'S ist nun vorüber, und ich will Ihnen nur kurz erzählen, daß wir auf der Rhede zu Buenos-Ayres Anker warfen, daß wir den mächtigen Silber- und Paraguayfluß heraufschifften, und unfern von Dios Padre mit einigen Geistlichen und ihrem Gefolge zusammentrafen, die sich ebenfalls den Fluß herauf begaben. Der Eine von ihnen ist ein vornehmer Geistlicher Ihres Ordens aus Cordova; der Andere Rector des Collegiums zu Assumcion. Sie gesellten sich zu uns; ihre Ruderer sind zahlreicher als die unserigen, geschickter und gehorsamer. Sie erfuhren unsere Namen bald, und der Rector erzählte hierauf von Ihnen und dem Senator, daß Sie beide nach der Doctrina Santa Dominica abgegangen; Sie, um eine Handelslieferung zu bewerkstelligen; der Senator, um seine angegriffeneGesundheit wieder herzustellen. Diese Nachricht beunruhigte Justine, und verdoppelte ihre Begierde, schneller fortzukommen, den Vater eher zu sehen. Der Zufall will, daß die Väter Jesuiten ebenfalls hierher ihre Reise richten. Wir blieben daher auf der Parana auch beisammen, und ich flog auf einem raschen Pferde voraus, unsere Ankunft anzusagen, und den Senator vorzubereiten, damit die unvermuthete Freude seiner geschwächten Gesundheit nicht schade. Morgen, spätestens zu Mittage kommen die Freunde nach, um die Gastfreundschaft von Santa Dominica anzusprechen.« —
»Ich heiße sie im Voraus, und im Namen meines freundlichen Wirths, willkommen,« sagte Münzner mit niedergeschlagenen Augen und zögerndem Tone: »Nur Schade, daß gerade in diesem, so fröhlichen Augenblicke, der gute Senator nicht zugegen sein kann.«
»Nicht, mein Vater? Wo ist er?«
»Er hat einen Streifgang in das Land gemacht,« fuhr der Jesuit wie oben fort: »wir erwarten ihn bald zurück, und dann ...«
»Einen Gang in das Land, mein Vater? ein kranker Mann? wie konnte er's wagen?...«
»Tief im Lande träufelt aus einem Baume, den sie Anguay nennen, ein köstlicher Balsam, der an der schwächsten Brust Wunder thun soll. Dieser Balsam muß zur jetzigen Jahreszeit gewonnen, und sogleich an Ort und Stelle gereinigt und gebraucht werden. Dies Heilmittel aufzusuchen, entfernte sich der Senator.«
»Und Sie begleiteten ihn nicht, mein Vater?.... Verhehlen Sie mir auch nichts? —«
»Ich belüge dich nicht,« erwiderte Münzner scharf und ungeduldig, sich von ihm wendend; dann trat er besänftigter zu dem Jüngling, reichte ihm die Hand, und sagte: »laß uns von etwas Anderem reden, von etwas Erfreulicherm; von deiner Ankunft, und immer wieder von deiner Ankunft. Sieh, hier zu Lande fließt das Blut selbst in den Adern alter Leute rascher, als drüben. Man braust leicht auf: man liebt aber wärmer, man freut sich lebendiger. Wirst du denn meine Freude vervollständigen? Wirst duhierdas Gelübde erfüllen, das dich in Europa anwiderte? Thu es hier! hier hast du die schönsten Werke der Gesellschaft vor Augen.«
»Muß denn diese Frage in der ersten Stunde meines Empfangs aus Ihrem Munde gehen?« fragte James sanft aber gekränkt.
»Ich schweige!« versetzte Münzner mit einem Seufzer: »Wohl dir jedoch, mein Sohn, wenn nurmeinMund ferner diese Frage an dich richtet. Doch, sieh!« fügte er hinzu: »Die Luft ist wieder hell geworden. In diesen gelobten Ländern reinigt das wohlthätige Gewitter in kurzer Zeit den Luftkreis. Der Abend ist wieder still und herrlich, und gewürzig duften alle Blumen und Büsche um uns her. Werde auch du ruhig, mein Sohn. Ich gehe, unsern ehrwürdigen Wirth auf den Besuch vorzubereiten, der ihm werden soll. Wir erwarten dich in dem kühlen Vorplatze.«
Münzner entfernte sich. James lehnte sich an eine Fensterlucke, sah in den Hof. Der Empfang im Pfarrhause schien ihm räthselhaft; sein Wohlthäter um vieles verändert. Nicht die Züge allein, — die in zehn Monden um so viel Jahre älter geworden waren — was eine Folge der Himmelstrichsveränderung sein konnte,.... seinWesenwar anders geworden. Nicht mehr jene ruhige Bestimmtheit, jenes klare Streben, jener einfache Gleichmuth, — Eigenschaften, die ihn vor vielen ausgezeichnet hatten ... eine trübe Strenge, ein tiefsinniges Brüten lag auf Stirne und Schulter des Mannes, daß die Erstere sich faltete, wie im Kummer, — daß die Letztere sich beugte, wie im Joch. James sah auf zu dem Himmel, der ein anderer und dennoch derselbe war, wie der, unter dem er geboren; er sah auf Häuser und Felder, die so ganz verschieden von den europäischen waren, und doch eben nicht anders als diese; und mitten unter diesen fremdartigen und doch bekannten Dingen und Gegenständen kam er sich so einsam, so fremd, so unbekannt vor; ... so verlassen! — Schon flirrte die Dämmerung, früh einbrechend, um ihn. Ein schlankes Mädchen in der einfachen reizvollen Tracht jenes Landes schritt durch den Hof, nach dem Lusthäuschen im Garten, das, sich an den Johannisbrodbaum und die nachbarlichen Wachspalmen lehnend, aus engen, gegen Fliegenbesuch schützenden Gittern von Rohr erbaut, ein erquickendes Plätzchen in der Kühle gewährte. Der Tisch wurde darinnen zum Thee bereitet, und James, der lieblichen Gestalt folgend, die mit einer wohlverwahrten Glaslampe zuletzt nach der Laube ging, überraschte sie bei der Vollendung ihres Geschäfts.
»Ach, sieh doch!« sagte er, »meine schöne Helferin! Kennst du mich noch, mein Kind? Dein Wort gab mir Trost, als ich rathlos am Wege saß!...«
»Gott hilft immer!« versetzte das Mädchen, ihn mit kindlicher Ruhe betrachtend.
»Durch seine Engel!« fügte James seufzend hinzu, und setzte bei: »die herrliche Blüthe, die deine Brust schmückt, wie nennt man sie?«
»Die goldne Mondblüthe!« antwortete das Mädchen, und reichte sie ihm unbefangen hin: »wollt Ihr sie, Herr?«
James nahm die Blüthe zögernd. »Du giebst einen schönen Schmuck weg, mein Kind, der dich besser ziert, als selbst das glänzendgelbe Glaskorallenband um deinen Hals.«
»Das ist nicht Glas, Herr!« versetzte das Mädchen ernsthaft und unterrichtend: »das ist der Balsam, der aus einem Baume fließt, weit, weit von hier, den ich aber nicht zu nennen weiß.«
»Wolltest du mir wohldeinenNamen sagen?« fragte James weiter.
»Warum nicht, Herr? Ich heiße Ines. So bin ich getauft, und Vater Luis hat mich selbst getauft, damit ich zum lieben Herrn im Himmel komme.«
»Du Unschuldige! Wie alt bist du, gute Ines?«
»Seit ich hier bin, hat die Algarova zwölf Mal geblüht, und im Walde erinnere ich mich, sie drei Mal in der Blume gesehen zu haben.«
»Im Walde, Kind?«
»Ich bin darin geboren, Herr, ein wildes Kind, von Wilden.«
»Ja, wild bist du, meine Ines. Wie du auf dem schnaubenden Pferde dahersprengtest, und an mir vorüberjagtest; ... mir bangte für dich.«
Ines lachte. »Seid ruhig,« sagte sie, »ich halte mich fest, und das Pferd, das eine Mähne trägt, wirft mich nicht ab. Meine Landsleute sind für's Pferd geboren.«
»Deine Landsleute?«
»Ja; die Abiponer, Herr! Der Vater setzte mich stets vorn auf seines Thieres Hals, und auch die Mutter saß zu Pferde. Ich entsinne mich dessen noch gar wohl. Wie ich von meinem Volke kam, ist mir viel dunkler geblieben. Ich schlief, Herr. Neben der Mutter schlief ich auf der Matte, und es war alles Nacht und dunkel um uns her, als wir uns niederlegten. Es waren viele Leute und viele Pferde, die um uns her im Kreise standen, und die Feuer ließ man ausgehen, weil die Sterne so herrlich am Himmel glitzerten. Das weiß ich noch gar gut; denn nimmer habe ich seither einen so großen, weitgespannten Himmel gesehen, wie dazumal. Wir schliefen also, und mit einem Male donnerte es, daß ich hell aufwachte. Ich sahrecht Vieles um mich her: Feuer und Dampf; Blitze und Reiter. Die Mutter war auch zu Pferde, und ich hing an einem Sacke von Fellen an ihrem Sattel hernieder. Das Pferd rannte fort, und plötzlich ... wachte ich wieder auf, und sah nicht mehr das Pferd, und nicht mehr die Mutter, sondern ich lag in einem kleinen grünen Walde, wie in einem Korbe, und die feinen Spitzen des Waldes gingen hoch über mir, wie ein lichtes Dach, zusammen. Die Sonne schien sanft und gelb hindurch, und ein leichter Wind bewegte das Dach, daß es sich abwechselnd aufschloß, um mir in aller Höhe den blauen Himmel zu zeigen, bald sich wieder zuthat, mich in die grüne Einsamkeit zu versenken. Ich schrie, trotz meinem Behagen, denn die Mutter fehlte mir. Da raschelte es seitwärts neben mir, und durch die Halmen des Waldes streckte sich ein neugieriger beweglicher Kopf von einem wunderschönen Thiere, gefleckt, gestreift, in allen Farben glänzend, und ich wußte damals nicht, daß eine böse Schlange mich ansah, und streckte ihr spielend die Hände entgegen. Der Kopf zitterte, als ob er zaudernd witterte, immer näher, erreichte mich fast, und fuhr dann plötzlich zurück, mit einem pfeifenden Schrei. Ein großer Schlangenleib warf durch diese Bewegung eine seiner Windungen auf meinen Leib, riß sich indessen schnell und kräftig ins Grüne und verschwand wie ein Pfeil. Dafür kamen andere Gäste lärmend und brüllend einhergejagt, wie ein Sturm, und mit einem Male sah ich über die Spitzen des Waldes ein breites gehörntes Haupt herniederschauen. Ich glaubte die Heerde des Vaters in der Nähe, und schrie so laut, als der Stier brüllte, und — nicht lange, — so stand ein dichter Kreis von solchen Thieren um mich herum, und glotzte mich hülfloses Kind an, das sich an einer Staude emporrichtete, und furchtsam die unbeweglichen Thiere betrachtete. Da fand mich der Ochsenhirte von Rosario, hob mich auf, und brachte mich dem guten Pater Luis, der mein Vater wurde, weil Gott mir die Eltern genommen, damit ich seineigenKind werden sollte. Die arme Mutter muß mich, vielleicht im Schlafe, vom Schooße verloren haben, denn der grüne Wald, von dem ich redete, war nur das hohe Gras der weiten Savanna, und ich wäre dahin gewesen, ohne Gottes Schutz!«
»Armes Mädchen! Mutterlose, arme Waise!«
»Ich bin nicht arm und nicht unglücklich, Herr! Ich habe ja in Don Luis einen Vater gefunden, und in der Kirche steht das Bild meinerhimmlischenMutter, mit Gold und Seide geputzt. Ich bete zu ihm, ich rede mit ihm, und sie redet auch mit mir in meinen Träumen, oder wenn ich das Gesicht auf den Boden lege, und mir die Gedanken ausgehen lasse. Und dieheiligeMutter ist so gnädig, so liebevoll! Sie hat die arme dumme Ines verständig gemacht, ihr Heil zu begreifen; sie hat mich gekleidet, sie gibt mir Speise! Ach, Herr, ich bin nicht arm! Aber meine Mutter im Walde mag's sein, denn sie hat ihre Tochter nicht mehr, und auch keine im Himmel, mit der sie reden kann!«
James schwieg ergriffen, und die fromme Ines ging weg. Ihre Reden klangen in des Jünglings Ohren nach. Unwillkürlich verglich er die Indianerin mit Justine. Beide schön, beide entschlossen und thatkräftig; beide die Unschuld selbst, und dennoch so ganz verschieden! — Der feine Thee schmeckte ihm nicht. Das Gespräch der Jesuiten, das in lateinischer Sprache vor sich ging, behagte ihm nicht. Frühzeitig suchte er seine Matte, frühzeitig verließ er sie wieder. Die zahlreichen Heerden brüllten an der Gasse vorüber. Leute mit Ackergeräthschaften drängten sich auf dem Platze. Ein Zeichen mit der Glocke der Kirche, und die Schreitenden hielten an deren Pforte. Sie wurde aufgethan; Lichter brannten, Weihrauch dampfte; dersilberhaarige Luis begann die Messe. Anstand und Würde von seiner, Andacht von der Zuhörer Seite vereinigten sich, den gewünschten Zweck hervorzubringen. Die Indianer gingen still befriedigt an die Arbeiten des Feldes, um unverdrossen die Stunde zu erwarten, in welcher Gott selbst durch die Hand ihres Vaters ihnen Nahrung spenden würde. —
James wünschte dem aus der Kirche tretenden Pfarrer Glück zu der Ruhe und fleißigen Eintracht in seiner Colonie. Luis lächelte und sagte: »Das findest du in allen unsern Doctrinen, mein Sohn. Friede ist erste Bedingung des Glücks, und Friede halten wir.«
»Diese Leute besitzen jedoch nichts,« wendete der junge Mann ein: »Sie sind in jedem Stücke abhängig.«
»Zu ihrem Besten, Freund,« sagte Luis lebhaft: »eigenes Besitzthum war die Quelle der Habsucht, des Neides, des Diebstahls, des Mordes. Wir kennen diese Dinge kaum von Namen; niemals hat seit meiner Amtführung einer von hier angesiedelten Quaraniern etwas entwendet; niemals endigte sich ein Streit mit Blut. Diese wilden Stämme, durch Ueberredung und Scharfsinn dem Walde, den Bergen und der Flußräuberei entfremdet, müssen wie unmündige Kinder gehalten werden. Freilich wird einst die Zeit kommen, die auch hier die Mündigkeit befiehlt; ich erlebe sie aber nicht mehr.«
»Ihre Gesundheit, mein Vater, wird noch lange der Zeit trotzen.«
»Die Zeit, mein Sohn, ist der Tropfen, der denSteinhöhlt. Gott sei Lob indessen für die Kraft und den Frohsinn, die mich in meine Silberzeit begleitet haben. Weißt du jedoch, woher das kömmt? ich bin im Gemüthe ruhig gewesen mein Lebelang. Ich habe nie hoch hinaus gewollt, nie von Ehrgeiz und Würden geträumt. Ich wundere mich selbst, daß ich Pfarrer geworden bin; ich meinte, höchstens zum Vikar tauglich zu sein. Aber der Pater Provinzial zu Cordova meinte es anders, und Gott hat mir mit dem Amte auch leidlichen Verstand dazu gegeben. So lebe ich denn ruhig und zufrieden hin, ohne Sorge, ohne Plage. Mich kümmert's nicht, was die Herren zu Cordova treiben; ich bin seit vierzig Jahren Bauer geworden, und die Bauern um mich her haben gelernt, mich nicht nur Vater zunennen. In dieser rohen aber guten Kinder Mitte will ich sterben, arm und geliebt: das ist Alles, was ich wünsche. Daher bin ich auch gesund und frisch; frischer als Euer Pflegevater, der um zwanzig Jahre Lebens jünger ist, denn ich. Er trägt Gram auf dem Herzen; ich kenne den Kummer nicht; er hat sein Haus noch nicht bestellt ... ich habe seit vierzig Jahren meine Lampe angezündet. Er ist ein armer Mann, weil er zu Viel weiß, weil er zu Viel zu thun gezwungen,.... weil.... doch ich vergesse, daß ich zu seinem besten Freunde rede, der Alles dieses besser wissen muß, als ein beschränkter Landgeistlicher aus dem Missionlande. Beiläufig nur so viel: deine Weigerung, endlich das Kleid zu nehmen, mein guter fremder Sohn, trägt viel zu Pater Xaver's Betrübniß bei.«
»Mein Vater ...!«
»Stelle dich nicht verwundert,« unterbrach ihn der Pfarrer gutmüthig aber eindringlich: »höre mich an: du hast dich verpfändet; du mußt dich lösen; das ist Eins. Du mußt denjenigen lösen, der aus Menschenfreundlichkeit dein Bürge geworden ist; das ist das Zweite. Du mußt endlich der Welt und dem Herrn dienen; das ist das Dritte, Nothwendigste. Wären wir in Europa, mitten im Gewebe der großen Spinne, um Mückenjäger in ihrem Solde zu werden, — so würde ich die Achseln zucken, meinen Weg gehen, und mich nicht nach dem umsehen, was du beginnst. Aber — hier — in dieser jungen, frischen Welt, wo die äußersten Enden des Gewebeseingreifen, wo sie leichter, feiner sind, hier ist's etwas Anderes. Hier, auf dem Lande, hier können wir nützen. Hier kann die Mannskraft handeln, ein volles frommes Herz glücklich sein. Laßt den Herren zu Assumcion und Cordova ihre Ränke und Regierungssorgen! Wendet Eure Bemühungen auf diese armen Indianer, und handelt nach dem Willen des ewigen Vaters! O, mein guter Jüngling! wenn ich dich hier umherführe, und dir die reinlichen Haushaltungen zeige, in denen man christlich lebt und fleißig ist; die zufriedenen Familien, die weder das nomadische Leben, noch das betäubende Chicagetränk mehr verwüstet; die Väter, die, statt auf dem Pfühl der Trägheit zu ruhen, und dem Weibe Alles aufzubürden, jetzt die Versorger der Ihrigen sein würden, wenn die Gesellschaft nicht für Alle sorgte; die Mütter, die nicht mehr ihre unschuldigen Kinder würgen, um wieder der Leidenschaft zu huldigen, oder sich eine Plage mehr vom Halse zu schaffen; die Kinder selbst endlich, die in Gottesfurcht und Elternliebe emporwachsen, ein sanftes, friedliches, lernbegieriges Geschlecht; — du wirst unser Loos glücklich preisen, und dich schnell demselben Berufe weihen, und schnell das Kleid anlegen, in welchem meine Quaranier mich als ihren Vater verehren; in dem ich mich dann und wann, von der Herrlichkeit meiner Bestimmung übermannt, für einen Strahl der Gottheit halten möchte, wenn es die einem armen Pfarrer anständige Demuth nur zuließe. Sieh um dich! diese Kirche habe ich errichtet, alle diese Hütten habe ich erbaut. Es ist keiner unter vierzig Jahren im Dorfe, den ich nicht getauft, — es liegt keiner in unserer Kirchhoferde, den ich nicht begraben hätte. Wie die Palmen, wie die Tamarinden meines Hofes habe ich sie Alle, die da leben, jung gesehen! Alles ist hier mit mir alt geworden, und für das Generalat in Rom tauschte ich nicht meine geringe Pfarrei, in der ich Melchisedechs Würde trage, und nicht umsonst trage, weil mir das Bewußtsein sagt: dein Leben war nicht faul, nicht vergebens!«
James sah noch horchend und lächelnd in des Greises hell leuchtende Augen, als vom Eingange der Mission sich viel Geräusch hören ließ, und der Alcade mit langen Schritten herbeikam. — »Mein Vater!« sagte er zum Pfarrer: »Der Feldhüter bemerkt auf dem Strome schwere Kähne aufwärts kommen, mit vielen Leuten bemannt. Befehlt, was geschehen soll. Die Leute könnten räuberische Payaqua's oder spanische Abenteurer sein. Soll ich die Glocken läuten, Waffen austheilen? der Regidor ist auf den Aeckern, und ich habe nach ihm geschickt.«
»Das sind unsere Freunde!« rief James, und eilte ohne Aufenthalt dem Strome zu. Die müßigen haushütenden Frauen und Greise und Kinder, die längs dem Ufer hin wohnten, oder Wäsche hielten, oder in der Sonne lagen, versammelten sich am Landungsplatze. Starke Reihen von zahmen Stieren und Pferden zogen die ankommenden Schiffe an tüchtigen Fellriemen und Leinenstricken gegen die Fluthen, und vierzig Ruder peitschten im schnellsten Takt, den Lauf zu verdoppeln den herrlichen Strom. Mehrere riesenhafte Payaquas, bis zum Gürtel im Wasser stehend, mit brennend roth gefärbten Haaren und breiten Schultern, leiteten die aus dem violetten Holze der Algarova gefertigten langen Kähne sorglich an Felsstücken und Sandhügeln vorbei, dem Landungsplatze zu. Der Anblick dieser wilden Leute beunruhigte die am Ufer stehenden Quaranier, doch ein Blick nach den Kähnen selbst beschwichtigte ihre Furcht. Zwei angenehme weiße Frauengesichter sahen zwischen krausen Negerköpfen wie Lilien aus der Nacht hervor, und neben ihnen flatterten schwarze Mäntel der Gesellschaft Jesu;hierwillkommene Boten der Friedlichkeit. — Längs dem Strande zur Mission kehrende guaranische Jägersleute, die den Tapir in den Sumpfwäldern verfolgthatten, feuerten mit gellendem Geschrei, die Väter des Ordens zu empfangen, ihre Gewehre in die Luft ab. Lebhafte Neger antworteten mit den Pistolen und Vogelflinten, die sie an Bord hatten. Die Glocke in der Mission läutete. Von Feldern und Wiesen strömten alle Bewohner zusammen. Pater Luis, sammt Regidor und Alcalde und den ältesten Indianern, erwartete am Ufervorsprung die Ausschiffung der Fremden. Auf den starken Schultern der Payaquas schwebten die Damen über die Fluthen; nach ihnen wurden die geistlichen Herren herübergeschafft. Mit ruhiger Demuth empfing der Pfarrer die Vorgesetzten; mit fröhlichem Jubel James seine Begleiterinnen. Justine sah sich mit glänzenden Augen rund um, und rief: »Ein herrlicher Ort, Monsieur White! wo aber ist mein Vater? ist er so krank, daß ihn die Nachricht von der Ankunft seines Kindes nicht an den Strand zu führen vermag? zu ihm! zu ihm, mein Herr! ich kann nicht eine Viertelstunde länger leben, ohne ihn zu sehen!«
James führte sie, und versuchte, sie auf die Nachricht von der Abwesenheit des Senators vorzubereiten. Die lebhafte Jungfrau hörte indessen nicht auf seine Worte. Vergnügt, und mit strahlendem, Alles umfassendem Blick wendete sie sich im Gehen nach allen Seiten. Das mannigfache Grün der Cedern, der Palmen und Tamarinden, in welchem die gelben Dächer der Colonie lagen, ... bildete eine erquickende Aussicht. Der zarte Rasen des Ufers war ein sanfter Teppich, die Blüthen und Früchte an Hecken und Gelanden schmückten den Weg, und neugierig folgten die Weiber und Kinder, die noch nie an ihrem Wohnorte eine Europäerin gesehen, der lieblichen Gestalt. Justine war größer und voller geworden, ausgeprägter ihr Gesicht, schöner und feuriger ihr Auge, entschlossener ihre Haltung, ausdrucksvoller ihre Geberde; frei und zierlich ihr Gang, wie der der Lainez. Neugierig aber freundlich betrachtete sie das mitziehende Volk, grüßte, lachte mit den Kindern, sprach mit ihnen, erhielt aber von den Nichtverstehenden unverständliche Worte in den Kauf. Endlich war das Pfarrhaus erreicht, endlich stand Justine unter der Thüre desselben. Ihr Herz schlug ängstlich; ihr Mund öffnete sich, den Vater zu rufen. Pater Münzner erschien. Justinens Züge verdunkelten sich! — »Sein Sie willkommen, geehrteste Tochter meines Freundes!« sagte Münzner, der diesen Eindruck wohl bemerkte, »ich wünschte Ihnen im ersten Augenblicke angenehmer zu sein.«
»Das ist nicht möglich, und auch nicht nöthig,« entgegnete Justine ernsthaft und entschieden: »Ihr Anblick, mein Herr! erinnert mich an zu Viel. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier eine Freundin übergebe, die manches um Ihretwillen gelitten hat, und die ich den Verfolgern entriß, obgleich sie, wie Andere auch, ein falsches Spiel mit mir getrieben. Vergelten Sie mir den Dienst mit der einfachen Anweisung, wo ich meinen Vater zu suchen und zu finden habe.«
Münzner schwieg bedeutungsvoll, und James, die ängstlich werdende Tochter zu beruhigen, wollte statt des Pflegevaters das Wort nehmen. Der geräuschvolle Eintritt des Pfarrers mit seinen geistlichen Obern, des Volks, das neugierig ihnen nachdrängte, unterbrach ihn. Zwei Indianer von den Schützen, die so eben wieder heimgekommen waren, machten sich heftig Platz durch die Menge und näherten sich eilfertig dem Pfarrer. »Da! guter Vater Luis!« sagten sie mit getrübter Geberde: »da ist Alles, was wir von deinem Gastfreunde gefunden haben! In dem Lager eines wilden Jagurate[3], den wir erlegten, fanden wir die traurige Beute.« —
Pater Luis starrte die Boten staunend an. Münzner erbleichte heftig,wie auch James. Justine stieß einen gellenden Schrei aus, denn — war ihr gleich die Sprache der Jäger fremd und unbekannt, — sie kannte das Kleid ihres Vaters, das sie blutig und zerfetzt, zu den Füßen des Pfarrers niederlegten. — Mit rollenden Augen schlug das Mädchen die Hände zusammen, und rief mit dem Tone der entsetzlichsten Furcht: »Was ist hier geschehen? was mit meinem armen Vater vorgefallen? Wer Mitleid mit mir hat, verhehle mir nichts. Wer Gefühl in der Brust trägt, verheimliche einer bangenden Tochter nicht das Aergste!«
Todtenstille im Kreise. Endlich faßte sich der Pfarrer, und sagte zu ihr in gebrochenem Deutsch: »Es ist besser, meine Tochter, daß der starke Christ die Zweifelschlange zertrete, denn die Wahrheit ist dem Himmel lieb und der Erde angenehm. Ihr Vater ist seit länger denn einer Woche abwesend. Er entfernte sich ohne unser Vorwissen, um in den unfernen Wäldern den Balsam zu suchen, der seine kranke Brust heilen sollte. Ein Indianer hat ihn begleitet. Keine Nachricht seitdem, bis auf diesen schrecklichen Fund, der uns nur zu deutlich macht, daß der Unglückliche eines wilden Thieres Beute geworden ist. Fassen Sie sich. Gottes Rath ist unerforschlich, aber weise.«
Justine sank kraftlos in die Arme der Lainez, deren Augen selbst heiße Thränen entfielen. Eine erschütternde Scene folgte. Luis unterhielt seine Ordensbrüder von der traurigen Geschichte; James stand seinem Pflegevater bei, der in trüber Wehmuth verging, und auf das Ergreifendste immer wiederholte: »Meine Schuld! meine Schuld! meine größeste Schuld!« Justinens Schmerz wurde brennend wie die Wunde an ihrem sehnenden, zerrissenen Herzen. Sie stieß die Lainez von sich, den tröstenden James, den Doctor, der seine Leiden mit den ihrigen vereinigen wollte. — »Weg!« rief sie außer sich: »Ihr Alle weicht von mir! denn Ihr habt unser Aller Elend verschuldet! Ihr habt meines Vaters Glück, seine Ehre, sein Leben gemordet! Was soll mir Eure Theilnahme! — Weg auch du!« fuhr sie zürnend und weinend fort, indem sie den ehrwürdigen Luis, der sich ihr näherte, zurückwies: »Du trägst das Kleid dieser Mörder, dieser Diebe an Gut, Leben und Ehre! Weg! Deine weißen Haare lügen, wie deine fromme Stirne! Gebt mir meinen Vater zurück! Ich habe tausend Meilen gemacht, um Verbannung und Unglück mit ihm zu theilen, und finde ihn im Rachen eines Ungeheuers wieder! Und dieses Ungeheuer ist gnädiger als Ihr, denn es hat ihn schnell hinweggerafft, während Ihr ihn langsam hingerichtet habt! Kann ich denn meinen Erinnerungen so wenig entfliehen, als dieser qualvollen Gegenwart?« —
Sie drängte mit erneuter Kraft die Lainez von sich; ihr Auge fiel auf Ines, die ängstlich, aber freundlich zu der Fremden flehend, vor ihr auf den Knieen lag, ihre Hände drückte, ihr tausend schöne Worte sagte, und die kühlende beruhigende Frucht der Quembe bot; dem Gaumen der Erhitzten ein willkommenes Labsal. Die kindlichen reinen Züge der Indianerin stimmten Justinens Bewegung in sanftere Wehmuth um; die Leidende gestattete es, daß einige Tropfen des kühlenden Saftes ihre Lippen benetzten, sie litt die Liebkosungen der Indianerin; sie drückte dieselbe an ihre Brust. »Ja!« rief sie schmerzlich: »Du, fremdes Geschöpf, du bist hier meine einzige Verwandte! Jene, die meines Welttheils Farbe und Sitten haben, sind meine geschworensten Feinde! Sie haben meinen Vater in den Staub getreten, sie werden mich nicht verschonen! Sie haben ihn getödtet, sie werden auch mich vergiften. Nur von deinen Händen will ich meine Speise nehmen! Nur du, mein Kind, meine Schwester, nur du sollst bei mir sein, bis mich mein Gott wieder aus diesem Mörderlande führt!«—
»Beruhigen Sie sich!« sagte der Rector von Assumcion, ein Franzose von Geburt, schmeichelnd und süß wie Honig: »die arme Wilde hier versteht nicht, was Sie ihr sagen. Ihr Widerwille gegen unsern Trost ist dagegen unbegreiflich. Verwünschen Sie nicht uns, nicht dieses Land, das Canaan für Sie genannt werden mag. Gott hat Ihnen viel genommen, allein, wie er es gegeben, kann er es auch wieder entziehen. Ihr Vater ist in seinem Schooße, denn er ist in seiner wahren Kirche Grundsätzen gestorben. Sie haben noch den Schritt in diese Kirche zu thun, und je schneller Sie ihn machen, je schneller wird der göttliche Trost bei Ihnen einkehren.«
»Monsieur!« rief Justine empört, und maß ihn mit zornigen Blicken. Der Rector ließ sich von dem Tone der Höflichkeit dadurch nicht abbringen. »Wie gut wäre es gewesen,« sagte er, »wenn Ihr würdiger Vater im Stande gewesen wäre, selbst, in eigener Person, seine Tochter dem Gotte darzubringen, dessen Gnade die letzten Jahre seines Lebens verherrlicht hat. Aber — in seiner Ermangelung — liegt mir, dem Vollstrecker des Testaments, das er vor seiner Abreise von Assumcion in meine Hände legte, ob, seine Pflichten gegen Sie und die Kirche zu erfüllen. Ein günstiges Zusammentreffen wird Sie schneller an's Ziel bringen. Pater Jose Aculcho, einer der würdigen Consultadoren des hochwürdigen Provincials zu Cordova, der hier steht, wird Sie unter seinem Schutze nach Cordova bringen, sobald unsere Umreise durch die ihm zugetheilten Doctrinen beendigt wurde. Im Kloster der Carmeliterinnen werden Sie Unterricht, theilnehmende Herzen und eine ewige sorgenlose Existenz finden, übereinstimmend mit den Bedürfnissen Ihrer Lage, und dem letzten Willen Ihres seligen Vaters!«
»Mein Gott!« rief Justine, die nun erst begriff, wo Alles hinaus wollte; »was sagen Sie? Sie getrauten sich, mich, ein freies Mädchen, das Ihnen nicht in Lehre, nicht in Pflichten unterworfen ist, mit Zwang zu einem Dasein zu führen, das ich verabscheue?«
»Ihr Vermögen, Ihres Vaters Erbe, liegt in unsern Händen, unbeschadet der Ansprüche, die wir noch dereinst auf Ihr europäisches Gut zu machen haben dürften,« lautete die trockene Antwort des Rectors.
Justine blickte fragend und durchbohrend den Doctor Münzner an. Dieser nickte mit dem Haupte und sagte niedergeschlagen: »So ist's, beste Jungfer. Ihr Vater verlobte der heiligen Gesellschaft schriftlich sein Vermögen,Sieder katholischen Kirche und einem beschauenden Klosterleben!«
»O der Tücke, die ihn dazu gebracht!« versetzte Justine äußerst heftig; »Geldhunger war die Triebfeder Eurer Handlungen? So nehmt es denn hin, das elende Geld! Wo meines Vaters Leiche blieb, bleibe auch seine vergängliche Habe! Lassen Sie mich nur wieder von dannen ziehen um diesen Preis! Ich will nicht klagen, will nicht murren, will mein Brod vor den Thüren betteln! Nur hinaus aus diesem Lande, worinnen mich nicht einmal das Grab meines Vaters zurückhält! Hier sind noch einige Diamanten! Sie sollen von Werth sein! Nehmen Sie diese letzten Ueberreste einer Wohlhabenheit hin, die Ihre Brüder vernichteten. Lassen Sie mich jedoch zur Stunde fort! Hier lebt nicht mein Vater! nicht mein Glauben! Ich sterbe unter diesen Menschen!«
»Arme!« sprach Münzner trübe vor sich hin; »ausdes Löwen Höhle führen keine Fußtapfen.«
Der Rector lächelte über die Aufregung Justinens, und sprach mit dem Consultador spanisch. Dieser winkte mit der Gravität des Vorgesetzten dem Pfarrer, und sagte ihm: »Sie stehen mir dafür, daß die Person sich kein Leid anthut, und daß ich sie bei meiner Rückkehr wieder finde.«
Justine, von Thränen übermannt, und das Gesicht in ihre Hände verbergend, beachtete nichts um sich her. Die Lainez und die Indianerin sprachen zu ihr, wie zu einer Bildsäule. Münzner ging händeringend im Hintergrunde des Gemachs auf und nieder. James starrte düster vor sich hin, und der Pfarrer entfernte das Volk, bis auf die Obern der Colonie. Dann sagte er bescheiden aber fest zu dem Consultador:
»Mein Vater! ich erinnere Sie, daß mein Pfarrhaus kein Gefängniß ist. Noch viel weniger scheint mir die Jungfrau eine Verbrecherin.«
»Sie gehorchen!« war die kurze drohende Antwort; »ich nehme Alles bei dem Provinzial auf mich.«
»Bedenken Sie!« sagte Luis; »wenn der Generalcapitän erfährt ...«
»Was da?« brausten Consultador und Rector auf. »Hier ist der heilige Ignacio Generalcapitän. Wo wären wir der Excellenz zu Buenos-Ayres unterworfen? Haben wir nicht unsere Verträge, unsere Rechte? Wo die Gesellschaft befiehlt und den Tribut bezahlt, muß Monarch und Statthalter schweigen.«
»Das nimmt kein gutes Ende!« sagte Luis: »ich protestire.«
»Mademoiselle Müssinger ist eine Fremde!« sprach James, der nur mühsam bisher an sich gehalten: »wie wollen Sie, meine Väter, verantworten, was Sie thun?«
»Wer spricht hier?« fragte der Rector drohend entgegen: »Mademoiselle ist durch den Tod ihres Vaters meine Mündel.«
»Sie wollen die erschlichene Gewalt mißbrauchen!« rief James erhitzt.
»Mein Sohn, bedenke, wo du bist!« mischte sich Münzner besorgt ein: »und Sie, meine Väter und Obern, vergeben Sie dem unbesonnenen jungen Manne, der ein schnelles Urtheil spricht.«
»Das soll ihm übel bekommen!« sagte der Rector aufgebracht: »Des Provincials Nachrichten aus Deutschland reden von dem widerspenstigen Engländer, der seine Pflicht umgehen möchte. Das Provinzialat wirdihm hiersein Urtheil sprechen.«
»Unglücklicher!« seufzte Münzner, James Hand fassend: »siehst du? meine Ahnung!«
»Mein Urtheil!« fuhr James auf: »Was habe ich Ihnen, was dem Orden gethan?«
»Du hast viel gekostet, und unsere Erwartungen betrügen wollen,« antwortete der Consultador mit harter Stimme: »du hast schwere Buße verwirkt, und nur Nachgiebigkeit kann dir einen würdigern Platz in unsern Häusern erwerben.«
»Nimmermehr!« entgegnete James: »Dieses unschuldige Lamm soll geopfert werden, und ich nicht minder? Machen Sie mich zu Ihrem Sklaven, aber nicht zu ihrem Bruder!«
»Welche freche Sprache?« polterte der Rector.
»Sie soll ihm vergehen,« sagte der Consultador: »die Bußkammer zu Cordova soll ihn zahmer machen. Für's Erste, Bursche, verlässest du diese Doctrina nicht. Wie für die Sennora, haften mir Pfarrer und Regidor für dich.« James knirschte. Münzner trat besänftigend vor ihn, und sagte zu dem unwilligen Herrn von Cordova: »Schonen Sie ihn um seines Jähzorns willen! Es wird sich Alles legen.Ichbürge, daß Sie ihn ruhiger hier wieder finden.«
»Wer bürgt uns denn für Sie, Pater Xaver?« fragte der Consultador höhnisch: »Ihr Schicksal habe ich in der Tasche. Ihr Provincial reklamirt Sie. Sie werden ungesäumt nach Europa zurückkehren, um sich vor ihm über den Ausschlag Ihrer Mission daselbst zu verantworten. Sie sind wichtiger Punkte angeklagt.«
Münzner stand wie niedergedonnert; dann hob er die Augen gen Himmel und sagte: »Wie du willst, Herr! — Aber dich zurücklassen,hierzurücklassen, mein James?« setzte er bei.
»Desto besser!« sprach der Rector bitter: »Euer Beispiel, Ihr Deutsche, verdirbt jeden guten Keim. Ihr bildet Raisonneurs, Grübler, und Grübelei führt zur Blasphemie.«
James wollte sich voll Wuth von dem Doctor losreißen, der ihn begütigend fest hielt. — »Sie werden dich noch binden lassen!« sagte er auf Deutsch zu dem Jüngling, und im selben Augenblick befahl der Consultador dem Alcalden, Negerketten herbeizubringen, und sie dem Jüngling anzulegen. Pater Luis trat schnell vor, und entgegnete mit edlem Feuer: »Meine Obern vergeben! Diese Dinge sind aber unbekannt in meiner Mission. Wir haben nicht Ketten, nicht Peitschen; nicht einen Strick, um einen Menschen damit zu binden. Diese armen jungen Leute sind meine Gäste. Die Gastfreundschaft duldet keine Mißhandlung.«
»Gehorsam!« rief der Consultador.
»Euer Hochwürden vergeben,« sagte der edle Greis wie oben: »ich bin siebzig Jahre alt geworden, ohne etwas Schlechtes zu thun. Ich will nicht erst jetzt anfangen, selbst wenn Don Philipp, unser allergnädigster Herr, es so zu haben begehrte. Wir sind hier auf dem Lande, unter harmlosen Menschen. Hier ist's uns auch in der Ordenskleidung vergönnt, ein Mensch zu sein. Ich bin der Vater meiner Untergebenen; der Freund der Fremden; nicht ihr Stockmeister. Verlangen Sie das nicht, meine Obern.«
»Schwachkopf!« — sagte der Rector verächtlich vor sich hin.
Der Consultador drohte dem Pfarrer ernsthaft mit dem Finger: »Sie machen sich eine böse Note, lieber Mann,« sprach er: »Ohnehin hat Ihr Vikar, der nach Cordova zurückkam, Ihrer nicht zum Besten gedacht.«
»Weil ich ihn fortschickte,« war Luis Antwort: »weil er in Kirche und Haus, bei Männern und Frauen Alles das that, was unser Heiland nicht gethan hat. Der ehrwürdige Pater Provincial wird aber auch mich hören, und nicht allein den tückischen Andalusier. So alt ich bin, scheue ich noch nicht, dem Recht zu Liebe, den weiten Weg nach Cordova.«
»Ihr werdet ruhig hier verbleiben!« erwiderte ihm mit imponirendem Tone der Consultador: »Die Disciplinargesetze unserer Gesellschaft sind Euch seit einem halben Jahrhunderte bekannt, und somit kein Wort weiter.« —
»Ich bin kein Rebell,« antwortete der verblüffte Pfarrer: »aber was Sie verlangen, ist nicht meines Amts.«
»Sie kommandiren Ihre Milizen als Oberst,« lachte der Consultador; »Sie verstehen es aber nicht, einen Menschen zur Haft bringen zu lassen! Sennor Corregidor! Sorgt Ihr, daß dieses Mädchen sowohl, als der junge Mensch getrennt in ein sicher verwahrtes Haus gebracht werden, bis zu meiner Rückkehr.«
»Ruhig! du machst dich unglücklich, und mich noch elender, als ich bin!« sprach Münzner begütigend zu dem auflodernden James, der mit den Worten: »auch Sie mein Vater?« die Hände sinken, Alles mit sich beginnen ließ.
Regidor und Alcade versuchten, den Befehlen des strengen Aculcho einige Milderung abzugewinnen, aber er faßte ihre schwächste Seite, indem er sagte: »Ihr seid excommunicirt, wenn Ihr länger widerstrebt! Der junge Mann ist ein unserm Hause Entsprungener, das Mädchen eine Ketzerin. Beide gehören vor unser Gericht, und der Generalcapitän zu Buenos-Ayres mit all' seinen Schergen hat ihr Schicksal nicht zu schlichten.«
Das Wort »Ketzerin« machte die guten Leute, die um Justine beschäftigt waren, zurücktreten. Auch Ines entfernte sich, schüchtern ein Kreuz schlagend. James lachte bitter, und folgte finster schweigend dem Alcaden, der ihn fortführte.
Der Regidor bedeutete Justinen, ihm ohne Widerrede zu folgen. Durch den Schleier ihrer Thränen emporsehend, fragte sie erschöpft: »wohin führt Ihr mich?« — Da aber der Regidor ihr nicht antworten konnte, und keiner derjenigen, die ihre Frage verstanden, antworten wollte, so folgte sie ihrem Führer wie ein Lamm mit den Worten: »gleichviel, wohin es geht. Nur aus dem Bereiche dieser Menschen, deren Blicke mich vergiften!« —
»Sie, Pater Xaver,« sprach der Consultador, »geben mir Ihr Priesterwort, sich nur, um nach Cordova und von dannen nach Europa zu gehen, aus der Doctrine zu entfernen, und Ihrem Zögling auf keinerlei Weise zum Entweichen behülflich sein zu wollen!« —
Nach einigem Bedenken gab Münzner das Wort. »Das Erste mit Freuden,« sagte er: »ich hoffe, in einigen Tagen bereit zu sein, mit dem ersten Waarenkahn abzureisen. Das Zweite verspreche ich mit Leid; aber überzeugt, daß meine Hülfe meinen guten Sohn nur in größeres Unheil stürzen würde. Wenn übrigens die Bitte eines Mitbruders für Sie von einigem Gewicht wäre, so ersuchte ich Sie, die Tochter des verunglückten Müssinger gnädig und milde zu behandeln. Wir haben viel an ihrem Vater und Ihr verschuldet, meine Väter, was erst in der Folge klar werden dürfte. Mich, der ich das arme Werkzeug sein mußte, bald mit wohlwollendem, bald mit blutendem Herzen, ... mich ereilt jetzt das Schicksal; denn mein Loos in Europa wird ein hartes sein. Erschweren Sie es nicht, meine Freunde in Christo, durch die Leiden der unglücklichen Justine!«
Die fremden Jesuiten sprachen hierauf kein Wort, und nannten den Fortgehenden verächtlich einen Träumer, dessen Zukunft hart, aber nicht ungerecht sein könne. Zugleich wurde die Lainez, von deren bisherigem Wirken man, durch die, fast gleichzeitig mit ihr angekommenen Berichte, genau unterrichtet schien, aufgefordert, bei Justine ihr Heil zu versuchen, und nichts zu versäumen, um diese auf den Weg des Heils zu führen. —
»Zu lange, wie wir vernehmen, arbeitet Ihr schon an diesem Geschäft,« sagte der Rector geringschätzend: »ich möchte Euch rathen, das Brod der Gesellschaft nicht als eine unnütze Arbeiterin zu verzehren. Im Gegentheile, wenn's Euch gelingt, die Widerspenstige, ehe der Pater Consultador wieder kommt, zu bekehren, sollt Ihr nach Verdienst belohnt werden. Die gottesfürchtige Frau von Guébriant, die sich vor den Gräueln der Regentschaft nach St. Fé flüchtete, bedarf einer Kammerfrau und Vorleserin, und dieser einträgliche Posten soll Euch durch mein Fürwort nicht entgehen.«
Die Lainez, in ihrer Eitelkeit beleidigt, rümpfte, ebenfalls geringschätzend, die Nase, und antwortete: »ich danke Ihnen für den guten Willen, meine Väter; bin aber zu schwach, ihn zu verdienen. An dem Mädchen ist nicht das Mindeste zu ändern. Sie ist von einem Eigensinn, der Ihnen zu schaffen machen wird, und, da es nun einmal so ist, möchte ich rathen, sie lieber zu lassen, wie sie bisher war. Mein Streben ist, was sie betrifft, geendigt, und ich will die Freundschaft, die sie mir erzeigt, mit der sie mich gefesselt hat, nicht mit Leiden vergelten. Madame Guébriant wird eine andere Kammerfrau finden, und mich in Frieden nach Frankreich zurückkehren lassen, wo die Hitze nicht so unausstehlich, die Sprache angenehmer, und die Tracht weit anständiger ist.« —
»Das müßtet Ihr allerdings,« versetzte der Rector hochmüthig. »Wir gedenken nicht, unnütze Leute von zweifelhaftem Charakter in den Colonienzu füttern. Ihr werdet mit dem Deutschen Xaver abreisen, ein würdiges Paar träger Diener. Hebt Euch jetzo weg! Für eine gute Note wollen wir Sorge tragen!«
Die Lainez ging mit diesem Bescheid. »Hätte ich Vermögen,« sagte sie mit Bitterkeit zu dem Pater Münzner, dem sie Alles erzählte, »so würden mich die gescheuten Finanziers schon freundlich gebeten haben, da zu bleiben. Pfui der Schande! ich eine Magd der alten unerträglichen Frau v. Guébriant? Um solchen Preis sollte ich meine schönsten Jahre einem Bemühen hingegeben haben, das täglich meinen Charakter und meine Existenz gefährdete? Aber nur Geduld, mein würdiger Vater! Man mißhandelt auch Sie. Lassen Sie unsere Kräfte vereint wirken. Mein Provincial wird unsere Berichte getreulich nach Rom befördern. Die Menschen hier am Ende der Welt sollen erfahren, was es heißt, einer Frau von Stande unwürdig zu begegnen.«
»Madame Lainez,« antwortete der Doctor ruhig: »Laßt uns nicht Steine auf Andere werfen. Wir haben genug mit uns selbst zu thun. Wenn doch Ihr Geist ebenfalls die Erschütterung empfände, die der Meinige seit meiner Anwesenheit in diesem Lande empfindet! ich gehe nach Europa zurück, um elend zu werden, — aber ich habe es nur zu sehr verdient.« —
Die Lainez entfernte sich achselzuckend, weil der Pfarrer eintrat.
»Nach Europa zurück?« sagte dieser vertraulich, nachdem er an Thüre und Fenstern gehorcht hatte; »das wird Ihr Ernst nicht sein, Pater Xaver. Sie rennen in Ihr Unglück. Unsere Brüder in der alten Welt sind Leute, wie die in der neuen: arglistig, neugierig, unversöhnlich. Sie haben — vielleicht unverschuldet — das Ansehen der Gesellschaft Preis gegeben, weil unter Ihrer Amtsführung jene Gemeinde, der Sie vorstanden, verrathen wurde; das vergiebt man Ihnen nicht. Der Superior hat Ihre Abwesenheit benützt, sich rein zu brennen. Das Ungewitter bricht nun gegen Sie allein, später, aber schrecklicher, los. Opfern Sie sich nicht ohne Noth einem wilden Parteihasse, der vielleicht Ihr rüstiges Leben zwischen vier Mauern begräbt.«
»Eine Strafe meiner Sünden,« erwiderte Münzner schwermüthig: »dann — meine Pflicht. Gehorsam hieß mein Gelübde. Die Obern rufen, ich folge.« Luis schob sein Käppchen ungeduldig hin und her. — »Die Gesellschaft,« sagte er schnell, — »ist im Begriff, von einigen Gliedern derselben durch eine Ungerechtigkeit geschändet zu werden. Ich erfülle meine Pflicht gegen ihr Wohl auf bessere Art, wenn ich dieser Schande vorbaue. Ich bin ein alter, verbauerter Pfarrer, mein Bruder, aber eben weil ich alt bin, kann auch der liebe Gott rufen, wann er will, und ich will rein vor ihn treten. Ihr armer Pflegesohn, Ihres Freundes ärmere Tochter, sollen dem schmutzigen Eigennutze des Quinquevirats zu Cordova nicht geopfert werden.Sienicht den Mißgriffen Ihres Superiors. Lassen Sie die Väter abreisen. Meine Worte haben bei dem Regidor und dem Alcade, die ich erzogen, dieichaus der Gemeinde gewählt habe, Gewicht und Einfluß. Ein Wink von mir, und sie lassen die widerrechtlich Verhafteten frei. Ich befördere dann ihre Flucht.«
»Sie, edler Mann, wollten sich der Rache der Oberen blosstellen?«
»In meiner entlegenen Doctrine, an den Gränzen des Gebiets barbarischer Völkerschaften, achte ich ihrer Drohungen für meine Person nicht. Sie sollen mich nicht wegführen aus dem Lande, wo ich wirkte, wo ich den Tag der Auferstehung erwarten will.«
»Gesetzt, Sie retten meinen Zögling und das arme Mädchen, dessenSchicksal auf meiner Seele brennt ... was soll aus ihnen werden? werden sie nicht, mitten in einem unermeßlichen Lande, aller Hülfsmittel beraubt, dennoch wieder in die Hände der Feinde fallen, oder elend zu Grunde gehen?«
»Hören Sie mich an. Die Berge, die wir von hier aus sehen, verketten sich mit den Alpgebirgen Brasiliens. Diese Höhen, dem Namen nach dem Scepter Portugals unterworfen, sind ihrem Beherrscher beinahe völlig unbekannt geblieben. Einzelne Wachtposten, die man so weit herausrückte, sind kaum vemögend, gegen die Schaaren unabhängiger Eingeborner ihre Existenz zu behaupten. Thäler und Berge von erstaunlichem Umfange haben noch nie einen Portugiesen gesehen. In einem dieser Thäler, umringt von Urwaldungen und von gähen Abstürzen, versteckt wie das Paradies, das noch kein Weltumsegler wieder aufgefunden, lebt, jung und kräftig, ein kleiner Staat, der unsern Flüchtlingen und Ihnen vor der Hand völlige Sicherheit gewähren würde. Unsre Obern, wie die Regierungen von Spanien und Portugal, halten, trotz ihrem Scharfsinn und ihren Nachforschungen, das Dasein dieses kleinen Staates für eine Fabel, für eine müßige Volkssage. Dennoch existirt diese Pflanzschule eines reinen Christenthums, und die Republik: »der gute Jesus in den Wildnissen« ist kein Mährchen einer träumerischen Amme. Ein Vetter meines Hauses, der in dem Regimente Arragon Capitän gewesen, der in der Folge, über Zurücksetzungen verdrießlich geworden, zu Cordova das Kleid des heiligen Franziskus genommen, mußte, um eines schweren Handels willen, den er mit unsrer Gesellschaft hatte, flüchtig werden, und zog sich in jene Wildnisse zurück, wo er eine aufblühende Gemeinde fand, an deren Spitze er jetzo als Vater, als Priester, als Feldherr und König steht. Es ist beinahe ein Jahrzehend verflossen, seit ich die letzte Kunde von ihm empfing, aber der riesenhafte Körperbau des Mannes verbürgt mir die Dauer seines Lebens. Ich sende Euch, meine Freunde, an ihn. Er hat mich einst wie seinen Vater geliebt, und wird mir ein freundliches Andenken bewahrt haben. Dem Genügsamen wird eine Wildniß bequem, und die Gelegenheit nicht fehlen, Euch in den Norden unseres Continents zu schaffen, wo Englands Scepter schützt, und Penn's Colonie jeden Glaubens-Bruder willig aufnimmt. Oder in Portugals Cabinet reifen günstigere Ansichten für die Freiheit der Confessionen, zugleich mit gehässigern gegen unsere Gesellschaft, deren wachsende Macht bald den Neid der bis jetzo glücklich geblendeten Regenten beunruhigen dürfte. Auf jeden Fall: weit von Jupiter sein, schützt vor dem Blitze! Beherzigen Sie das, mein Freund. Der Indianer, der vor zehn Jahren, nach dem guten Jesus in den Wildnissen verschlagen, mir davon Meldung zurückgebracht, lebt noch, und sein Gedächtniß wie seine Sinne sind rüstig und frisch. Geprüfte Leute in nicht geringer Anzahl sollen Euch geleiten, und Euch zum Frieden führen, den man in dieser sturmbewegten Welt und Zeit nur in der Einsamkeit der Troglodyten finden mag.«
»Mann! ich staune vor den kühnen Schöpfungen Ihres jugendlichen Geistes! was Sie sagen, gleicht einem poetischen Traume!«
»Sind denn diese Landschaften nicht Gebilde der kräftigsten Poesie? noch sträubt sich ihre Ueppigkeit gegen die Ketten unsers Verstandes; noch ist dieser Boden frisch. Europa ist ein ausgebrannter Vulkan; hier sprudelt noch Urkraft, und auf dem ungewöhnlichen Schauplatze kann noch Ungewöhnliches gedacht und gethan werden. Gedenken Sie meines Vorschlags. Ich will jetzt an meine Kinder die Lebensmittel austheilen, die sie heute verdient haben, und die Kähne unsrer Herren mit Vorräthen versorgen, daß sie morgen ungehindert nach der nächsten Doctrine abreisen können.«
Münzner überlegte lange und schwer. Er seufzte ängstlich auf: »warum kam mir die Erkenntniß nicht früher? warum erst jetzt plötzlich nach dem Verschwinden, nach dem Tode des Senators? welche Zukunft von Leiden? und dennoch, wie so heiter gegen die Vergangenheit! fünfzig Jahre, die ich in stolz ruhigem Scheinbewußtsein verlebte, weisen mir nur ihr nacktes trauriges Gerippe. Keine Blüthe in irgend einer Furche, worein ich ein gutes Saatkorn zu legen glaubte! elend war meine Saat! O, so vollende sie sich denn an mir, dem Schöpfer so vielen Unglücks! O, so geißle mich die Pflicht, in deren Dienste ich Herrliches zu vollbringen glaubte, indem ich nur Böses schuf. Losgerissen von der Welt, will ich michhierzur Sühne geben, damit jenseits mein Loos milder werde! die Gesetze meines Standes haben mir die Ruhe genommen, so mögen sie auch meine Tage hinnehmen. James, der junge in's Leben tretende Mann, gehe hin in Gottes Namen. Vielleicht bringt ihm die Wüste Gewinn; vielleicht segnet in der Wüste der Himmel seine Liebe! ich will keinen Theil an seinem Schicksal haben, damit ihm nicht einst geschehe, wie mir. Ich gehe aber, wohin mich Beruf und Gehorsam ruft: zur ungerechten — ach! zur gerechtesten Buße!«
Ines trat zu dem Bekümmerten, zu dem Entschlossenen. Sie brachte Erfrischungen, und sah traurig aus.
Münzner fragte nach der Ursache ihrer Niedergeschlagenheit.
»Euer Sohn dauert mich,« sagte das Mädchen unbefangen, »und mit der jungen Sennora habe ich viel Mitleid. Warum sperrt man sie ein? Euer Sohn brütet stille vor sich hin. Die Sennora weint, zürnt, und denkt mit finstern Augen nach. Mit Euerm Sohne könnte ich reden, aber das geht nicht wohl an. Die Sennora verstehe ich nicht. Wenn ich jedoch zu ihren Füßen sitze und sie wehmütig anschaue, so ist's als ob sie wüßte, was in mir vorgeht, denn sie umarmt mich dann und herzt mich, als ob sie meine Schwester wäre. Sie ist so gut, und muß, wenn sie auch eine Ketzerin ist, in den Himmel zum Vater kommen; nicht wahr, Don Xaver? Pater Luis hat mir versprochen, daß ich auch meine Mutter im Himmel finden sollte, ob sie gleich nicht getauft sei. Die Sennora wird ja auch darinnen nicht fehlen.«
Das plaudernde Kind wartete vergebens auf eine Antwort. Münzner sah düster mit übergeschlagenen Armen vor sich hin. Ines blickte verlegen nach dem Fenster.
»Soll ich das Gitter schließen, Vater Xaver?« fragte sie schüchtern; »der Abend kommt, die Fliegen finden sich ein, und — seht doch, wie es plötzlich dunkelt ... wie es Nacht wird ...!«
Sie lief zum Fenster, sah zum Himmel, und schlug mit einem Schrei die Flügel zu. »Ach! bei unsrer lieben Frau vom Rosenkranze,« rief sie erschrocken; »seht doch, mein Vater, welche ungeheure Menge von Aorkani[4]durch die Luft zieht und sie verfinstert! der Zug macht ein schwarzes Dach über die ganze Mission! Ach, wie das schauerlich durch die Wolken fliegt! das bedeutet ein Unglück, ein schweres Unglück, mein Vater!«
»Aberglaube!« sagte Münzner verdrüßlich.
»Mit Eurer Erlaubniß,« versetzte Ines; »es hat seine Richtigkeit, was ich sage, nur glauben es unsere Leute hier nicht, weil sie vom quaranischen Volke sind, und ich ein Abiponerkind bin. Sie lachen der Heuschrecken, wir fürchten sie aber, und immer ist etwas Schweres geschehen, wo dieseUnholde vorüberzogen. Wenn nurunsdie heilige Jungfrau gnädig bewahrt. Ich bringe ihr alle Sonntage einen frischen Strauß im Namen der Gemeinde. Die fremden, schwarzen Herren mögen sehen, wiesiefertig werden.«
»Ei!« sagte Münzner verweisend; »Ines, ist das Christenliebe?«
Ines schämte sich. Sie entgegnete schüchtern: »Ihr habt Recht, Vater Xaver. Ich habe gefehlt. Sagt es dem Vater Luis nicht. Er wird es schon in der Beichte hören. Aber mir kömmt immer vor, die beiden Herren von Cordova seien nur in Euer ehrwürdiges Kleid verkleidet. Vater Luis und Ihr, — Ihr seid ganz anders, und ich möchte lieber Zeit Lebens bei Euch allein bleiben, als nur eine Stunde lang bei dem hagern Herrn von Assumcion, der mich immer so seltsam ansieht, wie der ehemalige Vikar, oder besser: wie die Schlange in der Savanne.«
Die Glocke der Kirche läutete. Ines mußte zur Theevertheilung. Dieses Geschäft wurde, wie alltäglich, abgethan. Während Consultador und Rector mit Pater Luis und Xaver das frugale Abendmahl einnahmen, trug Ines auch den armen Gefangenen ihre Speisevorräthe zu. James und Justine bewohnten zwei getrennte Räume im Lagerhause. Des Alkade Sohn, der Wächter des jungen Engländers, brachte die Speisen in seines Gefangenen Gemach. Justinens Wächter ließ die freundliche Ines gern zu der trauernden Sennora. Justine saß an dem Gitter der Fensterluke, und sah dem Glanzspiele einiger Leuchtkäfer zu, die auf den schlanken Stauden hingen. Sie erschrak ein wenig, als Ines Finger ihre Schulter berührten; aber der Ausdruck der Freude folgte dem Schrecken. Hastig zog sie das liebe Mädchen an sich, weigerte sich, von den Speisen und dem würzigen Tranke zu genießen, und gab der Indianerin durch Geberden zu erkennen, daß sie eine Bitte an dieselbe richten wolle. Sie zeigte alsdann auf die Matte in der Ecke, auf den großen leeren Raum um sich her, und versuchte der Ines begreiflich zu machen, daß sie sich allein zu bleiben nicht getraue, und es gerne sehen würde, wenn das dienstfertige Mädchen die Nacht bei ihr zubringen wolle. Ines verstand Justine alsobald, und zeigte sich eben so schnell bereit, ihrem Wunsche zu entsprechen. Der Wächter mit der Lampe wurde hinweggesendet, die Thüre wieder mit den hölzernen Riegeln von außen verschlossen; tiefe Ruhe und tiefes Dunkel kehrten in dem Gebäude ein. Auch von außen wurde Alles ganz still. Drei Zeichen mit der Glocke gaben den Befehl allenthalben die Lichter auszulöschen, und die Straße im Dorfe wurde nur noch in dem Augenblicke belebt, als der Pfarrer nebst mehreren, mit Harzfackeln versehenen indianischen Knechten seine Gäste von Cordova und Assumcion nach ihren Schiffen führte, wo sie die Nacht zuzubringen begehrten. Pater Luis kehrte mit seinen Begleitern nach Hause zurück, und schloß sein Hofthor. Die Herren auf den Schiffen streckten sich unter dem leichten Zeltverdeck derselben auf ihre Matten. Die Schiffer, ein jeder an seinem Ruderplatze, duckten sich nieder, hüllten die Köpfe in ihre Mäntel und schliefen ein. Unter Akazien am Ankerplatze schnarchten die müden Payquas. Ein Neger hielt auf dem Vordertheile eines Kahns, bei glimmender Laterne, Wache, mit seiner Vogelflinte spielend. Noch mehr beschäftigte ihn jedoch die Chicaflasche und er entschlief gleich den Uebrigen. Grabesruhe auf dem dumpfmurmelnden Flusse, an seinem Strande, in dem Missionsorte. Der umgehende Wächter in demselben hatte sich vor einem unbedeutenden Regenschauer in seine Hütte zurückgezogen. Auf der Gasse athmete keine Menschenseele.
Da kam von Süden her ein fernes, leises Getrappel. Es schwieg in kleiner Entfernung vom Dorfe. Einige Hunde knurrten, schwiegen jedoch ebenfalls plötzlich, und mehrere leicht gleitende Schatten kamen über Zaun,Graben und Gehäge in den Ort herein; mit Blitzesschnelle hin und wiederfahrend, schauend, horchend, verschwindend, wie sie gekommen waren. Geräusch von leise webenden Sägen, Knarren von aufgehenden Gatterthüren, und über den breiten Fahrweg, weit sich aber alsdann über den frischen Rasen zu beiden Seiten desselben verbreitend, zog still und geräuschlos eine Schaar von Reitern in das Dorf. Stumme schnaubende Hunde ihnen zur Seite, lange Speere in ihren Händen; versteckte Fackeln mitten im Zuge. Halt auf dem Platze, kurzes unverständliches Gemurmel unter den Nachtgästen, plötzlich hochblinkende Feuerbrände, entsetzliches Geheul und kriegerischer Ruf.
Dieser Schrei, die Losung des Entsetzens, dringt wie der Donner des Himmels in die friedlichen Hütten der Quaranier. Schlaftrunken springen die Männer an die Thüren und Fenster. Zum zweitenmale tönt der gräßliche Schrei, und, mit dem Tone zugleich, fliegen brennende Pfeile in die Stroh- und Binsendächer der Cabanen.
»Die Abiponer! 's ist ihr Kriegsruf!« antwortete der Weiber Wehlaut, und wüthend greifen die Männer nach der Axt. Die Glocke klingt gellend vom Thurme. Der nachlässige Wächter erinnerte sich zu spät seiner versäumten Pflicht. Indessen weht aber schon der Brand in der Luft, würgt schon der Feind am Boden. Ein wehmüthig Schauspiel! wilde Reiter, nackt auf den Pferden hängend, von abenteuerlichem Kopfputz gräßlicher gestaltet, bestrichen mit grellen, Blut und Tod kündenden Farben rasen hin und her durch die Gassen, schmettern mit ihrer fürchterlichen Schleuder alles zu Boden, was an ihnen vorüberrennt, werfen ihre langen Speere nach der keuchenden Menschenbrust, und Brände in die Gluth, damit die Flammen noch höher aufflackern, die betrübende Scene würdig zu beleuchten!
Eine Horde wilder Räuber hatte das Lagerhaus erstürmt, sich der Waffen und Mundvorräthe bemächtigt. Die Quaranier konnten ihnen nirgends die Spitze bieten, nirgends ihrer Raublust ein Ziel setzen; kaum dem Morde entgehen. Denn in engem Kreise hielt um den Missionsort eine furchtbare Linie von Reitern mit drohendem Speere, und nur die Verzweiflung selbst schlug sich durch. Mit den Bolas bewaffnet, die jeder Bauer an sein Pferd hängt, wenn er über Land reitet, warfen die Entschlossensten der Quaranier einen Trupp von Pferden darnieder, öffneten ihren Freunden und Verwandten einen Paß. Die dem Strande zunächst wohnenden Leute flüchteten sich nach den vor Anker liegenden Schiffen. Die Herren derselben, von dem Mordgetöse aufgeschreckt, befahlen, die Seile zu kappen. In die Strandfluth des Flusses stürzte sich die hülfsbedürftige Menge; Kinder und Greise auf den Schultern der Eltern, der Söhne; sie jammerten nach Hülfe, nach Aufnahme, kaum die Köpfe aus den Fluthen hebend. Umsonst; die Väter auf den Kähnen, nur ihre eigene Rettung vor Augen, fürchteten der Schiffe Ueberfüllung, wiesen die Flüchtlinge mit harten Worten zurück, ließen die Fahrzeuge stromabwärts treiben. Aber Noth kennt kein Gebot; aber die Abiponer waren im Rücken der Flüchtlinge. Die riesenhaften Payaquas, die das Ruder in Händen, — obwohl blinde Heiden, gewissenhafter den Rückzug ihrer Herren vertheidigten, als diese das Wohl ihrer christlichen Mitbrüder sich zu Herzen nahmen, — fielen todt hin unter der Uebermacht. Schon netzen die Wellen der Parana die Füße der Abiponerpferde; schon stürzen sich diese wilden Krieger blutbegierig bis zum Kinn in den Strom ... Gewaltsam halten die Flüchtlinge von Dominica die Schiffe auf, schwingen sich gewaltsam hinein, und die Väter müssen geschehen lassen, daß wider ihren Willen das treue Holz der Algarova auch die schlechten Indianer dem Mordstahle entführt.
Welch ein Graus, wendet man den Blick von jenen Geretteten nach dem brennenden Pfarrhause. Vergebens stürmt die Glocke der Kirche. Sie vermag nicht dem lang gedehnten Brande in den hölzernen Gebäuden und Rohrwänden zu wehren. Sie vermag nicht, die treuen Diener zu erwecken, die für ihren Vater auf der Schwelle seines Hauses das Leben hingegeben haben. Sie haben sich umsonst geopfert. Der Raub drang dennoch hinein. In dem sonst lebendigen Hofe regt sich nur noch der von Flammenangst und Todeskampf gepeinigte Strauß, der von zwei Pfeilen durchbohrt, mit den ungelenken Flügeln flatternd, einen Ausweg sucht, und — blind vor Schreck — nicht findet. Ferne tönen die Silberglocken des Rehs; es sucht seinen Herrn; doch dieser fällt so eben, — mit dem Alcade dem Lagerhause zueilend — in die Hände des barbarischen Feindes, während auf den Stufen der Kirche Pater Xaver von einigen Abiponern gebunden wird, die in ihm den Padre des Orts zu fangen glauben. — Aus den Fensteröffnungen des Lagerhauses, das ebenfalls schon brennt, dringt nebst dichten Rauchwolken der Wehruf ängstlicher Weiber. Zwei Krieger, furchtbar anzuschauen in den ungeheuern Federkronen, die ihre Eitelkeit dem Straußvogel der Savannen sammt der Haut abstreifte, stürmen hinein, dem Rufen entgegen. Krachende Thüren stürzen von oben auf sie hernieder. Ein Mann mit zwei Weibern, außer sich, mit versengten Haaren, stößt auf die Wilden, die ihn mit Löwenkraft aufhalten, packen und sammt seinen Begleiterinnen in's Freie schleppen.
Hier lodern Fackeln und Brandglut. Hier halten die Caziken auf ihren dampfenden Gäulen, und unter ihren rothen goldverzierten Kopfbinden hervor rinnt der Schweiß der Ermattung auf die Brust der Starken. Der Anblick schöner Frauen reizt der rauhen Obern Lust. Ein Streit droht zwischen Rettern und Befehlshabern zu entspringen, da wirft sich das jüngste der Weibern zu Füßen des Obersten, und ruft ihm zu: »Siehst du denn nicht, daß ich deines Volkes bin? Gnade deshalb und Schutz für mich und dieses Weib, das meine Schwester geworden ist!«
Verwunderung spricht aus den Blicken der Zuhörer; jedoch überwältigt von dem süßen Klang der vaterländischen Zunge, klatschen sie lebhaft in die Hände, und rufen: »wahrlich! sie ist ein Kind unsers Großvaters, und sie mit ihrer Schwester soll heilig sein und frei!«
Justine und Ines wurden auf weiße Pferde gehoben, und folgten dem Zuge der Führer, die sich den Jammer besahen, den sie angerichtet.
James wurde in der Kirche mit einigen andern lebendig Gefangenen, unter welchen sich sein Pflegevater befand, zusammengebunden. Nicht die Schmerzen der Brandwunden, die er, im Begriff, Justine zu retten, davongetragen, nicht die Ungewißheit seiner traurigen Lage zerriß ihm Herz und Gehirn. Seines zweiten Vaters, Justinens Verhängniß war seine Plage, war sein Kummer. — Er weinte Thränen des Mitleids und ohnmächtiger Wuth auf die Hände, die gebundenen Hände seines ehemaligen Versorgers. Dieser stand vor ihm, — aufgerichteter als je — in seinen Leiden, wie ein verklärtes Menschenbild. »Wenn eine Folter meine Seele preßt, so ist es die Angst um dich, um Justine,« — sagte der Muthiggewordene. »Mein Schicksal beunruhige dich nicht. Glaube mir, in diesem Drange des Unglücks wird mein vom Zweifel und von der Sünde gespaltenes Herz wiedereins. Es klammert sich wieder aneineHoffnung an: an die auf unsern Heiland. Nun ist der Augenblick gekommen, in welchem ein verlornes halbes Jahrhundert vielleicht durch die Märtyrkrone, die so vielen meiner Brüder zu Theil geworden, Bedeutung gewinnt. Diese Krone ist die schönste, denn sie ist eine versöhnende!«
James schwieg niedergeschlagen, theils von der Würde des Redners ergriffen, der in seinen Banden so frei war, theils von der Nichtigkeit aller Trostgründe überzeugt, in einer Stunde, deren nächste Minute allen Ueberwundenen den Tod bringen konnte; — gewisser, als der nächste Mond ihre Freiheit. Münzner blieb aber ruhig, und betete still für sich aus vollem Herzen.
Inzwischen war die Nacht aus geworden, und der Morgen trat aus der Dämmerung. Wie die Sterne erbleichten, so erbleichte auch der Brand von Santa Dominica. Die von dem Sonnenauge beschämten Flammen krochen gebändigter in das stürzende und verkohlte Sparrenwerk zurück, aber die schwarzen rauchenden Stätten zeugten von ihrer Wuth, und der Anblick der Leichen in den Gassen und Räumen der Mission von der bösen, bösen Nacht. Die Hüter der Gefangenen bedeuteten diese, sich auf den Weg zu machen. Auf dem Platze klang die Pfeife und die dumpfe kleine Trommel, zum Aufbruche mahnend. Die Gefangenen wurden mit Lianen auf Maulthiere gebunden, und deren Zügel von Reitern geleitet. Der Abzug der Abiponer Horde war siegreich und lärmend.
Jeder Krieger, beritten, und noch einige Pferde zum Wechseln neben sich führend, hatte sich mit Beute aller Art beladen. Die leichtesten Schwärme hüteten die Seiten des Zugs, in dessen Mitte die blöckenden Schafheerden, die gleichmüthigen, aber vor Hunger brüllenden Ochsen in unübersehbarer Zahl gingen. Schaaren von Hunden hielten diese lebendige Beute zusammen; und ihr Geheul und Gebell bildete, vermischt mit dem Getöse der plaudernden, lachenden und singenden Wilden, einen seltsamen Einklang. Ueber erstochene Pferde und Menschen ging der Zug hinweg, wie über den weichen Rasen, an den Häusertrümmern vorüber, und südwärts durch niedergetretene Tabaks- und Cacao-Pflanzungen. Die Gegend, die gestern noch in allem Reize des Wohlstands und der Herrlichkeit geblüht hatte, lag nun zerstört vor den Augen der Fortziehenden. Der rückwärts Blickende sah mit Wehmuth die Rauchsäulen aus den Trümmern Dominica's emporsteigen, und die hohen Palmen ihre Blätter über dem höllischen Schauspiele senken. So weit das Auge auf der Parana reichte, war kein Schiff mehr zu sehen.
Die gewandten Abiponer stellten sich hin und wieder aufrecht auf die trabenden Rosse, und wendeten ihr Falkenauge im Rennen nach allen Seiten hin. Auf dem Flusse konnte nichts mehr wahrgenommen werden, und so lenkte denn der Trupp der Anführer, der weit vor dem ganzen Zuge hinritt, landeinwärts. Noch einige Zeit ging es vortrefflich durch Baumwälder und schattige, frisch grünende Sumpfebenen. Bald änderte sich jedoch die Landschaft. Immer mehr und mehr wichen plötzlich die Wälder zurück. Der hohe Baum schrumpfte zum niedern Busch, der Busch zum dürftigen Gestrüpp ein, und endlich verkroch sich auch dieses in einen nackten einförmigen Boden, der kaum hin und wieder Sandstriche bot, aber nirgends einen Stein. Auf dieser Fläche angelangt, die in der Spätmorgenhitze den Gefangenen unerträglich schien, fing der Abiponer erst an aufzuleben. Die unbeschlagnen, leicht gezäumten Pferde flogen nur dahin. Lebhaft schwangen die Reiter ihre hölzernen Speere, und die kleine Jagd begann. Nach allen Seiten streiften die Hunde aus, um Kaninchen aufzustöbern. Der Abiponer, ohne seinen Weg zu unterbrechen, stellt sich auf sein Roß, spannt den Bogen, zielt und fehlt fast nie das von den Hunden herbeigetriebene Ziel.
Aber mitten in dieser Beschäftigung wird von den Vorderreitern ein langer grüner Saum gesehen, der längs dem Boden hinzieht, und das Meer zu sein scheint, oder ein viele, viele Meilen lang gedehnter Strom. Siewerfen ihre Federbüsche in die Luft, und ihr jubelndes Geschrei, das sich den andern schnell mittheilt, verkündigt die Nähe einer ihnen angenehmen Gegend. Die Pferde werden heftiger angetrieben. Gleichviel, ob einer der Reiter stürzt. Er verläßt das zu Grund gerichtete Thier, um sich auf ein anderes zu schwingen. Immer näher kömmt der grüne Saum; höher bald, bald niederer scheinend.
»Die Savanne!« ruft Abiponer und Quaranier aus; jener freudig, dieser niedergeschlagen, weil sich dort sein Schicksal entscheiden soll.
Man betritt endlich den Rand dieser ungeheuren Grasebene, auf welcher kein Baum steht, und kein Fels und kein wirthliches Dorf: nur etwa die leichte Hütte des wilden wandernden Jägers. Ein riesiger Strauß steht, wie der Wächter der grünen Wüste an ihrem Saume, und gafft neugierig nach den Kommenden. Ein gewandter Schütze sprengt auf ihn an. Zu spät denkt das verfolgte Wild an die Flucht. Schon wendet es sich, spreitet die Flügel aus, um mit ihrer Hülfe, schneller als das Pferd, das Weite zu suchen, — da zerschmettert ein Pfeilschuß ihm das Beingelenk!... er stürzt, wird eine Beute des Siegers, der ihm die Federn entreißt, mit denselben den Sattel seines Pferdes schmückt, und lachend mit den Freunden in die Ebene einsprengt.
Welch' ein reges Leben in diesen Flächen, von unglaublich hohem Grase bewachsen! Flüchtige Hirsche durchstreifen, wie ungewisse Schatten, kaum durch ihre Geweihe kenntlich, die Ferne. Tausende von wiehernden Pferden fliegen rechts durch die Halmen. Nicht geringere Geschwader von Stieren setzen links durch das Grasmeer und lagern sich brüllend in demselben, das ihnen Schatten vor dem glühenden Sonnenbrand gewährt. Und der wilde Abiponer, dessen Pferd bis zum Sattel in den Halmen schwimmt, ereilt das flüchtige Roß, und zähmt es durch die einfache Schlinge; er fällt den wildern Stier an, zerrt ihn mit der Schleife zu Boden, tödtet ihn mit einem Streich, und nicht Nothwehr, nicht Hunger rechtfertigt die tollkühne That: nur der leichtsinnige Muthwille, der, überlegener Kraft bewußt, und ihr vertrauend, spielend die Gefahr reizt, hat sie ersonnen, und begonnen und vollendet.
Wenn nun die armen Gefangenen im Rücken des Zuges jene Aeußerungen ungebeugter Kraft wenig beachteten, so waren sie doch den Freiern, mit solchen Scenen Unbekannten, oder derselben Entwöhnten, ein besseres Schauspiel.
Justine, deren Pferd von einem höflichen Abiponer geleitet wurde, vergaß Leiden und Gefahr in dem neuen Anblick. Ines sah mit Herzklopfen die Gebräuche ihres Volkes wieder, und die Erinnerung einer recht frühen Zeit wurden völlig in ihr lebendig, und mit der Erinnerung kamen auch die schweren Worte der Abiponer häufiger in ihren Kopf, geläufiger auf ihre Zunge. Ein Abiponer-Sklave, der einige Jahre zu Santa Dominica gearbeitet und gelitten, hatte damals die Landsmännin gekannt, und mit ihr die heimathliche Sprache geredet, und dem nun längst verstorbenen Manne verdankte Ines nun die bedeutende Hülfe, sich gegen ihre Landsleute verständlich zu machen, und ihrer Freundin Justine, die nicht einmal spanisch redete, nützlich werden zu können. Wie gerne hätte sie dann und wann die Spitze des Trosses verlassen, um nach den lieben Gefangenen zu sehen, nach dem Vater Luis, dessen Leben sie auch erbeten, nach dem jungen Manne, an dem sie so innig Theil nahm, nach dem fremden Geistlichen, ihr ehrwürdig, weil er des Jünglings Pflegevater gewesen. Auch Justine, — obschon das Herz in dauerndem Groll von Münzner und James gewendet, — sah — unfähig ein schönes Mitgefühl zu unterdrücken, — häufignach der Gegend hin, wo die letzten Staubwolken aufflogen. Die Leute, die ihren Groll verdienten, waren seit der Schreckensnacht gewissermaßen ihre versöhnten Freunde geworden. Nur vonihrenLippen, mitten unter Hunderten von tobenden Barbaren, konnte sie ja die Töne hören, die ihr Ohr verstand; die Töne der Muttersprache, die unter solchen Umständen den Gemeinsten im Glauben des Vornehmsten adeln. Aber — es war nicht möglich, von den Obern der Schaar sich zu trennen. Der Führer, ein alter Cazik von einnehmenden Zügen und kühnem Blicke, ritt zwischen den Mädchen, und ließ sie nicht aus den Augen. Neugierig und verwundert betrachtete er von Zeit zu Zeit Justine, und ihr edles, bleiches Gesicht flößte ihm, wie seinen Leuten, sichtlich Ehrfurcht ein. Nachdenkender betrachtete er Ines, und, wie selten auch seine Geberden zu Justine sprachen, — so häufig redete sein Mund zu Ines.
»Du armes Kind ohne Vater!« sagt er mitleidig zu dem Mädchen; »dort dämmern die Spitzen unserer Dächer. Vergiß alles Leid. Du wirst viele Mütter und Schwestern finden, und ein Jeder von uns ist dein und der Fremden Freund, weil du sie liebst.«
»Ihr werdet doch den Uebrigen kein Leid zufügen?« fragte Ines forschend dagegen.
»Der Capitän, mein Bruder, hat darüber zu entscheiden, und die weise Pilagoterigenat!« erwiderte der Cazik achselzuckend; »je mehr ich aber dich ansehe, Kind, je bewegter wird mein Herz. Ich habe nie eine Tochter gehabt, sonst müßtest du die Meinige sein.«
Das Lager des Stamms wurde sichtbar und deutlicher. Leichte Rohrdächer auf schlanken Pfählen ragten in die Luft. Einige zerfetzte, irgendwo den Spaniern abgenommene Zelte brüsteten sich, von fliegenden Wimpeln umgeben, in der Mitte der regellos zerstreuten Hütten. Ein Graben schloß das Lager ein, aber diesseits des Grabens weideten die Pferde des Volks, und der erste Laut, den die Ankömmlinge vernahmen, war die Glocke der Madrina[5]. Einige Augenblicke später ertönte ein gellender Ruf aus vielen Weiberkehlen. Aus dem hohen Grase stiegen Pferde auf. Auf ihrem Rücken hingen die abiponischen Weiber: Mädchen und Frauen. Die Ersteren trugen den aus der Ferne gesehenen Männern Schläuche mit Chika, die Zweiten die Säuglinge an der Brust entgegen. Ihr Jubel war grenzenlos, und scheuchte die Hundebanden in's Weite, die außerhalb des Lagers an den Ueberbleibseln der geschlachteten Ochsen und Schafe nagten. Gestreckten Laufs kamen die Weiber heran, — schöne Gestalten, den wohlgebauten Männern nicht nachstehend, freundlichen Angesichts, mit rabenschwarzen Haaren. Das Wiedersehen hatte alles Feuer des Süden. Ein lustiges Getümmel mischte sich in den kriegerischen Zug. Die Lanzen und Bogen wurden den Männern abgenommen, der Meth ihnen kredenzt, und nach dem ersten Sturme des Willkommens reihte sich die Schaar der Weiber um Ines und Justine. Die blendende Farbe der Letztern, ihr fremdartiger Anzug; die Entschlossenheit, mit der sie zu Pferde saß; ihre Freundlichkeit, trotz der Lage einer Gefangenen, erregte Theilnahme. Die Weiber berührten ihre Hände, ihr Gesicht; zogen ihre seidenen Haare durch die Finger; erstaunten über ihre Augenbraunen und Wimpern, welche von den Abiponern vertilgt werden; verwunderten sich, daß sie kein eingeätztes Kreuz auf der Stirne trug, noch eingegrabene Figuren auf den Armen und Füßen, wie die Abiponerinnen, sagten ihr tausend Schmeichelworte, von welchen die arme Deutsche nichts begriff, und führten sie, sammt der lebhaftbegrüßten Ines, die nicht genug erklären konnte, nach dem Zelte der Capitana, während der ganze Kriegertroß sich's in der wandernden Heimath bequem machte, die Weiber mit Geschenken vergnügte, das Gepäck ablud, und die Pferde in die Weide jagte. Die Capitana saß unter dem Eingange des Zeltes, und auf ihrem Schooße ruhte ein vor wenigen Tagen geborner Sohn. Die Mädchen klopften mit Zweigen an die Wand des Zelts, und riefen: »Heil bringe dem Sohne die Fremde, die wir ihm zuführen!« — Die Frau des vornehmsten Caziken, dieselbe, die unter dem Eingange saß, ein nicht mehr junges, aber rüstiges Weib, stand auf, ging Justinen entgegen, und hielt eine lange Anrede. Ines antwortete der Begrüßung. Nun schlugen plötzlich alle Umgebenden verwundert in die Hände, und riefen: »Bei unsern Vorfahren! ist diese nicht die Tochter unserer Mutter? Der Gejenk der Savannen hat noch nie zwei Eier gelegt, die sich ähnlicher gewesen wären!« — Die Capitana schrie auf, und fiel in Ines Arme. — »Ach!« sagte sie weinend: »bist du's denn, arme, verlorne Misinga? die ich, auf der Flucht vor den bösen Waldreitern, entschlafen auf dem Pferde, aus den Armen verlor? Hat dich das Raubthier nicht verzehrt? Hat dich der Spanier nicht mißhandelt? Bist du's denn gewiß und keine Zauberin, die eine Mutter täuscht?«