IV.Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus. Man schrieb den vierten November 1599.Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten. „Nun geht es an! Das ist der Beginn!“ hieß es unter dem Volk.„Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,“ sagte ein Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. „Der verkündet nun das kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.“„Sie kommen! sie kommen!“ hieß es unter der Menge, und eine Gasse bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen das Kaisertor hin.Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes. Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe, herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume: bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren, schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; — wir sind unter den — Meuterern von Rees! Gekommen ist’s, wie es kommen mußte; morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!„Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,“ sagte eine baumlange Gestalt, sich über die Genossen erhebend.„Sollt’ meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den Trommelschlag,“ sagte unwirsch ein zweiter Söldner.Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen. „Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen’s so; da lob’ ich mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp, topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau’r, ich komm’! — das ist’s! oder —“„Hauptmann, gib uns Geld!“ fiel lachend ein Dritter ein.„Füg dich zu der Kann!“ brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.„Mach dich bald davon!“ sang eine schrille Stimme dazwischen.„Hüt dich vor dem Mann!“ brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt. „Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen? Alle blutigen Teufel, ich wollt’, der Blitz schlüg’ gleich mitten unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder die Hölle! ’s sollt’ mir gleich sein — ’s wär’ wenigstens eine Veränderung!“„Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!“ sagte eine ernste und finstere Stimme.„Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,“ grinste der Vorige wieder. „Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich — mit Verlaub, Junker, das war nicht auf Euch gesagt.“ Wir folgen dem höhnischen Blick des Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr, gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon zurückweichenden Jobst ausstreckte: „Den Schädel zerschmettere ich dir an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin — sage noch ein Wort —“„Auf ihn! so ist’s recht!“ schrien einige der Gefangenen. „Halt, halt! trennt sie!“ riefen andere.„Seid ruhig, Erdwin,“ sagte der Junker, „laß ihn, Alter, — er hat recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.“„Euch nicht! Euch nicht!“ rief der alte Wüstemann, die ihm entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. „O Ihr — Ihr in diesen Banden — das Herz bricht mir darüber — o die Schurken, die Schurken!“Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der Besatzung.„Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!“ sagte der Leutnant, und das kleine schwarze Männlein — Herr Friedericus Ortlepius,notarius publicusund des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine Schrift ab wie folgt:„Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds, als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises, zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches istnotoriumund männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es sich so sauer haben werden lassen, — es würde gemeldetes Regiment sich vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen, redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht, I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur Erhaltung Deroselben Autorität, ein’ Ernst zu diesen Sachen haben tun müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret, euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen Spießgesellen dafür geliefert worden sind, — vor ein öffentlich Malefizrecht stellen zu lassen.So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. — so fordere ich euch auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!“ — —Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder der Gefangenen antwortete durch ein: „Ist hier gegenwärtig.“ Als die Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal, lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen wieder zufiel.Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, — Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, — Kettengerassel!„O Junker, Junker!“ rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. „O Junker, Junker, wenn das Euer Vater erlebt hätte!“„Ja, meine Mutter, meine Mutter! ’s ist gut, daß sie tot ist!“ seufzte Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. — — — — — —In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem, grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein, durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer Büchsenkugel — tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr. Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. — So hatte Anneke den ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu schließen.„Sitzt die Dirn da noch!“ rief der Weibel. „Heda, Schätzchen, fort mit dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen! weiß nicht, was du hier suchen könntest?“ Anneke rührte sich nicht von ihrem Platze.„Na, wird’s bald? Nimm Vernunft an, Kind, ’s gibt wärmere Nester.“ Damit faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.„O lasset mich hier! lasset mich hier!“„Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!“Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des Mädchens. —„Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!“ rief einer der Büchsenschützen sich vordrängend. „Weibel, mit der mußt du säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke — wo kommst du her?“„Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!“ sagte Anneke tonlos.„Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist mit ihnen gezogen?“„Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach abgedrängt hatt’ von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen; nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land Hoya. Da ist es zum Ende gekommen — da hat uns der Graf gestellt, und Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter — Gnade Gott uns allen!“Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der Weibel: „So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen — arm Mädel, was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?“ Stumm deutete Anneke nach dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: „Sie führten uns zuerst auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!“„Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den andern?“ fragte der Weibel.Anneke nickte.„Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?“ fragte wieder der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. „Ist das dein Schatz?“Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und legte den Kopf auf die Knie.„Arm Kind! arm Mädel!“ murmelten die Krieger. „Aber sie kann hier nicht bleiben,“ brummte der Weibel. „Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst auf den Buckel!“„Lasset mich einmal mit ihr sprechen,“ sagte Arendt Jungbluth. Er beugte sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: „Wirklich, wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!“„Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist’s geschehen? — Fort nach der Schloßwach! — Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!“ kommandierte der Weibel. „Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid. Marsch, marsch!“Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch noch das Bündlein des Soldatenkindes.
Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus. Man schrieb den vierten November 1599.
Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten. „Nun geht es an! Das ist der Beginn!“ hieß es unter dem Volk.
„Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,“ sagte ein Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. „Der verkündet nun das kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.“
„Sie kommen! sie kommen!“ hieß es unter der Menge, und eine Gasse bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen das Kaisertor hin.
Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes. Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe, herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume: bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren, schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; — wir sind unter den — Meuterern von Rees! Gekommen ist’s, wie es kommen mußte; morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!
„Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,“ sagte eine baumlange Gestalt, sich über die Genossen erhebend.
„Sollt’ meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den Trommelschlag,“ sagte unwirsch ein zweiter Söldner.
Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen. „Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen’s so; da lob’ ich mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp, topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau’r, ich komm’! — das ist’s! oder —“
„Hauptmann, gib uns Geld!“ fiel lachend ein Dritter ein.
„Füg dich zu der Kann!“ brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.
„Mach dich bald davon!“ sang eine schrille Stimme dazwischen.
„Hüt dich vor dem Mann!“ brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt. „Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen? Alle blutigen Teufel, ich wollt’, der Blitz schlüg’ gleich mitten unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder die Hölle! ’s sollt’ mir gleich sein — ’s wär’ wenigstens eine Veränderung!“
„Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!“ sagte eine ernste und finstere Stimme.
„Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,“ grinste der Vorige wieder. „Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich — mit Verlaub, Junker, das war nicht auf Euch gesagt.“ Wir folgen dem höhnischen Blick des Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr, gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon zurückweichenden Jobst ausstreckte: „Den Schädel zerschmettere ich dir an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin — sage noch ein Wort —“
„Auf ihn! so ist’s recht!“ schrien einige der Gefangenen. „Halt, halt! trennt sie!“ riefen andere.
„Seid ruhig, Erdwin,“ sagte der Junker, „laß ihn, Alter, — er hat recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.“
„Euch nicht! Euch nicht!“ rief der alte Wüstemann, die ihm entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. „O Ihr — Ihr in diesen Banden — das Herz bricht mir darüber — o die Schurken, die Schurken!“
Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der Besatzung.
„Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!“ sagte der Leutnant, und das kleine schwarze Männlein — Herr Friedericus Ortlepius,notarius publicusund des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine Schrift ab wie folgt:
„Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr, Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds, als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises, zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches istnotoriumund männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.
Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es sich so sauer haben werden lassen, — es würde gemeldetes Regiment sich vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen, redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht, I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur Erhaltung Deroselben Autorität, ein’ Ernst zu diesen Sachen haben tun müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret, euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen Spießgesellen dafür geliefert worden sind, — vor ein öffentlich Malefizrecht stellen zu lassen.
So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. — so fordere ich euch auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!“ — —
Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder der Gefangenen antwortete durch ein: „Ist hier gegenwärtig.“ Als die Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal, lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen wieder zufiel.
Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, — Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, — Kettengerassel!
„O Junker, Junker!“ rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. „O Junker, Junker, wenn das Euer Vater erlebt hätte!“
„Ja, meine Mutter, meine Mutter! ’s ist gut, daß sie tot ist!“ seufzte Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. — — — — — —
In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.
Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem, grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein, durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer Büchsenkugel — tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr. Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!
Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. — So hatte Anneke den ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu schließen.
„Sitzt die Dirn da noch!“ rief der Weibel. „Heda, Schätzchen, fort mit dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen! weiß nicht, was du hier suchen könntest?“ Anneke rührte sich nicht von ihrem Platze.
„Na, wird’s bald? Nimm Vernunft an, Kind, ’s gibt wärmere Nester.“ Damit faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.
„O lasset mich hier! lasset mich hier!“
„Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!“
Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des Mädchens. —
„Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!“ rief einer der Büchsenschützen sich vordrängend. „Weibel, mit der mußt du säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke — wo kommst du her?“
„Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!“ sagte Anneke tonlos.
„Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist mit ihnen gezogen?“
„Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach abgedrängt hatt’ von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen; nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land Hoya. Da ist es zum Ende gekommen — da hat uns der Graf gestellt, und Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter — Gnade Gott uns allen!“
Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der Weibel: „So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen — arm Mädel, was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?“ Stumm deutete Anneke nach dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: „Sie führten uns zuerst auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!“
„Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den andern?“ fragte der Weibel.
Anneke nickte.
„Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?“ fragte wieder der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. „Ist das dein Schatz?“
Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und legte den Kopf auf die Knie.
„Arm Kind! arm Mädel!“ murmelten die Krieger. „Aber sie kann hier nicht bleiben,“ brummte der Weibel. „Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst auf den Buckel!“
„Lasset mich einmal mit ihr sprechen,“ sagte Arendt Jungbluth. Er beugte sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: „Wirklich, wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!“
„Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist’s geschehen? — Fort nach der Schloßwach! — Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!“ kommandierte der Weibel. „Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid. Marsch, marsch!“
Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch noch das Bündlein des Soldatenkindes.
V.Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne, bis der Klang ausgezittert hatte.„So geh zu ihm!“ flüsterte Arendt Jungbluth. „Um drei Uhr ist meine Wacht zu Ende, dann klopf’ ich und du kommst heraus. Nun gehab dich wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.“„Dank Euch, dank Euch!“ flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt und schliefen so. — Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt des Mädchens bemerkt.Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen sie suchte?Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das alte Lied vom Falkensteiner zu singen:„Sie ging den Turm wohl um und um:Feinslieb bist du darinnen?Und wenn ich dich nicht sehen kann,So komm’ ich von meinen Sinnen.Sie ging den Turm wohl um und um,Den Turm wollt’ sie aufschließen:Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär’,Keine Stunde tät’ mich verdrießen!“Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die Ketten an ihren Armen und Beinen.„Ei, dürft’ ich scharfe Messer tragen,Wie unsers Herrn sein’ Knechte,Ich tät’ mit dem Herrn vom Falkenstein,Um meinen Herzliebsten fechten!“„Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?“ tönte es wild durcheinander. „Anneke, Anneke, Anneke Mey,“ rief die Stimme Christoph von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in den Armen: „Hier, hier halt’ ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?“„O Anneke! Anneke!“ rief Christoph von Denow.„Vivat Anneke, Anneke Mey!“ riefen alle andern Gefangenen. „Das ist ein wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!“Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin damit zu nähren.„So hast du uns nicht verlassen, Anneke!“ rief Christoph und hielt ihre beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen eine Träne aus den grauen Wimpern. „O, wie können wir dir je das wiedervergelten?“„Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich geh’ mit Euch!“Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer und schüttelte das greise Haupt:„Jammer, o Jammer!“Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt Jungbluth an die Tür.„Nun muß ich scheiden!“ sagte Anneke. „Gott schütze uns; wenn das Gericht angeht, steh’ ich auf Eurem Wege, Herr.“„Anneke, Gott lohn’s dir, was du an uns tust!“„Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!“ riefen die gefangenen Meuterer. „Gott segne dich, Anneke!“Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; — die Tür war hinter dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete dasselbe.Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und Harnisch aufzog.Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen, und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt zog „mit dem Gespiel“ die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her. Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.Zuerst ließ sich dernotarius publicusnieder, zur linken Hand an dem roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. — — — —„O mein Gott, hilf ihm und mir!“ stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf, als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.„Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen Schurken!“ ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.Und jetzt —„Christoph!“ durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.„O Christoph! Christoph von Denow!“Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen, welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm entgegenstreckte; — ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten.„Hast doch recht gehabt, Anneke!“ lachte höhnisch Valentin Weisser, der Rosenecker. „Waren unsrer doch zu wenig. Puh — ’s ist am End einerlei — Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret’ dir sonst die Hacken ab!“„Vorwärts! vorwärts!“ rief der Führer der Geleitsmannschaft — vorüber schritt Christoph von Denow. —Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter Stimme:„Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich Gott am Jüngsten Tage richten soll — den Armen als den Reichen. Will hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!“Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit, dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und Stabes, daß „keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden. Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön eines rheinischen Gülden in Gold“.„Derhalben,“ fuhr er fort, „wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch ist. — Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?“Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: „Herr Schultheiß, ich habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt zitieret!“Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich zusammengeschlossen. —
Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne, bis der Klang ausgezittert hatte.
„So geh zu ihm!“ flüsterte Arendt Jungbluth. „Um drei Uhr ist meine Wacht zu Ende, dann klopf’ ich und du kommst heraus. Nun gehab dich wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.“
„Dank Euch, dank Euch!“ flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.
Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt und schliefen so. — Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt des Mädchens bemerkt.
Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen sie suchte?
Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
„Sie ging den Turm wohl um und um:Feinslieb bist du darinnen?Und wenn ich dich nicht sehen kann,So komm’ ich von meinen Sinnen.Sie ging den Turm wohl um und um,Den Turm wollt’ sie aufschließen:Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär’,Keine Stunde tät’ mich verdrießen!“
„Sie ging den Turm wohl um und um:Feinslieb bist du darinnen?Und wenn ich dich nicht sehen kann,So komm’ ich von meinen Sinnen.
Sie ging den Turm wohl um und um,Den Turm wollt’ sie aufschließen:Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär’,Keine Stunde tät’ mich verdrießen!“
Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die Ketten an ihren Armen und Beinen.
„Ei, dürft’ ich scharfe Messer tragen,Wie unsers Herrn sein’ Knechte,Ich tät’ mit dem Herrn vom Falkenstein,Um meinen Herzliebsten fechten!“
„Ei, dürft’ ich scharfe Messer tragen,Wie unsers Herrn sein’ Knechte,Ich tät’ mit dem Herrn vom Falkenstein,Um meinen Herzliebsten fechten!“
„Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?“ tönte es wild durcheinander. „Anneke, Anneke, Anneke Mey,“ rief die Stimme Christoph von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in den Armen: „Hier, hier halt’ ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?“
„O Anneke! Anneke!“ rief Christoph von Denow.
„Vivat Anneke, Anneke Mey!“ riefen alle andern Gefangenen. „Das ist ein wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!“
Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin damit zu nähren.
„So hast du uns nicht verlassen, Anneke!“ rief Christoph und hielt ihre beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen eine Träne aus den grauen Wimpern. „O, wie können wir dir je das wiedervergelten?“
„Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich geh’ mit Euch!“
Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer und schüttelte das greise Haupt:
„Jammer, o Jammer!“
Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt Jungbluth an die Tür.
„Nun muß ich scheiden!“ sagte Anneke. „Gott schütze uns; wenn das Gericht angeht, steh’ ich auf Eurem Wege, Herr.“
„Anneke, Gott lohn’s dir, was du an uns tust!“
„Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!“ riefen die gefangenen Meuterer. „Gott segne dich, Anneke!“
Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; — die Tür war hinter dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete dasselbe.
Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und Harnisch aufzog.
Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen, und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.
Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt zog „mit dem Gespiel“ die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.
Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her. Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.
Zuerst ließ sich dernotarius publicusnieder, zur linken Hand an dem roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. — — — —
„O mein Gott, hilf ihm und mir!“ stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf, als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.
„Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen Schurken!“ ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.
Und jetzt —
„Christoph!“ durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.
Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.
„O Christoph! Christoph von Denow!“
Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen, welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm entgegenstreckte; — ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten.
„Hast doch recht gehabt, Anneke!“ lachte höhnisch Valentin Weisser, der Rosenecker. „Waren unsrer doch zu wenig. Puh — ’s ist am End einerlei — Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret’ dir sonst die Hacken ab!“
„Vorwärts! vorwärts!“ rief der Führer der Geleitsmannschaft — vorüber schritt Christoph von Denow. —
Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter Stimme:
„Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich Gott am Jüngsten Tage richten soll — den Armen als den Reichen. Will hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!“
Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit, dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und Stabes, daß „keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden. Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön eines rheinischen Gülden in Gold“.
„Derhalben,“ fuhr er fort, „wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch ist. — Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?“
Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: „Herr Schultheiß, ich habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt zitieret!“
Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich zusammengeschlossen. —
VI.Liege still, Kind,“ sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth. „Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee. Es geht noch nicht an.“Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen, die zur Ablösung herausrief.„Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,“ sagte Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.„Der letzte Tag!“ murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.„Hui, der Wind — Teufel!“ brummte Arendt, als die Söldner wieder zurücktraten in die Wachtstube. „Schläft sie wieder? — Richtig! ach, ich wollt’, sie verschlief’ es ganz. Ruhig, Kerle — haltet eure Mäuler! Donner — ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt’, sie verschlief’ die böse Stund.“Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie der Tag zunahm.Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten Gesicht ihres Schutzengels um.„Gottlob, gottlob, sie verschläft’s!“ murmelte Arendt Jungbluth, sich über das Lager der Armen beugend.Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf den Richtplatz.„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!“ sprach er bei jeder weißen Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.Und jetzt — jetzt der letzte Spruch!„Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten, produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu Recht erkannt, daß —Christoph von Denownicht gebührt hat, sich für einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen, noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!“Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!“Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: „Gnade, Gnade! Gnade ist besser denn Recht!“Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße Gestöber wirbelnd herabfuhr:„Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!“In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die Gefangenen — wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.„Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren! verloren!“Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug „fürsichtiglich und sorgsamlich“ die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, „daß sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen“. — Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen „Urfried“ das Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder einverleibt. — Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner, genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.
Liege still, Kind,“ sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth. „Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee. Es geht noch nicht an.“
Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen, die zur Ablösung herausrief.
„Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,“ sagte Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.
„Der letzte Tag!“ murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.
„Hui, der Wind — Teufel!“ brummte Arendt, als die Söldner wieder zurücktraten in die Wachtstube. „Schläft sie wieder? — Richtig! ach, ich wollt’, sie verschlief’ es ganz. Ruhig, Kerle — haltet eure Mäuler! Donner — ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt’, sie verschlief’ die böse Stund.“
Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie der Tag zunahm.
Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten Gesicht ihres Schutzengels um.
„Gottlob, gottlob, sie verschläft’s!“ murmelte Arendt Jungbluth, sich über das Lager der Armen beugend.
Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf den Richtplatz.
„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!“ sprach er bei jeder weißen Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.
Und jetzt — jetzt der letzte Spruch!
„Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten, produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu Recht erkannt, daß —Christoph von Denownicht gebührt hat, sich für einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen, noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!“
Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.
„Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!“
Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: „Gnade, Gnade! Gnade ist besser denn Recht!“
Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße Gestöber wirbelnd herabfuhr:
„Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!“
In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die Gefangenen — wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.
„Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren! verloren!“
Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug „fürsichtiglich und sorgsamlich“ die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, „daß sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen“. — Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen „Urfried“ das Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder einverleibt. — Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner, genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.
VII.Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt; mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang vieler Menschenstimmen:Allein zu dir, Herr Jesu Christ,Mein Hoffnung steht auf Erden. —Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die Fesseln abgenommen hatte.Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten Lukas wurde gelesen:„Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! — Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt! — Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! — und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!“ —Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der Verurteilten: „Das helfe uns der allmächtige Gott!“ und hoben die kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?Christoph von Denow war zum Sterben bereit. —„Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!“ stöhnte in seinem Winkel Erdwin, der Knecht. „Herr, schenke du ihm einen adeligen Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!“„Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen, wenn er mich nicht hören will!“ sagte Anneke Mey tonlos.Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und teilte sie in die zwei Punkte:Erstlich, wie sich der „heilige“ Schächer am Kreuz in einer letzten Not gehalten.Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe.Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die Häupter tiefer und tiefer.„— Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret, daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich. Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.“ —„Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!“ murmelte Erdwin, der Knecht.„So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen Geistes, daß ihr euer’ Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende verharret, euer’ Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!“Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; — unter den Klängen des alten traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist — wurde den Verurteilten das Abendmahl gereicht.Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich grell und schneidend ein anderer Klang — der Schall des Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing. Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu. Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu bändigen.Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen, deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph von Denow.Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise zueinander.„Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!“ sagte der Alte.„Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; — ’s ist auch besser so! O schütze sie — halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und verlaß sie nie und nimmer — ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn ich zu ihr komm’.“„O Junker, Junker, und Euer Vater“ —„Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.“„Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!“ sagte dumpf der Alte.„Schau, es geht an — da hast du den Ring — mein Schwert liegt versenkt im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! — Ihr sag — o Anneke! Anneke!“ Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu sprechen.Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. — — Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. —„Christoph von Denow!“ rief nun der Profoß mit lauter Stimme.Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.„Lebe wohl! lebe wohl!“ flüsterte der erste — „vergiß nicht!“ —„So gnade Gott mir und Euch!“ schrie der Knecht Wüstemann und strich die langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand am Fuße der Leiter!Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste Staffel: „O Anneke, süße Anneke!“Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück — seine Augen schweiften über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. —„O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du mich verlassen?!“Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech, auf welchem die Worte standen „Meutmacher und Meineidiger“ und wollte es dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.„Lebe wohl, süße Anneke Mey!“ flüsterte Christoph von Denow; er schlug die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die Leiter nieder, zur Erde. —Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte — „Gnade Gott mir und dir!“„Dank, Erdwin — hast — Wort gehalten!“ sprach Christoph von Denow. Er schwankte — breitete die Arme aus: „Lebe — wohl — süße — Anneke!“ Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee.Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich — die Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: „Haltet, haltet!“Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmächtiges, todtbleiches Mädchen. —„Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurückzuführen ins Gewahrsam!“Anneke Mey leblos auf dem leblosen Körper des Erschossenen — Erdwin Wüstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths — — — Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue Reiterschar: „Der Herzog! der Herzog! — Zu spät! zu spät!“ — — — — — —In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Fürst mit seinem Gefolge; vor ihm stand barhäuptig der Profoß neben der schrecklichen Gruppe am Boden und erzählte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge Fürst ab von seinem Hengst und näherte sich dem treuen Knecht des Hauses Denow:„Weshalb hast du das getan?“Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht, sondern brach nur in ein herzzerreißendes Gelächter aus.Der Herzog legte die Hand an die Stirn; — dann wandte er sich:„Hebt doch das Kind von der Leiche!“Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mühe:„O gnädiger Gott, tot, tot, fürstliche Gnaden!“Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Fürst schritt finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt:„Bei meinen Vätern, ich glaub’, da ist ein bös Ding getan! leget die Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrläufe — es ist Unsere Meinung und Wille, daß das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen, selbsten im Ring zu sitzen!“Während dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wüstemann langsam aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Füßen. Der Herzog bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter:„Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir nun auch im Ring, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn’s sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, daß Ihr die dort gen Ungarn führet als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer! Höret Ihr, Hauptmann Erdwin Wüstemann?! Nun hebet die Leichen und rühret die Trommeln — fort! fort!“Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran, dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts davon — dunkel war es in ihm und um ihn! —So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!
Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt; mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.
Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang vieler Menschenstimmen:
Allein zu dir, Herr Jesu Christ,Mein Hoffnung steht auf Erden. —
Allein zu dir, Herr Jesu Christ,Mein Hoffnung steht auf Erden. —
Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die Fesseln abgenommen hatte.
Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten Lukas wurde gelesen:
„Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! — Da antwortete der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt! — Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! — und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!“ —
Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der Verurteilten: „Das helfe uns der allmächtige Gott!“ und hoben die kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?
Christoph von Denow war zum Sterben bereit. —
„Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!“ stöhnte in seinem Winkel Erdwin, der Knecht. „Herr, schenke du ihm einen adeligen Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!“
„Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen, wenn er mich nicht hören will!“ sagte Anneke Mey tonlos.
Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und teilte sie in die zwei Punkte:
Erstlich, wie sich der „heilige“ Schächer am Kreuz in einer letzten Not gehalten.
Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe.
Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die Häupter tiefer und tiefer.
„— Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret, daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich. Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.“ —
„Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!“ murmelte Erdwin, der Knecht.
„So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen Geistes, daß ihr euer’ Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende verharret, euer’ Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!“
Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; — unter den Klängen des alten traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist — wurde den Verurteilten das Abendmahl gereicht.
Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich grell und schneidend ein anderer Klang — der Schall des Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!
Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing. Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu. Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu bändigen.
Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen, deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph von Denow.
Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise zueinander.
„Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!“ sagte der Alte.
„Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; — ’s ist auch besser so! O schütze sie — halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und verlaß sie nie und nimmer — ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn ich zu ihr komm’.“
„O Junker, Junker, und Euer Vater“ —
„Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.“
„Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!“ sagte dumpf der Alte.
„Schau, es geht an — da hast du den Ring — mein Schwert liegt versenkt im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! — Ihr sag — o Anneke! Anneke!“ Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu sprechen.
Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. — — Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. —
„Christoph von Denow!“ rief nun der Profoß mit lauter Stimme.
Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.
„Lebe wohl! lebe wohl!“ flüsterte der erste — „vergiß nicht!“ —
„So gnade Gott mir und Euch!“ schrie der Knecht Wüstemann und strich die langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand am Fuße der Leiter!
Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste Staffel: „O Anneke, süße Anneke!“
Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück — seine Augen schweiften über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. —
„O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du mich verlassen?!“
Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech, auf welchem die Worte standen „Meutmacher und Meineidiger“ und wollte es dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.
„Lebe wohl, süße Anneke Mey!“ flüsterte Christoph von Denow; er schlug die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die Leiter nieder, zur Erde. —
Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte — „Gnade Gott mir und dir!“
„Dank, Erdwin — hast — Wort gehalten!“ sprach Christoph von Denow. Er schwankte — breitete die Arme aus: „Lebe — wohl — süße — Anneke!“ Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee.
Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich — die Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.
Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: „Haltet, haltet!“
Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmächtiges, todtbleiches Mädchen. —
„Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurückzuführen ins Gewahrsam!“
Anneke Mey leblos auf dem leblosen Körper des Erschossenen — Erdwin Wüstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths — — — Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue Reiterschar: „Der Herzog! der Herzog! — Zu spät! zu spät!“ — — — — — —
In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Fürst mit seinem Gefolge; vor ihm stand barhäuptig der Profoß neben der schrecklichen Gruppe am Boden und erzählte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge Fürst ab von seinem Hengst und näherte sich dem treuen Knecht des Hauses Denow:
„Weshalb hast du das getan?“
Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht, sondern brach nur in ein herzzerreißendes Gelächter aus.
Der Herzog legte die Hand an die Stirn; — dann wandte er sich:
„Hebt doch das Kind von der Leiche!“
Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mühe:
„O gnädiger Gott, tot, tot, fürstliche Gnaden!“
Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Fürst schritt finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt:
„Bei meinen Vätern, ich glaub’, da ist ein bös Ding getan! leget die Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrläufe — es ist Unsere Meinung und Wille, daß das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen, selbsten im Ring zu sitzen!“
Während dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wüstemann langsam aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Füßen. Der Herzog bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter:
„Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir nun auch im Ring, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn’s sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, daß Ihr die dort gen Ungarn führet als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer! Höret Ihr, Hauptmann Erdwin Wüstemann?! Nun hebet die Leichen und rühret die Trommeln — fort! fort!“
Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran, dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts davon — dunkel war es in ihm und um ihn! —
So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!
Ein GeheimnisLebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV.I.In der Gasse Quincampoix.Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen, selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens — wenn sie ihr leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große Dichter werden, — der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen, Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!So sage ich denn reu- und wehmütigconfiteor, confiteor; — mea culpa, mea culpa!so beginne ich denn meine —wahre Geschichte.Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692. Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte, greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; — es war, als wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? — O wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die erste der Welt hielt.Vier Uhr schlug’s, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig, in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine Mahlzeit zu wenden.Stefano Vinacchehieß dieser junge Mann; ein Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; — andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, — kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. —Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; — was sollte er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? „O Neapel, Neapel!“ seufzte Stefano Vinacche.Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der soeben mehrere Male darin vorgekommen war.Immer gespannter horchte Vinacche.Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder Bankerott gemacht?War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon etwas zu Gefallen tun konnte?Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von Chaulnes.„Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein? Oho, Glück geht immer über Verstand, —va’ piu un’ oncia di fortuna, che una libra di sapere. Achtung, Achtung, Vinacche!“Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht aufgerissen wurde und Mademoiselle —éploréein das Schenkzimmer stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten Strick in der Hand:„Warte, Kreatur!“Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.„Monsieur?!“„Monsieur!“„Laßt mich frei! was fällt Euch ein?“„Ich leid’s nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; — tretet hinter mich, Mademoiselle!“„Margot, Margot!“ rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.„Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn Ihr ihn freilaßt!“ rief Mademoiselle Bullot.„Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also behandeln?“„Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?“„In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!“„Morbleu!“ schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte.Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und Italiener riefen mit einer Stimme:„Monseigneur!“Der Eingetretene war Karl d’Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den „großen Herrn“ nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein deutscher Schriftsteller sagte: „Er erwartet den Tod mitten in seinen Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr abgenutzten Gehirne.“„Holla, das geht ja lustig her!“ rief der Herzog. „Notre Dame de Miracle, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen —“Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen Herrn zu und — warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle speiend:„Monseigneur, ich halt’s nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.“„Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen, glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; —notre Dame de Miracle, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle, wie es sich ziemt, oder —“„O Monseigneur!“ flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des großen Louis nur aussehen konnte. „O Monseigneur, ich versichere Euch,siehat’s darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen Seite; aber ich — o Monseigneur!“ —„Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! — beruhige dich, Kind —“„Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.“„Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?“Ja, was war vorgefallen?Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; —notre Dame de Miracle, es war zu ärgerlich!„Etienne,“ sagte der Herzog zu Vinacche, „Etienne, ich bin dieses Lärms müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude, ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure rotgeweinten Augen betrüben mich sehr — gute Nacht, Mademoiselle — dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren — kommt, Etienne Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu sagen; ich habe eine Idee!“Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen, ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner „Idee“ die Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel — ein gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie, welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in Empfang.Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß der Lakai den Wagenschlag auf.„Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,“ sagte der Herzog und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.„Achtung, Stefano, jetzt mag’s in deinen Topf regnen!“ murmelte der schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in Bewegung.
Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen, selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens — wenn sie ihr leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große Dichter werden, — der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen, Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!
So sage ich denn reu- und wehmütigconfiteor, confiteor; — mea culpa, mea culpa!so beginne ich denn meine —wahre Geschichte.
Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692. Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte, greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; — es war, als wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? — O wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die erste der Welt hielt.
Vier Uhr schlug’s, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig, in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine Mahlzeit zu wenden.Stefano Vinacchehieß dieser junge Mann; ein Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; — andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, — kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. —
Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; — was sollte er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? „O Neapel, Neapel!“ seufzte Stefano Vinacche.
Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.
Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der soeben mehrere Male darin vorgekommen war.
Immer gespannter horchte Vinacche.
Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder Bankerott gemacht?
War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon etwas zu Gefallen tun konnte?
Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von Chaulnes.
„Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein? Oho, Glück geht immer über Verstand, —va’ piu un’ oncia di fortuna, che una libra di sapere. Achtung, Achtung, Vinacche!“
Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht aufgerissen wurde und Mademoiselle —éploréein das Schenkzimmer stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten Strick in der Hand:
„Warte, Kreatur!“
Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.
„Monsieur?!“
„Monsieur!“
„Laßt mich frei! was fällt Euch ein?“
„Ich leid’s nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; — tretet hinter mich, Mademoiselle!“
„Margot, Margot!“ rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.
Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.
„Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn Ihr ihn freilaßt!“ rief Mademoiselle Bullot.
„Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also behandeln?“
„Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?“
„In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!“
„Morbleu!“ schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte.
Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und Italiener riefen mit einer Stimme:
„Monseigneur!“
Der Eingetretene war Karl d’Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den „großen Herrn“ nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein deutscher Schriftsteller sagte: „Er erwartet den Tod mitten in seinen Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr abgenutzten Gehirne.“
„Holla, das geht ja lustig her!“ rief der Herzog. „Notre Dame de Miracle, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen —“
Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen Herrn zu und — warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle speiend:
„Monseigneur, ich halt’s nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.“
„Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen, glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; —notre Dame de Miracle, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle, wie es sich ziemt, oder —“
„O Monseigneur!“ flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des großen Louis nur aussehen konnte. „O Monseigneur, ich versichere Euch,siehat’s darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen Seite; aber ich — o Monseigneur!“ —
„Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! — beruhige dich, Kind —“
„Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.“
„Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?“
Ja, was war vorgefallen?
Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; —notre Dame de Miracle, es war zu ärgerlich!
„Etienne,“ sagte der Herzog zu Vinacche, „Etienne, ich bin dieses Lärms müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude, ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure rotgeweinten Augen betrüben mich sehr — gute Nacht, Mademoiselle — dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren — kommt, Etienne Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu sagen; ich habe eine Idee!“
Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen, ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner „Idee“ die Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel — ein gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie, welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in Empfang.
Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß der Lakai den Wagenschlag auf.
„Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,“ sagte der Herzog und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.
„Achtung, Stefano, jetzt mag’s in deinen Topf regnen!“ murmelte der schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in Bewegung.