Zweiter Abschnitt.

»Den Sklavenhandel?« fragte der Doctor erschrocken.

»Ja,« versetzte der Superior gleichgültig: »der Trafik mit denen schwarzen Negern bringt immense Dividenten.«

»Aber die Menschlichkeit, Pater Superior?« fragte der Doctor schaudernd weiter.

Der Jesuit lächelte vornehm. »Floskeln, lieber Pater Münzner. Diese Schwarzen sind eine untergeordnete Race; an schmutzigen Heiden, wie sie sind, ist nichts verloren. Ueberdies ist ihr Sklavenleben reicher an Genüssen, als ihre Freiheit.«

»Das Naturrecht, Pater Superior ...«

»Sie sind Doctorjuris utriusque;« sagte dieser gähnend: »man hört es Ihnen an.Satisüber diesen Punkt. Der Verfasser jenes Projekts wird belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit ist's aber mit der heiligen Christenverbesserung gediehen?«

Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liste der kleinen Gemeinde vor; ihre Beiträge zum Kirchendienst; die Berechnung des Ueberschusses. Der Superior durchging die Liste schmunzelnd und zählend. »Viele Leute,« sagte er hierauf: »aber nichts Besonders. Die meistenex infima plebe.«

»Unser Herr Jesus Christus fand unter dieser Classe seine ersten Jünger.«

»Hm! ja. Sehr viele Weibspersonen finde ich hier aufgezeichnet; zum Theil wohl aus den bessern Ständen. Nun ja; das sind die Lämmlein, die zum Paradiese locken. Aber ... aber ... ich vermisse denn doch die Männer von Gewicht. Ein paar Kaufleute, ... ein Recheneiverwalter ... ein quiescirter Fünfzehner, ... heilige Maria! was will das im Ganzen heißen? Den Beschluß der Reihe macht doch endlich ein Senator. Wer ist der Mann? Derselbe, von dem Sie schon ein Wörtlein fallen ließen?«

»Derselbe, Pater Superior.«

»Hat seine Bekehrung sich so schnell gemacht? Gelobt sei der Herr. Dürfen wir von ihm hoffen?«

»Vieles. Er ist durch ein besonderes Verhängniß ganz der Unsrige geworden.«

»Favente Deo.Recht. Wie hat sich die Lainez gemacht?«

»Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib ist zu eitel, leichtsinnig und verliebt.«

»Bene dixisti, Pater Münzner. Eitel und verliebt. Die Französin sieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht so viel an ihr verloren. Es hat ihr indessen eine Zeitlang mit Proselyten recht geglückt. Sie ist sehr fromm und möchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine lustige, schnackische Frauensperson im Uebrigen; nimmt nichts übel, und hat dem Pater Provinzial, der sie mir empfohlen, viele trübe Grillen verscherzt. Sie weiß allerleivon Sr. Hochwürden zu erzählen, und hält sich damit oben, so daß ihrSub manueine ewige Versorgung aus der zu ähnlichen Zwecken bestimmten Kasse versprochen wurde. Hierin wurde aber eine klugeReservatio mentalisbeliebt. Ködert sie nicht mehr, so steckt man sie in ein Kloster, und damit gut. Die Schwestern mögen sie dann füttern. Alsohierhat sie wenig genützt?«

»Das Wichtigere hat sie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der Tochter jenes Senators. Aber ein unseliger Zufall reißt hier alle Hoffnung ab.«

»Wie so?«

Der Doctor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der seinen Heirathsantrag erneuernd, im Begriff stehe, das Mädchen unwiderruflich in ein protestantisches Land zu führen.

»Pessime!« rief der Superior: »das darf nicht geschehen. Das Mädchen, als einzige Erbin eines sehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche zugewendet, und von dem Anglikanen abgezogen werden. Wir hättenpro Studio et laborenichts als das leere Nachsehen? Nein, lieber Pater Münzner! lassen Sie uns in die Fußstapfen unserer würdigen Vorgänger treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und Prozeßhäuser erbaut haben.«

»Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die Sache, weil es mich schmerzt, ein unschuldiges Schäflein auf ewig von der Heerde, der es sich näherte, getrennt zu sehen, — aber ich begreife nicht, wie....«

»Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators? Pressen Sie sein Gewissen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik. Einem gewandten Beichtvater ist nichts unmöglich.Experienta docet. Während Sie sein Herz mit den Sturmblöcken einer zerschmetternden Rhetorik belagern, ihm sein Kind im Feuer der Verdammniß zeigen, — mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, schlagend zusetzen. Ich habe schon Meisterstücke in dergleichen Angelegenheiten, —Caeteris paribus, — verrichten gesehen, selbst verrichtet.«

»Der Glaube ist in dem Senator nicht sonderlich stark genug, um ...«

»Res indifferens!So greifen Sie seine schwachen Seiten an.Cum auxilio divinomuß Alles gehen. Die Lainez soll nicht saumselig sein!periculum in mora! Das Mädchen wird allerdings auch seine schwachen Seiten haben. Die Weiber sind gebrechlich. Ist unsere liebe Tochter in Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegesohn benützt werden.«

»O weh! Steh uns der Himmel bei.Erist in das Mädchen verliebt. Justine zeigt aber keine Spur von Empfänglichkeit. —«

»Ein kalter Frosch? Desto besser. Sie muß in's Kloster; unserer Gesellschaft alles zuwenden, bis auf ein Pflichttheil für die Schwestern. Sie sagen, man schätze den Senator auf dreimal hunderttausend Thaler? Und diese Summe sollte uns entgehen?Minime, Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!«

»Sie legen mir da ein hartes Probestück auf,« versetzte der Doctor seufzend: »um des Eigennutzes willen....! ja, wenn es einzig die Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte! —«

»Bilden Sie sich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. — Aber, lassen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und, — beharrt das Mädchen auf Widerspenstigkeit, so muß es möglich gemacht werden, daß sie der Vater enterbt. Esmußmöglich gemacht werden, Pater Münzner! Verstehen Sie mich wohl?«

»Ich verstehe;« antwortete der Doctor niedergebeugt.

»Nie sind die Zeiten schwieriger gewesen, als jetzt;« fuhr der Superior ruhig fort: »die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen der Gläubigen, der Kirche wohl zu thun, gedämpft. Der Handel hat durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Kosten der Gesellschaft erhalten, gebildet, versendet. Man muß zu allen Hülfsmitteln greifen, um die überschwenglichen Kosten unserer Arbeiten zu decken. Die dreimal hunderttausend Thaler dürfen nicht nach Amerika! Der Wiklefit soll abziehen, oder — wenn Alles nichts hilft ... nun, wir werden sehen. Ich verpflichte Sie, Pater Missionär, Morgen alsobald Ihre Bemühungen, mir zu gehorsamen, anzutreten. Thun Sie die ersten Schläge, während ich mit dem verschmitzten Tormerpick Abrechnung halte. Wenn Ihrem Scharfsinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt, — und esmußgelingen, — so sein Sie der vortrefflichsten Note in meinem vierteljährigen Censurbericht an den General vergewissert.«

Der Doctor, wenn schon im Herzen tief verwundet, verbeugte sich, wie es der Gehorsam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem Kampfe seines Gewissens, und der Pflicht, die er beschworen, zu. — James, der ihm am nächsten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat, zerriß seine Seele noch mehr.

»Mein Vater!« sagte ihm der junge Mann, auf dessen Zügen der Schmerz saß: »ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und sollte es mein Unglück sein!«

»Du mußt!« erwiderte ihm der Doctor streng, und drehte sich von ihm, daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers lese.

»Ich muß nicht, mein Vater!« fuhr James mit kalter Entschlossenheit fort: »ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen im Orden keine Schande machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabscheue mich selbst, um der Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie, mein zweiter Vater!«

»Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen dich, sammt meinen Rechten auf deine Person ab;« erwiderte der Doctor, wie oben: »fasse und füge dich.« —

»Ich mich fassen? ich mich fügen?« rief James, wie außer sich: »Ich soll mich in Klosterfesseln schmieden ...? ich, der die Fesseln diesesLebensnur mit Mühe trägt?«

»Mensch!« sagte der Doctor hierauf erschrocken, und sah dem Jüngling aufmerksam ins Auge: »Was sollen diese Worte bedeuten?«

»Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Dasein. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meinigen zum elendesten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonne; ... ich fühlte Seligkeit!«

»Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidnischen Bildhauers vor einem Marmorbilde!«

»Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Brust Leben für mich empfindet! Aber — wenn das Geschick befiehlt, — wenn sich erwahrt, was die Lainez mir so eben vertraute, — wenn Justine einem Andern angehören soll, — dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu sein!«

»Wohlan!« entgegnete der Doctor bitter und verletzt: »so höre auf, wie tausend Narren deines Nebellandes, deren leeres Gehirn sich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein insolventer betrügerischer Schuldner, und überlasse mir, dem Getäuschten, die Last, deine Schulden an deine Ernährer zu bezahlen!«

»Mein Vater!« stammelte James, von Scham ergriffen: »Was sagen Sie? O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verschuldet! ich bin Ihr Sklave! O, so machen Sie mich zu Gelde! Verkaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten fristeten!«

»Undankbarer, roher Mensch!« sagte der Doctor unwillig: »So gehe hin und suche den Tod in eitlem Wahne. Du sollst mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für dich gethan.«

Der erschütterte Ton des Doctors machte den besten Eindruck. James stürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf seine Hände. »Ich soll leben? ichwillleben!« schluchzte er; »aber wie wird es möglich sein, wenn Justine des Amerikaners Weib wird?«

Den Doctor traf's durch's Herz. Er blickte nach dem Gemache, in welchem der Despot seiner Handlungen noch schlief, erinnerte sich seines qualvollen Geschäfts, neigte sich zu James und — um wenigstenseinegute Frucht aus der hinterlistigen That zu gewinnen, die er vollbringen sollte: die Beruhigung einer verzweifelnden Seele — sagte er ihm: »Justine wird nicht des Amerikaners Weib!«

Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu besuchen. Ein finsterer, wolkenumzogener Tag paßte vortrefflich zu seiner Gemüthsstimmung. Während des Gehens wollte er beten, — aber dunkle Gedanken durchbrachen in Massen sein Gebet. In sich gekehrt, betrat er Müssingers Haus. — »Sind der Herr Senator oben?« fragte er mit gesenktem Auge einen Menschen, der ihm entgegenkam. — »Ja, Monsieur;« antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor sah auf. Nothhaft war der grobe Bescheidgeber, und nicht wenig erstaunt, den Mann vor sich zu schauen, mit dem er vorgestern einen Handel hatte abschließen wollen. Auch der Doctor erinnerte sich seiner. »Sieh da, Monsieur!« sagte er: »finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehrter?« — »Ich weiß nicht, was Sie wollen!« schnauzte ihn der Andere überrascht, verlegen, und unerkannt zu sein wünschend, an: »Ich kenne Sie nicht, Monsieur!«

Erzum Hause hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators Gesicht trug alle Spuren einer mühselig durchwachten Nacht, und kaum verzog sich seine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat.

»Sie finden mich schwach und krank,« sagte Müssinger, wieder in die Kissen seines Ruhebetts zurücksinkend; »doch ist mir Ihre Gegenwart von hohem Werthe. Ein stürmisch rollendes Geschick hat mich, so zu sagen, an Sie gebunden, während alle Wesen, welche die Natur mit mir verband, von mir abfallen zu wollen scheinen, und selbst übernatürliche sich in mein Verhängniß mischen. Eine Frage, hochwürdiger Herr: glauben Sie, daß zwischen Sterblichen und abgeschiedenen Geistern von Sterblichen ein Rapport eintreten kann?«

Der Doctor stutzte. »Die Philosophie unserer Religion, und häufige, von Zweiflern vergebens bestrittene Erfahrungen weisen mich an, Ihre Frage zu bejahen.«

Der Senator seufzte tief, und stützte das wankende Haupt in die kraftlose Hand. »Hören Sie an,« erwiderte er alsdann: »was mir in den Spätabendstunden des gestrigen Tages begegnet ist. Von den mancherlei Gemüthsbewegungen, die mich erschüttert hatten, wie von quälenden Mißverständnissen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen und einen erquickenden Schlaf zu thun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürsorge verdanke, die Lampe brannte dunkel; aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen, — da schaue ich zufällig nach der Thüre, und diese steht halb offen, — und zeigt mir eine Gestalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Gestalt des seligen Birsher in seinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug, — mit hohlen, starrenden Augen. Ich will rufen, — die Kehle ist mir zugeschnürt. Die Erscheinung öffnet dagegen den schaurigen Mund, und ich vernehme die dumpfen Worte: Du hast mich umgebracht, und willst auch die Tochter tödten? — Nicht nach Amerika! Wehe sonst! — Wie Todtenglocken sausten die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Gespenst vor meinen angstvollen Blicken. Sein Abschied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir stürzte ich in einem Sessel um, rief nach Hülfe; Justine kam, Leute kamen. Die Erscheinung ist von einigen gesehen worden, und spurlos verschwunden. Ich befinde mich im gräßlichsten Seelensturm. RathenSie, reichen Sie mir den Anker des Heils!«

Der Doctor combinirte, still vor sich hinschauend, des Senators Aussage mit dem Behaupten der Lainez, und betrachtete diesen Zwischenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks.

»Eine seltsame Begebenheit!« sagte er bedächtig und ernst: »der innigsten Prüfung werth. Es scheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte, ... als ob der Geist des Abgeschiedenen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieselbe zu retten, seinen Wohnort verlassen, ein nothwendiger, warnender Helfer!«

Der Senator nickte stumm mit dem Kopfe. »Was würden Sie an meiner Statt thun, ehrwürdiger Mann?« fragte er.

Der Doctor zuckte die Achseln. »Fragen Sie lieber,« sprach er, »was ichvorjener bedeutungsvollen Erscheinung gethan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Diese Leute sind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Besseres bringen. Nennen Sie dieses Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die sich ewig Widerpart halten, so verflicht das Schicksal öfters gewisse Menschen in gegenseitige Feindseligkeit, ohne daß sie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger ist, als die übrigen,-warum nicht auch ein Menschenloos vor dem andern? Ich hätte Justinen dem jungen Manne nicht versprochen, nicht dieses Einschreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!«

»Ich war so heiter geworden,« versetzte der Senator, »ich sah eine furchtbare Wildniß, die mich entsetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wissen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gast gerüstet. Statt des Zürnenden, Argwöhnischen erschien jedoch ein Friedensengel, ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern ... ich mochte es nicht,« setzte Müssinger stockend bei, »um oben den Schatten des Vaters zu versöhnen.«

»Unglücklicher!« sagte der Doctor mißbilligend: »Kaum in den Schooß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War nicht schon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Absolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidnischen Irrthum gränzt? Mehr noch, Herr Senator: dieser Vorsatz ist ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unserer gottseligen Herde. Sie werfen durch die Verbindung mit dem Protestanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammniß, statt sich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, sanft und ernst die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!«

»Mein Vater! das kann ich nicht,« entgegnete Müssinger entschlossen: »ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle seinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Ist es dessen Wille, so wird meine Tochter selig werden — so wird sie zum wahren Hirten gelangen; so Gott will, ohne, wie ich, von einem grausamen Zusammentreffen aller Schrecknisse zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich ...«

Er schwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit strafendem Blicke, »den ich jetzt schon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre Verhältnisse haben sich ja so gestaltet, daß, was Sie gethan, ganz unnöthig war. Sie bedurften der Lossprechung nicht, weil der Sohn des Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes nicht, weil er Ihnen sogar die Gelder schenkte, vor deren Rückzahlung Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewissen schauderte. Sie bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil sich dieser selbst in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünschten ihn ungeschehen zu machen; beinahe wünschte ich es auch, weil Sie meine Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weise mißbraucht haben.«

»Hochwürdiger Herr ...«

»Ich gehe von Ihnen; wohl! Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen scheide, mein Segens- und Lösespruch zu nichte wird. — Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewissensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geisterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen in's Verderben reißen, und, statt einst mit Clara vereint, himmlische Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben, — weil Sie die irdischen Stimmen und die Stimmen von Jenseits nicht gehört!«

»Ach! welch' ein Abgrund von Trostlosigkeit und Furcht!« klagte der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend: »Verlassen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt der Verstand und Gott, wenn Sie von mir scheiden!«

»Wo bleibt Ihre Entschlossenheit, Herr Senator? Ihr unbiegsamer Charakter?«

»Ich bin nicht mehr Müssinger,« versetzte der Senator tiefgebeugt; »ich kenne mich selbst nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich, alles zurücknehmen; aber ... der Betrag jener Wechsel, ... wird Georg denselben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?«

»Sind denn die Wechsel nicht in Ihren Händen? Ich bevollmächtige Sie, zu beschwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. — Sie leisten den Eid mit dem stillschweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Nothausflucht auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen bereits angegeben, und Alles ist in völliger Richtigkeit; Ihr Heil bewahrt.«

Der Senator stand entschlossen aber unzufrieden auf, und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem Justine hastig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging.

»Verhüten Sie doch Unheil, bester Vater,« sagte sie schnell und mit Thränen des Unmuths in den Augen: »Erklären Sie sich gegen die Mutter. Sie räumt ihre kostbarsten Sachen zusammen, — sie verschließt ihre Schränke, — sie will heute Abend das Haus verlassen. Welch' eine Schande für uns, wenn das geschieht! Reden Sie mit ihr, und ein grausames Mißverständniß wird sich heben!«

Des Senators bleiches Gesicht verwandelte sich in ein zornrothes. Erschrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Justine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach seines Weibes zu. Jacobine war gerade beschäftigt, aus Schubfächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäsche zu nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die sie, voll von ihrer Aussteuer einst in's Haus gebracht. Sie zuckte etwas zusammen, als sie den Senator wahrnahm, ließ sich jedoch nicht stören, drehte ihm den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter fort.

Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten: »Jacobine! Was machst Du da?« antwortete sie endlich, der Anrede überdrüssig, kurz und verächtlich:

»Du siehst's.«

»Du packst ein?«

»Ja.«

»Warum?«

»Ich gehe fort; heute noch.«

»Jacobine! von deinem Ehemanne? aus deinem Hause? von deinem Kinde?«

»Ist Justine ein brav Mädchen, so geht sie mit. Wo nicht, desto schlimmer für sie.«

»Lieblose! Blödsinnige!« donnerte Müssinger, kaum seiner mächtig: »Wiegelst du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich dir, Besessene? Rede endlich!«

Die Senatorin schwieg in galligem Stumpfsinn. Justine, den bebenden Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, fasste deren Hände, und bat weich und flehend: »So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch diesen gräulichen Zwist. Justine bittet Sie herzlich darum!«

Die Senatorin schob sie heftig von sich, und trieb ihre Geschäfte weiter. Justine folgte ihr ins andere Zimmer, versuchte noch ein Bittwort, und da auch dieses nicht fruchtete, stellte sie sich der ausweichenden Mutter in den Weg, und sagte mit geschärftem Nachdruck: »Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hause auf eine oder die andere Weise ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, so wahr ich Justine heiße. Sollen die Dienstleute noch mehr des schändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein — der Unschuldigen Wohl unter Ihrer übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, so nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!«

»Unglückskind!« zürnte Jacobine: »hätte ich dich nicht geboren!«

»O du Rabenmutter!« rief der Senator, der ihnen gefolgt war, und nun voll Wuth auf Jacobine zuging: »Bist du denn werth, daß dich die Sonne bescheint?« Seine Hand suchte und fand das spanische Rohr am Kamin. Justine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, stellte sich ihm trotzig entgegen, und rief herausfordernd: »Nun, so komm' an! Schlage mich todt, wie den alten Birsher, dessen Gespenst schauderlich im Hause herumgeht, und mit dir, dem Schuldigen, alle Unschuldigen quält, daß sie unmöglich ausdauern können!«

Wie Bildsäulen standen der Senator vor dem Donnerworte seines Weibes, — Justine vor dem Erschrecken des Vaters. Er hatte die entsetzliche Entwicklung nicht geahnt. Justinehattesie geahnt, — aber nicht das Verstummen des Beschuldigten, den ihr Gemüth bisher frei gesprochen. Mit Mühe gewann Müssinger seine Sinne wieder und die Sprache. »Lasse mich mit diesem Weibe, deiner Mutter, allein!« sagte er mit erlöschender Stimme, blaß wie der Tod und winkte dem Mädchen zu gehen.

»O du mein Herrgott!« kreischte das Weib: »Er will mich mißhandeln!«

»Bleibe, tolles Weib!« entgegnete der Senator, und zog sie mit solcher Gewalt in einen Sessel nieder, daß sie plötzlich verstummte, sich nicht mehr regte.

Justine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Scene aus, die sich unter ihren Augen entsponnen hatte. In der Wohnstube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie gestern.

»Ich sehe Sie gerne, liebe und gute Miß,« sagte er: »Ihr Anblick ist mir ein Trost vor dem traurigen Geschäfte, das mich erwartet. Die Commissarien des Gerichts werden erscheinen, und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köstlichere: Ihre Gewogenheit.«

»Ich habe nichts gegen Sie, Monsieur,« versetzte Justine, verlegen an der Schürze zupfend: »Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?«

»Viel; weil aus der der Gewogenheit herzlichere Freundschaft werden kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater sagte: Georg! du wirst heirathen, und das Mädchen nehmen, das ich dir bestimme: ein deutsches wirthliches Mädchen, das mein Correspondent sehr lobt an Eigenschaften und Vermögen! — Da dachte ich bei mir selbst: In Gottesnamen! Der Vater wills; aber ich kann's schon erwarten. — Als ich Europa betrat, und hörte, daß mein Vater gestorben, dachte ich: Sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, ist mirs gleichviel. — Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge sah, und tief in Ihr Herz; — da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück für mich sein, wenn ein solches Capital mir entginge. Ohne Umschweife denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, suche eine ehrliche Frau, und wünsche Sie an dieser Stelle. Was antworten Sie hierauf?«

Justine sah auf die Spitzen ihres Aermels, dann fest und sicher in Georgs festes und sicheres Auge, und sprach ohne Umstände: »Was mein Herr Vater will, ist mir, einer gehorsamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn sie es wünschen; als Ihr Weib und Ihre treueste Freundin.«

Birsher verbeugte sich sehr erfreut, und versetzte: »Wollten Sie mir nicht erlauben, holdselige Braut, einen Kuß auf Ihre Wange drücken, und Ihnen ein Pfand dieser Stunde verehren zu dürfen?«

Justine nickte freundlich, und duldete den verschämten Kuß. Georg zog hierauf einen schlichten goldenen Reif vom Finger, steckte ihn an ihre Hand, und sprach:

»Amerikanisches Gold, ächt und klar wie amerikanische Treue! Der Brautschmuck von brasilianischen Steinen, den mein Vater Ihnen zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, ist zwar zehnmal schöner als dieser Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Werth für Sie haben werde, weil er vonmirkömmt, und nicht vom freiwerbendem Vater eines willenlosen Sohnes.«

»Sie charmiren mich durch das artige Präsent!« versicherte Justine lächelnd, und entfernte sich mit dreimaliger Verbeugung, weil die Commisarien sich hören ließen. Im Begriff, dem Vater diese Nachricht zu bringen, begegnete sie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er schien gefaßt. Die Senatorin saß, wie die klaffende Thüre sehen ließ, mit gefalteten Händen, stumpf brütend und niedergeschlagen auf einem Stuhle. Justine wünschte dem Vater schüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter.

Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; sagte der Senator eiskalt und verächtlich: Man muß sie verblüffen, da mit Raison nicht anzukommen ist. Ich habe ihr geschworen, daß ich sie als verrückt ins Irrenhaus bringen lasse, wenn sie nocheinenSchwank macht, wie gestern an dem tollen Teufelstage. Du stehst mir dafür, daß sie mittlerweile nicht aus dem Hause geht. Die Verläumder, die ihr solche Schandmücken in das Ohr gesetzt, will ich schon finden, schon züchtigen.

Justine freute sich der Ruhe ihres Vaters. Sie schien ihr ein Bürge seiner Schuldlosigkeit. Sie wollte seine Zufriedenheit erhöhen, und sagte: »Sie werden mich loben, Herr Vater. Justine ist gehorsam und eilig, Ihren Wünschen zu entsprechen. Monsieur Birsher kam vor einer Viertelstunde; er hat mit mir geredet; ich trage seinen Verlobungsring. Hier ist er, lieber Vater!«

Des Senators Gesicht verzog sich düster und unwillig. »Warum diese Eile?« brauste er auf: »Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter soll ... Welche Plage mit unbesonnenen Weibern!«

»Mein Vater ...« fragte Justine scheu: »welche Aenderung? sagten Sie nicht gestern?...«

»Heuteist nicht gestern, und gesternwarnicht heute!« versetzte Müssinger: »Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es dir!«

»Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!« — sagte Justine von kränkender Beschämung gepeinigt: »was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnsinnig ausgeschrieen werden! besinnen Sie sich doch, mein Vater!«

»Ihrseidwahnsinnig; du und deine Mutter!« antwortete ihr in der höchsten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commissarien seiner warteten.

Justine schlug staunend die Hände zusammen, fühlte sich an die Stirne, um sich zu überzeugen, daß sie in der That wache und alles Vorige gehört habe. —

»Ich soll nicht fort?« fragte sie sich schmerzhaft! »O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daselbst hundertmal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus diesem Hause, in dem sich alles Unheil vereint, um uns sammt und sonders nach und nach um den Verstand zu bringen, wie es uns schon um Herz und Gemüth und Sorglosigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brodverdienen, als es unter solcher Seelenangst verzehren zu müssen; ich wollte lieber ... gleich einer Flüchtigen ...«

Sie hielt inne. »Ei, die Lainez!« fuhr sie fort; »wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzo meinen Geist erheitern könnte? Sollte sie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?...«

Sie zog langsam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Tasche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorsälchen der Mutter in einen kleinen Versteck, kaum einen Kreuzstock breit — ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenstöcken an Geländer und Wand hingereiht war; von freierer Luft heimgesucht, und durch ein schirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beschützt. Dieser Blumenwinkel am äußersten Ende des Hauses, stand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnstube und Gesindzimmer entlegenen Vorsaale der Senatorin vermittelst einer Thüre in Verbindung, in der eine drathvergitterte Glasscheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befestigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einem leeren Fleck des Gestells derselben, kauerte sich Justine nieder, und betrachtete,sich zu zerstreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indessen kaum ein Blick geschenkt; der schöne Sebastian fesselte ihre Aufmerksamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beschauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preisen sollte: die männliche Formenschönheit des Märtyrers, die zu den Sinnen sprach; oder die himmlische Verklärung, die sowohl in seinem Gesichte, als auf seinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte, ... oder den magischen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervorging, die aus den stürzenden Blutstropfen des Heiligen sproßten; oder endlich das herrliche Schauspiel des aufgeschlossenen Himmels, der seine Goldstrahlen um das jugendlich schöne Haupt des Sterbenden legte, — aus dessen Wolkenkranze die heilige Mutter sah, und der Heiland und ihre dienenden Engel!

Justine konnte sich nicht satt sehen an dem lieblichen Meisterwerke, und so oft eine seltsame innere Beklemmung sie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie stellte es endlich, verschämt und dennoch zu kleinem Frevel versucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufsprossenden Myrthe. Sie dachte sich den Altar hinzu, — nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, sondern den roth und weiß geschmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez gesprochen. Das Bild jener heimlichen Messe gesellte sich zu dem ganzen Begriff, und — siehe da! in blühende schmeichelnde Formen gestaltete sich vor dem Mädchen der römische verpönte Gottesdienst, und es dachte bei sich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch schön sein, wie ihr Kirchendienst fröhlich; glänzend und begeisternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und ideal. Da wurde der schweigend überlegenden und prüfenden Jungfrau plötzlich zu Muthe, als sei Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage sie mit seiner ruhigen und männlichen Stimme: »Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, sieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Lassen Sie den raschbewegten Mittagskindern ihren bunten lustigen Schauspieldienst, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geist verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und schaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt rasches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beständig Empfindenden, zufrieden miteinemGotte, miteinemtreuen Herzen. Und dieses Herz — bin ich gleich nicht schön wie der pfeildurchbohrte Sebastian, — nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige — diesestreueHerz finden Sie in mir!«

Justinens Phantasie hatte ihr eine eben so artige Täuschung vorgemacht, daß sie jetzt selbst verwundert aufsah, ob Birsher wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge sank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreischenden Schrei erreicht, von der Stimme. »Das Gespenst!« flüsterte sie erschreckend, und hob mechanisch obgleich schaudernd den Vorhang von dem Thürfensterchen. Der Mutter Zimmer war offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulsionen durchschauert; über den Vorsaal nach der Ausgangsthüre schlurfte langsam eine weiße Gestalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entschlossenheit übergehend, sprang Justine aus ihrem Versteck, eilte der schnell sich fortbewegenden Gestalt, die diese Dazwischenkunft nicht vermuthet hatte, um so hastiger nach, faßte auf der Schwelle das fliegende weiße Gewand, und rief ihr wacker zu: »Halt! ergieb dich! du allzeit fertiges Gespenst!«

Dieses Letztere hielt nicht, sondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entsprang dieser Hülle, ließ Perücke und andern Ballast, der ihm zu beliebiger Ausstopfung gedient hatte, feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe sowohl der Senator, als mehrere Domestiken auf Jacobinens Geschrei herbeikamen, eine schmale Wendelstiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauses führte. Der Geist rannte hier dem zufällig herankommenden Berndt in die Hände.

»Halt! wer bist du, Deserteur?«

»Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!«

»Was? Dort oben schreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb! Halte still, und komm' mit.«

»Kennst du mich denn nicht? Parbleu ... sei kein Kind!«

»Eben deshalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich dich kenne, komm' mit. Deine Zwischenträgerei hat mich um den Dienst gebracht; meine Unerbittlichkeit soll dich zu Schanden machen, du Baalssohn!«

So sanftmüthig auch Berndt diese Rede sagte, so derb packten seine Fäuste den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Justine, Senator und Gesinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domestiken entfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs seiner Frau und die Scham des entlarvten Geistes länger zum Schauspiel zu geben, sagte er zu Jacobine: »Sieh hier das übernatürliche Wesen, das seit gestern unser Haus umzuwälzen sich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einspruch in eine Hochzeit zu thun, die ihm mißfiel, und denke daran, daß deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben so nichtiger Quelle fließt.«

»Nothhaft!« rief die Senatorin, plötzlich ihre Krämpfe vergessend, und zornig aufspringend: »Nothhaft! Er niederträchtiger Bursche! Was bedeutet die schändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu spuken! Den Amerikaner wieder aufleben zu lassen! Meinen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müssinger Ihn exemplarisch zur Rechenschaft wird ziehen lassen! Auf dem Rathhause, vor allen Richtern und Volk!«

»Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlassen werden,« entgegnete Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denselben. »Was in diesem Hause nur als ein unschuldiger Jokus passirte, könnte am geeigneten Orte zum Ernste werden! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir eben so ernstlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem Hause; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebster.«

»Ach Gott! das Lästermaul!« seufzte die Senatorin weinerlich und aufhetzend: »Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müssinger! wenn du das leidest....«

»Ein Wort, Herr Ex-Principal!« sagte Nothhaft unverschämt, und zog den Senator bei Seite: »wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung bestimmt haben. Ich thue Ihnen damit einen Gefallen, so wie ich den ganzen Plan zuIhremBesten allein angelegt habe. Vor der Hand lasse ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwiegersohn anzunehmen, und den Amerikaner aus dem Hause zu weisen, oder versichert zu sein, daß meine schonende Freundschaft für Sie ein Ende erreichen wird.«

»Er ist ein schlechter Mensch!« polterte der Senator hitzig: »was werde ich auf seine elenden Drohungen geben? Packe Er sich aus meinem Hause! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er sich in seine Heimath hin, undrathe und verkaufe und spucke Er fort so viel als Er will. Ich warne Ihn, sich ferner hier betreten zu lassen. Ich würde sonst meine Anklage bei dem Polizeiaufsichter anbringen müssen, während ich jetzt noch den Scandal, den Er verursachte, mit Schweigen übergehen will.«

Nothhaft schnitt ein grimmig saures Gesicht. »Na!« sagte er trotzig: »ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin, Wünsche allerseits wohl zu leben. Und Sie, meine beste Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da Sie mich doch eigentlich in die saubere Patsche versetzt hat?«

»Ich freue mich, Monsieur, Ihn ertappt zu haben, während sich Männer vor dem Popanz fürchteten,« versetzte Justine spöttisch: »ich bin nicht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich schon längst von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte ist, und damit Punktum.«

»Damit noch nicht Punktum!« erwiderte Nothhaft frech und ergrimmt: »ich werde die Ehre haben, so Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu lassen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre seine Ohren! Gott befohlen!«

»Du ruchloses Höllenkind!« rief Berndt dem Davoneilenden nach: »der leidige Gott sei bei uns muß wenigstens dein Großvater gewesen sein!«

Der Senator hatte indessen seine Partie genommen. Die alte Energie schien in den Mann zurückgekehrt zu sein. »Keine unnöthige Bethbruderei!« sagte er scharf, aber freundlich zu dem Augenverdreher: »wir müssen vor der Natter auf der Hut sein. Seh' Er nach, daß der Bengel seine Effekten noch in dieser Stunde aus dem Hause schaffe. Dann laufe Er, und zeige Er auf der Börse an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Diensten steht. Lasse Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hause kömmt. Aber von der Gespenstergeschichte kein Wort. Sonst bleibt's beim Quartalabschied. Unterdessen bedanke ich mich bei Ihm schönstens.«

Berndt eilte, vergnügt über seine gesicherte Existenz, den Befehlen des Principals zu genügen. Der Senator wendete sich zu Justine: »Dir, mein Mädchen, danke ich in's Besondere. Dein Muth hat uns die Augen geöffnet. Der Bursche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er in der melancholischen Nacht, — meiner leichtgläubigen, schreckbaren Frau erschien er am Mittage, — wahrscheinlich, weil das Gespenst am Abend nicht durch die verschlossene Thüre dringen konnte. Auf den Aberglauben der Dienstleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Justine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart ist im Hause entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat sich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Justine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der schmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeister gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe er mir Stänkereien macht: ich fürchte, der Bursche hat tausend Kniffe im Kopfe. — Ich werde auch dem Steuercommissär meinen Besuch machen. Ich werde ihn ernstlich wegen des Geschwätzes seiner Frau bedrohen. Beruhige dich, Jacobine! du sahst, daß der Geist des Verstorbenen ein Posse war. Du wirst einsehen, daß die Commissärin in dem, was sie dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge gesagt hat.«

»Das gebe Gott!« entgegnete die Senatorin phlegmatisch und die Hände in dem Schooß faltend: »ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und verlasse nicht mit Plaisir dieses Haus. Aber, wenn du in der That ein so schlechter Mensch wärst, wie die Leute sagen....«

»Schweig!« unterbrach sie der Senator finster, denn Justine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müssinger sich in den Interimsstaat der Rathsherren warf, kam auch Georg Birsher hinzu. »Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken,« sagte er zu dem Senator: »welche Gerüchte haben sich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geist soll sich gezeigt, und sich endlich, von einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenschwengel verwandelt haben?«

»Dummes Zeug!« erwiderte der Senator verdrießlich: »das Domestikenvolk hat doch tausend Zungen. Beruhigen sich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerstreich.«

»So?« versetzte Birsher lächelnd: »die Bosheit scheiterte sicherlich an Ihrem Ringe, beste Jungfer Braut. Die Wilden meines Vaterlandes beschenken sich mit solchen Talismanen, und vielleicht ist dieser Ring ein solcher. Erlauben Sie, Verehrteste, daß ich Ihren Heldenmuth und Ihre Treue mit diesem Diamantschmucke belohne, der freilich schon Ihr Eigenthum ist. Die Rose von Edelsteinen, die ich ebenfalls in dieses Kästchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwerthesten Schwiegermutter, als ein dürftiges Pfand meiner Ergebenheit zuzustellen.«

Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz strahlte. Die Senatorin zwinkerte lüstern mit den Augen; Justine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem Gesichte des Vaters, dessen Sinnesänderung sie beunruhigte. Der Senator bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr rasch und lebendig dazwischen: »angenommen meine Tochter!« sagte er freundlich und dringend: »alles geht wieder im rechten Gleise! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im Uebrigen.... will ich schon fertig werden. Ew. Edeln werden also mein Schwiegersohn!«

Die Senatorin hatte sich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Justine beide Wangen und die Stirne.

»Eine Bedingung indessen!« fuhr der Senator zwischen beide Verliebte tretend fort: »ich trage an Sie, bester Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen meine Liebste gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erste ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wissen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwischen komme. Mein Buchhalter und —« hier seufzte er — »Doctor Leupold schweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die Copulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!«

»Wenn Justine mein wird,« sagte Georg, »so bedarf ich keines Gepränges, und so wenig ich mir's nehmen lassen werde, zu New-York mit einer hübschen Frau groß zu thun, so wenig dringe ich hier — in der fremden Stadt — auf diese Befriedigung meiner Eitelkeit. In vierzehn Tagen ungefähr geht ein holländisches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken schreiben, daß er dessen Cajüte für uns miethe. Bis dahin sind wir zu Amsterdam und reisefertig. Nicht wahr, Justine?«

Justine nickte stumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Gesicht zeigte sich sogar ein flüchtiger Wehmuthsschatten des Gedankens an Justinens Scheiden. Dem Senator gingen die Augen über. Er drückte Allen hastig die Hände, und entfernte sich rasch, seinen Geschäften nachzugehen.

Das Herz wurde ihm leichter: er sah Nothhafts Koffer von den Packknechten nach dem Gasthause schaffen. Sein Herz wurde ihm schwerer: der Doctor begegnete ihm bald hierauf.

»Nun, mein verehrter Herr?« fragte der Jesuit zutraulich und forschend: »Ihr Gesicht trägt das Gepräge eines reuigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entschluß gefaßt, und sind mit Ihrem Gewissen auf's Reine gekommen.«

»Das bin ich, hochwürdiger Herr,« sagte der Senator hierauf muthig, und zu der Waffe des Doppelsinnes greifend: »ich werde in Bezug auf meine Tochter thun, was Recht ist.«

»Dafür segne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!« erwiderte der Doctor mit Salbung, und verließ den ungeduldig Fortschreitenden. Während dieser zum Bürgermeister wanderte, um bei demselben gegen Nothhaft zu procediren, und hierauf den Steuercommissär aufsuchte, ihm zu sagen, daß dessen Weib sich unterstanden, gegen seine Ehefrau schändliche Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen, — und dem Commissär zu drohen, im Wiederholungsfalle seine geschärfte Klage vor den Gerichten anzubringen, — während dessen traf der Doctor Leupold sehr zufrieden mit Superior und dem Schiffscapitän auf der Mailbahn am Schwanenmarkte zusammen. Der Capitän war in seiner Uniform, der Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieser Secte waren dazumal selten zu schauen, und von dem Volke sehr geehrt, weil die sonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieser Leute, die Gewohnheit derselben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre schmucklose Kleidung und ihr schulmeisterlicher Gang sagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonsur und Priesterschaft zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren trat, so unzufrieden waren diese gegenseitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte sehr vornehm und niederschmetternd vor sich hin. Der Capitän sah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand stochernd, rief er den nahenden Doctor an, sagend: »Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der sehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich auf's Korn genommen, und will mir den Spiegel sammt Mast und Korb und Raaen miteinerLadung zerschmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichste niederländische Schiffscapitän bin, der jemals die See befuhr. Ist es wahr, daß ich schmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Ist es wahr, daß ich Seelen-Verkäuferei und Negerspedition nebenbei betreibe, und somit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr setze und schmälere?«

»Ich habe keine Beweise dafür,« versetzte der Doctor: »die Correspondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der sehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite dasselbe behauptet, so muß er wohl genauer unterrichtet sein!«

»Den Donner auch!« sagte Tormerpick mit galligem Ausdruck: »Es sollen mich hunderttausend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr ist; so wahr ich Jahn Tormerpick heiße und mein Vater, der wackerste Steuermann, von einem Hai gefressen wurde; Gott habe ihn selig. Wahr ist's, daß die Verläumdung am besten Rufe am eifrigsten nagt, und ich will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpassende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber stets zurückgewiesen habe? Bei allen Signalen: dort läuft just einer, der mir gestern Abends in der Schenke eine dito Eröffnung machte!«

Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straßeging. Der Doctor lächelte, an seine Unterredung mit dem Menschen gedenkend. Der Capitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und betheuerte seine Aussage mit einem seemännischen Kraftworte.

»Es waren ihrer zwei beisammen,« sagte er ausführlicher: »der Mensch dort — wie er mir sagte: ein Ladenschwengel aus einem vornehmen Hause allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von seinem Principal weggejagt worden sein mußte, so abgerissen und liederlich sah er aus. Die Burschen tranken Bier und schwatzten von Hamburg, von dem Lotto, ... weiß Gott! wovon? Endlich schlief der Hamburger, der am Meisten geschrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und erzählte mir von einem jungen englischen Rindfleischesser, dessen er gern gerathen möchte, wenn ich demselben eine Kommißbrodpfarrei zu Batavia verschaffen wollte. Nun wissen Sie wohl, meine geehrten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen englischen Burschen, der noch obendrein von guter Familie sein soll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Capitän im Dienste unserer hochmögenden Herren eingeschlagen haben würde, — wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil sogar die Transportkosten bezahlt werden sollten; — aber Capitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeschickt, daß er nicht mehr anfragen soll!«

»Armer James!« dachte der Doctor bei sich, der nun den Zusammenhang begriff; dann setzte er laut bei: »ich möchte Euch wahrhaftig nicht rathen, Capitän, in den Handel einzugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling und prophezeie Euch schlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demselben vergreifen solltet.«

Der Capitän machte ein sehr langes und albernes Gesicht; der Superior setzte mit einem sehr finstern hinzu: »Ueberhaupt, Capitän, gebe ich Euch noch die Weisung in den Kauf, in Zukunft Eure Taxe, Zoll-Listen und Spesen billig einzurichten. Die Gesellschaft möchte ansonst leicht dazu bewogen werden, unter den holländischen Capitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen.Quod notandum!«

Tormerpick führte sich mit verschiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitswilligkeits-Versicherungen ab. Der Superior sandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und sagte alsdann zu dem Doctor: »Pater Münzner! ich bin nicht sehr mit Ihnen zufrieden. Sie sehen dem Schiffs- und Speditoren-Volk nicht genugsam auf die Finger. Sie schaden dadurch den Benefizdividenden unserer Gesellschaft; sind auch zu nachsichtig gegen mangelhafte Zahler, sind auch zu freigebig gegen Arme. Ihr Almosenbuch, das ich heute durchblätterte, strotzt von Ausgaben aus Ihrer Cassa. Das geht nicht. Almosengeben mit billigem Maaß und Ziel ist nützlich; es empfiehlt; es bindet. Die diesem Zwecke entsprechende Quelle muß jedoch aus den Taschen christlicher Wohlthäter in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der Gesellschaft, die nur verstattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen versprechen. Ich glaube, wir thun ohnehin schon genug an der Menschheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verschwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was soll zum Beispiel die namhafte Unterstützung bedeuten, die Sie einem Comödianten zugewendet haben? In der That, — wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde vermuthen, der Comödiant sei im Besitze eines hübschen Weibes.«

Der Doctor, seinen Verdruß bezwingend, erzählte sein Zusammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte sich. »Ein Zögling der Gesellschaft?« sagte er alsdann: »das ist etwas Anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was soll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Es darf nicht faullenzen. Man muß ihm Beschäftigung geben. War er ein guter Akteur, so muß er in zwanzig Kleider passen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie sind einer großer Lauheit im Bekehrungsgeschäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüth einigen Antheil nimmt. Sie haben verschiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, stehen sich überhaupt mit der artigen Wittib nicht zum Besten. Nehmen Sie sich in Acht. Die Lainez hat sich bitter beschwert. Sie wissen, was die Person bei dem Provinzial gilt; Sie stellen sich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez darf Nichts geschehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der sie quasi verächtlich behandelt. Es ist freilich, in Betreff des Provinzials, gut, daß der junge Mensch sie nichtliebt, alleinhassensoll er sie eben so wenig. — Kein Wort der Erwiderung, Pater Münzner. Wir sind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es sollte uns leid thun, Ihrer in unserem Berichte nach Rom ungünstig erwähnen zu müssen. Den Provinzial ...hunc tu amice caveto!wie der Heide sagt.Satisvon obigem Gegenstande. Ein Weiteres. Wie steht es mit dem Senator?«

»Wohl;« versicherte der Doctor mit freierer Brust: »Die projektirte Heirath wird in sich selbst zerfallen. Ein seltsamer Gespensterglaube hat sich in's Mittel geschlagen, um —«

»Gleichviel;« schaltete der Superior ein: »jedes Mittel taugt. Für's Erste, natürlicher Weise, lehrt die Klugheit, alle Umstände so zufällig als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu nichts, dann mögen spanische Fliegen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Instruction gegeben, in dem Hause des Senators alle Minen anzuzünden, um das sonderbare Gänschen von Tochter zu stimmen. Ich habe, im Namen der Gesellschaft, eine wahre Passion auf ihr Vermögen.«

»Zu Ihrem Troste darf ich Ihnen also sagen,« — versetzte der Doctor, über des Vorgesetzten heißhungrigen Geiz seufzend, »daß Justinens Vater mir sein Wort gegeben, daß der Amerikanernichtsein Schwiegersohn werden soll.«

»Quod sufficit.Indessen geht die Zeit hin, und die Lainez wird schon das Uebrige thun.«

Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieser einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubereiten. Nothhaft schien von der Erde verschwunden, und das Schweigen über die Heirathssache wurde vortrefflich bewahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geistergeschichte willen ausgelacht zu werden, sah ihre Muhmen nicht bei sich. Die Männer beobachteten das Geheimniß unverbrüchlich. Justinens Zunge, — sie konnte wohl sonst verschweigen — brach zuerst das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hause eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geisterhistorie lachend, sagte sie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufriedenheit: »Mit der Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleise, und diese Wäsche, an welcher wir arbeiten, meine Beste, ist mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Frau. —«

Die Lainez erschrak; faßte sich, und erfuhr nach ein Paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut.

Die Unglücksprophetin. — Das Bild in der Kapsel. — Gewitter im Brautstande. — Der Magister. — Morgenbesuch bei der Braut. — Trauliche und böse Stunde. — Angst des Senators. — Er und seine bösen Engel. — Das schreckliche Billet. — Todesschrecken; übereiltes Versprechen; listige Hülfe. — Seelenverkauf. — Birsher und Nothhaft. — Hiobsposten. — Die Predigt mit Donner und Blitz. — Schande und Arrest. — Wundergleiche Rettung. — Die Lainez erscheint. — Der Thurm von St. Paul. — Hoffnung durch den Freund. — Der Balsamhändler. — Zehn Uhr.

Die Unglücksprophetin. — Das Bild in der Kapsel. — Gewitter im Brautstande. — Der Magister. — Morgenbesuch bei der Braut. — Trauliche und böse Stunde. — Angst des Senators. — Er und seine bösen Engel. — Das schreckliche Billet. — Todesschrecken; übereiltes Versprechen; listige Hülfe. — Seelenverkauf. — Birsher und Nothhaft. — Hiobsposten. — Die Predigt mit Donner und Blitz. — Schande und Arrest. — Wundergleiche Rettung. — Die Lainez erscheint. — Der Thurm von St. Paul. — Hoffnung durch den Freund. — Der Balsamhändler. — Zehn Uhr.

Das Leben im Hause des Senators hatte sich anders und besser gestaltet. In den Familienvater war die Spannung und Kraft zurückgekehrt, die aufeinenbestimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück seines Kindes, auf seine eigene Beruhigung zugleich. — Die Senatorin schien in die ehemalige Lebensweise zurückgetreten; apathisch wie vordem, allein der begonnenen Feindseligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Justine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn sie ihn auch nicht mit jener Leidenschaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens ist, nicht ermangeln würde, ihre billigen Ansprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet sei, mit seinem besonnenen, ruhigen und klaren Wesen Hand in Hand mit ihr, der starken, nicht an Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern, daß sie sich als Opfer für irgend eine Ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen, hinzugeben habe; sie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegensah; er hatte von einer heiligen Schuld gesprochen, und sie war stolz darauf, die Zahlerin derselben zu sein. Die Besuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abstattete, machten sie immer mehr und mehr mit den edeln Eigenschaften bekannt, deren sich sein Herz rühmen konnte, und wenn gleich Schüchternheit und Convenienz ihr verboten, dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die sein Benehmen ihr abzwang, so entschädigte sie sich dafür in ihren Gesprächen mit der Lainez, die gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam spendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil sie dieselbe nicht empfand. Unbemerkt nahmen indessen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, obgleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, stimmte allgemach das Lob des ungebundenen fessellosen Lebens an.

»Glauben Sie nicht,« sagte sie einst, da Justine sich mißbilligend dagegen ausgesprochen hatte, »daß ich den mindesten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verspürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtschaffenen Mann; für denjenigen, der das Glück zu schätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber, — beste Mademoiselle, — erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt lasse. Ich lebte in einer glücklichen Ehe, geliebt von einem jungen, schönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht schmerzlich den Verlust meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben die Gesetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der sie mit seiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Gestirne, woran sie geknüpft ist, entlehnt, und untergehen muß, sobald der Herrscherstern verlischt, oder ... was nicht selten geschieht, — eine abweichende Bahn zu beschreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürstinnen neidisch herniedersehen; verheirathet,legen wir den Scepter der Reize nieder, um die Sklavin eines — wenn auch geliebten — Herrn, unsrer Wirthschaft, unserer Kinder, unsers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu enden, das oft so reizend, so vielversprechend begann.«

»Ei, gute Frau, welche Reden?« sagte Justine verwundert und empfindlich: »Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophezeihung soll aber an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das schwache Geschöpf, das sich unterjochen lassen, oder Herrn Birsher für den Mann, der solche Erniedrigung begehren würde? Wenn, — verzeihen Sie mir, — der Capitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menschen mit Sack und Pack nach seinem Wort zu leiten, diese militärische Tyrannei in sein Hauswesen übertrug, — so machen's die Herren vom Degen nicht anders.Ichsoll jedoch die Associée eines friedlichen Kaufmanns werden, die Gefährtin seines Glücks, nicht die Magd seiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagschale einer gewissen Herrschaft aufeineSeite schwanken sollte, so müßte es diemeinigesein; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Die Lainez lächelte, zuckte die Achseln. »Wir werden ja sehen!« sagte sie einsylbig. — Justinen genügte dieses nicht.

»Sie sollen die Sache nicht unentschieden lassen,« sagte sie lebhaft: — »Sie müssen sichmirgefangen geben, oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter ist leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er passe, trotz seiner Gewohnheit, Alles durchzusetzen, unter das Joch, dessen Sie erwähnten?« —

»Fürchten Sie sich vor einem härtern, unerträglichern,« entgegnete Lainez hastig: »Sie gehen mit der Unbefangenheit, — ich möchte sagen, — Unbesonnenheit einer zuversichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Diese Leidenschaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beschränktes, einförmiges Leben einst der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegergewalt an sich reißt; der es versteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hause errungen — vor dem Fremdling müßten Sie dieselbe niederlegen!«

Justine sah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez starr und verwundert an: verzog dann spöttisch den Mund, und erwiderte: »Sie sprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch diese zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich: dieEhreist der Harnisch, der mich gegen den Versucher wappnen soll.« —

Die Wittwe verstand sehr wohl die rauhe Antwort; sie erhob sich schnell und gekränkt von ihrem Stuhle, schob die Arbeit von sich, und trat an's Fenster, Justinen stumm und beleidigt den Rücken kehrend.

Das Mädchen bemerkte, schnell bereuend, den Eindruck, den seine Worte gemacht. Es näherte sich — den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gast gekränkt zu haben, — der Französin. Zaudernd überlegte Justine, wie sie wohl die Verletzte anzureden habe; — da gewahrte sie, an dem Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufstehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und sagte ihr freundlichernst: »Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich sagen will. Es that mir aber leid, Ihnen so unsanft geantwortet zu haben. Vergeben Sie, und nehmen Sie ihren Platz wieder, wie dieses Papier, das Sie verloren.«

»Sie sind ein heftiges, liebes Kind,« entgegnete die Lainez, und wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu: »Wer wollte Ihnen nicht vergeben?« Sie umarmte dabei Justine, und drückte, zum ersten Male, Küsse auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die wie Flammen brannten, und Flammen auf Justinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Französin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort: »es ist möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Besorgniß für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten: es sei mir darum zu thun, Ihren Geist, Ihr Herz in Unruhe zu versetzen, und gewissermaßen den Versucher selbst zu spielen. Verbannen Sie dieses Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmlose Zuneigung. Dieses Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht seit vorgestern in meiner Tasche, und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe zu erschüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie fest Ihre Entschlüsse stehen, mögen Sie es eröffnen, und sich von meiner Diskretion überzeugen.«

Justine that neugierig und gespannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieselben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verrätherischer vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis sie zu Ende war. James, der aus Justinens Nähe verwiesene James schrieb:

»Wie auch immer Ihre Gesinnung, Madame, sich gegen mich entschieden, — ich sende Ihnen diese Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, beiIhr! Sie wohnen in dem Paradiese, aus dem mich leichte Schuld und eine allzustrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen die Himmelsluft, und ich erstickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauerflor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schooß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen versagen, daß seine brennende Lippe sich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen nur ein Wort der Fürsprache vor dem Throne der Gnade kostet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Sylbe sagen, daßSiemir vergiebt!«

Justine legte das Blatt auf den Tisch, zog ihr Schnupftuch hervor, und ging schnell in das Cabinet. Nach einigen Augenblicken kehrte sie wieder; sie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang sicher. Sie sagte zu der Lainez: »Nehmen Sie diesen Brief wieder zu sich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grausam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mittheilten. Was besorgten Sie für mich? Meine Brust ist ruhig, völlig ruhig; ich versichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von seiner trügerischen Gelassenheit völlig Abschied genommen zu haben scheint, ... welche Marter hat er vielleicht in den Paar Tagen ausgestanden — eine Antwort ersehnend, und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewissenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich versöhnlich bin: unter der Bedingung, daß er vernünftig sei, und ferner rechtschaffen handle. —«

»Sie sind ein Engel!« erwiderte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt: »ich wagte nicht, hier Fürsprecherin zu sein, und nun ... ja wahrlich: mein Brief wird Balsam für den Armen sein. Gut indessen, daß er, — wie die Sachen abgeredet sind, — nicht erfahren kann, daß, und wie bald schon Sie sich vermählen. Welch ein Sturm auf seine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem sich bereits Alles begeben, wird er sie leichter tragen. Denn was einmal geschehen ...«

»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach sie Justine, die Augen starr auf die Arbeit geheftet: »Sie reden wieder in Räthseln.«

»Ei, Mademoiselle,« versicherte die Lainez lustig: »Ihr Scharfsinn undIhre Weiblichkeit wären mir ein Räthsel, wenn Sie nicht errathen hätten, daß der junge Mann sterblich in Sie verliebt ist.«

»Madame Lainez!«

»Mademoiselle Müssinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber schweigen.«

»Was halten Sie von Monsieur White?« fragte Justine, nach einer langen Pause; »Sie kennen ihn, glaube ich, genauer.«

»Wie Elias seine Versorger in der Wüste. Er war mein Wohlthäter; kam und ging, je nachdem sein Pflegevater meiner Armuth gedachte.«

»Diesen Pflegevater,« nahm Justine schnell das Wort auf: »diesen Pflegevater — Sie kennen ihn?«

»Ich habe ihn nie gesehen.«

»Er war neulich ein Gast meines Vaters; der Doctor mit der großen Perücke war's.«

»So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verrieth sich gegen mich mit keine Sylbe....!«

»Das war sehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch etwas darum, könnte ich von dem Doctor etwas Näheres erfahren.«

»Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünschen, so soll Herr White uns morgen schon die nächste Auskunft geben.«

»Welch' ein Gedanke! Monsieur White wäre der Letzte, den ich zu diesem Zwecke auffordern würde.«

»Ihre Gründe?«

»Mein Geheimniß.«

»Ich bescheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereitwilligkeit des jungen Herrn zweifeln sollten, so bürge ich Ihnen, diesem Brief zufolge, dafür. Aus diesen Zeilen spricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt — Ihnen zu Gefallen — würde er sich den Pfeilen einer amerikanischen Horde mit so vielem Muthe aussetzen, als der heilige Sebastian es that, um den Himmel zu gewinnen.«

»Welch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze sind stumpfe Pfeile.«

»Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebastian und die wunderschöne verlassene Pulcheria nimmer zu sehen bekommen? Finden Sie Geschmack daran, meine Bilder zu behalten?«

»Warum nicht gar?« versetzte Justine ein bischen verlegen: »ich muß gestehen, daß ich das Medaillon gänzlich vergessen habe.«

»Geben Sie es mir zurück.«

Justine suchte verlegen in den Taschen. »Ich habe den Schlüssel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.«

Die Lainez lächelte. »Recht, meine Liebe,« sagte sie: »bringen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen sagen, wo es sich befindet. Sie haben es zwischen Myrthen aufgestellt, und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; traulich, ungestört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht sonderlich, und der Wärterin dieser Sommertöchter ist es unverwehrt, dort im sichern Versteck ihren stillen Gottesdienst zu halten.«

»Abscheulich!« rief Justine: »bin ich eine Götzendienerin? Auf der Stelle sollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem Platze vergessen habe.« — Sie eilte rasch davon, und brachte, etwas verdrießlich und gereizt das Medaillon.

»Hier, Madame, haben Sie Ihr Pfand zurück.«

Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Kästchen, das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältnisse geretteteAngedenken einer bessern Zeit enthielt, und öffnete es. Während sie ein Futteral hervorholte, in welches sie das Medaillon verschloß, und dasselbe in die Chatouille niederlegte, sagte sie scherzend: »Es ist gleichwohl besser gewesen, daß dieses Bild unter jenen Myrthensträuchern und nicht an Ihrem Busen vergessen wurde, Mademoiselle.«


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