Chapter 7

»Wie so?«

»Hm! es soll eine Eigenschaft besitzen, die ...«

»Und welche?«

»Die alle diejenigen, welche das Bild tragen, zwingt, katholisch zu werden, oder es zu bleiben.«

»Welche Posse!«

»In der Kapsel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Diese mag das Wunder wohl bewerkstelligen. Aber die Wirkung soll unläugbar sein. Darum wird es,« setzte die Lainez ernsthafter hinzu, »besser sein, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halse trage. Es möchte sonst aus meiner Bekehrung zu Liebkirchen nichts werden.«

»Sie sprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie sprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieses Bild auf meiner Brust tragen, so lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten Schwindel ergriffen zu werden, dessen Sie erwähnten.«

»Es käme auf die Probe an,« sagte die Lainez leichtsinnig: »hier ist das Bild;« sie nahm es aus dem Kästchen: sammt der geweihten Kapsel. »Getrauen Sie sich, das übermüthige Wort zu bewähren?«

»Geben Sie her!« erwiderte Justine eben so leichtsinnig und trotzig: »ich verspreche Ihnen sogar, nicht einmal die Kapsel zu öffnen, und die Wunderkraft der Reliquie, wie die Neugierde zumal zu besiegen: ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen soll!«

»Recht so, meine kleine Heldin!« rief die Lainez, und hing dem Mädchen das Bild um den Hals. »So reizend sich nun wohl dieses rabenschwarze Sammetband auf dem prachtvollen Nacken ausnimmt,« setzte die Schmeichlerin scherzend hinzu, »so wollen wir das Medaillon sammt Band doch sorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verstecken. Mama könnte neugierig und ungehalten werden — erführe Sie den Scherz!«

Justine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fernere Gespräch über obigen Gegenstand.

Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu stören, ging aus, und nach und nach versammelten sich der Senator und seine Frau in Justinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Französin, die Geschicklichkeit, mit welcher dieselbe die Spitzengarnitur angebracht; der Vater pries die stille Anspruchslosigkeit der neuen Hausgenossin; Georg schüttelte jedoch den Kopf und sagte: »Die Unglückliche, Heimatlose verdient mein Mitleid und meine Achtung. Mir ist es jedoch angenehmer, daß sie nach Berlin zieht, während ich und Justine nach Amerika ziehn. Französische Nachbarschaft thut weder der Deutschen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indessen, bei dieser Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendsamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer sich so freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen anzuschließen versteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten stets lieben, die Kinder stets sorglich pflegen. Ich billige es auch sehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, diesem Hang zum Wohlthun keinen Zwang entgegensetzten.«

»Sie ist das einz'ge Kind;« sagte der Senator lächelnd.

»Sie thut immer, was sie will;« fügte Jacobine langweilig hinzu: »wir sind es schon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen gewesen, hätten wir nicht die Landstreicherin, von der Niemand das Geringste weiß, im Hause geduldet. Freilich hat die Syndikussin sie empfohlen, wie das Töchterchen sagt; aber ihr Köpfchen hatte der Empfehlung nicht bedurft.«

Die Senatorin schwieg, von der langen Rede erschöpft, und alle schwiegen mit ihr. Justine grollte über die ihr zugefügte Beschämung; der Senator über die geringe Lebensart seiner Frau; Georg überlegte, und sinnend ruhte sein Auge auf Justinen.

»Sind Sie so herrschsüchtig?« fragte er plötzlich, und legte seine Hand auf Justinens arbeitende Rechte: »spricht Ihre Mutter wahr?«

»Monsieur....« stammelte Justine, nach einer Antwort suchend.

»O gewiß,« fuhr Georg offenherzig fort: »gewiß scherzte Ihre Mutter nur. In diesen Augen, in diesem Gesicht, das nur Ruhe und Festigkeit ausdrückt, suche ich vergebens nach Trotz und Eigensinn. Nachgiebigkeit und Sanftmuth schmücken ja die Frau. Durch diese Eigenschaften regiert sie den Mann, und erhält ihre Reize.«

»Sie predigen frühzeitig, mein Herr!« versetzte Justine, ihn scharf von der Seite anblickend.

»Man verständigt sich nie früh genug;« sagte er hierauf ohne Heftigkeit: »es ist besser, sich zuvor zu kennen. Unser Brautstand ist kurz: wir könnenihmnicht vertrauen. Wir sind riskirende Kaufleute, schließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Assekuranz. Sein Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht sein. Ich bieteIhnenkeine Eisenketten. Wollen Siemichdamit binden? Sagen Sie mir's, damit wir Beide unser Glück und unsere Freiheit retten.«

»Sie führen seltsame Discurse, worauf ich nicht antworten kann;« antwortete Justine sehr spitzig, erhob sich und verließ mit ihrer Arbeit das Zimmer.

Georg sah die Zurückbleibenden verdüstert und fragend an. Die Eltern schlugen beschämt die Augen nieder. »Sehen Sie, mein Werthester,« begann der Senator sich räuspernd: »das Frauenzimmer ist hier zu Lande der Galanterien, die von den Wälschen kommen, mehr gewöhnt, als der amerikanischen Freimüthigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Consilium geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, sintemalen das Kind noch in der Welt so fremd und unerfahren ...«

»Ich merke wohl, wo es hier fehlt;« sagte Birsher lächelnd: »es thut jedoch nichts, wenn nur das Herz gesund und gutgeartet ist. Sie wird sich an meiner Fassung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beispiel nehmen, und alsdann die Härten mildern, die ihr noch aus der früheren Jugend ankleben. Könnte ich das Gegentheil voraussehen, so würde ich es, so weh mir es thäte, vorziehen, Ihnen, Herr Senator, Ihr Wort zurückzugeben.«

Der Senator erschrak: »Ew. Edeln scherzen wohl;« sagte er, von dem Gewissen angeregt.

»J nu;« entgegnete Georg lächelnd: »wer weiß, ob Justine mir das Meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging sehr böse von hier, und scheint eine hartnäckige Feindin zu sein, wenn sie den Krieg erklärte.«

Der Senator war verlegen. Die Senatorin versetzte jedoch sehr ruhig und treffend: »Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegersohn. Justine ging nicht, ohne das Brautmieder, woran sie arbeitet, mit sich zu nehmen. Mit diesem beschäftigt, ist's den Mädchen mit dem Groll nicht Ernst.«

»Sie beruhigen mich, geehrteste Frau,« entgegnete Birsher: »ich hoffe wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden kann, auf morgen die Versöhnung verschieben.«

Ein Weibel des Raths erschien, und überbrachte dem Senator die Weisung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhause zu erscheinen.

»Ist denn morgen eine außerordentliche Sitzung?« fragte Müssinger verwundert; »warum eine Stunde früher, als sonst?«

»Der wohlehrsame und weise Herr Senator sollen zuvor vor Sr. Magnificenz dem amtirenden Herr Bürgermeister privatim vernommen werden,« lautete die Antwort des abgehenden Rathsboten. Der Senator schwieg sinnend und staunend; die Senatorin wurde bald bleich, bald roth, und sah ihren Mann scheu von der Seite an. Georg sah sich hier überflüssig, und empfahl sich, nicht minder gedankenvoll.

Er begab sich nach seinem Gasthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut hatten auf den geraden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückseligkeit, das er sich in einsamen Stunden entworfen, das er an Justinens Seite zu finden gehofft, schien ihm plötzlich eben nur Ideal zu sein und zu bleiben. So manche schielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gastwirthin über Justine sowohl, als das Hauswesen des Senators überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein schmeichelnder Traum, der seine Sinne und sein Urtheil umzogen, fiel stückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zusammen. In großen Mißmuth versunken, betrat er sein Zimmer, und suchte an seinem Fenster, das die Aussicht auf die vom Abendstrahl beleuchtete unferne Mailbahn mit ihren Spaziergängern gewährte, Unterhaltung, Zerstreuung. Ein leises Klopfen an der Thüre erregte seine Aufmerksamkeit, zog sie von der Aussicht ab. Auf sein »Herein!« kam demüthig grüßend und gebückt, ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in schwarzen Kleidern, mit einem schüchternen: »Guten Abend, mein Herr!« in das Zimmer.

Georg hatte nicht so bald den unbekannten Besuch mit dem Blicke gemessen, als er auch in ihm einen jener reducirten Schullehrer oder grau gewordenen vacirenden Candidaten zu sehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod suchten, und sowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbesitzern, als auch in Gasthäusern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutschland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Westentasche. Der Fremde verstand diese Geberde, und eine versagende Bewegung seines Kopfes und seiner Hand verrieth dem Freigebigen, daß es hier auf seine Geldwohlthat nicht abgesehen sei. Er ließ daher die milde Hand sinken, und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Diensten des Schwarzgekleideten stehe. Der Mann richtete sich besser empor, trat näher, und fragte mit einer sehr weichen Stimme entgegen, ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New-York zu sprechen.

»Ich bin's, Herr. Ihr Anliegen?...«

»Ist lediglich ein Anliegen, das sich an Ihre Großmuth richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.«

Birsher staunte, und wies dem Fremden einen Sessel. Der Mann setzte sich und fuhr fort: »Man hat Sie als einen wackern, streng rechtlichen Herrn geschildert, der wenig Worte zu machen, aber desto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu stellen.«

»Sonderbar! wie so?«

»Ich befand mich gestern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern, und habe den Herrn Pfarrer und Inspektor in ersterem Orte besucht. Se. Ehrwürden, die gerne lustig und guter Dinge sind, und einen frohen Schmaus so sehr liebend, als es sich mit Ihrer Würde verträgt, sagten zu mir: Magister, wenn Sie sichbenethun wollen, — so kommen Sie nächsten Dienstag. Es giebt hier eine Copulation, die sich fideliter endigen wird. Der Bräutigam ist reich, der Brautvater nicht minder, und lustig obendrein. Ein splendides Carmen von Ihrer Hand würde seinen Zweck nicht verfehlen, und Ihnen silberne Früchte und Wein und Kuchen nach Herzenslust eintragen. — Sie wissen vielleicht, mein Herr, daß wir stellenlose Magister unser Zeitliches sauer und schmal zu verdienen haben, und daher Hochzeiter und Kindtaufen nachziehen, wo sich solche auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des verehrtesten Brautpaars, damit ich solche in dem Epithalam gebührender Weise einfließen lassen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr Inspektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf-und Handelsmann aus New-York, und die tugendbelobte Jungfer Justine Müssingerin, des Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich stutzte zwar, verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erstaunen, habe mich indessen eiligst auf den Weg gemacht, um, Verehrtester, aus Ihrem Munde zu hören, ob sich wirklich die Sache also verhalte.« —

»Der Herr Pfarrer, auch Inspektor, ist ein Schwätzer; Herr Magister. Er sollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet sind, so mag ich's nicht läugnen, unter der Bedingung, daß Sie verschwiegener sind, und ein recht fröhliches Hochzeitlied liefern. Sie sollen dann zufrieden sein.«

»Zufrieden?« sagte der Magister, indem er seufzend und mit gefurchter Stirne aufstand: »wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in irgend einem Psalm. ZudieserCopulation kann ich kein Hochzeitcarmen fertigen.« —

»So? Und warum nicht, wenn's beliebt?«

»Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg bestellen. —«

»Herr! Sie sind ohne Zweifel im Kopfe nicht gesund.«

»Doch; doch, Verehrtester. Allein ein Mensch, der mir nahe angehört, steht am Rande des Wahnsinns, am Rande des Grabes; und er taumelt hinein, sobald der Inspektor zu Ihrer Trauung läuten läßt. —«

Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er starrte den seltsamen Magister an, rieb sich die Hände, — faßte sich nun gewaltsam, und versetzte: »erklären Sie sich, Herr. Ich bin kein Kind, sondern ein Mann, mit dem sich das ernsteste Wort deutlich und ohne Umschweif reden läßt. Von welchem Menschen sprechen Sie, und welchen Bezug hat meine Ehe auf denselben?«

»So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann, ein Engländer von Geburt, — ein Baronet — unglücklich, aber brav — liebt — liebt Dero Jungfer Braut.«

»So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er lasse sich indessen die Thorheit vergehen. Wo nicht Ansprüche sind, gilt die einseitige Leidenschaft nichts.«

»Keine Ansprüche? Ach, er hat die gültigsten; denn Jungfer Justine hat ihm ihr Herz geschenkt. —«

»Herr!« fuhr Georg auf.

»Er war ihr Lehrer; Amor mischte sich in's Spiel. Ein Verständniß erwuchs. Der Vater schlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimniß, worein er diese Hochzeit verschleiern will. —«

»Wahrlich; ich besinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu haben — aber — Justinens Unbefangenheit....«

»Ihre Neigung unterwarf sich dem strengen Willen des Herrn Senators. Es ist aber nur Asche über die Glut gedeckt. In der letzten Zusammenkunft der jungen Leute ...«

»Zusammenkünfte? Schöne Entdeckungen!«

»Sollte Abschied genommen werden; aber Jungfer Justine wollte nichts davon wissen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewissen Zeit nach Amerika zu folgen.«

»Wahrhaftig?«

»Dieser Vorschlag war der eines heftigen unbesonnenen Mädchens. Mein Zögling verwarf ihn. Glaubst du, sagte er, daß ich einen Landsmann, einen wackern Herrn, wie Herr Birsher ist, hintergehen möchte? — Lieber sterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.« —

»Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.«

»Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte sich mit dem Freunde. Ich wußte von Allem nichts. Der Jüngling hatte mir Alles verschwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur Stadt, zu erfahren, ob er wohl wisse, was sich zu Liebkirchen begeben sollte. Da gestand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich fürchte: er thut sich ein Leides.« —

»Nein, nein! das soll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber eigentlich bei mir?«

»Ich komme ohne Vorwissen meines James. Ich wollte Ihnen Alles entdecken, und Ihre Großmuth fragen, ob sie es über sich gewinnen kann, zwei Menschen unglücklich zu machen, die sich lieben? ein kaltes Herz an sich zu binden?«

»Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die sich nach einem fernen Freunde sehnt? Nimmermehr. Einen Nebenbuhler der sich eine Kugel vor den Kopf schießt, und meine Frau zur Grube welken macht? Gott behüte mich vor solchem Verdruß und Jammer!« —

»Gott lohne Ihnen diesen Entschluß!« — rief der Magister gefühlvoll, und führte ihn an das Fenster: »sehen Sie auf jener Bank den blassen jungen Mann, der tiefsinnig vor sich nieder sieht? Er ahnt nicht, daß hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das seine Brust empfindet, läßt ihn auch Alles um ihn her vergessen. Das ist James. Ueber sein Leben haben Sie nun zu entscheiden.« —

»Ein ansprechendes Gesicht!« versetzte Georg, mitleidig herniederblickend: »wenn ich nun aber Ihrer Zuversicht auf meine Rechtlichkeit entspreche, und dem Glück, das ich geträumt, entsage? was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu bewegen sein.«

»Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?« fragte der Magister: »sie bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraschtes Vaterherz?«

»Ei, Herr Magister! Sie scheinen die Liebe studirt zu haben!« sagte Georg Birsher gedankenvoll lächelnd: »Ihre Beredsamkeit überzeugt jedoch den soliden Geschäftsmann nicht. Wo ist die Caution für Ihre Aussage? Sie sind der Magister..«

»Liebhold aus Faldern.«

»Ganz recht. Ihr Zögling ist in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, so erröthet sie wohl, und läugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den sie sich gehorsam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit schildern, und ich führe mißtrauisch,aber dennoch beim Wort gehalten, einen trügerischen Handel aus. Von der andern Seitekannaber Alles nur Trug sein. Man hat schon eine gewisse Comödie auf meine und eines Verstorbenen Rechnung versucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magister, nicht ein Fuchs sind, der mich irre leiten soll? der Urheber eines neuen Possenspiels, mir Lust und Neigung zur Ehre zu rauben?«

Der Magister bückte sich ergebenst. — »Ich habe wie ein Mensch zum Menschen gesprochen,« sagte er mit dem Ausdruck tiefer Resignation: — »mein Stand erlaubt mir nicht, öffentlich als Ehestörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann, der den Rest seiner Jahre in Frieden zuzubringen wünscht. Meine Worte sind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge ist wohl das Bildniß des Geliebten, das Jungfer Justine behielt, das sie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Brust trägt, das sie geschworen hat, auch ferner zu tragen, so oft ...«

Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er sprang auf, unterbrach den Redner heftig. »Sein Bildniß!« rief er: »Gott verzeihe mir die Sünde! bald wäre mir ein unbescheidenes Wort entschlüpft! O ja, Herr Magister! das ist ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn an's Licht ziehen! ich werde sehen ... und ... finde ich's so, wie ich jetzo beinahe fürchte ... Sie sollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer comfortablen Conversation gehört. Auf Wiedersehen ... wann und wo Sie wollen!«

Er schob, ohne viele Umstände zu machen, den komplimentirenden Magister zur Thüre hinaus, und verriegelte diese hinter ihm. Ein stummer, aber heftig grollender Sturm bewegte seine sonst so ruhige Brust, und er mußte, zum Erstenmale in seinem Leben, sich bittere Gewalt anthun, um den Sturm zu beschwören. Er sah an diesem Abende keinen Menschen mehr, und suchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelassener. Er machte sich Vorwürfe, seine Ruhe vergessen zu haben. Eine stille ahnungsvolle Wehmuth stellte sich bei ihm ein, während sein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare unverfälschte Münze umzusetzen. Er warf sich in die Kleider, er verließ das Haus, er suchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Besuch nicht die gewöhnlichste war, denn die Glocke auf dem Rathhause hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt.

Er fand Justine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, erröthend vor der unerwarteten Ueberraschung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein seidenes Flortuch um den Busen zu werfen, der noch von keiner Schnürbrust beengt war. Ihre Locken fielen natürlich, unfrisirt um das Haupt. Das anliegende Gewand, günstiger als die steife Visitenrobe, zeigte die schönsten Formen. Die Flor-Enveloppe verhüllte nur schwach die schönen Arme, und schöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufriedenheit, sich ohne künstlichen Schmuck, dem schmeichelarmen Spiegel gegenüber, schön zu wissen. Birshers Herz klopfte unruhig und sehnsuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte seine Vorsätze durcheinander geworfen. Streng wollte er sein und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Justinens Gesicht sprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth einer milden Siegerin. Justine hätte dem frühen waglichen Besucher gezürnt, wäre sie sich nicht des gestrigen Unrechts bewußt gewesen. Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Rosenschimmer überstrahlt, schien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes hastiges Erscheinen schmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing sie ihndoppelt zauberisch; triumphirend und beschämt; vergebend und reuig; hoffärtig, also geliebt zu sein, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen antwortete ihr Mund den verlegenen Entschuldigungen des Bräutigams. Sie schien seinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte fast, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte sie den Gedanken an das innigere Verhältniß von Verlobten so lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieser Vorhimmel das glückliche Mittelding zwischen Fremd- und zu Bekanntsein, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte sich erst und wurde erst bräutlich ihr Herz. Birsher hing, wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten des Brautschmucks, der vor ihr auf dem Tische stand; in dessen Beschauung der Bräutigam die Braut gestört hatte.

»Ich hatte nicht gehofft, Sie mit diesem Gegenstande beschäftigt zu finden,« sagte der junge Mann leichter athmend: »Sie äußerten gestern unverdienten Groll gegen mich.«

»Sind Sie überzeugt, daß er unverdient gewesen,« — erwiderte Justine gefällig, und näherer Erläuterung feind, — »so war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Siemirzu, daß ich es eingesehen, und sind Sie nun zufriedener?«

Birsher küßte entzückt ihre Fingerspitzen, und in den Hintergrund seiner Erinnerung waren Argwohn und Vorsatz zurückgetreten. »Dieser Empfang bürgt mir für mein künftig Glück,« sagte er freudig: »so zarte Versöhnung macht lüstern nach der veranlassenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beste Jungfer, mit mir glücklich zu werden?«

»Ich hoffe es,« antwortete Justine freundlich, und reichte ihm ungeziert die weiche Hand: »nun aber keine Zweifelsfrage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute sich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen sind mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht sehr, mein werther Monsieur. Wir wollen uns demnach fein gescheit benehmen, und den Anstand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie ersuche, einstweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geschickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde. —«

Die Listige wollte wie ein glatter Aal entschlüpfen. Birsher hielt sie sanft auf. »Neidische Braut!« sagte er: »Sie wollen mir den schönsten Anblick rauben, dessen sich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und suchte nicht eine seufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der steife Haarputz, die umfangreichen Damastkleider, die martervollen Corsetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, sind eben so viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre schönsten und seltensten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treuesten Freunde ein ferneres trauliches Beisammensein mit Ihnen, der Ungeschmückten, aber desto Reizendern!«

»Das schickt sich nicht!« hieß die Antwort der Widerstrebenden. Birsher ließ ihre Hand nicht los, und bat: »So lassen Sie mich wenigstens die erste Hand an Ihren Schmuck legen. Vergönnen Sie, daß ich Sie ersuche, heute mir zu Liebe diese Halskette, gleichsam zur Probe zu tragen. Erlauben Sie, daß ich selbst diesen schönen Nacken damit schmücken darf?«

»Ei, welche Zumuthung!« versetzte Justine, und wickelte sich schamhaft in die Enveloppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung seiner Bitte, und der gesetzte Mann bat diesmal so sanft, so dringend, so freundlich, daßes dem Mädchen vorkam, als müsse es dem liebenden Freunde nachgeben. Sittsam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn sinken lassend, neigte sie das Köpfchen, schloß erröthend die Augen, und lispelte: »Sie sind ein arger Schalk, werther Herr! indessen, damit Sie mir nicht böse werden.... meinetwegen!« —

Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Justine sah mit Entzücken, wie seine Hand zitterte, da sie das Schloß öffnete: schon berührte das kalte Gold, der eisige Diamant ihren zarten Hals. Das Flortuch sank tiefer, und ein staunendes »Ha!« entfuhr Birshers Lippen.

»Was ist? Was haben Sie?«

»Sie tragen bereits einen Schmuck, dessen Stelle ich beneide!«

»Wie so?«

Birsher zeigte auf das schwarze Sammetband, das sich aus dem verhüllenden Tuche gestohlen. Justinens Wange wurde Purpur.

»Lassen Sie den Schatz sehen, der sich solchen Vorzugs freuen darf ...«

»Mein Gott! nein!«

»Warum denn nicht?«

»Ich ... ich darf nicht ...«

Birsher heftete einen starren verdüsterten Blick auf Justine. Sie gewahrte es; aber — wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz: dem strengen Protestanten durfte sie, selbst im Scherze, das katholische Heiligenbild auf ihrer Brust nicht zeigen. Sie sträubte sich entschieden gegen sein Verlangen, es zu sehen. Er begehrte es freundlich, dann ernstlicher, dann mit kalter Bestimmtheit. »Nimmermehr!« rief sie: »Monsieur trauen mir zu, daß sich nichts Böses in diesem Medaillon befindet; aber ich bestehe nun einmal auf meinem Geheimniß!«

Mit diesen Worten reißt sie das Band von ihrem Halse, um es in ihrer Tasche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, stürzt zu Boden. Die Kapsel springt. Justinens unsichere Hand erfaßt diese. Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Justine es verhindern kann, mit bitterm Lachen und giebt es dann der Trägerin zurück. »Ich gratulire zu dem geliebtern Freunde!« sagte er, und Justine glaubt vor Scham und Bestürzung in die Erde zu sinken: das Bild ist James in der vollen Blüthe seiner Jugend: sprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie verstummt, das ungeheure Mißgeschick nicht begreifend. Der Amerikaner sagt aber mit zitterndem Tone zu ihr: »So ist es denn wahr, Jungfer Justine? ich war der Betrogene? sollte der Betrogene bleiben? Armes Geschöpf! ich bemitleide Sie!«

Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Justine, die — ebenfalls ohne ein Wort der Entschuldigung beizusetzen, ihm sprachlos und beklommen nachstarrte. Indem er eilig und außer sich dahin schoß, begegnete ihm — zu seinem Entsetzen — der Mensch, den er gestern gesehen, den das Bild vorstellte.

»Sind Sie ein Engländer?« fragte er hastig, den Jüngling bei der Brust fassend.

»Ja, Herr.«

»Heißen James?«

»James White.«

»Sie lieben meine Braut, Justine Müssinger?«

»Mein Gott! was soll das heißen? woher wissen Sie?«

»Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.«

»Wie? Doctor Leupold?«

»Derselbe. Sie werden geliebt!«

»Mein Herr!«

»Sie trägt Ihr Bild auf der Brust ...«

»Ach, mein Herr! Sie sind ein Engel, wenn Sie ...«

»Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich schmerzlicher erwachen mußte? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch, daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch nicht den Degen durch den Leib. Sein Sie glücklich! Ich sage mich von ihr los!«

Er ließ den Staunenden, Bebenden stehen, und eilte, seine aufwallende Wehmuth zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathhause stieß er auf den Senator, der, schwankend und blaß wie ein Geist, einherkam. Kaum rückte er vor demselben den Hut, und stürzte davon, sich in sein Zimmer zu verschließen. Der Senator sah ihm verwundert, aufgebracht, niedergeschlagen nach; setzte dann seinen Weg nach Hause fort, und kam sehr verdrüßlich daselbst an. Frau und Tochter saßen still beisammen. Jacobine kämmte ihr Hündchen; Justine saß an seiner Arbeit, und that dennoch nichts. Der Senator warf sich seufzend in einen Stuhl.

»Der Satan ist los!« sagte er: »Wenn ich mich aus dem Unglück losreiße, das mich jetzo niederschlägt, so will's etwas heißen. Mein Ruf, mein Amt, meine Würde stehen auf dem Spiele!«

»Mein Gott!« sagten die Weiber; die Senatorin rückte weit ab von dem Senator; Justine rückte ihm dagegen näher.

»Ihr wißt,« fuhr der Senator mit gedämpfter Stimme fort, »daß ich auf's Rathhaus beschieden wurde. Der Bürgermeister hat mich förmlich verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt, und behauptet, ich hätte neulich das große Loos in dem Hamburger Glücksspiele gewonnen. Auf die Verschwiegenheit meines Correspondenten bauend, leugne ich Stein und Bein. Da wird er ernsthaft, nennt mir, als wäre er ein Hexenmeister, den Tag der Ziehung, die Nummer, die ich gespielt, den Gewinnstbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der meine Angelegenheit besorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären, ein Comptoirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen, habe eine Collekturliste hieher gebracht, und dieselbe hin und wieder indiskret zur Schau gelegt. Mein Name sei von ihm genannt, der Senat stutzig geworden. Ich sei mit dem bestehenden Verbote bekannt, müsse mich diskulpiren, oder gewärtig sein, daß man Rechtens gegen mich verfahre. Der Angeber sei schon abgereist, die vidimirte Collekturliste liege aber vor; ich müsse erklären, woher mir damals das viele Geld gekommen, und die Erbschaft nachweisen, die ich dazumal vorgeschützt. Er, der Bürgermeister, könne mir nicht helfen, und müsse mir noch überdies bemerken, daß diverse Gerüchte über mich und mein Haus neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzenCorpori Senatusnachtheilig werden könnten. Vor Allem wolle er mich aufmerksam machen, daß der Pastor Lammer öffentlich über meine Saumseligkeit, die Kirche zu besuchen, lästere, und daß es von der äußersten Nothwendigkeit sei, hierüber den Menschen den Mund zu stopfen, worauf man allerdings im Uebrigen gelinder und gnädiger untersuchen wolle, um keinen Anstoß zu geben. Hierauf entläßt mich Se. Magnificenz sehr kalt und sehr unwillig, indem sie mir noch aufgiebt, binnen vier Wochen die Beweise beizubringen, wie es sich mit jenem Gelde verhalte. Da habt ihr mein Elend, ihr Weiber! mir ist's ein Trost gewesen, es in eurem Busen niederzulegen, aber ich wünsche, daß es darinnen, und ein Geheimniß bleibe.«

»Das versteht sich,« sagte die Senatorin, die wieder zutraulicher geworden war; »die Bürgermeisterei hat sich im Geringsten nicht um die Art und Weise zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der saubere Bürgermeister sollte selber gar nicht den Großen spielen. Man weiß sich noch sehr wohl zu erinnern, wie er — ein armer Schlucker — zu den Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung, dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher zurück. Wenn man seinem Reichthum nachfragen wollte ... pfui!«

»O des unnöthigen, vergeblichen Geschwätzes!« versetzte der Senator ungeduldig. »Bei dem Allen,« fügte er bei, »ist es nothwendig, daß ich auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths.... und wersollmir rathen?...«

»Du nimmst von mir den besten Rath nicht an,« sagte die Senatorin gähnend; »darum gehe ich. Weißt du dich jedoch nicht aus der Fatalität zu wickeln, und sie wollen dich nicht mehr im Rathe haben, so lasse ich mich scheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel ist ohnehin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit dir gezogen habe.«

»Abscheuliches Weib!« murmelte der Senator der Abgehenden zwischen den Zähnen nach: »Rathe du mir, Justine. Mit wem soll ich mich bereden? wen beschicken? der Augenblick drängt. Ich will mich dem Buchhalter nicht anvertrauen: der Mann ist zu streng und ... nun heraus damit! zuehrlichmit einem Worte. Berndt ist eine philadelphische Schlafmütze. Wünschte ich mir doch fast wieder den vermaledeiten Nothhaft herbei! Er war ein geriebener Kniffespinner. — Aber wie wäre es, wenn dein Bräutigam ...? er ist die gute Stunde selbst, und gäbe vielleicht in aller Unschuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt dir denn, Mädchen? du bist ja weiß wie eine Sternblume? hast nasse Augen? was hat's gegeben?«

Justine läugnete. Der Senator besann sich nun, Birsher gesehen und sich über dessen Unhöflichkeit geärgert zu haben. »Ich verstehe,« rief er: »ein verliebter Zwist! Deine Hartnäckigkeit wird dir noch böses Spiel machen, Justine! was denBräutigambetrifft: der ist gut zu lenken, — aber ... der Ehemann ist ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnenschein in dem Brautstand: finstre Wolken in der Ehe. Versöhnt Euch. Herr Birsher wird jedoch nicht geeignet sein, den besten Rath zu ertheilen; — darum — sende nach dem Doctor Leupold, mein Kind ... ich ließe mir die Ehre ausbitten ...«

»Das thue ich nicht gerne, Herr Vater!« antwortete Justine.

»Warum nicht? — Ach! ich besinne mich: du hast einen Widerwillen gegen den Mann. Mische dich doch nicht in unsere Angelegenheiten, Justine.«

»Lassen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken,« ermahnte Justine: »ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie noch einmal vor ihm.«

Der Senator seufzte tief, und wendete sein Auge ab.

»Er ist gewiß ein doppellarviger Mensch!« fuhr Justine fort: »überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein immer enger werdendes Netz umfangen und umspannt; — als sollten wir die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.«

Der Senator sah die Tochter betroffen und starr an.

»Der Doctor,« sprach diese weiter, — von der Unruhe ihres Herzens wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeistert, — »erscheint wie eine Hauptgestalt, bemüht, dieses Netz, das ich nicht kenne, nicht durchschaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir klarer, was mir einst der Zufall enthüllte. Der Doctor ist nicht der einfache Jurist, der simple Privatmann, mein Vater; er ist ... wie ich beschwören möchte, ... er ist ...«

»Halt!« donnerte ihr der Senator, von Angst und Unruhe geschüttelt, zu: »ich will nichts hören! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! du machst mich unglücklich, Justine, und wirst es selbst, wenn eine Sylbe deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Justine ... wir wären ja alle zu Grunde gerichtet!«

Justinens Begeisterung schauderte vor dem außerordentlichen Schrecken des Vaters zurück. »Wie Sie befehlen!« stammelte sie verschüchtert: »beruhigen Sie sich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet, und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor schicken.«

Es wurde ihr erspart. Die Schelle des Comptoirs erklang, und der Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den Senator zu besuchen.

Dieser Fremde gab sich in einer salbungsvollen Begrüßung dem Senator als Superior eines Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu erkennen, und freute sich, in ihm ein bereitwilliges Werkzeug der göttlichen Gnade zu finden. Der Senator erwiderte das Compliment etwas lau, und sagte, die niedergeschlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne besondere Umschweife, daß es ihm fast leid thue, sich durch seine sonderbaren Verhältnisse in Verbindungen verwickelt zu sehen, die seiner bürgerlichen Existenz nachtheilig werden könnten. »Ich hätte wenigstens gehofft,« sprach er, »nicht compromittirt zu werden, aber ich habe mich getäuscht. Indem ich heute vom Rathhause komme, nähert sich mir ein Mann; der Krämer Ernst, übel berüchtigt in der Stadt durch seine lockre Lebensweise und die Vergehen seines Bruders, wegen welcher derselbe im Gefängniß sitzt. Der Mensch redet mich an, und fordert mich ziemlich unverschämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß sein Bruder auf freien Fuß gestellt werde. Da ich es ihm nun natürlich abschlage, und mich wunderte, daß er sich gerade an mich gewendet, den er kaum kennt, so sagt mir der Mann im Vertrauen: ich kenne Niemand, der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieser Sache beizustehen. Ich weiß ja, daß Sie eben so gut Katholik geworden sind, wie ich; und man hat mir den Anschlag gegeben, Sie zum Beistand aufzufordern. Ich war wie vom Donner gerührt, und hatte kaum Fassung genug, den Menschen mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen, und ihn von mir zu weisen; worauf er sich ärgerlich und stumm entfernte. Was soll ich nun denken? Kaum habe ich seit wenigen Tagen — wie in einen Strudel hinabgezogen — mich zum Uebertritt anregen lassen, und schon stehe ich blosgegeben da! verrathen an Menschen, für deren Verschwiegenheit kein Dreier zu verbürgen ist!«

Der Doctor sah verwundert den Superior an; dann betheuerte der dem Senator, dessen Aufnahme geheim gehalten zu haben — vor der ganzen Gemeinde. Der Superior versetzte dagegen hochmüthig und zuversichtlich: »Beruhigen Sie sich, Herr Senator.Ichwar's, der den armen Teufel auf Sie aufmerksam machte. Er suchte bei mir den Beistand eines geistlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren weltlichen Schutz. Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und setzt Sie keinem Verrath aus; der Krämer ist mir als ein eifriges Glied der wachsenden Kirche geschildert worden, und ich habe durchaus keine Ursache gefunden, dieser Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber Sohn: Eintracht, gemeinsames Wirken führt stets zum ersehnten Ziele.Concordia parvae res crescunt!Wie nun eine Gemeinde, die sich im Schooße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im schönsten Sinne zu vergleichen ist, so ist auch jeder der Brüder dem andern Schutz und Hülfe schuldig. Leisten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten Beistand, wie er gerade in Ihren Kräften steht, und zählen Sie dagegen auf jeden Beistand des Ganzen.«

»O, daß ich mich in diese mißliche Speculation eingelassen habe!« sagte der Senator mißmuthig, und achtete nicht der zornig aufsteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angesichts des Doctors. »Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweisen Sie mir den Ernst Ihrer Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerst kritischen Verhältnisse.« — Er erzählte von dem Verhöre des Morgens.

Der Doctor schüttelte mitleidig und besorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmüthig und erwiderte, fast spöttisch: »das versetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeugniß eines verlaufenen Ladenburschen gegen Ihr Rathsherrnwort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf der Erbschaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu schaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doctor beider Rechte ist, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgestellten Testamente auszuhelfen nicht ermangeln.«

»Pater Superior!« versetzte der Doctor stutzig: »bedenken Sie! ein fingirtes Testament! einfalsum!«

»Nun?« fragte der Superior kalt: »was weiter? Es gilt hier, einen christlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte sogar, daß ein Testament, dessen Aussteller einepersona fictitiaist, gar keinfalsumdarbietet. Es sei übrigens Ihre Ansicht, welche sie wolle, so wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend sein, alle Bedenklichkeiten zu heben.«

Der Doctor bückte sich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator schauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, womit der Superior eine so trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da sein System, sollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er sich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zusammenstellung von Begebenheiten und Dokumenten — beide in der Ferne geschehen und aus der Ferne gesendet — zu erdichten, die dem Unbefangenen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verschwiegenheit des Correspondenten in Hamburg versichert sein konnte.

»Sie unterscheiden jetzt, bester Sohn,« sagte der Superior, »wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerseits nicht abschlagen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich gefunden, daß unsre Handelsbücher und Register über kirchliche Angelegenheiten im Hause des ehrwürdigen Paters Münzner zu exponirt erscheinen. Ich ersuche Sie deshalb, dieseactain Ihren Verschluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater sich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauses damit beschäftige, wenn es einzutragen oder abzuschließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige sich darstellt, wird solches Ab- und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie sind außer Gefahr, und wir können völlig ruhig sein.«

Der Senator antwortete: »Da ich mich bereits so offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, so mag es darum sein. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereitwilligkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Cabinet, an den Hof stoßend, zum Gebrauch des Herrn Doctors einrichten lassen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht gestört werde.«

»So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen lassen,« setzte der Doctor bei: »da der ehrwürdige Pater Superior sie bei mir nicht sicher glaubt.«

»Quidquid agas, respice finem!« bemerkte der Superior mit dem schlauesten Gesichte: »ich danke Ihnen für die schöne Bereitwilligkeit, womit Sie unserem Antrage entgegengekommen. Ich gestehe, daß derselbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit versöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweisen.«

»Wie so?« fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beschämt die Augen niederschlug. Der Superior fuhr, wie scherzend, fort: »Der würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundschaft, der Moral und der Pflicht angegeben, die eine Heirath zwischen Ihrer einzigen Tochter und dem protestantischen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie versprachen, seinen Gründen nachzugeben. Aber leider ist solche Rührung nur ein Phantasma gewesen, das eben so schnell zerstiebte, wie mancher gute Vorsatz. O, mein Sohn! in Ihrem Gemüthe liegt noch viel des ketzerischen Sauerteigs verborgen, von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten Herzen Jesu befreien kann! Wie könnten Sie es ansonst über sich genommen haben, Ihr Versprechen zu widerrufen, und, mit Fleiß ihre Wege vorunsversteckend, auf dem alten erwiesenen Unrecht zu beharren?«

Da der Senator, seiner Verstellung überführt, kein Wort redete, so hob der Doctor sanft und eindringlich zu ihm an: »Ja, bester Herr Senator! wir wissen, — da uns nichts in die Länge verborgen bleibt, — daß Sie dennoch Ihre Tochter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken, ... wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal freundschaftlichst: haben Sie auch Alles erwogen und überlegt?«

»Ich bin meinem Gewissen und meinem Worte Erfüllung schuldig;« antwortete der Senator auf's Aeußerste gebracht: »ich hasse jede Einmischung Unberufener in mein Hauswesen. Ich habe mir nur die Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum zu thun sei,rechtzu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine Väter, so dispensiren Sie mich von jeder weitern Gemeinschaft mit Ihren Kirchen und Gesellschaftsverhältnissen!«

»O welche bedauerliche Hitze!« sagte der Superior, die Augen wehmüthig gen Himmel richtend: »Saule! Saule! cur me persequeris?Verblendeter, heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz unsers Heilands sich so schnell von Ihnen reißen werde, als Ihr Unmuth sich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland wird Sie nicht verlassen, da Sie sich ihm einmal ergeben! Wir, seine unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und sollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch diese Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verlustig! durch diese Verbindung bringt der Protestant Unglück in Ihr Haus, das erst kürzlich in Ihnen der Herr gesegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit dem zukünftigen Paradiese!«

Die Herren schwiegen allesammt, da sich vor der Thüre Schritte vernehmen ließen. Berndt schaute demüthig herein, und langte dem Principal ein Billet hin. Der Kellerbursche aus dem Schwan hat's gebracht, sagte er, grüßte höflich, und verschwand. Der Senator sah in der Ueberschrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war so schreckhaft und argwöhnisch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieses mit Herzklopfen, und — wie sehr seine Ahnung die Wahrheit gesprochen, — wie giftig die Schlange sei, die sich aus dem kleinen Briefe in seine Augen und sein Herz bohrte, — das bezeugte das Erbleichen seiner Wangen, das Erstarren seines Blicks, die physische Vernichtung, die aus den schlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufspringend, reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und sank mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den Stuhl zurück. Der Doctor las, während der Superior dem mit Ohnmacht Kämpfenden beisprang, für sich, was folgt:

»Unglücklicher Müssinger! — Meine Hand bebt, aber mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, ist fast Zeuge der schändlichen That gewesen! um mich vor dem schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden! aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin unternehmen!Birsher.«

»Unglücklicher Müssinger! — Meine Hand bebt, aber mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, ist fast Zeuge der schändlichen That gewesen! um mich vor dem schauerlichen Bunde mit Ihnen zu warnen, hat er's mir gestanden! aber ich weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtigkeit anzurufen, ist meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich bei dem Bürgermeister vor. Ich will nichts von dem wissen, was Sie bis dahin unternehmen!

Birsher.«

Der Senator schlug die verwirrten Augen wieder auf, sandte einen trostlosen Blick nach dem Doctor, der schnell das Briefchen wieder zusammenfaltete, dem Senator zurückgab, und sagte: »Fassen Sie sich, Sie sind nicht verloren. Nothhafts Beschuldigung — gewiß durch die transpirirende Neuigkeit von Justinens Vermählung veranlaßt — richtet Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangst ist Ihr mächtigster Gegner: darum — obschon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten erledigt zu werden — ist es gerathener, das Unheil in der Geburt zu ersticken. Birsher scheint großmüthig handeln zu wollen. Er will Ihre Flucht begünstigen. Hüten Sie sich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß breit. Halten Sie sich ruhig! überlassen Sie uns, für Sie zu handeln. Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben sein!«

»Wenn Sie das könnten!« rief der Senator, und warf sich dem Pater in die Arme: »mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Möglichste! der Verdacht! mein Ruf! die Schande! Gott stehe mir bei, wenn Sie mich verlassen!«

»Hier muß dieser Mann helfen!« versetzte der Doctor, auf den Superior zeigend, der aufmerksam und erwartend da stand. »Pater Superior! als Beichtvater dieses unglücklichen Mannes fordere ich Sie, einen der Vorsteher unsrer heiligen Gesellschaft, in Ihnen den ganzen Orden auf, ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht. Der Grund derselben ist ein Beichtgeheimniß, aber ich beschwöre Sie bei Ihrer priesterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.«

»Ich werde mich mit Ihnen bereden,« antwortete der Superior gleichgültig; »ich werde Ihre Meinung hören, und thun, was ich mit Gottes Hülfe vermag. Verspräche aber wohl der Herr Senator, jeden fernern Gedanken an eine Verbindung seiner Tochter mit einem Protestanten aufzugeben? das unschuldige Kind unsrer alleinselig- und glücklichmachenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbauliches Jungfrauenleben zu bestimmen, damit es im Verein mit andern gottseligen Chorschwestern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung? sein Vermögen nach seinem Hinscheiden der Kirche zu vermachen, der liebenden und helfenden Gesellschaft Jesu ins Besondere?Respondeas, mi fili!und dir soll geholfen sein!«

Der Senator nickte sprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und der Superior ergriff dieselbe, ihn beim Worte nehmend. »Sie sind Zeuge, Pater,« sagte er feierlich, »und nun kommen Sie, damit wir das widrige Geschäft in Ordnung bringen. Ich bin sanfter Natur, wähle gewöhnlich leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige ankommen, was ich schon einmal vorgeschlagen, und das Sie als zu hart verworfen haben.«

Der Doctor winkte dem Pater, zu schweigen, indem er auf den Senator deutete, welcher aus seiner Betäubung erwachte. Die Jesuiten gingen bedächtig und stille von dannen. »O, der sauern Pflichten!« seufzte derDoctor, aber sein Mund sprach keine Sylbe, die seinem Vorgesetzten hätte mißfallen können.

Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den ehemaligen Schauspieler Litzach. »Unser Plan scheitert!« sagte die Erstere, indem sie dem Doctor das gefährliche Medaillon zurückgab; »behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufsehen genug gemacht, aber die Liebesleute vertragen sich nach dem heftigsten Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Justine der Mühe, ihr Gesellschaft zu leisten, enthoben, und alle meine Entschuldigungen gingen in den Wind.«

»Unser Plan glückt im Gegentheile, kurzsichtige Frau!« sagte der Superior stolz lächelnd. »Sie hat Ihre Commission ganz gut verrichtet, und es kommt nur darauf an, ob Er, Litzach, dasselbe thut.«

Er führte den Unterthänigen in das Nebengemach. Indessen hatte der Doctor James Porträt in seinen Schrank verschlossen, und die Thränen waren ihm in die Augen gestiegen, und er lehnte sich über die in schwüler Hitze welkenden Blumen seines Fensters hinaus, in's Freie, und betete: »Du heilige Mutter! vergieb mir, daß ich ein Bild, welches von einem treuen Mutterbusen getragen wurde, bis das Herz darunter stille stand, daß ich es — das heilige Geschenk jugendlicher Dankbarkeit — mißbrauchen ließ, zu einer Betrügerei. Der Obere befahl es jedoch, und um der Pflicht willen wirst du die Sünde vergeben, gebenedeite Mutter!«

Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob sie den jungen James nicht gesprochen habe. Die Lainez wußte nichts von ihm, als daß er ihr mit dem fröhlichen Gesichte, das sie noch je an ihm gesehen, begegnet war, im Begriff, gegen das Thor zu eilen. Capitän Tormerpick, der hinzu kam, hatte den jungen Menschen ebenfalls auf dem alten Glacis angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: »Capitän! sehe ich denn aus, wie der glücklichste Mensch in der Stadt?« und hatte sich dann entfernt — wie sich der Capitän ausdrückte — tanzend, wie ein Matrose, der nach sechs Monden wieder zum ersten Male festes Land betritt. Der Doctor schüttelte ernsthaft und betrübt den Kopf, und verfügte sich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nachher Litzach schlüpfte, und dem Capitän bemerkte: die Herren erwarteten nunihn. Während Litzach davon eilte, sprach Tormerpick mit den Vätern. »Ich nehme Abschied von Ihnen,« sagte er: »Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird geladen. Ich bitte mir weitern Bericht oder anderwärtige Aufträge aus.«

Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, daß sich darinnen alles befinde, was auf Handelsangelegenheiten Bezug hätte. »Wir hätten Euch noch Jemand mitzugeben,« schloß der Pater, listig lächelnd: »einen Engländer, wohl gewachsen, stark, robust; ein gutes Capital, in Batavia anzulegen.«

Der Capitän runzelte die Stirne. »Wollen Sie mich foppen, meine frommen Väter?«

»Nicht doch, Capitän. Versteht uns wohl! wir hassen die Seelenverkäuferei, wenn unsere Waarentransporte dadurch Noth leiden. Wo es aber auf eigene Rechnung geht ...«

»Ich verstehe,« erwiderte der Capitän grinsend: »Sie sollen Ihren Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matrosen bei mir, die auf einem Kaperschiffe gedient haben. Den Burschen bangt vor dem Teufel nicht.«

»Haltet um zwei Uhr auf dem Damme« instruirte der Superior: »dort ist's abgelegen und einsam. Der Mensch, welcher vorhin wegging, wirdden Bewußten zum Damme bringen; einen großen tüchtigen Mann; nicht wahr, Pater Münzner?«

»Unsern Tischnachbar im Schwan,« entgegnete der Doctor. Der Capitän lachte hell auf. »Den stummen Oelgötzen?« fragte er: »der mich so unverschämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl von dem dürren Magister unterscheiden. Brav! ich habe dem naseweisen Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geschworen. Gut so! ein Pechpflaster auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Teufel nach dem Kanal gefahren; die Nacht durch gerudert, mit Tagesanbruch an der Küste.... binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer sind wenig und nur von lockerem Gesindel bevölkert! ich bringe den Passagier glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch ein unanständiges Spektakel in Gefahr setzen wollte. Gott behüte Ew. Ehrwürden! sollen von mir hören!«

Der ungeschlachte Mensch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch so tüchtig, als ob er sich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ unter seine Matrosen viel Branntwein austheilen, und bestieg mit ihnen jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal bringen sollte. Dem Kutscher wurde noch tüchtig mit Rum zugetrunken und bei'm Abfahren schwenkte der Capitän in frechem Uebermuthe den Hut gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenster sah, und brüllte ein: »Auf Wiedersehen!« Georg zog sich, ergrimmt über den widrigen Seemann, vom Fenster zurück, warf sich auf das Kanapee, stützte den Kopf eine Weile in die Hand, sprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde die Hände auf seine Brust, und sagte, mit einem freien Athemzuge, zu sich selbst: »Bist doch eine wackere Seele, Georg, und hast einen schweren aber um so rühmlicheren Sieg erfochten! Ach du mein lieber, lieber Vater! Siehst du nicht aus den Wolken, und freust dich meines Entschlusses? Ist gleich mein Auge zu schwach, dich zu erschauen, so ist doch gewiß der himmlische Friede, der in mein Herz einzieht, dein Werk! Ja! Vergebung ist eine süßere Rache für dich, als das Blut des Elenden, der denn doch sein Leben ferner nur wie eine Pestbeule mit sich umherschleppen kann!«

Er warf einen Blick auf die Speisen, die unangerührt auf dem Tische standen, auf die Seitenthür. Er ging hastig auf dieselbe los, öffnete sie mit dem Schlüssel, und sagte ernst: »Komm' Er heraus, Monsieur!«

Eine blasse, ängstliche Figur kam gebückt hervor: Nothhaft, wie ein armer Sünder.

»Setze Er sich, und esse Er!« fuhr der Amerikaner fort: »vergesse Er seine Schrecken. Ich habe mich besonnen, und halte dafür, es sei besser, die ganze Anklage zu unterlassen.«

»Ach, wenn Sie das im Ernste wollten,« — stammelte Nothhaft — »ich würde neu aufleben.«

»Lerne Er, Mensch« sprach Birsher weiter, »daß es nichts Gemeines mit solchen Anschuldigungen auf sich hat. Er hat mir auf die Bibel zugeschworen, daß Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit sei; ich will es glauben; nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuck in des Senators Hause verdächtigt ihn, aber um des seltsamen Benehmens des Senators willen; um der Voraussetzung willen, daß ein Mensch, der nureinenredlichen Blutstropfen in sich verspürt, nicht auf eine Lüge hin seinen Nächsten in's Grab und in Schande stürzen werde. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage öffentlich zu machen; Er hat mich beschworen, es zu unterlassen: das ist ein guter Zug von Ihm; Er hat mir gestanden, daß Er nur, um mich von der Ehe mit Justine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber demungeachtet eine völlig wahre sei. Er hat sich endlich gutwillig in jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne fehlen möchte. Bedenke Er aber selbst, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat. Der Senator würde eines schimpflichen Todes sterben, seine Familie würde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tausendfach erneut, meines Vaters Gebeine in ihrem Grabe gestört werden; und zu welchem Endzweck? Würde diese Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten wieder in's Leben rufen? Und die Unglücklichen, die — ihren schuldigen Gatten und Vater beweinend — mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen würden!... ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber schweigen, wie das Grab über dem Todten, und verlange dasselbe von Ihm: schwöre er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe Er hin, von wannen er gekommen, so wie ich nach der Heimath zurückkehren will: vergessend — und rein von Fluch!«

Nothhaft vernahm mit innigem Wohlgefallen Birshers Worte. Er hätte tausend Eide geschworen, nur um den Folgen eines Schritts zu entgehen, den er weniger aus unverbesserlicher Bosheit, als, von frechem Trotze und Eifersucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Riesenschritten dem Gasthause und suchte den Weg nach seinem Städtchen. Birsher war mit seinen Entschlüssen zufrieden, und überlegte gerade, wie er dem Senator, wenn derselbe sich nicht bereits auf der Flucht befände, seinen edelmüthigen Vorsatz kund zu geben hätte — wie er von Justine Abschied nehmen sollte, als der Magister aus Faldern zu ihm trat.

»Was wollen Sie, Magister?« fragte Georg hastig und verdrüßlich, gestört zu werden.

»Der Ueberbringer des Dankes sein, welchen Ihnen zwei redliche getröstete Herzen zollen,« antwortete der Magister freundlich und zutraulich.

»Zweigetröstete Herzen? — Schon gut!«

»Und der Bitte zugleich, diesen Dank aus dem Munde der Getrösteten selbst hören zu wollen.«

»Ihr Zögling soll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.«

»Und Justine, die sich sehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu sagen.«

»Welche Zumuthung? Will sie sehen, wie mich die Entsagung kleidet?«

»Und Justine, die sich vor Ihnen rechtfertigen möchte?«

»Falschheit, sich rechtfertigen? Ich mag sie nicht beschämen!«

»Und Justine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut werden kann; das auf das Glück Ihres Lebens den größten Einfluß haben wird?«

»Magister! Sie schlagen die rechte Saite an. Justine soll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht niederbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb thut. Ich bedarf dieser Prüfung, um mich zu einer edeln That würdig zu stärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt so sehr beglückte?«

»Wenn Sie mir folgen wollten?... ich führe Sie.«

»Recht; geschwinde mein Freund! Sie noch einmal zu sehen — sie zu beruhigen, und dann schnell wiederzukehren, um meine Abreise anzuordnen. —«

Georg ging mit dem Magister weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gast im Schwan blieb aus. DieWirthin, die den jungen, stillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt hatte, wurde unruhig. Mit einbrechender Nacht sendete sie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu lassen. Er war dort nicht gesehen worden. Der Senator schickte den Kellner mit dem kühlen Bescheide zurück; ging dann auf seine Stube, heimlich seinem Gott zu danken, und den Zettel wieder durchzulesen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doctor geschickt hatte, mit den lakonischen Worten: »Fassen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlassen Sie nicht. So eben isterfort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe lassen!«

Der Senator küßte, seiner Angst entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu seiner Familie und sagte: »Mein armes Bräutchen Justine! Dein Verlobter scheint auf Abwege gekommen zu sein. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn sammt und sonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder gesund zu uns zurückbringe!«

»Endlich wieder ein frommer Vorsatz,« erwiderte die Senatorin: »nur Schade, daß derBürgermeisterdich heute zur Gottesfurcht bekehren mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Französin, die sich auch seit dem Morgen nicht sehen ließ, den zu täppigenSans façonnicht berückte!«

Justine schwieg; aber in ihre Augen traten unwillkürlich Thränen: unwillkürlich seufzte der Mund. »Ja, Vater,« sagte sie, als dieser am Abend freundlicher und ruhiger als seither Abschied von den Seinen nahm: »wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!«

Am nächsten Morgen stand Pater Münzner sehr frühe auf, um sich zu dem Gottesdienste vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits sein Pflegesohn entgegen. Leidenschaftlich faßte ihn dieser bei der Hand, und rief: »Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, sonst hätte ich Ihnen gestern schon gestanden, wie sehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!«

»Verstehe ich dich, Unbegreiflicher?« fragte Münzner staunend.

»Ihre Güte war mir unbegreiflich,« fuhr James heftig und entzückt fort: »aber die Wege der Vorsehung sind es ja auch, und dennoch gut und dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wissen, daß ich Alles erfuhr, aus Birshers edelmüthigem Munde erfuhr!...«

»Birsher? um's Himmels willen! was weißt du?«

»Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie sein Herz gerührt!.... daß Justine — das herrlichste Glück! daß Justine mir gut ist, daß sie, die so schlau ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild, — vielleicht hat ihre liebe Hand es selbst entworfen — mein Bild auf ihrer Brust trägt, — daß der gefürchtete Bräutigam zurücktritt!...«

»Mensch! du fabelst!«

»Läugnen Sie nicht, mein Vater! Ist es denn ein Verbrechen, einen liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verschwiegen! Ich sehe ein, daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich in's Noviziat schleppen will, Ihr menschenfreundliches Bestreben zu verbergen, daß Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch uns gegenüber das Geheimniß ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Priester! Der Soldatenstand allein kann und wird mich Justinen näher bringen. Ich habe gestern des letzten Schwedenkönigs Leben gelesen — es hat michbegeistert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Horizonte Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite stehen!«

»Jesus Christus!« versetzte der Doctor blaß und betrübt: »Du lässest mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich dir mit blutendem Herzen betheuern ...«

Rasche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit allen Zeichen des Schreckens — die Lainez, wie ein Schatten folgend — eilten herbei.

»Hannibal ante portas!« rief der Erstere, der einen dicken Brief in der Hand trug: »Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit sich rüsten!«

»Wie so? wie das?« fragten der Doctor und James.

»ErzählenSie, während ich dies Schreiben durchlaufe;« versetzte der Superior zitternd und bebend. Die Lainez sprach mit erlöschender Stimme:

»Wir sind verrathen; Alles kömmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs Frau ist in der Nacht krank geworden; der Mann hat unser Gebetbuch unter ihrem Kissen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz ihres Körpers haben Sie zugleich bedrängt; sie hat gebeichtet, daß sie katholisch geworden, — daß eine stille Gemeinde bestehe, — daß in dem Johanniterhofe ...«

»Gott stehe uns bei!« riefen die Zuhörer.

»Vor einer halben Stunde ...« fuhr die Lainez erschöpft fort, — »läßt der Rottmeister, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof umringen, — das Thor aufsprengen, den Verwalter fest nehmen, Alles durchsuchen. An meiner Thüre vorüber dringen die Schergen in die Kapelle. Unsre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich nicht im Tumulte: ich entspringe, um hier das Unglück anzusagen!«

Litzach stürzte in den Garten. »O meine Herren! meine heiligen Väter! was wird daraus werden?« rief er: »ich erfahre so eben, von dem Dorfe kommend ... der Verwalter ist verhaftet, läugnet indessen noch fest; hat nichts gestanden; der Johanniterhof wird verschlossen gehalten, damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei-Aufsichter soll um neun Uhr erst Alles klar werden! Der Sigrist, der entsprang, sagte mirs, es Ihnen mitzutheilen!«

»Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verrieth!« zürnte der Superior: »das Etablissement, die Mission ... Alles geht zu Grunde! Schande kommt über uns! Lassen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater Münzner! Wir müssen fort, ehe der Lärm um sich greift.«

»Unsere Bücher liegen bei'm Senator;« tröstete der Doctor: »kein Mensch sucht sie dort. Die Translation war zweckmäßig.«

»Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!« entgegnete der Superior zornig: »solche Leute, wie die Schreinersfrau, an- und aufzunehmen ...! plaudernde Gänse ...!«

»Mein Vorgänger hat schon ...« wollte sich Münzner entschuldigen. —

»Schweigen Sie!« befahl der Superior heftig: »Marsch, auf die Beine! ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle sich schnell um einen Wagen um. Vor dem Friederthore will ich einsteigen. Er, James, wird auf der Stelle alle Habseligkeiten des Paters compendiös zusammen packen.Cito! citissime!«

James eilte hinweg. Litzach rang die Hände; »ich bin der Unglücklichste!« seufzte er: »was wird aus mir, — was aus meinen Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?«

»Was Gott will!« antwortete der Superior hart und rauh: »packe Er sich fort, und besorge Er den Wagen!« — Litzach gehorchte, fast weinend.—

»Laufe Sie, Lainez!« sagte der Superior dringend zu dieser: »ein Weibsbild mengt sich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laufe Sie. Wenn etwas Ungerades sich verspüren läßt, ... schnelle Post hieher!« —

Die Lainez eilte weg. »Pater Münzner!« fuhr der Superior fort: »unsers Bleibens ist in diesem Hause nicht. Der Doctor Leupold wird bald aufgesucht werden! Schändlicher Baalstreich! Wir flüchten uns einstweilen in des Senators Haus, wo man uns sicherlich nicht sucht.«

»Ich Unglücklicher!« rief Münzner, wie in Verzweiflung; »daß dieses Unglück unter meiner Verwaltung geschehen mußte! Welch ein Empfang wartet meiner in unserm Hause und beim Provinzial!«

»Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!« erwiderte der Superior, indem er ihm den Brief reichte, den er vorhin gelesen; »ich will Sie der Traufe entziehen, weil Sie mir ein wohlgefälliger Mitbruder gewesen. Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Assumption im Paraguay zu schicken, um den Handelsangelegenheiten vorzustehen. Ihre Mission allhier ist leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Scham in Amerika, bis der General Sie zur Rechenschaft rufen läßt. Es verfließen indessen Jahre, die Sache schlummert ein, und ein simpler Verweis tritt an die Stelle der harten Pönitenz.«

Der Doctor nahm mechanisch die Commission, ohne ein Wort zu erwidern. Der Superior sowohl, als die Hauswirthin, die ängstlich herbeikam, drangen in ihn, sich in Sicherheit zu setzen. Kaum, daß ihm die Zeit verblieb, seinen James zu umarmen. »Ich gehe nach Paraguay!« sagte er weinend zu ihm; »das Schicksal macht hier ein schnelles Ende mit uns. Wir sehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater Superior, der dein Glück will! Vergiß, armer Getäuschter, und zürne mir nicht!« —

Der Jüngling war von dem Augenblicke zu sehr erschüttert, um auf die Rede seines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den Doctor unwillig mit sich fort, und ermahnte den jungen Engländer im Novizenmeisterton, seine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das Friederthor zu schaffen, und bei dem Wagen seiner zu warten, um mit ihm sich zu entfernen. Hierauf schlugen die geistlichen Herren, die Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach Müssingers Wohnung ein. Ein heftig niederstürzender Regen begünstigte ihre schnelle Wanderung. Die Kirchenglocken riefen von allen Seiten die Gläubigen zum Gottesdienste, und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt waren die Väter an des Senators Thüre gekommen. Sie war verschlossen.

»Der Senator ist in der Kirche!« sagte der Superior, sich besinnend. »Wir erlaubten ihm ja gestern, als wir die Register brachten, das Possenspiel mitzumachen, um seinen Leumund wieder zu heben.«

»Ich habe glücklicher Weise den Schlüssel zu der Hinterthüre in der Tasche,« versetzte der Doctor; »er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen, wann ich wollte; es ist sonderbar, daß es heute zum ersten und letzten Male sein muß.«

Sie traten in das Gäßchen; der Schlüssel paßte, und die Herren stellten sich unter das Gewölbe des Hauses, um zu berathschlagen, ob der Senator zu erwarten, oder vielmehr rathsam sei, daß der Superior oder der Doctor zuerst sich auf die Flucht mache. —


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