Zweiter Abschnitt.

»Menschen, die mir gleichgültig sind, kümmern mich auch nicht,« antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit besiegen konnte. Justine blickte ihn rasch und gleich wie strafend an, verzog dann fröhlich lächelnd den Mund, und drehte sich, schnell wie der Wind, im Kreise um.

»Seht aber doch, wie schön ich Alles hier eingerichtet habe!« rief sie, sich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und lustig in die Hände klatschend: »Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine schönere Wohnung.« —

»Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,« entgegnete James scherzend, »brächte mich beinahe auf die Vermuthung, diese Zimmer seien für Ihren Verlobten eingerichtet.«

»Ach Gott, nein!« versetzte Justine, indem Sie die Hände in spaßhafter Klage zusammenschlug; »Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um so geschwinde seinen Besuch abstatten zu können. Vor der Hand wird nur ein alter steifer Holländer, der Herr van den Höcken hier sein Quartier nehmen. Der beste Freund meines Vaters: sie haben sich aber in ihrem Leben noch nicht gesehen. Der liebenswürdigste Mann: wir wissen aber noch nicht das Geringste davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht an, und lobt meinen Geschmack. IndiesemZustande seht Ihr es nicht mehr wieder!«

»Wie so?«

»Herr van den Höcken wird schon alle meine Bemühungen zu Schanden machen. Diese weißen Vorhänge wird der Rauch seiner Pfeife schwärzen, all' diese Ordnung seine plumpe Hand zerstören. Ach, die Männer sind ja nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.«

»Wie kommenSiejetzt zu der Sentenz?«

»Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monsieur befestigt habt, bringt mich zu der Beschwerde. Es steht schief und baufällig. Schade dennoch um das arme Bild.«

»Warum befehlen Sie nicht?« fragte James lebhaft, sprang abermals auf den Tisch, und richtete das vergoldete Prunkstück nach der Regel auf. Justine verneigte sich steif. »Monsieur!« sagte sie, »ich bin mit Euch zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?«

»Ichstrebenach Ihrer Zufriedenheit, Mademoiselle,« entgegnete James verbindlich. — »Das gefällt mir,« sprach Justine ernsthaft wie eine Königin. »Ihr möget aber wissen, daß ich nicht genügsam in meinen Forderungen bin.«

»Und doch würde ich einejedeerfüllen!« versicherte James nicht minder ernsthaft. »Jede?« fragte Justine noch ernsthafter: »Besinnt Euch, Monsieur. Ich lasse nicht mit mir scherzen.«

»Auch scherze ich nicht,« schloß James fest und bestimmt.

»So wolltet Ihr also auch, wenn ich es verlange, den einfältigen Lauscher über die Treppe werfen, der schon seit einer Minute den Kopf in die Thüre steckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel seine Ohren sehe?«

James sah sich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes ertapptes Fuchsgesicht, aus dessen Munde stammelnd die Worte kamen: »Mit Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich suche nur Ihren Herrn Vater!«

»Mit Permiß,« antwortete Justine verächtlich: »Er ist ein erbärmlicher Pinsel, dem mein Herr Vater für seine Horcherei den Kopf zurecht setzen soll. Führ' Er sich ab, und such' Er anderswo.«

Nothhaft verschwand mit leisen Verwünschungen. Justine lachte herzlich, theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel gefallen, vor ihr stand.

»Sagen Sie, wunderliche Fee!« sprach er: »Wie soll ich Sie nennen? Sie wechseln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu sein, Ihnen einen wichtigen Dienst leisten, Ihren Beifall erwerben zu können, und plötzlich löst sich Alles in einen Scherz auf.«

»Gesteht es nur, Monsieur!« erwiderte hierauf Justine: »Ihr seid eitel. Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könntet ein Franzose sein. Mein Ernst ist jedoch nichtimmerScherz.«

Die Gutmüthigkeit, die sich in Justinens Rede kund gab, machte dem Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Müssinger's Dazwischenkunft setzte seiner Neugier unübersteigliche Schranken.

Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit: »Ist alles fertig, Justine? Alles hergerichtet und geordnet?« Auf die Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten: »Brav, schön, meine Tochter. Zur besten Zeit, mein Kind. Er ist angekommen. Van den Höcken ist da. Der Kellerbursche aus dem römischen Kaiser hat mir's so eben gesteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im Gasthause lassen. Ich gehe selbst zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen, wie sich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und Kniebänder? Hängt der Degen recht, wie er soll? Wie findest du den Busenstreif?«

»Schön und wohlanständig wie alles Uebrige, lieber Vater,« antwortete Justine, ein feines Lächeln kaum bemeisternd: »Sie sind jedoch in einer Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiser zu treten, sondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger ist, als Sie selbst, und obendrein Ihr Handelsfreund!«

»Ach ja!« versetzte der Senator mit ängstlichem Athemzuge: »ach ja! das ist er, aber die Schicklichkeit, die Mores, ... und dann meine Pflicht, ... und worauf es ankömmt! Liebe Justine, erhebe deine Seele zum Gebet! ... Deine Mutter ist Eis, ... du aber mein Kind halte den Daumen für mich! hörst du? bringe mir Glück! freilich darfst du nicht wissen, ... aber ... wie gesagt ... Adieu!«

Schon war er jenseits der Schwelle. Die Herzensangst, die unverkennbar aus ihm sprach, machte Justine sehr nachdenklich. Sie stützte sich auf den Tisch, und blickte sinnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens drehte sie sich kopfschüttelnd um, um zu gehen.

»Wie? Ihr seid noch da, Monsieur White?« fragte sie, wie erstaunt den jungen Mann zu sehen, der sie mit verschränkten Armen und theilnehmend betrachtete. »Könnt Ihr mir nicht sagen, was der Auftritt so eben bedeutete?« setzte sie gezwungen lächelnd hinzu.

»Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den Glücklichen, daß er sich auf Unheil gefaßt mache,« entgegnete schonend und vorbereitend der Jüngling. »So?« fragte Justine wieder mit durchdringendem Blicke: »Euch steht's jedoch schlecht an, den Unglückspropheten allein hier spielen zu wollen. Was berechtigt euch dazu? gewiß nur meine Nachsicht, die Euch zu solcher mißbrauchten Vertraulichkeit den Muth giebt. — Außer der Lehrstunde bin ich nicht für Euch zu Hause.«

James Gefühl wallte über. »Nach Befehl,« entgegnete er kaum hörbar, »hätte ich geahnt, daß Sie auf Ihre Frage nur ein stummes Achselzucken wünschen, und nicht ein freundlich offen Wort, so hätte ich mir die Beleidigung, Ihnen die Reue erspart.«

Er entfernte sich schnell. Schon war Justine im Begriff, bereits von dem innern Vorwurfe gequält, ihn zurückzurufen; schon hob sich ihr Fuß, ihm nachzueilen, aber Stimme und Bewegung bezwang sie im stolzen Selbstgefühle. »Ein unerträglicher Mensch!« eiferte sie vor sich hin: »Was er sich erlaubt! Ist das nicht der Ton, den ein Vater gegen seine Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht fürvoll? Bin ich denn ein Kind, das sich Alles gefallen lassen muß?« Ein schneller Blick in den Spiegel belehrte sie zur Genüge, daß sie kein Kind mehr war, sondern eine Jungfrau in der schönsten Blüthe des Alters. Wohlgefällig ordnete sie die Spitzen, die ihren Busen zart und schwach verhüllten, die Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres seidenen Gewandes, und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab. »Wahrlich!« sprach sie alsdann mit verklärtem Angesichte: »Herr Birsher wird nicht die häßlichste Braut ausEuropa entführen. Wenn er nur auch recht hübsch ist, und wohlgewachsen, und prächtig und sauber im Aeußern! Wie werden sich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit mit ihm abziehe! Wie werde ich dagegen jubeln, wenn ich aus diesem Hause scheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt und nur für ihre Kammerjungfer ansieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunderlicher wird. Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange um seinen Verstand!«

So eben ließen sich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige Schritte kamen über die Treppe herauf. Erschreckt flog Justine aus dem Zimmer, und bewillkommte sehr verlegen einen sehr dicken schweren Mann, der an der Hand des Senators, in Reisekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein Lastträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das ganze Comptoirpersonale lauschte unten mit vorgestreckten Hälsen.

»Der sehr achtbare Herr und Freund van den Höcken aus Amsterdam,« sprach der Vater geschäftig zu Justine, und zupfte sie, einen sehr tiefen Knix zu machen. Der Holländer versuchte seinerseits eine Verbeugung, sah Justine starr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen. »Ein hübsches Kind, die Jungfer Tochter,« sagte er noch halb athemlos: »ein recht hübsches Kind, eine lockende Eva! es ist charmant, Ew. Edeln, daß ich dem römischen Kaiser Valet gesagt habe, um hier in die Arme einer griechischen Helena zu sinken.«

»Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden!« platzte Justine heraus, und floh vor den ausgestreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer. Van den Höcken lachte ungemessen, und wehrte dem Senator ab, der Justinen nacheilen wollte.

»Lassen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin springen und laufen,« sagte er fortlachend, »der Wein muß brausen, das Bier schäumen. Am Ende gibt es noch den solidesten Trank. Ich bin der Jungfer schon recht zugethan, und denke,siesoll mir es auch werden. Alte Hagestolze wie ich, haben das Geheimniß endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre macht. Für's Erste jedoch,« setzte er hinzu, »weisen Sie mir mein Zimmer an, und entschuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich herüber. Meine müden Beine müssen bis dahin ausrasten.«

Der Senator stieß dienstfertig die Thüre auf, und van den Höcken betrachtete mit Wohlgefallen sein Quartier. »Ew. Edeln haben mich wie einen Cogreßambassadeur logirt,« schmunzelte er, »Item, unsere persönliche Bekanntschaft hebt vollkommen gut an; wünsche nur, daß auch insaeterisalles gut ablaufe, mein bester Herr.«

Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er stellte sich daher vor den im Lehnstuhle ruhenden Gast, und begann zu erzählen von dem Buchhalter, der nicht zugegen, von dessen oberflächlichem Brief, von der Freude, die er empfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den bösen Zeiten und den Wagnissen eines Spekulanten, und besonders von der Nothwendigkeit, sich als Christen gegenseitig zu unterstützen, und zu schonen. Als er jedoch bis zu diesem Punkte gekommen war, faltete der Gast seine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete ziemlich unfreundlich: »Geschätzter Herr Senator! Dergleichen Betrachtungen schicken sich wenig in der ersten Bewillkommnungsstunde. Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die christliche Moral, so sollen Erstere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und Letztere nicht begehren, daß Einer, um dem Andern durch die Finger zu sehen, sich selber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich nicht das beste Deutsch rede. Im Holländischen könnte ich michfreilich besser ausdrücken. Uebrigens lassen wir dergleichen Erörterungen auf morgen. Meine Maxime ist: zuerst ruhen, dann arbeiten. Morgen nach dem Frühstück von Geschäften. Meine Wechsel sind in aller Ordnung. Halten Sie nur das Ihrige in Bereitschaft.«

Der Senator war wie von kaltem Wasser übergossen. — »Ew. Edeln vergessen,« stotterte er, »daß meines Buchhalters Abwesenheit......«

»Doch keinen Aufschub macht?« unterbrach ihn van den Höcken, herzlich lachend. »Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die Zahltermine auch ohne den Buchführer. Respekttage habe ich in Hülle und Fülle gelassen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage. Also haben Ew. Edeln die Güte, sich nicht länger zu sträuben. Ich weiß es; große Summen gehen schwer vom Herzen; mir selbst nicht minder; allein was sein muß......, nun, Sie sind ja ein Ehrenmann, und somit heute kein Wort mehr hievon.«

Müssinger empfahl sich mit verstecktem Mißvergnügen, und ging bis zur Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauses hin und her, um sich die gehörige Fassung zuzuwenden, deren er, seinem Gaste gegenüber, bedurfte. Plötzlich blieb er stehen, und sagte vor sich hin: »Bin ich denn nicht ein blödsinniger Mensch, daß ich noch hoffe, und kann diese Hoffnung mit nichts in der Welt rechtfertigen? Was soll mir eine leere gespenstige Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne gesagt, was er morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir steht, als selbst mein Buchhalter ihm gesagt, dessen vergebliche Bemühungen er nur für die Flausen eines Mannes, der nicht zahlenwill, zu halten scheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem Kaiser, und nur von seiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein saurer Schritt, — der sauerste meines Lebens! ist er aber vergebens, auch mein Letzter, so wahr mir Gott gnädig ist. Vor des Holländers Augen zerschmettre ich mir den Kopf!«

Von diesem Gedanken erfüllt, stieg er hinab in sein Cabinet, lud mit der Entschlossenheit der abgestumpften Verzweiflung seine großen Reisepistolen, und legte sie, unfern von seinem Drehstuhle, in ein verstecktes Fach des Schreibtisches. Hierauf schloß er sorgfältig zu, gab den Comptoirbedienten für denganzenfolgenden Tag — einen Sonntag — freien Urlaub, und verfügte sich in die Wohnstube, wo er seine Frau, ihre Freundinnen, Justine und van den Höcken schon beisammen fand. Der Thee wurde nach holländischer Sitte herumgereicht. Der Gast setzte sein größtes Vergnügen darein, sich von der Tochter bedienen zu lassen, und durch mehrere Scherze, wie sie alte Herren seines Schlags sich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu jagen.

»Das wäre ein Mädchen,« sagte er unter Andern, »das wieder Leben in mein verödetes Hauswesen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn die Jungfer mich selbst zum Manne nehmen wollte. Unsre steifen Amsterdamer Puppen müßten sich verstecken vor der muntern Frau van den Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln: — seh' ich die Jungfer an, so wird mir's wohl begreiflich, wie sieihreTochter sein kann; aber die bequeme Madam dort im Kanape würde nicht jeder fürihreMutter halten.«

»Hm!« dehnte die Senatorin etwas empfindlich, »Ew. Edeln und meine Wenigkeit stellten dafür ein passenderes Paar vor.«

»Wahrhaftig!« lachte van den Höcken ausgelassen. »Sie haben recht, meine Werthgeschätzte, und ich würde auch des Schicksals Wink nicht unbeachtet lassen, hätte es dem Himmel gefallen, sie in ledigem Stande vor meine Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo stehen, werde ich mich schon an die Jungfer Tochter halten müssen.«

»Bitte sehr!« lächelte Justine schnippisch, und zog ihre Hand aus der Rechten des Holländers. Die geneigte Mama setzte indessen phlegmatisch bei: »Inkommodire sich der Herr nicht. Meine Tochter ist versprochen, sie wird eine Birsher in New-York.«

»Oho!« entgegnete van den Höcken. »Mit dem Birsher nehm ich's auch noch auf. Bin ich nicht so jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der Vater, und der Weg nach Amsterdam ist um ein gutes Stück näher, als der nach Amerika.«

»Danke gar sehr, lieber Herr!« spöttelte Justine. — Die Mutter nickte ihr den völligsten Beifall zu. Der Vater ließ sich vertraulich neben dem Holländer nieder, und sagte, als die Frauen sich wieder alle um die Theekanne und Butterschnitten drängten, so süß als möglich: »Ew. Edeln haben eine unvergleichliche Gabe, zu scherzen. Ein Anderer hätte glauben können, Sie hätten in der That ein Auge auf unser Kind.«

»Das habe ich auch,« bekräftigte van den Höcken. »Ich bin der schnippischen Jungfer seelengut, und möchte sie für mein Leben gern inmeinemBauerchen haben.« —

»Ha!« versetzte der Senator, vor dessen Seele allerlei Hoffnungen und Plane wieder aufdämmerten: »Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, so gute Freunde, achtbarer Herr ...«

Er stockte,einAuge sah verlegen auf den zitternden Busenstreif, das Andere auf den Holländer, der, seine Pfeife kaltblütig anbrennend, langsam zu ihm sagte: »Nun? und weiter? Drücken Ew. Edeln ab! Nun?«

»Ich meinte nur,« fuhr der Senator, seine Schmiegsamkeit mit ungeduldiger Ruhe behauptend, fort, — »daß ich Ihnen nicht leicht ein Ansuchen fehl gehen lassen möchte, wenn dessen Erfüllung in meiner Macht stände.«

»Versteh ich Sie?« fragte van den Höcken heimlicher: »Vielleicht auch nicht das Ansuchen um die Jungfer Tochter?« —

»Ihr Scharfsinn, werther Herr, ...« begann der Senator. —

»Bitte! keine Complimente!« fiel der Holländer ein. »Der Birsher steht aber im Wege. Wie könnte mandenwegschaffen?«

»I nun,« flüsterte Müssinger, »man müßte sehen, wie sich etwa die Gelegenheit darböte ...«

»Ein ehrliches Mannswort zu brechen?« sagte van den Höcken ernst, und mit Vorwurf: »ein kaufmännisches Versprechen ist heilig wie ein Eid. Es muß gehalten werden, wenn auch eine Gelegenheit sich darböte ... lieber Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Höcken von Amsterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter willen den niedrigen Charakterzug vergibt —«

»Mein werther Herr,« wollte der Senator auffahren. Der Gast hielt ihn jedoch im Zaume, indem er ihm zuflüsterte: »Machen Sie doch Ihren Schritt nicht vor Ihrer Familie und den Fremden offenbar. Schämen Sie sich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie sich nicht, wenn ein ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen Zusagen Ihnen feil geworden sind.«

Den Rücken des Senators überlief es wie mit tausend Nadelspitzen. Kurz und trotzig, um den Herrn von Amsterdam seine Beschämung nicht sehen zu lassen, wendete er sich von ihm, und vergaß die Pflichten des Hausherrn. Van den Höcken übersah ihm den Ingrimm, und mischte sich in ein Gesellschaftsspiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier entfaltete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angesehen hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und eine Gutmüthigkeit, die ihm Justinens Herz geneigter machte. Er zog es auffallend vor, sich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab sich viele Mühe, es an sich zu fesseln. Der Senator sah mit schwankenden Hoffnungen und vieler Reue dieser feinen Bewerbung zu, bis die zehnte Stunde schlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gast nach seinem Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu lassen. Verbindlich und gefällig wünschte van den Höcken allerseits gute Nacht, und begehrte scherzend von Justinen den Verlobungskuß. Die Jungfer verweigerte sich lachend. Van den Höcken hatte sich's vorgenommen, die süße Frucht nicht unberührt zu lassen. — »Will Sie mich nicht qua Bräutigam küssen, spröde Jungfer,« sagte er lachend, »so erlaube Sie mir doch wenigstens, SiequaPapa zu küssen. Ich könnte es ja doch sein, denke ich; he? —«

»Gute Nacht, Herr Vater!« antwortete dem Scherze nachgebend und munter das lustige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und verließ, glänzend und strahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom Hause, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldeten Armleuchter in der Hand, zum Gastzimmer hinaus. Beide Männer schwiegen ernsthaft. Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damastvorhänge des Alkovens, schloß die Fenster, zeigte stumm auf alle Bequemlichkeiten der Wohnung, und wollte sich mit einem trocknen: »Schlafen Ew. Edeln wohl!« abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an.

»Wollen wir denn im Groll scheiden, werther Herr und Gastfreund?« sagte er: »Lassen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung gesagt, und Sie haben bereut; somit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindseligkeit nichts taugt. Sie haben mich selber in Ihr Haus geladen, und vertrauensvoll hab ich's angenommen. Sein Sie auch freundlich in dem gastfreundlichen Hause. Bei Gott, ich bin es auch wieder.«

Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns nicht ausschlagen, aber gefangen geben mochte sich sein Stolz auch nicht. Steif verbeugte er sich daher und erwiderte: »Ew. Edeln wollen scherzen. Ich habe Alles vergessen, und bitte um dieselbe Vergünstigung. Wann befehlen Sie morgen geweckt zu werden?«

»Ich incommodire nicht,« versetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt von des Senators Rede: »mein übergesegneter Körperumfang weckt mich frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünsche ich mit dem Frühstück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unser Geschäft gehen können.«

»Sehr wohl,« entgegnete Müssinger eiskalt; »Alles soll geschehen, wie Sie es anordnen. Gute Nacht!« —

Van den Höcken legte sich zu Bette: aber der Senator fand in seiner Stube keine Ruhe. Einmal sogar verließ er dieselbe, das Licht in der Hand, und schlich in leisen Pantoffeln bis zu der Schlafkammer seiner Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber scheu trat er wieder zurück, suchte er wieder seine Stube. — Warum das Mädchen in das Geheimniß ziehen? sagte er mißbilligend zu sich selbst: Wird nicht ihr Eigensinn oder ihre Angst mich verderben? Es ist nicht gut, wenn der Vater die Rettung seiner Habe in schwache Kinderhände legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle mißlingt der Plan. In welchem Lichte stünde ich vor dem holländischen Herrn! Könnte er's dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewisse Art der Kuppler meiner Tochter ...? Pfui, Müssinger. Diese Blöße wäre unverzeihlicher, als die, welche deine Schwäche und deine fürchterliche Bedrängniß gaben. Fasse Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus, wie du es dir vorgenommen. Ist der Holländer, seiner Pünktlichkeit und Hartnäckigkeit zum Trotz, ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach seinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, so wird ihn die treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht ... in Gottes Namen!

Mit einem schweren Seufzer löschte der Senator sein Licht, und gab sich einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafstörungen und Grübeln Erschöpften endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte schon einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, seiner Sinne nicht klar bewußter Mann, ließ er sich von dem eintretenden Bedienten die Haare ordnen, zog sich nicht allzu sorgfältig an, und begab sich unter dem ersten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatorin stand schon, geschmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen, in der Mitte des Zimmers. Justine trat mit Blumensträußen und Gesangbüchern versehen, ebenfalls im Staate vonCros de Tours, herein. Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläfrigkeit in Ton und Wesen, ihren Mann einen trägen Langschläfer, der sein Frühstück allein, oder mit seinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Justinens Scharfblick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch das ungewöhnliche Treiben wühle, das sie schon in den verflossenen Tagen bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt, wurde der Senator milder, und sagte fast liebevoll zu seiner Ehefrau: »Liebe Jacobine! Ich muß dich heute freilich allein in die Kirche gehen lassen, weil mich ein Geschäft zu Hause hält. Aber gerade deshalb betedufür mich, und denke meiner einmal im Guten gegen den Schöpfer.« — »Faselt er nicht schon wieder?« fragte die Senatorin, spöttisch zu Justine gewendet: »Bete ein Jeder für sich, und erhalte der Herr jedem den Verstand. Wenn ich den Doctor in der Kirche sehen sollte, will ich nicht versäumen, ihn zu dir zu schicken. Ein Aderlaß ist dir wahrlich nöthig, denn richtig scheint mir's seit einiger Zeit nicht mehr in deinem Kopfe zu sein.«

Der Senator hob, statt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und wendete sich von dem Weibe. — »Ich will mich nicht erzürnen,« sagte er mit gewaltsam unterdrücktem Unmuth: »es möchte vielleicht gut sein, daß wir geradejetztnicht im Hader scheiden. Darum gehe recht geschwinde, Jacobine, und leb' wohl!«

»Der Mann wird sich noch durch seine Galle umbringen!« versetzte die Senatorin gleichgültig, füllte sich den Mund mit getrockneten Feigen, und rauschte in ihrem weiten Stoffkleide vornehm zur Thüre hinaus. Justine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und sagte mitleidig: »Sprechen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben soll? Sie scheinen mir in der That krank zu sein.« — »Geh', mein Kind,« entgegnete Müssinger: »du erzürnst deine Mutter.« — »Ich fürchte ihren Zorn nicht,« versicherte Justine gleichmüthig; allein da der Senator darauf bestand, zu bleiben, um seinen Geschäften zu genügen, folgte sie, wiewohl besorgt, der Mutter in die Kirche. Die Glocken schlugen ringsum die neunte Stunde, und Müssinger klopfte an van den Höcken's Thüre. Der Gast, erhitzt von der Pein einer fast schlaflosen Nacht, empfing ihn nicht in der besten Laune, und schien geneigt zu sein, das unangenehme Geschäft zu verschieben. Der Senator jedoch, dem es wie ein Fels auf der Brust lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben sein wollte, drang, wiewohl bescheiden, dennoch so bestimmt auf der Arbeit Beginnen, daß van den Höcken endlich mit den Worten: »Sieh, wie sich das machte! Gestern so säumig, heute ohne Rast und Weile!« den Rock überwarf, seine Brieftasche ausdem wohlverschlossenen Koffer nahm, und dem Hausherrn nach der Schreibstube folgte.

»Der Tag ist recht günstig,« sagte er, da sie durch das leere Comptoir nach dem Cabinette schritten: »die Diener sind vermuthlich alle im Gottesdienste. Da läßt sich das Geschäft rund abmachen, und bei den Zahlungen liebe ich sonderlich keine Zeugen.«

»Ich auch nicht,« entgegnete der Senator zähneklappernd; zog den Laden des Hoffensters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Höcken machte sich mit dem Schlosse des Portefeuille zu schaffen; Müssinger blätterte mit zitternder Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich der Holländer eine ziemliche Partie von Wechseln geordnet, und die Brieftasche wieder zugemacht hatte, sah er mit fragenden Blicken auf den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und sagte mit kaum hörbarer Stimme: »Es wird Alles bald abgethan sein, werther Herr. Hier — sehen Sie im Buche, was ich Ihnen soll; und in meiner Cassa, was ich habe!«

Er stieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiste auf; sie war beinahe leer. — Van den Höckens Gesicht verfinsterte sich ungemein. »Was soll das, Herr?« fragte er scharf. — »Ich bin jetzt schon ein vornehm thuender Bettler,« versetzte Müssinger: »Gewährt mir Ihr Mitleid nicht Jahresfrist, so stehe ich auch am Pranger.« — »Sie haben es durch Ihre unmäßige Spekulationswuth verschuldet,« fuhr van den Höcken mit strengem Verweise fort: »Ihre Firma schien nur solid, und war eine Seifenblase, um Andere sichere Creditoren zu täuschen.« —

»Herr!« sprach der Senator mit mühsamer Fassung und Unterwürfigkeit: »Sein Sie nicht ungerecht; Ihre Menschlichkeit, ... mein Unglück ...!«

»Pah!« eiferte der Gläubiger: »jeder Verschwender schützt Unglück vor, und appellirt an weiche Herzen. Ein Kaufmann muß ein steinhartes Herz besitzen, soll er nicht selbst zu Grunde gehen. Und wer steht mir denn am Ende dafür, daß diese ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie sei, und in einen fraudulösen Bankerott ausgehen werde, weil sich gerade dieGelegenheitdarbietet ...«

»Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!« fuhr ihm der Senator wüthend in die Rede.

»Was da!« brummte van den Höcken wild entgegen: »Dero gestrige Proposition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut: die leere Geldkiste befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand sind Ihre Wechsel. Sehen Sie dieselben an, und lernen Sie mich kennen! Ich bin nicht umsonst den weiten Weg hierher gereist; ich will nicht vergebens ...«

»Wohlan,« unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: »Da doch nichts Ihr Menschengefühl erregen kann! Wohlan! Sie sollen Ihren Willen haben. Diese Wechsel kenne ich, und Sie sollen nicht umsonst sich bemüht haben. Sehen sollen Sie, wie ich meine Rechnung schließe!«

Mit der einen Hand stieß er die Wechselpapiere von sich, die ihm van den Höcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Pistolen aus dem Fache des Schreibtisches.

Bei dieser unverhofften drohenden Bewegung entsetzte sich van den Höcken zum Tode. »Herr! Sie wollen doch nicht ...« lallte er, vom Stuhle auffahrend.

Nothhaft, der Comptorist, hatte die Kirche umgangen, seine Zeit in einer versteckten Spielstube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluste, nach Hause zurück, um seine letzten Thaler zu sich zu stecken, und auf's Neuesein Glück zu versuchen. Zweimal hatte er schon an der verschlossenen Hausthüre geklingelt, niemand ihm aufgethan. Die haushütende Magd hielt am Dachfenster des Hintergebäudes eine gewichtige Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhause. Der Knecht war auswärts zu seinem Schätzchen geschlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er sich vor, Sturm zu läuten, zog er kräftig und unausgesetzt an der volltönenden Schelle. Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünschten Erfolges. Schritte kamen, das Schloß ging langsam und zögernd auf.

»Taubes, ungeschicktes Murmelthier!« grollte der Eintretende, erschrack aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, sondern den Prinzipal selbst vor sich sah, der das Amt eines Pförtners verrichtet hatte. Seine Unbesonnenheit verwünschend, und den Jähzorn des Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er sich verlegen, und stotterte eine Entschuldigung her, die nicht schlechter hätte ausfallen können.

Wunderbarer Weise genügte sie gerade heute dem wenig duldsamen Prinzipal. »Schon gut, mein lieber Nothhaft,« versetzte er mit leiser Stimme: »Er meint es nicht böse. Darum,« — hier schloß er die Thüre wieder sorgfältig, — »darum ist mir's auch lieb, daßErgerade heimkömmt. Ist etwa die Kirche schon zu Ende?« fragte er hastig nach. —

Nothhaft war innerlich erschrocken ob der Todtenblässe, die auf des Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raschen Unsicherheit in seiner leisen Rede; er erwiderte daher kleinlaut: »Nein, hochgeehrter Herr, ich konnte aber vor Uebelsein nicht in der Kirche ausdauern. Deshalb ... so eben schlug es zehn Uhr.« — »Zehn Uhr erst?« fragte der Senator wieder mit schleppendem Tone: »wie die Zeit schleicht! ich dachte, es müsse Mittag vorüber sein. Komm' Er mit in's Comptoir.«

»Soll ich nicht die Fensterladen öffnen?« sagte Nothhaft, als sie in der finstren Stube standen. — »Nicht doch,« erwiderte Müssinger hastig, »drinnen ist es schon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht, noch Grauen?«

»Ich habe Beides nie gekannt,« betheuerte Nothhaft, sehr aufmerksam werdend.

»Desto besser!« setzte der Senator bei: »so wird Er doch Rath wissen. Mich hat es stark angegriffen.« — »Was denn Herr Senator?« — »Rede Er nicht laut. Es hat sich vor einer halben Stunde, — es kann vielleicht auch eine Stunde sein, — ein Unglück im Hause begeben.«

»Ein Unglück? hier im Hause?«

»Ja doch; nur leise gesprochen. Dort im Kabinett ...« Der Senator drückte, das Gesicht wegwendend, die Thüre auf.

»Im Kabinett?« fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne sich zu regen. »Was ist dort?«

»Der Holländer ...« stammelte Müssinger, — »es war plötzlich aus mit ihm.«

»Mit dem Holländer?«

»Er ist in meinen Armen ... gestorben, glaube ich. Geh Er hinein, und sehe Er nach, ob Er's auch so findet, oder ob vielleicht ...«

Nothhaft war schon im Kabinette. Van den Höcken lag leblos an der Erde, mit entstelltem Gesichte, und in Unordnung gebrachter Kleidung. Kein Athem war an ihm zu erhorchen, kein Pulsschlag zu finden. Der Diener fühlte des Körpers Eiseskälte, und hielt sich nicht lange bei demselben auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder zu dem Herrn zurück. Dieser saß, die Hände zwischen den Knieengefaltet, und das Haupt gesenkt, im Winkel der dunklen Schreibstube. »Nun?« war sein einziges Fragewort.

Nothhaft zuckte die Achseln. »Hin ist hin;« sagte er, »er hört den Kuckuck nicht mehr schreien. Wie kam denn Alles so plötzlich, Herr Senator?«

Müssinger zog einen tiefen Seufzer aus der Brust. »Wir rechneten zusammen;« — flüsterte er scheu: »wir hatten eben Alles geschlossen, da überkam es ihn plötzlich, — er sank — auf meinen Knieen wurde es mit ihm alle.« —

»So?« entgegnete Nothhaft mit seltsam gezogenem Tone: »Ein Glück nur, daß esnachdem Rechnungsabschluß traf.« — »Was meint Er?« fuhr der Senator schnell, wie aus einem Traume, in die Höhe: »was ist jetzt bei der Sache zu thun?« — »Der Herr Prinzipal scherzen wohl mit mir;« versetzte der Diener: »die Gerichte müssen gerufen, des Verblichenen Effekten versiegelt werden: das ist ja klar.« — »Die Gerichte?« fragte Müssinger, wie von Schauder überlaufen, und sehr zerstreut: »ach ja, ... wahr ist's; das ist zu thun, ... und Siegel, meint Er, müssen auch?...«

»Herr Senator,« entgegnete Nothhaft spitzig: »Sie sind ja selbst beim Rathe; müssen das besser verstehen, als ich einfältiger Schreiber.« — »Er hat Recht, mein Sohn, sehr Recht;« sprach der Kaufherr alsdann, wie sich besinnend: »Und wann wäre es wohl nöthig, ... glaubt Er?« ... — »So schnell als möglich:« fiel Nothhaft ein: »Verzögerung könnte zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.« — »Leider! leider!« stimmte der Senator ein: »Darum laufe Er, guter Nothhaft, und sei Er diskret gegen Jedermann, damit es sich so glatt und stille abmachen lasse, als nur möglich.«

»Sehr wohl, Herr Senator;« antwortete Nothhaft, bereitwillig nach dem Hute greifend: »wollten Sie indessen einen Rath nicht verschmähen? Schaffen Sie die Pistole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.«

Der Senator fuhr zusammen. »Eine Pistole?« stotterte er: »es muß ein Zufall dieselbe ... laßt doch sehen!«

Sich an den Diener haltend ging er nach dem Cabinete, wendete aber alsobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und stierte auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienstwillig und eifrig aufhob. — »Wir wollen sie zu der andern legen,« sagte derselbe leise und hastig; »sie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt gerade, als ob sich drei Finger hinein verwickelt hätten, um sie zusammenzuschnüren.«

Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den Höcken die besagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu.

»Ich wollte ihm die Binde öffnen,« sagte er halblaut: »aber es ist möglich, daß ich in der Alteration sie fester zuzog ...«

»Ja, ja,« stimmte Nothhaft, sein Geschäft vollendend ein: »es geschieht wohl öfters, daß die Hand ungeschickter ist, als der Kopf. So. Das wäre gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier mitzunehmen, Herr Prinzipal, so nehmen Sie es jetzt. Es wird schicklich sein, daß die Herren von Gericht das Cabinet verschlossen finden.«

Der Senator wurde wieder regsam, und begann, ohne eine Sylbe zu sprechen, aber mit einer beunruhigenden Hast, auf seinem Schreibtische Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen Zerstreuung, die ihn fesselte, dasjenige zu finden, was er zu suchen schien. Nothhaft trat hinter ihn, und sein Auge fiel auf ein Packet von Wechselbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte, währendseine Rechte sie immer wieder verschob. Der Diener ergriff sie. »Sie suchen wohl diese Papiere mit Ihrer Unterschrift?« fragte er dringend. »Da! da! Herr — sechs — sieben — neun Tratten auf sie selbst, von van den Höcken in Cours gesetzt und endossirt.« — »Endossirt?« fragte der Senator, heftig nach den Briefen haschend. »Endossirt auf die Ordre des Georg Birsher zu New-York!« fuhr Nothhaft fort, indem er sie überlieferte: »und — wahrhaftig quittiert von demselben.«

»Birsher?« fragte der Senator, betäubt auf die Blätter schauend. Nothhaft lächelte betäubend: »Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie bezahlt haben, beweisen ja schon die Wechsel in Ihrer Hand,.... das"Quitta"hätte wegbleiben können. Die Dinte ist gar zu frisch. Lägen vielleicht noch andere Dokumente in der Brieftasche, die ich bei dem Holländer wahrnahm?«

»Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?« fuhr Müssinger stutzig werdend auf. Nothhaft machte einen entschuldigenden Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der Senator seinen Worten, schloß das Kabinet, ohne sicheinmalumzusehen, und ging, an Nothhaft's Arme, zu seiner Stube, wo er sich, an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geist erschien ihm die aus der Kirche zurückkehrende Justine, die, von des Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte und wollte nicht reden, sondern versuchte nur in einzelnen Lauten sein Kind zu beruhigen. Justine erschöpfte sich in Muthmaßungen über des Rathsherrn Zustand, bis die Schelle des Hauses wieder sehr stark geläutet, und vieles Geräusch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers sprang auf, und Frau Müssinger, weiß wie die Wand, und schwerfällig, wie noch nie, schwankte in's Zimmer. — »Was ist das?« kreischte sie, ohne des Kranken zu achten: »Das Haus wimmelt von Gerichtspersonen und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer soll sich erhängt haben, höre ich! Ach, welch eine Schande! Gieb die Schlüssel her, du gottvergessener Mann, der mir durch seine sauberen Freunde so viel Schrecken verursacht!«

»Justine wird öffnen,« versetzte der Senator unter Fieberschauern, indem er dem Mädchen die Schlüssel reichte: »Stecke diese Wechsel zu dir,« flüsterte er demselben zu; »bewahre sie sorgfältig!« — Justine schob, nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte sich eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu quälen. — »Welch ein abscheulicher Spektakel!« ächzte sie, in den Lehnstuhl am Bette sinkend: »In diesem Hause halte ich's nicht mehr aus. Der Holländer wird umgehen, in seinem weißen Mantel, ein schreckhaftes Gespenst! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß! Pfui, abscheulich! Die Steuercommissärin hatte Recht, obgleich schonSiemich in der Kirche zum Entsetzen gebracht hat.Siehat gestern gesehen, was wir alle nicht sahen. Wir saßen Abends zu Dreizehn am Tische, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfrist sterben! Wie mich das schon alterirte! Man sieht aber: Wahr ist's! der Holländer hat bereits die Welt gesegnet.«

»Und ich werde es noch heute,« seufzte der Senator, »wenn du nicht nachlässest mit deinem abscheulichen Gekreische, Jacobine!«

»Und dennoch wirst du mich dulden müssen, bis Justine kömmt,« antwortete sie phlegmatisch: »Ich gehe ohne Begleitung nicht über den Gang.«

Nothhaft trat ein, und ging rasch auf den Senator zu. »Alles besorgt, Herr Prinzipal,« rief er wichtig und vertraulich: »Die Herren sind schon unten, lassen ihre Condolenz vermelden, und soeben den Verstorbenen über die Treppe nach seinem Zimmer bringen.«

»Gott stehe uns bei!« jammerte die Senatorin mit der ausgelassenen Betrübniß stumpffühlender Leute, während Müssinger sein Gesicht in dem Kissen verbarg: »Warum ließest du den Landläufer nicht im römischen Kaiser, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in seiner Heimath zu sterben? Wie würde sich jetzt die hoffärtige Wirthsfrau gebärden, die sich trägt wie unsereins, hochmüthig thut, wie der Großmogul, und sich erst heute in einem ganz neuen Stoffkleide brüstete, daß es der ganzen Kirche zum Aergerniß gereichte! Statt dessen habenwirnun die Schande! Geh' Er, Nothhaft, sorge Er wenigstens dafür, daß der Mensch nicht von den Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.«

»Sorgen Sie nicht, wertheste Frau Prinzipalin,« versetzte Nothhaft: »Der Herr sind ja verblichen, wie schon viele tausend Christenmenschen, und die Ehre schneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium dressiren, und die Habseligkeiten des van den Höcken unter Siegel verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nöthig erachtet, Herr Senator, einen Postboten nach Steinstadt abzuordnen, damit der Buchhalter hereinkomme, sintemalen Dero Leibesumstände denselben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geschäfte zu bleiben.«

»Warum nicht?« fragte der Senator mühsam, aber aufbrausend: »Der Unglücksfall hat mich sehr angegriffen, aber bis zur Krankheit ist noch ein weiter Sprung. Ein Magnesia-Pülverchen bringt wieder alles in's Geleis.«

»Mit Gottes Hülfe!« sagte Justine, die so eben, nicht wenig erschüttert, hereinkam, und dem Senator die Comptoirschlüssel übergab. Sie holte das Medikament aus der kleinen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr fort: »Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein schicken, — was bis jetzt vergessen wurde, — damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht kommen.«

»Ich bin nicht krank,« behauptete der Senator, sich ärgerlich aufrichtend: »kein solch Geschwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten vorstehen, wie bisher! —«

»Der Briefträger brachte so eben diese beiden Schreiben,« unterbrach ihn der süßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinschlich.

»Geb' Er her,« befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern sich zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und schmollend schloß sich Frau Jacobine, die Langeweile des Krankendienstes fürchtend, an die Subalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der Senator gab aber der Tochter die Briefe, und sagte leise zu ihr: »Nimm, mein Kind; mir schwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch viel, sich vor dem Comptoirgesindel rüstiger zu stellen, als man ist. Dir verberge ich mich nicht. Lies du mir daher vor, und unterstütze meine Schwäche.«

Bereitwillig erbrach Justine das erste Schreiben. »Von Amsterdam!« sagte sie, und der Senator zuckte hoch auf. »Hochedelgeborner Herr!« fuhr sie lesend fort: »Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach abgethaner fataler Differenz mit denen Verschreibungen Ew. Edeln in Wechselform, anzuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des werthen Freundes, der sich jetzo bei Denselben befindet, in Allewege Credit obwalten zu lassen. — Wir Kaufleute stehen ja in Gotteshand, und können wanken. Wohldemjedoch, der einen Bürgen und Stützen findet, wie den aller Orten geachteten Herrn Birsher von New-York.«

»Was soll das?« fuhr der Senator auf, da Justine verwundert inne hielt: »Der Teufel verstehe, was der Schreiber will. Sieh nach der Unterschrift.«

Justine that es, stutzte, wischte sich die Augen, und sagte endlich leise:»Ich weiß nicht.... aber doch stehts da; — van den Höcken heißt die Unterschrift.«

»Van den Höcken!« schrie der Senator: »Sind wir beide toll?«

»Das Datum ist vier Tage alt,« versetzte Justine mit schwankender zweifelhafter Stimme.

»O mein Kopf, mein Kopf!« jammerte Müssinger, die Stirne mit beiden Händen haltend: »ich werde närrisch, rasend! Laß den Brief sehen! Gott sei mir gnädig! es ist Höckens Schrift ...! O du mein lieber starker Gott und Herr!« — Er weinte fast in der fürchterlichen Wallung seines heftigen Gemüths. — »Dieser Brief!« stöhnte er, — »und jene Wechsel, das Endossement, das Acquit, — ich erinnere mich erst jetzt, — von Birsher's Hand ...! o mein armes Gehirn!« —

»Mein Vater! was haben Sie, was ist?« fragte Justine schluchzend in der höchsten Angst. Der Senator riß ihr statt der Antwort den andern Brief aus der Hand. »Gib!« stammelte er außer sich: »Gib! vielleicht macht mich dies Papier vollends wahnsinnig!« Er riß es, trotz Justinens Widerstreben, auf, überflog es mit dem starrenden Blick,.... ein krampfhaftes schreckliches Lachen erschütterte seine Brust, und mit den trostlosen Worten: »Auch das noch! Einen Tag früher, und — ich elender, elender Mensch!« sank er ohnmächtig aufs Lager zurück.

Schaudernd raffte Justine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldet darinnen ein Hamburger Correspondent ein großes Glück. Die Hamburger Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator gefallen.

Verdacht. — Der Pastor der Johanniskirche. — Sein Nachfolger bei dem Senator. — Der Doctor in seinem Hause. — Die Kupferstecher-Familie. — Justinens geheimer Ausgang. — Die Messe. — Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. — Die Beichte. — Des Doctors Tagewerk. — Geschichte eines Schauspielers. — Der unerwartete Fremde. —

Verdacht. — Der Pastor der Johanniskirche. — Sein Nachfolger bei dem Senator. — Der Doctor in seinem Hause. — Die Kupferstecher-Familie. — Justinens geheimer Ausgang. — Die Messe. — Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers. — Die Beichte. — Des Doctors Tagewerk. — Geschichte eines Schauspielers. — Der unerwartete Fremde. —

Es bestätigte sich durch den von Amsterdam eingelaufenen Brief, der den Commissarien des Gerichts schuldigerweise vorgelegt wurde, daß der in des Senators Hause verschiedene Fremde nicht van den Höcken gewesen; aus dem Inventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen, Empfehlungsschreiben, kostbarem Leibgeräthe und beträchtlichen Pretiosen reich ausgestatteten Nachlaß des Verstorbenen aufgerichtet wurde, schien nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von New-York selbst das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte diese Muthmaßung ein reicher Frauenschmuck, der sich vorfand, in ein artiges Etui gepackt, auf welchem mit Goldschrift die Worte standen: »Meiner vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freundin, Justine Müssinger, zum Hochzeitsgeschenke.« —

Der Anblick dieses Schmucks, den ein galanter Commissarius der Verlobten vorwies, regte in derselben erst deutlich die Beziehung an, in welche sie zu dem Dahingegangenen hatte treten sollen. Seine letzten Worte vergegenwärtigten sich ihr wieder aufs Neue, und ihr Gemüth ergriff eine stille Wehmuth, wie sie noch nie empfunden. Sie wäre selbst krank geworden, wenn die Umstände eine längere Pflege an des Vaters Bette erheischt hätten. Der Senator genas indessen wie durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Bestattung seines Gastes. Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte sich seine starke Natur gearbeitet, aber der fliehende Feind rächte sich demungeachtet. Die Paar Tage streiften dieSchärfe und klare Bestimmtheit seines cholerischen Temperaments von ihm. Haltung und Gang, Gesichtsfarbe und Rede, — Alles war anders geworden; aus dem heftigen, gerade durchgehenden Manne ein scheuer schwermüthiger Mensch, der seiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und lärmte, aber dafür gern innerhalb seiner vier Wände für sich allein brütete und glossirte.

Dieses Benehmen, das schon am Begräbnißtage deutlich hervortrat, ermangelte nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu erregen. Die plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Aufsehen gemacht; die vorangehenden Ereignisse, wie der Ort, die Stunde und alle Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geschickt, zu allerlei Verarbeitung zu dienen. Ein entehrendes Gerücht hatte sich plötzlich auf tausend Zungen verbreitet, und selbst im Senate seinen Sitz gefaßt. Die Mehrzahl des Rathes jedoch, — eifersüchtig auf dessen Vorrechte, und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder desselben, — bemühte sich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuschlagen, die der bürgerlichen Existenz des Collegen Müssinger hätte schädlich werden können; und jede Angabe, und jede noch so leise Hindeutung auf obige Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenstand dieser Anklagen durch sein auffallend verändertes Betragen, dem bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die wenigen Besucher mieden das Haus des Senators; er erschien am nächsten Sonntage mit seiner Familie in der Kirche: nach seinem Betstübchen starrte die gaffende Menge, aber aus seiner Nähe entfernten sich alle diejenigen, die sonst während des Gottesdienstes gute Nachbarschaft mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, Dank ihrer Stumpfsinnigkeit; Justine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine Ahnung von dem gräßlichen Verdacht; aber dem Senator, der dieses wohl verstand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer verschlossener. Zwischen ihm und der Mutter fielen die Worte immer seltener; Justine litt unter den Folgen dieser übeln Verstimmung, und ihr einziger Trost wurde jetzt, da sie — ihr unbegreiflich — keine ihrer Freundinnen mehr bei sich sah, oder zu Hause fand, die englische Lehrstunde, zu der sich James wieder, nach den drei Tagen, eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit gedenkend, suchte Justine durch ein sittlich mildes Betragen ihre Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unversöhnlich. Es stellte sich ein gewisses Vertrauen zwischen den beiden jungen Leuten her. Justine benutzte den ersten Augenblick, in welchem sie ungestört waren, es zu befestigen. Ernst und nachdenkend saß sie dem vortragenden Lehrer gegenüber, und sagte, indem sie ihn bat, das Buch wegzulegen: »Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenseitig wundern, wie wir so plötzlich für einander passend geworden sind. Ich habe Eurer Prophetenkunst schreiendes Unrecht angethan, und muß dieselbe leider jetzo anerkennen. Der Abend jenes Samstags war der letzte glückliche in unserm Hause. Heiterkeit und geräuschvolles Leben sind daraus entschwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her unser Unglück uns recht fühlbar zu machen suchte.«

»Dem Unglücklichen ist Mißgunst näher, als der Trost;« meinte James. »Ich selbst habe, als Flüchtling, diese Erfahrung oft genug gemacht. Indessen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.«

»In unserm Hause?« fragte Justine ungläubig: »O nein, mein guter Herr. Die Mutter, — Ihr kennt sie. Der Vater ist heute noch einmal so finster und verdrossen geworden. Uns wurde durch einen Amsterdamer Brief die Gewißheit, daß Herr Birsher in unserm Hause verblichen.«

»Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?« —

»Er wollte uns kennen lernen, selber unerkannt. Ein Scherz, der, sich unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.« —

»Der Mensch sei auf sein Ende gefaßt, jederzeit,« entgegnete James! »Genug indessen von dem traurigen Gegenstande. Fröhlichkeit steht Ihnen besser, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht verloren!«

»Ich verbitte mir die Anspielung,« sagte Justine lebhaft: »Herrn Birsher's Sinn wird sich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heirathsgedanken, stünde ich am Sarge meines Vaters. — Mein guter Vater!« setzte sie seufzend hinzu, in die stille Wehmuth versinkend, die, in ihrem Schmerze selbst, uns wohl thut.

»Erheitern Sie sich!« erwähnte James, sich zu ihr beugend. »Hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuschloser Strom in seinem Bette. Was wäre wohl zu diesem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach ist ja ohnehin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein fremder ist. Ich nehme mir daher den Muth, Ihrem Tiefsinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer sehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.«

»Nicht so viel Worte, Monsieur,« sprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Gesprächs zu folgen: »Man überredet mich selten, wenn nicht schon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen sind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute sagen; ich bin auch nicht so leichtsinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer ist die Frau?«

»Eines französischen Offiziers Wittwe. Ihr Mann blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglückliche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte sie sogar, als sie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptstadt verwiesen, fristete sie in ihrer Heimath durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. Endlich schien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine sächsische Herrschaft, rückkehrend aus den Bädern zu Aix schlug ihr vor, sie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu nehmen. Von allen Hülfsmitteln entblößt schlug Madame de Laynez willig ein, schied vom Vaterlande, um in Sachsen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in diese Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte sie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldsumme, und sagten sich von ihr los. Mehrere Monden hindurch schwebte die Verlassene zwischen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menschen rettete sie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Genesung geht langsam von Statten. Mangel drückt sie, und es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue sich an die Theilnahme wahrer Christen zu wenden.«

James hatte kaum geendet, und schon lag Justinens ansehnlich gefüllte Börse in seiner Hand. — »Kein Wort!« gebot sie, da er sprechen wollte: »nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es soll nicht dabei bleiben, wenn es mir gelingt, den Vater in günstiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.« —

Eilig ging sie davon, damit James nicht die Bewegung sehen sollte, die sich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte scharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichenSeele aus Justinens Zügen gesprochen, und, selig überrascht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, sah er der Fliehenden sehnsüchtig nach.

»Welch ein Mädchen!« seufzte er: »und ich — täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir so gefährlich wird.«

Justinens Gabe im Busen verbergend, schied er, um heim zu kehren. Unten im Hause war viel Geräusch. Geldsäcke wurden gewogen, Thaler klangen; die Diener gingen geschäftig hin und her; Nothhaft stieß im Vorbeigehen mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein sehr herrisches Gesicht, als der Engländer sich befremdet nach ihm umsah. — »Dermuß mir auch aus dem Hause, und wenn's mich tausend Gulden kosten sollte!« murmelte der Diener, dem Engländer nachsehend, zwischen den Zähnen. Berndt, der eben in's Haus getreten war, hörte die Rede. »Warum so giftig, lieber Bruder?« fragte er lächelnd: »giftig und freigebig obendrein? Du wirfst mit Tausenden um dich? Glück zu!« — »Ist's ein Wunder?« sagte Nothhaft hierauf: »Baar Geld macht Muth. Wir schwimmen ja in Geld, siehst du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche Schmeißfliegen damit todt schlagen.«

»Ich verstehe dich nicht, Herr Bruder,« versetzte Berndt achselzuckend, »aber ich sehe, daß deine Prophezeihung nicht falscher hätte sein können. Statt des Bankerotts strömt der Segen Gottes in das Haus.«

»Erbschaft! unverdientes Glück!« versicherte Nothhaft leise: »Wer weiß, ob ich so Unrecht hatte;.... doch — Stille! —« Er schlug sich bedeutend auf den Mund. »Wer weiß auch« — fügte er hinzu, wichtig und geheim — »wem's die Firma verdankt, daß sie noch mit Ehren steht?«

»Wichtigkeitskrämer!« lächelte Berndt ungläubig: »Du spreizest dich so absonderlich, daß — wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel du bist, — glauben sollte, du errathest auf's Haar, was unser Herr denkt und beschließt. Glück auf, zu dem Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle mich zu Gnaden!«

»Ei, des breitmäuligen Augenverdrehers!« schalt Nothhaft verächtlich: »wir wollen sehen,weram Ende hier im Sattel bleibt. Du bist ein Esel, sonst hättest du schon gemerkt, daß meine Aktien um 200 Prozent besser stehen, als ehedem.«

»Gott sei mir vor dem Prahler gnädig,« sagte Berndt, den Kopf schüttelnd: »der Prinzipal redet mit dir so wenig, als mit mir, und die Jungfer macht dir immer ein verdrüßlich Gesicht.«

»Soll bald ein freundlicheres machen,« versicherte Nothhaft hochmüthig.

»So?« fragte Berndt, dessen Neid allgemein rege wurde: »Du mein Jesulein! darf man schon Glück wünschen, Herr Hochzeiter?«

»Narren sagen oft die Wahrheit;« erwiderte Nothhaft, noch patziger als zuvor, und Berndt versetzte giftiger: »Gratulire also, Herr Associé und Schwiegersohn. Wird bald heißen: Müssinger und Compagnie? Charmant. Nun begreife ich erst, warum ich den Pastor Lammer zum Herrn habe bitten müssen. Das Aufgebot wird gewiß bereits bestellt? Nun, viel Succeß und geneigte Protektion, werthester Herr College! Vergessen Sie Dero getreusten Diener nicht im Glücke!«

»O du miserabler, kothiger Adam!« spottete Nothhaft. Der Buchhalter klopfte aber an's Comptoirfenster, und rief: »Soll ich euch Stühle hinaussetzen zu bequemerer Conversation, ihr Lungerer? Herein, hier giebt's zu thun, ihr, des lieben Herrgotts Müssiggänger!«

Berndt schwenzelte, der Amtspflicht getreu, schnell in die Schreibstube, Nothhaft zögerte stätig. Indessen trat bereits der Pastor der Johanniskirche im Amtsrock in das Haus. — »Der Herr Senator oben?« fragte er vornehm und schleppend. Nothhaft bejahte freundlichst, und schlich mit einem bedeutenden: »Aha!« an sein Pult.

Der Senator empfing den Pastor an der Thüre seines Zimmers, und bewillkommte ihn so freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag. Der Geistliche nahm dieses Entgegenkommen als eine ihm gebührende Huldigung an, und antwortete darauf ohne sichtbare Herablassung.

»Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,« sagte er, »zu erfahren, zu welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geistlichen Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigsten zu schaffen gemacht. Mein Amt legt mir indessen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu schenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erste sind Sie nicht; das Zweite?.. will ich nicht beschwören. Was befehlen Sie?«

»Sündig sind alle Menschen vor Gott und seiner Kirche;« entgegnete der Senator melancholisch und achselzuckend: »Die Frömmigkeit ist dagegen nur ein Gnadengeschenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt ersuchen wollen, der Spender einer Gabe zu sein, die ich der Armuth bestimme. Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken diese Summen unter diejenigen Bedürftigen, die Ihnen der Unterstützung am würdigsten scheinen.«

Der Pastor wog die ansehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von Behagen flog über sein düstres Gesicht. Im nächsten Augenblicke war es jedoch wieder Stein, wie zuvor. »In Gottes Namen,« sprach er, und ließ das Geld in die weite Tasche seines Priesterrockes gleiten: »Der Armuth sei dies Scherflein gesegnet. Ew. Hochedlen Freigebigkeit kömmt mir unerwartet.«

»Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbschaft bedacht,« antwortete der Senator seufzend: »ich opfere einen kleinen Theil derselben auf den Tisch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.«

Der Prediger faßte den Handelsherrn scharf in's Auge. »Für einen Sünder?« fragte er betonend, und da keine Antwort erfolgte, fuhr er gemessen und drohend fort: »Der Unglückliche, von Gott gewichene, betrüge sich nur nicht. Geld und Gut ist eine schöne Sache, insoferne man damit Christum speist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter der Welt, will man damit eine Missethat abkaufen. Die Buße ist unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Brust des Verirrten erfüllt; unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchsen wärfe.«

Der Senator sah den Pastor erstaunt und erbleichend an, bedachte sich einen Augenblick, und erwiderte alsdann mit niedergeschlagenen Augen: »Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich sein, ohne gesündigt zu haben. Der Sünder selbst jedoch kehrt sich freudig zur Reue, wenn man ihm nurglaubenwill; wenn er nur das Vertrauen haben darf, daß ihm einst vergeben werde.«

»Einst? einst?« versetzte der Pastor mit überlegendem Blick gen Himmel: »Ja, einst vielleicht; denn Gottes Barmherzigkeit ist ein tiefer Brunnen. Das entscheidet sich indessen — nach meiner Meinung — erst am letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein Mensch auf Erden, selbst nicht ein ordinirter, sich anmaßen dürfe, die Sünden eines Anderen hinwegzunehmen, — sobald sie unter die Schweren gehören. Nur der Herr prüft Herzen und Nieren. Das Gewand der wahren Reue ist ein feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's Grab genommen, und dem Herrn am jüngsten Gerichte untadelhaft vorgewiesen werden. Dann mag allerdings seine unendliche Milde vergeben.«

»Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen,« erwiderte derSenator schwerbekümmert, und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl nieder: »Ihre Kollegen —«

»Sprechen vielleicht anders,« fiel der Geistliche ein: »ich betheure aber, daß sie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge sind zum Theil junge Leute, denen der philosophische Kram unserer Zeit den Kopf verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von seinen Grundsätzen, die er seit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein Schäflein seiner Heerde davon abgehen, so lange er noch ein rüstiger Hirt ist. Er ist Keiner von den Sanften und Süßen, die nur schmeicheln, wo sie packen, — nur einlullen, wo sie donnern sollten. Trost dem Unglücklichen, denn er ist zu seinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er ist wieder zu seinem Heil. Unablässig, bis an seinen Tod, schneide ich ihm das wilde Fleisch aus der Wunde, daß sie frisch blutend vor Gottes Thron komme, und ich dann sagen darf: Sieh, Herr, dein unwürdiger Knecht hat dir nicht in's Amt gegriffen. Er hat nicht gepfuscht, da, woDunur heilen kannst; aber er bringt dir den Kranken, dürstend nach der Genesung, wie in der Stunde, da ihm zuerst sein Uebel unerträglich wurde!«

Eine heftige Unruhe bemeisterte sich Müssingers, und sein von Schwermuth in Fesseln geschlagener Jähzorn rüttelte gewaltsam an seinen Banden. »Ich weiß nicht,« sagte der Senator, mit Mühe an sich haltend: »wie Sie dazu kommen, Herr Pastor, mir Ihr System so schonungslos darzulegen. Ich kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von Ihnen Trost und Erlassung begehren, und wünsche Ew. Ehrwürden recht wohl und lange zu leben!« —

Der Pastor bückte sich, und versetzte spitzig: »Alles, wie Gott will, Ew. Hochedeln. Der alte Lammer stirbt gern, wenn seine Uhr abgelaufen ist. Der Herr schenke Allen einen sanften Tod. Meine Worte bereue ich jedoch nicht, denn ich glaubte siehiervonnöthen. Uebrigens hat unsere Unterredung sicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide hofften, Herr Senator, nicht wahr?Ichbin nicht böse deshalb, und wünsche kein Vertrauen, das ich nicht mit der sündlichen Willfährigkeit vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der Kirche steht Ihnen frei. Werde mit seinem Gewissen fertig, wer da kann.Sapienti sat, Herr Senator, und: Gott bess're Sie!«

»Was ist das? Was sagen Sie da?« fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Thüre hinter sich zu. Müssinger schritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne gebrannt? fragte er sich mit erstickter Stimme: Die blöden Augen dieses Wolfs im Hirtenkleide selbst scheinen errathen zu haben, ... o gewiß!... und der Mensch kann so unbarmherzig sein!... und der Mann istProtestant? O der herzlosen, steifen Eiferer! was sie berühren, wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in derWochedie Kirche besucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet- und Vorbereitungsstunde versäumt, dem Klingelbeutel reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kasten geliefert, — der harte Mensch würde nun nicht so widrig mit mir gesprochen haben, da ihm sonstWorteweit wohlfeiler sind, als der Heller, den der Geizige, selten genug, einem Bettler spendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt versucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles gethan zu haben glaubt, ist die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber! — Warum? setzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Brust eine Last, unter welcher ich erliege? Ist es nicht verzeihlich, daß ich in derAngst meiner Seele Linderung suche und Trost? Aber nun fehlt mir der Muth, und ich fürchte ...

Ein bescheidenes Klopfen unterbrach seine Betrachtungen. Fast erschreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und sah, sehr überrascht, den Doctor Leupold draußen stehen. Er konnte sich nicht Rechenschaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher ansprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er sich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei sich ein. Der Doctor entschuldigte sich tausendmal um der Störung willen, die er vielleicht verursache, und ließ im freundlichsten Tone das Wort fallen, daß sein Besuch wohl eben so gut hätte unterbleiben können.

»Mein Herr Doctor,« sagte der Senator hierauf verbindlich: »die Besuche werther Freunde, denen wir Dank schuldig sind, solltennieunterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich schon längst hätte thun sollen. Sie verzeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzusuchen.«

»Unnöthig,« versicherte der Doctor: »ich dachte nicht daran, Sie an einen sehr erläßlichen Besuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen anderen Zweck; ... allein — und ich darf sagen — mit Vergnügen sehe ich, daß er wohl vereitelt ist.«

»Ein Zweck?... vereitelt?...« fragte Müssinger. »Wie so? erklären Sie sich.«

»Sie setzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit,« sagte Leupold hierauf zögernd: »indessen darf der Mensch, wenn er sich seines Wollens nicht zu schämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf sich zu laden. Ich habe hier einige Wechsel auf St. Sebastian und Brasilien. Das Haus Minhaô ist solid, die Summen sind nicht unbedeutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen dieselben auf eine gewisse Zeit zum Genuß gegen äußerst billige Preise anzubieten. Allein, — wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, so hat der Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hülfe überflüssig.«

Der Senator erhob bewundernd seine Augen, ergriff beide Hände des Doctors, schüttelte sie, und sprach: »Mein Herr, Sie bereiten mir den frohsten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Trost verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott sei Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber — glauben Sie mir, — demungeachtet habe ich'sdoppeltempfangen.«

»Und somit keine Sylbe mehr davon,« setzte der Doctor ruhig hinzu: »Sie preisen mich unverdient. Eine Gesellschaft von Menschenfreunden wollte Ihnen Ihre Theilname beweisen, und hatte keine Gefahr dabei, da sich Ihre Geschäfte etablirt haben.«

Der Senator nickte seufzend mit dem Kopfe und entgegnete: »Ja, mein Herr, so ist's. Nicht minder jedoch meinen wärmsten Dank der Gesellschaft, von welcher Sie sprachen, und die ich wünschte kennen zu lernen.«

»Das ist Ihnen —hier— unmöglich,« sagte der Doctor: »lassen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Last falle, von etwas Anderem reden. Wie gesagt: Fortuna ist bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognostikon gestellt zu haben; allein — Sie selbst — Herr Senator, — scheinen sich nicht im Geringsten zu freuen.«

»Einem Manne gegenüber,« entgegnete Müssinger, »der sich mir als verschwiegener und hülfreicher Freund erwiesen hat, kann ich keine Lüge sagen. Die ... Erbschaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigenReichthums hebt, ist mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüth ist krank, meine Seele sehnt sich vergebens nach Genesung.«

»Und Religion, — die sicherste Trösterin?« fragte der Doctor mitleidig.

»O, lassen Sie das!« erwiderte der Senator still ergrimmt: »Die Religion ist entartet in ihren Dienern. Weiß Gott, — Herr! wir haben uns in einer sehr bedeutenden Stunde kennen gelernt, — aber — ob ich nicht vielleicht Ursache hätte, jetzt dem Flußbette näher zu stehen, als damals?«

»Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten,« erwiderte der Doctor kalt und ernsthaft: »Sie verdienen hier und jenseits das traurigste Loos, wenn Sie zum zweitenmal wagen, wovon die Vorsehung Sieeinmalschon gerettet.«

»Sie wissen nicht ...!« entschlüpfte dem leidenschaftlichen Senator: »Es giebt noch drückendere Schmerzen, alsdiedes Mangels und der Schaam. Die Stimme des Innern ...«

»Sagen Sie nur frei heraus: das Gewissen,« unterbrach ihn der Doctor sanft aber fest: »Um das Gewissen ist es eine kitzliche Sache; freilich. — So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter ist, so lange darf selbst der trotzigste Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Mensch, der ein Verbrechen beging, daservielleicht in der nächsten Minute bereut, an diesem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während sein frisches Leben noch viel desGutenschaffen könnte? In der Strafe selbst liegt Vergebung, und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches schuldlose Menschenleben auf.«

»Sie sprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?« fragte der Senator scheu. — »Er ist's!« bekräftigte der Doctor. — »Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?« — »Sie ist's.«


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