Zweiter Theil.

»O, mein Vater;« entgegnete James mißmuthig: »die heuchlerische Lainez, wie ich, wir spielen eine recht gehässige Parthie.«

»Wieder die alte Klage?« fragte der Doctor finster: »Du wirst mich zwingen, dich vor Beendigung meiner Mission in's Noviziat abgehen zu lassen. Schweige, wenn du nichts Verständigeres vorzubringen weißt. Dort liegen Frachtbriefe, Rechnungen, und zu beantwortende Missiven. Schreibe ab, trage in's Buch und auf mein eigenes Register. Vergiß nicht nachzurechnen, mein Sohn. Der Ansatz der Medizinalkräuter und Farbehölzer, den mir der Pater Thomas Cosedro von Assumption beigelegt hat, scheint mir übertrieben. Sieh vorläufig nach, bis der Capitän selbst angelangt sein wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun ausgehen, und mein Brevier im Freien lesen, und bei Spaldinger Wechsel für das Provinzialat negoziren, und dem Himmel danken, daß er unsers Ordens Bemühungen in hiesiger Stadt mit außerordentlichem Gedeihen segnet. Wir zählen bereits mehrere bedeutende Männer zu unserer kleinen Gemeinde, und der Beitritt eines einflußreichen Rathsherrn soll unserer Mission, mit Christi Hülfe, größere Sicherheit und ein erfreuliches Bestehen erleichtern. Gott erleuchte dich, mein Sohn, und behüte dich, bis zum Wiedersehen!«

Wie der Doctor, nachdem er sein Haus verlassen, seine Wechselgeschäfte verrichtet, wie er sodann unter den Bäumen der sogenannten Brunnenhaide seine Gebete mit geflügelter Zunge abgethan, — im Voraus weglesend, was noch zum Nachmittag aufbehalten hätte bleiben sollen, bedarf keiner weitläufigeren Beschreibung. Zufrieden, von Niemand in seiner Andachtsübung gestört worden zu sein, schob er das Buch in die Tasche, und ging zur Stadt zurück, berichtigte an der Brücke auf's Pünktlichste den Zollpfennig, grüßte freundlich und ergebenst alle Gutgekleideten, die an ihm vorüber kamen, und nickte mit verstohlener Herablassung einigen gemeinen Arbeitsleuten zu, die eben so verstohlen beim Läuten der Mittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Höflichkeit des klugen Mannes erstreckte sich sogar auch auf leblose Gegenstände. Vor dem Schilderhause an der Thüre des ersten Bürgermeisters, vor dem Stadtwappen über dem Thore des Rathhauses, vor den Kanonen der Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblößte sein Haupt beinahe vor jedem ansehnlichen Hause, wenn gleich aus dessen Fenstern Niemand sah. Sobald er wieder in die engen Straßen seines Viertels kam, machte die Demuth dem Selbstbewußtsein Platz, und in der That war eine in jener Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, seinen Ideen eine andere Richtung zu verleihen. In einem engen Gäßchen standen alle Bewohner vor den Thüren. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden Straßen erfüllten den Eingang des Gäßchens, und all' die zerstreuten Gruppen gafften nach einem Hause, das auf seinem Aeußern schon das Gepräge der Armseligkeit trug, hätte man auch nicht an dessen Fenstern die blassen, von Schmutz und Hunger entstellten Kindergesichter gesehen, die daraus auf die schwatzenden Leute starrten. Schon hatte sich der Doctor zu einem Trupp plaudernder Schustergesellen gewendet, um Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hause, nach welchem alle Blicke sahen, der Pastor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit dem feindseligsten Gesichte. Dem heftig ausschreitenden und schnaubenden Manne folgte der gutmüthige Arzt Häckel, den das Volk gemeinhin nur den Armendoctor nannte, und verschwendete manches gutgemeinte Wort des Zuredens. Mehr noch indessen, als des Arztes Fürsprache griff das Gesicht und das Aeußere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte einherschlich, an jedes halbmenschliche Herz.

Der Prediger in seinem Unmuthe wurde jedoch nicht gerührt.

»Keine Begleitung, keine Nachrede!« sagte er heftig: »Verehrtester Herr Doctor Häckel! kein Jota weiter! und Er, Monsieur, schweige Er vollends. Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der Bürgerschaft ein Scandalum gegeben. Hätte ich von Anfang gewußt, mit welchemnebulone, mit welchem Gelichter ich's zu thun haben sollte, ... nicht einen Schritt weit wäre ich gegangen! nicht SeineSchwellehätt' ich betreten!«

»Aber, ehrwürdiger Herr Pastor! eine Sterbe ...« stammelte der so unsanft Zurechtgewiesene.

»Was kümmert das mich?« eiferte der Geistliche mit größerem Unwillen: »Wie gelebt, so gestorben. Wem Ihr Leute im Leben angehörtet, dem bleibt auch im Tode. Helf Euch der, dem Ihr Euch übergeben, Ihr Auswurf!«

Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gasse, und die Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doctor sah noch, wie der gutmüthige Arzt Häckel dem in seiner Betrübniß verstummenden Bewohner jenes Häuschens ein Stück Geld in die Hand drückte, wie er, mitleidig, aber ohnmächtig die Achseln zuckte, und sich dann eiligst entfernte.

»Dem hat's der Pfarrer recht gesagt!« lachten einige rohe Bursche im Vorübergehen; und auf Leupolds Fragen erwiderte ihm ein alter Bürger, der, traurig den Kopf schüttelnd, sich ebenfalls zum Gehen wendete:

»Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das ist! Der Pastor mag wohl im Grunde Recht haben, aber hart ist's, wenn man bedenkt, daß die Armen doch Menschen sind!«

»Erkläre Er sich genauer, mein Freund.«

»Sie müssen wissen, lieber Herr, daß der blasse Mensch, der eben wieder wie ein Verzweifelter in's Haus geht, ein Komödiant ist. Er gehört zu der Bande, welche mit Erlaubniß des preislichen Magistrats in der Bude auf dem Schwanenmarkte spielt. Vor acht Tagen sind die Leute erst angekommen, und jener Mann, der eine schwerkranke Frau und vier oder fünf Kinder mit sich führt, hat bei dem Wagenmeister Ulrich eine Wohnung gefunden. Die Menschen behelfen sich gar kümmerlich in der feuchten Stube und schlafen, so zu sagen, auf der schwarzen Erde. Da ist die Frau nun kränker geworden, und bis an's Sterben gekommen. Der Armendoctor, der um Gotteswillen zu ihr kam, und die Arznei aus seiner Tasche bezahlte, hat dem armen Mann vertraut, wie schlimm es mit dem Weibe steht, und ihn aufgefordert, sich nach geistlichem Zuspruch umzusehen. Der Pastor ist zwar wie der Blitz bei der Hand gewesen, aber kaum hat er gehört, daß die Frau eines Komödianten Weib sei, und — wie ich meine, — demselben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl versagte. Wie es alsdann mit dem Begräbnisse gehen wird, das weiß Gott.«

Der Doctor ging, an der entsetzlichen Lage der Armen Antheil nehmend, auf das elende Häuschen zu, blickte durch's Fenster, und übersah eine Scene des Jammers, die sich jedes fühlende Herz versinnlichen mag. Das Weib lag, von Verzweiflung und Schwäche gleich erschöpft, auf dem elendesten Strohlager, und lallte die Worte: »Ach, Joseph! Joseph! warum sind wir nur geboren worden? Ach, wie verläßt uns Gott! Ach! was soll aus den Kindern werden!«

Und die Kinder schrieen, und der Mann stand im Winkel, drückte beide Hände vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Gesicht sprach mehr, als Worte vermocht hätten. Des Doctors Herz wurde aber noch einmal so schwer, als er in des Mannes Zügen, besonders dann, als er wieder die Augen öffnete, und wild zum Himmel hob, die Züge eines bekannten Gesichts erblickte. Er klopfte rasch an's Fenster. Langsam öffnete es der Trauernde. Der Doctor reichte ein Scherflein hinein, und fragte leise: »Wie ist Euer Name, mein Freund.«

»Ich heiße Wohlgemuth, mein Herr«

Der Doctor schüttelte den Kopf. »Das ist nicht Euer wahrer Name, Mann Gottes. Sagt mir den rechten.«

Der Mensch sah ihn verwundert an, und rieb sich verlegen die Hände.

»Ich wundre mich, daß ich meinen ächten Namen nicht schon vergessen habe,« sagte er schmerzlich: »aber weil Sie so bestimmt fragen, will ich ihn doch wieder einmal aus dem Gedächtniß hervorholen. Ich hieß einmal Joseph Litzach.«

»Weiß Gott! er ist's!« sagte der Doctor, wie vor sich hin. »Ich kenne Euch,« setzte er bei: »ich wünsche mit Euch unter vier Augen zu sprechen.«

Der Mann deutete kummervoll auf die dahinschmachtende Frau. »Bevor es nicht hier vorüber ist ...« sagte er leise, »kann ich nicht ausgehen. Der Doctor meint: um die dritte oder vierte Stunde Nachmittags ... der Pfarrer wird's wohl noch um ein Stündchen beschleunigt haben ...«

Dem Doctor traten die Thränen in die Augen. »Vertraut auf Gott!« sprach er: »Ich will Morgen wieder vorbeikommen.«

»Bewahre!« entgegnete Litzach hastig: »Sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Diensten sein, wenn nicht Gott an meiner Alten ein Wunder thut. Um vier Uhr haben wir ohnehin Komödie ...«

»Wie? und Ihr agirt mit, an diesem Trauertage?«

»O, mein Herr, darnach fragt der Principal nicht. Ich käme um den Wochenlohn, um's ganze Brod. Wir agiren heute eine Schnurre, und ich muß darinnen den Hanswurst machen, lustig, recht lustig, damit das verehrte Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke entzwei ginge.«

Der Doctor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort: »Um sechs Uhr stehe ich zu Diensten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um diese Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte lustwandeln wollten ... ich will mir aus des Principals Kleiderkammer einen reputirlichen Rock borgen, damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber ... entschuldigen Sie. Meine Alte ruft ihren Joseph. Vielleicht muß ich ihr jetzo schon Lebewohl sagen ...«

Leupold nickte stumm mit dem Kopfe, und ging betrübt weiter, während der Schauspieler wieder sein Fenster zumachte.

Der Doctor benützte den Umstand, daß er an einigen Häusern heimlicher Glaubensgenossen vorbeikam, um mit einem Worte Litzachs arme Familie ihrem Mitleid zu empfehlen. Die Leute waren alsobald bereit, einiges Essen und ein Paar Pfennige hinzuschicken. Der Dürftige ist am Ersten geneigt, dem Dürftigen beizustehen.

Dem Doctor war es lieb, durch die Begegnung eines andern Bekannten aus seinen trüben Gedanken gerissen zu werden. Aus seinem Hause trat ein rüstiger Seemann in braunem Rocke und manchesternen Beinkleidern, tüchtigen Schuhen mit großen silbernen Schnallen, das Halstuch nachlässig in den Schifferknoten geschlungen, und ein derbes spanisches Rohr in der Hand. Der bordirte Hut mit der auszeichnenden Schleife verrieth den Capitän.

»Grüße Sie Gott, Ew. Hochw ... Herr Doctor, wollt' ich sagen!« rief der Capitän in tiefem Basse: »Ich wollte eben ein Paar Dutzend Tonnen Teufel reklamiren, weil ich Sie nicht zu Hause gefunden. Sie müssen, Gott bessre mich! mit mir zu Mittag speisen; später als gewöhnlich, aber gut und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um elf Uhr bin ich aus der Kalesche gestiegen, und habe im goldnen Schwan mein Absteigquartier genommen oder, besser gesagt, Anker geworfen.«

Somit nahm er den Doctor vertraulich, aber ergebenst unter dem Arm, und steuerte mit ihm in anderer Richtung weiter.

»Sie haben mich wohl früher erwartet?« fuhr er fort: »Aber, — Sturm und Segel! ich mußte laviren, bald auf Osten, bald auf Westen halten, ehe ich hier anlegen konnte. Mein Schiff ist frisch und gut im Havre eingelaufen, und das würdige Collegium zu Paris hat bereits seine Contanti empfangen. Der Handel blüht im Stillen, und er Vater Lavalette, der, so jung er noch ist, bereits eine ungemeine Spekulationsgabe entwickelt, hat mir schon von neuen Etablissementen und neu auszurüstenden Fahrzeugen gesprochen. Ich habe Briefe von Paris und Lissabon an den Pater Superior, und wünsche, daß Sie mir nach Vidimirung der eingesandten Rechnungen und Bescheinigung des Geldes, das ich bei Ihnen niederzulegen habe, einen Empfehlungsbrief an den wackern Herrn mitgeben möchten.«

Der Doctor versicherte ihn seiner Bereitwilligkeit, und die Herren setzten sich im Gastzimmer des Schwanen zum Speisen nieder. Leupold war hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gastwirthin, eine noch ziemlich junge und rasche Frau, hatte, von andächtigen Freundinnen bestürmt, von dem Doctor in's Geheimniß gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur verborgenen Kirche nicht schwer gemacht. Der Wirth, ein schwerfälliger Reichsstädter von wenig Scharfsinn, war leicht zu täuschen gewesen, und ahnte nicht das Mindeste von der Religionsveränderung seines Weibes. Er schätzte den Doctor, der häufig das Haus besuchte, als tüchtigen Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den salbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Trost und Ruhe zu schöpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachsenden Zweifel ihres Gewissens machten ihr Trost zum Bedürfniß. Nebenbei sprach die Stadt auch Vieles von ihrem weichen gefühlvollen Herzen, und der Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen junge Männer, die sich der Theilnahme der hübschen Frau zu schmeicheln gehabt.

Die Gesellschaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Capitän und der Doctor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirthin, am Schenktische und an dem Küchenfenster beschäftigt, durch welches die Speisen hereingereicht wurden. In der Stube auf und niederwandelnd der Herr des Hauses selbst, — bald mit der Fliegenklatsche arbeitend, bald von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragossa, und den schlechten Zeiten posaunend. Am Fenster zwei Kartenspieler: ein pausbäckiger Sensal, und ein Offizier der Stadtmiliz: beide der Frau vom Hause zärtlich zugethan; beide nicht von ihr erhört. Die Unterhaltung war, wie gewöhnlich, wenn Einer allein spricht, wie hier der Wirth, — nicht sehr glänzend und erbaulich. Der Capitän aß stark und trank nicht wenig; der Doctor beobachtete seine Umgebung, die Wirthin tranchirte, die Spieler trieben ihre Belustigung fort. Eine Reisekalesche, die vor dem Hause hielt, brachte alle Köpfe in Bewegung. Sie fuhren an's Fenster; nur die erfahrnern Tafelgäste blieben ruhig. Der Reisende, ein junger Mann, trat langsam in die Stube, während er befahl, Mantelsack und übriges Gepäck nach dem besten Zimmer des Hauses zu liefern. Die von dem Anblick des hübschen Mannes freundlich angesprochene Wirthin machte denselben zum Nachbar des Doctors, und gebot, das verlangte Diner eiligst herbeizuschaffen. Der Fremde grüßte Capitän und Doctor höflich, und streckte sich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirth setzte sich gegenüber, und stierte den Gast neugierig an. Die Spieler setzten das Spiel fort. Der Capitän brach das Schweigen.

»Gute Reise gehabt, mein Herr?«

»Sehr gut.«

»Kommen weit her, ohne Zweifel?«

»Sehr weit.«

»Durchreisend?«

»Nein.«

»Geschäfte auf hiesigem Platze?«

»Ja.«

»Wären wir Landsleute? Ich bin ein Friese.«

»Ich nicht.«

»Darf man fragen, mein Herr ...«

»O ja.«

»Woher die Reise ...«

»Kellner! eine Flasche Wein!«

Hiermit brach der einsilbige Fremde ab. Der Capitän biß sich versehentlich in die dicken Lippen. Der Doctor lächelte und betrachtete den Lakonischen genauer. Er sah gar nicht aus wie ein Spaßvogel, sondern wie ein ernsthafter, sehr besonnener Mann. Sein regelmäßiges Gesicht war ruhig, die Augen groß, und blickten fest vor sich hin. Keine Freudigkeit, aber eine eiserne Fassung sprach von der Stirne, und der ganzen Gestalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entschuldigte allerdings den Ernst, welcher der natürlichen Heiterkeit der Jugend Abbruch that. Der Fremde aß mit vielem Anstande, was ihm vorgesetzt wurde, und trank den Wein stark mit Wasser vermischt. Den Doctor, dem seine früheren Verhältnisse Mäßigkeit zur ersten Pflicht gemacht hatten, freute das regelmäßige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete auf die Gefahr hin, eben so zurecht gewiesen zu werden, wie vorhin der Capitän, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und kalt erwidert wurden. Indessen sprang der Offizier, der so eben seine Partie gewonnen hatte, mit Getöse von dem Stuhle, und riß die Fensterflügel auf.

»Mort de ma vie!« rief er: »Sensal! Wechselbote! schau er auf! ein Kernmädel giebt's hier zu schauen!«

Der Sensal sah hin, und sagte ziemlich lau: »Die Jungfer Müssinger! Aha! benebst Frau Mama!«

»Thu' Er nicht so kalt und vornehm!« zankte der Offizier; »Parole d'honneur!das Mädel ist das Liebenswürdigste in der ganzen Stadt! Seh' er nur, was sich die Flegel von Sänftenträgern einbilden, daß sie eine so artige Last, wie diese, aufzunehmen gewürdigt sind.«

»Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern!« sagte der Sensal spöttisch, und nippte an seinem Glase. »Sie und ihr federleichtes Töchterlein gönne ich Ihnen von Herzen.«

»Das spricht der Neid aus Ihm, Sensal.«

»Ei nu, Herr Lieutenant,« hob die Wirthin an, die es nicht leiden konnte, daß andere Frauenzimmer hübsch gefunden wurden: »das absonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamsell. Ein putziges Dingelchen, recht keck, recht unverschämt, und geschminkt, ich lasse mir's nicht nehmen. Geht sie nicht am Sonntage wie ein Pfau auf ihren hohen Absätzen über die Gasse? Ist wohl ein Mensch, der sich nicht über ihren Stolz ärgerte? Die Mama ist auch grob und hochmüthig, das weiß Gott! aber dabei ist sie dumm wie eine Henne. Das Töchterchen hingegen versteht Antworten zu geben, — so spitzig und witzig, und giftig und triftig, daß allen ehrlichen Leuten die Galle steigt. Das leichte Töchterchen mag froh sein, daß sie schwere Geldsäcke aufzuweisen vermag.«

Der Sensal schnippte mit den Fingern.

»Das spricht der Neid aus Ihnen, Frau Gasthalterin!« schaltete der Lieutenant ein, spaßhaft und impertinent zugleich: »Der Himmel verdopple mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe; — die Jungfer dürfte nur die Hälfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fände ich doch genug: auf Ehre.«

»Ew. Gnaden sprechen in's Blaue hinein,« versicherte kaltblütig der Sensal: »O! der Himmel hängt in diesem Hause voller Geigen, aber dieBaßgeige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie hätte es jetzt schon, wenn der dicke Holländer nicht so artig gewesen wäre, ... na! ich will klüger thun, und schweigen.«

»Hm!« begann die Wirthin: »es wurde allerlei gemunkelt, das einem die Haut schaudern machte, und das ...«

»Das gefährlich ist, wiederzukauen!« fuhr der Wirth dazwischen: »ich bitte mir's aus, Frau Schwanenwirthin, daß Sie kein Wort mehr darüber verliert. Der hochpreißliche Senat hat's allen rechtschaffenen Bürgern befohlen. Auf allen Zunftstuben wurde es verblämt, und den Plaudermäulern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeister, und muß auch auf Ordnung halten.«

»Wohl geredet!« rief der Lieutenant beifällig: »Wie die Zunft, muß auch die Frau pariren und Subordination muß sein. Bei alledem möchte ich wissen, wohin die Damen sich begeben haben. Auf Ehre, ich möchte es erfahren. Wäre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die Windmühle, ich ließe flugs meinen Polen satteln, um die reizende Jungfer von Mund zu Mund zu begrüßen.«

Der Sensal zuckte bei den prahlerischen Aeußerungen des Windbeutels die Achseln, sah aber beinebst durch's Fenster, und erwiderte: »Da kommt Einer, der Ihnen, gnädiger Herr Lieutenant, ganz gewiß die beste Auskunft zu geben vermag: der übergeschnappte Thürmer von St. Paul, der zum Rasendwerden in des Senators Tochter verliebt ist, ohne daß er je ein Wort mit ihr gesprochen hätte. Brüstet sich nicht der Geck in seinem betrodelten Kleide wie ein Graf, und wer sollt es dem geputzten Affen ansehen, daß er zu Posaune und Glockenstrang geboren und gebildet wurde?«

Der Mann Quaestionis flatterte in das Zimmer, geschmückt wie der albernste Zierbengel seiner Zeit.

»Sieh da, Monsieur Pahlens,« rief ihm der Offizier entgegen: »Magnifiquester aller Thürmer! Woher, wohin, guter Freund? Ist Ihnen der Stern unserer Stadt, die wonnevollste und freudenbringendste der Grazien begegnet?«

»Ach, gnädiger Herr!« versetzte Pahlenz mit schwärmerischem Ausdruck: »Des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe sie gesehen, in deren Aug Cupido mit gespanntem Bogen sitzt; das Götterkind. Zum Ritterhof begibt sich die Schöne, wie ich höre. Wäre ich doch der Kaffee, den sie schlürft, der Kuchen, den sie genießt. Gleich dem Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbröselt sich mein Herz in eitler Sehnsucht!« —

»Abgeschmackter Gimpel!« brummte der schwarze Fremde leise vor sich hin, stand auf, und entfernte sich, langsam, wie er gekommen.

Niemand, den Doctor ausgenommen, bemerkte seinen Abgang, denn der verliebte Thürmer ergoß sich in blumenreichen und geschraubten Redensarten, schnitt Jedem das Wort von Munde, betäubte das Ohr eines Jeden. Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brüsk, schnallte sich den Degen um, setzte sich den Hut martialisch auf, fuhr in die Handschuhe, und bereitete sich, den Damen zum Ritterhofe zu folgen.

»Geht Er mit, Sensal?« fragte er barsch.

»Ich habe auf der Niederlage zu thun. Auch besitze ich kein Pferd, das mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten könnte.«

»Mort de ma vie!ich besinne mich so eben, daß mein armer Polak sich den Fuß zertrat, und den Stall hüten muß. Ich werde zu Fuß gehen müssen. Begleiten Sie mich etwa, Monsieur Pahlens?«

»Das würde sich nicht schicken, Ew. Gnaden. Ohnehin schlägt um 4Uhr meine Stunde. Mein armer Teufel von Gesell ist ziemlich krank, und kann die Abendluft nicht vertragen. Ich muß also selbst ...«

»Die Posaune zur Hand nehmen, und tuten?« fiel der Offizier spottend ein: »Parole d'honneur!Schade um den jungen galanten Mann! Das ignoble Handwerk paßt wenig zu seinen feinen Gewohnheiten. Nicht wahr, meine Herren? nicht wahr, Madam?A revoir! Adieu!«

Er empfahl sich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über den Offizier und dessen Schulden ging auch der Mäckler. Den Capitän riefen seine Geschäfte, die Wirthin die Hauswirthschaft; der Gastwirth schlief, der Doctor und Pahlens gingen zusammen auf die Straße.

»Wie habe ich mich gesehnt, einmal mit Ihnen allein zu sprechen,« begann Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: »Seitdem Sie mein geistlicher Vater wurden, kenne ich niemand auf der Erde, vor dem ich mein Herz auszuschütten geneigter wäre.«

»Das gehört in den Beichtstuhl, mein Sohn;« erwiderte der Doctor leise.

»Nicht doch, Herr Doctor;« versetzte Pahlens: »Rathen Sie mir als Freund. Meine Lage wird mir unerträglich. Ich bin zu etwas Besserem geboren, als auf dem abscheulichen Thurme zu verblühen, und den Lutheranern zu ihrem Gottesdienste hülfreiche Hand und Lunge zu leihen. Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen sage, daß mir in verwichener Nacht die heilige Mutter im Traume erschien, und zu mir sprach: »Mein lieber Sohn; allzulange schon verkümmerst Du im Ketzerdienste. Geh hinaus, und suche Dir ein bessers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden dir den nöthigen Beistand leisten.« Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr einschlafen. Wie sehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die gnädigen Absichten des Himmels zu erfüllen, so stumpf blieb dennoch mein Geist. Rathen Sie mir, was soll ich thun? Als Geiger oder Lautenschläger in die Welt ziehen, oder etwa als Apostel der wahren Lehre? Das Letztere wäre mein Wunsch, allein mich fesselt hier ein Sehnen und Wähnen, ein Hangen, ein Verlangen, das vielleicht sündlich ist, weil es eine Ketzerin zum Gegenstande hat.«

»Was soll ich Euch sagen, mein Sohn?« antwortete der Doctor: »Ich will die Erscheinung, die Ihr gehabt, nicht bezweifeln. Wunder sind allerdings möglich, und es wäre Frevel, sie zu läugnen. So wahr es ist, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Person erschienen, so läßt sich's gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum gesprochen; denn — was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das ersetzt Ihr durch gläubige Zuversicht, und kindlichen Gehorsam. Jedoch, gerade, weil ich an diese Erscheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszugehen. Ein besserer Redner als ich, würde Euch sagen, daß Euer Loos kein böses ist; daß Ihr besser thätet, gerade auf Eurem einsamen Thurme sitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines Einsiedlers, zum wahren Christenthum immer mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwisch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch sagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der siegenden Kirche vorstellt, wie sie, im Verborgenen triumphirend, oben sitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, schreien und ihre Possen treiben. Ich sage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euchzum Guten lenken wird. Was ist's aber mit der Neigung, von der Ihr spracht? Hat sie nicht die Tochter des Senators Müssinger zum Gegenstand?«

»Ach! Sie lesen in den Falten meines Herzens!« entgegnete der Geck; »Ich muß meine Schwachheit gestehen. Gehen Sie aber nicht strenge mit mir in's Gericht. Mein Herz ist so weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge ist das Mädchen in meine Seele gedrungen. Geredet habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.«

»Das darf ich nicht,« entgegnete der Doctor; »Zu welchem Endzweck auch? Ihr seid arm, die Jungfer ist reich. Ihr Vater ist Senator; Ihr seid Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptsache ist, daß Ihr Katholik seid, daß sie Lutheranerin ist. Zwar arbeitet die Gnade des Höchsten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn überhaupt, Dank sei es der Fürbitte unserer hohen Patronin, unsere Gemeinde täglich im Stillen zunimmt, bis sie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was noch nicht ist. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüthe sucht, an das es sich bindet, wie die Rebe an die Ulme. Die reine Verschwisterung tugendhafter Seelen mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottseligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt ist.«

Pahlens verneigte sich, etwas unbefriedigt jedoch, und schied von dem Doctor, der sich zur Mailbahn begab. Auf und niederschreitend überlegte er sein heutiges Tagewerk, horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Komödienbude herüber schallte, auf das Geschrei des Lustigmachers, der vor der Thüre des Schauplatzes sein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gassenjungen, die den Possenreißer umschwärmten. Die Mailbahn, von Spazierengehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand sich der Doctor allein mit einem Frauenzimmer, das schon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben schien. Die Frau, in bürgerlichem Kleide, näherte sich ihm schüchtern, und sagte nach einem tiefen Knix: »Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr eifriges Beichtkind.«

»Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?«

»Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten.«

»Wie so?«

»Er mißhandelt mich.«

»Warum?«

»Weil ich, eine Krankheit vorschützend, mich weigere zur Kirche zu gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte ich mich vor der Sünde.«

»Ohne Noth. Ich spreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der Schein bewahrt werde. Singe Sie mit, hört Sie aufmerksam der Predigt zu; aber bewahre Sie Ihr kaum genesenes Seelenheil mit geistlichen Stärkungsmitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde schöpft nicht Verdacht.«

»Aber, Ew. Hochwürden: ich fürchte, das ist Heuchelei!«

»Um einen guten Zweck zu erfüllen, ist auch eine gewisse Heuchelei erlaubt. Beruhige Sie sich, gute Frau. Wie steht's mir Ihren Kindern? Spürt Sie in diesen keine Anlagen zum Heil?«

»Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben sind so roh, und die Tochter hat kaum die Confirmation überstanden.«

»So lasse Sie ab von ihnen. Keine voreilige Vertraulichkeit, damit die Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachsen, im Verborgenen, wie die Saat des Feldes. Uebergebe Sie die Kinder ihrem Schicksale. Gott wird die Seinigen schon herausfinden.«

»Aber mich jammert, daß sie verdammt sein sollen. Sie sind dochmeineKinder, meine ehelichen Kinder.«

»Die Frage wäre erst noch aufzustellen. Ist Sie nicht katholisch? Ihr Mann Protestant? Abgesehen, daß solche paritätische Verbindungen an und für sich nichts taugen, so könnte man geradeIhreEhe nicht gültig erklären. Sie wurde von keinem katholischen Priester eingesegnet.«

»Herr Doctor ...!« stotterte die arme bestürzte Frau.

»Gräme Sie sich nicht. Ich will es so genau nicht nehmen. Aber lasse Sie die Kinder den eigenen Weg gehen, und erwarte Sie alles von der Zeit.«

Die Frau verneigte sich wieder demüthig, und entfernte sich. Der Doctor setzte sich auf eine Bank, lehnte sich an die dahinter stehende Linde, und schloß, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der verschiedensten Art zu bereiten. Ein rasch daherkommender Mann nahm geräuschvoll neben ihm Platz.

Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators Comptoirdiener Nothhaft. Der Mensch, dem der Doctor als solcher unbekannt war, befand sich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine händelsüchtige, tückische Weinlaune sprach aus seinen Augen und seiner Haltung. Um ein Gespräch anzuknüpfen, das er zu wünschen den Anschein hatte, bot er dem Doctor eine Priese Tabak. Dieser versagte.

»Brauchen sich nicht zu geniren!« redete Nothhaft ziemlich barsch: »s'ist nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.«

Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priese, ohne davon Gebrauch zu machen. Nothhaft besänftigte sich, und versetzte:

»Freue mich, Dero Bekanntschaft zu machen. Ew. Edeln sind ohne Zweifel fremd auf hiesigem Platze?«

»Nicht doch, mein Herr; und dennoch mögen Sie Recht haben.«

Nothhaft stierte ihn verlegen an, lächelte dann, und fuhr fort:

»Recht gut gesagt, mein Herr. Justissime! Optime! Das ist all' mein Latein! Wie finden Sie das? Wenn man indessen Geld hat, — er klopfte auf die klingende Tasche, — so braucht man die Schulfüchserei nicht. He?«

Der Doctor nickte.

»Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, so ist eine prudente Vorsicht wohl vonnöthen. Da kommt oft ein Mensch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie schnupfen, schlafen ein, und finden sich am andern Morgen entweder im Werbhaus, oder auf einem holländischen Transportschiffe. Nicht so, mein Herr?«

»Ich weiß das nicht.«

»Sie wissen das nicht? Parbleu! das ist zum Lachen. Nun, nun! Sie haben freilich nichts mehr zu riskiren.JungeSeelen sind die besten. Na! wie gehen hier die Geschäfte?«

»Welche?«

»Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt sich die Kaperei an? Ja, bei uns gibt's einen tüchtigen Menschenschlag, wie gemacht zum Matrosen und Soldaten. Wie viel Seelen haben Sie schon auf dem Korne? Na, Männchen! machen Siemirdoch aus Ihrem Handel kein Geheimniß. Parbleu! ich bin auch schon in Amsterdam gewesen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Thun Sie nicht so unschuldig. Unser Magistrat kann einenPuff vertragen, ist seelenfroh, wenn manihnungeschoren läßt, drückt beide Augen zu. Damit Sie aber sehen, wie redlich meine Absicht ist, so bin ich bereit, Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu geben.«

»Monsieur! Wofür halten Sie mich?«

»Ei, Liebster! wozu die Umstände? Für ein kluges Holländerchen, für ein pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen, aber wie ich Sie heute mit dem Capitän Tormerpick aus dem Schwanen treten sah, vertraulich, Arm in Arm, von Geschäften redend, — ich war im Kaffeehause gegenüber, — da hatte ich's auf der Stelle weg. Der Capitän hat den Ruf, mit Seelen zu handeln, und nach dem Sprüchlein: »Gleich und gleich ...««

»Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!«

»Noch mehr, mein werthester Geschäftsfreund. Ich will Ihnen Credit geben: ein Capital; solid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die Deposit-Interessen tragen.«

»Ich begreife Sie nicht.«

»Werden's alsobald. Sub dato Morgen oder Uebermorgen liefre ich Ihnen eine Seele: kerngesund, jung, von denselben Schultern und Fäusten; etwas naseweis zwar und ungezogen, allein in den Colonieen hat man vortreffliche Schulen aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die gute Seele nicht ihre 2000 spanische Taler werth ist, wie einen Albus. Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkosten trage ich noch obenein aus meinem Beutel ...«

»Erklären Sie sich deutlicher.«

»Parbleu! ich habe schon Alles gesagt. Als ich Sie da so allein und brütend sitzen sah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte: ich weiß einen Burschen, den diverse Leute gern vom Halse haben möchten. Er hat Bärenkraft, und der Stock wird seinen harten Kopf schon zurechte bringen. Meinen Namen sollen Sie indessen gut behalten, aber ich garantire Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang- und Transportkosten bis an das Schiff. Schlagen Sie ein, und sagen Sie mir, wann die Promesse liquidirt werden soll.«

»Das ist noch sehr zu überlegen, mein Herr,« versetzte der Doctor lächelnd: »wenn Ihnen morgen noch eine Unterredung beliebt, so finden Sie sich um dieselbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich sehe, ein Freund, den ich hierher beschied, uns zu stören kommt.«

»Meinetwegen!« sagte Nothhaft, des Doctors Hand schüttelnd: »Auf Morgen also. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze sein.«

Er ging, und Litzach, der schon vor einigen Minuten auf der Mailbahn erschienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfirsichblüthfarbigen Sammetkleide mit Seidenstickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Gesicht des Schauspielers paßte so wenig zu dem Staatsrocke, als die unscheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandschleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing.

»Setzt Euch, mein Herr!« sagte der Doctor voll mitleidiger Höflichkeit: »Für's Erste: erzählt mir, wie es in Eurem Hause steht!«

»Meine Alte lebt noch,« antwortete Litzach: »der Doctor meint jetzo, sie werde am Leben bleiben, und Gott sei gepriesen dafür. Mitleidige Menschen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der Principal machte mir so eben das schmeichelhafte Compliment: ich hätte meine Lazzi noch nie so gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel gelacht, und derextemporirte Spaß floß mir nur so vom Munde. Gottlob! ich darf hoffen, daß mich der Impresar behält.«

»Das Alles macht mir Freude,« versetzte der Doctor: »Ihr möget wissen, Monsieur, daß ich Euch schon lange kenne, wenn Ihr der Litzach seid, der auf der Jesuitenschule zu Augsburg studirte.«

»Der bin ich,« sagte Litzach seufzend: »und Sie, mein Herr?«

»Ich bin Münzner,« erwiderte der Doctor.

»Münzner?« wiederholte Litzach, wie sich besinnend, ergriff dann des Doctors Hände, sah ihm lange ins Gesicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung verklärt, die Augen zu, öffnete sie wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge: »Weiß es Gott: das ist Xavers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul- und Jugendfreundschaft verdient? Wir haben uns »Du« genannt, mein lieber, alter Xaver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen sind, das »Du« gebrauchen werde! du bist gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, dich wenigstens in der ersten Stunde des Wiedersehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich erheben auf lange Zeit.«

»Rede, mein armer Litzach! Erzähle mir, was dir seit unserer Trennung begegnete.«

»Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre gesagt; aber du willst, ich soll weitläufiger sein, und so will ich dir folgen, obschon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meiner sparsamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Wissenschaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, versuchte es im Kriege bei einer Freipartie, und kam endlich ganz herunter. Der Kasten war leer, der Kopf wüst geworden, und in meinen besten Jahren stand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte: »Was willst du werden? Was anfangen? Was unternehmen?« Zu jener Zeit kam die Merseburgische Comödiantenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verschlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Collegium auch hin und wieder hatte Comödie spielen lassen. Wenn du dich erinnerst, so wirst du wissen, daß man mich um meines glatten Gesichts und meiner schwächlichen Gliedmaßen willen, vorzugsweise erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith gespielt und die Herodia, und sogar einmal die Lalage in dem Schäferspiele: »Der treue Hirt,« womit der junge Professor der Rhetorik einst zu Augsburg so viel Aergerniß anrichtete. — Ei! dachte ich bei mir; wenn die Väter der Gesellschaft Jesu das Comödienspiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum soll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und reducirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit begann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurst, sondern die Amanten. Ich stellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derselben, in Tressenröcken und sorgfältiger Wäsche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!«

»Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet;Doch, daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet,Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrtSchätz' ich aus Uebermuth nichteinemeiner werth,Bis ich das Wunderbild beschauet,Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.«

»Ich rede von meiner Frau, eines herrschaftlichen Beamten Tochter zu Halberstadt. Wie sehr empfand ich den Dichter, als ich sie sah:«

»Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt,Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zerstückt!Ich sah sie, und entbrannt'! sie fühlte neue Flammen!Kurz: ihr und mein Gemüth, die stimmten wohl zusammen!«

»Ich entführte die Liebste. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, sobald meines Weibes Eltern in die Grube gesunken, fiel das Elend über uns her. Der lustige Name, den ich mir beigelegt, war ein schneidender Spott auf unsere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bischen Geschick zu der Comödie. Manlachtesie aus, sobald sie sich nur zeigte: der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter, und wir wurden von der Gesellschaft weggeschickt. Eine schwere Brustkrankheit warf mich nieder, und verschlang Alles, was wir hatten! Am Stabe schleichend, von Katharinen geführt, die unser erstes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloster zu Kloster, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib sollte für die Truppe waschen,ichsollte agiren. Aber mit dem Amoroso war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Principal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als ich zum ersten Male als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngstes im Sarge, meine Katharine, der Niederkunft gewärtig, auf dem Strohlager, und sie war allein, und nur Hunger und Mangel saßen an ihrer Seite, und ich mußte Possen reißen, und die bittern Thränen der Verzweiflung flossen aus meinen Augen über die geschminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!«

Litzach wischte sich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten Herzens fort: »Ich machte den Lustigmacher schlecht. Die Zuschauer meinten, ich sei ein betrübter weinerlicher Narr; sie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und schickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den sie um Gotteswillen empfangen hatte, undichbrachte der Mutter meine Kindes sechszehn Groschen — und — den Abschied.«

»Herr Gott!« seufzte der Doctor. Litzach fuhr fort: »Ja, mein lieber, alter Freund: wer nur als Zuschauer vor dem gemalten Vorhange der Comödie steht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmer-Kleidung schlagen. Ist es gerade nicht Kummer, der die Brust der Maskenspieler zerreißt, so ist es der giftige Neid, so ist es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt suchte, und nur kümmerliche Lappen und eine trostlose Zukunft fand. Der Leichtsinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in diesem Getobe niedriger Leidenschaften schlafen; auf diesem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrschen. Was uns Geschicklichkeit erwirbt, raubt uns auf der anderen Seite die Ungewißheit unserer Lage, und die Verachtung, die auf uns lastet. — Ich überspringe nun manches Jahr des Unheils, und bemerke blos, daß ich in der Zeit einen Theil jenes Leichtsinns mir errang. Ich wurde stumpf, fühllos; ich lernte seltsame und lächerliche Grimassen machen und Capriolen schneiden, ob mir schon der Tod an der Kehle säße. Ich errang den Ruf eine guten Comödianten, eines possierlichen Burschen, ich fand ein besseres Brod. Ich hatte gespart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsstücke angeschafft, meine Katharine mit dem Nöthigsten versehen; ich hatte ein Bett gekauft, und beinahe schon die Summe zu einem Plüschrocke beisammen, der mich in den Stand gesetzt hätte, reputirlich unterdie Leute zu geben, als Katharine in die langwierige Krankheit verfiel. Unser Wohlstand verging wie eine Seifenblase, und ein Dienst, den ich bei der Gesellschaft des sel. Velten antreten sollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hierher, so fandest du mich. Nach langen Jahren erregt dein Anblick, Münzner, wieder das erste lebhaft frohe Gefühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katharine leben wird, und dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenstein in einem seiner Trauerstücke:

Je finsterer die Nacht, je heller ist das Licht:Je öfter man die Hand an spitz'ge Dörner sticht,Je mehr bekränzt man sich mit blutbemilchten Rosen:Je mehr die Mittagshitz uns sticht, je süßer tosenDie feuchten Abendlüft'; ist Wetter, Sturm und Well'Und Wolke trüb und schwarz, so dünkt uns noch so hellUnd lustig Sonn' und Port. Die steinern harten Ketten,Die Felsenlast, die uns zu Boden schier getreten,Des Lebens steter Tod, der jeden Blick uns schreckt,Das dunkel-grause Loch, in das wir eingesteckt,Der Trauerrauch hat sich verkehrt in sanfte Wonne,Die Nacht hat sich verstellt in eine lichte Sonne!«

Nach diesen pathetisch hergesagten Worten schüttelte der Schauspieler des Doctors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf diese Hand.

»Du bist mit dem Weibe, das dudeinesnennst, nicht copulirt?« fragte der Doctor.

»Die Ehen in unsrer Gilde,« erwiderte Litzach beschämt, »sind meistens wild, und leider ist's auch die meinige. Jedoch thut es mir und Katharinen sehr wehe, daß, unsern unablässigen Versuchen zum Trotz, sich noch kein Geistlicher unterstanden, unsern Bund zu segnen.«

»Ich will es thun;« erwiderte der Doctor: »aber, die Hand auf den Mund, mein Freund, und eine Bedingung zugesichert.«

»Ach, Ew. Hochwürden ...« stammelte Litzach entzückt: »Ich will schweigen, wie das Grab, ... ich verstehe Sie wohl ... aber — welche Bedingung?«

»Eure Kinder müssen katholisch sein. Vermuthlich sind sie lutherisch getauft, da Euer Weib es ist, wie ich glaube.«

»Ew. Hochwürden,« stammelte Litzach verlegen, »die armen Würmer sind noch gar nicht getauft. Die Kosten — und dann die Scheu der meisten Geistlichen, ... wie gerne will ich ...«

»Gut;« versetzte der Doctor: »ihnen soll geholfen werden. Ich will Euch zu mir berufen lassen, Freund; die Seelen müssen gerettet sein, und Eure Noth gemildert. Ich will mehr für Euch thun, wenn Ihr verschwiegen seid und bereitwillig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von Euch verlangen werde. Entsagt indessen der Hanswurstjacke: ich will Euch eine Empfehlung auf das nächste Dorf, Breitenbach, mitgeben. Kost, Lagerstätte und Geborgenheit werden Euch dort nicht entstehen. Dann will ich weiter sehen, was zu Eurem Besten gereichen möchte.«

»Ach, Engel Gottes!« rief Litzach: »wie soll ich danken ...? Aber — ich soll acht Tage vorher dem Principal aufkündigen, — und dann ... bin ich in seiner Schuld. Mein Wochenlohn beträgt zwei Thaler und acht Groschen extra, was man gewöhnlich in der Kunstsprache Rekreation oder Biergeld zu nennen pflegt. Ich habe indessen einen Vorschuß von drei Thalern etlichen Groschen abzuzahlen, und ...«

»Mein Jesus! welch' betrübte Rechnung!« seufzte der Doctor voll Mitgefühl, und reichte dem Schauspieler eine Hand voll Geldes: »Sagt demfilzigen Direktor auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von drei Thalern. So soll nicht gesagt sein, daß ein Zögling der Väter von der Gesellschaft Jesu länger in solcher Dienstbarkeit bestehe. Geht, mein Freund. Ich werde Euch rufen lassen. Erquickt Eure Kranken und Hungrigen, und danket dem Herrn!«

Litzach jauchzte: »Ja, mein Wohlthäter! Den Herrn und Sie werde ich preisen, — dem Principal sein Geld und seine Kleider vor die Füße werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beschließen. Von diesem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und mein Glück ist gemacht!

Wir Menschen irren stets. Wo wir uns sicher trauen,Sinkt unser Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält,Hat das Verhängniß oft das beste Glück bestellt!«

So rief er noch mit allem Aufwande seiner rhetorischen Kunst, und eilte mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten Zuschauer gerade nach Hause strömen. Der Doctor fand sich, da die größte Menge über die Mailbahn zog, in seinen Betrachtungen gestört, und wanderte, mit seinem Tagewerke wohl zufrieden, gegen seine Wohnung. James berichtete ihm: Der Senator Müssinger sei vor wenigen Minuten plötzlich bei dem Doctor eingetreten, habe sich eilig und zerstreut nach demselben erkundigt, und darauf mit zitternden Händen ein Billet geschrieben, das der junge Mann dem Doctor wohl unversiegelt zustellte.

Der Senator sagte darin mit bebend gezeichneten Schriftzügen: »Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht inlocozu finden. Kommen Sie eiligst, sobald Sie können, in meine Schreibstube. Wir werden ganz allein sein. Ich stehe am Rande einer Seelen-Crida;Sienur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den Aviso: der junge Birsher von New-York ist in Person hier angekommen!«

Der Freier. — Jacobinens Geheimniß. — Das Senators Tröster. — Georg Birsher. — Tischgespräche. — Häuslicher Sturm. — Justinens Opfer. — Abendunterhaltungen. — St. Sebastian und die heilige Pulcheria. — Das Gespenst. — Der Superior. — Seine Philosophie. — Wuth der Leidenschaft. — Qual der Schuld. — Neues Ungewitter. — Der Heilige unter den Myrthen. — Die Geisterbannerin. — Verlobung. — Vorträge auf der Mailbahn. — Plaudern zur Unzeit.

Der Freier. — Jacobinens Geheimniß. — Das Senators Tröster. — Georg Birsher. — Tischgespräche. — Häuslicher Sturm. — Justinens Opfer. — Abendunterhaltungen. — St. Sebastian und die heilige Pulcheria. — Das Gespenst. — Der Superior. — Seine Philosophie. — Wuth der Leidenschaft. — Qual der Schuld. — Neues Ungewitter. — Der Heilige unter den Myrthen. — Die Geisterbannerin. — Verlobung. — Vorträge auf der Mailbahn. — Plaudern zur Unzeit.

Nothhaft war schon seit den ersten Frühstunden im Hause des Senators herumgegangen, — glänzend, strahlend, hoffärtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Tressenhute bis zur schweren Silberschnalle am Korduanschuh mit dem leuchteten Absatze, hatte er mehrere Male an die Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verschlossenen Abschied genommen. So hielt er Schildwachtposten und Schildwachtgang durch's ganze Haus, getraute sich aus Respekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu setzen, und hielt es unter seiner Würde, in die Schreibstube zu treten, durch deren Fensterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidischen Augen betrachtete. Endlich, — von mancher Priese Tabak gestärkt, und an dem Glauben haltend, daß Geduld Alles überwinde, besiegte der Commis, der nichts Geringes im Schilde führte, die schleichende Zeitund seinen Unmuth. Die Hausthüre ging auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung empfing ihn Nothhaft an der obern Treppenstufe, und sein Herz lachte im Stillen, denn sein Benehmen schien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines betretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich, aber in den Augen saß eine gewisse unerklärliche Demuth, und seine Stimme war lammfromm und gemäßigt.

»Was verlangt Er, mein Sohn?« fragte der Senator, nachdem er den Commis in seine Stube gewinkt; und stolzer hielt Nothhaft sein Haupt, und nachlässiger spielte er mit dem Uhrbande.

»So geputzt?« fuhr Müssinger fort, mit niedergeschlagenen Augen den umherschweifenden des Dieners ausweichend: »Ich wette darauf, der junge Herr will mich besänftigen, daß ich nicht zürne, weil Er bereits zween Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monsieur, daß ich nicht so strenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht zum Zanken kommen läßt. Es sei Ihm Alles vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vorigen Fleiße.«

»Es hat sich hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geschätztester Principal,« antwortete Nothhaft ziemlich dreist und nachdrücklich; »die Ursache meiner Abwesenheit von Dero Comptoir wird mich, — so hoffe ich, — sehr genügend entschuldigen. Ich bin hier, um dieselbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geschäfte gestern und vorgestern mir Solches unmöglich gemacht. Freilich sollte ich gebührenderweise schwarz wie ein Tintenfaß vor Ihnen stehen; allein, erstens hat der saumselige Schneider mich noch nicht mit Kleidern versorgt, — und — zweitens — will sich's wohl ziemen, — da eine fröhliche Botschaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wissen Sie demnach, Hochzuverehrender, daß mein Herr Vater, — bis dato Kaufmann und Rathsherr in meiner Geburtsstadt, am verwichenen Freitage im 70sten Jahre seines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat. Ich bin sein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und — wie mir schmeichelhafte Verwandte versichern, — würde der Magistrat sich nicht lange sperren, mir auch den Rathsstuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlassen.«

Der Senator war unwillkürlich vom Stuhle aufgestanden, hatte einen nebenstehenden Sessel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich dem Commis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaft ließ sich nicht lange bitten, und indessen sprach Müssinger sehr freundschaftlich: »Sehen Sie, bester Herr Nothhaft; der Tod ist so eigentlich kein Unglück, sondern einSoll, das früher oder später jeder Lebensnegoziant zu saldiren hat. Trösten Sie sich demnach über den herben Verlust, und genehmigen Sie den wärmsten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieses wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geschäfte von der edeln Handels-Wissenschaft ohne Zweifel so Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen werden stehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundschaftlichen Anhänglichkeit vor, und bitte mir zu nächstem Sonntag die Ehre aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem Andern.«

Müssinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht gegeben, das Gespräch beendet, aber Nothhaft saß immer noch breit und lästig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den Zweisprach weiter fortzuspinnen.

»Eben darum, geehrter Herr Senator,« — sagte er — »weil ich weiß, wie förderlich mir Ihre Freundschaft ist, und gewesen, so wie auch die Meinigevice versa, so unterstehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweise, das unsre bisherige Freundschaft-Societät zu befestigen geschickt sein möchte. Mein seliger Herr Vater hat jeden Albus sechsmal umgewendet, ehe er ihn ausgab, und vermittelst dieses Grundsatzes einen ansehnlichen Kasten voll harter Thaler zusammengespart: ein Tuchgeschäft in vollem Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geschirr von Silber und Ringe von Gold. Alles dieses ist mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte demnach, geziemend und gebührend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer Justine ist zwar ein schwieriges, schnippiges Ding; aber ich mag sie doch wohl leiden, und hat man erst ein Dutzend Wochen im Ehestande zugebracht, so findet sich Alles hinterdrein.« —

Der Senator saß verstummt da, und lächelte vor sich hin; ob aus Spott oder aus Ueberraschung? Dann erwiderte er ziemlich treuherzig: »Lieber Herr Nothhaft! Sie thun mir unläugbar eine Ehre an, so wie Justinen. Aber, Bester! — sollte es Ihnen denn unbekannt sein, daß meine Tochter noch immer versprochen ist? Bevor Herr Birsher junior nicht sein Wort und das meinige aufgegeben ...«

»Täuschen Sie sich noch beständig mit dem Bräutigam aus New-York?« fragte Nothhaft achselzuckend; »geben Sie um Gotteswillen die Anwartschaft auf. Der junge Herr wird an Deutschland gedenken, und über kurz oder lang wohl dieBrautgeschenkewieder einfordern lassen, die sein armer Papa hieher bringen mußte; aber sicher nicht dieBraut.«

»So?« — fragte Müssinger etwas gereizt. »Woher wissen Sie das? Sind Ihre Briefe sicher?«

»Hm!« antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend; »ich meine nur ...; wenn ich der Sohn wäre — ich könnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen man meinen Vater ... begraben hätte.«

Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig. »Man muß es darauf ankommen lassen,« sagte er trotzig.

»Lassen Sie's nicht ankommen,« fuhr Nothhaft fort: »verkennen Sie Ihren Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir ist Ihnen heilsamer, als eine Verwandtschaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Million in Cassa; aber einen Mund, der schweigen kann, und einen milden Verstand, der mit dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit steht, wenn gewisse Menschen-Irrthümer zur Sprache kommen wollen.«

»Wie so? Wie begreife ich, was Sie mir sagen?«

»Denken Sie an des alten Gastfreundes Sterbetag. Gedenken Sie des seltsamen Sterbefalls ...«

»Und nun, Monsieur? Was will Er ... was wollen Sie damit sagen?«

»Der Pistolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor Thorschluß, möchte man sagen, quittirten Wechsel ... oder Verschreibungen ...«

Der Senator wurde weiß wie die Wand, stand auf, schöpfte tief Athem, und sagte mit gepreßter Stimme: »Sie sind ein schauerlicher Patron, und verstehen's, solche unangenehme Todes-Auftritte recht täuschend zu schildern, daß man sich unwillkürlich fürchten möchte.«

»Herrlich!« rief Nothhaft, »um so schneller werden Sie mit der Heirath in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Respect dann vor Ihrer Firma!«

»Ei! den müssen Sie auch haben, junger Mensch!« fuhr der Senatorauf: »haben ohne Allianz! Sie thun absonderlich vertraut mit mir; mehr als sich's schicken dürfte! Werden wohl berathen sein, wenn Sie dieses unterwegs lassen!«

Nothhaft sah den Aufblitzenden stutzig und verblüfft an. Die auflodernde Hitze reute indessen den Senator im Augenblicke. Er beruhigte sich gewaltsam, murrte ein finsteres: »Pfui!« gegen sich selbst gerichtet, in den Bart, und fuhr fort: »Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir vorgenommen, mich nicht zu erzürnen; aber die Zunge läuft manchmal wie ein toller Deserteur davon. Mit Permiß! so wir uns alterirten, wollen wir wieder Freunde sein. Das Schätzbare Ihrer Werbung ist mir nicht entgangen; aber sagen Sie selbst: ist es möglich, Ihnen etwas, das geringste aufmunternd zuzusagen, da der junge Birsher selber hier eingetroffen ist?«

Nothhaft sprang überrascht vom Sessel. Er studirte lange an dem Ernste in des Senators Augen; dann sprach er hitzig, wie ein Pfeil schwirrt: »Wenn's in der That also ist, Herr Senator, so heißt's: Kurz resolvirt. Ueberlegen sie genau, wie's anzufangen sein möchte, damit der Herr von New-York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort ist so gut als schon in meiner Tasche. Justinens wird sich dann schon finden. Apropos indessen, Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm vorkommen, wenn sich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk hängen will. Jungfer Justine ist in der Education sehr vernachlässigt.«

»Monsieur Nothhaft!« sagte Müssinger erstaunt, und wieder böse werdend. —

»Na! ruhig im Gemüthe, Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der englische melancholische Junker, der hier im Hause den Sprachmeister abgiebt — der verdient's, daß Sie ihm böse, gram und giftig werden. Er hat Justine gekirrt; Parbleu! ich weiß es sehr genau. Morgen-Promenaden — im Frühroth — Berndt hat's mit angesehen, wie sie plauderten, wie sie Abschied nahmen. Solche Lustwandeleien im Morgenthau mögen vielleicht unter den grobhäutigen Engländern gäng und gäbe sein, aber der gute Ruf unsrer deutschen Töchter und Schwestern bekömmt leicht davon den Schnupfen.«

»Ich werde die Sache untersuchen,« erwiderte der Senator strenge; wendete sich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röthe der Schaam auf seiner Stirne bemerke: »Verlassen Sie sich darauf: ist's wahr, — soll's gewiß nicht mehr geschehen!«

»Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content!« äußerte Nothhaft, den Weg zum Abschiede suchend. Der Senator ermangelte nicht, dem Zuversichtlichen zu bemerken, daß seinem Ansuchen bei weitem noch keinAmengesprochen worden, aber unwillkürlich nahm seine Rede einen trügerischen Schein an, und Nothhaft — wäre er auch nicht der alte dumm-dreiste und hochmüthige Geck gewesen, wie sonst, — hatte Ursache, mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen.

»Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die schwereren vergab!« sagte der Senator leise vor sich hin, wie im Gebet; »ich konnte mir in der Verlegenheit des Augenblicks nicht anders helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimnisse kennt, muß berücksichtigt werden, — wenigstens, bis er die Stadt im Rücken, den Weg nach seiner Heimath unter der Sohle hat.« Er ging hin und her in der Stube, musterte seinen Schreibtisch, seine Bücher, — zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die bestaubte Hauspostille darunter gewahr wurde, schob sie mit unmuthiger Hand in einen klaffenden Wandschrank, und reinigte dann die Finger vom Staube. — »Wie dieser Anblick mich plötzlich an dieJugend erinnert hat!« sagte er mit wehmüthigem Vorwurfe zu sich selbst; »dieses Buch, woraus ich meinen Eltern den Abendsegen lesen mußte, dessen Haupt-Predigt- und Erbauungsstellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater-Unser ... Dieses Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unsers Hauses verzeichnete, wie eine Geschlechterchronik, — dieses Buch soll mir von nun an ein Gräuel sein!« Er seufzte, drückte jedoch den Wandschrank entschlossen zu, und zog ein kleines Büchlein aus dem Busen, das er mit einer seltsamen Mischung von Neugierde, Zuversicht und Zweifel betrachtete. »Du sollst in Zukunft mein Hort sein?« fragte er flüsternd und setzte, darin blätternd, hinzu: »Ihr Heiligen Alle, deren Häupter aus diesen Bildern, mit Dornen und Blut bekränzt, schauen! nehmt Euch meiner an, daß ich nicht vergehe in muthlosem Schwanken! wahrt mir doch den Frieden, den ich kaum durch einen beispiellos raschen Entschluß gewonnen!« Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferstichs, und in dem Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer. »Münzner! Münzner! ist das nichts Claras Weltname? Und ist sie nicht der Engel, der heute mein Pathe gewesen? Und ich sollte friedlos bleiben, da sie für mich zu den Füßen des Heilands betet? Muth, mein Herz!« Die Glocke, die zum Frühstück rief, ertönte.

Der Senator versteckte das Gebetbuch, zog sein Gesicht in die gebieterischen Alltags-Falten, und begab sich zur Wohnstube. Der Kaffee dampfte von dem blaudamastenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte Porzellan, berührt von dem schweren silbernen Geräthe, erklang hell; im Uebrigen blieb es stumm in dem kleinen Kreise. Die Senatorin, die kaum den Morgengruß des Mannes erwidert hatte, saß, zwar ihm zur Seite, aber dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Tasse in der bequem ruhenden Hand haltend, das Frühstück und den Morgenstrahl, der durch's Fenster schlug, zugleich. Justine hütete mit besorgten Blicken bald den stillen Vater, bald die feindselige Mutter, und bestellte die Frühstücks-Angelegenheit; schenkte ein, bediente, nöthigte wie es der Brauch war. Berndt saß unfern, wie ein Lämmchen, unfähig, ein Wässerchen zu trüben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er heute schon gethan, bald schoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der ernste Buchhalter, gegen jede Kaffebedienung deprecirend, zum zwanzigsten Male behauptend, daß er bereits in aller Frühe seine Portion genossen, stand hinter dem Herrn, und producirte eine eingelaufene Missive nach der Andern, eine Reihe abzusendender, und eine Menge der Unterschrift bedürftiger Papiere.

Müssinger las und unterschrieb schweigend, sandte den Buchhalter hinunter, beschied Berndt in einer Stunde auf seine Stube, und fragte, nachdem auch dieser feuerroth hinweggegangen, mit ungewöhnlich sanftem Tone: »Wie nun, Jacobine, und du, mein Justinchen? Ist denn schon die Tafel für den zu erwartenden Gast geordnet?« — Justine wollte die Mama antworten lassen, aber die Senatorin hatte dazu keine Lust. Mit einem tiefen Seufzer setzte sie die Tasse geräuschvoll hin, kehrte dem Senator völlig den Rücken, und starrte in's Blaue. — »Ei, Jacobine ...!« — sagte Müssinger hierauf staunend und gereizt, — näherte sich der Schmollenden, und wollte die Hand auf die Lehne des Stuhles legen, um sich vertraulich zu ihr herabzubücken; aber wie vor einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wischte schnell mit ihrem Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig sein Finger gestreift hatte, und schritt trotzig und stumm in's Seitenzimmer. Die Thüre ging krachend hinter ihr zu. — »Was bedeutet das?« — fragte Müssinger, seine Jast kaum bezwingend. Justine erzählte schüchtern und verlegen, daß sich der Mutter Betragen seit ihrem Spaziergange von gestern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß sie nichts überdie Veranlassung zu diesem stummen Groll geäußert, und daß sie, Justine, von der Sache nicht das Geringste begreife. — »Mit wem hat deine Mutter draußen gesprochen?« — fragte der Vater mit krauser Stirne. Justine gestand, daß sie, in Scherz und Gelächter mit andern Personen ihres Alters und ihrer Bekanntschaft vertieft, es nicht bemerkt habe.

»Welche unselige Grille beherrscht das Weib nun wieder!« — sagte der Senator empört, aber wie mitleidig die Achseln ziehend. — »Ist denn wohl ein Hausvater in dieser Stadt, der unglücklicher wäre, als ich? Diese stumpfsinnige Xantippe, die mein Leben verbittert ...«

Justine flog mit thränendem Auge an seinen Hals, und fragte: »Lieber Vater! Sind Sie denn auch mitmirböse? Verdiene auch ich Ihren Unwillen?« —

Der Senator sah sie gerührt an, schob sie dann, plötzlich verfinstert, von sich, und antwortete: »Unter deinen Fehlern vermißte ich wenigstens bis heute die Heuchelei.Nuntritt auch diese hervor. Ungerathene mit dem Unschuldsblick! Wohin hast du dich verirrt? Mit einem jungen Manne, der mein Vertrauen verräth, bist du am frühen Morgen auf den Gassen der Stadt gesehen worden. — Bekenne! wohin führen diese Gänge? und seit wann?« —

Justine erbleichte ein wenig; allein sie war bald wieder gefaßt. »Berndt hat mich verläumdet,« — sagte sie ruhig; — »der Schleicher trat auf meinen Fersen in das Haus. Glauben Sie dem Menschen nicht. Verlangen Sie jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange sage, als daß er nur ein einzig Mal — Gestern — statt gefunden, und daß ich die Hütte einer Armen aufgesucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wenn es Ihnen gefällt, den Monsieur White selbst.«

»Welch ein kühnes Vertrauen!« — rief Müssinger. — »Ich will glauben, daß noch die Sünde nicht mit Euch ging. Was soll aber daraus in Zukunft werden? Du wirst, hoffe ich, nicht den thörichten Gedanken hegen, den bettelarmen Baronet, — obendrein zu einer Zeit, wo dich noch andere Bande fesseln, die vielleicht fester zu knüpfen, dein Verlobter kam ...«

»Vollenden Sie nicht, Herr Vater,« versetzte Justine; »lernen Sie mich besser kennen. Ihre Besorgnisse sind grundlos. Da Herr Birsher hier angekommen, schickt sich's ohnehin nicht, daß ich den Besuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute schon entlassen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Ruf schonen wollen. Was Berndt betrifft....«

»Das ist meine Sorge!« ergänzte der Senator, und eilte auf seine Stube, wo sich Berndt demüthig und bald einfand.

»Er hat sich erlaubt,« fuhr ihn der Principal mit Strenge an, »meine Tochter durch böse Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Verläumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hause. Er hat sich um einen andern Dienst umzusehen, und mit Ablauf des Quartals von meiner Schreibstube abzuziehen.Bon Dies.«

Stumm und niedergeschlagen entfernte sich Berndt, und murmelte zwischen den Zähnen: »Das kommt von Nothhaft, dem neidischen Bengel! Das gedenk' ich ihm!«

Der Geist der Verdrossenheit hatte sich auf Müssingers Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Justine ausgenommen, die mit unbefangenem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft musterte. Freilich mischte sich auch in diese unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruh, wenn sie an den Verlobten dachte, derso plötzlich erschienen war; von dessen Wollen und Wünschen noch nichts verlautet hatte. »Wie wird er die Sache entscheiden?« fragte sie sich, »und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod seines Vaters seinen vielleicht erzwungenen Vorsatz geändert? Aber: wie sieht wohl der junge Mann aus?« fragte sie sich noch weit öfter, und erbebte ein Bischen, dachte sie sich des alten Birshers Corpulenz, seine Perücke, seine Manieren, die sich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maßstabe, in dem Sohne wiedergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heirathen? — war natürlich die letzte, die bedeutendste Frage, die Justine an ihren Verstand, an ihr Herz richtete. Der Verstand, der den Reichthum und das daraus entspringende heitere Leben zu schätzen wußte, sagte allerdings: Ja! aber das Herz? In diesem verborgensten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem spielenden Geist zu vergleichen, ein Bild auf, — angenehm in seinen Zügen, unangenehm jedoch in seiner Bedeutung: James. — Justine wurde nun sehr ernsthaft, sehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieses Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verschwand, und nimmer wieder kam. — So halte ich dem besorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde! — sagte sie gleich einer Siegerin, und ging, eines hellen Entschlusses voll, die Schlüssel des Hauses einzufordern, um das Gastmahl zu rüsten.

Frau Jacobine machte gar keine Schwierigkeit, auch heute die Wirthschaft dem Mädchen anzuvertrauen. »Du wälzest einen Stein von meinem Herzen!« — sprach sie, die Schlüssel hinreichend, und wieder in die Kissen des Kanape's versinkend, in denen sie sich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne.

»Darf ich nicht wissen, was Sie beängstigt oder ärgert, liebste Mutter?« — fragte Justine mit sanfter Theilnahme. Die Mutter schlug die Hände zusammen, und schüttelte den Kopf mit Heftigkeit. »Frage mich nicht, Justine!« — sagte sie alsdann mit phlegmatischem Pathos: »Es wird die Zeit kommen, da sich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich ... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel schicken! Behalte indessen die Schlüssel dieses unseligen Hauses! In meinem Leben rühre ich sie nicht mehr an!«

Sie schwieg verstockt, und Justine fürchtete für den Verstand der Mutter.

»So werden Sie mir doch erlauben,« — sprach sie, — »eine Gehülfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus- und eingehen wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachsen wäre.«

»Wie du willst. Gott segne den Herrn Birsher! Er hätte aber besser gethan, zu New York zu bleiben. Wen willst du jedoch dir zur Seite setzen?«

»Eine Freundin: Madame Laynez, eine Französin.« — »Wer ist die Person? Ich kenne sie nicht.« — »Die Frau Syndikus empfahl sie mir,« — versetzte, um eine Antwort etwas verlegen, Justine. — »So?« — erwiderte Jacobine mit großen Augen; — »meinethalben dann. Die Syndikussin empfiehlt sicher kein Gesindel; sonst möchte ich wohl gerathen haben, auf der Hut zu sein. Die Franzosen machen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiten, wie die heutige ...« — »Lassen Sie mich walten, Mutter; und erheitern Sie sich. Dieser unbegreifliche Mißmuth würde den Gast verschüchtern und den Vater erzürnen.« »Den Vater?« — rief die Mutter zusammenfahrend aus; — »schweige von ihm. Ich will nichts von ihm wissen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen. Du wärest nie geboren worden!« — »Mutter!« — »Ich wollte,meine Augen müßten den fremden Gast nicht sehen. Aber — nicht wahr, es wäre unschicklich, wenn ich bei Tische fehlte?« — »Gewiß, liebe Mutter! Bedenken Sie selbst, — die Frau vom Hause ...«


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