchen hat, wie du sagst, mit gespannter Neugierde die Messe abgewartet? folglich hat die heilige Handlung Eindruck auf dasselbe gemacht. Der Reiz des Mysteriösen vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Justine nicht. Sie scheint fester und verschlossener zu sein, als Mädchen gemeinhin zu sein pflegen. — Die Lainez soll hier ihr Meisterwerk machen. Seitdem sie hier ist, hat sie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele gewonnen. Die Frau ist noch zu jung, zu hübsch, zu eitel, um mit Vortheil wirken zu können. Sie wirft ihre Netze nach Männern aus, während sie die Frauen erobern sollte. Die Kunst, die sie besitzt, ihr Aeußeres zu formen, wie es die Nothwendigkeit erheischt, — ihre Geschicklichkeit, den Protestantismus auszuhängen, um eben durch diese List für die gute Sache zu werben, — diese lobenswerthen Eigenschaften sind mir wohl bekannt; aber ich wünschte dennoch, der Pater Superior hätte mir eine andere Mitarbeiterin, älter, gediegener, zuverlässiger, an die Seite gestellt. Eine solche würde auch dich, mein Sohn, mehr zu begeistern vermögen, als diese Lainez kann, von der du dich augenscheinlich abwendest.«


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