Zweiter Abschnitt.

Ines erkannte der Mutter Stimme wieder. Sie durfte, sie wollte nicht mehr zweifeln. Die Weiber schlugen jauchzend die Trommeln, und die Capitana riß mit dem Rufe: »komme zum Vater!« die Tochter und Justine ihr nach in's Zelt. Hier lag der Capitan, der Sitte des Volks gemäß, auf einer Matte, in Decken eingewickelt, und hielt in strengem Fasten die Wochentage seiner Frau. Allenthalben, wie eine Wöchnerin, vor Zug und Sonnenstrahl geschützt, und mit Bedeckung überflüssig versehen, horchte er gerade in seiner trübseligen Lage, während Freunde um sein Lager saßen und schmausten, auf das Mährchen, das ihm ein häßliches Weib erzählte, welches, abenteuerlich mit Federn und Zweigen geschmückt, neben seiner Matte auf der Erde saß. Kaum vermochte die Nachricht von dem glücklich errungenen Siege, und dem Wiederfinden seiner Tochter ihn zu bewegen, die Stellung, worin er sich befand, einigermaßen zu verlassen. Er streckte der weinenden Ines die Hände entgegen, und rief ihr Willkomm zu. Einige junge Leute, die mit im Streifzuge gewesen waren, begrüßten und umarmten Ines als ihre Schwester. Die Capitana war außer sich vor Freuden, und endlich priesen alle vereint sowohl das Schicksal, das ihnen dieses Vergnügen gemacht, als die mildthätigen Menschen, die für Misinga Sorge getragen. — Ines benutzte diesen Zeitpunkt, und sagte: »Vater! Mutter! Brüder! diese Menschen sind von Euch gefangen. Löst ihre Bande, und erfüllt für mich die Pflicht der Dankbarkeit!«

»Sie sollen meine Gäste sein, wenn Pilagoterigenat es erlaubt,« sagte der Cazike, nach dem häßlichen Weibe sehend.

Dieses, die Zauberin und Wahrsagerin der Horde, verdrehte überlegend die Augen, klopfte mit seltsamen Geberden auf die Trommel von Otternhaut, die ihr zur Seite stand, und antwortete mit singendem Tone: »Balichu[6]will mehr als geschlachtete Pferde! er will Hirnhäute der Feinde, sonst wird nimmer der Großvater genesen.«

Mit diesen Worten kam plötzlich allgemeine Betrübniß über die Weiber: sie warfen sich zur Erde, zerschlugen sich die Brust, zerrauften das Haar.

»Der Großvater[7]ist krank, und läßt sich nicht am Himmel sehen,«erläuterte der Cazike seiner Tochter sehr niedergeschlagen; »Balichu will ihn umbringen. Noch nie ist er so lange ausgeblieben. Es muß geschehen, was Pilagoterigenat befiehlt.«

»Misinga's Wohlthäter müssen am Leben bleiben!« rief ein Bruder des Mädchens: »wir haben Quaranier gefangen.Siemögen fallen!«

»Mordet doch keine Menschen!« bat Ines mit ängstlicher Rührung: »das bringt Euch nimmer Segen!«

Die Gefangenen wurden in das Zelt gebracht. Die Zauberin sah nach dem dämmernden Himmel und sagte: »Steh' auf, Capitan, deine Zeit ist vorüber. Dein Kind hat nichts mehr zu befahren. Iß und trink, und wähle mit deinen Freunden Balichu's Opfer!«

Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, ließ Speise und Trank herbeischaffen, und setzte sich mit seinen Freunden, den Anführern, unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwürdige Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erschöpft aber muthig. Münzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet: auf Alles gefaßt. James, der Dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Versöhnung und Angst ausdrückte, und dieses Auge gab ihm Muth. Einige Indianer, gebunden und niedergebeugt, machten den Beschluß. Ines flog an Luis Hals, streckte ihre Arme über James und seinen Pfleger aus, und rief: »Diese sind mein! diese dürfen nicht sterben, sondern beim Vater bitten für uns!« Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden Aussehen der Priester gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der Geschützten wurden gelöst; sie setzten sich zum Mahle des Capitans nieder, der ihre Stirne berührte, ihnen zu essen reichte, und somit ihre Freiheit heiligte. Ines führte Justine mit schmeichelnder Geberde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgesondert standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Fürbitte für die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mächtig, so wie diese Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf die blutdürstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Füßen, gaben ihr hundert Schmeichelnamen, — nannten sie den blühenden Vollmond, und bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde rege. Die Flehenden waren hübsche, junge Leute, die sich ihrer Fürbitte anvertrauten. Sie nickte bald, bald schüttelte sie nachdenklich das Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rührte das Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krümmte sich, murmelte viele unverständliche Worte, und sang dann wie in Verzückung: »Hört, Capitane! Hört, Abiponer! ihr schnellen Reiter in den Haiden! Ihr schnellen Feinde der Straußenbrüder![8]Hört, was Pilagoterigenat Euch verkündet! Ihr seid menschlich und liebevoll im Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brüdern![9]Ihr fraßet sie nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auchdiesehier, ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden, aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden muß, damit er den Großvater wieder loslasse. Ihr seid glücklich im Siege, der Meth ist gerathen, die Pferde sind gesund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht seid! Eure Sünde hält den Großvater nicht in Schweiß und Mattigkeit gefesselt. Eine fremde Sünde muß es also thun; und diese Sünde liegt in dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in'sLager brachte. Ihr erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm keinen Trank mehr. Ich röste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet sein Stöhnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken! wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte und die Hände rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod — das ist Pilagoterigenats letztes Wort — besänftigt allein unsern Feind.«

Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen, und viele junge Leute stürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die den Unglücklichen, so kaltblütig zum Tode Verurtheilten beherbergte. »Jesus, was wird das geben!« sagte der Pfarrer von Dominica zu dem Pater Xaver: »Hat mein Auge nicht schon der Gräuel genug gesehen?«

Münzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erläuterung der seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden sich vernehmen ließ. Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen. Zwei Jünglinge mit Skalpirmessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob sich Alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Capitan niedergelegt wurde. Die Schwarzkünstlerin, begierig, endlich ihren Willen erfüllt, Blut fließen zu sehen, geberdete sich rasend, auf den Verdammten zeigend, und schreiend: »Derist's!derist's! herunter mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!«

Die Weiber heulten laut auf. Die Männer sangen ein Todtenlied. Die Opferer näherten sich mit seltsamen pathetischen Geberden dem Schlachtopfer: Luis und Xaver knieten, zugedrückten Auges, betend hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese jedoch stürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand des Bedauerns und der Wuth hin, umfaßte ihn krampfhaft, und kreischte, daß die weite Ebene hallte: »Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen! Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!«

Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den Senator, der, abgehärmt wie der Tod, kümmerlich in eine Decke gehüllt, ohnmächtig an dem Busen der verzweifelten Tochter hängt; James sieht die Mordmesser über Justinen's Haupte schweben. Des geliebten Mädchens Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Bedenklichkeit: »Justine!« ruft er, und setzt in den Kreis, stößt die Mordlustigen von dem Mädchen zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wüthet ihm gegenüber, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Gelenken. »Fort mit der tollen Fremden!« brüllte sie: »das Böse sitzt in ihr. Fort mit ihr, wenn Euer Leben und der Großvater Euch lieb sind!«

Es giebt unter der Menge Gemüther, die dem Aberglauben unbedingt gehorchen. Diese werfen James zu Boden, und schleppen ihn zur Seite. Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfaßt Justine mit voller Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeschrei zu hören, zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem Feinde Preis gegeben, denn, stark wie ein Löwe, und stolz wie dieser, umschlingt den Betäubten der Pater Xaver. Ein Sieg verdienender Heldenmuth blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem Scheitel entflohen zu sein. »Müssinger!« ruft er dem sich Ermannenden in's Ohr: »Du lebst noch!nochsehe ich, der Reuige, dich wieder! Vergieb, wie ich bereue. Mein Blut für dich, odermitdem deinen!«

Lächelnd sieht er gen Himmel: aus dem dämmernden Azur scheint die Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. »Clara!« sagt er mitleiser himmlischer Sehnsucht: »Ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen! hilf uns empor!«

Während James wüthet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die Haufen, um das fest umschlungene Paar versammelt, unschlüssig auf das Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken, und schildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzulässigkeit ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber betrübt klingen stets die Worte wieder: »der Großvater stirbt: Vater! sollen wir ihn sterben lassen!«

»Gott ist Euer Vater!« predigt mit jugendlichem Feuer der Greis: »jene Sterne sind nicht Eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mächtigen Hand! Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann Er, unser einziger, heiliger Gott, es will;nicht, wann Ihr einen Menschen schlachtet. Noch mehr, meine Freunde!einGedanke fliegt aus meiner Seele zum Himmel auf, einEinziger, —eineBitte, und dort leuchtet schon das Siebengestirn!«

Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt benützend, deutet der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller Augen folgten dem Fingerzeig; alle Mienen belebten sich mit Freude und Lust. Ein helles Gejauchze erschüttert den Plan. »Großvater!« rufen Männer, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hände klatschend: »Bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurückgekehrt? Bist du nicht mehr böse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr! sei gegrüßt!«

Und Feinde umarmen sich, und für die Gefangenen fließt Meth und Chika in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die Zauberin, die sich beschämt entfernte; Justine liegt ungehindert in des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den Füßen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheißung so schnell in Erfüllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns verschmelzen ineineFeier. Jeder liefert seinen Beitrag hiezu. Der Platz vor des Capitans Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel und Getränke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen blasen zum Tanz, und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden. Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflasche, tanzt in wüsten Stellungen die Schwarzkünstlerin, die sich wieder eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und springen; andere singen Kampfgesänge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen mit ein, und auf den Häuten des Yagurate, oder des Stiers, gelagert, trinken die Männer aus Hirnschädeln erschlagener Feinde oder getreuer Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauschenden Meth, die gährende Chika; hören dem Pfarrer von Dominika zu, preisen den Gott der Spanier, und beschließen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. »Wir haben deine Kinder getödtet,« sagen sie dem Pater treuherzig, »weil wir Euch für unsre Feinde hielten, und nach Beute lüstern waren; aber —wirselbst wollen von nun an dich Vater nennen, und deinen Caziken gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist, und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein gethan!«

James und Münzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus dem Gewühle entfernt, und gingen, erzählend und dankend und zufrieden, längs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrzelt, wohin Ines den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestört seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke Vater schlief. Justine saß zu seinen Füßen, und ihr Herz war leidend und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen, und die Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten sich nur die Hände, und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht im Geringsten. Das Abendlicht war so helle, daß Justine ohne Mühe den Doctor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hände entgegen, und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit selbst keine Waffen hat: »was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr, Monsieur White? O, kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater — vielleicht in seinem letzten Schlummer! laßt ihn, wenigstens im Tode, seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, laßt mir die Neige.«

Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thränen im Blicke, Münzner mit Feuerqual in der Brust. — »Kaum wieder neu belebt durch das Leben meines Freundes,« sagte der Doctor schwermüthig, »so verstößt mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedürftig! auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft, falsch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun, — welch' verlornes Leben!«

»Wir wollen zusammen gehen!« erwiderte James. »Zusammen und vereint dulden, wenn diese wilden Räuber uns nicht vereint noch tödten! hören Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche Schrecken, welche nie erhörte Lage umgiebt uns? ist es nicht ein Traum, daß ich auf der Parana schiffte, in Dominica sie wiederfand? daß wir nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier in den Savannen athmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache; denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und Alles ist nur Täuschung, eines schweren Schlummers Werk.«

»Wäre es doch also!« versetzte Münzner. »Leider leben wir in der rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Südamerika's, dort ragen die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger, und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her, und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr als dort ganz in der Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen scheint.«

»Wahrlich!« sagte James, hinsehend; »welch neue Erscheinung! ist nicht alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavastrom um den Saum der Savanne?«

Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die Erscheinung ebenfalls bemerkt, und standen, sie still betrachtend. Das Feuer, wandelnd, abwärts steigend, verschwand bald, bald kam es wieder hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente es bemerkbar machte.

»Das ist nicht Wald, nicht Erdfeuer!« sagte ein Abiponer, dessen Augen, im Dunkel sogar, Falkenschärfe hatten; »das sind wandelnde Holzbrände! ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist, der dort kömmt.«

Die Abiponer geriethen in stürmische Bewegung. Die Männer pfiffen den Pferden, die Weiber den Hunden, Kinder und Heerden, Alte und Kranke, Waffen und Vorräthe wurden auf einen Haufen geschleppt, alleFackeln ausgelöscht; tiefe Stille geboten, und lauschend drückten die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. — Diese Kinder der Natur, mit den geschärftesten Sinnen, hören aus weiter Ferne das Schnauben von Thieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt schienen, Gemurmel und Getöse von Menschen.

»Beruhigt euch,« sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem Doctor und James, »ich weiß, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der verwichenen Nacht, war mit mir auf's selbe Pferd gebunden, wußte seine Bande zu lösen. Gott schütze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe dir Hülfe. Dort hinter den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschießt. — Im Grase kriechend verlor er sich aus den Augen, und gewiß — ganz gewiß ist jenes Lichtmeer ein Bote seiner Hülfe. Unsere Fackeln zeigten den von den Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen jetzt sicher, um uns zu befreien.«

Die Abiponer rührten sich nicht, im Anschauen der seltsamen Erscheinung verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen versicherte, es würde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leides geschehen, so lange er auf ihrer Seite stände. Der Tag war bereits angebrochen, als sich im Strahle des Morgenlichts die Scene entwickelte. Durch die grasige Ebene näherte sich ein großer Haufe. Gewehre blitzten in langer Reihe. Dieser Anblick entmuthigte die Abiponer, und sie wollten, dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt sie mit seiner Beredsamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf Flintenschußweite Halt. Sie hatten sich beinahe sämmtlich mit Pferden der Savanne beritten gemacht. Eine schimmernde Fahne flatterte in ihrer Mitte. Die Abiponer staunten das Panier mit dem goldenen Kreuze an, und blickten auf Don Luis, der die Obersten aus ihnen wählte, und von ihnen, Pater Xaver, James und der dienstfertigen Ines begleitet, wie in einer feierlichen Procession, mit weißen Federn wehend, auf die Fremden losging. Weiße, schwarze und rothbraune Männer saßen regungslos, den Karabiner oder die lange Flinte in der Faust, auf den Pferden; dürftig gekleidet, aber voll von Kraft und Muth. Bei dem Paniere hielt, von einigen besser gekleideten Anführern umgeben, der Hauptmann des ansehnlichen Trupps: eine herrliche Mannsgestalt mit schwarzem Bart und frisch gerötheten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehüllt, Stiefel und Sporen an den Füßen, einen Strohhut mit einer bunten Feder auf dem Kopfe. Ein breiter Ledergürtel hielt ein Paar Pistolen und einen gewichtigen Säbel. Eine Doppelflinte hing über seinen Rücken. — Kaum hatte er von ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde sprang, und stürmisch auf ihn zulief. »Beim heiligen Jakob!« rief er ihm auf spanisch zu: »Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden wir uns hier, und bin ich nicht gekommen wie der Blitz? Ihr Name, den mir der Bote nannte, war genug; mein Korps stieß zusammen, und hier sind wir; fast unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um Euch zu beweisen, wie Ernst mir's war.«

»Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen,« sagte Luis hierauf; »Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu sein, werdet Ihr Taufpathe!«

Die Taufe. — Trennung. — Unschuldige Liebe. — Zug in die Berge. — Der gute Jesus in den Wildnissen. — Fernandez. — Der Flüchtige. — Der Fürst der Wildnisse. — Das Bild des Erlösers. — Reue, Bekenntniß und Versöhnung. — Sehnsucht nach außen. — Der Doctor in den Wäldern. — Der Vorposten. — Hauptquartier zu la Guasta. — Brigadier und Assistent. — Gezwungener Verrath. — Kriegssturm. — Das Asyl in den Felsen. — Die verdächtigen Fremden. — White's Edelmuth. — Die Flucht aus den Felsen. — Strand, Schiff und Heimath. — Der Maierhof zu St. Dominica. — Xaver's Brief. — Schluß. —

Die Taufe. — Trennung. — Unschuldige Liebe. — Zug in die Berge. — Der gute Jesus in den Wildnissen. — Fernandez. — Der Flüchtige. — Der Fürst der Wildnisse. — Das Bild des Erlösers. — Reue, Bekenntniß und Versöhnung. — Sehnsucht nach außen. — Der Doctor in den Wäldern. — Der Vorposten. — Hauptquartier zu la Guasta. — Brigadier und Assistent. — Gezwungener Verrath. — Kriegssturm. — Das Asyl in den Felsen. — Die verdächtigen Fremden. — White's Edelmuth. — Die Flucht aus den Felsen. — Strand, Schiff und Heimath. — Der Maierhof zu St. Dominica. — Xaver's Brief. — Schluß. —

Die Abiponer, eifersüchtig, ihr Wort zu halten, wenn sie es gleich im Rausche gegeben, — von Dankbarkeit für den Pater Luis durchdrungen, weigerten sich der Taufe nicht, die mit so vielen Feierlichkeiten statt fand, als in der Savanne nur anzuwenden waren.

Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Priesterfürsten vom guten Jesus in den Wildnissen, wurden alle Männer des Stammes Fernandez, — nach der liebenswürdigen Cazikentochter Misinga, alle Frauen und Mädchen Ines genannt. — Als die Ceremonie vorüber war, kamen alle Führer der Abiponer auf Luis zu, drückten ihm die Hände, küßten sein Kleid und sagten: »Wahrlich, du bist ein guter Mann, was auch Pilagoterigenat sage, die wir in's Freie gejagt haben, daß sie nicht wiederkomme. Du hast uns den Großvater und des Capitans Tochter wiedergegeben, und deinen Gott mit uns getheilt. Wenn du uns ernähren und nicht strafen willst, so begehren wir, mit dir nach deiner Heimath zu ziehen. Wir haben deine Hütte verbrannt: wir wollen sie wieder aufbauen; wir wollen dein Volk werden, und nicht in das Gebirge mit dem fremden Manne gehen, weil wir dort unsere Pferde schlachten müßten. In deinem Lande hingegen ist'seben, und Wild und Gras und Wasser fehlt nicht, und, weil du Misinga erhalten, wirst du unsauchnicht verlassen, und darum lieben wir dich.«

Die Antwort des Pfarrers war bejahend, und des redlichen Alten Brust hob sich freudiger bei dem Gedanken, in seinen entvölkerten Pflanzort wieder neue Kinder des Segens einzuführen. Alle Bedenklichkeiten des jungen Vereira widerlegend, beschloß er die Heimkehr an der Spitze der Abiponer, und bat seinen Vetter nur, die Fremden nicht verlassen zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurückkehren durften. Vereira versprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit, und Jedes ging seinerseits dahin, die Vorbereitungen zur nahen Trennung zu treffen. In dem Getümmel, das dadurch entstand, begegnete dem Doctor Münzner Justine, die ihn unter der Menge ausgespäht hatte. Schnell zusammengetroffen, standen Beide einander gegenüber. — Justines Antlitz drückte Verlegenheit, Münzners staunende Ueberraschung aus.

»Ein Wort, mein Herr,« sprach Erstere schüchtern: »ein Wort der Bitte, mein Herr, wenn Sie es anhören wollen. Sie haben gestern großmüthig und edel meines Vaters Leben beschützt, — mit Ihrem eigenen Leben; — ich erfuhr es heute erst durch den Vater; ich war gestern blind vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung meiner Härte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen verlangt. — Schlagen Sie ihm die Wohlthat, — mir die Gelegenheit nicht ab, Ihnen auf's Neue dankbar verpflichtet zu werden.«

Sie schwieg erwartend, sie hatte viel über sich und ihren Groll gewonnen.

Münzner stand beschämt vor der Tugend eines Kindes, das seinen Vater über alles liebt. »Meine beste Jungfer ...« erwiderte er, »... wenn Sie wüßten, wie Ihre Worte mein Herz berühren ...« Er vollendete nicht;Thränen, die seine Augen nur mit Gewalt zurückdrängten, verhinderten ihn daran. Aber, als er seinen Freund wieder sah, — dahin siechend auf armseliger Matte, — aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend, und dabei ruhig und geduldig, wie ein schon Abgeschiedener, da kamen dennoch die Thränen auf's Neue über ihn, und er wurde ihrer nimmer Meister. Ueber den Senator bückte er sich, legte seine Stirne an die fieberhaft brennende des Kranken, und sagte nur die Worte: »So uns wiedersehen, mein Freund?«

»Ach! schon genug, daßWiruns noch wiedersahen!« erwiderte der Senator: »ich war des Lebens überdrüssig geworden. Meine Krankheit nahm zu. Meine Tochter wieder zu sehen hoffte ich nicht mehr. Die Zeit schlich mir träge dahin. Endlich dachte ich: es sei das Beste, den Anguaybaum aufzusuchen, von dem mir die Quaranier so viel sagten. Sein Balsam sollte mich heilen, oder die Mühseligkeit des Wegs mich umbringen. Euch nicht im Voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorsatz geheim, führte ihn ohne Euer Mitwissen aus. Der zweite Morgen unserer Reise war auch schon der Letzte meines armen Führers. Mit unserer Reisetasche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein Tiger, der mit schon blutigem und dampfendem Maule aus dem Dickicht mit entsetzlichem Sprunge setzte, riß ihn zu Boden, schleppte ihn unbarmherzig in das Gestrüpp. Ich floh — beinahe unbekleidet, ohne Speise, und ohne den Weg zu wissen. Ein Abiponer fand mich am Abend, beinahe verschmachtend am Boden liegend, und brachte mich in das Lager seiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menschlich, aber vielleicht ist der Name St. Dominica, den ich stammelte, mit eine Veranlassung zu Euerm Unglück gewesen. — ZumeinemGlücke. Ich habeSiewieder gesehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihren und der Tochter Armen zu sterben.«

»Ich gehe nach Dominica zurück,« antwortete Münzner verlegen und trübe: »meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.«

»So ist es wahr?« seufzte der Senator, wehmüthig die Hände faltend: »Sie wollen mich verlassen, während ich mich an Sie gewöhnte, wie das Kind an die Mutter!Siemich verlassen, und ich hänge an Ihnen!«

Münzner zeigte bedeutend auf Justine, die bleich und schweigend gegenüber saß.

»Sie haben eine vortreffliche Tochter,« sagte der Doctor.

»Ja, Dank sei dem Vater im Himmel!« versetzte Müssinger, Justinens Hand drückend: »Sie ist gut, aber ihre zärtliche Liebe genügt dem Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligste Pflicht hält Sie hier zurück.«

Münzner schwieg, sinnend, widerstrebend, vergleichend, in schwerem Kampfe. Justine erhob sich, trat vor ihn, und sprach mit einfacher rührender Milde zu ihm: »ja, mein Herr! IhreheiligstePflicht. Mein guter Vater würde, fürchte ich, in Verzweiflung gerathen, wenn Sie von uns scheiden. Sie haben verstanden, sich mit ehernen Banden an sein Herz zu ketten; zerreißen Sie es nicht mit der Fessel! —«

»Wie, Mademoiselle?« fragte Münzner schwankend; »Sie, Sie halten mich auch zurück? Sie, die mich haßt, — die mich verachtet?«

»Ich bin nicht unversöhnlich,« sagte Justine mit vieler Klarheit: »ich habe Sie nie verachtet ... Gott! nein! gefürchtet hab' ich Sie und verabscheue noch Ihr Kleid! Aber — könnten Sie zweifeln, daß ich Ihnen das Verderben meines Hauses aus voller Seele vergebe, wenn Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben verlängert? Bleiben Sie daher; ich beschwöre Sie jetzt so aufrichtig, als ich Sie gestern aus diesem Zelte wies. Theilen Sie mit mir die Sorgfalt für meinen Vater.«

Münzner konnte nicht widerstehen: nicht dem Bitten des Senators, nicht der einfachen Rede der Tochter. »Sie sammeln glühende Kohlen auf mein Haupt,« sagte er: »ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kömmt die Zeit, die unumgänglich die Erfüllung meiner Ordenspflicht begehrt, so finde ich auch über St. Sebastian meiner Reise Ziel.«

»Recht, mein Freund,« sagte Pater Luis, der — die letzten Worte hörend, — mit Vereira und James in das Zelt trat. »Vergessen Sie den guten Jüngling nicht, der nicht nach Dominica zurückkehren kann, ohne das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Antheil, den er an Ihrem Schicksale nimmt, wohl auch Ihre Theilnahme verdient.«

»Darf ich?« fragte James schüchtern, ohne kaum die Augen gegen Justine aufzuschlagen.

»Mein Retter!« rief der Senator freudig, drückte ihn an seine Brust und weinte: »womit kann ich dich belohnen, was du für mich gethan? Ich bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein schwaches, kaum noch schlagendes Herz! Ich muß verhungern, wenn nicht Wilde mich speisen, oder mitleidige Christen mich unterstützen.«

»Ihr Unterhalt ist die Sorge dieses Mannes,« antwortete Luis, auf Vereira zeigend: »Ihre Heilung dürfen Sie getrost von seinem Oheim erwarten. Im Uebrigen sind Sie kein Bettler. Ihr Testament muß Ihnen zurückgestellt werden. Ich werde an den Provinzial berichten.«

»Hoffen Sie nicht darauf,« sagte ihm bekümmert und leise Münzner in's Ohr: »der Empfangschein des Documents wurde mit dem Pfarrhause ein Raub der Flammen.«

Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Justine zu, umarmte sie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhaftesten Geberden von ihr Abschied, und sagte alsdann zu Luis gewendet: »Alles ist bereit, mein Vater! führe uns Alle, die der Jungfrau Gnade erweckte, in unsre zweite Heimath. Wir folgen Dir!«

Luis blickte auf die Freunde, die er verließ, — sein Auge wurde feucht. Seinen besten Segen legte er auf Müssingers Haupt, und verließ, ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Justine, die beim Vater blieb, folgten ihm.

»Um Gotteswillen!« sprach er zu den Männern, die seine Hände schüttelten: »macht mich armen alten Sämann nicht weich und kindisch. Keinen zärtlichen Abschied. Ich brauche alle meine Kraft, um in meinem ein und siebzigsten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig Jahren anfing. Wohl werden neue Hütten zu Dominica entstehen; wohl werden viele meiner Kinder wieder dahin zurückkehren, und Gott mir beistehen, daß ich die bekehrten Widersacher zum Frieden leite. Für einen erschöpften Greis ist aber das Werk dennoch groß und zweifelhaft. Laßt mich daher ohne Kummer und Schwäche scheiden. Ueber den Himmeln sehen wir uns wieder, und ich will der Erste sein, der auf dem Platze ist. Gott, Glück, Heil und Segen — kurz — Gott mich Euch!«

Er wendete sich rasch um, nach der Gegend zu, wo die Abiponer zu Gaule saßen, Vereira folgte, eine Thräne zerdrückend, seinem Beispiele, und ging zu seinen Leuten. »Lebt wohl, Vater Luis!« rief James; »eine Seelenmesse für die arme Lainez!« rief ihm Münzner nach. Ines kam hastig auf James zu, ängstliche Unruhe in den Blicken. —

»Wie, mein Herr und Freund?« sagte sie: »dort steht ein Pferd für Euch gezäumt. Zögert Ihr? Kommt!«

»Nein, mein gutes Kind!« antwortete James: »ich kann, ich darf nicht mit dir gehen.«

Alle Röthe trat von den Wangen des Mädchens zurück. »Nicht?« stammelte sie; »nicht? Jago! nicht mit mir?«

»Es würde mein Unglück sein, Ines! ich müßte darinnen vergehen!«

»Unglücklich sollt Ihr nicht sein, Herr, wo Ines glücklich ist. Nicht sterben, wo Ines lebt. Aber Ines wird arm sein, wird sterben, wo Ihr nicht seid.«

James schwieg erschüttert. Mit dem Weinen kämpfend, fuhr Ines fort: »sagt mir wenigstens, wo Ihr hinzieht. In jene blauen Berge? in die Gegend, wo das große Wasser sein soll?« James nickte. »Ich ziehe mit Euch, Jago!«

James erschrack. »Was willst du thun, Ines?« fragte er. »Welch ein Gedanke?«

»Höret, Jago. Mein Vater, der Capitan, ist aus dem Stamme der Ruhaker entsprungen, und hat sich die Mutter aus dem Stamme der Yaaukaniga geholt, und sie folgte ihm, Alles dahinten lassend.«

Das Erstaunen des Jünglings stieg. »Ines, welche Rede?«

»Ich will Euer Weib sein, Jago, wenn Ihr mich leiden könnt! —«

»Ines! wo denkst du hin? Deine Eltern....«

»Eltern und Brüder willigen ein. Es ist eine Ehre für sie. Kommt mit uns, oder lasset mich mit Euch gehen.«

»Keines von Beiden, Ines! vergiß mich, und folge einem andern wackern Manne. Ich darf nicht annehmen, was mir deine Unschuld bietet.«

Ines weinte heftig. »Gesteht es nur!« sagte sie schluchzend, »die Sennora ist schöner, als ich. Bedenkt aber, Jago, daß sie eine Ketzerin ist.«

James lächelte wider Willen. Dieses Lächeln zerschnitt das Herz der Indianerin. Empört wollte sie fliehen; er hielt sie, gut machend, sanft zurück, sah ihr ehrlich in's Auge, und sprach: »Behalte mich lieb. Die Sennora wird nicht mein Weib. Ich muß ohne Gattin bleiben, wie Pater Luis und Xaver.«

Ines lächelte etwas zufriedener. »Nehmt mich auf Eure Pfarre, Vater Jago,« begann sie nun, »ich will fromm sein, und Euch bedienen, wie den guten ehrwürdigen Vater Luis; unverdrossen und freudig, wie man der heiligen Mutter dient.«

»Und du wolltest den ehrwürdigen Vater verlassen?« fragte James mit gelindem Vorwurf: »gerade jetzo, wo er deiner Hülfe am meisten bedarf? und die Eltern verlassen, die du kaum wieder gefunden? mir in die rauhen Berge folgen, wo vielleicht der Mangel meiner harrt? Besinne dich.«

Ines schlug die Augen nieder, wischte sich die blinkenden Tropfen von der Wange, verbiß den neu aufquellenden Schmerz, und antwortete: »ich danke Euch, Vater Jago. Ihr habt mich erinnert, daß ich meine Eltern und den Vater Luis zu pflegen habe. Ich will Euch gehorchen; ohne Murren. Die Mutter im Himmel wird mich ja beruhigen. Denkt meiner, betet für mich.«

Sie reichte ihm zögernd und dennoch sehnend die Hand, und wendete sich halb von ihm. Er drückte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog sie die Finger aus den Seinen, rief mit ausbrechender Klage: »Ach! und dennoch werdet Ihr sehen, Jago, daß Niemand in der Welt Euch liebt, wie ich es thue!« riß sich kräftig von ihm los, und eilte wie ein fliegender Vogel den Landsleuten zu. Wie betäubt sah ihr James nach, und als ob mit der unschuldvollen liebenden Indianerin ein Theil seines Herzens sich losgerissen hätte. Augenblicklich setzte sich die Abiponer-Horde in Bewegung. Ines saß weinend, ohne zurückzuschauen, auf ihrem Pferde. Nebenihr ritten die tröstenden Eltern, und Luis, der noch einige Male zurückblickte, mit seinem Tuch winkte, und endlich unter dem Schwarme der Neubekehrten verschwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die fernen Grasspitzen wuchsen immer höher an die Pferde der Fortziehenden hinan. Endlich ragten nur noch die schwankenden Speere am Horizonte hervor, und James stand noch immer mit untergeschlagenen Armen da, den zerrinnenden Schattenbildern nachstarrend. Das Horn der Krieger des guten Jesus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde so eben, auf einer bequemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorüber geschafft, um von dem sanftesten Thiere getragen zu werden.

Stumm schloß sich James Justinen an, die sorglich ordnend, und ängstlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Thränen in Justinens Augen, und fragte bescheiden nach deren Ursache.

»Ich weine der guten Ines nach,« antwortete Müssingers Tochter; »dem Mädchen, das mich, ohne mit mir reden zu können, inniger liebte, als irgend eine Seele auf der Welt. Ich möchte fast bedauern, daß sie ihre Eltern fand, und ihnen folgte. Sie hätte sich nicht von mir getrennt. Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fraß des Feindes Schwert, oder das Feuer!«

»Allein, beste Jungfer?« fragte James mit schonendem Vorwurf: »sind wir Ihnen nicht geblieben? werden Sie unsere freundliche Hand zurückstoßen? haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?«

»Ach, mein guter Monsieur!« sagte Justine entgegen, — »Eurem Herzen, — ja selbst dem des Doctors — vertraue ich gern mich selbst und den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wüste schmiedet uns zusammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befürchte, daß ein leichteres Verhältniß uns wieder scheide in Groll, in Meinung, in Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich aussprechen. Denkt jedoch an die Kette eines Sklaven, die ihn mit einem Andern verbindet, obschon sein Geist von Kette und Gefährten sich frei zu machen wünscht.«

»Das ist mir genug,« entgegnete James sehr gekränkt, und blieb weit hinter Justine zurück. Der Zug setzte sich in Bewegung, und ging langsam der Abendkühle entgegen. Im tiefsten Dunkel gelangten die Reisenden an den Fuß der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern rüstiger Träger genommen, und von vielen Harzfackeln umgeben, ging's bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurück. Blos die Maulthiere für Vereira, Justine und den Pater blieben bei der kletternden Schaar. Die Morgenröthe fand sie auf der Berghöhe, in romantischen Waldpfaden, die immer noch bergan führten, bis sie in eine trockne, steinigte Fläche ausgingen, ringsum von niedersteigendem Wald begrenzt, eine Schlucht ausgenommen, durch welche sich eine herrliche Fernsicht zeigte.

»He acqui el nuestro paraiso del buen Jesu en los bosques!« rief Vereira mit Löwenstimme, nach der Ferne deutend, und warf sich unter dem Schatten der letzten Bäume nieder. Die Seinigen folgten jubelnd seinem Beispiele, und der Zug rastete, damit die Sonnenhitze vorübergehen, und jedes Auge sich an dem schönen Anblick ergötzen möge.

»Das gelobte Land!« sagte Münzner zu seinem Zögling, auf das Thal deutend, das sich unter ihren Füßen ausbreitete. Es schien zur Ruhe geschaffen; ein versteckter, stiller, reizender Erdwinkel. Die Abhänge von schwellendem grünen Rasen belegt, hin und wieder nur von Felswänden unterbrochen; aber auch diese lebten, denn silberne Sturzquellen entsprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von steinsprengenden blühenden Bäumen. Lang, schmal und halbmondförmig zog sich das Thal in die Tiefeentlang, bewässert von murmelnder Fluth, bepflanzt mit üppigen Bäumen, durchschnitten von ruhigen und in Fülle liegenden Feldern, von heitern gelben Fußpfaden, geschmückt mit zierlichen Cabanen, mit Hütten von Rasen oder Rohr erbaut. Da, wo das Thal sich krümmt, lag eine ansehnliche Gruppe von Häusern, leicht und schlank gebaut, mit schmucklosen Dächern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan gehend bis zum Saume der ringsum schützenden Wälder. Eine freundliche Sonntagsruhe schien über das Thal gebreitet, die Felder unbevölkert, keine Heerde auf den Triften, kein Mensch in Feld und Flur und auf den Wegen.

»Es ist heute Feiertag,« erläuterte Vereira, »und alle unsre Greise und Weiber sammt ihren Kindern in der Kirche. Die rüstigen Männer sind alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen hütet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgesang. Beides ist nicht Sitte bei uns, damit der fern hindringende Schall nicht unser Dasein dem Feinde verrathe; denn Feind ist uns jeder Portugiese, jeder Spanier, der im Dienste seines Herrn und bewaffnet kömmt. Die Portugiesen thun in neuester Zeit dergleichen, als wollten sie wirklich das Innere ihres Landes sich eigen machen, und ihr äußerster Wachtposten la Guasta ist kaum sechs Wegstunden vom guten Jesus entfernt. Allein die schroffe, steinige Wüste, die uns gegen jene Seite hin umgibt und versteckt, wird die Weichlichen schon abhalten, ihre Entdeckungslust weit zu treiben. Wäre es auch.... wehe ihnen! Lebendig käme das Detachement nicht aus unserm Thale.«

»Aber, Herr,« fragte James verwundert; »man rühmt ja Eures Oheims Milde und die patriarchalische Gutmüthigkeit, die die Grundlage seiner Regierung ausmachen soll. Wie vereint sich das mit Eurem kriegerischen Thun und Eurem Stand?«

»Ich bin nicht geistlich,« antwortete Vereira lächelnd, »und wenn ich in einer Kutte gehe, die dem Kleide des heil. Franziskus ähnlich sieht, so geschieht das blos, um meines Oheims Uniform zu tragen; eigentlich, um mich vor dem Volke als den sogenannten Kronprinzen vom guten Jesus in den Wildnissen zu legitimiren. Mein Onkel, der ein tapferer Soldat in den Carabiniers von Arragon gewesen, denkt übrigens wie ich, daß der Friede nöthigenfalls nur durch den Krieg erhalten werden könne. Die Jünger Loyola's und die Statthalter des Königs Johann sind uns gleich verdächtig. Wahrlich, mein Vater, wäret Ihr nicht ein kaltblütiger Deutscher, der mehr Ehre im Leibe hat, als ein Portugiese oder ein Franzose, bequemer schweigt, und die Gastfreundschaft des guten Pater Luis, — welcher leider auch Euer Kleid trägt, — genug zu schätzen weiß, um ihn, der Euch empfahl und Uns, seine Verwandten, nicht zu verrathen, — ich würde Euch nicht mitgenommen haben. — Mit einem Portugiesen macht man übrigens nicht so viel Federlesens. Man schießt ihn vor den Kopf, und er mache dann was ihm beliebt.«

»Sie sollten eine Armee kommandiren,« — antwortete Münzner lächelnd. —

»Beim heiligen Jakob!« fuhr der kampflustige Fernandez fort: »das wäre eben meine Freude. Ein Commando gegen die Portugiesen! Ihr werdet Euch freilich wundern, wenn ich Euch sage, daß unser Haus selbst aus Portugal stammt; daß einer unsrer Vorfahren selbst vor achzig Jahren den Holländern — Gott verdamme die Krämer, — das Land längs den Küsten abnahm; das brasilische, meine ich. Aber der Undank, womit man ihn belohnte, bewog unsre Branche, die schon früher nach Spanien verpflanzte, in spanischem Dienste zu bleiben, bis denn endlich auch hier derDienst so schlecht wurde, daß sich mein Onkel geistlich machte, und später auch mich vermochte, meinen Freibrief zu nehmen. Ich war Lieutenant unter den Pikenierern des Regiments der Milizen zu Lima; hing aber gerne Schärpe und Federbusch bei Seite, da mich der Onkel beschied. Seitdem suchen wir uns nun in dem Lande, wo unser glorreicher Verwandter Wunder der Tapferkeit gethan, zu behaupten; dem König Johann und allen Jesuiten des Königreichs zum Trotz. Unter Anderm, Pater Xaver, thut mir die Liebe, und legt Euer Kleid ab.«

»Wie?« fragte Münzner überrascht: »Verstehe ich Sie, Sennor Vereira?«

»Nichts Leichteres,« fuhr der junge Mann leicht und lebhaft fort; »Ihr werdet mich verbinden, und Euch einen bessern Empfang bei meinem Oheim bereiten, der schon vor dem schwarzen Rocke allein einen unüberwindlichen Abscheu hegt.«

»Das thut mir leid,« entgegnete der Doctor, kälter werdend: »ich lege aber den Rock nicht ab.«

»Wie? diese Gefälligkeit versagt Ihr mir?« fragte Vereira: »Stellt Euch nicht gewissenhaft, wo es unnöthig ist. Pater Luis hat einige Worte fallen lassen, die mir bewiesen, daß Ihr selbst Euern Stand nicht besonders liebet. Was soll denn das Sträuben?«

»Wenn ich auch den Fall setzen möchte, daß ich meinen Orden nicht liebe,« entgegnete Münzner, »so ehre ich ihn doch, und verläugne seine Insignien nicht. Ohne den Befehl oder die Erlaubniß meiner Obern lege ich das Kleid nicht ab.«

»Ihr machet mich lachen,« sprach Vereira etwas bitter: »Ihr sprecht von Euern Obern, in einer Wüste, fünfzig Meilen von jeder Mission, noch weiter von einem Ordenshause entfernt. Machet es, wie Ihr Herren es mit den Fasten macht: dispensirt Euch selbst.«

»Wenn es den Umgang mit Protestanten gälte, so könnte ich's auf mich nehmen,« versicherte Münzner mit unerschütterlichem Ernst; »Gegen Religionsbrüder lüge ich nicht. Der Pabst hat unser Gewand geheiligt und bestätigt. Ich darf es mit Stolz überall zeigen, wo man zur Messe geht.«

»In unserm Gebiete nicht!« fuhr der junge Fernandez auf: »ich verbiete es Euch!«

»So werde ich umkehren müssen!« entgegnete Münzner entschlossen, und stand auf.

Vereira hielt ihn zurück.

»Wenn ich Euch nun gehen ließe?« sagte er mit scharfem Blicke. — »Versuchen Sie es. — Ohne Lebensmittel, ohne Begleitung, ohne Obdach? in Gottesnamen! wollt Ihr um Eures Orden Ehre willen in der Savanne verschmachten? in Gottesnamen! Euern Zögling halte ich zurück, wie EuernFreund. Ich stoße Euch allein, ganz allein, hinaus. Es sei: lebt wohl!«

James, der mit gespannten Blicken Vereira's Gesicht gehütet hatte, hielt den Pater auf, den Fernandez plötzlich freundlich umarmte.

»Ihr seid ein Mann!« sagte er: »Eure Gesellschaft ist zu beneiden, daß sie solche standhafte Glieder zählt. Kommt getrost mit mir; ich will meinen Oheim schon stimmen, daß er über dem Mann den Rock vergesse. Wäre ich ein legitimer, nicht ein wilder Prinz, ich würde Euch, allem Vorurtheil zum Trotz, zu meinem Beichtvater und Hofkaplan erheben. Ich liebe die entschlossenen Menschen sehr, und Eure erste Handlung müßte sein, mich mit jener wunderhübschen Deutschen zu trauen; denn wahrlich: sie gefällt mir wohl, und verdiente Besseres, als nur die Königin dieser Wildnisse zu sein.«

Der eifersüchtige Blick James folgte dem glühenden, den Fernandez nach Justine sandte, die, ein lebendes Bild der Pietät, unfern saß, den Vater pflegend, wartend, erheiternd. Eine trübe Ahnung schlich durch des jungen Engländers Gehirn, und es sank ihm ein Centnerstein von der Brust, als Fernandez sich erhob, und sein Maulthier bestieg, um vorauszureiten. — Er empfahl den Uebrigen, sich zu ordnen, und bald nachzukommen. Darauf verlor er sich, nur von seinen Hunden und einigen Schützen, die seitwärts durch die Büsche strichen, begleitet, in den Wald, der nach dem Thale hinunterführte.

Er war, in Gedanken vertieft, nicht allzuweit bergab geritten, als in dem Gebüsche seine Hunde anschlugen, und ein Jäger seinen Gefährten pfiff. Zugleich raschelte es in dem Gestrüpp des Abhangs, wie das Geräusch eines Laufenden, und in der That riß sich auch ein Mann mit der größten Gewalt durch Busch und Hecken; kraftlos an einem Steine niedersinkend, als er den Reiter vor sich erblickte. Fernandez stutzte nicht wenig ob der fremden Erscheinung, und sprang vom Sattel, den Säbel in der Faust, denn der Niedergesunkene trug Portugiesische Uniform.

»Ha! Elender! was machst du hier?« — rief er ihm rauh entgegen, und schwang die Klinge.

Der Entkräftete warf einen muthigen Blick auf den Bewaffneten, schloß dann die Augen, und erwartete den Streich.

Dieses Benehmen machte die Hand Vereiras sinken. — »Wer bist du? wie kömmst du hieher?« — fragte er milder, und winkte den Schützen, die nachdrangen, ferne zu bleiben.

Der Fremde antwortete in schlechtem Portugiesischem: »Ich bin Soldat ..... will's nicht mehr sein, ... lieber sterben!« —

»So? was hat man dir gethan? woher kömmst du?«

»Vonla Guasta. Heute war unser Detachement abgelöst, und auf dem Rückmarsche, noch unfern von dem Wachthause, mißhandelte mich der Knabe, der Fähndrich. Ich warf ihn zu Boden — entfloh, — hier bin ich. Tödtet mich, liefert mich aber nicht aus.«

»Du sprichst wie ein Mann; du bist auch einer und doch kein Portugiese, wie ich vernehme.«

»Ich bin ein Fremder. Ein elender Seelenverkäufer hat mich in diese Gegend gebracht. Ein portugiesischer Kaper bemächtigte sich unsers Schiffs und verhandelte mich an die Soldateska auf der Küste von Fernambuk; diese sendete mich weiter in das Land. Nie fand ich Gelegenheit zu entkommen, als heute auf's Aeußerste getrieben.«

»Wohin wolltest du?«

»Ich weiß nicht Weg noch Steg. Lieber in den Tod, als zurück.«

»Recht. Du weißt nicht, wer ich bin, wer jene Leute sind, die mir folgen?«

Der Soldat sah nach der Höhe, wo zwischen grünen dämmernden Blättern die Spitze des Zugs erschien, und sagte gleichgültig: »Ich kenne, auf Ehre, nicht Euch, nicht Eure Leute, und will nichts von Euch, als entweder den Tod auf der Stelle, oder Freiheit und ein Stück Brod; ich bin den ganzen Tag gegangen und gelaufen, und sinke um vor Hunger und Müdigkeit.«

Ein Schütze reichte ihm eine erquickende Frucht, und Fernandez fuhr fort: »Es soll dir nichts mangeln, als die Freiheit, die ich dir auf ein Paar Tage nehmen muß, damit man sehe, welch ein Vogel du bist; ob ehrlich, oder Spion!«

»Spion? Herr! ich bin ein Engländer!...«

»So? ich hätte das an deiner Mundart merken sollen. Dein Name?«

Dem Fremden wurde die Antwort erspart. Ein Schrei der Ueberraschung ließ sich aus der Mitte des Zugs vernehmen.

»Vater,« — rief Justinens Stimme: — »Um Gotteswillen! sehen Sie auf. Es geschehen Wunder! Herr Birsher! Georg Birsher!«

»Wer ruft mich?« — fragte um sich blickend der Soldat, und stand wie versteinert, die Braut, ihren kranken Vater, James, den Doctor vor sich sehend. Er rieb sich die Augen, die Stirne, wollte auf Justine zugehen, und fuhr schnell und erschreckt vor dem Senator zurück. Müssinger, der Ueberraschung unterliegend, vermochte kein Wort zu stammeln. Ein heftiger Krampf packte seine kranke Brust, er sank, wie mit dem Tode kämpfend, zurück. Jammernd warf sich die Tochter über ihn. Vereira gab Befehl, den räthselhaften Fremden festzuhalten. Es geschah.

»O ja, ihr Freunde!« — rief Georg außer sich seinen Schergen zu; — »Reißt mich hinweg von diesem Anblicke, der mein Herz zerschmettert. Ich bin nicht kalt, bin nicht ruhig in diesem Augenblicke. Ich kann den Mörder nicht in's Augen fassen!«

Auf einen Wink des Fernandez wurde Georg schnell fortgeführt; und schnell folgte ihm der Zug, damit der dem Tode nahe Kranke sobald als möglich unter Dach und die Obhut des heilerfahrnen Priesterfürsten komme. Einen wohlthuenden Gegensatz zu der Bestürzung, die über die Europäer gekommen war, machte das Betragen des Doctors. Von Freude leuchtend, ging er dem Troß zur Seite, betete still, betete laut, streckte die Arme gen Himmel, und sagte: »Wie kann ich dir danken, du gnädiger Herr dort oben, daß du mich diesen Tag sehen ließest? Wahrlich, James,« — sagte er zu dem neben ihm tiefsinnig und betrübt einher Schleichenden, — »Was ich nicht zu hoffen wagte, ist eingetroffen. Ich sehe den Armen wieder, den ich unglücklich machen half; ich sehe ihn frei unter Freien. O Herr! hast du über meinen armen Freund beschlossen, so erhalte seine Sinne nur eine Stunde noch bei voller Kraft, daß sich von ihm löse, was ihn quält; denn dazu ist jetzt der Augenblick, — dazu der Ort, — und ich will dich loben ewiglich!«

»Nur einen Abglanz Ihrer Stärke!« bat James, blaß wie ein Sterbender, mit inniger Klage; — »nun ist jede Hoffnung auf mein irdisch Glück dahin! Selbst die Wüste vereint mich nun nicht mehr, mit der, die ich liebe; die Unschuld, die an mir mit voller Seele hing, wies ich schnöde von mir. Ich muß allein stehen, belohnt für mein hinterlistig Streben, bestraft für den Trug, zu dem meine Jugend verleitet wurde. Vater Münzner! kehren Sie mit mir nach Dominica, nach Assumcion zurück! Euer bin ich nun, ihr schlauen und geschäftigen Ordensleute! Ich will mich an Eure Selbstsucht, an den Schein Eurer Tugend ketten, da mich die Wahrheit verläßt und die Liebe!«

»Du betrübst mich, mein Sohn!« — entgegnete Münzner kräftig: »Wo ist die Stärke, womit du prahltest? Wo das Wohlwollen gegen die Menschheit, das dich auszeichnete? Du willst jetzo diesen Rock nehmen, indem du ihn verachtest? Weiche zurück von der Sünde!Denkesie nicht. Dem schwachen Erdensohne ist's erlaubt, — es ist sein Loos, getäuscht zu werden, harmlos die Schlange zu nehmen, die ihn alsdann tödtet. Wer aber mit der Erkenntniß das Böse thut, ist verächtlich. — Mich, den Schwergetäuschten, laß immerhin an dem Platze fallen, der mir zum Kampfe angewiesen wurde. Treu meinem Schwure, weiche ich nimmer aus dem Streite, der mich verdirbt.Dirverbiete ich aber jetzo, ferner an den Orden zu denken. Du würdest darinnen ein Ungeheuer, während ich nur schwach war. Laß ab! Deinen Wortbruch nehme ich auf mich, weil ich ihn verschuldete.«

James warf sich weinend an des Pflegers Brust. Beide zu sich gekommen sahen sich um. Sie standen im Thale, an der Pforte eines luftigen Hauses. Eine Doppelreihe von Jungfrauen und Kindern bewegte sich heran, bunt und festlich gekleidet, Früchte in den Händen, und boten sie mit stiller Gastfreundlichkeit den Ankommenden. Unter dem leichten Vordache des Hauses, über welches sich zwei Palmen lehnten, stand der Fürst des guten Jesus, in der einfachen, groben Tracht des heiligen Franziskus, mit nackten, sandalentragenden Füßen, vom dürftigen Strick umgürtet. Der einzige Schmuck des hochbejahrten Mannes war sein weißes Haupthaar, der wie aus Schneefäden gesponnene Bart, der zum Gürtel hernieder floß, und die heitern, wohlwollenden Augen in dem braunen, ehrwürdigen Gesichte. Er sprach mit einfachen Worten den Segen über Alle, und richtete milde Trostworte an Justine, wie an den Senator, der sich mühsam von seiner Ohnmacht erholte.

»Dies euer Haus, meine Gastfreunde!« sagte er. »Heil den Fremden, die es wohl meinen, wie wir es mit ihnen machen wollen! Heil dem Kranken, denn Gott will, daß er genese! Heil den Abwesenden, und vorzüglich dem guten Vater Luis, denn er gab uns Gelegenheit, barmherzig zu sein, und Freude bringe ihm dieser Abend!«

Der Senator wurde in das Haus gebracht, und wie mit Zauberschnelligkeit war ein Trank bereitet, von welchem der Vater Franzisco viel versprach und erwartete. Alles Volk hatte sich ohne Geräusch nach seinen Häusern begeben; die stille Sabbathsruhe war wieder allenthalben eingetreten, Alles verödet; nur auf Felsspitzen rings um das Thal gewahrte das Auge bewaffnete Schildwachen, die das Thal in die Ferne mit Späherblicken hüteten. Franzisco, der Fürst dieser Wildnisse, saß neben dem Kranken, der in eine heftige Crisis fiel. Des Priesters Hand verließ den Puls nicht, wie die Augen der knieenden Justine die Züge des Vaters nicht verließen. Fernandez lehnte in der Ecke, und beschaute das Mädchen, das ihn sehr anzog; James kämpfte, unfern sitzend, mit seinem Herzen; mit gefalteten Händen stand Pater Xaver an der sehr großen Fensteröffnung, die beinahe eine ganze Seite der Stube einnahm, mit einer Balustrade versehen war, und die Aussicht auf einen großen Platz gewährte, mit Rasen bewachsen und frei; von Platanenreihen im Halbkreise umringt. Ein einfacher Altar erhob sich in seiner Mitte, und, beinahe die Baumreihe überragend, stand hinter dem Altar ein riesengroßes Bild des Heilands, sitzend und sprechend: Laßt die Kindlein zu mir kommen! Der Kopf der Bildsäule, ein Meisterwerk von Schnitzarbeit, sah ernst und sanft in das Zimmer, und nach ihm gewendet lag der Kranke, zu ihm gewendet betete Xaver.

Des Senators Zustand besserte sich indessen, aber eine große Schwäche befiel ihn. Die Thüre öffnete sich, und ein Mann, zurückgehalten von einigen Wächtern, wollte herein. Franzisco winkte ihm, leise näher zu kommen. »Der Kranke hat nach Euch verlangt,« sagte er, »schont seinen Zustand!«

Georg trat, um vieles gefaßter, mit ruhiger Stimme auf den Senator zu, der ihm schwach die Hände entgegen reichte. »Ich ahne,« sagte Georg, »was Sie bewogen haben mag, meine Nähe zu fordern. Sie glauben an der Pforte des Todes zu stehen, und wollen ein qualvolles Bekenntniß in meinen Schooß wälzen. Lassen Sie die traurige Pflicht. Versöhnen Sie sich mit dem Himmel; ich habe Ihnen vergeben, und auch mein armer Vater, der uns jetzo sieht, wird die Grausamkeit, die Sie an ihm begingen, nicht rügen. Er wird bei dem Ewigen um des Mordes willen, den Sie an ihm verschuldet, um Gnade bitten.«

Des Senators Körper zitterte. Justinens Busen hob sich heftiger.Münzner trat langsam näher. »O wie ist es möglich,« seufzte Georg, sich selbst vergessend, und in den Anblick des Kranken verlierend, »daß dieser Mann, in dessen Gesicht jetzt die engelgleiche Sanftmuth liegt, daß dieser gerade gegen den Gastfreund seine Wuth kehren, daß er ihn erwürgen konnte! Was ist der Mensch?«

»Ein Irrender, Herr Birsher,« antwortete Münzner; »und auch Sie sind im Irrthum, versöhnlicher, verzeihender Sohn. — Hier ist Ihr grausames Gericht, — hier ist die Folter nicht zu fürchten, — hier ist keine Rücksicht auf öffentliche und geheime Lebensverhältnisse zu beachten, Herr Senator. Reden Sie mit dem jungen Ehrenmanne, daß der grimmigste Verdacht weiche, daß der Eine bezeichnet werde, der die meiste Schuld an Ihrem Unglück trägt.«

Der Senator erholte sich ein wenig, und redete dann zu dem jungen Birsher. »Sie sind ein klarer Engel, Herr, Sie vergeben mir unbedingt, ob Sie gleich scheinen, das Schrecklichste von mir zu glauben. Und dennoch, — wahrlich, Herr, — so viele Schuld ich an Ihres Vaters Hinscheiden habe,.... verflucht sei meine Hand, wenn sie je sich an dem edeln Manne vergriffen.«

»Wie?« fragte Birsher. Justine athmete freudig auf.

»Ich bin zu Grunde gerichtet, sagte ich zu dem Mahnenden, dessen Güte ich nicht ahnte, eben so wenig, als seinen Namen,« fuhr der Senator fort; »ich muß sterben eher, als mich bankerott bekennen; ich riß die für mich geladene Pistole aus der Schublade. Herrgott! wollen Sie mich morden? fragte Ihr Vater auffahrend, und in selbem Augenblick sank er, der von der Reise bereits Ermüdete, von schlafloser Nacht Erhitzte, von dem unangenehmen Geschäfte und dem plötzlichen Schrecken aufgeregt, vom Schlage getroffen zu Boden. Mein Entsetzen ... wer beschreibt es? Ich wollte dem Röchelnden die fest zugezogene Halsbinde lüften.... ich war ungeschickt: um so schneller starb er unter meinen Händen; und der entsetzliche Gedanke, den nächsten Anlaß zu seinem Verscheiden gegeben zu haben, warf mich selbst zu Boden.«

Georg sann nach, als der erschöpfte Erzähler geschwiegen, und fragte dann: »Wenn ich den Worten eines Sterbenden auch glaube, — und die Lüge sitzt nicht auf Ihrer Stirne — woher Ihre Befangenheit, Ihre Angst .... woher das räthselhafte Schweigen gegen mich, da ein freimüthiges Erklären Alles beigelegt haben würde?«

Der Senator konnte nicht mehr reden, Münzner nahm für ihn mit erschütternder Wahrheit das Wort: »Ich gebe Ihnen mein heiligstes Priesterwort, im Angesichte des Heilands, der dort so hehr und rein sein göttliches Haupt in den Himmel hebt: der Senator spricht die Wahrheit. Dazumal war jedoch die Schlange seines Bewußtseins ihm so schreckend, daß ihm selbst die nackte Wahrheit ein Gräuel wurde. Seines vielseitigen Unrechts gegen die Gesetze seines Standes und seiner Vaterstadt bewußt, fürchtete er von deren harten und parteiischen Gerichten das Beginnen eines Prozesses, der ihn zu Boden gerissen, mehrere Jahre im Gefängnisse gehalten haben, ihnvielleicht, dem Schein zu Liebe, seinem Läugnen zum Trotz, auf das Schaffot, — unschuldig unter das Schwert gebracht haben würde. So viel von seinem unerklärlichen Schweigen gegen den erregten Verdacht. Die Qualen seinesBewußtseinshabe ich zu tragen, und dieses Bekenntniß ist nur eine geringe Vorbuße für das, was ich gegen Sie alle, meine Lieben, verschuldet habe. Clara, — mein Freund, — empfahl Sie meiner Liebe! Mit aufrichtiger Theilnahme an Ihnen hängend, wußte ich Ihnen keine bessere Wohlthat zu bereiten, als den Eintritt in meineKirche, — die Wiedervereinigung mit Claren, jenseits des Fegfeuers. Ich bedurfte eines Bandes, Sie festzuhalten. Ich benützte den finstern Wahn, in dem Sie lagen, als ob Sie eigentlich durch ihre Drohung den ehrenwerthen Vater dieses Mannes getödtet; ich brauchte ihn als Schreckniß; ich zeigte Ihnen die Vergebung der entsetzlichen Sünde nur in dem Schooße des katholischen Glaubens. Endlich war mir das Werk gelungen, Sie waren unser; ich bemühte mich nun, Ihre Furcht vor dem eingebildeten Verbrechen durch die Lossprechung zu tilgen. — Umsonst! der Wurm blieb, wurde schrecklicher, denn zuvor; Folge knüpfte sich an Folge, eine verderblicher, als die andere. Ihre Bekehrung wurde Sache des Ordens, — ich sah Sie aus meinen Händen gerissen, völlig zum Abgrund geschleudert; ich sah die unseligen Wirkungen meines Beginnens, das in aufrichtiger Liebe entsprungen; ich schauderte selbst vor meinem Werke zurück, undmußtenun Stein zu Stein tragen, Trug auf Trug bauen, um.... o, lassen Sie mich schweigen! Sie aber, edler Georg, vergeben Sie mir, daß auch Sie endlich unserer Sicherheit Opfer werden mußten. Wenn Sie gewußt hätten ...! Wir fuhren auf demselben Schiffe: Sie, in den Fesseln des Raums, wurden von dem Senator nicht gesehen. Zu Buenos-Ayres angelangt, mußte ich Sie, unserer Selbsterhaltung willen, Ihrem traurigen Schicksale überlassen ...! Welche Fügung des Herrn, daß Sie, statt nach Batavia geliefert zu werden, hieher kommen mußten! Hier sind alle Schleier gefallen! hier sehen Sie das Ungeheuer vor sich, das Ihre harmlose Menschenliebe, Ihre Hoffnungen, Ihren Brautstand, vielleicht Ihr ganzes irdisches Glück, und die Glückseligkeit dieser Beiden, und den Frieden jenes jungen Mannes unbarmherzig zernichten mußte! Gott sei Dank; endlich habe ich meine Gefühle reden lassen dürfen, und nun beginnen Sie mit mir nach Gutdünken.«

Georg und James wendeten sich entsetzt ab; Justine betrachtete den furchtlosen Mann des Jammers ohne Verachtung nur mit Bangigkeit und innerer Freude über seiner, zur Wahrheit gehobenen, Seele Kraft: denn er hatte ja den Vater von der gefürchteten Blutschuld freigesprochen, und Birsher durfte ihnen nicht gerecht zürnen, und James war auch gerechtfertigter, als das Mädchen jemals vermeint hatte; und, wenn es Bedauern erregt, einen Gutdenkenden in Sünde versinken zu sehen, so erquickt den Kräftigen doppelt der Wiederaufschwung des neu erstarkten gefallenen Herzens!

Der Senator winkte dem Pater Xaver zu, und lispelte: »Sie wollten mich um Clara's Willen dem Paradiese weihen, mein Freund. Ich spreche Sie frei, und danke Ihnen für diesen Augenblick.Ichhasse Sie nicht.«

»Nicht ich,« rief James weinend, und an den Hals des Lehrers fliegend.

»Nicht ich,« setzte Georg edel entschlossen bei, und drückte ihm die Hand, »alles, was wir um uns sehen, ist Gottes Werk, und so auch die Handlungen der Menschen, und so auch Ihr gutes, aber zum Unsegen bestimmt gewesenes Herz! Gott hat uns schwer geprüft; aber ist es nicht auch seine Schickung und sein Friede, daß wir uns hier zusammenfinden? Ich verzeihe, ich vergesse, ich hasse nichtSie; was jedoch den Orden betrifft, der ...«

»O, mein Herr!« bat Pater Münzner weich; »Auf mich allein die Schale Ihres Zorns! Ich habe Niemand angeklagt, als mich allein. Ich habe zu büßen. Die Fremden, die Unschuldigen verschone Ihr Unwille. Ich dächte: der Geist der Duldung stände dem Protestanten wohl an. Verdammen Sie nur den, der das Ueble mit seiner Hand gethan.«

Georg nickte ihm zu, ging zu dem Senator, und gab ihm seine Hand. Schüchtern reichte er die Linke an Justine, die erröthend, aber gerne sie annahm.

»Ich schwöre es,« rief er, »Euch nie zu verlassen, meine Lieben, so lange das Geschick uns in der Irre, auf wüstem Meer des Lebens treibt. Laßt uns Alle enge zusammentreten, vereint durch Noth, durch Friede, durch Versöhnung. Liegt nicht das Elend hinter uns in der alten Welt, und kann nicht das Glück auf's Neuehieruns aufblühen?«

Sein Blick traf auf Justine. Er las in ihren Augen Freude und Vertrauen. »Gieb mir deine Tochter, wenn du heimgehst, Vater!« sagte er zu dem Senator, und dieser legte die Hände des Brautpaares weinend in einander. James hatte den Muth, seinen Landsmann glückwünschend zu umarmen, und Münzner theilte die hier statt gefundene Versöhnung und ihre Folgen dem Priester Franzisko und seinem Neffen mit.

»In diesem Thale,« sagte er, »wäre für die Leute ein stilles Glück zu hoffen, bis die Außenwelt wieder für sie zugänglich wird. Dürfen sie aber auf Ihren Schutz rechnen, mein Vater?«

»Jesus ist die Liebe und der gute Hirt,« antwortete Franzisko: »wer tugendhaft ist, wohnt gut in diesem Thale, und — wenn der den Portugiesen entflohene Mann nur unsere Felsengränzen nicht verläßt, so ist er sicher immerdar.«

»Beim heiligen Jacob!« versetzte Fernandez, an seinen Säbel schlagend: »Ich beschütze ihn selbst, weil er brav sein muß, da die schöne Deutsche ihn liebt, für welche ich gerne meine altspanische Ritterlichkeit bewähren möchte!« So geschah es also, daß sie in dem kleinen Staat des guten Jesus in den Wildnissen eingebürgert wurden. Die Einwohner, ein harmloses Volk, aus allen Farben zusammengewürfelt, theils vom Unglück hieher verschlagen, theils im stillen Thal erwachsen, schlossen sich bald an die fremden Brüder an. Ein Haus von schlankem Rohre wurde denselben gebaut. Die Nahrung gab ihnen Vater Franziska aus dem Vorrathhause der Gemeinde, bis ihre Felder, ihre Bäume Früchte tragen würden; er gab durch seine Bemühung dem Senator das Köstlichste: die Gesundheit, wieder. Die Seelenruhe des Mannes beförderte seine Heilung, und ehe achtundzwanzig Tage vergingen, so strich er schon mit seiner Tochter und mit Georg durch die freundlichen Fluren um die Colonie. Die Liebe des Paares verjüngte seinen Geist, und, ungeduldig aufbrausend, wiewohl gutmüthiger, als in der verwichenen Zeit, sagte er zu seinen Kindern: »Ihr liebt Euch; Ihr wollt es nicht verhehlen! Warum wird mir nicht das Glück, Euch verbunden zu sehen? Warum hat Franzisko noch nicht den Segen über Euern Bund ausgesprochen? Ein Patriarch könnte es nicht besser, als dieser edle Mann.«

Justine und Georg sahen sich an, ernst, einverstanden, drückten des Vaters Hand, und die Tochter sprach: »Nicht hier, mein lieber Vater! Hier herrscht nicht unser Glaube, und den Lockungen der andern Kirche seit langem widerstrebend, soll auch nicht die Einsamkeit den Sieg über mich erringen.«

»Nicht ewig,« redete Georg, »wird uns das Geschick an diesen Boden fesseln, ich ahne es, wir werden meine Heimath sehen, und dann, Vater, dann knüpfen wir dort das Band vor demunsichtbarenGotte.«

Der Senator schlug beschämt die Augen nieder, und Justine, um seine Verlegenheit zu endigen, setzte schonend bei: »Wie wollen Sie auch, daß ich glücklich sei, so lange noch ein Mann in unserer Nähe lebt, den die Leidenschaft beim Anblick dieses Bundes elend machen würde?«

Sie zeigte auf James, der unfern vorüberging, sinnend, brütend, gesenkten Hauptes, ohne sich umzusehen.

»Sie waren ihm hold, beste Jungfer!« sagte Georg, ihm nachblickend. »Der Unglückliche, daß er diesen Lichtblick seines Lebens nicht für sich gewann!«

»Zu meinem Frieden!« antwortete Justine. »Angezogen und zugleich abgestoßen von ihm, danke ich den Ränken, zu welchen ihn seine Erzieher verleiteten, meine Ruhe. Ich hasse die Falschheit — und nur redliche klare Besonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein bester Herr, auf dieses, wenn es Ihnen angenehm ist, und vor Allem — lassen Sie uns sammt und sonders auf baldige Erlösung nach der Heimath hoffen. Denn, nicht zu läugnen, daß hier in diesem Frieden, dieser Stille, nur ein geschmückter Kerker zu schauen ist.«

Justine sprach wahr. Franzisko übte, seinen Verhältnissen gemäß, die strengste Despotie; mit Wachen war das Thal umstellt: Niemand sollte das Thal verlassen; auf die Fremden wurde das wachsamste Auge gehalten; besonders auf den Jesuiten, dessen Gewand, das er hartnäckig behielt, einen größeren Verdacht erregte, als die portugiesische Uniform, die Georg abgelegt hatte, um kein Aergerniß zu geben. Und gerade Münzner mußte es sein, der plötzlich aus dem wohlgehüteten Gefängnisse entwich, ohne es selbst zu ahnen.

Bei all dem herzlichen Vergessen, das die Freunde ihm bewiesen, war der Stachel in seiner Brust zurückgeblieben. Er konnte sich nicht heimisch unter diesen Menschen fühlen. Seine Gewissenhaftigkeit trieb ihn, da der Senator genesen war, wieder nach dem heimathlichen Boden, vor die Schranken seines Provinzials. Der stille Kummer, worin sich James verzehrte, machte sein Herz bluten. Es quälte ihn, diesen Unfrieden eines geliebten Jünglings mit ansehen zu müssen. Botanik, eine Lieblingswissenschaft seiner jüngern Jahre, bot ihm Zerstreuung und Genuß. Er entfernte sich von den Landsleuten; er kletterte Tage lang an dem Gestein der Höhen, durchkroch die Furchen des Thalbodens. Die Wächter waren seiner Wanderungen gewöhnt worden. Dem schlichten einfachen Manne mißtraute keiner mehr; sie ließen von ihrer Achtsamkeit nach, und so kam es, daß der Pater sich eines Nachmittags, von seiner Forschbegierde verleitet, weiter verstieg als sonst, und sich mit einem Male hoch über den Wachtposten erblickte. Die herrliche Flora, die um ihn erblühte, führte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das Kind der Lockung süßer Früchte folgt, so folgte hier der Mann, dessen Herz sich seit Langem wieder einer ruhigen Freude hingab, dem Streben seiner Wißbegierde. Aber immer weiter war er gegangen. Der Wald hatte sich hinter ihm mit tausendstämmiger Wehrmauer zugeschlossen. Nur der Laut der Vögel sprach zu dem Wandernden; nur die Furche, die von der mächtigen einsamen Schlange durch das Gras gezogen wird, war sein Pfad, und endlich dämmerte es schon unter den hohen Bäumen, als er Halt machte und auf den Rückweg bedacht wurde. Wo jedoch diesen finden? Kein Sonnenstrahl mehr; noch kein Stern; grüne duftige Waldnacht allein. Münzner versuchte sein Heil, indem er auf's Gerathewohl einen Seitenpfad einschlug, wo von Ferne eine schwache Helle aufzudämmern schien. Je weiter er ging, je tiefer die Dämmerung wurde, je deutlicher wurde der helle Punkt; er blitzte auf: eine Feuerflamme redete zum Auge des Wanderers. Er förderte seine Schritte. Auf feuchtem Grunde, an hochwachsenden, üppiggeblätterten Sumpfstauden vorüber — immer auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menschen verrieth. Mochte das Raubgethier um und um in der Ferne heulen und krächzen; er verfolgte die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzstoß, Menschen um denselben gelagert. Seine Annäherung, von dem rauschenden Gestrüpp verrathen, erregte die Aufmerksamkeit der Lagernden. »Wer da!« rief eine portugiesische Zunge, und der Pater sah die Mündung einer Flinte gegen ihn gerichtet. »Ein Verirrter!...« antwortete er, und im Nu umgab ihn die Schaar der Aufspringenden: ein Dutzend von Männern in braune, grobe Mäntel gehüllt, mit herunterhängenden Hüten auf dem Kopfe, Säbeln an der Seite und Musketen in der Faust. Einer von ihnen, der unter dem Mantel eine Uniform sehen ließ, mit den Galonen eines Offiziers, fragte gravitätisch, daß die Cigarre zwischen seinen Zähnen nicht erlösche, woher der ehrwürdige Vater komme und wohin er wolle. Auf die unbestimmte Antwort Münzners, daß er sich verirrt habe, schüttelte der Offizier ungläubig den Kopf, küßte indessen dem Pater die Hand und erwiderte: »Ihre Aussage ist dunkel, Ew. Hochwürden. Ich muß sie in's Hauptquartier schaffen lassen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr Wohnort ist.«

»In's Hauptquartier?« »Nach la Guasta; einige Stunden von hier entfernt. Sie werden gefällige Leute daselbst finden, mein Vater.« »Aber mit welchem Rechte?« »Ich bin Soldat, hochwürdiger Herr. Das entschuldige mich. Miguel und du, Olao! nehmt eine Fackel mit Euch, und führt den ehrwürdigen Herrn zu Sr. Excellenz, dem Brigadier.«

»Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz für diese Nacht suchte!«


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