11.

Als um die Mittagsstunde vom Münsterturm der Hall der Glocken über Berg und Tal schwebte, hatte Gittli schon die Almen erreicht. Ihre Kräfte waren fast erschöpft, und doch lag vor ihr noch ein weiter, weiter Weg. Über das offene Almfeld, von dem sie den Kreuzwald schon erblicken konnte, eilte sie noch in vollem Lauf hinweg. Doch als sie einen steilen, brüchigen Hang erreichte, auf dem die Regenstürze des Frühjahrs jede Spur eines Pfades vertilgt hatten, ging ihr der Atem aus, und die Glieder versagten.Zu Tod erschöpft sank sie auf einen Rasenfleck; schluchzen konnte sie nicht, nur stöhnen. Mit der Brust auf der Erde liegend, drückte sie das glühende Gesicht in das kühle Gras und krampfte die Hände in den Grund. Sie meinte zu sterben, zu ersticken. Und dennoch fühlte sie nicht die eigenen Schmerzen, sie dachte nicht an sich selbst, immer nur an ihn! Jetzt lag sie hier, ein Häuflein Elend und Schwäche — und er lag hilflos dort oben, verblutend, sterbend. Sie richtete sich halb empor und schrie mit gellender Stimme in die lautlose Stille der Berge: „Hoidoooh! Leut! Leut!“

Niemand gab Antwort; nur das Echo ihrer Stimme klang hohl zurück von Wald und Wänden.

Weshalb nur hatte sie zu seiner Hilfe die Leute nicht gerufen, wo Leute waren? Drunten im Tal, im Dorf? Hatte sie an den Schwur gedacht, bei dem sie die Hand auf das erkaltete Herz des Kindes gelegt? „Ach Gott, das Kindl, das Kindl!“ Nun konnte sie wieder schluchzen. Oder hatte sie gemeint, daß sie allein ihm helfen, allein ihn retten und heilen könnte, wie durch ein Wunder? Nein, nein! An gar nichts hatte sie gedacht, weder an das eine, noch an das andere — sie war gerannt und gerannt, blind und taub, ohne zu denken, ganz von Sinnen. Und jetzt lag sie hier, so weit von ihm, noch weiter vonden Menschen im Tal. Und wenn er verbluten mußte, verschmachten in Schmerzen und Not, dann war es ihre Schuld, nur ihre Schuld allein!

Sie mußte zu ihm, sie mußte, mußte, und wenn ihr die Füße brechen und alle Glieder vom Leibe fallen sollten. „Haymo! Haymoli! Schau, ich komm schon!“ Mühsam raffte sie sich auf, keuchend überwand sie den steilen Hang. Droben im dunklen Hochwald, der sie umfing, lehnte sie sich für kurze Weile an einen Baum, bis sie Atem fand, dann wankte sie weiter. Die sachte Neigung des Waldes und ein ausgetretener Pfad erleichterten ihr den Weg.

Plötzlich blieb sie lauschend stehen; hinter einer Biegung des Steiges hörte sie Steine kollern, hörte tappende Schritte, als käme, schwer auftretend, einer mit nackten Füßen gegangen. Heiß fuhr ihr die Freude zum Herzen. Das war Hilfe, die ihr der liebe Herrgott sandte! Sie wollte rufen, aber der Laut erstarb ihr in der Kehle.

Um die Biegung des Pfades kam ein Bär getrottet, die Nase des dicken Kopfes spürend zur Erde gesenkt. Ohne recht zu wissen, was sie tat, raffte Gittli einen Stein auf und hob den Arm zum Wurfe; doch als der Bär verhoffend den Kopf aufrichtete, machte der Schreck sie erstarren. Sie rührte wohl die Lippen; aber nicht in Worten, nur in Gedankensprach sie den Bärensegen:

„Großvater Zottefell,Süßfuß, Waldgesell,Rühr mich nit an,Birg deinen Zahn,Hüt deine Tatz,Weiche vom Platz,Krumm, krumm,Um mich herum!“

„Großvater Zottefell,Süßfuß, Waldgesell,Rühr mich nit an,Birg deinen Zahn,Hüt deine Tatz,Weiche vom Platz,Krumm, krumm,Um mich herum!“

„Großvater Zottefell,Süßfuß, Waldgesell,Rühr mich nit an,Birg deinen Zahn,Hüt deine Tatz,Weiche vom Platz,Krumm, krumm,Um mich herum!“

„Großvater Zottefell,

Süßfuß, Waldgesell,

Rühr mich nit an,

Birg deinen Zahn,

Hüt deine Tatz,

Weiche vom Platz,

Krumm, krumm,

Um mich herum!“

Regungslos standen der Bär und das Mädchen sich gegenüber; Gittli mit erhobenem Arm, vom Entsetzen fast versteinert, der Bär betroffen, beinahe selbst erschrocken über die unerwartete Erscheinung. Eine Weile betrachtete er mit schiefgehaltenem Kopf das Mädchen, dann schüttelte er den Pelz, wandte sich seitwärts in den Wald und trollte zwischen den Bäumen davon. Der Stein fiel aus Gittlis Hand, der Bann ihrer Glieder löste sich, und von peinigender Furcht getrieben, stürzte sie davon. Doch nicht für ihr eigenes Leben fürchtete sie. Das Abenteuer war gefahrlos überstanden. Aber der Bär war von dort gekommen, wohin ihr Weg ging! Die Angst stellte ihr ein Bild vor die Seele, das sie schaudern machte bis ins innerste Mark. Sie rannte und rannte; alle Erschöpfung war von ihr gewichen. Entsetzen, Jammer und Sorge hatten ihre erlöschenden Kräfte neu belebt.

Jetzt erreichte sie das offene Steintal und sahauf der Höhe schon das Kreuz in die Lüfte ragen, umflimmert vom Schein der Sonne.

Nun stieg sie über den letzten Hang empor. Immer wieder mußte sie stehen bleiben. Nicht die Ermüdung, sondern die herzbrechende Angst vor dem Anblick, der ihrer wartete, benahm ihr den Atem und fesselte ihre Glieder. Alle Pein, die sie erfüllte, sprach aus dem trostlosen Blick ihrer Augen.

Wankend erreichte sie die Höhe. „Haymo, Haymo!“ Der Platz vor dem Kreuze war leer. Nur eine halb vertrocknete Blutlache bezeichnete die Stelle, an der die Tat geschehen war. Und versprengtes Blut klebte auch an dem Kreuz und seinem Bilde. „Du! Du bist dabei gewesen und hast es geschehen lassen.“ Dann wieder schrie sie: „Haymo! Haymo!“ Keine Antwort kam. Da gewahrte Gittli, daß eine blutige Fährte auf dem Pfad hinwegführte gegen die Jagdhütte. Ein Schimmer freudiger Hoffnung erwachte in ihr: Haymo mußte leben, er hatte noch die Kraft besessen, sich aufzurichten, sich heimzuschleppen. Immer wieder den Namen des Jägers rufend, folgte sie der Spur, die er gezeichnet mit seinem Blut. Und jeder neue Tropfen, den sie fand und der sie leitete, war ihr ein neuer brennender Schmerz.

Immer näher kam sie der Hütte, und immer wollte ihr jammernder Ruf noch keine Antwort finden.An der Hütte, die sie mit einem Steinwurf schon hätte erreichen können, sah sie die Tür geschlossen. Diese Wahrnehmung jagte ihr neue Angst in die Seele.

Jetzt lenkte der Pfad aus den dichten Büschen der Krüppelföhren auf eine Rodung — und da lag er vor ihr, mitten auf dem Steige, leblos, mit Blut besudelt, das Haupt versunken in welkem Krautwerk, mit seitwärts geschlagenen Armen, deren Finger noch den Bergstock und die Armbrust umklammert hielten.

„Haymo! Haymoli!“ rang es sich in Schmerz und doch in Freude von ihren Lippen, während sie niederstürzte an seiner Seite. Sie faßte seine Hände, rüttelte seine Arme, hob sein Haupt empor. Kein Zeichen des Lebens rührte sich in seinen Zügen, kein fühlbarer Hauch entströmte seinem halb geöffneten Mund, fahle Blässe lag auf den eingefallenen Wangen, und bläulich schimmerten die Lippen und die geschlossenen Lider. Dennoch erlosch die Hoffnung nicht in ihrem Herzen; sie konnte das Schlimmste nicht fürchten, an seinen Tod nicht glauben — das Undenkbare denkt man nicht — und sie hielt ihn in ihren Armen, fühlte die Wärme seines Körpers! Und zum Jammer blieb ihr keine Zeit, sie mußte helfen, helfen, helfen!

In einer tiefen Felsschrunde gewahrte sie einenKlumpen Schnee; sie sprang hinüber, warf sich auf die Erde, griff mit beiden Armen hinunter und faßte, was ihre Hände fassen konnten. Mit dem Schnee begann sie Haymos Gesicht zu reiben; wohl färbte eine matte Röte seine Wangen, aber das schlummernde Leben wollte nicht erwachen. Was tun? Was tun? Da schoß ihr die Erinnerung an jenen Spruch durch die Sinne:

„Zwei Tropfen machen rot —“

„Zwei Tropfen machen rot —“

„Zwei Tropfen machen rot —“

„Zwei Tropfen machen rot —“

Eine Nieswurz! Mit brennenden Augen spähte sie umher. Auf hundert Schritte fast, einem hohen Fels zu Füßen, meinte sie eine Staude zu erkennen; sie rannte hin und hatte sich nicht getäuscht: rings um das Stöckl hingen noch die verblühten Schneerosen an den welken Stengeln. Mit den Fingern grub sie die Wurzel aus der Erde, und während sie zurücklief, säuberte sie Wurzel und Hände an ihrem Rock.

Nun lag sie wieder neben Haymo auf den Knien, brach die Wurzel in zwei Stücke, hielt sie über seine Lippen und drückte und preßte, bis aus dem Mark der Wurzelstücke zwei große Tropfen auf Haymos Lippen fielen. Mit heißpochendem Herzen wartete sie, keinen Blick von seinem Munde verwendend. Aber seine Lippen wollten sich nicht rühren, und nicht die leiseste Bewegung zeigte sich an seiner Kehle.

Sie rüttelte seine Schultern und schluchzte dicht an seinem Ohr: „Haymo, so tu doch schlucken, ich bitt dich um Tausendgottswillen, tu doch schlucken!“ Dann wieder wartete sie — vergebens. „O Gottele, Gott, was tu ich denn?“

Sie faßte einen Ballen Schnee, brachte ihn durch die Wärme ihrer Hände zum Schmelzen und ließ das Wasser über Haymos Lippen träufeln. Seine Mundhöhle füllte sich, ein Zucken lief über seinen Körper, ein heftig stoßender Atemzug, ein Gurgeln und Röcheln, dann wieder lag er still; seine Lippen bewegten sich; er hatte geschluckt, und gleichmäßig strömte sein Atem.

Schluchzend und lachend in Freude, schlang Gittli die Hände um sein Gesicht und hob es an ihre Brust. Sie spürte an dem Hauch seiner Lippen, wie sein Atem sich kräftigte, sie sah, wie seinen Wangen, wenn auch nur matt, die Farbe des Lebens wiederkehrte. Seine Arme bewegten sich, er rührte den Kopf, langsam öffneten sich seine Augen und lange, lange sah er das Mädchen an mit verlorenem Blick. „Kennst du mich, Haymo, kennst du mich?“ stammelte sie und beugte den Kopf zurück, damit ihm nicht ihre rinnenden Tränen in das Gesicht fielen. „Kennst du mich? Schau, ich bin’s doch, die Gittli!“ Nun erkannte er sie. Ein tiefer Atemzug hob seine Brust,seine Augen schimmerten, und ein Lächeln huschte um seinen Mund. Er wollte sprechen, aber seine Zunge konnte nur lallen.

„Tu dich nit plagen, mußt nit reden!“ stammelte sie, während sie den Arm unter seinen Nacken legte, um ihn aufzurichten. „Komm, tu dich anhalten an mir, so! Halt nur recht fest! Schau, es geht schon, es geht!“ Ihr ganzer Körper schwankte unter dem Gewicht, mit dem der Entkräftete an ihrem Halse hing. Dennoch brachte sie ihn auf die Füße. „So, und jetzt mach ein Schrittl! Und jetzt noch eines! So, so!“ Er wandte halb den Kopf und tastete mit dem freien Arm gegen die Erde. Sie verstand ihn: er wollte sich von seiner Waffe nicht trennen, sie war ein Stück seines Lebens; als er vor dem Kreuz aus tiefer Ohnmacht erwachte, hatte sein erster Blick der Armbrust gegolten, und bevor er sich von der Stelle schleppte, hatte er das Weidmesser, noch rot und naß von seinem eigenen Blut, in der Scheide verwahrt.

Gittli ließ ihn halb in die Knie sinken, und es gelang ihr, die Armbrust zu erfassen. „Schau, Haymo, schau, ich hab sie schon! Jetzt aber komm nur, komm! Wir müssen schauen, daß ich dich heimbring. Das Griesbeil hol ich dir später, jetzt muß ich’s liegen lassen. Schau, ich brauch meine Händ für dich!“ Siehatte das Schießzeug hinter die Schulter gehängt und umschlang den Wankenden wieder mit beiden Armen; und so schleppte sie ihn vorwärts, Schritt um Schritt, jeden Fußbreit Weges, den er mit taumelnden Knien gewann, als ein heiß erkämpftes Gut begrüßend, jeden zitternden Ruck seiner Füße mit zärtlichen Worten preisend wie eine Heldentat. Einmal zuckte er stöhnend zusammen.

„Haymo!“ flog es in Angst von ihren Lippen.

Der heiße Klang seines Namens schien ihm neue Kraft zu geben; er ballte die Fäuste, wie um den Schmerz zu bezwingen, hob das Gesicht zu ihr und schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: „Es tut nit weh!“

Wieder ging es weiter, Schritt um Schritt. Endlich erreichten sie die Hütte; nur mühsam gelang es dem Mädchen, Haymo zum Lager zu bringen; sie ließ ihn auf das Wolfsfell sinken und schob das Polster unter seinen Kopf. Dann wankte sie selbst vor Erschöpfung, ein Schwindel befiel sie, und schwer atmend, zitternd an Händen und Knien, saß sie eine Weile mit taumelnden Sinnen auf der Bank. Als sie sich erholte, gewahrte sie, daß Haymo das Bewußtsein wieder verloren hatte. Sie stürzte zu ihm; als sie den ruhigen Gang seines Atems spürte und den matten, aber gleichmäßigen Schlag seines Herzens,da war sie wieder getröstet. Sie richtete sich auf und nahm ihren Kopf zwischen die Hände: was mußte, was konnte sie tun? Hier in dieser Öde, auf sich allein gestellt? Sie jammerte und klagte nimmer. Erst dachte sie, und dann ging sie ans Werk, in fliegender Hast und dennoch ruhig und besonnen. Wohl faßte und ermaß sie nicht ganz die Schwere des Ernstes, der auf ihre jungen Schultern gelegt war. Doch aus dem Kinde war ein Weib geworden, das wohl die jäh erwachte Sprache seines Herzens noch nicht hörte und verstand, ihrem zwingenden Geheiß aber unbewußt gehorchte, wie das in Lüften treibende Blatt der Gewalt des Sturmes. Tapfer und siegesfreudig kämpfte sie für den todwunden, hilflosen Mann, ohne zu wissen, daß sie rang um das köstlichste Gut ihres Daseins, um das Leben des Geliebten.

Was Gittli empfand, verhüllte sich vor ihr in dem kindlichen Gedanken: daß sie mit Leib und Seele diesem Manne dienen und an ihm sühnen müsse, was die mörderische Hand ihres Bruders verschuldet hatte.

Bei der Armut des Lebens, das sie unter dem Dach des Sudmanns geführt, hatte Gittli von Kind auf gelernt, manchem Übel mit eigener Hand zu wehren, ohne fremde Hilfe. Das kam ihr nun zustatten. Bei einer Musterung der Stube fand sie das Nötigste: Feuerstein und Zunder, gesalzenesFleisch, das eine kräftige Suppe gab, Hirschtalg zur Bereitung einer Wundsalbe und Leinen zum Verband; mit dem letzteren war es wohl spärlich bestellt; aber da war gleich geholfen; sie riß sich die weißen, bauschigen Ärmel ihres Hemdes von den Schultern.

Rasch und sicher ging ihr alles, was sie tat, von den kleinen, flinken Händen. Und bei allem, was sie begann, flog immer wieder ein Blick hinüber zu dem stillen Mann. Durch Tür und Fenster leuchtete die Sonne, und würzig strömte die Frühlingsluft der Berge in den kleinen Raum, in dem das Schicksal zweier Menschen auf der Wage schwebte.

Gittli hatte Feuer gemacht und das sorgsam ausgewaschene Fleisch zum Sieden gesetzt. Nun eilte sie ins Freie, um eine frische Nieswurz auszugraben und Harz von den Fichten zu sammeln, die um die Hütte standen. Am Feuer läuterte sie einen Teil des Harzes, vermischte es mit geronnenem Hirschtalg und stellte die fertige Salbe an einen schattigen Ort, damit sie verkühle. Im Fleischtopf brodelte schon die werdende Suppe. Ach, wenn es doch Sommer wäre, dachte Gittli; sie kannte alle heilsamen und kräftigen Bergkräuter; welch eine würzige Suppe hätte sie bereiten können! Aber noch sproßte auf den Berghalden kein Kraut und blühte keine Blume. Ein Glück nur, meinte sie, daß der liebe Herrgott dieSchneerosen erschaffen hatte!

Sie holte frisches Wasser und trug in einer Pfanne allen Schnee zusammen, den sie in den Felsschrunden rings um die Hütte fand. Und nun mußte geschehen, was ihr am schwersten wurde; mit zitternden Händen, scheu und beklommen, begann sie das Werk. In der Tischlade hatte sie ein Messer gefunden. Mit ihm trennte sie auf der Seite, auf welcher Haymo die Wunde trug, den Ärmel von seinem Wams und löste über der Schulter die Nähte bis zum Hals. Ein Zittern befiel sie, als sie die bloßgelegte Wunde erblickte, die mit blutigen Rändern klaffte wie ein Mund mit roten Lippen. Die Blutung schien gestillt, doch rings um die Wunde zog sich eine breite, brennende Schwellung.

Gittli hatte die Hände vor die Augen geschlagen; rasch fand sie wieder den in Schmerz und Pein verlorenen Mut. Sie wusch die Wunde, kühlte mit Schnee die glühende Schwellung und erneuerte immer wieder den schmelzenden Schnee, bis die Röte der Haut zu schwinden, die Schwellung sich zu senken begann. Jetzt verteilte sie die Salbe auf einen Leinwandlappen, legte ihn über die Wunde und verklebte den Rand mit Harz.

Nun war es getan! „Aaaach Gottele!“ seufzte sie aus erleichtertem Herzen, und beugte sich überHaymo. Regungslos hatte er alles mit sich geschehen lassen; seine Ohnmacht hatte sich, ohne daß er aus ihr erwachte, verwandelt in den tiefen Schlummer der Schwäche.

Um die bösen Geister von ihm zu treiben, welche Gewalt über Schlafende haben, machte sie auf seine Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes, flocht aus einem langen Heuhalm, den sie aus dem Lager zog, einen Drudenfuß und legte ihn zu Häupten des Bettes auf die Erde. Dann eilte sie zum Herd zurück. Die Suppe war kräftig und wohlschmeckend geraten; das Fleisch schnitt Gittli in kleine Stücke und zerrieb sie auf einer reinlichen Felsplatte mit einem Kieselstein zu Brei, den sie der Suppe beimengte; dann setzte sie noch einen Tropfen vom Saft der Nieswurz zu — er machte das Herz frischer schlagen und das Blut lebendiger strömen — und die Suppe war fertig.

In der einen Hand den hölzernen Löffel, in der andern den Napf mit der Suppe, setzte sie sich auf den Rand des Bettes.

„Haymo?“

Er rührte sich nicht.

Sie neigte sich zu seinem Ohr. „Haymoli!“

Da streckte er sich mit langem Atemzug und schlug die Augen auf.

Sie nickte ihm lächelnd zu. „Da schau, was ichdir gekocht hab! Oh, du, das ist gut!“ Als hätte sie ein Kind vor sich, führte sie den Löffel an ihre Lippen und tat, als ob sie koste. „Aaah! Das ist was Feines! Magst du es essen, ja?“ Er versuchte sich aufzurichten, doch kraftlos fiel ihm der Kopf zurück auf das Polster. „Aber bleib doch, tu dich nur gar nit plagen, schau, es geht schon!“ Sie rückte näher, hielt ihm den Löffel an den Mund, und während er nahm und mühsam schluckte, an ihr hängend mit feuchten Augen, redete sie mit ihm, wie sie zu hundertmalen mit ihrem kleinen, süßen Mimmidatzi geredet hatte.

Ein Kind der Sorge war ihr mit diesem Tage genommen worden, ein Kind der Sorge wieder gegeben.

Während sie ihm Löffel um Löffel reichte, merkte sie, daß auch in ihr der Hunger brannte. Seit dem vergangenen Abend hatte sie keinen Bissen genossen. Im Kasten lag ein Laib Schwarzbrot — das war gut genug für sie. Alles andere mußte sie für Haymo bewahren. Verlassen durfte sie ihn nicht, und es konnten Tage vergehen, bis ein Mensch zur Hütte kam. Drunten wußte niemand um Haymos Schicksal, außer dem einen, der auch auf der Folter nicht reden würde. Ein Schauer rann ihr durchs Herz, als sie an Wolfrat dachte und ihn wieder stehen sah miterhobenem Beil — der Bruder wider die Schwester! Sie hatte ein Empfinden, als stünde sie vor einem bodenlosen Abgrund, so breit, daß keine Brücke hinüberreichte — und drüben stünde dieser Mann. Und seltsam: es kam ihr vor, als wär’ es immer so gewesen. Als kleines Ding hatte sie ihn gefürchtet, dann war sie der Sepha von Herzen gut geworden und hatte die Kinder geliebt, als wäre sie ihnen Schwester und Mutter zugleich.

Wie ein flüchtiger Schatten zog dieser Gedanke durch ihr Herz; er wich der hellen Freude darüber, daß Haymo die Suppe genossen hatte bis auf den letzten Tropfen. Nun lag er wieder still, mit geschlossenen Augen.

Sie stellte den Napf auf den Herd zurück, schnitt sich ein Stück Schwarzbrot, trug einen hölzernen Pflock vor Haymos Lager und ließ sich darauf nieder. Nun durfte sie ruhen. Was sie zu tun vermochte, hatte sie getan. Alles übrige mußte der liebe Herrgott leisten und Haymos junge, kräftige Natur.

Während Gittli ihr Brot verzehrte, stiegen wieder die finsteren, schmerzvollen und blutigen Bilder dieses Tages vor ihr auf, von der nächtigen Stunde an, da Sephas angstvoller Ruf sie aus dem Schlummer geweckt hatte. „Ach, das Kind, das Kind!“ Solch ein liebes, süßes, unschuldiges Ding! Wiekann nur das geschehen? Gestern hielt man es noch in seinen Armen, hat es geherzt und geküßt, hat sich die Seele warm gefreut an seinem holden Leben, hat mit dem Herzen sich hineingetrunken in die blaue, lautere Tiefe seiner Augen. Und wo ist es heut? Weg, fort, irgendwo — wohin keine Arme greifen und keine Sehnsucht reicht!

„Ach, und die Seph! Mein Gott, mein Gott, die arme Seph!“

Es legte sich auf Gittlis Herz wie ein schwerer Stein; sie schlug die Hände vor das Gesicht.

Da klang die lallende Stimme Haymos an ihr Ohr: „Gittli?“

Hastig fuhr sie sich über die Augen. „Ja, Haymoli, schau, ich bin schon bei dir! Willst du was?“

Er tastete mit kraftlosen Armen nach ihr, und als sie seine Hand mit beiden Händen umschloß, lallte er:

„Gittli — vergelt’s Gott!“

Sie schüttelte den Kopf und lachte ihn an. Sie hatte doch nur getan, was sie mußte.

Seine Hand ließ sie nicht wieder los. Und während sie nun so saß, Stunde um Stunde, bald in heißer Sorge zu ihm aufblickend, bald wieder verloren in finster und sonnig durcheinanderschwimmende Gedanken, kam auch in ihr die Natur zu Recht und Geltung. Die Erschöpfung löste ihre Glieder, ihrKopf sank auf den Rand des Lagers, und als sich draußen der Tag zum Abend wandelte, schlief sie schon und atmete in langen Zügen.

Vor der Hütte gurgelte der rinnende Quell, und leise rauschte der Bergwald in der Ferne.

Am Morgen des Ostermontags trug Wolfrat Polzer sein entschlafenes Kind zur ewigen Ruhe. Da gab es keine Klagleute — Sepha lag fiebernd zu Bett, Lippele zählte nicht, Gittli fehlte, und von den Nachbarsleuten kümmerte sich keine Seele um den Tod, der im Hause des Sudmanns Einkehr gehalten. Wolfrat Polzer und auf seiner Schulter das stille Kind — das war der ganze Leichenzug; das starre Körperchen war in ein Leintuch gewickelt und lag aufeinem Brett, das Wolfrat in Gestalt einer Wickelpuppe zugeschnitten hatte. Der Sudmann hatte schon oft in seinem Leben schwerer getragen, aber noch keine Last hatte ihn so tief gebeugt. Die Leute, denen er auf dem Weg zur Kirche begegnete, zogen die Kappen und schlugen ein Kreuz. Im Friedhof erwartete ihn der Totengräber beim ausgeworfenen Grab, in einem Winkel nahe der Mauer.

„Ich will den Kaplan holen,“ sagte der Mann, „kannst das Kind derweil hinunterlegen.“

Wolfrat blieb allein; er löste den Strick, mit dem der kleine Leichnam auf das Brett gebunden war, nahm das Kind auf seine Arme und stieg in die Grube; ein Stück Rasen gab er der kleinen Schläferin als Polster; zwei Steinplatten, die der Totengräber aus dem Boden geworfen, stellte er wie ein Dach über den Kopf des Kindes, damit ihm die fallende Erde nicht das Gesicht drücke. Nun sah er den Kaplan mit dem Bruder Mesner kommen und stieg aus der Grube.

Ein lateinisches Gebet, zwei sich kreuzende Striche mit dem tropfenden Weihwedel, und Kaplan und Mesner gingen wieder davon. Eine Armeleutleich ist immer schnell abgetan. Der Totengräber stieß die Schaufel in die Erde. „Kann ich anfangen?“

Wolfrat nickte. Doch als der Mann die erstenSchollen schwer in die Grube fallen ließ, faßte Wolfrat den Stiel der Schaufel. „So tu doch nit so grob!“

„Ich muß mich tummeln, in einer Stund kommt schon wieder ein anderer. Jetzt sterben die Leut wie närrisch.“

„So laß mir die Schaufel!“

„Meintwegen! Hast du die drei Heller?“

Wolfrat griff in die Tasche und zog eine Handvoll blinkender Münzen hervor. „Da schau her!“ sagte er mit heiserem Lachen. „Geld hab ich wie Mist!“ Und statt der drei Heller, die der Mann nach dem klösterlichen Weistum zu fordern hatte, bezahlte Wolfrat einen halben Schilling. „Nimm nur! Ein bißl was muß das Kind doch auch davon haben.“ Wieder lachte Wolfrat; aber sein Gesicht verzerrte sich, und seine Hände zitterten.

Kopfschüttelnd ging der Totengräber davon. „Ist das aber einer! Der kann lachen, wenn er sein Kindl eingrabt.“

Wolfrat faßte die Schaufel und legte Scholle um Scholle achtsam in das kleine Grab. Bei der ersten Scholle sagte er: „Von der Mutter!“ Bei der zweiten: „Vom Vater!“ Bei der dritten: „Vom Lippele!“ Dann schaufelte er schweigend weiter. Weshalb vermied er es, auch in Gittlis Namen dem Kindeine Scholle als letzten Gruß zu spenden? Es sollen nach altem Brauch in ein sich schließendes Grab doch alle eine Scholle legen, die eines Stammes sind? War die Schwester für ihn tot, seit er in finsterer Stunde erfahren mußte, daß ihrem Herzen das Schicksal eines Fremden näher stand, als Wohl und Wehe ihres leiblichen Bruders?

Der Hügel über dem Grabe war vollendet. Wolfrat stieß die Schaufel in die Erde, und nun stand er lange, lange, den Kopf auf die Brust gesenkt, zwischen den zuckenden Fingern die Kappe drehend. Beten konnte er nicht. Er tat einen schweren Atemzug und bedeckte das Haupt.

„Mußt nit lang warten, Katzl! Paß nur auf, es kommt schon eins ums ander! Die Mutter und ich, und —“ Nein, den Namen seines Buben brachte er nicht über die Lippen.

Als er sich vom Hügel wandte und das leere Brett unter den Arm nahm, kollerten ihm zwei schwere Tränen in den Bart.

Er wollte nicht über den Marktplatz gehen; dort waren ihm zu viel Leute. Auf einem Umweg suchte er das Haus eines Taferlmalers. Er fand den Meister daheim. „Schreib mir den Namen auf das Brett!“ sagte er zu ihm.

„Ist bei dir eins gestorben?“

„Ein Kind. Mariele hat’s geheißen! Mach’s nur recht schön! Rot und Blau. Und mal auch ein Kreuz darunter! Ich zahl’s. In einer Stund komm ich wieder und hol das Brett.“

Von hier begab sich Wolfrat in die Klostervogtei, um das Lehent zu entrichten. Er fand Herrn Schluttemann in Montagslaune. Das war von allen Launen des Vogtes die schlimmste. Denn am Sonntag, dazu noch an einem hohen Feiertag, pflegte Herr Schluttemann länger als gewöhnlich im Kellerstübl des Klosters zu verweilen; um so schärfer war dann aber auch am folgenden Morgen Frau Cäcilias Zunge geschliffen; und da das größere Feuer die größere Hitze macht, so war es begreiflich, daß Herr Schluttemann an solch einem Montagmorgen in seiner Amtsstube umherfuhr wie ein Wetterstrahl, der aus den Wolken keinen Ausweg findet, immer blitzt und donnert, ohne sich ganz entladen zu können.

Als Wolfrat über die Schwelle trat, fiel Herr Schluttemann mit einem Schwall von scheltenden Worten über ihn her, wie ein Wildbach mit seinen Wassern über einen geduldigen Felsblock; Wolfrat stand ruhig und stumm; eine Weile ließ er das Ungewitter über sich ergehen; dann, als Herr Schluttemann einmal Atem schöpfte, sagte er: „Was plagt Ihr Euch so mit Schreien, Herr Vogt? Ich hörauch, wenn Ihr den Blasbalg minder anzieht.“

Die Verblüffung über diese kecke Rede schien Herrn Schluttemann beinah in Stein zu verwandeln; sein rotes Gesicht wurde noch röter, er warf die Fäuste in die Höhe, durchmaß im Sturmschritt die Stube und donnerte: „Hat man so was schon erlebt in der ganzen Christenheit? Wie dieser Mensch sich mit mir zu reden traut! Solch ein Schwertmaul! Oh! Ah! Hoho! Ich, der Vogt, ich soll wohl höfische Reden führen? Mit solch einem Salzpantscher? Belieben, geruhen, befehlen Euer Gnaden? Soll wohl gar noch katzebuckeln vor solch einem Kerl, der das Lehent nicht bezahlen kann?“

Aus Wolfrats Augen schoß ein finsterer Blick. „Wer sagt das, Herr Vogt? Ich bring das Lehent.“

Herr Schluttemann drohte die Fassung zu verlieren. „Er bringt das Lehent? Bringt es? Bringt es?“ Blasend stemmte er die Fäuste in die Hüften und kam auf Wolfrat losgeschossen, als wollte er ihn über den Haufen rennen wie der Sturmbock die Mauer. „Wer hat dich geheißen, das Lehent zu bringen? Wenn Seine hochwürdigste Gnaden, unser Propst, die Güte und himmlische Milde haben, zu sagen: man sehe zu, ob dieser Wolfratus ein Spieler und Säufer ist — und das bist du nicht, und ein tüchtiger Schaffer bist du auch, da beißt die Maus kein Faden ab!Gott straf mich! Und weil es wahr ist, sagen Seine Gestreng, Herr Heinrich von Inzing, mein allergnädigster Herr Propst, soll diesem Wolfratus für heuer das Lehent erlassen sein!“ Herrn Schluttemann ging der Atem aus.

„Das Lehent? Erlassen sein?“ stammelte Wolfrat. Er war kreidebleich geworden und wankte, als hätte ihn ein Schwindel befallen.

„Und jetzt bringt er das Lehent! Bringt es! Bringt es!“ Herr Schluttemann rang über diese Tatsache die Hände, als hätte er den Untergang von Jerusalem zu bejammern. Und wieder zu Wolfrat sich wendend, schrie er ihn an: „Woher hast du das Geld?“

„Ich hab’s geschafft, weil es her hat müssen!“ erwiderte Wolfrat, starr aufgerichtet, mit heiserer Stimme. „Woher ich es hab, braucht Euch nit zu kümmern. Ihr müßt es nit heimzahlen. Aber wenn Euch schon die Neugier plagt: der Eggebauer hat mir’s geliehen.“

„Der Eggebauer? Geliehen?“

„Weil ich ihm in der Samstagnacht seinen hölzernen Herrgott hinaufgetragen hab auf seine Alm in der Röt.“ Laut und langsam sprach Wolfrat diese Worte.

„Den schweren Herrgott? In der Nacht? Unddeshalb hat er dir das Geld geliehen?“

„Und weil er vielleicht gemeint hat, Ihr könntet ihm noch einen schlechteren Nachbar auf das Genick setzen, wenn ich vom Lehen gejagt werde.“

„Der Teufel jagt dich vom Lehen! Aber ich nicht!“ donnerte Herr Schluttemann. „Bin ich denn ein Wurm, der Feuer speit und Steine frißt? Auf der Stelle machst du jetzt, daß du heimkommst zu Weib und Kind. Und diesem Schmersack gibst du sein Geld zurück, bis auf den letzten Heller.Apage!“

Herr Schluttemann machte einen Versuch, Wolfrat am Kragen zu fassen, um ihn zur Tür hinauszudrehen. Der Sudmann aber packte mit eisernem Griff den Arm des Vogtes. „Jetzt hab ich das Geld, jetzt will ich auch zahlen. Ich will von keinem was geschenkt. Und vom Kloster am allerletzten.“ Er ging auf den Tisch zu und zählte die acht Schillinge der Reihe nach auf die Platte; jedem gab er mit dem Daumen einen Druck, daß es klang und klirrte.

„Himmelwetter, soll ich denn in meiner Stube nimmer Herr sein?“ schrie Herr Schluttemann, dessen rote Nase vor Zorn blau anlief wie Stahl im Feuer. „Wirst du gleich tun, was ich sage! Wirst du gleich das Geld wieder einpacken! Wirst du machen, daß du weiterkommst?“ Bei jedem ‚wirst du‘ schlug er die Faust auf die Tischplatte, daß die Silberstückesprangen und hopsten wie die Dirnen beim Ostertanz. „Und wenn der Eggebauer schon sein Geld zum Fenster hinausschmeißen will, so behalt es selber und laß es deinem kranken Kind zugutkommen. Das Kloster braucht es nicht.“

„Mein Kind auch nimmer.“

„Dein Kind ist also wieder gesund?“

„Dem tut kein Faserl nimmer weh. Der schwarze Bader hat ihm geholfen, der Armeleutbader. Und umsonst, Herr Vogt, ganz umsonst! Der hat allweil Zeit, und hat keinen Schlaf in der Nacht, wenn eins um ihn schreit. Und habt Ihr einmal Zeit, Herr Vogt, nachher nehmt das Leutbuch aus dem Kasten und machet einen dicken Strich, wo meinem Kind sein Nam steht. Polzer Mariele.“ Wolfrat wandte sich ohne Gruß zur Tür.

„Polzer! Um Herrgottswillen!“ stotterte Herr Schluttemann. „Polzer! He! Polzer!“

Wolfrat hatte die Stube schon verlassen. Vor dem Klostertor stand er still und drückte die Fäuste vor die Stirn. „Das auch umsonst, das auch! Und niemand anders hat mir das eingebrockt als die Dirn!“ Er streckte die rechte Hand vor sich hin und sprach sie an mit verbissenem Lachen: „Du hast es notwendig gehabt, daß du dich so getummelt hast, selbigsmal!“ Ein zorniger Blick seiner heißen Augen suchte die fernenHöhen der Berge. „Aber wart nur, du Kramp, komm mir nur wieder unter die Hand!“

Langsam ging er, um das Totenbrett seines Kindes zu holen.

Als er sein Lehen erreichte und in den Hausflur treten wollte, hörte er vom Hag her einen leisen Pfiff. Dort drüben stand der Eggebauer. Wolfrat spähte nach allen Seiten, lehnte das Totenbrett an die Wand und ging zum Hag.

„Warst du bei ihm?“ fragte der Eggebauer flüsternd.

Wolfrat nickte.

„So red doch!“ Dem Bauer sprach die heillose Angst, die ihn erfüllte, aus jedem Blick.

„Reden? Was ist da viel zu reden? Heut hat er noch allweil nichts wissen können. Ich selber hab geredet, wie’s ausgemacht war. Halt nur fest bei der Stang, wenn die Frag einmal an dich kommt!“

Der Eggebauer machte zwei Fäuste mit eingezogenen Daumen.

„Wie steht’s denn mit deinem Weib?“ fragte Wolfrat. „Hast du es ihr schon gegeben?“ Er meinte das Herzkreuzl des Steinbocks.

Der Eggebauer schüttelte trübselig den Kopf. „Das Weib treibt’s ärger mit jeder Stund. Was Füß hat im Haus, Mensch und Hund und Katz, alleswird von dem Weib umeinander getrieben, daß einem der Schnaufer vergehen möcht. Und wenn ihr der Wehdam ankommt, nachher halt’s schon gar kein Mensch nimmer aus mit ihr. Und doch, ich trau mich nit, daß ich ihr’s geb! Wenn das Weib gesunden tät, sie könnt das Maulwerk nit halten. Und alles müßt aufkommen.“

Es zuckte seltsam in Wolfrats Gesicht. „Am End willst es ihr gar nimmer geben? Aus lauter Angst, es könnt ihr helfen?“

Der Bauer nickte. „Daß mich die Versuchung nit ankommt, wenn mich das Weib wieder einmal plagt bis auf die Haut, drum hab ich das ganze Teufelszeug mitsamt dem Büchsel hinterm Haus vergraben.“

Jetzt lachte Wolfrat laut hinaus.

„Geh, du Narrenteufel!“ brummte der Eggebauer, dem nicht lustig zu Mut war bei diesem Gelächter. „Mir scheint, du kommst aus der Wirtsstub, aber nit vom Freithof.“

„Aber geh, Bauer, so lach doch mit! Denn jetzt paßt alles zueinander. Mein Kind hat nichts davon haben sollen, als nur den halben Schilling für die ewige Liegerstatt und um einen Heller Farb auf dem Brett, und dein Weib soll nichts haben davon, und es hätt auch nit sein müssen ums Lehent! Nur grad,daß ich die roten Händ davon hab! Alles umsonst! Aber gelt Bauer, es wird halt so sein müssen! Warum? Da kannst du lang drum fragen!“

„So red doch nit daher wie ein Unsinniger! In meinem Kopf schaut es eh schon aus wie in einem Grillenhaus.“

Da klang vom Hause her Zenzas scharfe Stimme: „Vater!“

„Ja, ja, ich komm schon!“ rief der Eggebauer und wandte sich wieder zu Wolfrat. „Mir graust, weil ich nur wieder hinein muß ins Haus! Ich sag dir’s, Polzer, mir graust vor einer jedweden Stund! Und wenn eins anfangt, kommt gleich alles übereinander. Ich hätt schon genug an dem Weib, und jetzt fangt das Mädel auch noch an und dreht den Daum auf, heult in einem fort, oder schreit und haut alles kurz und klein, was ihr in die Händ kommt, als wär seit gestern eine Hex in sie gefahren. Ich sag dir’s, Polzer, jedes Stück Vieh in meinem Stall hat’s besser als ich, der Bauer. Umeinander steh ich wie eine Sulz, an der alles zittert, wenn einer mit dem Finger dran hinrührt. Mir schmeckt kein Bissen mehr und kein Trunk. Da schau her!“ Der Eggebauer stieß die Faust hinter seinen ledernen Gurt. „Schau! Zwischen Gurt und Bauch fahrt mir schon bald ein Wagen durch. Polzer, Polzer!Es muß doch wahr sein: man soll die Händ von allem lassen, was nit richtig ist. Was hast du davon? Nichts, nichts, nichts — als daß dir’s den guten Schlaf vertreibt und den schlechten Magen bläht!“

„Gelt? Kommst auch schon drauf?“

Und während Wolfrat lachte mit bleichen Lippen, kugelten dem Eggebauer dicke Zähren über die schwammigen Backen. Der Bauer fuhr sich mit dem Ärmel über die Nase. „Was ist denn, ist dein Mädel schon wieder heimgekommen?“

„Ich weiß nit.“

„Wenn du was hörst, wie’s droben ausschaut, so komm und sag mir’s!“

Wolfrat nickte; dann gingen sie auseinander.

Als der Sudmann in seinem Haus die Stube betrat, sprang ihm Lippele jubelnd entgegen; der Bub hatte dem Vater eine große Neuigkeit zu melden: in der Scheune begännen zwei ‚wutzikleine, butziliebe Vogerln‘ ihr Nest zu bauen.

„So, so?“ sagte Wolfrat und strich die zitternde Hand über den Kopf seines Buben. „Nachher geh nur, Lippele, und schau ihnen zu und paß recht auf! Da kannst du dir auch einmal ein Nestl bauen!“ Er schob den Knaben zur Tür hinaus.

Kaum war der Bub verschwunden, da richteteSepha im Bett sich hastig auf. Alle Angst ihres Herzens zitterte in ihrer Stimme: „Polzer? Hat dich schon einer drum angeredet?“

Er schüttelte den Kopf. „Es kann noch keiner drum wissen.“ Als wären ihm alle Glieder gebrochen, so ließ er sich auf den Rand des Bettes nieder. Sie faßten sich bei den Händen und sahen sich stumm in die Augen. Wolfrat ließ den Kopf auf die Brust sinken, und Sepha weinte leise vor sich hin.

Nach einer Weile fragte sie: „Wo liegt’s denn?“

„Bei der Mauer im Eck.“

Wieder nach einer Weile: „Hast du das Brettl mit heimgebracht?“

Er nickte.

„Geh, laß mich’s anschauen!“

„Wozu denn? Schau, Seph, was hast du denn davon? Nur daß du dich kümmern mußt!“

„Ich möcht’s aber sehen! Mehr hab ich eh nimmer von ihm als das Brettl.“

Er ging und holte das Totenbrett. „Gelt, schön hat er’s gemacht?“

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können. Mit beiden Händen hielt sie das kleine Brett vor sich hin; um seinen Rand war ein Kränzl gemalt, welches blühende Schneerosen vorstellen sollte; in der Mitte stand, blau und rot,der Name — und darunter ein schwarzes Kreuz. Mit brennenden Augen starrte Sepha die Zeichen an, die sie nicht lesen konnte, von denen sie nur wußte, was sie bedeuten sollten. „Mariele! Mariele!“ Aufschluchzend drückte sie das Brett an ihr Herz und umschlang es mit den Armen.

Abermals verging eine lange, stumme Weile. Dann fragte Wolfrat: „Wie nimmt’s denn der Bub auf? Hat er schon einmal gefragt nach ihr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er spürt’s gar nit, daß eins fehlt im Haus.“

„Könnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes Leben. Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an.“ Wolfrat erhob sich und stieß die Kammertür auf; als er den Raum leer fand, fuhr ihm ein Fluch über die Lippen.

„Polzer, Polzer!“ stammelte Seph. „So sei doch froh, daß die Dirn noch allweil nit daheim ist. Ich mein’, das wär ein gutes Zeichen. Sie wird ihn lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein könnt! Wenn er davon käm! Wär das ein Glück!“ Schluchzend hob sie die Hände gegen den Himmel. „O du grundgütiger Herrgott, schau, nur grad das Einzige tu für uns!“

„Ja, ja, nur grad das Einzige!“ fiel Wolfratmit heiserem Lachen ein. „Daß er wieder aufkommt, daß er herstehen kann vor mich und den Arm strecken und sagen: ‚Der da war’s!‘ Wär das ein Glück! Geh, Seph, brauchst dich nimmer sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird schon helfen dazu. Und wenn sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn hascheln und päppeln, und wird reden für ihn und wird’s halten mit ihm gegen uns.“

„Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?“

„Schwester!“ lachte Wolfrat zornig auf. „Ich hätt gemeint, sie wär angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich aber doch vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen tragt und ein Schießzeug führt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur ein Knecht.“ Wieder lachte er. „Sie soll ihn haben! Und wenn sie drinsitzt in seiner Keuschen, nachher sag ich ihr’s.“

Sepha schaute ihn mit großen Augen an; sie verstand nicht, was er redete. „Was, Polzer, was willst du ihr sagen?“

Er wandte sich ab und tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.

„Polzer?“

„Laß mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt mir zum Vergeltsgottden Freimann über den Hals.“

„Jesus!“ schrie Sepha auf, griff mit beiden Händen zum Herzen und fiel erblassend in die Kissen zurück.

Er stürzte erschrocken zu ihr. „Seph, um Gottes willen, was hast du?“

„Völlig ungut ist mir worden!“ sagte sie mit matter Stimme und umklammerte seine Hand.

„Schau, Seph! Tu mir’s zulieb, nimm mir doch grad die Sorg um deintwegen von der Seel! Der Krank in dir wird ärger mit jeder Stund. Schau, wenn du dich überwinden könntst und tätst die Schweißbluh nehmen?“

„Und wenn’s um mein ewiges Leben wär, Polzer, ich tu’s nit! Lieber soll’s mit mir ein End haben beim nächsten Schnaufer!“

Er atmete tief und erhob sich.

„Schau nach der Zeit, Polzer,“ sagte sie, „du mußt ins Sudhaus. Und das Brettl mußt du auch noch aufstellen.“

Er nahm das Totenbrett, suchte einen Hammer hervor und wollte die Stube verlassen. Unter der Tür wandte er sich wieder, löste einen hölzernen Pflock aus der Lehmwand und zog den Lederbeutel mit der Schweißbluh aus der Vertiefung hervor.

„Was willst du damit?“ fragte Sepha ängstlich.

„Wegschaffen muß ich’s! Ich kann’s doch nit in der Mauer drin verfaulen lassen.“

Nun ging er. Vor der Haustür blieb er stehen. „Miez, Miez!“ rief er. Aus der Scheune kam eine graue Katze herbeigesprungen. Ihr warf er den Inhalt des Beutels vor. „Für die Katz! Alles für die Katz!“

Er stand und sah dem Tiere zu, wie es gierig über die Brocken herfiel. Je hastiger es fraß, je besser ihm das Gericht zu munden schien, desto finsterer wurde Wolfrats Blick, desto mehr machte ihm ein heiß aufsteigender Zorn die Adern an den Schläfen schwellen. Und als die Katze das Letzte aus dem Sande leckte, schwang Wolfrat den Hammer: „Sollst du allein was haben davon?“ Er warf. Klagend machte das getroffene Tier einen verzweifelten Sprung und lag verendet auf der Erde.

Da kam Lippele um die Ecke gesprungen. Hastig griff Wolfrat zu und verbarg die tote Katze unter seinem Janker; er hätte sie gerne wieder lebendig gemacht; das Tier war seines Buben Liebling und Spielkamerad gewesen.

Mit raschen Schritten ging er dem Hag zu und trat auf die Straße. Scheu blickte er sich um und warf die Katze in den vorbeirauschenden Seebach.

Dann schlug er neben der Zauntür das Totenbrettdes Kindes, die bemalte Seite gegen die Straße gewendet, mit dem Hammer aufrecht in die Erde. Es sollte jedem vorüberwandernden Menschen sagen: „Bet ein Vaterunser, hier ist der Tod gewesen und hat sich wieder auf den Weg gemacht nach einem andern Haus. Bet, bet, vielleicht bist du der nächste!“

Als Wolfrat den letzten Hammerschlag getan, ging Zenza auf der Straße vorüber. Sie sah weder den Sudmann noch das Brett; finster blickte sie vor sich hin auf die Erde.

„Bet, bet,“ sagte das Totenbrett, „vielleicht bist du die nächste!“

Wolfrat warf den Hammer über den Hag und wollte sich auf den Weg nach dem Sudhaus machen. Die Pfannen mußten vorgeheizt werden, wenn der Sud mit dem kommenden Werktag wieder in vollem Gang sein sollte.

Da gewahrte Wolfrat, daß er auf der Seite, auf der er die erschlagene Katze getragen hatte, von der Brust bis zum Knie mit Blut betropft war. „Mensch oder Katz, es bleibt halt allweil was hängen an einem!“ Er stieg zum Ufer der Ache hinunter, um sich zu reinigen. Ein paar Hände voll Wasser, und die Flecken waren getilgt. „Ob’s wohl für das ander auch ein Wasser gibt?“

Als er wieder hinaufstieg zur Straße, hörte erHufschlag. Er wollte dem Zug, der sich näherte, nicht begegnen und sprang hinter ein Gebüsch.

Mit heiterem Geplauder zogen sie vorüber: voran Herr Heinrich von Inzing, der Propst des Klosters, und Herr Schluttemann, beide zu Pferde; hinter ihnen Frater Severin mit geschürzter Kutte, den Bergstock führend; an seiner Seite Walti mit vollgepfropftem Rucksack; dann noch vier Klosterknechte mit schwer beladenen Kraxen.

„Der Haymo wird Augen machen, wenn er uns kommen sieht!“ sagte Frater Severin, als er an dem Gebüsch vorüberschritt, hinter welchem Wolfrat stand. „Ich freu mich schon auf ihn! Weißt du, Bub, ein Gärtner hat allweil die Sonn gern, und sie scheint so warm in Haymos Augen!“

„Möcht wissen, warum er gestern gefehlt hat beim Ostertanz?“ sagte Walti. „Ich hab ihm eine Botschaft bringen wollen und hab gewartet —“

Das Rauschen der Ache verschlang die Worte der Weiterschreitenden.

Wolfrat kam hinter dem Gebüsch hervor und sah den Verschwindenden nach.

„Jetzt hebt sich der Hammer über der Katz!“ Er griff mit beiden Händen nach seinem Kopf.

Herr Heinrich von Inzing fuhr zu Berge, um den balzenden Auerhahn zu jagen. Er hatte das Kleid des Priesters gegen ein ritterliches Jagdgewand vertauscht, trug um die Hüften das Weidgehenk und die Armbrust hinter dem Rücken. In gleicher Weise war Herr Schluttemann bewaffnet; aus seinen rollenden Augen aber blickte kein Schimmer froher Jägerlaune; Frau Cäcilia, die ihn notgezwungen für eine Woche aus ihrem Zaum entlassen mußte, hatteihm einen Abschied bereitet, der auf eine für acht Tage voll ausreichende Wirkung bemessen war.

Eine Probe dieser Wirkung bekamen an der Seelände die beiden Fischerknechte zu spüren, die in einem weitbauchig gezimmerten Kahn auf den Propst und sein Gefolge warteten. Sie hatten nach der Meinung des Vogtes den Boden des Schiffes nicht genügend gesäubert, und so fuhr unter Herrn Schluttemanns Schnauzbart hervor ein Donnerwetter auf sie nieder, daß sie die Köpfe duckten wie Hirschkälber, wenn ihnen der erste Schnee auf die Luser fällt.

Walti und die vier Knechte wurden beordert, den Weg nach der Röt über die Almen zu nehmen. Frater Severin wollte sich ihnen anschließen. „Die Leut tragen kostbare Sachen auf dem Buckel,“ meinte er, „es muß einer dabei sein, der ein Aug auf sie hat.“

„Nein, Bruder, komm nur mit uns!“ lächelte Herr Heinrich. „Die Leute gehen zu langsam für dich. Du mußt wacker ausschreiten, damit du Fett verlierst, sonst fällt dir im Garten das Bücken schwer.“

Frater Severin seufzte und ergab sich in sein schweißtreibendes Schicksal.

Das Boot stieß in den See, dessen schimmernden Spiegel kein Lufthauch trübte. Die Tropfen, die von den plätschernden Rudern fielen, glitzerten in der Sonne wie Edelsteine; alle Berge waren von Duftumwoben; über die grauen, hochgetürmten Felswände und durch den immergrünen Bergwald zogen sich die schäumenden Sturzbäche hernieder gleich silbernen Adern.

„Sagt, Herr Vogt,“ und mit genießenden Augen blickte Herr Heinrich umher, „wo in aller Welt noch steht ein Kloster, dessen Fürst sich eines Münsters rühmen kann, wie ich es besitze: die Säulen der Wände für die Ewigkeit gebaut, die Fliesen ein einziger Smaragd, und als Dach der Himmel mit Gottes leuchtendem Auge.“

Herr Schluttemann ließ ein Gebrumm vernehmen, das seine Zustimmung kundgeben sollte. Im Hinterteil des Schiffes seufzte Frater Severin: „Gottes Auge hat einen heißen Blick, ‚Gottes Güte‘ wär kühler.“ Er tauchte die Hand in das kalte Wasser und benetzte seine Stirn.

Die Fischerknechte wollten die Richtung mitten durch den See nach der Fischunkel halten, von der aus der kürzeste Weg in die Röt emporführte. Herr Heinrich aber befahl ihnen: „Zur Seeklause, wir nehmen den Aufstieg von dort!“

„Reverendissime“, wandte Herr Schluttemann ein, „das ist aber ein teuflischer Umweg!“

„Den Umweg kenn ich, doch ist mir der Teufel noch nie auf ihm begegnet.“ Lächelnd blickte HerrHeinrich zu Frater Severin zurück. „Wir gehen den minder steilen Weg, dir zuliebe.Festina lente, sagte der Heide Augustus — du sollst sänftiglich vom Fleische fallen.“

„Ach, Herr Heinrich,“ klagte Frater Severin, „ich könnt Euch erwidern mit einem Heidenwort:Naturam expellas furca, tamen usque recurret!Aber wie kann Heidenweisheit ein Trost sein für einen guten Christen. Und da mir geschah, wie Lukas, der Evangelist, Kapitel 6, Vers 38 prophezeite: Ein gutes, ein gedrückt volles Maß wird euch in den Schoß gegeben — so wollet bedenken, Herr Heinrich, daß der heilige Johannes in seiner Offenbarung, Kapitel 2, Vers 25 befiehlt: Und was ihr habt, das sollt ihr bewahren!“ Sorgend legte er die Hände über sein Bäuchl.

Herr Heinrich lachte; Vogt Schluttemann aber dachte an Frau Cäcilia:auchein gedrückt volles Maß, das er bewahren mußte!

Knirschend fuhr das Boot in sandig verlaufendes Ufer, das durchbrochen war vom Bett eines schäumenden Baches. Herr Heinrich, der Vogt und Frater Severin stiegen ans Land, und die Fischerknechte stießen den Kahn in den See zurück, um die Heimfahrt anzutreten.

„Steiget nur immer voran und wartet meiner auf der Höh!“ sagte Herr Heinrich.

Der Vogt und Frater Severin überschritten auf schwankendem Stege den Wildbach und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im sanft ansteigenden Bergwald. Herr Heinrich ging den Wildbach entlang, bis er eine aus Steinen erbaute, an eine hohe Felswand angelehnte Klause erreichte. Er öffnete die Tür; die Klause war leer.

„Dietwald!“ rief er mit lauter Stimme; niemand zeigte sich. „Sollte er hinausgefahren sein zum Fischfang?“ Nein, der Einbaum lag an das Ufer gezogen. Herr Heinrich folgte einem schmalen Fußpfad. Immer näher trat die ragende Felswand an den Wildbach heran, von der andern Seite näherte sich der Bergwald, so daß eine enge Schlucht gebildet wurde, auf deren Grund die schäumenden Wasser in tief zerrissenem Bett mit ohrbetäubendem Lärm hinwegrauschten über mächtige Steinklötze und zerschmetterte Baumstämme. Wo die Schlucht ein Ende nahm, stürzte der Bach aus schwindelnder Höhe hernieder in ein von siedendem Schaum erfülltes Becken, das der fein zersprühende Wasserstaub, von einem Sonnenstrahl durchleuchtet, mit buntfarbigem Schimmer überwob. Neben dem Wasserfall zeigte sich an der Felswand der Eingang einer Höhle, vor der ein hohes steinernes Kreuz errichtet war, schon grau verwittert und halb überzogen von gelblichem Moos.

Dem Kreuz zu Füßen, auf einem Holzblock, saß Pater Desertus, der Fischmeister des Klosters. Er hielt den einen Arm auf das Knie gestützt und das Haupt auf die Hand geneigt; mit der andern Hand nahm er von dem dürren Astwerk, das der Wildbach an das Ufer geschwemmt hatte, einen Zweig und warf ihn in das wirbelnde Wasser; verloren in Gedanken, schaute er zu, wie der Strudel den Zweig verschlang, wie ihn die Wellen mit sich fortrissen. Dann nickte er vor sich hin und warf einen anderen Zweig.

Er hörte vor dem Rauschen des Wassers die nahenden Schritte nicht und blickte betroffen auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte. „Herr Heinrich?“ Grüßend neigte er das Haupt und erhob sich.

„Was treibst du hier?“ fragte lächelnd der Propst.

„Das Spiel meiner Tage.“

Herr Heinrich betrachtete den Chorherren ernst und schüttelte den Kopf. Dann sagte er: „Komm, laß uns zur Klause gehen, hier hört man kaum den Klang des eigenen Wortes.“

Er wanderte den Pfad zurück, und Pater Desertus folgte. Vor der Klause ließen sie sich auf die Steinbank nieder. Warm schien die Sonne über ihnen, das gemilderte Rauschen des Wildbachs tönte wie Musik, draußen lag der glatte See, wie grüneSeide schimmernd, und über die steilen Wände, die ihn umzogen, hoben der Wazmann und die sieben Wazmann-Kinder ihre weißen Zinken in das reine Blau des Himmels.

„Ein schönes Plätzchen!“ sagte Herr Heinrich. „Hier bist du wohl gerne?“

„Ja, denn ich lebe und störe doch die Freude keines anderen Menschen. Aber sagt, was führt Euch zu mir?“

„Muß ich nicht zu dir kommen, da du mich zu meiden scheinst?“

„Ich tu es um Euretwillen. Mein Blick verjagt das Lächeln, und Ihr lächelt gerne.“

„Ja, Dietwald, seit ich erkennen lernte, daß Weinen zwecklos ist. Doch lassen wir das. Ich bringe dir einen Gruß.“

Langsam hob Pater Desertus das Gesicht. „So lebt noch ein Mensch, der Ursach hätte, meiner zu denken?“

„Der Kaiser!“

Über das bleiche Antlitz des Chorherren flog eine heiße Röte, und es zuckte durch seine Glieder, als stünde ein Roß vor ihm, das es zu besteigen gälte, als hinge ein Schwert in der Luft, das er fassen müßte. Doch rasch ging diese Regung vorüber; er legte die Hand auf das Kreuz an seiner Brust undsagte mit versinkender Stimme: „Ich danke für den Gruß. Grüßet Herrn Ludwig wieder!“

„Er hat mir einen Brief geschrieben, ach, von Sorgen schwer! Sie setzen ihm bitter zu in Avignon und schüren ihm Zwietracht an allen Ecken und Enden. Hätt er Kriegsmannen so viel, wie Sorgen, er hätt ein Heer, wie es noch kein Kaiser gesammelt. Und sieh, Dietwald, in allen Sorgen denkt er dein und läßt dich grüßen und fragt nach deinem Wohlergehen und hofft, daß dein Kummer sich gemildert hätte. Er hat dir den Tag von Ampfing nicht vergessen. Du hast ihm sein Reich erfechten helfen.“

„Und habe um jenes Tages willen mein eigen Reich verloren! Meiner Güter bestes! Allen Wert und alle Sonne meines jungen Lebens, mein Glück, meine Seligkeit!“

„Dietwald!“ mahnte Herr Heinrich. „Darf so ein Priester sprechen?“

Pater Desertus hörte nicht; es loderte aus ihm hervor wie entfesseltes Feuer. „Wie war ich stolz an jenem Tag, als ich vor Ludwig stand, ein Sieger unter Siegern, mit stumpfgeschlagenem Schwert, der Glanz meiner Rüstung erloschen im Blut der Feinde! Wie ein Falk flog meine Seele, und mein Herz wie eine sehnende Taube nach ihrem Nest — heim zu, heim zu! Neun Tage noch hält mich diePflicht. Dann geht es heimwärts, wie im Sturm, Tag und Nacht durchreitend. Das Roß bricht unter mir. Schon im Sturze greif ich nach einem andern. Heim, heim, zu Weib und Kind! So hell und freudig hat mein Schlachtruf nie geklungen, wie dieser Jubelschrei meines Herzens. Bei grauendem Morgen erreiche ich den Bannwald meiner Burg. Jeder Baum, der an mir vorüberfliegt, ist mir ein Weiser zu meinem Glück. Nun ist Friede, nun darf ich ruhen. Ich sehe schon die heimliche Stube mit dem sonnigen Erker, sehe mich sitzen, mir zur Seite mein junges Weib, die von dunklem Gelock umflutete Wange an meine Schulter lehnend, zu mir aufblickend mit leuchtenden Augen. Und hier, auf meinem Knie, da schaukelt mein Knabe, macht große Augen und lauscht, denn ich erzähle vom Kaiser, von Fehde und Sieg. Und in der Wiege schlummert mein süßes Mädel und träumt in sein werdendes Leben hinein wie eine Knospe in den sonnigen Tag. Heim, heim, heim! Dort ist schon die Höhe im Wald, von der ich den Giebel meiner Burg erblicken muß. Ich spähe, spähe und spähe. Und sehe nichts. Hat sich mein Haus verrückt? Hat sich der Wald verwachsen? Ein zitterndes Ahnen befällt mich, ich peitsche mein Roß, ich reite, reite. Dort ist der Saum des Waldes, jetzt hab ich ihn! Ich hebe mich auf im Sattel, meinBlick fliegt über das Tal. Und ich sehe — sehe —“

Schaudernd schlug er die Hände vor das Gesicht, und seine Stimme erlosch in dumpfem Stöhnen.

„Dietwald!“ sagte Herr Heinrich tiefbewegt. „Kannst du deinem Herzen nicht gebieten, so gebiete deiner Zunge. Sie soll nicht nennen, was hinter dir liegt, seit du den Scheitel beugtest, um Gottes Knecht zu werden.“

Desertus hörte nicht. Er ließ die Arme sinken und starrte mit brennenden Augen ins Leere. Und dann, als stünde geisterhaft ein Bild vor ihm, deutete er vor sich hin: „Das? Das ist mein Glück? Ein Haufen Trümmer, glühende Steine und rauchendes Gebälk? Das war mein Haus? Es steht das Tor noch, mit dem Wappen darüber: der weiße Islandfalk im blauen Feld! Und das? Sind das die Tauben, die im Turm genistet? Tauben, die wie Raben krächzen, wie hungernde Geier schreien? Sie wittern das Futter. Wie die Äpfel um den Baum, so liegen die Leichen. Der dort, mit dem grauen Kopf und der gespaltenen Stirn, das ist Reinhold, mein Pförtner. Er hat immer gern geschlafen. So wach doch auf, Alter! Rede doch! Wo ist mein Weib, wo sind meine Kinder? Soll ich dir eine Handvoll Asche zeigen? Sieh doch her! Ist das mein süßes Weib? Oder das? Und hier, derverkohlte Knochen? Das ist wohl mein schöner Knab? Oder gar dein Hund? Und dort, sieh nur, im Schutt, dort glimmt es noch? Das ist die Wiege? Ja?“

„Dietwald! Erwache!“ rief Herr Heinrich und rüttelte ihn am Arm.

Er schaute auf mit verlorenem Blick. „Erwache! Das war das erste Wort, das ich hörte! Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag — wie ein Bergmann nach Gold, so wühlte ich nach verkohlten Gebeinen — und schrie: Wer hat mir das getan? Ich hatte keinen Nachbar, der mir grollte, hatte keinen Feind. In meinem Jammer wußt ich keinen Weg. Die Augen blind vom Weinen, bin ich gegangen und gegangen. An der Pforte des Klosters fiel ich nieder. Sie trugen mich in eine Zelle und riefen: Erwache! Erwache! Und ich blieb und ließ geschehen, was geschah.“

„Mit Schmerzen, Dietwald, hab ich es lang erkennen müssen: es war für dich der rechte Weg nicht. Hättest du doch Trost gesucht in Kampf und Tat, auf dem Schlachtfeld, nicht in der Zelle!“

„Ich hoffte, ihn zu finden! Durch Tage und Nächte, Wochen und Jahre lag ich in brünstigem Gebet und schrie zu Gott aus tiefster Seele: Laß mich vergessen! Ich schlug mit der Geißel meinen Rücken blutig, um durch die Schmerzen meines Leibesdie Qual des Herzens zu betäuben. Es half nicht, half nicht. Ich konnte nicht vergessen, konnte nicht hoffen. Wenn ich kämpfte um das Heil meiner Seele, so träumte ich den Kuß meines Weibes. Wenn ich den Himmel suchte, fand ich ihn in meiner Kinder Augen, die mir entgegenblickten aus der Luft meiner Zelle, aus jedem Blatt des heiligen Buches, aus jedem Bildwerk in der Kirche, aus jedem Abbild des Erlösers.“

„Und fandest du nicht Trost bei deinen Brüdern, von denen mancher eine Welt von Schmerzen überwand, da er sich Gott ergab?“

„Meine Brüder? Sagt Ihr das im Ernst, Herr Heinrich? Ich meine doch, Ihr kennt Eure Chorherren?“

„Verdamme die Schwachen nicht. Kleine Seelen haben kleine Wünsche. Sieh diesen Berg an: das edle Wild treibt es nach der Höhe, die zufriedenen Hasen nisten hier unten im niederen Gebüsch. Und sie beide sind doch Geschöpfe aus eines Schöpfers Hand.“

„Meine Brüder? Hätt ich unter ihnen nur einen gefunden, der gewesen wäre, wie Ihr seid! Meine Brüder? Sie freuten sich der Wälder und Felder, die ich dem Kloster brachte, und hatten für mich nur Worte: Gott hat gegeben, Gott hat genommen.Gott! Gott! Gott!“

„Wie sprichst du dieses Wort! Dietwald!“ Herr Heinrich erhob sich. „Du glaubst nicht an Gott? Ein Priester!“

Mit ernsten Augen sah Desertus zu ihm auf. „Ich glaube an Gott. Wer hätte diesen Stein zu meinen Füßen erschaffen, wenn Er nicht? Wer hätte diese ewigen Felsen gebaut und über schwindelnd tiefe Gründe diesen schönen See ergossen, wenn Er nicht? Wer die Luft bevölkert, das Wasser und den Wald, wenn Er nicht? Wer hätte diesem Baum die nährende Wurzel gegeben, die treibende Kraft des Markes und den Wohlverstand, mit dem er seine Zweige nach der Sonne breitet. Wenn Er nicht? Aus wessen Hand wäre der Liebreiz geflossen, der mein Weib umschimmerte? Die süße Unschuld in den Augen meiner Kinder? Wenn nicht ausseinerHand? Wer hätte mich selbst erschaffen und mein Herz erfüllt mit jauchzender Freude und seligem Glück? Wenn Er es nicht getan? Doch wer vernichtete mein Glück? Wer riß mir die Freude aus dem Herzen und füllte meine Brust mit Qual und Pein? Wer ließ mein Weib verbrennen und meiner Kinder holdes Leben erlöschen in Glut und Rauch? Wer schickt den Blitzstrahl über diesen Baum, wer in sein Mark die Fäulnis? Wer schlägt mit Schmerzen und Tod, was atmetin Wasser, Luft und Wald? Wer stürzt die Felsen vernichtend über Tal und Hütten, und wer empört den See, daß er die Ufer überschäumt und alles ringsumher verwüstet, was doch ein Werk ist aus Gottes eigener Hand? Wer? Wer? Wer? Und warum?“

In Herrn Heinrichs Augen leuchtete ein herzlicher Blick. „Wer täte das alles? Wenn Er nicht? Aber warum? Ja, mein Sohn, da bin ich überfragt!“ Lächelnd legte er die Hand auf die Schulter des Chorherren. „Sieh, Dietwald, ich könnte sagen: Was Übles kommt, ist eine Strafe oder eine Prüfung. Aber das sag ich nicht, zu dir nicht! Gott prüft nicht. Er weiß doch, wie schwach die Menschen sind. Und wer, wie Gott, so groß ist in der Liebe, ist im Zorne nicht so klein. So kleinlich, wie du bist, mit deinem törichten Warum! Ja, Dietwald!“ Er setzte sich an des Paters Seite und faßte seine Hand. „Du Kind von zweiundvierzig Jahren! Im Schmerze kannst du fragen: Warum?“

„Herr Heinrich!“ stammelte Desertus.

„Hast du aber auch gefragt in der Freude, im Glück? Gelt, da hast du genommen und genossen? Da war dir um den Grund nicht bange, warum dir gegeben wurde. Das Gute leuchtet dir ein, da glaubst du an Gott. Nur im Schmerze willst du ihn nicht fassen und begreifen und Gott nicht finden. Das istnun freilich schwer, und noch keiner, der lebte, hat es ganz zuwege gebracht. Sogar Christus, der Herr, hat am Kreuze gefragt: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da sprach der Mensch in ihm. Sag mir, Dietwald:wäreEr denn Gott, wenn wir Menschen ihn so leicht verstünden? Und wenn du fragst: warum? Weißt du denn auch, ob Er nicht Antwort gibt? Er spricht vielleicht zu dir im Wehen dieser Frühlingsluft, im Rauschen dieser Wellen. Nur ist dein Ohr zu klein für alle Größe seiner Stimme.“

„Nein, nein, ich hör ihn!“ flüsterte Desertus.

„Du, nicht wahr, du hörst den Donner der Lawine, wenn du über die Berge steigst im Frühling, du weißt, weshalb sie fallen muß. Und stumm bewundernd stehst du vor dem herrlichen Schauspiel der Gottnatur, erhoben in deinem Herzen. Hört ihren Donner aber auch die Fliege, die in einer Rinse der Felswand klebt? Nein. Ihre Sinne sind zu kurz. Sie klebt. Und wird verschüttet und erstickt. Soll sie auch fragen: warum? Soll ewiger Schnee die Halden drücken und keine Blume keimen lassen, nur damit die Fliege nicht gekränkt wird? Nicht wahr, das geht nicht an. Du liebst die Blumen, du sagst mit deinem Verstande: der Schnee muß fallen. Die Fliege will es nicht begreifen. Von der Fliege zu dir ist ein weiter, weiter Weg, doch nimm ihnmillionenfach, und du füllst die Strecke nicht aus von dir zu Ihm! In schwindelnder Höhe geht Er seinen Weg, ein Schritt, und Er ist über alle Berge, ein Schritt, und Meere liegen hinter Ihm und jeder Schritt bringt Werden und Vergehen. Er kennt den Urgrund aller Dinge, Er sieht das Ziel vor Augen, Er denkt der Blumen seiner Ewigkeit. Doch wir, tief unter Ihm, wir, Dietwald, sind die Fliegen unter der Lawine.“

Desertus schlang die Arme um Herrn Heinrichs Hals und drückte das Gesicht an seine Brust.

„Ja, ruh dich aus! Du bist müde vom Leben. Und wenn dir die Kräfte wiederkommen, dann beginne neu den Weg und blicke auf zu Ihm! Du siehst von seinem Antlitz einen Zug auf jeden Fels geschrieben, ein Abglanz seiner Augen leuchtet dich an aus jeder schimmernden Welle im See, und einen Hauch seines Atems hörst du im Rauschen des Waldes. Und da du, ein Mensch, Ihn nun einmal nicht fassen kannst in seiner Größe, so halt Ihn fest in seiner Liebe. Ich meine doch, du hättest sie empfunden. Und was du besessen? Hast du es denn wirklich verloren? Nur weil du es nimmer halten kannst mit Händen? Blicke doch in die Tiefe deines Herzens! Liegt dort nicht alles, was an Glück dein eigen war, rein und heilig behütet, ein köstlicher Reichtum andauerndem Erinnern? Dietwald! Dietwald! Du willst klagen? Weißt du denn auch, um wie viel reicher du bist als ich?“

Desertus hob mit fragendem Blick die Augen.

„Alle holde Freude des Lebens hast du genossen, bis dein Glück sich wandelte in einen Schmerz, wie ein schöner Frühlingstag in eine Nacht mit kaltem Reif. Mein Leben aber war ein Leidensgang, Schritt für Schritt. Eine reine Freude hat mir nie geblüht, und jede Frucht, nach der ich griff, trug den Wurm oder die Fäulnis in ihrem Kerne. Ich habe mehr gelitten, als du, da ich nur Schmerzen gewann, ohne Freude zu verlieren. Ich hatte einen Bruder, der mich haßte, weil ich der ältere war; hatte eine Mutter, die nur ihren Tand und ihre Falken liebte; hatte einen Vater, der mich verstieß, weil ich nicht schmeicheln konnte; das Weib, das mich ohne Liebe nahm, brach mir die Treue; mein Freund, der einzige, an den ich glaubte, war ihr Verführer; ich diente redlich meinem Fürsten, wurde des Verrats beschuldigt und in Ketten geworfen. Aus dem Kerker floh ich ins Kloster. Ich haßte die Menschen und konnte Gott nur fürchten. Nicht mit Inbrunst, in Zittern hab ich gebetet und suchte den Grimm meines Herzens zu ertöten in schwerer Pönitenz. Doch Haß und Furcht hingen fest an mir. Wenn ich aus dem Kloster niederstiegins Tal, sah ich die Not nur und der Menschen Pein. Wenn ich emporstieg auf die Berge, sah ich nur die Schrecken der Natur, Verwüstung und Zerstörung, den Gott in seinem Grimme. Mit schaudernder Seele floh ich wieder heim in meine Zelle, sang und betete und schwang die Geißel.“

„Und wie kam Euch die Erlösung?“

„Es war an einem Tage spät im Herbst. Ich lag auf meinem Bett, entkräftet, blutend aus den Wunden, welche die Geißel gerissen hatte, die brennenden Augen auf die kahle Wand geheftet. Die häßlichen Bilder meines kalten, nutzlosen Lebens zogen vor meinem taumelnden Geiste vorüber, und jeder Gedanke war ein Schrei zu Gott: Töte mich, töte mich, weshalb noch soll ich leben! Da vernahm ich in meiner Zelle ein leises Tippen, wie vom Fall eines Wassertropfens. Hinter dem Rahmen eines Heiligenbildes war ein Schmetterling herausgefallen. Er hielt die Flügel geschlossen und rührte sich nicht. Ich griff nach ihm, und er ließ sich fassen. Seine Füße waren starr, die Schwingen gelähmt. Er war erfroren in der herbstlichen Kälte meiner Zelle. ‚Dein Schicksal ist das meine!‘ sagte ich und ließ ihn zu Boden fallen. Da stieg die Sonne über die Berge, und durch das offene Fenster meiner Zelle fiel ein warmer Strahl gerade auf die Stelle hin, auf welcher der Falter lag.Es währte nicht lang, da begann er, auf der Seite liegend, die Füße zu rühren. So zappelte er eine Weile, aber es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Ich hielt ihm den Griff meiner Geißel hin, er klammerte sich an das Holz und stellte die Schwingen auf. Lange saß er ruhig. Dann plötzlich legte er die Flügel auseinander, schloß sie wieder, kroch vom Holz der Geißel auf die Erde, und weiter und weiter, immer der Sonne nach, und an der Mauer empor, auf das Gesims des Fensters. Hier saß er noch, als müßte er rasten. Immer spielte er mit den Schwingen. Und dann mit einmal begann er zu flattern. Erst schwer und mühsam. Immer leichter wurde sein Flug, und so schwebte er hinaus zum Fenster und gaukelte in den blauen Himmel.“

Herr Heinrich schwieg und blickte lächelnd empor in das endlose Blau.

„Da kam es über mich, ich wußte nicht wie. Mir war, als hätte Gottes Stimme mir geboten: Steh auf und lebe! Ich erhob mich, wusch meine Wunden und kühlte sie mit Balsam. Wie ein Träumender trat ich aus dem Kloster und wanderte hinaus in das herrliche Tal. Die Sonne spann in den Lüften, silberne Fäden flogen, und in den bunten Farben des Herbstes leuchtete der Laubwald. Die Kinder liefen auf mich zu und küßten meine Hände.Traulich blickten ihre lieben Augen zu mir auf. Alle Felder waren belebt, überall hörte ich Lachen und Gesang. Die Leute eggten und streuten die Wintersaat, ohne doch zu wissen, ob sie essen würden von diesem Brot. Und als ich heimkehrte in das Kloster, trat ich vor Herrn Konrad von Altentann, meinen Propst, und sagte: ‚Gebt mir Arbeit!‘ Ach, die Tage, die nun kamen! Ich zog wie ein Roß, das des langen Stehens im Stalle müd geworden. Überall griff ich zu. Ich ordnete und mehrte das Gut meines Klosters, hob den Salzbau, war Fischmeister, Kellermeister, Wildmeister. Wo immer nur ein anderer müde wurde, trat ich an seine Stelle. Und alles wandelte sich mir zur Freude. Ich milderte die Strenge meiner Oberen, versöhnte die grollenden Landsassen, half, wo zu helfen war. Und je mehr ich den Menschen helfen durfte, desto mehr begann ich sie zu lieben. Ihr Dank, Dietwald, hat mich das Lächeln gelehrt. Und keinen schloß ich aus. Meinen Bruder stützte ich in schwerer Not, die Kinder jenes Weibes hob ich aus Elend empor zu freundlichem Leben, und meinem Fürsten, welcher Kaiser geworden, diene ich mit der ganzen Treue meines Herzens. Sage, Dietwald, war es nicht eine Gotteslehre, die mir der Falter gab, da er emporflog in das Blau? ‚Willst du den Himmel finden, dann gehin die Sonne!‘ Das tu ich, Dietwald. Ichsucheam Leben die Sonne, und in den unvermeidlichen Schatten trag ich die Helle, so gut ich es vermag. Da fließt mir jeder Tag wie ein schönes Gottesgeschenk. Ich freue mich jeder Blume, die auf meinem endenden Wege blüht. Und schickt mir Gott mit aller Freude zuweilen auch einen Schmerz, dann trag ich ihn und such ihn zu verwinden. Aber ich frage nicht:warumich leide.“ Er legte die Hand auf des Paters Schulter und fügte lächelnd bei: „Daß ich leide, genügt mir!Homo sum, Dietwald,homo sum!“


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