Während dieses in seinem Hause vorging, saß der Senator, noch von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Betstübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das schlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel schmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verse desselben verklungen, betrat Pastor Lammer die Kanzel. Sein Gesicht war feurig, seine Augen sprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Senators haftete ein drohender staunender Blick, dem alle Augen der Anwesenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krause; er hustete; er öffnete den Mund, ...da fiel ein Donnerschlag ein, dessen Vorgänger unter dem geräuschvollen Orgelspiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen Fensterscheiben, die der Stromregen peitschte. Lammer sah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erschienen, ...seine Mienen nahmen eine gewisse Begeisterung an, — verächtlich schob er das Concept seiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft seiner Stimme:
»Du donnerst, Herr der Welten? Du starker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der schweren Pflicht, deine Gebote zu erklären! Nimm selbst das Wort, damit gerade am heutigen verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn du in deinem Zorne sagst: »Ich bin der alleinige starke Gott, und du sollst keine Götter haben neben mir!« Laß deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack und Asche traure; schreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn sie haben dein erstes Gebot mit Füßen getreten! denn sie haben andere Götzen neben dir! denn sie haben dich geschändet, als wärst du nicht der starke eifrige Gott, sondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber sie täuschen sich, dennsieknieen vor den faulen Götzen! sie betrügen sich, dennsiehaben keine Bundeslade, vor welcher du den Staub küssen müßtest! sie haben sich belogen, denn ihnen ist die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon auferstanden war, daß es sich gelagert hatte an den Thoren dieser Stadt, und daß es gesprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und sündigt mit mir! — O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit! sie sind nicht vorübergegangen an dem frechen Weibe! sie haben ihr Ohr nicht vor der Schlange verstopft! sie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römische Pabstthum hat eine Winkelstube in unserer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falschen Tand abgetauscht. Doch nicht alle Sündige waren verstockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle ist entdeckt, die Hülle ist von der abscheulichen Verschwörung der Finsterniß gefallen! sie sind entlarvt, und harren angstvoll der verwirkten Strafe!«
Eine Bewegung der Unruhe, des Abscheus, der Bestürzung, durchlief die Versammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortsetzung der Predigt. Der Senator konnte sich kaum vor Schrecken an der Brüstung des Betstübchens erhalten; die Senatorin starrte dumm und nicht begreifend auf den Prediger; Justine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängstlich im Auge. — Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort:
»O, wie zittern jetzo die Herzen der Sündigen! wie werden sie wünschen, gar nicht geboren zu sein! und dennoch selig noch diejenigen, die Schaam und Reue empfinden! seliger noch diejenigen, die ihre schweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geständniß versöhnten! aber dreimal verworfen diejenigen, so in ihrem Irrthume, in dem Laster beharren! dreimal verworfen die gottlosen Priester aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben,und Unkraut gestreut unter den Waizen! — Wie soll ich euch aber nennen, Gottesläugner! was soll ich euch prophezeihen, ihr Verstockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Christenthums besuchen, und das falsche im Busen tragen? besser wäre es, ihr bliebet aus dem Hause Gottes, das ihr durch eure betrügerische Gegenwart verunreinigt! — wie soll ich aber denjenigen nennen, der — selbst ein Richter im Volke.... der — selbst ein Erhalter der Gesetze — das Volk verräth, indem er dessen Verführung begünstigt?... das Gesetz schändet, indem er thut, was es in seiner Weisheit verbietet ...? den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brandmarkt durch seine entsetzlichen Frevel? ihn, der schamlos genug ist, sich allen Augen im Tempel des wahren Gottes Preis zu geben, sich heuchlerisch darinnen zu brüsten, nachdem er, geschweige anderer Unthaten, die erst an's Licht kommen werden und müssen, in dem teuflischen verbotenen Lotto sein Hab und Gut gewagt, und satanisches Handgeld damit gewonnen?... nachdem er ... ich spreche es mit Schaudern aus, meine Brüder, — nachdem er katholisch geworden?«
Der von dem Feuer der tadelnswerthesten Heftigkeit ergriffene Geistliche deutete mit Blick und Finger auf den Senator unverholen hin, der, von Beschämung und Wuth gepeinigt, in den Schatten seiner Betloge zurücksank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte, auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Verwünschungen niederrauschen ließ. Der Auftritt sollte noch gräulicher werden. Der Senator, an seinem Stuhle nierdergleitend, hatte unbewußt den Arm seiner Frau ergriffen. Diese, die endlich mit abergläubischem Entsetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als sie dieselbe lautschreiend zurückstieß, aufsprang, mit dem Gesangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreischte: »Weg von mir, elendiger Mann! das fehlte noch, katholisch zu werden! Gott erbarme sich unser! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an deiner Seite!« —
Vergebens warf sich Justine ihr bittend in den Weg. Schluchzend, wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Thüre. »Weg, Satanskind!« rief sie aus vollem Halse: »helft mir, ihr guten Christen! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus der Abtrünnigen!«
Auf der Treppe von einem Schwarme von Betschwestern umringt, die fragten und schimpften, und bedauerten, ging das Kreischen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorstimme gewältigte. »Ich unglückliches Weib!« schluchzte sie: »wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich sicher sei vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich habe zu Allem geschwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende hat im Lotto gespielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erst ... katholisch zu werden ...! ich armseliges Geschöpf!«
Endlich wurde sie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommissärin und viele Freundinnen. »Da haben wir's ja!« sagte die Erste triumphirend. »Da hören Sie's selbst, meine Lieben! den Holländer umgebracht, ... wahrscheinlich nicht minder dessen Sohn, der seit gestern verschwunden ist ...! Lotterie gespielt ... katholisch geworden! und mit alle dem that der schlechte Mann als wie ein Tugendspiegel! Aber mein Mann soll auf der Stelle zum Bürgermeister, und dann wollen wir sehen, ob noch Recht im Lande ist!«
Während dessen schritt, von einem angsterregenden Menschengedränge umgeben, von Justine unterstützt, der todtenähnliche Müssinger durch dieKirche und über die Gassen. Es regnete entsetzlich. »Warum gehst du nicht zu der Mutter?« fragte er die Tochter leise und ohne die Augen zu ihr aufzuheben. »Ich bleibe bei Ihnen,« erwiderte sie sanft: »ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stillen geahnt, was Ihre Vernichtung mir bestätigt! Ach, ich habe nicht falsch gesehen,.. der Doctor!.. Aber ich liebe Sie jetztmehr, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.« — »O mein armes, einziges, liebes Kind!« sprach der Senator unter Wehmuthswellen, und schauderte sichtbar zusammen, weil eine Menge Volks vor seinem Hause sichtbar wurde, und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatschiere von der Thüre daher blinkten. — »Ich werde in Arrest gebracht!« seufzte der Beängstigte. Justine erschrack; ihre Thränen fielen auf seine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Brust; er sah zur Seite und erblickte sein schweres Portefeuille, das ihm eine hülfreiche Hand in den Busen schob. »Einen Gruß von den Herren!« sagte der blasse Litzach zu ihm, der sich wieder niederduckte: »Sie sollen das bewahren und fliehen. Die Bücher sind verbrannt und zerrissen. Ernst hat Sie verrathen, fliehen Sie nach Amsterdam, der Doctor erwartet Sie.«
Die Worte waren wie im Fluge gesprochen worden, und der dem Senator unbekannte Bote verschwand. Der Senator verbarg mechanisch das Taschenbuch, das seine Wechsel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verschlossenen Hause in die Hände jenes Menschen gekommen. Zwei Senatoren, Commissarien des Bürgermeisteramts, die in ihren schwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu, die Thüre schnell aufzumachen. Müssinger gehorchte; Commissarien, Hatschiere, Volk drangen in das Haus. Justine wurde von des Vaters Arm gerissen, und flüchtete in das obere Stockwerk, dessen Treppe von den Hatschieren besetzt wurde. »Ihre Papiere!« hieß es unterdessen zu dem Senator. — Er bückte sich, die Thüre seines Cabinets zu öffnen. Sie war schon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltsam geöffnet ... von den Büchern der Jesuiten, die darinnen verwahrt gewesen, sah der Senator, selber staunend, keine Spur. Unglücklicherweise jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Xaver. Als ein Beweis des Gesuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen. »Unwürdiger Mann!« sagte ein Senator zu dem verstummenden Müssinger; »die Schlüssel zu der Kasse, damit sie für's Erste in Beschlag genommen werde!« »Oeffnen Sie die geheimsten Fächer des Bureau's!« sagte der Zweite; »man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen gesehen; nach der Aussage Ihrer eigenen Comptoirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo ist die Correspondenz über diesen schändlichen Trafik?« —
Müssinger läugnete und verwies auf seine Handelsscripturen.
»Wer seinen Gott verläugnen kann, lügt auch vor Menschen!« sagte Einer der Commissarien: »wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet, gewaltsam geöffnet ist?« —
Müssinger bezeigte seine Unwissenheit.
Indessen kamen zwei Personen herbei, die viel Verwirrung in den Auftritt brachten. Der Erste, ein Schwager der Senatorin, zu dem die bösartige Frau sich geflüchtet und welcher erschien, um deren Eingebrachtes zu reklamieren; der Zweite, der Comptoirdiener Berndt, den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager der Senatorin mischte sich mit vielem Lärm und aufgeblasenem Benehmen in die Geschäfte der Commissarien, und diese hielten es für gut, den Diener Berndt verhaften zu lassen, weil gegen ihn der Verdacht obwalte, auf vorläufigen Befehl seines Principals aus der Kirche entwichen zu sein, und das Pult gesprengt zu haben, um die schwersten Indicien, sowohl des Katholicismus, als des Lottospiels, als der Seelenverkäuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der unschuldige Comptorist deprecirte, und die Hatschiere Gewalt brauchen mußten, den jungen Mann, der seiner philadelphischen Sanftmuth gänzlich vergaß, festzuhalten, — während der Senatorin Verwandter seinerseits schrie und die Commissarien übertäubte, die Zuschauer sich um diese Scene drängten, stießen, und kleine Debatten unter sich selbst hielten, erwischte Jemand den Senator Müssinger beim Kleide, und zog ihn mit kecker Faust in das Gedränge, durch das Gedränge, und Niemand bemerkte es im Tumult. James war der Kühne. »Kommen Sie!« flüsterte er dem Staunenden dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinterthüre, klinkte sie auf, und nun stracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen.
»Wohin, wohin, mein Freund?« fragte Müssinger athemlos.
»Still! kein Wort!« versetzte der Jüngling, und lief, so schnell der Senator selbst konnte, nach einer Querstraße, wo er in ein Haus schlüpfte, das ein Werbschild über der Thüre trug. Er hieß den Begleiter folgen, und trat mit ihm rasch in die niedrige Stube, wo einige Reiter, in bunten Uniformen, saßen und tranken.
»Kameraden!« rief James, als wie begeistert: »Ihr seid Katholiken! Es gilt hier, einen Katholischen zu retten! Einen Helm, einen Reitermantel, ein Pferd für den Verfolgten! Zwei von Euch zur Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den Liebesdienst!«
»Was thut Ihr, mein Freund?« fragte Müssinger verweisend, sank aber erschöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern überlegten; endlich, einig geworden, daß ein hübscher Bursche hier zu werben stehe, und wohlfeil, so wie nie, sagte der Wachtmeister: »Meinetwegen, Monsieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er aufs Wohlsein unsers Herrn!« — James stieß eiligst an. — »Pressirt's mit dem armen Mann?« fragte der Unteroffizier weiter. James bestätigte es dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Thore schließen, um sich der heimlichen Gemeinde desto gewisser zu versichern. Der Unteroffizier lachte der ungeschickten Maßregel. »Unsrer Uniform stehen, so Gott will, alle Thore offen!« sagte er, trotzig den Bart streichend: »schafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei, ihr Bursche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! scharfen Trab! ich bleibe indessen bei dem jungen Rekruten da!«
Während Einer ging, die Monturstücke herbeizuschaffen, und der Andere, die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müssinger kraftlos schwankend den Jüngling. »Nehmt die Hälfte meines Geldes!« sagte er, die Brieftasche hinreichend. James stieß sie mit glänzendem Auge von sich. »Ich will schon meinen Lohn fordern, wann es Zeit sein wird!« antwortete er, half dann dem willenlosen Senator seine Verwandlung vollenden, drückte ihm an Statt der Perücke den Helm auf den Kopf, und empfahl ihm, das bartlose Kinn tief in den Radmantel zu stecken. Indem er ihn unterstützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müssinger, wie aus einem Traume auffahrend: »Justine! Meine Tochter! Sie bleibt zurück; und hat doch geschworen, sich nie von mir zu trennen! Edelmüthiger Mensch! wollt Ihr die Krone auf Eure That setzen, und die Angst meiner Tochter endigen? Mein Buchhalter soll sich ihrer annehmen,..... er soll sie mir nachführen..... nach Amsterdam, zu van den Höcken, wo ich ihrer sehnsuchtsvoll warte!«
»Es soll geschehen, Ew. Edeln,« versicherte James: »ich werde sie aufsuchen; — will's Gott! auch sie retten, Ihnen nachsenden. Gott geleite Sie....«
»Armer Mensch!« klagte Müssinger: »wie lasse ich dich zurück? Du hast deine Freiheit, dein Leben um meinetwillen verkauft. Schreibe, melde mir, ob Geld dich wieder befreien kann, und ich....«
»Possen!« rief der Wachtmeister ärgerlich dazwischen: »war er ein Paar Wochen zu Pferde, so begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde, Herr, zu Pferde, müssen auch Sie, damit meine Bursche um Mittag zurück sein können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf, und machen Sie meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.«
Indessen hatte James dem Senator zugeflüstert: »Ich brauche kein Geld, lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche »Du« gaben, haben Sie die Hälfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!«
Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majestätisch zwischen den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtsoldaten gefällig und gehorsam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufrissen.
Justine wußte von all' diesen Begebenheiten nicht das Geringste. Einer schüchternen Unentschlossenheit hingegeben, hatte sie in ihrem Zimmer sich verborgen, um sich zu fassen. Der scandalöse Auftritt in der Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewißheit ihrer zukünftigen Lage, bestürmten zugleich ihre Sinne, daß sie auf einen Augenblick die Selbstständigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters, der endlich sich vernehmen ließ, — der die Treppen heranstieg, um die Effekten seiner Schwägerin in Beschlag zu nehmen, der von Verschließung aller Gemächer redete, der rauh und ungeschliffen sich bei allen Domestiken nach seiner Verwandten Justine erkundigte, um sie in sein Haus, zu ihrer Mutter zu führen, — diese Stimme raffte Justinens Muth zusammen. Dem eigenwilligen Mädchen erschien plötzlich nichts auf Erden schrecklicher, als unter die Vormundschaft dieses Menschen treten zu sollen, den es längst gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die es von ganzem Herzen mißachten mußte. Justine zauderte nun nicht mehr; sie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entschluß war plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl ihre Stelle gewesen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erschien ihr theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in ihre Stube eingeriegelt, den im Hause herumstöbernden Schwager ihrer Mutter seinem überlästigen Geschäfte obliegen. Sie packte während dessen ihr erspartes Geld, ihre Kleinodien zusammen; sie erwartete mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein sein würden; er kam. Sie entschlüpfte; sie eilte die Treppe hinunter. Nirgends mehr eine Wache; das Comptoir verschlossen, und den Vater auf dem Bürgergewahrsam aufzusuchen ihre Aufgabe.
Das Gewitter des Morgens sendete noch immer fürchterliche Regengüsse, Ihrer nicht achtend, trat Justine aus dem Hause. Eine Frau stürzt ihr entgegen; die Lainez. »Wohl mir, daß ich Sie finde!« sagt diese athemlos: »Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie sollen sich vom Gegentheil überführen. Ich habe den Moment erspäht, Sie zu retten. Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!«
»Ich verlange auch nicht nach Ihnen!« antwortet Justine, und will sich von der Französin losmachen: »lassen Sie mich! mein Vater ist im Gefängniß! ich will — ich muß zu ihm!«
»Zu ihm? Sie wissen aber nicht?...«
»Was, Madame?«
»Ihr Vater ist entwischt; Niemand weiß, wohin!«
»Entflohen? Gott sei gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!«
»Wie? ohne Spur? ohne Nachricht?«
»Der Herr wird mich erhören. Meine Angst wird ihn finden! Lassen Sie mich!«
»Sie machen sich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt verlassen!«
»Gleichviel! Ich suche ihn auch nicht in dieser Stadt!«
»Sie sind aber hier eingesperrt. Alle Thore sind geschlossen; Niemand wird ohne die strengste Untersuchung hinaus gelassen. Man kennt Sie! man wacht sorgfältig über die Angehörigen des Senators. Man wird Sie zu Ihrer Mutter bringen!«
Diese Nachricht lähmte Justinens Kräfte. Mit einem tiefen »Ach!« griff die Wankende nach der Hand der Französin, die mit ihr indessen an die Ecke der Straße gekommen war, und dringend weiter redete: »Aufschub ist's, den Sie gewinnen müssen! Lassen Sie die ersten Tage der Unruhe vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten! Rauben Sie sich jedoch nicht die nöthige Freiheit, ihm alsdann folgen zu können. Vertrauen Sie sich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich; auchmichverdächtigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich meine Seele rein an jenen Umtrieben ist, rein wie ein Sonnenstrahl. Ich weiß einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns für's Erste den nöthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daselbst sichrer sein, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat.«
»Lieber in den Tod als zu dem despotischen Onkel, — als zu der Mutter, deren Vorwürfe mich umbringen würden!« rief Justine; »ich will noch einmal an Ihre Aufrichtigkeit glauben. Bringen Sie mich von hier!«
»So eilen Sie!« ermahnte die Lainez, und führte Justine schnell mit sich von dannen; weit vom Vaterhause, auf dem Paulsplatz, wo sie sehr durchnäßt ankamen, allein doch unbeachtet. Rasch schritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte, um herabzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewigkeiten. Endlich ... Schlüsselklang ... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erschreckt, die Einstürmenden. »Gott grüße Sie, Herr Pahlens!« ruft die Lainez in Eile; »oben ein Näheres!« und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finstern Wendeltreppen, durch die finstern Gangschluchten, und an den hohen Luken vorbei, die eine schwindelerregende Gruft vor dem Aufsteigenden eröffnen; und nimmer ruhen und nimmer rasten sie, bis der letzte Treppenabsatz erklimmt, und die Plate-Forme des Thurms erreicht ist, wo der heftig ziehende Luftstrom sie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu schöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Absicht ihres Kommens zu erklären. Die Französin faßt sich hierin, so wie in Allem kurz.
»Sie wissen, Monsieur, was in der Stadt vorging,« sagt sie mit vertraulichem Tone zu dem Thürmer; »wir sind ebenfalls das Opfer jener traurigen Ereignisse. Wir fordern von Ihnen Schutz und sichern Aufenthalt für wenige Tage, und erwarten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unsers Begehrens!«
Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Gesicht; vergnügt rieb er sich die Hände, und versetzte: »Sie kommen zur bestenStunde, meine Damen. Mein Gehülfe wurde gestern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magistrat wird mir die Schonung seiner Kassa danken. Ueber diesem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet sich das schönste Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daselbst wohnen, ungestört sein, und nur die Vorsicht beobachten müssen, sich nicht sehen zu lassen, wenn sich Neugierige oder Leute, die hier oben Geschäfte haben, auf dem Thurme einfinden.«
Justine, von dem albern galanten Wesen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel-Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunsche wurde also willfahrt, das Frauenpaar in sein Asyl eingeführt, das in der That eine gewisse Eleganz darbot, und eine vielversprechende Fernsicht; heute freilich von Regenschleiern verhüllt. Pahlens, nachdem er sich in seinen besten Putz geworfen, trug seinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beschränkte Speisekammer des Junggesellen vermochte, und lud seine Gäste ein, seine Gaben nicht zu verschmähen. Die Lainez ließ sich nicht nöthigen. Justine versagte, setzte sich an's Fenster, sah hinaus in die grauen Wolkenmassen, und weinte und seufzte, und machte Pläne.
Pahlens, nachdem er vergeblich versucht, der Jungfer, die sein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging verdrüßlich davon, die Stunde zu schlagen; ließ die Frauen allein.
»Wohin sind wir gerathen?« fragte Justine heftig: »wie sind Siehierbekannt geworden, Madame? Von der Discretion eines geckenhaften Menschen abzuhängen, der mich durch seine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht seine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beschwatzen lassen?«
»Wissen Sie einen Ort, an dem man uns weniger vermuthet? an dem wir unbemerkter sind?« fragte die Lainez einsilbig dagegen, und setzte bei: »ich kenne den Herrn dieses lustigen Hauses zwar nur oberflächlich, aber getraue mir, für die redliche Reinheit seiner Gesinnung zu bürgen. Fürchten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anstands. Was Sie auch von mir halten mögen ... ich bin eine Freundin und Bewahrerin strenger Sitte, und Niemand wird mehr als ich von einer Unbescheidenheit verletzt. Schlafen Sie deshalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günstigerer Himmel. Vielleicht sind wir so glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck ist dann erreicht.«
Dieser Zuversicht sich überlassend, fügte sich Justine in die seltsame ungewohnte Lage. Der Abend kam, und verging bei einsamer Kerze, und bei'm Lautenspiel des Thürmers, der sich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu unterhalten, bis die Zehner-Glocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürsorge hatte den Damen auf den Ruhebettchen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünschte ihnen gute Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löschen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Thurme einzutreffen habe, nicht Unrath merke.
Justine verriegelte die Thüre. Die Lainez löschte die Kerze. Die beiden schönen Flüchtlinge versuchten, ohne ein Wort ferner zu wechseln, zu entschlummern. Justinens Augen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht besser, denn Justine, ganz stille ruhend, hörte plötzlich, wie sich die Lainez leise aufrichtete, und in französischer Sprache, — in der Meinung, ihre Gefährtin schlafe, — zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zustand zu endigen,in dem sich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte diese Gnade auch auf ihre Gefährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenschaften willen, zu dem besten Glücke würdig und berufen sei. Sie möchte ein Wunder ihrer Huld thun, um das Seelenheil der Protestantin zu retten, sie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu führen, ihr alle Sünden zu erlassen, sie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürsprecherin alles dieses Verlangte thue, so verspreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Fasten und eine Votivtafel dem wunderthätigen Bilde zu Montserrat. Hierauf begab sich die Lainez wieder zur Ruhe, und entschlief bald in vollkommener Friedseligkeit.
Justine, welche aufmerksam gelauscht hatte, machte ihre besondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Mißtrauen gegen die Französin zunehmen mußte, in der sie nun eine eifrige Katholikin, und — wie sie im Verlauf des letzten Tages geahnt hatte — ein Werkzeug ihrer beabsichtigten Bekehrung empfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Vertrauen zu der Person zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Protestantin mehr noch den himmlischen Mächten empfohlen, als sich selbst; sie hatte für Justinens Erleuchtung und Rettung gebetet, sie hatte dafür ein Gelübde geleistet! Justine dankte ihr im innersten Herzen für die Beweise einer liebevollen Theilnahme, und vergab ihr allen Unglimpf. Justine beneidete sogar die Französin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen der Beterin goß, erzeugt von der Zuversicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müsse. Justinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie sah die Streiflichter der Wächterlaterne, die um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; sie hörte Pahlens und des ablösenden Wächters Stimme, das heisere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Posaunenstöße in die weithallende Luft, das erschütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerschläge der allzunahen Stundenglocken. Unwillkürlich dachte sie an die Mährchen ihrer Amme, an das Traumgesicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte sorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geist hereinschreiten werde. Aber quälender wurde ihre Angst, marternder ihre Schlaflosigkeit erinnerte sie sich der verflossenen Tage, des Glücksruins ihres Vaters, seiner Verblendung, seiner Flucht, des Verschwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte sich vor ihrer Einbildungskraft auf, und sie hätte sich aus den Fenstern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich gewesen wäre, auf demselben überzuschiffen nach der Weltgegend, in welcher sich ihr Vater befand. Dem Andenken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, seine Begleiterin in dem Labyrinthe seines Unglücks zu werden, schien ihr Beruf zu sein, und sie sehnte den Tag herbei, der ihr vielleicht Kunde zu geben bestimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie sein Vorgänger häßlich und stürmisch gewesen war. Justine badete ihre glühende Wange in dem kühl strömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten sich zerstreut, waren am Horizonte niedergesunken. Durch die durchbrochenen gothischen Geländer der Plate-Forme schimmerte das tiefe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel strahlte ein feines durchsichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder strichen neckend oder majestätisch vorüber. Der Storch klapperte fröhlich in seinem Neste; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köstliche Aussicht hatte sich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weitesten Ferne von Gebirgsumrissen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbstes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mit luftigen Ziegeldächern, zwischendurch belebte Landstraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder silberne Ströme, oder abgelesene Felder und frisch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderliche Herbstseidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten — entzückten das Auge. Die ansehnliche Stadt, von grünen Bastionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichsam den Korb, aus welchem man in's Weite sah. Justine hatte diesen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder gesehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuser, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie suchte, sie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer Freuden; sie suchte und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; sie suchte nicht das Gasthaus, das ihren Bräutigam beherbergt hatte, damit ihr Schmerz nicht erwache; sie suchte aber die Straßen, die von den Thoren in alle Weltgegenden ausgingen; sie versuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeschlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häusermasse athme, deren Bewohner sich gegen ihn und seine Schwachheit verschworen hatten. Sie lief, ohne sich des »Warum?« bewußt zu sein, nach der Thüre, sie öffnete dieselbe unschlüssig, und hörte plötzlich vom Fuße der schmalen Treppe, die in's untere Gemach führte, leise Flüsterworte, eine Unterredung, die sie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die schon seit einiger Zeit das Gemach verlassen hatte, sprachen zusammen, heimlich und vertraulich — von Justinen.
»Sie können sich leicht denken,« sagte der Thürmer: »wie mich's allarmirt hat, als ich's vernahm. Es ist doch Schade um die magnifique Jungfer.Parole d'honneur!die Mama und der Vormund wollen sie, sobald sie ausfindig gemacht worden, in die Kostschule sperren lassen, weil sie dergestalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, sie sei, wieerkatholisch geworden, und dieser Schmutz müsse abgekratzt werden.«
»Nichts weniger als das,« versetzte die Lainez: »indessen müssen Sie, Monsieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einst Wort gehalten werde.«
»Ich will wohl behülflich sein,« sprach Pahlens wichtig: »aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wissen, meine Beste, wie mich der blinde Cupido selbstaveuglegemacht hat. Ich binamorosodergestalt, daß ich mit Thränen meine Speisen salze, und täglich und nächtlicherweise vonMorpheoverlassen werde. Wenn mir die ehrwürdigenPatresdie Holdselige zur ehelichen Hausfrau geloben wollten, ... auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo mein stillesArcadiaan. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organist werden, so sollten die dankbarsten Liebesgötter meine Register handhaben.«
»Sie sind eigennützig, Monsieur Pahlens,« entgegnete die Lainez empfindlich.
»Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ichadorire,« sagte der Geck: »wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherwesens abgeschüttelt, so würde ich's nicht läugnen, und folglich meinen Bündel schnüren müssen, und von denenMusiserwarten, wo ich wieder meinen Unterhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Justine meine Verlobte....vraiment!noch heute sagte ich auf, zöge morgen ab,und erhielte alsbald meinen Abschied, weil sich Zehne für Einen um meinen Dienst bewerben.«
»Das Mädchen will seinen freien Willen haben, Monsieur Pahlens.«
»Recht, beste Madame. Sie soll meine Devotion erkennen lernen, und wenn sie meine liebeslustigen Sentiments erfährt, wird sie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten sind anders. Der Papa davon gelaufen ... die Mama, die sie einsperren will; auf der andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuose auf vielen musikalischen Instrumenten und heftig verliebt;.... ich bin gar nicht bange zu reussiren, wenn Sie mir Ihren Beistand nicht versagen, und ein acht Tage hier oben verweilen.«
»Warum nicht gar? Sie müssen uns so schnell als möglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe sie beschieden ... wohin? das ist gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen sie in den Bereich des Superiors, und das Zureden desselben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das Uebrige thun. Wir Weiber sind schwach, Monsieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.«
»Wenn Sie meinen.....« fügte Pahlens hinzu, und das Gespräch verstummte.
Justine zog sich, empört und erschreckt von dem, was sie vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie sie wollte, sie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hartnäckigkeit einen freien Abzug von dem Thurme erzwang, die schimpfliche Einsperrung in die Kostschule, worinnen ungehorsame Töchter oder leichtsinnige Weiber oft Jahrelang ihrer Lossprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines steifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtschwätzer. — Hier eine begünstigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verstellung, die Gewalt eines intriganten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den sie nicht kannte, nicht begriff, und der entscheiden sollte, ob sie den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! sie sah sich schon im Netz heimtückischer Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft schmeichelnd zuflüsterte: sie möchte sich der Verstellung unterziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorspiegeln werde, und auf der Reise eine Gelegenheit suchen, von ihren falschen Freunden loszukommen, — so sträubte sich doch dagegen sowohl ihr gerader Charakter, als auch die so natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob sich jene Gelegenheit fände? ob man sie nicht bereits in einen katholischen Zwinger gebracht, ehe sie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächst die Versicherung, daß sie den Vater finden würde, sie, ein hülfloses unerfahrenes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite gewesen wäre! auf ihn, den besonnenen und entschlossenen Mann hätte sie jede Hoffnung gesetzt! aber ... allein?
Sie verlor sich in trostlosen Betrachtungen. Die Lainez verließ sie darinnen, um, wie sie vorgab, einen schnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was sich Neues zugetragen. Justine würdigte sie kaum eines Abschiedgrußes, und verschloß vor dem Thürmer, der gern den Anfang seiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre.
Wie sie nun da saß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte sie auf der Gallerie schwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenster des Belvedere.
Zwei Männer in Uniform erstiegen die Plate-Forme, und der Voranschreitende, mit leuchtenden Achselbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von dessen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alsobald die wunderschöne Rundsicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und beeilte sich, dem Besuchenden dienstfertig die verschiedenen Theile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Hauptgebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ sich eines Breitern in die Erläuterung der bestehenden Wächter- und Feuerordnung ein. Der Offizier hörte freundlich zu, sendete Fragen auf Fragen, und schien mit seiner Expedition auf den Paulsthurm sehr zufrieden. Sein Begleiter indessen, in derselben Uniform, doch ohne Silber und Schärpe und Feder und Achselquaste, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Antheil an dem Gespräche, und wanderte einsam um die Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengesetzte Seite zu stehen kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, stützte sich auf diese, und bückte sich nachdenkend hinunter. Justine war dem Menschen gefolgt. Er hatte — so fremd seine Kleidung war, — so viel Bekanntes in seiner Haltung; ... neugierig lauschte sie, verwendete kein Auge von ihm, und ... als er einmal das Kasket abnahm, um sich den Schweiß abzutrocknen, als ein jugendlich melancholisches Gesicht darunter zum Vorschein kam — da bewegte sich Justinens Herz in unentschlossener Freude. Der Soldat war James, seine absichtslose Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterlistigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverstanden, gekommen war, um Justine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das sie bereits umgab. Vergessen waren alle Beweggründe, die einst Justinens Unmuth gegen ihn gereizt hatten; sein soldatisches Kleid, für Weiberherzen stets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung seiner Lage, sein Gesicht von bekümmertem Ernste. Justine fühlte sich hingezogen zu dem Jüngling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geschätzter Freund gewesen. Da der Vater geflohen, da Georg verschwunden — wo hätte sie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieser junge Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, sie den treulosen Händen, worin sie sich befand, zu entreißen, und ein innerer Zug bestimmte sie zur Zuversicht auf ihn.
Ohne sich ihrer klar bewußt zu sein, hatten diese Gedanken den Sieg in ihrem Verstande, in ihrem Herzen errungen. Leise, aber dennoch nicht ohne Geräusch, hatte sie das Fenster aufgezogen. James sah sich um: Ueberraschung, Freude, Entzücken zogen auf seinem Gesichte die fröhlichen Wimpel auf. Justine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, behutsam zu sein. Er legte beide Hände auf die Brust, sah sie voll Liebe an, und erwartete ihr Begehren.
»Ich bin gefangen,« lispelte Justine englisch, »wenn Ihr, Herr, kein Verschworner der Lainez seid, befreit mich; doch behutsam.«
James, der bei dem Namen der Französin eine Bewegung des Abscheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete rasch und ohne zu überlegen: »Mit Gottes Hülfe, Miß.«
»Mein Vater?« fuhr zaudernd und ahnend Justine fort, »meine Zukunft? erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?«
Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme erscholl; James winkte der holden Bittenden, sich zurückzuziehen. Sie stellte sich hinter den offenen Fensterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der sich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenschlag kehrte, und nach selbsterfundener Melodie ein Liedchen sang, das — nicht künstlich in Strophen und Reim geschnitten — in seiner Nationalsprache dem Mädchen zu wissen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er sie nach Amsterdam beschieden, daß James,ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez hasse, Justinens Schicksal bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rückkehr zum Vater aufbieten werde. Die Thore der Stadt seien wieder offen, und Justine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten.
Justinens Busen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improvisirten Liede ein Ende. »Brav,« sagte er in ziemlich schlechtem Deutsch; »ich sehe doch, daß Seine Melancholie ein Ziel hat. Wenn der Gesang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter ist.« James bückte sich, und wußte, auf geschickte Weise das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umherfaselnden Pahlens sein Gesicht auf's Beste zu verbergen. Nach einigen Worten empfahl sich der Offizier, und James folgte ihm dienstpflichtig. Der Schlüssel tragende Thürmer geleitete sie hinab.
Wie schnell hüpfte nun Justine aus ihrem engen Zimmer! wie freudig tanzte sie auf der Gallerie umher! wie verächtlich sah sie auf die düstere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Westen, wohin der väterliche Ruf sie beschied. Sie fürchtete keine Tücke von James! sie rechnete auf das Uebergewicht, das sie über die Handlungen des Jünglings stets behauptet ... und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten — unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergessend, ihre Brust.
Und als Pahlens zurückkam, mit abgeschmackter Schmeichelei ihr näher trat, und den erbärmlichsten Witz, die traurigste Galanterie an sie verschwendete, — als später auch die Lainez erschien, und ihr in einer wohl gesetzten Lüge erzählte: ihr Vater warte ihrer zu Steinstadt mit dem größten Verlangen, und Pahlens werde sich ein Vergnügen daraus machen, sie hinzubringen, — da lächelte sie kindlich unbefangen; die List sprach nicht aus ihren Augen, die krause Stirn verrieth keinen Ernst, keine prüfende Ueberlegung. Sie schien die Vertrauende zu sein, die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel gewonnen, und nie war es so trostlos verloren.
Am Nachmittage führte der von Justinens Nachgiebigkeit bezauberte Pahlens selbst einen Balsamhändler auf den Thurm, dessen verschmitzte Augen wie Blitze aus dem bleichen Gesichte strahlten.
»Der Kerl ist ein Fremder; es hat keine Gefahr!« sagte Pahlens zu den Frauen, die sich sträubten, auf der Gallerie zu erscheinen, um die Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Thürmer zu kaufen willens war. —
»Mein Gott! ist das nicht Monsieur Litzach?« fragte die Lainez nach einem Blicke auf den Händler. Dieser bejahte achselzuckend, und freute sich, die Madame hier zu finden.
»Einer der Unsrigen!« flüsterte die Französin dem erstaunten Pahlens zu; »was macht Ihr aber mit diesem Kram?« fragte sie weiter.
»Ei nun, Madame,« antwortete der Schauspieler lächelnd; »da es mit der Komödie nicht fort wollte, und meiner Wohlthäter Waizen auch nicht ferner blühte, gab ich mich einem Parfümeur als Hausirer hin; will sehen, ob das Geschäft Weib und Kind ernährt! — DieHerrenwerden mich ja für die Zukunft nicht im Stiche lassen,« setzte er bedeutend hinzu.
»Seid meiner Fürsorge gewiß, wenn Ihr diskret seid!« sagte die Lainez mit Beziehung und warnend.
»Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden schuldig bin,« entgegnete der Hausirer, der die Lainez verstand; und in dem Augenblicke, als dieLetztere sich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er könne diesem Menschen vertrauen, hatte auch schon Justine ein Blättchen Papier in der zitternden Hand. Sie dankte dem listigen Ueberbringer mit einem Blicke, und trat bald hinter einen Vorsprung des Thurms, um die Post zu lesen. James schrieb:
»Sein Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mußte meinen Capitän in's Geheimniß ziehen. Er läßt Sie in seinem Wagen fortbringen, weil er ein braver, ritterlicher Mann ist. Es quält mich, daß meine Pflicht mich hier zurückhält. Sie sollen indessen — so Gott will — ein Mehreres von mir erfahren.«
Das Billet flog zerrissen über das Geländer. Nachdem Pahlens seine Geschenke gemacht, — nachdem Litzach hinweggegangen, setzte sich Justine in ein Winkelchen, ging mit sich zu Rathe. »Was in aller Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?« fragte sie sich; »und darf ich mich wohl der Diskretion des Capitäns anvertrauen?« — Ihre Herzhaftigkeit überwand den Zweifel; sie fühlte sich über Furcht erhaben, und suchte nur nach Mitteln, dem verschlossenen Thurme, den Pahlens stets selber öffnete, um die bestimmte Zeit zu entkommen.
Endlich gelangte sie mit dem Plane auf's Reine. Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablösende Wächter im Thurme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlassen, die Treppen hinabschlüpfen, und hinter einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den schmächtigen Pahlens zurückstoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre entspringen. Pahlens Vortheil, dachte sie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten. —
Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte sie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit diese, ihr zu gefallen, den Abend tödteten, und suchte frühzeitig das Lager auf. Die Lainez löschte die Lampe aus, und entschlief bald an Justinens Seite. Diese Letztere versäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; sie hatte das Päckchen, das ihren Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kissen verborgen; dieses und die Schuhe in der Hand, entriegelte sie so leise als möglich die Thüre, fühlte sich das steile Treppchen hinab. — Die Stiege knarrte; Justine erschrak: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnstuhl seines Zimmerchens hingestreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe. Justine bemerkte dies, durch das Thürfensterchen schauend, und dankte dem Strahle des durchschimmernden Lichts, der ihr die ersten Stufen der Wendeltreppe zeigte. Muthig betrat sie den dunkeln Weg, vorsichtig den Strick anfassend, der als Geländer diente. Endlich kam sie in den Bereich der Glockenstube, wo die Wendelsteige aufhörte, und die breiten hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle schlug durch die riesengroßen Fenster. Das Uhrwerk webte und regte sich mit wunderlichem Geräusch neben der Fliehenden. Sie enteilte der schauerlichen, in abgemessenem Takte pickenden und schnarrenden Nachbarschaft. Ein schützender Geist führte sie die geländerlosen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunkeln Tiefe hinab. Ungeziefer raschelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete sie bis in die unterste Halle, wo sie hochathmend stille stand, hinter die Säule, die sie erfaßte, schlüpfte, und mit hoffender Seele wartete; — denn schon glaubte sie, den herannahenden Wächter zu hören, — doch — das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere — immer näher kommend....; »sind's die Retter?« fragte sie sich mit gespannter Aufmerksamkeit....
Und plötzlich wurde es sehr laut vor der Thüre: viele Stimmen; Flinten-Gerassel; rohe Reden; Spott, Gelächter, starker Schellenlärm; der vielstimmige Ruf nach der Höhe endlich: »im Namen des Magistrats!« Laternenglanz fiel durch das Schlüsselloch. Justine schreckte auf. »Das sind Verfolger!« klagte ihre ahnende Seele: ... »sie kommen, dich zu fangen! deine Freiheit soll verloren gehen! Oeffnet die Thüre, so geräthst du mitten in die Feinde!«
Sie wendet sich entsetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. — Neue auflodernde Angst. Von oben naht sich Schlüsselgerassel, Lampenschein ... Pahlens unzufriedenes Schelten! — Dem verhaßten Menschen, den Verfolgern zu entgehen ... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrstube, neben welcher sie wieder ist. Sie findet eine angelehnte Thüre; drückt sie auf; stürzt hinein ... klammert sich bebend an zwei dicke Pfosten fest, neben welchen durch man zum Uhrwerk geht. — Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltsam ergreift, festnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten sorgfältig die Thüre wieder verschlossen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In seiner Mitte jammert der arretirte Pahlens. — »Verdammter heimlicher Katholik!« ruft eine Stimme: »du sollst schon reden lernen!« und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm.
Die Pforte fällt zu; Schlüssel drehen sich im Schloß; schwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, seiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird still — todtenstill, und trostlos erräth Justine, daß sie ganz verlassen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen ...; kein rettender Zuruf von Außen. Unter der Last ihrer Angst wanken ihre Kniee, schwindelt ihr das Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu rasseln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauschen, und die furchtbar große Glocke schlägt an, als ob jeder Streich Justinens Leben zu vernichten hätte. Die Erschütterte sinkt unter den donnernden Schlägen, die nicht endigen wollen, zusammen. Ihr Bewußtsein schwindet. —
1721.
Der Abend in Santa Dominica. — Luis und Ines. — Der Fremde. — Seine Erzählung. — Seine Erinnerungen. — Des indianischen Kindes erstes Abenteuer. — Der Morgen in der Colonie. — Die fremden Schiffe. — Wiedersehen. — Die Jäger aus den Savannen. — Consultador und Rector. — Justinens Loos. — Der Vorschlag des Pfarrers. — Die Nacht. — Der Ueberfall. — Die Savannen. — Das Lager der Abiponer. — Capitän und Capitana. — Das Opfer. — Fest des Siebengestirns. — Hülfe aus der Ferne. —
Der Abend in Santa Dominica. — Luis und Ines. — Der Fremde. — Seine Erzählung. — Seine Erinnerungen. — Des indianischen Kindes erstes Abenteuer. — Der Morgen in der Colonie. — Die fremden Schiffe. — Wiedersehen. — Die Jäger aus den Savannen. — Consultador und Rector. — Justinens Loos. — Der Vorschlag des Pfarrers. — Die Nacht. — Der Ueberfall. — Die Savannen. — Das Lager der Abiponer. — Capitän und Capitana. — Das Opfer. — Fest des Siebengestirns. — Hülfe aus der Ferne. —
Der Abend flammte purpurroth am Horizonte, den ein Kranz von schwarz aufsteigenden Wetterwolken einfaßte. Die Ebene lag von schwüler Hitze überbrütet. In dem Missionsorte Santa Dominica läutete die Glocke, und auf dem Platze vor der Kirche versammelten sich, von der Arbeit im Feld und Haus gehend, die Bewohner der Mission; Männer, Weiber und Kinder in buntem Gedränge, aber mit anständigem Schweigen. Ein großer Kreiswurde geschlossen, und andächtig falteten sich alle Hände, als das Thor des Missionshofes aufging, und der Pfarrer hervortrat, begleitet von einigen Negern, die schwere Karren, mit zerlegtem Fleische gefüllt, heranzogen, und von stämmigen indianischen Mägden, die in langen schwankenden Körben an Lianenstauden große Vorräthe von Mais und Thee herbeitrugen. Der Pfarrer, eine gesunde, obgleich siebzigjährige Gestalt, begab sich würdevoll in die Mitte seiner Pfarrkinder und sagte: »So ist denn wieder mit Gottes, des Ewigen, Hülfe ein mühevoller Tag der Arbeit und des Fleißes zurückgelegt. Der wackere Mann, Euer Corregidor, meine Kinder, hat mir den erfreulichsten Bericht über Euer Streben abgestattet; und neben dir, du guter Juan Bosco,« — der genannte Indianer bückte sich geschmeichelt und demüthig — »der unsere große Caamiripflanzung so vortrefflich zu bewässern unternommen hat, habe ich alle Uebrigen zu loben, mit Ausnahme eines Einzigen, dessen ich leider mit verdientem Tadel gedenken muß.«
Die Leute sahen sich ernsthaft und verwundert an; aber ohne den Aufruf abzuwarten, trat Einer aus dem Volke, ein rüstiger junger Mann hervor, und kniete mit betrübter Miene nieder, indem er ausrief: »Ach, Vater Luis! vergebt doch ja, und auch der gute Vater über dem Himmel vergebe mir! Ich habe gesündigt; ich habe im Zorne meine Nachbarin, die gute Cordula, verwünscht, und Unkraut in ihren Acker geflucht. Ich bekenne meinen Fehltritt und will ihn nie wieder thun!«
»Recht, Francisco,« versetzte der Pfarrer; »du hast die Liebe des Nächsten und Gottes Langmuth und Fürsicht beleidigt, ein schweres Vergehen. Laß sehen, ob Cordula die Pflichten einer wahren Christin besser versteht. Tritt hervor, du beleidigte Nachbarin des reuigen Francisco, und sage, was, nach deinem Wunsche, dem Beleidiger geschehen soll?«
Cordula hatte Thränen im Auge und antwortete, ohne sich zu besinnen: »Thut ihm nichts zu Leide, lieber Vater. Ich vergebe ihm von Herzen!«
Der Pfarrer sah sich vergnügt im Kreise um, nickte der Rednerin Beifall, berührte dann das Haupt des Reuigen und sagte sehr sanft: »Hast du's gehört, Francisco? So geh denn um Ihretwillen straflos hin in deine Hütte, faste heute, und schäme dich, damit du morgen ein anderer Mensch seist!« Der Getadelte küßte inbrünstig des Pfarrers Hand, und entfernte sich mit gebeugtem Haupte und zufriedenem Herzen.
»Seht Ihr?« fuhr der Geistliche freudig zu dem lauschenden Volke fort: »seht Ihr, wie viel es werth ist, daß Ihr den wahren Gott und Heiland erkennen lerntet? Was ehedem unter Euch nur die Schleuder oder der rachsüchtige Pfeil entschied, schlichtet nun ein Wort des Friedens. So kommt denn heran, Ihr Fleißigen, Ihr Milden, Ihr Müden! Esset von dem Brode, das der Herr unter Euern Händen wachsen läßt; von dem nährenden Fleische, und trinket den Trank der Gesundheit, damit Ihr den Herrn noch lange preiset und lobet!«
Nun setzte sich die Menge in Bewegung, schritt in Doppelpaaren an dem Pfarrer vorüber, empfing aus der Wage seiner Begleiter, Familie für Familie, Fleisch, Mais und die ersehnte Unze Thee; dann sprach der Geistliche den Segen; das Volk antwortete mit einem melodischen Kirchenliede, und zerstreute sich in seine stillen Hütten, um das Mahl zu bereiten, und auf der bequemen Ochsenhaut die Mühen des Tages und das herannahende Gewitter zu vergessen.
Der Pfarrer beschäftigte sich noch eine Weile damit, dem Regidor und dem Alkalden der Mission die Arbeiten und Verhaltungsregeln für den nächsten Tag aufzugeben, und zog sich sodann in den Hof seines Hauses zurück. Das mannigfaltige Federvieh, das diesen Hof belebte, hatte sich vordem in der Ferne brausenden Gewitter in die Ställe geflüchtet. Der zahme Straußvogel des Pfarrhauses allein ging stolz und aufgerichteten Hauptes mit gewöhnlicher Gravität auf dem zierlich gestampften Platze umher, und lüftete die Flügel dem streichenden Luftzuge entgegen. Der Pater streichelte seine wehenden Federn, und sagte lachend zu ihm: »Du mein guter Freund und Haustrabant! kannst du mir nicht verrathen, wo dein Spielgefährte ist, der heute so undankbar mein Haus verließ?«
Der Vogel schien altklug die langen Augenbraunen in die Höhe zu ziehen; da erklang von Ferne ein silberner Glöckchenton. Ein leichter Trab, dem ein schwererer folgte, kam jenseits der Rohrwand, die den Hof umgab, heran. Ein schlanker Rehkopf sah über die Wand: die Thüre in derselben sprang unter der Pfote des Thieres auf; es trabte freudig hindurch, mit schellenden Halsbandglocken, und kauerte sich zu des Pfarrers Füßen, als ob es seines Ungehorsams wegen Vergebung betteln wollte. Der Pater, angenehm überrascht, bückte sich, den schmalen, graurothen Hals zu streicheln, als auch ein Pferd mit einer hübschen Reiterin durch's Thor stürmte. »Ines! Ines!« rief der Pfarrer, gutmüthig verweisend und mit dem Finger drohend. Ines sprang jedoch, leicht wie eine Feder, von dem Pferde, und jagte es mit einem Schlage ihrer Gerte wieder in's Freie zurück. Lauf, du wilder Negro! — rief sie, ein wenig athemlos, indem sie die Thüre zuwarf, und mit dem hölzernen Riegel verschloß: »du hast deine Schuldigkeit gethan. Suche den Weg nach deiner Weide, ehe der Blitz kömmt!« Dann näherte sie sich etwas schüchtern dem Geistlichen, senkte den Kopf und fragte freundlich: »Habe ich dir Angst gemacht, lieber Vater? Ich mußte dir ja den Liebling wieder bringen. Das leichtsinnige Thier, verspielt und possenhaft wie es ist, hatte sich gewiß schäckernd von der Rinderheerde entfernt und in den Wald verlaufen. Es dauerte lange, bis das faule Reh, im Schatten rastend, meinen Ruf und ich seine Schellen vernahm. Ich meinte fast, ein Tiger hätte sich seiner bemächtigt. Doch endlich, die Jungfrau sei gelobt, kann ich dir's wiederbringen, Vater Luis!«
»Und gehst von Hause, ohne zu sagen wohin?« versetzte der Pfarrer gekränkt: »und setzest dich selbst, in Waldschluchten dringend, dem Tiger, durch stille Wasser reitend, dem Krokodil aus, du böses, unbesonnenes Kind? Glaubst du vielleicht, ich sei dem Rehe in höherem Grade gut, als dir? Habe ich dich nicht von zarten Kindesbeinen an gepflegt und gewartet? habe ich dich nicht getauft, und somit zum zweiten Male und edler geboren, als deine Mutter es gethan?«
Ines ergriff schmeichelnd des Pfarrers Hand und küßte sie. Er dankte ihr nun für den Liebesdienst und fügte bei: »Ich habe verziehen! Sieh' zu, wie du mit dem grämlichen Strutto, dem Dragonervogel fertig wirst, der heute die neckende Spielgefährtin sehr verdrüßlich vermißte.«
Ines klopfte schäckernd die Brust des großen Vogels und sagte hierauf: »Ich will's einbringen, guter Bursche. Schlüpfe indessen nur in die Scheuer. Die Wolken kommen wild und schwarz über die Parana her, und die fernen Berge hängen voll Nebel. Fort, Gejenk!«[1]
Der Strauß trabte ruhig nach der Scheune, die hinter ihm verriegelt wurde. Das Reh folgte dem Herrn in die Hausflur. Ines zog die Laden an den Fenstern zu, und sagte indessen, bedächtig innehaltend: »Wenn nur der Fremde noch ankömmt, bevor das Wetter losbricht. Es wird einen fürchterlichen Sturm geben.«
»Welcher Fremde, Ines?«
Das Mädchen lächelte verlegen. »Es scheint mir kaum ein Spanier zu sein,« sagte es alsdann, und seine bräunliche Wange röthete sich merklich; »er spricht nicht so gut spanisch wie wir. Ich begegnete ihm draußen an den Tabaksfeldern; ich holte ihn nämlich ein, im Heimkehren begriffen. Der arme junge Mann saß traurig bei seinem Pferde, das im Niederstürzen sich den Fuß verstaucht hatte. Freilich war der Herr unklug genug, daß er nicht, wie unsere Leute, einige Pferde auffing oder mit sich nahm; indessen hatte ich doch Mitleid, und wahrlich — hätte ich nicht dem schnellen Reh zu folgen gehabt, mein eigen Pferd hätte ich dem jungen hübschen Herrn abgetreten. Er fragte, ob er nach Santa Dominica komme, wenn er weiter ginge, und ich bejahte es, und wies ihn an die Ochsenfänger, die sich in weiter Ferne und im Staube sehen ließen. Sie werden ihn wohl auf ein Pferd genommen haben, und mit ihm auf dem Wege sein. Eilen sie jedoch nicht, so ist der Sturm viel schneller als sie.«
Ein dunkelrother Strahl, der aus den Wolken fuhr, und von einem grellen Wetterschlage begleitet wurde, bekräftigte die Furcht der Indianerin. Aber zu gleicher Zeit ließ sich aus der Ferne, vom Eingang der Mission kommend, das Geschrei und Getümmel der heimkehrenden Horde vernehmen, die in den Savannen gewesen war, um Ochsen zu fangen, zu schlachten, zu häuten.
»Sie kommen!« rief Ines, zufrieden gestellt, und ging nach der Hausthüre, durch die Ritze zu lauschen.
»Hätte ich doch beinahe meines Gastes vergessen!« sagte inzwischen der Pfarrer zu sich selbst, mit einem ungeheuchelten Vorwurfe: »wie zerstreut doch das Alter macht! absonderlich, wenn man sich eines wiedergefundenen Kindes, und dessen Geschwätzes erfreut!« Er trat an die kleine Stiege und rief hinan: »Pater Xaver! Pater Xaver! nicht zu Hause?«
Keine Antwort. Der Pfarrer warf geschäftig seinen Regenmantel über, stülpte den Rohrhut mit den beiden wasserdichten Krempen auf, und schritt, so schnell es anging, nach dem kleinen Gärtchen vor, das zwischen Hof und Ackerfeld gelegen, den Hintertheil des Gebäudes begränzte. Unter dem Stamme einer mächtigen Algarova[2]ruhte der Gesuchte; vor sich hinstarrend in die Sturm brauende Luft; horchend auf das Wellenschlagen der unfern strömenden Parana, versunken in den Anblick der zum Schrecken sich rüstenden Natur, ohne vor ihr zu zittern; fühllosen Körpers, unbewußten Geistes. — Die Stimme des Pfarrers rief ihn zum klaren Bewußtsein zurück. Er sah sich um und fragte: »Was wollen Sie, mein Freund?«
»Was wollen denn Sie beginnen? frage ich;« versetzte Luis. »Der Wind beugt schon um und um die Palmen nieder, und Sie wollen ihm trotzen? Kommen Sie in's Haus. Beunruhigen Sie mich nicht.«
Der Gedankenvolle stand mechanisch auf. »Ich gehorche,« sagte er, »ob es mir gleich lieber wäre, von dem Wetterwinde in die Haide, wo der Tiger streift, oder in die Wellen des Stroms getragen zu werden.«
»Welche Reden für einen Christen und einen Geistlichen!« verwies ihm Pater Luis sanft und ernst: »lassen Sie Ihren Beichtvater dergleichen nicht zum zweitenmale hören!«
»Ich redete ehedem, wie Sie, mein Vater!« antwortete der Gast, »aber seit acht Tagen hat sich so Vieles anders gemacht ...«
»Gottes Schickung!« tröstete der Pfarrer; »halten Sie darauf, Pater Xaver, und kommen Sie herein. Ihre Miethreiter kommen zurück, undnach ihrem Geschrei zu urtheilen, muß der Fang beträchtlich gewesen sein: wir wollen die Häute im Magazine unterbringen.«
Die Aussicht auf das Geschäft war dem trüben Gaste willkommen. Die Pforten des Lagerhauses, dieser Vorrathskammer für die ganze Niederlassung, wurden aufgeriegelt. Die heimkommenden Indianer sprengten in bunter Reihe heran, warfen ihre Ladung von Fellen zum Boden nieder, und rannten von dannen, dem Gewitter zu entkommen. Auf so unordentliche Weise war die Beute bald niedergelegt, und Pater Xaver stand berechnend zusammen mit dem Anführer der Expedition in die Savannen, als noch ein Nachzüglertrupp von Reitern kam, deren Pferde schwer bepackt waren, und von welchen einer zweimännisch auf dem Gaule saß. Die wilden Jäger warfen sich erst unter Dach und Fach von den Thieren, denn draußen fiel der Regen dicht; und der Hintermann des Doppelreiters stürzte mit Jubelgeschrei an Xavers Brust. Dieser konnte sich des Andrangs nicht erwehren; doch eben so wenig den in einen verstellenden Indiermantel von Palmblätterzeug Gewickelten alsobald erkennen; bis dieser den Mantel fallen ließ, die Haare aus dem Gesichte strich, und dem Ueberraschten den Ausruf entpreßte: »James! James! wie kömmstduhieher? Welch' ein Gottesengel führt dich in meine Verbannung?«
James weinte einen Strom von Thränen an des Pflegevaters Halse, und konnte nicht sprechen, nur schluchzen, nur seufzen, nur hellauf weinen, bis Pater Luis beide bei den Händen ergriff, und nach dem Innern des Hauses führte. — »Euer Gefühl ist für die Neugierde der Stierschlächter zu gut!« sprach er; »weint und sprecht Euchhieraus, meine Freunde, denn die Einsamkeit ist sowohl für die, die da klagen, als für die, die sich im Herzen freuen!«
Er verließ, bescheiden und schweigend, die eng Umarmten. Sie vergaßen des brüllenden Donners, des tobenden Regens, des bebenden Hauses, das unter Sturmesgewalt zu weichen drohte. Münzner konnte sich am Gesichte seines Pflegesohns nicht satt sehen, und tausendmal wiederholte er die einfachen Worte: »Du hier, mein Sohn! Du hier, guter James!« ehe es ihm einmal einfiel, nach der Art und Weise, wie Alles sich zugetragen, zu fragen. Endlich geschah es doch. —
James erwiderte: »Da Sie geschieden waren, konnte ich dem Superior nicht folgen. Ichkonntees nicht. Ich rettete jedoch den Senator.«
»Ich weiß, mein Sohn. Die That war brav und würdig. Aber, was du ihr geopfert, ... das zerriß mein Herz, da ich's erfuhr!«
»Gott führt uns auf allen Wegen,« versetzte James; »nur auf diese Weise konnte mir's gelingen, Justine aus Angst und Gefahr zu erretten.«
»Du hast's gethan?« fragte Münzner überrascht; »das ist mehr, als ich gehofft. Ich glaubte sie unter Protestanten auf ewig und auf immer verloren!«
»Nicht doch, mein Vater!« fuhr James fort, und erzählte von Justinens Abenteuern auf dem Thurme, von ihrem zufälligen Wiederfinden, von dem Entschlusse, sie von der Gefahr, die ihr die Lainez und der Thürmer bereiteten, zu befreien. »Ich liebte das Mädchen,« sagte er mit schwärmerischem und wehmüthigem Feuer; »ich glaubte damals, von Justine geliebt zu sein. Mit welchem Auge konnte ich ihre Lage ansehen? sie in des Superiors Händen? sie in einem Kloster? während ich in meiner Unbesonnenheit den Augenblick schon nahe träumte, wo ich als geachteter Offizier um ihre Hand würde werben können? ich trug erst seit zwei Tagen die Uniform des Gemeinen; meine Einbildungskraft war Jahrzehende vorausgeeilt, und ich wolltelieber diefreieJustine fern von mir, in einem andern Welttheile wissen, als auf ewig gefesselt in meiner Nähe. Ich ging an's Werk. Ich sann. Aber, die Möglichkeit? ich hatte nicht Freunde, nicht Bekannte. Die Uniform schützte mich nur, daß man nicht in mir die rechte Hand des Doctors Leupold entdeckte, über dessen wahren Beruf man auf's Reine gekommen war. Ich durfte mich nirgends bloß geben. Ich hatte kein Geld, den Hebel aller Dinge. Je zuversichtlicher ich an meinen Plan gegangen war, je niedergeschlagener wurde ich, da endlich die Unzulänglichkeit meiner Kräfte sich mir nicht verhehlen konnte. Indessen hatte ich mein Wort gegeben, und mehr als das Wort fesselte mich die Leidenschaft. Ich gerieth auf den abenteuerlichsten Gedanken. Der Werbcapitän war am vorigen Tage angekommen; ein Franzose, leicht und gefällig im Benehmen; ein feiner Mann, der unter den Neuangeworbenen gerademichzu seinem Bedienten wählte, weil er in mir eine bessere Bildung entdeckte, — weil ich ihm gefiel. Ich weiß nicht, wie es kam, — aber ... ich glaubte in dem Betragen des Mannes eine gewisse Ritterlichkeit zu verspüren; ich faßte mir ein Herz; ich sprach mit ihm ungefähr so, wie in Balladen und Romanen der dienstfertige Zwerg zum Paladin redet, den er zur Rettung einer im Thurme des Riesen gefangenen Dame aufzufordern gedenkt. Zum Glück fand auch der Capitän die Sache artig und seltsam genug. Ein niedliches Mädchen befreien, dessen Rettung ich ganzseinerMacht und Großmuth anheimstellte, — das reizte ihn. Er ahnte nicht den Zusammenhang, den mein Herz mit der Geschichte hatte. Er sah vielleicht ein galantes Abenteuer in der Ferne. Mir alles gleichviel, weil er nur zusagte. Litzach brachte die Botschaft auf den Thurm. Wir warteten um die zehnte Stunde der Nacht unfern des Thurms, mit Wagen und Pferd. Ein ärgerliches Zwischenspiel hätte uns beinahe alles verdorben. Das Unglück will, daß in derselben Nacht ein Ohrenbläser dem Bürgermeister die Anzeige macht, daß auch Pahlens zu der entlarvten Sekte gehört. Es wird Wache abgeschickt, den Thürmer einzuziehen und nachzusuchen, ob er nicht Freunde auf dem Thurme verborgen. Das Unglück will, daß Justine, ihrer List und dem günstigen Augenblicke vertrauend, vom Thurme herniedersteigend, beinahe in die Hände der Wächter fällt. Ihr guter Geist bedeckt sie indessen schützend mit seinen Flügeln, wie auch die Lainez, die noch Zeit findet, sich oben zu verbergen, und der oberflächlichen Nachsuchung der Soldaten zu entgehen. — Pahlens wird fortgeschleppt; der sogenannte Zehnerwächter bleibt an seiner Statt im Thurme; verschließt alles sorgfältig, steigt in die Höhe, und indem sein Laternchen immer schwächer durch die Fenster des Thurmes strahlt, verglimmt in uns Harrenden auch jede Hoffnung, unsere schöne Schutzbefohlene zu retten. Es war indessen anders beschlossen. Die Lainez, in ihrem Versteck beinahe verzweifelnd, sich allein und verlassen sehend, von der Morgenröthe ihr Verderben fürchtend, faßt einen kecken Entschluß, der Französin würdig. Behutsam wagte sie sich in der dunkeln Nacht an das Zimmer des Thürmers. Der Wächter, das Branntweinglas vor sich, wendet halb trunken und nickend der Thüre seinen Rücken, und spielt mit dem Hunde. Der Schlüssel des Thurmes liegt auf dem Tische. Auf dem Trompetergänglein an der Plateforme steht das Laternchen brennend, zum Elfergang gerichtet. Wie ein Schatten schwebt die Lainez durch die halb offene Zimmerthüre. Der Hund knurrt; sein Herr giebt ihm Schläge, denkt aber nicht daran, sich umzusehen. In einem Augenblicke nimmt die muthige Frau den Schlüssel leise weg, entflieht so stille, als sie kann, ergreift die Laterne, und eilt wie ein Wirbelwind über die Treppen. Auf der Hälfte des Weges schreckt sie ein Geräusch. Unterdrückte Seufzer — leise Klagen dringen aus dem Gange zur Glockenstube an ihr Ohr. — Entschlossen stößtsie die Thüre auf. Justine richtet sich eben hinter derselben aus einer Ohnmacht auf. Lainez fühlt das heftigste Mitleid für die Geisterbleiche. Ohne Rath, ohne Hülfe, ohne Aufsicht, nur dem Augenblicke und dem Triebe nach Freiheit gehorchend, unterstützt sie die Ermattete, führt sie schnell hinab ... die Thüre klingt ... öffnet sich ... Justine stürzt ins Freie, die Lainez folgt, sperrt wieder vorsichtig die Pforte, und der Wagen rollt, da wir weiße Gewänder durch die Finsterniß sahen, geschwinde herbei. — »Das sindzweiDamen?« flüstert mir der Capitän zu; ich hatte aber nur Augen für Justine, die sich, wie ein Kind, vertraulich auf meine Schulter stützte, als ich sie in den Wagen hob. Die Lainez, unwissend und über diese Vorbereitungen verwundert, folgte nicht minder. Der Capitän bedeckte die schönen Flüchtigen mit seinem weichen Mantel, befahl dem Reiter auf dem Bocke, scharf zu fahren, und behielt mich neben sich auf dem Rücksitze. — »Du begleitest mich zur ersten Station,« sagte er: »von dort kehrst du mit dem Wagen zurück, und ich bringe die Damen noch eine Strecke weiter, erwarte dich mit meinem Pferde. Ich werde dir Nachricht hinterlassen.« — Nun fühlte ich erst die Schwere der Subordination. Es galt aber Justine, und ich schwieg geduldig. Ohne Aufenthalt gelangten wir unterm Schutze des Capitäns durch das Thor, und fuhren stracklich weg. Die Damen schliefen oder stellten sich schlafend. Wir sprachen nur abgerissene Worte. Noch war der Tag nicht angebrochen, als wir hielten. Ein elendes Wirthshaus nahm uns auf. Hier sollte gefrühstückt werden. Hier löste sich Alles. Die Lampe des Wirths beleuchtete unsere Züge. — »Alle Donner!« rief der Capitän: »ist das nicht Madame Lainez? wie kommen Sie hierher, meine Schöne?« — die Lainez glaubte, in die Erde sinken zu müssen. — »Das Abenteuer nimmt eine üble Wendung,« sagte der Capitän hierauf halb lachend, halb bitter zu mir: »die Eine (Justine), die mir gefällt, wird von dir mit verliebten und argwöhnischen Blicken gehütet, und die Andere ... bei'm heiligen Georg! 's ist meine Frau!«
Die Lainez weinte heiße Thränen. Justine staunte; ich nicht minder.
»Ei, Madame!« fuhr der Capitän fort; »wie erging es Ihnen, seit wir uns trennten? und erinnerten Sie sich nicht, daß wir uns heilig zusagten, uns nie wieder zu sehen? Ich gestehe, daß nur der Zufall diese Rencontre herbeigeführt, aber es ist doch ein verdrüßlicher Zufall. Mußte mich ein Duell aus Frankreich verjagen, und unter meinem Cadetnamen in fremden Diensten nach Deutschland führen, damit ich Sie, meine Charmante, wiederfände? Genug, keinen Augenblick mehr mit Ihnen!« — Er sprang empor, — ich hielt ihn auf. Was soll aus den Frauen werden? fragte ich für Justine besorgt. — Sollen wir sie ohne Schutz, ohne Führer hier auf der Straße nach Amsterdam lassen? Vollenden Sie Ihr Werk, Herr Capitän, wie ein ächter Edelmann. — Eben deshalb! antwortete er frivol. Ich habe mein heiligstes Wort verpfändet, nie mehr mit dieser Dame, die einst die Meinige war, zusammen zu weilen; nicht eine Stunde, nicht eine Viertelstunde, und ein Edelmann hält sein Wort. Darum, — wenn Mademoiselle sich mir nicht allein anvertrauen, und das intriguante Weib hier ihrem guten Glücke überlassen will, so lasse ich die Parthie unbeendigt. — Justine weigerte sich nun auf's Heftigste, die Lainez zu verlassen, diesiein ihrer Ohnmacht nicht verlassen hatte; weigerte sich, mit dem Capitän die Reise fortzusetzen. —
Pardieu! sagte endlich der leichtsinnige Franzose, dem es in seiner Gattin Nähe sehr bange und unfriedlich zu werden schien: so weiß ich kein Mittel, als Ihnen, meine Schöne, einen geliebtern Stellvertreter beizugesellen. Monsieur Leblanc« — wendete sich mit scherzender Liebenswürdigkeit zumir — »Sie sind ein Galant homme, der in den groben Rock nicht paßt. Kraft der Gewalt, die ich in meinem Depot ausübe, schenke ich Ihnen die Freiheit, und werde Ihre Ranzion gegen meinen Fürsten bestreiten. Vollenden Sie dafür meine Ritterpflicht gegen Mademoiselle. Ihre Herzen stimmen überein, und mein Auge hatte mich nicht getäuscht. Führen Sie jedoch nicht minder Madame Lainez recht weit, in Regionen hinweg, wo sie recht glücklich sei; so unaussprechlich glücklich, daß es ihr nie wieder einfalle, heimzukehren, und ihren Gatten so empfindlich zu erschrecken. — Meinen Dank, so wie dem Jammer, den die Lainez anhob, zu entweichen, warf er sich in den Wagen, und ließ mir eine Börse zur Fortsetzung der Reise zurück, die ich nur annahm, weil ich Justine von jedem Hülfsmittel entblößt, und den Senator zu Amsterdam glaubte. Dieser würde unfehlbar die Ehrenschuld sogleich getilgt haben! — Aber ... nun weiter. — Was übrig bleibt, ist wenig. — Wir setzten die Reise mit Eilpferden fort. Justine verklärte sich in der Hoffnung, den geliebten Vater wieder zu umarmen. Die Lainez weinte in einer Stunde eine Sündfluth, trocknete sie in der andern; verwünschte in der dritten ihren Mann und seine Unverträglichkeit, lachte in der vierten herzlich über die unvermuthete Ueberraschung, und schwor endlich, leichtsinnig und vogelfrei gegeben, Justine nicht zu verlassen, bis der Senator gefunden sei. Justine hegte ein stilles Mißtrauen gegen mich, das mich bekränkte, denn nie war ich redlicher ergeben, als gerade jetzt. — Wir gelangten nach Amsterdam. Nicht Sie, nicht der Senator waren mehr zugegen. Das Schiff des Tormerpick hatte Sie schon hinweggetragen. Van den Höcken gab mir den lakonischen Brief des Senators, in dem es nur hieß: zu Assumcion in Paraguay erwartet der Vater seine Tochter! Diese neun Worte belebten Justine mit dem erstaunlichen Muth, der sowohl die Lainez als mich dem Mädchen dienstbar und unbedingt gehorsam machte. Wir betrieben unsere Abreise. Wir bestiegen das Schiff, wir befuhren die Meere. Aber je klarer die Seeunteruns, je heiterer über uns der Himmel wurde, je trüber wurde meine Seele. Der Amerikaner hat mich getäuscht; meine Leidenschaft hat mich getäuscht; alle Hoffnungen der Sehnsucht haben mich betrogen. Justine ...liebtmich nicht. Sie trägt mein Bild nicht in ihrem Herzen, nicht an ihrem Halse. Mein Leben ist verloren. Ich habe mich dem edeln Geschöpfe unwürdig, falsch gezeigt; ich fühle es: sie kann mir nicht vergeben, kann mich nur dulden, nicht achten, nicht lieben. Nichts mehr davon: das sei todt und ab. Ich habe mich ausgeweint, stand ich in verschleierter Nacht auf dem Verdeck des Schiffs, wo mich die Wache duldete. Ich habe den flammenden Sternen mein Leid geklagt! ich habe es den ziehenden Wolken mitgegeben, und in mancher Nacht, wann der gespenstige Holländer auf seinem Nebelschiff durch die graupige Luft sauste, daß den abergläubischen Matrosen das Haar zu Berge stand, einen härtern Kampf gekämpft, als jenes Luftgespenst mit seinen weißen Wolken.