The Project Gutenberg eBook ofDer JesuitThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Der JesuitAuthor: Carl SpindlerRelease date: October 14, 2014 [eBook #47112]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker, Karl Eichwalder and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (Thisbook was produced from scanned images of public domainmaterial from the Google Print project.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JESUIT ***
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Title: Der JesuitAuthor: Carl SpindlerRelease date: October 14, 2014 [eBook #47112]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Peter Becker, Karl Eichwalder and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (Thisbook was produced from scanned images of public domainmaterial from the Google Print project.)
Title: Der Jesuit
Author: Carl Spindler
Author: Carl Spindler
Release date: October 14, 2014 [eBook #47112]Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker, Karl Eichwalder and the OnlineDistributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (Thisbook was produced from scanned images of public domainmaterial from the Google Print project.)
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Charakter-Gemälde
aus dem
Ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts
von
C. Spindler.
Amerikanische Stereotyp-Ausgabe.
Philadelphia.
Verlag von F. W. Thomas.
1855.
Printed by T. K. & P. G. Collins
Der Jesuit.
1720.
Des Senators Familienleben. — Sein Comptoir und dessen Diener. — James. — Fortuna's Launen. — Der Geschäftsfreund aus Holland. — Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. — Der verhängnißvolle Besuch.
Des Senators Familienleben. — Sein Comptoir und dessen Diener. — James. — Fortuna's Launen. — Der Geschäftsfreund aus Holland. — Das Gespräch unter den Kastanienbäumen. — Der verhängnißvolle Besuch.
Schön ist es, über eine Schwelle zu schreiten, jenseits welcher der Fleiß und die geschäftige Betriebsamkeit ihren Thron erbaut haben, sobald man sieht, daß all das ewige Treiben das Wohlsein des Lebens begründen soll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne, dürre Säule von Holz. Der Hausvater ist ein ehrwürdiger, geliebter Mann, wendet er seiner unermüdlichen Thätigkeit Zinsen dazu an, daß die Seinen sich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hause; — daß er selbst, — der Schöpfer des Wohlstandes — behaglich ruhe in seinem Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Besitzer, ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Asyl. Keucht aber im Erdgeschosse die besoldete Mühe im eisernen Dienstjoche, während im obern Stockwerke die Langeweile, die Verdrossenheit, auf einsamen Polstern, hinter kaltem Stein und vornehmen Goldwänden gähnt, — dann, Wanderer, meide die stolze Pforte, wenn auch noch so einladend das »Salve« von ihrer Schwelle spricht. In dem Steinhaufen gebietet kein fühlendes Gemüth, und vor dem starren Reichthum floh die Zufriedenheit! — Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des Hauses gesehen hätte, welches der Senator Müssinger in der deutschen Reichs- und Handelsstadt, die der Aufzeichner dieser Begebenheiten meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden Spruche Beifall geben. Das stattliche Gebäude war von Uranbeginn zum Denkmale des Hochmuths bestimmt gewesen. Ein Spekulant, der in den ersten Jahren des spanischen Erbfolgekriegs durch Lieferungen für die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das Fundament zu dem pallastähnlichen Hause. Die Vollendung desselben sollte er nicht sehen. Mancher Schurkereien überwiesen, sollte ihm, kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochstädt, der Prozeß gemacht werden: er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Pistolenschuß. Die leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte bald der vom Glücke begünstigte Senator Müssinger. Der unternehmende Handelsherr, der mit Ost- und Westindien verkehrte, fand sich zu enge in dem kleinen Vaterhause, zog über in das Neue, Große; und Fortuna, die bereitwillig in dem bescheidenen Spezereikrame des Kaufmanns Platz genommen hatte, siedelte mit in das neue, geräumige Comptoir. Müssingers Firma war die Erste auf dem Markte, und florirte weit und breit im Aus- wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die schönsten Blüthen und Früchte. Die Mehrzahl seiner Mitbürger beneidete den glücklichen Senator; sie bewies aber durch diesen Neid— entweder ihre Unbekanntschaft mit Müssingers anderweitigen Verhältnissen, — oder einen Gelddurst, der Alles schnöde übersieht, was das Herz berührt, und nicht allein den Courszettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geschäft auch Blüthen, — der Hausvater sammelte keine aus seinem Familienleben. Seine Frau, seit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele Geldsäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die vom Berechnungsgeist der Väter verbundenen Ehegatten im Gemüthe zu vereinen. Unfriede herrschte gerade nicht; — der Friede aber, der versöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein lebendiger Mann, an den Fünfzigen stehend, cholerischen Temperaments, dem beim geringsten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu enge wurde, stellte das schneidendste Widerspiel seiner Ehefrau dar, die mit beleidigendem Uebermuth, welcher seine Quelle in fehlerhafter Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie sie sonst nur im höchsten Norden, oder im sengendsten Süden vorkommen mag. Frau Jacobine, im Ueberflusse aufgehätschelt, kannte nicht Sorge, nicht Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau. Kam der Tag, so verlebte sie ihn, und er mußte eben so prunkend einhertreten, wie seine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes, auch noch so eingebildete Bedürfniß spenden, reichen Schmaus für Lippe und Gaumen, und eine lange Plaudersitzung im Kreise der geschwätzigsten Muhmen.
Während dessen schaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmste Knecht, bald wie der härteste Frohn, im Bezirk seines Handelsgetriebes, und gönnte sich kaum vor sprudelnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter Arbeits- und Spekulationslast, die nöthigen Ruhestunden. Doch feierte er diese wenigen nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühstück, wo man den braunen westindischen Trank aus japanischen Gefäßen schlürfte, und dabei so steif saß, wie die blassen Figuren auf diesen Tassen, — noch beim Mittagsmahl, wo die leckerste Kost entweder mit gieriger Hast, oder mit vitellischer Trägheit verschlungen wurde, war ihm froh zu Sinne. Bald verdrüßlich keifend mit dem verdrüßlich langweiligen Weibe, bald seine überseeischen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslassend in stummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb seiner Mauern; und auswärts, — auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von Geschäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um sich zu betäuben, in der Karte spielte, um sich zu zerstreuen — verträumte er seine Abende. — Nicht Er, nicht sein Weib, das mit schnödem Geschwätze, oder abgeschmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beschloß, ahnten die Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Tochter, dem einzigen Sprößling dieser übelpassenden Ehe, aufgehen hätte können. Die Natur hatte in diesem lieblichen Geschöpfe die glücklichste Verschmelzung widerstrebender Gemüthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters Heftigkeit herrschte zwar vor, allein mäßigende Ruhe stellte bald das Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte seinen eigenen Kopf und Willen; es war ja das einzige Kind, und nicht beschränkt von den Eltern. Allein, der Leidenschaftlichkeit, dem heftigen Zorn sogar, folgte schnell die Besinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollste Vergeltung. Der Liebreiz des so wunderlich herangebildeten Mädchens war in diesen Versöhnungsmomenten so groß, daß Freundinnen und Gesinde gern den Sturm auflodernder Hitze ertrugen, um doppelt in der Milde zu schwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden bethätigte. Der Vater war nicht so; — denn, that ihm die jache Härte manchmal selber weh, so verschloß er, seinem Stolze nichts zu vergeben, das Gefühl in sich. Die Mutter glich eben so wenig ihremKinde; sieliebtezwar Niemanden auf der weiten Erde, aber siehaßteaus Gewohnheit; sie verachtete mit jener stumpfen Stätigkeit, an der sich, hat sie einmal ein Ziel des Widerwillens ersehen, vergebens Belehrung, Erfahrung und Pflichtgebot verschwendet. Justine, ein siebzehnjähriges Mädchen, früh entfaltet in Gestalt und Verstand, fühlte wohl dunkel und unbehaglich, daß sie zwischen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur sich selbst, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in die Zukunft blickt, sie setzt sich über das Peinliche in naher Umgebung hinweg; schafft sich ihre eigne Welt, und flieht die Mürrischen, um sich an Freundliche zu schließen. So kam es, daß Justine bald wie ein fremder Gast im Vaterhause wohnte, und größtentheils nur in dem Zirkel ihrer Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Confirmation war es jedoch ein bischen anders mit Justinen geworden. Nie hatte sie noch ihren Vater so bewegt gesehen, als in dem Augenblicke, wo sie, von der heiligen Handlung kommend, in seinem Schreibstübchen vor ihm auf die Kniee sank, ihn bittend, seinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators Stimme hatte gewankt, als er den Segen aussprach; an's Herz hatte er die Tochter gedrückt, und, wie mit einem leisen Vorwurf gegen sich selbst, hinzugesetzt: Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, daß ich dich liebe, herzlich, wie es einem christlichen Vater zusteht. Aber ich muß an mich halten mit dieser Zuneigung, sonst bricht mir das Herz vollends, wenn du aus dem Hause gehst, nimmer wiederkehrst, und ich dann in ganz Europa keinen Menschen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte Tressenrock. Du bist alt genug, Justine, um zu wissen, daß eine Heirath die Bestimmung eines jeden Mädchens ist, folglich auch die deine. — Du bist bereits verlobt: zu New-York in Amerika wohnt dein Bräutigam, der junge Kaufmann Birsher, und, wie mir sein Vater neulich schrieb, werden wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, so kommt der designirte Schwiegersohn selbst, um dich abzuholen. Dein Bestreben gehe also jetzt vornehmlich dahin, der englischen Sprache mächtig zu werden, zu welchem Endzweck ich für eine Lehrerin sorgen will.
Justine verließ den Vater mit sichtlichem Behagen. Ausgezeichnet vor all ihren Gespielinnen nach Amerika zu ziehen, in das junge Land, das sich europäische Imagination damals nur als ein Paradies, unerschöpflich in Genuß und Reichthum, vorstellte; ... als Frau, an der Seite eines jungen Crösus, dahin zu ziehen, das schmeichelte der jugendlichen Eitelkeit gar sehr. Des Vaters Erklärung hatte vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mädchen war rasch zur Jungfrau, zur Braut geworden. Justine zog sich nun auch wähliger von dem Haufen ihrer Freundinnen zurück, verkehrte nur mit den Wenigen, die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeste zu stehen vermeinten, und beschäftigte sich mehr als sonst, in Einsamkeit und Stille, mit Arbeit und wißbegierigem Forschen. Mit der englischen Sprache allein wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht so fort. Die Zisch- und Gaumenlaute waren der Schülerin zuwider, und eine Lehrerin nach der andern wich dem Ungestüm Justinens, die auf Jener Nachlässigkeit den eignen Fehler schob. Die Zahl der, mit dem englischen Idiom vertrauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Justine bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen bessern Erfolg hoffen. Der Eine derselben, ein grämlicher Alter, mit wunderlichen Launen, hatte schon nach der zweiten Lehrstunde all seine Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wüstling, noch in rüstigen Jahren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter einzuführen. DerZufall schlug sich in's Mittel. An einem Tage saurer Geschäfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Person an dem Krahnenhause der Stadt. Beträchtliche Waarensendungen in Ballen und Kisten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche Ladungen wollte er dem dienstfertigen Flusse anvertrauen. Seine rüstigsten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den ausladenden Bootsknechten, dort den herbeischaffenden Kärrnern. Der eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in Händen; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die Frachtstücke; um und um bewegten sich rührige, geschäftige Leute, undeinTreiben beseelte die Vielen am Ufer, vom Centnerschleppenden Lastträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt. Ein einziger lehnte unbeschäftigt, mit verschränkten Armen an dem Krahnengebäude. Der Einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator auffallen, als dieser gerade ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb unwillkürlich vor dem jungen Menschen stehen, dessen Kleidung, obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der Kaufmannsgilde schließen ließ. — He, junger Mensch! redete der Senator ihn an: he! warum so müßig? Die Sonnenstrahlen machen nicht satt; wohl aber eine Schüssel, die man im Schweiße seines Angesichts verdient hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts weiter zu schaffen, so geh' Er wieder hinter Sein Pult, statt Maulaffen feil zu haben, und stehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er ißt! —
Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem Angesichte des Gescholtenen entzündet, sondern die Röthe eines unschuldig gekränkten Gefühls stieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländisch betontem Deutsch nicht mit der Antwort säumte. — »Seht zuvor, mit wem Ihr sprecht, Herr!« sagte er etwas bitter: »Niemand würde lieber arbeiten, denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gäbe.« — Kann's hier daran fehlen? fragte Müssinger verwundert. — »Ich bin ein Fremder.« — Woher? — »Ein Engländer. Mein Name ist James White. Mein Vater war Baronet und Tory. Sein Schicksal wollte, daß sein Wappen, die blutige Hand von Ulster, sich an ihm erwahre. Für den Prätendenten bewaffnete er seine Faust. Georgs Henker schlug sie ihm ab, und hierauf das Haupt. Vor fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach Deutschland herüber. Seit einem Jahre hat sie hier ihr Grab gefunden. Sie starb, bevor der Mangel zu uns trat. Ihr Hinscheiden raffte aber alle Hülfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich vom Soldatenstande. Aber noch lebe ich von seinen Wohlthaten, und ich schäme mich dessen.« Das ist recht; Wohlthaten erzeigen, ist wacker, aber edler, sie nicht zu mißbrauchen. Versteht Ihr etwas vom Handel, junger Herr? — »Nein; ich sollte Theologie studiren; verstehe Latein, Rhetorik, Philosophie, ein bischen Spanisch, und aus dem Grunde meine Muttersprache.« — So? Verdorbner Theolog also? Doch Protestant, will ich hoffen? —
Der junge Mann bückte sich schweigend.
»Könnt und wollt Ihr Unterricht im Englischen geben?« fragte Müssinger weiter. — »Ich kann's, und schäme mich dessen nicht.«
»Kommt mit. Versuchts mit meiner Tochter. Freie Station, wie meine Comptoirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach Euern Fähigkeiten verspreche ich Euch. Beliebt's?« — »Gern; doch muß ich's meinem Versorger melden.« — Gut; wer ist der Mann? — »Ein Doctor der Rechte, heißt Leupold, ist von Herkunft ein Fremder, lebt zu seinem Vergnügen seit anderthalb Jahren ungefähr in hiesiger Stadt, und beschäftigt sich ausschließlich mit seinen Studien.« — Ein Bücherwurm und Rechtsverdreher also? murmelte der Senator zwischen den Zähnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntschaft. Mögt indessen sein Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben, denn ich bin der Senator Müssinger! —
Der stolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und vergaß denselben im Gewühl seiner Geschäfte bald darauf. Der finstere und einsilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibstube mit einem Paket Briefe entgegen, die er alsobald, wie gewohnt, erbrach und durchlas. Er begleitete jedoch diese alltägliche Verrichtung mit so vielen heftigen Bewegungen und schlecht unterdrückten Zornworten, daß die Comptoirgehülfen aufmerksam wurden, und manchen neugierigen Blick durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals sandten. Endlich, nachdem der ganze Briefpack durchflogen, stürmte der Senator wie ein Pfeil vom Sessel auf, warf Schubladen und Schlösser zu, und tobte durch die Nebenthür in das Innere des Hauses. »Der himmlische Vater erbarme sich!« seufzte Berndt mit andächtigem Blicke und Händefalten, denn er gehörte zur philadelphischen Gesellschaft: »was wird es heute wieder in dem Hause geben?« — Der andere Diener, Nothhaft, ein ziemlich lockrer Geselle, lachte indessen wie ein Schelm vor sich hin, und summte die Worte eines damals beliebten Liedes:
Nach dem Brunnen geht der KrugOft genug;Und am End' bekömmt er dochWelch ein Loch!
St! zischte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche aufstehend, zu dem Vorlauten hinüber, und Berndt stieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen. Der arge Mensch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiser, fort:
Christ! sitz steif, denn der ProtestSetzt Dich fest;Und dann heißt's mit Schand und SpottBankerott!
Will Er wohl schweigen? schalt der Buchhalter auffahrend: Was sollen diese Schelmenverse in einer ehrsamen Handelsstube? Pfui des leichtfertigen Dieners, der seine eigne saubere Firma gern für eine schmutzige ausgeben möchte. Noch einen solchen Ausdruck, und Er ist um Dienst und Lohn, und für ein schlecht Testimonium will ich dann schon sorgen. Ueberhaupt mag Er sichs gesagt sein lassen, daß ich hinfüro Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren gekommen ist, nicht also dulden werde. Alle Abende spielt und bankettirt Er, und am Sonntag kömmt Er nicht aus der Kaffeeschenke, der Billardstecken nicht aus Seiner Hand. Wo das beste Rostocker Bier zu finden ist, das weiß Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die spanischen Dublonen stehen. Sein Nebengehülfe ist allzustill; Er ist allzutoll. Ein Karthäuser wird ein schlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich aber noch ein schlechterer. Gott steh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es einmal zum eignen Herrn bringt. — Das wird er auch; versetzte Nothhaft trocken, ohne sich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wetten, und dazu bin ich gemacht, wie unser Herr, der sich aus der Saffranbude zum ersten Kaufmann allhier verstiegen hat. Sorgen Sie nicht für mich, Herr Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich besser, als daß er mich um eines zwecklosen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nachmittag beim Billard zubringe, fortschicken sollte. —
Der Buchhalter schwieg verdrüßlich; theils weil ihn des Dieners Verstockung empörte, theils, weil der Senator wieder in sein Cabinet zurückkam, und ihn eilends zu sich hinein beschied. Hierauf wurde die Thüre geschlossen, die Schieber vor die Gitter gestoßen, und die beiden Comptoristen waren von den Vorgesetzten geschieden, wie die Lehrlinge, die im Vorzimmer schafften und bosselten, von ihnen selbst geschieden waren. — Sie sitzen im geheimen Rath! flüsterte Nothhaft seinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber schwatzen und difteln, wie er will. Unsere Contanti stehen schlecht, abscheulich schlecht. Ich habe schon neulich einmal einen Blick in des Herrn Correspondenzlade geworfen, die zufällig offen stand...... — O pfui! Du neugieriger Saaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft sprach aber wie oben weiter: »Du Hans! Was kann ich denn für mein scharfes Auge? Genug; wir sollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil wir nicht können. Unsere Aktien in Indien stehen schlecht. Mit der vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es scheint, unsinnig viel Geld verschleudert und verloren. Assekuranten unserer eigenen Schiffe sind bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in diesem Hause! ein wahres Heidideldum!« — »Ja wohl,« bekräftigte Berndt seufzend, »ein heidnisches Scandalum. Herz, was begehrst du? Keine Wirthschaft, keine Gottesfurcht! Wir müssen nach dem Gemüse gleich vom Tische aufstehen, und Braten, Gänselebern und indianische Vogelnester kommen hinterdrein. Also, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu wanken? Danke für gegebenes Aviso. Ich will gleich auf anderweitige Versorgung denken.« — »Unter der Hand, Bester,« setzte Nothhaft bei: »nicht vor der Zeit gebrochen. Hübsch alles abgewartet; für einen klugen Diener gibt's in Bankerottchen gute Ernten.« — »Der Eintritt des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle gesegnet ist!« betete Berndt mit zerknirschter Miene: »das Schlampampen ohne Condition ist mir und dem lieben Gott zuwider, und kostet nur Geld, statt einzubringen.« — »Betbruder und Scharrer!« schalt Nothhaft. »Jammre nicht. Der Geist Gottes wird ja nicht ermangeln, dir Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine Anwartschaft auf das tausendjährige Reich, aber im Herzen bin ich froh, wenn die Umstände mich zwingen, ein Haus zu verlassen, in dem mich nur der gute Lohn zurück hält. 'S ist eine Galeere, dies Comtoir.« — »Bete und arbeite! sagt die heilige Schrift,« sprach Berndt hierauf demüthig, »ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher dir gar wohl in dieser Schreibstube war, und noch wohler an dem Tische des Prinzipals. Du hattest damals noch große Dinge im Kopfe, und scheutest dich nicht, deine sündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber seit sie dir den Spaß verdorben, ...« — »Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,« entgegnete Nothhaft: »die hochmüthige Person! wie sie sich spreizte in ihrem Stolz! Und mein Vater ist doch eben so gut in seinem Städtchen ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr Geld, als ihr Vater besaß, da er noch die Rosinen Pfundweis, und das Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte sie geheirathet. Parbleu! Das hätte ich gethan; aber sie trug die Nase verzweifelt hoch! Stand ich in der Kirche und stierte hinauf zum Betstübchen, so zog sie gewiß das Fenster vor, oder versteckte sich hinter's Gesangbuch. Zweimal paßte ich's ab, und präsentirte ihr, an Kirchendieners Statt, den Predigttext und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein frostiges: »Inkommodir' Er sich nicht, Mosje!« zum Dank. So schlag der Donner hinein!«
Berndt hielt bei der Verwünschung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indessen schadenfroh fort: »Na, Gott gesegn' ihr die baldige Abkühlung!Hochmuth kommt vor dem Fall. Prosit, Justinchen. Die Puppe hat dem Papa und der Mama gesagt: mein Gesicht sei ihr fatal, und darum mußte ich am Tische den Platz verändern, damit sie sich nicht an meinem vis à vis den Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren. Wo sie weint, will ich lachen!«
Berndt stieß ihn abermals in die Seite, denn Senator und Buchhalter kamen aus dem Kabinet, mit entschlossenen Gesichtern, und ein Lehrling wurde gleich hinweg gesandt, Eilpferde für den Geschäftsführer zu bestellen; Eilpferde nach Amsterdam. Der Prinzipal händigte dem dienstfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverschlossenes Portefeuille ein, nahm von ihm Abschied, und ging, da die Mittagsglocke im Hause läutete, mit seinem Comptoristen zu Tische.
Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen Wink von der bisher schweigsamen Tafel entlassen und eine kostbare Gallertschüssel aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen Bordeauxweins stieg, wurde, nebst den Platten des Nachtisches, aufgesetzt. Die Frau Senatorin wendete sich leckerhaft vergnügt zu der reizenden Speise; Justine schnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem Mandelkerne; der Hausherr sah trüb vor sich hin, klopfte mit dem Messer an die silbernen Gefäße und brach endlich das Stillschweigen mit einer Einleitung, auf die er lange studirt haben mochte.
»Was meint Ihr wohl,« begann er mit erzwungenem Scherze, — »was meint Ihr, wenn auf einmal all' dieses Silber und Porzellan zur Decke hinausflöge, und eitel irdene Teller auf dem Tische zurückblieben mit nothdürftiger Kost?«
Die Senatorin zuckte verächtlich die Achseln ob dem mißlungenen Spaße. Justine rief lachend: »'s wäre ein hübscher Herrenstreich. Papa würde alsdann tief in den Geldkasten greifen müssen, um dem Schaden abzuhelfen.«
»Und wenn nun auch diese Geldkiste leer geworden wäre?« fragte Müssinger weiter.
»Narrethei!« versetzte die Frau, ruhig essend: »was sollen diese Fragen?«
»Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit;« brach Müssinger los: »Es steht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder Bettler werden sollen.«
»Ist denn heute der erste April,« fragte die Frau, »daß der Herr Senator uns mit ähnlichen Kindereien behelligt?« — Justine merkte aber, in des Vaters Augen sehend, den Ernst, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete.
Er fuhr heftiger fort: »Deine Frage ist Kinderei, Jacobine. Ein Kaufmann scherzt nicht dergestalt mit seiner Bilanz. Wahr ist's. Mir droht Unglück. Eng mit mir verbundene Häuser sind gebrochen, Kaper haben meine Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapitalienà grosse Aventureherlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von schweren holländischen Wechseln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptcreditor in Amsterdam zu besänftigen und zur Prolongation zu bewegen.«
»Armer Vater!« versetzte Justine mitleidig. Die Mutter zog jedoch die Stirne in Falten. »Unbesonnener Vater!« predigte sie: »Räuber an Weib und Kind! Mußt du dein Hab und Gut auf die Spitze stellen, und an ein paar elende Schiffe hängen? Pfui, du bist ein Verschwender, den man in's Irrenhaus stecken sollte, wenn nur damit gedient wäre. Doch ist dein Vergehen gewiß nur ein schlechter Scherz, sonst wollte ich anders mitdir reden. Sprächst du wahr, so müßte mein Vermögen heraus bei Heller und Pfennig, samt Zinsen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinsetzen, dir zu Liebe, und Grütze speisen, wie eine Taglöhnersfrau. Ich bin ein gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher und schöner waren, als du. Darum fordere ich auch, daß du mich haltest, wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibst; sonst müßte ich klagen.«
Des Senators Gesicht überlief Leichenblässe, und er bückte sich scheinbar nach der entfallenen Serviette, um seine Verlegenheit und seinen Grimm zu verbergen. Dann sagte er gezwungen gleichgültig: »Recht, Jacobine. Deine Liebe ist mir wieder recht klar geworden. Leider kann sie sich nicht so triftig vor dem Gerichte ausweisen, indem wirklich mein Vorgeben nur Scherz war, um deine Gesinnung auf den denkbaren Fall hin, zu prüfen.«
»Schäme dich,« eiferte, nun erst zornroth werdend, die Senatorin: »Ich dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir also die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichste Frau in der ganzen Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe! Gottvergessener, frevelhafter Mann! Justine, den Extract!«
Justine, bereits angewiesen, wie bei ähnlichen Gelegenheiten zu verfahren, stand schon mit der stärkenden Essenz vor der Mutter. Der Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, summte das Marlborough-Lied durch die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er, seitwärts unter der Thüre, den jungen Mann, den er am Morgen zum Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünschter Ableiter und Besänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern, als den Hausgenossen, seinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an sich. »Sieh da, mein junger Freund!« redete er den Jüngling an, »Ihr kommt gerade recht. Wie es scheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?«
»Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienste mich zu versuchen;« antwortete James bescheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei seinem Eintritt die begonnene Ohnmacht vergessen. Nicht minder neugierig und überrascht sah Justine nach dem jungen, fremden Manne, der in seiner einfachen, fast dürftigen Kleidung, furchtloser vor ihrem Vater stand, als sie es bisher an irgend einem Aermern und Jüngern wahrgenommen.
»Ein junger Engländer,« sagte Müssinger, ihn den Frauen vorstellend, »der Justinen in seiner Sprache unterrichten soll. Ich empfehle der Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den besten Eifer. Geht hin, junger Herr, und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.«
James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er sich verneigte, ihre beiden Hände, und schüttelte sie, näherte sich dann Justinen, that dasselbe, und wollte ihr zierlich die Wange küssen. Erröthend und heftig bog sich das Mädchen zurück, und stieß ihn von sich. Die Mutter rümpfte die Nase, der Vater lächelte. »Ei,« sprach er, »junger Herr, wir sind hier zu Lande nicht in Eurer Heimath, wo solcher Brauch üblich ist. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen die Fingerspitze.«
Mit einiger Verlegenheit sich entschuldigend, aber mit vielem Anstande, that nun James, was ihm geheißen war, und versöhnte somit die Mutter; Justine jedoch nur halb, die in dem ungewöhnten Wesen des neuen Lehrers etwas fand, das ihr mißfiel, von dem sie sich indessen keine klare Rechenschaft geben konnte. Mit übel verhehltem Widerwillen führte sie den Jüngling an ihren Arbeitstisch, zeigte ihm die Bücher, die bisher ihr Leitfaden gewesen waren, und berichtete von ihren bisherigen schwachen Fortschritten. James meinte, nach flüchtiger Einsicht und flüchtigem Hören, die Jungfersei bei Weitem nicht so mehr im Wissen zurück, als sie wohl meine; desto mehr hingegen im guten Willen. — Justinens Gesicht verfinsterte sich wieder merklich, und schweigend setzte sie sich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte, den Unterricht alsobald anzufangen. Auf die Stuhllehne seiner Frau gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und sah bald, daß derselbe seiner Sache vollkommen gewiß sei. Zugleich gefiel ihm die zutrauliche, freundliche Weise, mit welcher er der stummen Schülerin die Vorzüge der Sprache auseinander setzte; er hoffte von dieser, aus dem Alltagsgeleise weichenden Art, den besten Erfolg, und entfernte sich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrstunde ging fort unter der Aufsicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit nachgehend, dem Schlummer in die Arme sank.
Justine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers horchend, mit unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es schien, den Moment der Siesta erwartet, denn im Augenblicke, als Jacobinens Augen zufielen, nahm sie dem in seinem Vortrag versunkenen James das Buch aus der Hand, klappte es schnell zu, und sagte, kurz abfertigend: »Lassen wir's jetzt gut sein, Monsieur. Ich habe keine Lust, und damit genug. Weil mein Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienste in unserem Hause etwas gelegen sein möchte, will ich wohl mich anstellen, als sei mir die Sache Ernst. Spart Euch jedoch alle ernstliche Mühe, denn ich kann Eure Sprache nicht leiden, folglich nicht sprechen. Adieu bis Morgen, Monsieur.«
James sah die gar offenherzige Schülerin überrascht an, biß sich gekränkt in die Lippen, und erwiderte: »Wahrlich, Mademoiselle, aus Ihrem Munde hätte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein Edelmann, und hat mir den Grundsatz eingeprägt, nirgends lästig zu sein, wo ich nicht nützen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie jedoch, daß ich das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu beurlauben. Bis dahin dulden Sie meine Gegenwart.«
»Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr,« antwortete hierauf Justine etwas beschämt: »Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht schlecht gewählt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher reuen. Eure Person wäre mir nicht so unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und zischt so viel, sie ist so rauh, daß ...«
»Wundern muß ich mich,« fiel James schnell versöhnt ein, »daß Ihr Herr Vater, Ihnen und Ihrem Wunsche gegenüber, mit Gewalt auf dieser Sprache besteht. Unlust lernt und fördert nicht, aber die Zeit ist verloren.«
»Hm!« lächelte Justine, die Augen auf das Schreibbuch geheftet: »ich soll nach New-York verheirathet werden, und der Vater glaubt ...«
»Nach New-York in Nordamerika?« fragte James staunend. Justine nickte schweigend, und machte Buchstaben auf das vor ihr liegende Blatt.
»Nach New-York?« wiederholte James, und schlug mit verschränkten Armen die Blicke zur Decke auf: »So weit vom Vaterhause? Da müssen Sie freilich englisch lernen.«
»Nicht doch,« versetzte Justine lächelnd, aber bestimmt: »mein zukünftiger Mann mag deutsch lernen, und die Freunde meinethalben französisch, um sich mit mir zu unterhalten. Das Englisch für die Domestiken lernt sich dort an Ort und Stelle.«
»Sie irren sich im ersten Punkte,« behauptete James: »man würde es zu New-York für eine Schande halten, eine andere Sprache in Gesellschaft zu reden, als die englische Colonisten-Muttersprache. Im Innern finden Sie wohl noch das holländische Idiom, aber ...«
»Sieh' doch,« unterbrach ihn Justine, durch den Widerspruch gereizt:»Ihr redet ja so entschieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehört hättet, was Ihr behauptet.«
»Das hab' ich auch;« bekräftigte James mit aufgeheiterten Zügen: »den größten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu New York, mitunter auch weiter im Lande.«
»Wie?« fragte Justine, plötzlich zutraulicher und milder: »ach, erzählt mir doch von dieser meiner zweiten Heimath. Man hat mir schon so viel Schönes davon vorgesagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zusammen rücken, und recht leise sprechen, und recht leise horchen, daß die Mutter nicht so früh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.«
Sie hatte sich bei diesen Worten mit beiden Armen auf den Rand des Tisches gelehnt, und sah mit gespannter Aufmerksamkeit und so vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Gesicht, daß er seine Blicke auf die Manschetten seiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Gesprächs festhalten zu können.
»Mein Vater,« hob er auf wiederholte Aufforderung an, »hatte zur Zeit ein Commando in der Citadelle zu New-York; mein Onkel einen entlegenen Wachtposten gegen das Gebiet der Indianerstämme zu. Gelegenheit gab es für mich, den achtjährigen Knaben, genug, somit das Leben in der amerikanischen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. Innerhalb der erstern fand ich wenig Freude. Das Sein darinnen war steif und einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militärischer Druck. Am Werkeltage schafft die sich selbst übertreibende Mühe, dennreichzu werden ist das Ziel, wonach Alle streben. Dazwischen tönt die Trommel und das Commandowort der Besatzung. Am Sonntage ist der Sabbath strenger geheiligt, als in England selbst. Die Lust hüllt sich in Sack und Asche, und einförmige Glockenschläge langweilen den Städter, bis er, von der Last des Feiertags ermüdet, das Bette sucht.«
»O weh!« seufzte Justine, »das ist ein traurig Bild. Da lebt sich's ja in unserer dunkeln Stadt noch besser und schöner. Doch macht das Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl den Gefallen erzeigen, es der Stadt vorzuziehen.«
»Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden soll,« erwiderte James, »so bemeistert sich meiner eine heilige Wehmuth, denn mir gefiel es sehr, obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieses Gefallen theilen möchte. Um New-York, in billiger Nähe, finden Sie kein städtisch Landhaus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach, denn die Soldatenherrschaft duldet im Umkreise von Stadt und Citadelle nicht Busch, nicht Haus. Setzt man jedoch über's Wasser, und dringt in's Innere vor, so geht für ein muthig Herz und ein kühnes Auge die Wonne an. Der angebauten Fluren sind nur wenige, von sklavisch pflügenden Colonisten besorgt, allein ringsum dehnen sich Forste, in deren Saum sich nur bis jetzt die Axt verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauspiel, auf solcher Waldstraße hinzureiten, unterm dichten Laubdach, durch welches nie der Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! so geeignet, das Gemüth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Grase gelegen, und habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauschend unter den tausendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man endlich gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Gethier in seinen Lagern aufsteht, und vielleicht der Weg noch lange sich streckt, bis zu dem einsamen Blockhause, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden soll. Man erreicht des Waldes Ende, und sieh, ein neues Schauspiel fesselt den entzückten Blick. Einer der Riesenströme, die Amerika durchschneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt kaum bis an das jenseitige Ufer, und stolz schaukeln sich die Wogen des gewaltigen Flusses dahin. Da zeigt sich ein schwarzer Punkt in dem Geschäume der Wellen.
Die Reisenden verdoppeln den Ruf »Hü-o!« denn der schwarze Fleck ist die Fähre, die wild und gebieterisch durch die Strömung dringt, und uns über das rothe Gold, das die Abendsonne auf den Wasserrücken legt, zum ersehnten Gestade schafft. Nun geht's über Haide und feuchten Grund hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne sieht. Rechts starren Felsen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und Wasserfälle der Wildniß meilenweit zu uns herüber. Links dehnt sich die Fläche, schlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf sie gepflanzt, an mastigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut. Schaaren von kreischenden Vögeln schwirren über die Ebene, den Felsen zu, denn die sinkende Sonne scheucht ein Gewitter auf, das eilig daherkömmt, eiliger, als jener nackte, rothhäutige Indianer, der, von seinem Hunde begleitet, Flinte und Tasche auf der Schulter, gestreckten Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Gestirnen, wie von den Felsenspitzen den Weg zu seines Stammes Wohnplatz erfragt. Mit der Schnelligkeit des Rosses jagt der Sohn der Wildniß durch den weiten Raum, einem Nebelbilde gleich das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine Brücke, keine Fähre, denn die Welt ist sein Haus, der Himmel sein Zelt, und frische Sinne stellt er als Wacht und Läufer aus. Gerade aus geht er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum, über ihn hinweg eilt sein Fuß. Er ruft nicht den Kahn oder den Floß; schnell wie ein Fisch schießt er durch Strom und Gewässer. Wir haben ihn aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er sieht uns jedoch durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und lacht der unbehülflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um uns vor dem Regen zu schützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem Orkan, der mächtig daher braust. Nun ist der Forst nicht mehr schweigend; nun redet er mit Millionen Zungen, und dieses Rauschen, dieses Wehen, das Krachen und Fallen der Aeste und Kronen macht den Menschen stumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken lang neben dem Reisenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzstrahl machen nun die schönen Schrecknisse voll, die uns erschüttern und erheben, aber diese Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gastlich aufnimmt, und auf deren Mooslager wir in behaglicher Ruhe das Hochgewitter verschlummern.«
James endete hier, Athem schöpfend, die pittoreske Schilderung eines Ganges durch Haide und Forst der neuen Welt, zu welcher ihn die zauberische Macht wohlthuender Erinnerung wider Willen hingerissen hatte, und erhob beinahe schüchtern den Blick zu Justinen, in deren Antlitz er Unzufriedenheit mit seinem langen und abschweifenden Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig überrascht war er jedoch, in Justinen's glänzenden Augen die aufmerksamste Theilnahme leuchten zu sehen. — Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre Hand auf die seinige, und sagte:
»Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe justgesehen, was Ihr beschrieben habt. Doch hab' ich auch an demGemäldegenug. Die Herrlichkeiten, deren Schönheit ich wohlahne, sind im Grunde doch nicht für ein schwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder auf dem hübsch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder lesen mag,wie es in der Wildniß aussieht, ohne darum die Lust zu verspüren, selbst sie zu beschauen. Diese Wälder.... diese Haiden und Ströme.... und vollends diese einsamen Blockhäuser, Tagereisen weit von jeder Nachbarschaft entfernt....! mich schaudert!«
»Gerade in diesen Hütten ist patriarchalische Glückseligkeit zu Hause,« erinnerte James mit Wärme, »noch entsinne ich mich der Einwohner von einigen solchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer Abgeschiedenheit, im Kreise ihres stillen Eigenthums. Das innigste Band verknüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe; und Liebe fordert ja nur den kleinsten Raum; ein Winkelchen nur, in dem die glücklichen Leute so viel Platz finden, sich in die Arme zu nehmen und zu sagen: ich bin dir gut, auf ewig, bis zum Tode gut!« —
So sehr auch die vorige Rede des Lehrers Justine in Anspruch genommen hatte, so wenig schien das Mädchen Geschmack an der folgenden zu finden. Verwundert hatte sie den jungen Mann betrachtet, — beängstigt fast die Gelegenheit gesucht, seine Worte zu unterbrechen, und endlich ungeduldig das schwere Wörterbuch vom Tisch gestoßen, daß ob dem Geräusche die Frau Senatorin erschreckt aus dem Schlummer fuhr.
»Die Lehrstunde ist zu Ende, bester Monsieur;« sagte Justine mit steifer Verbeugung zu James. »Vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen Vormittag ganz bestimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Lust bekommen, Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beistand mir von vielem Nutzen sein werde.«
James, obgleich nicht wissend, ob er seinen Ohren, nach allem dem, was vorgegangen war, zu trauen habe, versprach feierlichst, wiederzukehren, küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleischige Hand, bückte sich still vor der gleichgültig nickenden Justine, und empfahl sich, wie ein Mann von Bildung und Welt.
»Warum blieb er nicht zum Abendbrod?« war des Vaters erste Frage, als er zu den Frauen heraufkam: »ich habe ihm freie Kost versprochen, damit er sich häufig einfinde, und Justine durch die Conversation die Fortschritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit dem Menschen geplaudert, denn auf dem Collegio schwatzen sie auch nur von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der Kopf. Mit dem pietistischen Berndt ist nichts anzufangen, und Nothhaft jubilirt gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre Basen, Justinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden können.«
»O, ich bitte dich,« erwiderte die Frau, indem sie vornehm vom Stuhle aufrauschte: »binde den fremden Menschen nicht so sehr an's Haus. Die Unschicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergessen. Es taugt nicht, wenn man einen Adelichen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch hungriges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer sein Vornehmthun und seinen Stolz, dem Alles zu schlecht ist, was ihn umgibt.«
»Du vergissest, Frau,« antwortete der Senator, »daß du selbst in diesem Augenblicke den unerträglichsten Hochmuth auskramst. Ich kann das an einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!«
»Wenn's mir beliebt,« setzte die Senatorin phlegmatisch bei: »Deine Matrosen- und Lastträger-Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen Burschen gegenüber, der kein Verdienst hat, als daß sein Vater Baronet war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil du vom Prätendenten ein Wortfallen ließest. Wer an meinem Tische ißt, und von meinem Gelde lebt, istuntermir, und damit gut.«
Der Senator fühlte seine Geduld zu Ende gehen, und entfernte sich schnell, die Thüre hinter sich zuwerfend. —
»Der Mann ereifert sich um des Kaisers Bart,« sagte die Mutter spöttisch und eiskalt, indem sie die Seidenzupfkästchen, mit welchen sie sich in der Abendgesellschaft zu beschäftigen pflegte, hervorholte: »es verlohnt sich auch der Mühe, für einen Menschen Parthie zu nehmen, den ich morgen aus dem Hause jage, wenn mir's beifällt.«
»Ich will nur vonihmenglisch lernen!« erwiderte kurz und herrisch Justine, und drehte sich auf dem Absatze gegen das Fenster um.
»Oho, mein Püppchen!« sagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen scherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog sich ihr jedoch ziemlich ungestüm, und entgegnete scharf und bestimmt: »ich will, daß man meinen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; sonst werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten.« — Die Mutter wußte nun, woran sie war, und gab, wie schon unzähligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den kampflustigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die eigensinnige Tochter zu schelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen James in ihrem Hause freien Paß. Sie begnügte sich, ihm ihre Abneigung dadurch zu beweisen, daß sie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tische, nicht während der Lehrstunden, die sie sorgsam bewachte. Am Vormittage lernte Justine fleißig, und schien die eifrigste Schülerin. In den Nachmittagsstunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt. Justine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens, und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die sich James Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich sagte einst Justine, da der Engländer wieder von dem beliebten Thema anheben wollte: »Stille; genug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitssack, und muß gestehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird sich entschließen müssen, sich mit mir in einem andern Lande anzusiedeln, wo es lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsstrich, und viele Freude, und viel Gesang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel im Winter nicht scheiden soll, bleibe ich lieber in der Heimath, und zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen lassen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Dasein voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige Erbin, und Herr Birsher ist, wie es heißt, ein kleiner König an Ueberfluß. Warum soll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles dazu besitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, blau und sonnefunkelnd; Myrthen, Lorbeer und Rosen auf meinen Wegen....; ach! wenn ich Euch beschreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das Land erscheint, in dem ich leben möchte ...!«
»Die Myrthe winkt Ihnen schon,« antwortete James mit leichtem Seufzer: »das Land, von dem Sie sprachen und träumten,istauch wirklich. Ziehen Sie südwärts in dem schönen jungen Welttheil Amerika, so finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigste Reichthumsfülle. Der Schöpfer hat über sie das Horn des Ueberflusses ausgeschüttet. Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch verbreiten. Der Menschkämpftdort nicht dem Boden sein Leben ab; spielend gewinnt er ein fröhliches Dasein. In jenen lustigen Wäldern tummelt sich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; stattliche Heerden, und der kräftigenWildrosse flüchtige Geschwader beleben die Landschaft, die an jedem Morgen in neuem tausendfältigen Reiz aufgeht, und in der dunkelsten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt sich ein leidenschaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz; die duftenden Büsche, vom Glühwurm erleuchtet, hallen den Jubel wieder, und die Githarre murmelt wie eine liebe Geisterstimme unter dem Fenster der angebeteten Dame.«
»Das klingt ja schön!« flüsterte Justine froh bewegt: »O sagt, gehört das schöne Land auch Euerm Könige?«
»MeinKönig,« versetzte schmerzhaft der Jüngling, »besitzt kein Land, als seine himmlische Heimath, die ihm kein Usurpator rauben kann. Der Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrscht Spanien und der Pabst.«
»Gott steh' uns bei!« rief unwillkürlich Justine aus. Da sie jedoch bemerkte, daß James sie fragend ansah, fühlte sie Beschämung, und setzte bei: »Bin ich nicht ein närrisches Kind, und werdet Ihr mich nicht auslachen, daß ich vor dem Pabst erschrecke?« —
»Ich weiß ja,« entgegnete James ruhig, »daß in England, so wie hie und da auf deutschem Boden die Amme schon dem Säugling den Namen des Pabstthums neben der Verdammniß nennt. Mich wundert das eingesogene Vorurtheil nicht, ob es mich gleich schmerzt, es in einer Seele, so schöner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Lassen Sie unserm Parlamente seine Barbarei gegen Irland, dem fanatischen Calvin seine Scheiterhaufen: dem Weibe sei Duldung ein bekannter, wohlaufgenommener Gast.«
Das Mädchen sah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann: »Wahr, mein Herr; sehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch nie den römischen Gottesdienst gesehen.«
»Dann sahen Sie das Schönste nicht, was jemals der menschliche Geist ersann, seine Anbetung des Allerhöchsten glänzend und würdig an den Tag zu legen,« rief James, wie begeistert: »das geheimnißvollste, und doch zu den Sinnen ernst und schmeichelnd sprechende Schauspiel! O! wer rühmte sich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet ist, der nicht dem römischen Cultus einmal beigewohnt? Diesem erhabenen Opfer, das ein so heiliges Band um alle Gemüther webt! Das ist der Tempeldienst für fühlende Menschen, für Seelen, die sich begeistert an die Flügel der Gottheit hängen wollen; der Dienst, den der heitere Süden gebar, und das Land, in dem der Herr sichtbar wandelte. In unserm traurigen Norden, wo das Herz kalt und unfruchtbar ist, wie der harte Boden, wo der Alltagsverstand grübelt, statt zuglauben, ist Alles anders, und in der eisigen Form versteinert endlich auch der Geist.«
»Ich wundre mich, daß ein englischer Protestant der feindlichen Kirche so glänzend Gerechtigkeit wiederfahren lassen mag,« versetzte Justine, als James schwieg: »UnsrePrediger schildern sie ganz anders. Indessen ist etwas Wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich wohl. Aufrichtig gesagt: die Perücke unsers Pfarrers hat mir nie besser, nie schlechter gefallen als seine Predigt, und die schnarrenden und schluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarinnen machen allezeit das Lied zu einem possierlichen, nicht ehrwürdigen Ohrenschmaus. Wir haben indessen schon allzulang von Babylon gesprochen, mein guter Monsieur, und die Mutter nimmt sich eben vor, zu erwachen.«
Die Unterredung, die einen so wunderlichen Umschwung genommen hatte, fand ihr Ende, aber in Justinens Ohren setzte sie sich leise fort, und dasMädchen konnte sich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen über den Gegenstand anzustellen. Wohl hatte sie hin und wieder von den geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Messe gehört; von der herrlichen Musik, den duftenden Weihrauchwolken, den Blumengefäßen und heitern Panieren; ... allein, theils war immer in ihrem Kreise nur mißbilligend und verdammend von diesen Dingen die Rede gewesen, theils waren diese angedeuteten Bilder zu verworren, um sich ineinemRahmen vor der Seele zusammenfügen zu können. Durch James feurige Rede waren die seltsamen Vorstellungen wieder erwacht. Hielt sie mit ihnen die finstre Johanniskirche zusammen, mit dem schmucklosen Altar, der einfachen gothischen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näselnden Vortrag des Predigers, so mußten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes, fröhliches Gemüth haschte nach dem fröhlichern Eindruck, und, sann sie oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schaale nach, so waren eben jene geschmacklosen Kanzelreden, und das geistlose Plappergebet, das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, sie in dem unbedingten Vertrauen zuihrerLehre zu stärken.
In dem Geschäftslokale des Hauses ging indessen alles einen gedrängten, unheimlichen, leisen Gang. Von Mäcklern und Unterkäufern wurde es nicht leer. Aufgebrachte, drohende Gläubiger und Bürgen gingen oft aus dem Hause; lauernde Juden, Leute die sonst nimmer in des Senators Schreibstube gesehen worden, gingen häufig hinein, und einer gab dem Andern die Thüre in die Hand. Waarenvorräthe wurden schnell losgeschlagen, um Spottpreise weggegeben; kleinere Schuldposten an des Senators Firma mit Härte und Ungebühr von Nothhaft eingetrieben. Dürftige Geldlasten kamen ein, schwerere Ladungen gingen hinaus. Der Neid hatte auf denglücklichenMüssinger ein offnes Auge gehabt. Der Unglückliche wurde von tausend Augen belauert. Ein dumpfes Gerücht kam auf der Börse aus: der Senator stehe schlecht, sein Haus würde fallen. Viele Geschäftsfreunde zogen sich plötzlich aus allen Verhältnissen mit ihm; Andere, die nicht so schnell sich losmachen konnten, führten drohende Reden in der Blume; die wenigsten warnten den Senator; keiner bot ihm die Freundeshand. Müssinger hatte Mühe und Plage, unter diesen beunruhigenden Vorzeichen sein unbefangenes Gesicht zu bewahren, und das vornehme Uebersehen, das er sich angewöhnt hatte. Indessen wünschte sein Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, undvieleAugen warteten auf dessen Rückkehr. Es hieß, von Amsterdam aus werde die Entwicklung kommen; ob nun der erfrischende Ostwind, oder der niederwerfende Sturm.
Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie er verreis't war. Der Senator wurde geweckt, und stieg zu dem Harrenden in das Cabinet hinunter. Bei stiller Lampe und fest verriegelter Thüre wurde die Unterhandlung gepflogen, bis das Morgenroth zu den Oeffnungen der Fensterladen hereinsah, und die Gassen belebt wurden. Da trat der Senator allein aus seinem Hause, und schlug den Weg zum Kaufhause ein. Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Straße gezeigt hatte; unverändert so, wie er ihn um die Mitternachtsstunde umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strümpfe hängend, die Halsbinde locker, und das Haar zerrüttet. Doch war sein Schritt so hastig, daß er wie im Fluge an den Leuten vorbeischoß, die mit Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhause war Alles noch still und einsam. Einzelne Schiffer lungerten am Gestade, oder wälzten sich auf dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt sich nicht bei den Grüßenden auf, sondern lief immer stromabwärts, bis er die letzten Gebäudeund Schuppen der Quai's und der Stadt hinter sich hatte, und zu der Kastanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile sich erstreckend, neben dem Flusse hinlief, zum Spaziergange der Städter dienend. Steinbänke waren zwischen den Bäumen angebracht, und eine mäßig hohe Brustwehr von Eisengitter schloß den Platz gegen den Strom zu, der reißend und tief unter der Balustrade vorüber tobte. Dieser Ort war, der Kühlung wegen, im hohen Sommer stark besucht; jedoch meistens nur in den Abendstunden; denn die Aurora verträumen die Müßigen gerne, und ihren Genuß im Freien verschmähen die Arbeitsamen. So kam es denn, daß auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Promenade saß, halb von einem mächtigen Stamme verdeckt, dessen Farbe von dem grauen Oberrocke des Mannes wenig abstach. Eine Druckschrift lag auf den Knieen des Einsamen, allein die Aufmerksamkeit, die er auf dieselbe verwendete, hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbeieilte, ohne etwas vor sich zu sehen, als das Ziel seiner Wünsche; der, einige Schritte von dem Lesenden entfernt, schnell wie der Blitz den Stock wegwarf, miteinemSatze auf dem Geländer saß, und sich im folgenden Moment in den Fluß gestürzt haben würde, hätte ihn nicht der herzugekommene kräftig bei den Schultern gefaßt, und ihn zurückgezogen.
Der Versuch eines feigen Selbstmords duldet keine Zeugen. Der Mann der, einem großen Zwecke zu genügen, das Leben wegwirft, wird in seiner Begeisterung den Arm zurückstoßen, der ihn hindern will. Der Schwärmer, der Wahnsinnige, der gegen sich den Dolch zuckt, wird auf kurze Zeit die Raserei eines Thieres gegen Denjenigen wenden, der ihm die Waffe entreißt; der Schwächling aber, oder der Mensch, der einem falschen Ehrgefühl, seinem Hochmuth, sich zum Opfer schlachten will, verliert alle Herzhaftigkeit, sieht er sich ertappt; denn er ging auf einen Frevel aus. Ohnmächtig läßt er den Vorsatz fahren, und die bitterste Beschämung vergilt den kurzen Rausch eines erzwungenen Heroismus.
Der Senator lag mit geschlossenen Augen und hochathmender Brust in den Armen des unbekannten Helfers, und ließ sich von ihm, ohne das mindeste Widerstreben zu äußern, nach der nächsten Bank geleiten. Hier hielt er sich an den Baum, und schlug beide Hände vor's Gesicht. Nach einem kurzen Stillschweigen sagte der Andre mit sanfter und wohlklingender Stimme: »Sie wollten ein voreilig Werk thun, lieber Mann, aber Gott hat Anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie sich daher; vergessen Sie, daß der Teufel Sie in Versuchung führte, und gehen Sie wieder muthvoll an die Geschäfte, die Ihnen obliegen.«
Der Senator zuckte zusammen, schlug die Augen wild auf, und erwiderte dem Manne, in dessen ernstem Gesichte ein erfreuliches Mitgefühl zu lesen war, mit gepreßter Stimme: »Warum haben Sie mich zurückgehalten, Herr? Jetzt wäre Alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt verloren, wie es geschehen wird, wenn man in der Stadt erfährt, was ich versucht habe.«
»Bekümmert Sie das allein?« fragte der Nachbar tröstend: »Beruhigen Sie sich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein verschwiegener Mann, verpflichtet zur Bewahrung der Geheimnisse, die man mir anvertraut, und werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine Unbescheidenheit stören.«
Der Senator sah sich scheu um. »Wahr ist's;« sagte er hierauf: »Wir sind die einzigen Anwesenden an diesem Orte. Wenn Sie daher schweigen wollten ... Kennen Sie mich?«
»Ich könnte es verneinen, um Sie zu täuschen;« erwiderte der Andere:»allein ich hasse den unschuldigsten Winkelzug. Sie sind mir bekannt, Herr Senator; aber wie gesagt, schon mein Stand schützt Sie vor einer möglichen Indiskretion.«
»Darf ich fragen ...?« sagte Müssinger, ihm gespannt in's Auge blickend. —
»Ich nenne mich Leupold, bin Doctor beider Rechte, und habe seit manchen Jahren als Sachwalter bei verschiedenen Gerichten fungirt. Ich verstehe mich auf's Schweigen; um so mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt, dessen Haus mein guter Pflegesohn zu besuchen berufen worden ist.«
»Ich entsinne mich,« entgegnete der Senator, nicht unangenehm überrascht, den neuen Bekannten durch ein gewisses Band des Vertrauens an sich gefesselt zu sehen: »Wären andre Umstände vorhanden, ich würde mich Ihrer Bekanntschaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher, wenn ich nicht bin, wie ich sein sollte.«
»Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen sie nach Hause, Herr Senator. Ein niederschlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Besonnenheit am Besten wieder herstellen.«
»Nach Hause? Wo denken Sie hin? Nach Hause, wo ich der Schande entgegen sehe? Sie haben mich verhindert, im Flusse mein Ende zu suchen. Lassen Sie mich wenigstens so weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und die Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!«
Er stand rasch auf, um in dem verstörten Zustande, worinnen er sich befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurück. — »Bedenken Sie, was sie thun!« sagte er: »Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre Verhältnisse. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach schlimmer, wenn Sie diesen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehnfach. Ich habe viel erfahren in der Welt. Das Schicksal hat uns auf eine so seltne Weise zusammengeführt, daß ich mir fast die Freiheit nehmen möchte, mir ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher ...«
»Ist es denn der Mühe werth, Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was binnen drei Tagen die ganze Stadt wissen wird, wissen muß? Herr! mein Geschäft bricht ein. Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein unbarmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausschlug, kommt übermorgen selbst hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen, nicht den sechsten Theil seiner Wechselforderung schaffen. Alle Quellen sind erschöpft; meine Bücher weisen eine geldleere Wüste auf. Der Senat stößt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wissen sie Alles, was ein Kaufmann sonst nur im letzten Augenblick gesteht. Ermessen Sie meine Lage, und posaunen Sie dieselbe aus, oder schweigen Sie. Mir ist Alles gleichviel. Lassen Sie mich aber fort. —«
»Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen — gehen Sie hin!« sprach mit abstoßendem Tone der Doctor, und wendete sich mißmuthig von dem Verzagenden. — Dieser kurze Bescheid brachte indessen den Senator wieder zu sich. Wir sind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder, klagen und jammern immer mehr, je größre Mitklage wir erwecken, und schweigen plötzlich gefaßt, wenn unser »Zeter« keinen Eindruck mehr macht. Der Senator sah sich betroffen nach seinem neuen Freunde um. Sein Fuß wurzelte. Er legte seine Hand auf des grauen Mannes Schulter, und fragte nach geraumen Schweigen: »Was sagten Sie da? Wem soll ich vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietist, und nicht von heute. Lassen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl befunden, allein, wenneineStütze bricht, halten auch die andern nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?«
»Der Wille des Menschen vermag viel,« antwortete der Doctor: »In ihm liegt der Beistand des Höchsten; er regiert das Glück; glauben Sie mir das. Das Leben ist nun einmal ein Kampf, diese Welt der Fechtplatz. Wer sich am rüstigsten durchschlägt, gelangt sicher zum Ziel. Uebelverstandenes Ehrgefühl, — schlecht ausgelegte Moral sogar, kann den besten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott seiner Gegner machen. Man behaupte die Bahn, in welche man geworfen ist, und träume sich nicht in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den Nacken.«
»Ich verstehe Sie nicht,« äußerte der Senator, und ließ sich horchend neben den Doctor nieder: »ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn ich gleich schon Aehnliches, wie Sie mir da predigen,gefühlthabe,gesagthat mir es noch Niemand.«
»Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt,« versetzte achselzuckend der Doctor: »Ein Beispiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier einen Traktat über die Seeschlacht bei la Hogue, wo Admiral Russel die französische Flotte vernichtet hat. Diese Schlacht war eine der außerordentlichsten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und gewonnen unter den widerstrebendsten Conjunkturen. Nicht Wind, nicht Wetter, nicht das eiserne Joch der Verantwortlichkeit achtend, wurde geschlagen, wurde gesiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend die Victorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte Kraft des Menschen. Und, — merken Sie sich das genau: im bürgerlichen Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoßedenvom Brett, der dich hinunterstoßen will, oder schweige und ergieb dich verzagt in das verdiente Geschick.« — »Ich staune über Ihre Reden, gelehrter Herr,« sagte der Senator, obschon aufgerichteter als zuvor: »wie aber soll ich sie inpraxianwenden? Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder machen mich zittern, sollte ich Sie verstehen.« — Der Doctor lächelte.
»Träumen Sie ja nicht von Gespenstern,« erwiderte er halb im Scherze: »ich schreibe nur sanfte Mittel vor. Sie führen ja nicht das Bajonnet, nicht den Commandostab. Nur so viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig Alles verloren. Von Stunde zu Stunde wechselt das Glück seine Häuser, und schüttet vielleicht in der nächsten den goldenen Regen durch Ihren Schornstein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von Ihrer Stirne, so finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuversicht Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thätigsten wirbt. Waffnen Sie sich wider den Gegner, der sich naht; nicht mit Messer und trotziger Schmähung, sondern mit dem glatten, überredenden Worte, und der vielversprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den festesten Vorsatz. Jeder Mensch hat den verwundbaren Fleck. Jeder Mensch ist eitel. Suchen Sie die Ferse des Achilles. Schmeicheln Sie seiner Eitelkeit. Der günstige Augenblick einmal benützt, und die Wechsel werden prolongirt, die Frist ist gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in der Hoffnung liegen ja alle unsere Reiche. Was möglich ist, kann auch wahr werden, und das Mißgeschick macht immer wieder der Fortuna Platz. Hören Sie nie auf, auf sich zu zählen, und auf meine Verschwiegenheit.«
Mit einer anständigen Verbeugung verließ der Doctor den Handelsherrn, und wandelte nach der Stadt zurück. Müssinger sah ihm verwundert nach, und dann in sein eignes Innres. Mittel und Wege fand er freilich darinnen nicht vor, aber ein besserer Muth belebte seinen Geist, und sein Plan, sich aus der Welt zu schaffen, kam ihm bald wie ein Traum, bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei, den aufgeregten zu beruhigen. Die erste Folge dieser eintretenden Ruhe war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, seinen Anzug wieder bildlicher und anständiger herzustellen. Alsdann stand er auf, blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Versuch ist ja wohl die Lehre werth, und im schlimmsten Falle ändert ja der Strom binnen drei Tagen nicht sein Bett! — Somit drückte er den Hut in die Augen, wanderte gravitätisch zur Stadt zurück, und seiner gleichgültigen Miene hätte Niemand angesehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn gestanden.
»Mein Guter,« sprach er nach einiger Ueberlegung in seinem Cabinette zu dem Buchhalter: »Es liegt mir daran, daß Ihr Euch von dem Amsterdamer nicht in meinem Hause finden lasset. Es dient mir zu besserem Stand und Hinterhalt, wenn ich sagen kann, daß Ihr, auf andern Geschäftstouren begriffen, noch nicht zu mir heimkehrtet, mir seine Antwort noch nicht hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daßerselbst kommen würde, sich mit mir in Richtigkeit zu setzen; nichts weiter, versteht Ihr mich? Ich gewinne durch diese Unwissenheit Aufschub, und während dessen geht eine neue Quelle auf.« — »Das gebe Gott!« seufzte der treue Buchhalter: »wo befiehlt aber mein hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?« — »Ihr mögt nach Steinstadt reisen,« erwiderte der Senator, »und bei Gericht den Zwangprozeß gegen unsern saumseligen Schuldner, den Apotheker, eifrig betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen ist das Geschäft beendigt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die Umstände wären, wie sie sind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewisses Aufsehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten suchen, daß Ihr in meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten sollt, die der Graf zu Steinstadt versteigern läßt.«
»In Gottes Namen!« ließ sich der Buchhalter vernehmen, und ging, sich fertig zu machen. Der Senator stieg indessen hinauf zu seinen Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Höcken von Amsterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden, in dem Hause seines Geschäftsfreundes sein Quartier zu nehmen. Deshalb müsse das beste Gastzimmer in Stand gesetzt, und in Küche und Keller alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen so ehrenwerthen Besuch nach Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte viel über die ungelegene Störung des Hauswesens, gab dann, da sie nichts an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleichgültigkeit Justinen die Schlüssel zu Haus und Hof und ließ die flinke, bereitwillige Tochter für Alles sorgen. Sie selbst sah, nach wie vor, ganze Stunden lang durch's Fenster, schlief, betete ihre Psalmen gedankenlos, und hatte am Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen sitzend, viel von der Mühe und Plackerei einer weitläufigen Wirthschaft und unbequemer Gäste zu erzählen. Die Spiel- und Klatschschwestern säumten nicht, das Erfahrene und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener Steinkohlenspekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der Börse wieder freundliche Gesichter zu sehen, und das Wiederaufkommen seines Credits zu bemerken. »Van den Höcken wird bei ihm wohnen!« flüsterten sich Händler und Sensale zu; »er erwartet ihn also mit gutem Gewissen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie müssen baar bezahlt werden, weil die Excellenz das Geld für Spa braucht. Er florirt also wieder, der HerrMüssinger!« Und: »Ein wackrer Mann! ein braver Mann!« scholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem Munde derjenigen, die ihn schon am meisten geschmäht hatten. Die ruhigern, solidern Kaufleute zuckten indessen die Achseln, schüttelten die Köpfe, murmelten von Dunst und tauben Nüssen und erwarteten die Zukunft. Aengstlicher und sehnsüchtiger als sie Alle, erwartete der Senator die Tage der Entscheidung, und es wurde ihm schwül zu Sinne, denn schon waren fast zweimal 24 Stunden seit der Unterredung mit dem Doktor verflossen, und noch hatte sich, außer dem Dunst nichts geändert in seinen Verhältnissen. Wo er ging und stand, dachte er an unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doktors, die wie Metallklänge an sein Ohr schlugen: »Hilf dir selbst, und Gott ist mit dir. Stoßedenvom Brett, der dich hinabstoßen will!« »Kann ich denn diese harten Reden nicht los werden?« fragte er sich oft, wild an seine Stirne schlagend, und verschloß sich dann wieder auf Viertelstunden in den stillsten Winkel seines Hauses.
Unterdessen machte Justine die fleißige Wirthin, und ordnete und putzte in den Gastzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur Stunde kam, und den die Mutter schnöde abgefertigt hatte, sah im Vorübergehen die Thüre der Gaststube zufällig offen, blickte hinein und grüßte Justine, die auf einem Tische stand, und sich umsonst bemühte, die schwere Stange des Vorhangs auf die Hacken über dem Fenster zu bringen. Ihr Gesichtchen war feuerroth vor Zorn, und mit weinerlicher Stimme rief sie dem Engländer zu: »So kommt doch herein, Monsieur! seit zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen dummen Mägden, die mich hier allein gelassen haben. Noch eine Minute, und ich hätte die schwere Fahne da, wie sie ist, auf das Getäfel geworfen, und wenn Spiegel und Marmortisch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wäre. Helft mir!«
»Mit Vergnügen!« betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete sich, auf den Tisch zu steigen. Justine stampfte ungeduldig mit den Füßchen. »Mein Gott, wie förmlich!« rief sie, »legt doch um Gottes Willen Euer englisches Phlegma ab. Ein Anderer wäre miteinemSprunge schon bei mir gewesen!« — »Ein wenig Geduld!« ermahnte James das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus dessen Hand und in einem Augenblicke saß er, wo er sollte. »Besonnen kommt man nicht minder schnell zum Ziele,« sprach James weiter, und reichte Justinen die Hände, sie vom Tische zu heben. Sie bedachte sich eine Weile, wollte ihr böses Gesicht beibehalten, das schelmische Lächeln drang aber durch das Gewitter, und wie ein Zephyr flog sie an des Jünglings Armen zur Erde. »Ihr seid ein possirlicher Mensch!« sagte sie, ihm neckend in die Augen sehend: »so oft ich Euch die Wahrheit sage, spielt Ihr den Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum Besten. Gewöhnt Euch das ab, Monsieur. Ihr seid ja kein Kandidat, der blöde thun muß, um's liebe Brod. Was ein vorwitziges Mädchen sagt, muß den Vernünftigen nicht kümmern.«