Desertus hatte den Kopf an die Mauer seiner Klause gelehnt, hielt die Hände im Schoß verschlungen, und während er durch die schwankenden Zweige der Buchen, an denen die Blätter schüchtern sproßten, emporblickte zum blauen Himmel, perlten langsame Tropfen über seine bleichen Wangen — die ersten Tränen nach langen Jahren.
Herr Heinrich schwieg eine Weile. Dann sagte er: „Verzage nicht, Dietwald! AuchdeinFalter wird noch fliegen. Flog er in fünfzehn Jahren nicht, gib acht, er fliegt im nächsten!“
„Fünfzehn Jahre!“ glitt es leise von des Paters Lippen. „Und mir ist, als wäre es gestern gewesen, als läge dazwischen nur eine einzige Nacht, einelange, bange, grauenvolle Nacht, nach der kein Tag mehr kommen will!“ Die Hände des Propstes fassend, rief er in heißem Flehen: „Herr Heinrich, hebet mich empor zu Euch, dorthin, wo Sonne ist! Seht mich an! Ich habe gekämpft und gerungen, bis alle Kräfte mir versiegten. Und ich fand auch Stunden ruhiger Ergebung. Als Ihr erkanntet, daß die Enge der Zelle mich erdrückte, und als Ihr mich hierher gesandt in diese herrlichste Kirche Gottes, da ward es still in mir, während der Föhn mich umrauschte und draußen im See mein Einbaum gegen die Wellen kämpfte. Und nun alles, alles wieder verloren!“ Seine Augen glühten, und seine Stimme verrann in dumpfem Murmeln. „Verloren seit vier Tagen! Und Pein ist, was ich fühle! Sehnsucht, was ich denke! Verlangen, was ich sinne! Ein Gespenst ist mir erschienen —“
Herr Heinrich erschrak. „Dietwald!“
„Ein Gespenst, wie aus der Asche gestiegen, und dennoch Fleisch und Blut, mit meines Weibes Haar, mit meines Weibes Augen, mit dem holden Kindermund, der mir gelächelt in Liebe.“
„Dietwald!“ Herr Heinrich sprang auf und rüttelte den Arm des Chorherren. „Deine Sinne taumeln und dein Geist ist krank. Was dir das Herz erfüllt, tritt in die Lüfte. So fing es bei vielen an.Einer wurde heilig und hundert wurden Sünder, eidvergessene Schelme. Greife nach einem Halt, oder du bist verloren! Ich muß dir Arbeit geben. Die Angel zu ködern für Hecht und Ferch, das taugt dir nicht.“
„Herr!“ stammelte Pater Desertus. „Ich soll fort von hier?“
„Höre mich an! Kaiser Ludwig will mit dem Papst verhandeln. Es zwingt ihn die Not. Und er will einen Priester senden, doch einen, der ein deutsches, ritterliches Herz unter seiner Kutte trägt. Er fragte mich um Rat. Ich hatte an dich gedacht. Nun will ich, daß du gehst. Und ich hoffe, daß ich mich in dir nicht täusche.“ Herrn Heinrichs Worte klangen, als schlüge Stahl auf Stein.
Über das Gesicht des Chorherren glitt eine matte Röte; er richtete sich auf. „Wann soll ich reisen, Herr?“
„Du wirst es erfahren. Und in andere Luft sollst du mir noch heut! In kühlende Gletscherluft! Begleite mich! Was stehst du noch? Rasch, Dietwald! Schürze deine Kutte, nimm das Griesbeil und den Basthut!“
Pater Desertus trat in die Klause.
Herr Heinrich blickte ihm nach mit sorgenvollen Augen. „Gespenster sieht er? Warte nur, wir wollen sie jagen!“
Zur Bergfahrt gerüstet, kehrte Desertus zurück.
Als sie den Wildbach entlang gingen, kamen sie zu einer Stelle, an der sich über moosigem Grund eine Bucht mit spiegelndem Wasser gebildet hatte.
„Herr Heinrich!“ sagte Pater Desertus und deutete in das Wasser.
„Was soll ich sehen?“
„Diese beiden: der eine trägt das Kleid der Kirche, der andere das Lederwams, die Armbrust und das Weidgehenk. Welcher von den beiden ist der Priester?“
Herr Heinrich lächelte. „Ich sehe nur zwei Menschenköpfe, der eine grau, der andere noch schwarz.“
Dem Pater voran überschritt er sicheren Ganges den schwankenden Steg.
Bei Einbruch der Dämmerung erreichten die Bergfahrer das Steintal in der Röt. Sie hatten im Almenwald die Bärenfährte auf dem Steig gefunden und die Spur, obwohl sie auf dem schneefreien Waldgrund nur mühsam zu erkennen war, über eine Stunde weit verfolgt — Desertus allen anderen voran. Ein übles Los hatte Frater Severin dabei gezogen; er fand den Mut nicht, allein auf dem Steig zu warten, so trollte er seufzend und keuchend hintennach, über Felsblöcke und Wurzelknorren,über Steinlöcher und Windbrüche.
Die Richtung der Fährte versprach Herrn Heinrich keine Jagd; der Bär hatte sich talwärts gegen den See gewendet.
Als der Propst, Herr Schluttemann und Pater Desertus den Steig wieder erreichten, mußten sie geraume Weile auf Frater Severin warten. Endlich kam er, und Herr Heinrich fand in des Fraters Aussehen alle Ursache, um zu sagen: „Bruder, ich schätze dich schon um fünf Pfund leichter. Gelt, das ist gesünder, als im Kellerstübl hocken und die neuen Fässer kosten?“
„Wenn Ihr es sagt, muß es wohl wahr sein!“ klagte Frater Severin und suchte an dem Kuttenärmel einen noch trockenen Fleck für seine Stirn. Im Weiterschreiten sandte er einen jammervollen Blick zum Himmel und seufzte: „Das Kellerstübl!“ Wie war es dort so schön, so kühl! Und durch die offene Tür sah man den schier endlosen Keller mit den vom Zwielicht umwobenen Fässern, die in Reih und Glied lagen, eine stattliche Armee von Sorgenbrechern. Besaß doch das Stift Berchtesgaden in der Umgebung von Krems und Klosterneuburg zahlreiche Weingüter: im Tailland, auf der Frechau, zu Oberndorf, Eisentür, Armstorf, Wank, Sattelsteig, Mörtal, Rechberg und Stein! Frater Severin war in keiner Litaneiso sattelfest wie in der Kunde dieser seinem Ohr so lieblich klingenden Namen. „Rechberg und Stein!“ Das Beste hob er sich immer für zuletzt auf; und der Klang dieser beiden Worte stimmte ihn so träumerisch, daß er, des Weges nimmer achtend, über ein Felsloch stolperte und seine Nase nur mit knapper Not vor einem unsanften Kuß der Mutter Erde bewahrte.
Wie eine Erlösung aus dem Fegfeuer begrüßte er bei Einbruch der Dämmerung den Anblick der beiden Jagdhäuser; es war wohl immer noch eine halbe Stunde zu steigen, aber er sah doch wenigstens die winkende Ruhe vor Augen.
Herr Heinrich, der gleichmäßigen, berggewohnten Ganges den anderen voranschritt, verhielt plötzlich den Fuß. „Mir ist, als hätt ich einen Ruf gehört.“
Sie blieben alle stehen und lauschten. Da klang es von der Höhe des Steintales nieder, von dort her, wo die Hütten standen, mit langgezogenem angstvollem Ruf: „Hoidoooh!“
„Eine Mädchenstimme!“ sagte Desertus. „Und sie klingt wie der Schrei eines verzweifelten Herzens.“
„Dort oben ist jemand in Not! Lasset uns rascher ausschreiten! Vorwärts! Vorwärts!“ befahl Herr Heinrich.
Als sie eine gute Strecke Weges weiter emporgekommen waren, klang abermals der Ruf: „Hoidoooh!Hoidoooh!“ Trotz der Dämmerung nahm Herr Heinrich mit seinem scharfen Auge auf einem vorspringenden Fels unfern der Jagdhütte die Gestalt des rufenden Mädchens wahr. Er höhlte die Hände um den Mund und gab den Ruf zurück.
Das Mädchen mußte den Ruf vernommen haben, denn man hörte einen Schrei, wie in Freude und doch in Jammer, und dann, vom Winde herabgetragen, die gellenden Rufe: „Leut! Leut! Um Gottes willen, da her, da her! Hoidoooh!“
„Diese Stimme!“ murmelte Desertus. „Ich habe sie schon gehört!“ Und den anderen voran eilte er, so rasch es der steile Weg gestattete, durch die Sunke des Tals empor. Herr Heinrich hielt sich nahe hinter ihm, Herr Schluttemann blieb keuchend zurück, Frater Severin rang atemlos die Hände und fiel auf einen Steinblock nieder.
Als Desertus den Fuß der letzten Höhe erreichte, kam Gittli mit jammernden Worten ihm entgegengestürzt.
„Sie ist es!“ stammelte er, und drückte, den Schritt verhaltend, die zitternde Faust auf seine Brust.
Nun stand sie vor ihm; wirr hingen ihr die Haare um das bleiche, von Angst verstörte Gesicht. Sie wollte sprechen, da erkannte sie ihn und erschrak. Sie machte eine Bewegung, als hätte sie fliehen mögen;aber die Sorge um jenen anderen bannte in ihr die Furcht vor diesem einen. Schluchzend fiel sie vor ihm nieder und schrie: „Helfet ihm! Helfet ihm!“
Er hob sie auf. „Wem soll ich helfen? Rede, Mädchen, rede doch!“
Da klang die Stimme Herrn Heinrichs: „Was ist geschehen?“
Gittli riß sich aus den Händen des Chorherren, eilte dem Propst entgegen, umklammerte seine Hand, und während sie ihn mit sich fortzog, zur Jagdhütte, klagte sie: „Ach, guter, lieber Herr, schauet, ich bitt Euch, helfet ihm, er muß versterben!“
„Wer, Mädchen, wer?“
„Der Haymo, der Haymo!“
„Mein Jäger? Was ist mit ihm? Ist er gestürzt?“
„Nein, nein, viel ärger noch! Es hat ihn —“ Ihre Stimme erlosch; sie durfte nicht reden, sie hatte geschworen! „Ich weiß nit, weiß nit,“ schrie sie auf, „ich hab ihn gefunden und hab ihn heimgebracht, gestern, und er hat so gut geschlafen die ganze Nacht. Und heut in der Früh, da hat er noch gern genommen, was ich ihm gekocht hab. Zu Mittag aber, da hat er angefangen, hat schiech geredet, hat um sich geschlagen, und allweil hat er aufspringen und fort wollen. Ich hab ihn gebittet und gebettelt, daß er sich halten soll und den Arm nit rühren.Und schauet, mit zwei Händ hab ich ihn heben und zwingen müssen. Und auf einmal ist er weggefallen, daß ich schon gemeint hab, er verlischt wie ein Licht. Und so liegt er noch allweil. Und einmal war ich bei ihm, und das andermal wieder bin ich hinausgelaufen und hab geschrien und geschrien, weil ich gemeint hab, es müßt und müßt wer kommen! Ach, was hab ich ausgestanden!“
Sie hatten die Hütte erreicht; Gittli eilte voran, Herr Heinrich und Desertus folgten. Auf dem Herde brannte ein flackerndes Feuer.
„Schauet her,“ stammelte Gittli, „da liegt er und tut keinen Rührer nimmer!“
Herr Heinrich trat an das Lager. „Licht, Dietwald, Licht!“ Desertus riß ein zur Hälfte brennendes Scheit aus dem Feuer und hob es über das Bett. Während Herr Heinrich den Kranken zu untersuchen begann, zog Gittli sich scheu in einen Winkel zurück; dort stand sie mit angstvollen Augen, die zitternden Hände am Mund.
„Was ist das? Ein Wundverband?“ Herr Heinrich richtete sich auf. „Hast du ihn angelegt?“
„Ja, Herr! Weil er geblutet hat!“
Jetzt stolperte Herr Schluttemann keuchend über die Schwelle. „Was gibt’s? Alle Wetter! Was gibt’s? Was gibt’s?“
„Seht nach, Herr Vogt, ob unsere Leute noch nicht kommen,“ sagte Herr Heinrich, „ich brauche das Kästlein mit Verband und Balsam.“
„Was fehlt dem Bursch?“
„Das werdet Ihr erfahren, wenn ich selbst es weiß. Geht!“
Herr Schluttemann war beleidigt und verschwand. Der Propst beugte sich wieder über Haymo. „Er schläft,“ sagte er nach einer Weile zu Desertus, „sein Herzschlag ist matt, aber ruhig, sein Atem gleichmäßig. Er mag einen schweren Anfall von Wundfieber überstanden haben und liegt nun in der Betäubung der Schwäche. Ich sehe keine Gefahr.“
Gittli faltete die Hände und rührte stumm die Lippen.
„Du dort, komm her!“ rief Herr Heinrich ihr zu. „Wie heißt du?“
„Gittli!“
„Komm her, Gittli! Und sag mir, was du alles getan hast zu seiner Hilfe.“
Zögernd kam sie näher, und nun erkannte er sie. „Warst du nicht vor wenigen Tagen beim Vogt? Du bist die Schwester Wolfrats, des Sudmanns?“
Gittli zuckte zusammen.
„So komm doch näher und rede! Was hast du für meinen Jäger getan?“
Die Hände zitternd, die Augen zu Boden gesenkt, gab sie mit stockenden Worten Bericht. Aufmerksam hörte Herr Heinrich zu, und Pater Desertus hing wie gebannt an Gittlis Zügen.
Als sie geendet hatte, blickte sie mit scheuer, stummer Frage zu Herrn Heinrich auf, als wollte sie sagen: „Hab ich auch nichts schlecht gemacht?“
Da kam Herr Schluttemann zurück. „Die Leut sind da,Reverendissime, hier ist das Kästl!“
Herr Heinrich nahm es. „Erwartet mich draußen und laßt mir niemand in die Stube! Frater Severin —“
„Er ist noch immer nicht da.“
„Wenn er kommt, soll er rasten und Atem schöpfen, dann soll er die Herrenhütte instand setzen. Der Walti mag hier bleiben, die vier Knechte sollen in den Almhütten nächtigen und morgen beizeiten wieder hier sein.“
Herr Schluttemann ging, und man hörte, wie er draußen mit den Knechten umschrie, als hätten sie Wunder was verbrochen. „Und morgen vor Tag seid ihr wieder da!“ schloß er sein donnerndes Kapitel. „Oder ich reiß euch die Ohren vom Kopf weg! Wurzweg!“
Je lauter er geschrien hatte, desto kleiner war Gittli geworden, desto tiefer hatte sie sich in ihren Winkel gedrückt.
Herr Heinrich entnahm dem Kästlein, was er brauchte, um einen neuen Verband anzulegen. Als er die mit Harz verklebte Leinwand von der Wunde löste, streckte sich Haymo stöhnend, schlug die Augen auf und schloß sie wieder.
„Dietwald, sieh her,“ rief Herr Heinrich erregt, „das ist keine Wunde, wie ein fallender Stein sie schlägt, oder wie man sie bei einem Sturz erhalten kann. Das ist ein Stich, ein Messerstich! Der Mann ist überfallen worden. Das hat ein Raubschütz getan, den der Jäger fassen wollte. Mädchen! Komm her zu mir!“
Gittli zitterte an allen Gliedern.
„Aber so komm doch! Sag mir: wo hast du ihn gefunden?“
„Draußen,“ lispelte sie mit versagender Stimme, „vor der Hütte.“
„Weit von hier?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Und wie kam es, daß du ihn fandest?“
Ratlos, mit angstvollen Augen, schaute sie zu Herrn Heinrich auf.
„Aber so rede doch! Ich will wissen, was dich zu der Stelle führte, an der du ihn fandest. Was hattest du hier oben zu schaffen?“
Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
„Ich bitt Euch, Herr Heinrich, quälet das Kind nicht!“ sagte Desertus mit schwankender Stimme. „Ich glaube den Grund zu kennen, der sie hierher geführt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein Kind.“
„Ein Kind des Wolfrat?“ Herr Heinrich ging auf das Mädchen zu. „Du wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkränzlein? Und da hast du den wunden Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast alles für ihn getan, was nur zu tun war?“ Er strich die Hand über Gittlis Haar. „Du bist ein braves, tapferes Mädchen. Ich will es dir und deinem Bruder danken.“
Gittli wandte sich ab und wankte zur Tür hinaus. Draußen fiel sie auf die Bank und weinte in heißem Kummer vor sich hin.
Walti kam herbei, zog ihr die Hände herab und schaute ihr ins Gesicht. „Jeh, du bist es? Warum heulst du denn?“
Sie riß sich los und schluchzte noch lauter.
„Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund wie ein Trumm Eisen. Und wenn’s auch ihm ein bißl weh tut, du spürst es ja nit!“ Er lehnte sich an die Hüttenwand und gähnte. Da sah er dicken Rauch aus der Herrenhütte qualmen. „Da schau! Der Frater feuert schon. Du!Da werden gute Sachen gekocht. Weißt, beim Heraufsteigen bin ich allweil hinter den Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah! Fein!“ Er schnalzte mit der Zunge. „Meinst du, wir kriegen auch was?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schlich er zur Herrenhütte und spähte durch die offene Tür.
Der Eingang führte in eine geräumige Küche mit offenem Herd; daneben lag eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gerät aus rötlichem Zirbenholz gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Küche stieg man über eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in genügender Menge aufgeschüttet war, um für ein halbes Dutzend Schläfer weiche Liegerstatt zu bieten.
Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin; er hatte die Ärmel der weißen Kutte aufgestülpt, eine blaue Schürze vorgebunden und war damit beschäftigt, ein ‚Spießchen Schwarzreiter‘ zu putzen, die, mit Eiern übergossen und am Feuer rasch gebacken, für den Abendtisch einen köstlichen Imbiß gaben.
Auf den Stufen vor der Tür der Herrenstube saß Herr Schluttemann, nachdenklich, mit gesträubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend. Die Geschichte mit Haymo war eine Nuß, die zu beißen gab. Des zwecklosen Grübelns müde, schüttelte erschnaubend das Haupt, fuhr mit den Fäusten durch die Luft und platzte los: „Teufel! Teufel! Wenn ich denke, daß ich jetzt drunten im Kellerstübl sitzen könnt!“
„Mit Pater Hadamar und dem Küchenmeister,“ schmunzelte Frater Severin, „bei Rechberg und Stein!“
„Höret auf, höret auf,“ stöhnte Herr Schluttemann, „ich kann’s nicht hören, es reißt mir die Seel aus dem Leib.“ Dann wieder in grimmige Melancholie versunken, fragte er: „Es ist doch wohl gesorgt für unseren Durst?“
Frater Severin zuckte die Achseln. „Wie es Herr Heinrich anbefohlen. Fünf Tage sollen wir bleiben. Zehn Flaschen sind befohlen. Rechnet aus, wieviel auf einen trifft!“
„Verflucht wenig!“ meinte Herr Schluttemann mit langem Gesicht. „Verflucht wehenig! Frater! Frater! Mir wird die Leber brandig werden. Ich kann das Wasser nicht vertragen. Aber schon gar nicht!“
Frater Severin betrachtete den unglücklichen Vogt mit zwinkernden Augen, dann leckte er die von den Schwarzreitern fett gewordenen Finger ab, trat auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Habt Ihr den Binkel gesehen, den der Walti getragen hat?“
„Ja, warum?“
Frater Severins Miene wurde immer geheimnisvoller. „Und habt Ihr’s nit scheppern hören in dem Binkel?“
Herr Schluttemann legte den Kopf auf die Seite und zeigte das Weiße in den Augen. Ein schüchternes Licht der Hoffnung schien in seiner trostlos finsteren Seele aufzudämmern. „Redet, Frater, was hat gescheppert?“
„Zehn heimliche Flaschen! Rechberg und Stein. Hinter der Hütte liegen sie in kühler Erde vergraben, und wenn Herr Heinrich schlummert, holen wir uns ein Pärchen.“
„Frater Severin, Ihr seid ein Heiliger!“ rief Herr Schluttemann und wollte dem Frater um den Hals fallen.
Der schob ihn von sich. „Nit so laut, Herr Vogt!“ Er schielte nach der Türe. „Herr Heinrich könnt uns hören.“
Des Fraters Sorge war unbegründet. Herr Heinrich weilte noch immer in der Jägerhütte. Er hatte einen neuen Verband um Haymos Wunde gelegt und den Arm in einer Schlinge befestigt, damit nicht eine ungestüme Bewegung des Schläfers eine neue Blutung hervorriefe. Nun blickte er suchend umher.
„Wo ist das Mädchen?“
Desertus ging rasch zur Türe. Vor der Hütte saß Gittli auf der Bank; ihre Tränen waren versiegt; verloren starrte sie hinaus in die sinkende Nacht. Desertus berührte ihre Schulter. Sie fuhr erschrocken zusammen und erhob sich.
„Komm, Gittli! Herr Heinrich fragt nach dir.“ Er nahm ihre Hand und führte sie in die Stube.
„Nun, willst du nicht sehen, wie es deinem Pflegling geht?“ sagte der Propst. „Komm her! Sieh nur, wie gut und ruhig er schläft!“
In wortlosem Danke wollte sie Herrn Heinrichs Hand küssen.
„Laß doch, du Kind!“ sagte er. „Ich habe zu seiner Rettung nicht das mindeste getan. Haymo wäre ein verlorener Mann gewesen ohne dich. Er hat dir allein zu danken, daß er nun leben wird.“
Ein Seufzer, heiß und freudig, schwellte Gittlis Brust. Mit leuchtendem Blick hing sie an Haymos blassen Zügen; dann fuhr sie mit der Hand über die feuchten Augen und wandte sich zur Tür.
„Wohin willst du?“ fragte Herr Heinrich.
„Jetzt braucht er mich nimmer!“ lispelte sie. „Heim will ich gehen.“
„Mädchen! Es ist finstere Nacht!“ sagte Desertus erschrocken.
„Ich fürcht mich nit. Es ist sternscheinig, denWeg kenn ich auch, und auf der Alm kann ich nächtigen.“
„Dort schlafen die Knechte!“ warf Herr Heinrich ein; dann lächelte er. „Und denke nur, wenn Haymo morgen erwacht und fragt nach dir? Was sollen wir ihm sagen? Willst du nicht bleiben?“
„Wenn ich darf?“ stammelte sie. „Schauet, Herr, ich nehm doch keinem seine Liegerstatt weg. Ich setz mich dort auf den Herd.“
Sie wollte in ihren Winkel schleichen, aber Herr Heinrich rief sie noch einmal zurück. „Gittli,“ sagte er freundlich, „du bist doch kein Kind mehr, du solltest nicht so herumlaufen.“ Er deutete auf ihre Arme, die bis über die Schultern nackt waren, und auf einen Riß, der in ihrem Hemd fast bis zum Gürtel ging.
Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ich hab mir die Ärmel weggerissen, weil ich das Leinen gebraucht hab. Für ihn.“
Da ging er auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte leise: „Deo placebis in nuditate tua!“ Und zu Desertus sich wendend, fuhr er in lateinischer Sprache fort: „Kann eines Fürsten Tochter reicher sein an edlen Steinen und Geschmeide, als dieses Bettelkind an Schätzen des Gemüts?“
Der Chorherr schwieg; seine träumenden Augenhingen an Gittli, die zum Herde ging, in ihre Jacke schlüpfte und sich leis in den Winkel kauerte.
Herr Heinrich war an Haymos Lager getreten und hatte seine Hand auf die Stirn des Schlummernden gelegt. „Das Fieber ist gemildert, und der Schlaf wird ihn erquicken. Er hat gesundes Blut und eine gute Natur. Ich hoffe, wir haben den Mann in drei Tagen wieder leidlich auf den Beinen. Ich will Wein herüberschicken, davon soll er bekommen, wenn er munter wird in der Nacht. Und Frater Severin soll bei ihm wachen.“
„Überlasset mir dieses Amt!“ sagte Desertus rasch. „Der Bruder ist müde.“
„Gut, so bleibe!“ Herr Heinrich reichte dem Chorherren die Hand, nickte Gittli mit freundlichem Lächeln zu und verließ die Stube.
Zu Häupten des Lagers setzte sich Desertus auf die Bank.
Es war still in der Stube. Gittli rührte sich nicht in ihrem Winkel; man hörte nur Haymos tiefe Atemzüge, und auf dem Herde knisterte es zuweilen noch leise in den glühenden Kohlen.
Draußen murmelte das Wasser, von der Herrenhütte herüber klang in Zwischenräumen die laute Stimme des Vogtes, und tief aus dem Steintal herauf ertönte der Gesang der vier Knechte, die zu denAlmen niederstiegen:
„Das HerzeleinIm HerzensschreinTut gar so weh dem schwarzen Knaben:Das braune Mägdlein möcht er haben,Ja haben,Wenn man es ihm nur gäb,Ja gäb, ja gäb!“
„Das HerzeleinIm HerzensschreinTut gar so weh dem schwarzen Knaben:Das braune Mägdlein möcht er haben,Ja haben,Wenn man es ihm nur gäb,Ja gäb, ja gäb!“
„Das HerzeleinIm HerzensschreinTut gar so weh dem schwarzen Knaben:Das braune Mägdlein möcht er haben,Ja haben,Wenn man es ihm nur gäb,Ja gäb, ja gäb!“
„Das Herzelein
Im Herzensschrein
Tut gar so weh dem schwarzen Knaben:
Das braune Mägdlein möcht er haben,
Ja haben,
Wenn man es ihm nur gäb,
Ja gäb, ja gäb!“
Nach einer Weile kam Walti, um den Chorherren zum Imbiß zu rufen; er brachte auch einen Teller für Gittli. „Du, das ist gut!“ flüsterte er dem Mädchen zu. „Ich hab’s auch schon verkosten dürfen, und was übrig bleibt, das krieg ich alles, hat der Frater gesagt.“ Gittli richtete sich auf und begann zu essen, während Desertus die Stube verließ. Als er die Herrenhütte betrat, sagte er zu Frater Severin: „Schickt ein Kissen und eine Lodendecke hinüber für das Mädchen; das Kind hat ein hartes Lager auf den Herdsteinen.“
Nun saßen sie beim Schein einer Kienfackel in der Herrenstube beisammen, der Propst, Herr Schluttemann und Desertus, der letztere schweigend in sich versunken, während Herr Heinrich und der Vogt die an dem Jäger verübte Untat besprachen. Herr Schluttemann beschwor die ganze Rache seines flammenden Zornes über das Haupt des Untäters, den er findenwollte, und wenn er sich auch in den untersten Schlupf der Hölle verkrochen hätte; sobald es Tag würde, gedachte er sich mit den Knechten auf den Weg zu machen, um in weitem Kreise rings um die Hütte jeden Busch und jede Felsschrunde zu untersuchen; ein Haken würde sich schon finden, an den der Faden eines Verdachtes sich anknüpfen ließe.
Als Desertus in die Jägerhütte zurückkehrte, fand er Gittli schlafend im Herdwinkel. Das Kissen, das ihr Walti gebracht, hatte sie unter Haymos wunden Arm gelegt; nur die Lodendecke hatte sie für sich behalten und zum Polster geballt unter ihren Kopf geschoben. So lag sie, die beiden Hände unter der Wange, die müden Glieder vom Schlafe sanft gelöst; sie schien auf den harten Steinen so gut zu ruhen, als läge sie in weichen Daunen. Die glimmenden Kohlen strahlten einen roten Schimmer über ihr Gesicht, so daß es aus dem Dunkel hervorleuchtete wie ein liebliches Rätsel.
Lange stand Desertus vor dem schlafenden Mädchen. Immer näher zog es ihn, er beugte das Knie, er streckte die Arme, er neigte das Gesicht in dürstender Sehnsucht. Da bewegte sich Gittli und stöhnte leis, wie unter schweren Träumen: „Haymo.“
Desertus taumelte zurück; die Hände vor das Gesicht schlagend, wankte er zur Tür und sank aufdie Schwelle nieder. „Herr! Herr! Du versuchest mich über meine Kräfte!“ rang es sich mit erstickter Stimme von seinen Lippen, und die brennenden Augen starrten hinaus in die Nacht, empor zu den ruhelos flimmernden Sternen.
In den Fenstern der Herrenhütte war das Licht schon erloschen; Herr Heinrich schlief. Durch die Klumsen der geschlossenen Türe quoll aber noch ein matter Schein; dort saßen Frater Severin und Herr Schluttemann beim erlöschenden Feuer auf dem Herdrand, leise plaudernd, mit dem ‚heimlichen Pärchen‘ beschäftigt, das sie aus dem Versteck hervorgeholt. Walti hockte in einem Winkel und vertilgte die Reste des Mahles; dann trank er noch einen Krug Wasser leer und kletterte über die Leiter hinauf ins Heu.
Als den beiden anderen ‚des Himmels höchste Gnade‘ zur Neige ging, bekam Herr Schluttemann seine üblichen ‚Zustände‘. Er schien völlig vergessen zu haben, wo er sich befand, wähnte im Kellerstübl zu weilen und fürchtete, daß mit jedem Augenblick die handfesten Boten der Frau Cäcilia eintreten könnten, um ihn zu holen. „Aber ich geh nicht, Bruder, ich geh nicht! Jetzt sitz ich einmal, Donnerwetter, und jetzt bleib ich!“ Frater Severin drückte ihm die Hand auf den Mund und zerrte ihn zur Leiter;mit aller Mühe, stoßend und schiebend, brachte er ihn endlich über die Leiter hinauf und warf ihn ins weiche Heu. „Cäcilia, Cäcilia, du treibst es heut wieder arg mit mir!“ brummte Herr Schluttemann, halb erstickt von dem über ihn herfallenden Heu. Eine Weile lallte er noch fort, dann begann er zu schnarchen. Frater Severin folgte diesem Beispiel, und da ging nun ein Sägen um die Wette los, daß Walti erwachte und kein Auge mehr schließen konnte; dazu hatte er bald eine Faust des Herrn Schluttemann im Gesicht, bald dessen Füße auf der Brust oder zwischen den Beinen; er verkroch sich in den äußersten Winkel, aber Herrn Schluttemanns Füße fanden den Weg zu ihm. Schließlich erhob er sich, glitt über die Leiter hinunter und legte sich auf den warmen Herd. Jetzt konnte er schlafen.
Nach Mitternacht bewölkte sich der Himmel, und ehe der Tag noch graute, begann ein warmer Regen zu fallen. Bei Anbruch der Dämmerung kamen die Knechte. Pater Desertus saß noch immer auf der Schwelle der Jägerhütte, mit bleichen, müden Zügen, die Augen heiß umrändert. Als er die Knechte gewahrte, erhob er sich und atmete tief, als wäre ihm die Nähe wachender Menschen willkommen. Einer der Knechte fragte ihn, was sie zu tun hätten. Er meinte, sie sollten sich, da Herrn Heinrich der Pirschgang auf den Auerhahn verregnet wäre, ruhig verhalten, bis die Schläfer von selbst erwachen würden.Dann trat er in die Hütte. Gittli war schon wach, sie stand über Haymo gebeugt, der noch immer ruhig schlief; als sie den Chorherren kommen hörte, trat sie scheu zurück, lispelte den Morgengruß und verließ die Hütte. Nach einer Weile kam sie wieder, gewaschen, mit frisch gezopften Haaren; sie schürte auf dem Herd ein Feuer an und ging geräuschlos ab und zu, um saubere Ordnung in der Stube zu machen. Als sie wieder einmal Wasser holte, wurde drüben an der Herrenhütte ein Fensterladen aufgestoßen.
„Guten Morgen, Gittli!“ rief Herr Heinrich.
Sie stellte die Wanne nieder und lief hinüber.
„Nun, wie geht es ihm?“
„Er schläft noch allweil, Herr, und ich mein’, der Schlaf hat ihm gut getan, denn er hat schon Farb im Gesicht.“
„Dann wird er wohl auch bald erwachen. Freust du dich schon?“
„Und wie!“
„Gelt, und du freust dich auch schon auf seinen Dank?“
„Den hab ich schon, Herr!“
„So?“
„Ja, gestern auf die Nacht, da hat er ein lützel reden können, und da hat er mir gleich ein Vergeltsgott gesagt.“
„Aber ich meine, du hoffst doch wohl noch auf besseren Dank?“ lächelte Herr Heinrich, während er sich breit ins Fenster legte.
Sie sah mit großen Augen zu ihm auf. „Was sollt ich noch wollen? Ich hab mein Vergeltsgott.“
Er betrachtete sie mit freundlichem Blick. „So? So?“ Und leise zuckte es um seinen Mund, als er sagte: „Freilich, mehr kannst du nicht verlangen von ihm. Aber jetzt geh nur, ich komme gleich hinüber.“
Hurtig lief Gittli davon, um aus dem Regen wieder unter Dach zu kommen.
Über diesem Zwiegespräch war Walti aus dem Schlaf erwacht. Er rieb sich erschrocken die Augen, als er den hellen Morgen schimmern sah, kletterte die Leiter empor und rief: „Frater! Frater! Stehet auf, der Herr ist wach!“
Frater Severin fuhr aus dem Heu wie der Hase aus dem Krautacker, wenn der Bauer kommt. Er packte seinen Schnarchgenossen an der Brust. „Herr Vogt! Auf! Auf! Auf!“
Herr Schluttemann drehte sich auf die Seite. „Aber Cäcilia!“
„Auf! Auf! Auf!“
„Aber Cäcilia!“ wimmerte Herr Schluttemann. „Geht denn der Teufel schon wieder los? Alle Tag und alle Tag! Nicht einmal ausschlafen soll derMensch können! Kreuz Teufel! Laß mich in Ruh! Oder ich fahr dir noch einmal mit groben Pratzen in die Zöpf!“
Frater Severin schüttelte seufzend den Kopf, überließ den Vogt seinem grausamen Traum und stieg mit starren Beinen über die Leiter hinunter.
Herr Schluttemann hatte sich tief eingewühlt in das Heu, als umschlänge er mit seinen Armen das Kissen, das er an jedem Morgen fest über die Ohren zu drücken pflegte, wenn Frau Cäcilia ihre Predigt begann. Die lautlose Ruhe, die ihn plötzlich umgab, mochte ihm als etwas Ungeheuerliches erscheinen. Er richtete sich erschrocken auf und starrte mit großen, runden Augen im Dämmerlicht des Heubodens umher.
„Ach sooo!“ flötete er, als er das stille Wunder langsam zu begreifen begann. Dann lachte er vergnügt vor sich hin. „Jetzt kann geschehen, was will, jetzt schlaf ich mich einmal aus!“ Sprach’s, legte sich wieder auf die Seite und streckte sich behaglich: „Aaah!“ Eine kleine Weile, und er schlief schon wieder.
„Herr Vogt!“ rief Frater Severin in der Küche. Herr Schluttemann hörte nicht.
„Vogt! Vogt! Wo seid Ihr?“ rief Herr Heinrich selbst. Vogt Schluttemann hörte nicht. „So laßtihn schlafen!“ lächelte der Propst. „Das irdische Vergessen ist über ihn gekommen.“ Er drohte mit dem Finger zum Heuboden hinauf: „Wartet nur, Vogt, der Morgen kommt schon wieder, da Euch die Donner des Gerichtes wecken!Dies irae, dies illa!“
„Jactat scopas turturilla!“[15]kicherte Frater Severin, die zweite Zeile der ernsten Hymne in seinem Küchenlatein lustig parodierend, und ließ sich vor dem Herde nieder, um mit vollen Backen in die Kohlen zu blasen.
Als Herr Heinrich hinüberging zur Jägerhütte, kam ihm Gittli entgegengelaufen. „Herr, Herr! Er wachet schon!“ stammelte sie. „Mein Gott, und so viel sorgen tut er sich, Ihr könntet ihm harb sein, weil ihm so was hat geschehen können.“ Die Freude redete aus ihr, aber es war eine zitternde Freude; nun konnte Haymo sprechen, nun mußte er sagen, was geschehen war.
Sie blieb, als Herr Heinrich die Hütte betrat, an der Türe stehen, Freude im Herzen, Angst in der Kehle.
Haymo saß aufgerichtet in seinem Heubett. „Herr Heinrich!“
Der Propst legte ihm die Hand auf den Mund. „Du sollst nicht sprechen, Haymo, ich will es so! Legedich zurück und laß mich nach deiner Wunde schauen! Dann sollst du essen und trinken und wieder schlafen, und wenn du dann gestärkt erwachst, dann setz ich mich zu dir, und du erzählst mir alles. Und mach dir keine dummen Sorgen! Du bist Haymo, mein treuer Jäger! Hast ja deine Treue mit deinem Blut besiegelt.“
„Herr Heinrich —“
„Wirst du schweigen!“ schalt der Propst und drückte den Jäger mit sanfter Gewalt auf das Kissen zurück.
Gittli atmete auf; und da sie in der Jägerhütte nun entbehrlich war, lief sie hinüber in das Herrenhaus.
„Frater? Kann ich Euch nit helfen?“
„Ei freilich, mein Dirnlein, schürz dich, tummel dich!“ Und im Hui hatte er ein Dutzend Aufträge für Gittli bereit.
Sie griff mit flinken Händen zu, trug alles herbei, was der Frater in der Küche brauchte, brachte Ordnung in die Schlafkammer und machte die Herrenstube spiegelblank.
Draußen ‚schnürelte‘ der Regen, und die Knechte, die unter dem vorspringenden Dach der Herrenhütte an die Balkenwand gelehnt standen, sangen mit leisen Stimmen, um sich die nasse Zeit zu vertreiben.
Als Herr Heinrich mit Desertus aus der Jägerhütte trat, sagte er: „Dein Aussehen ist schlimm, Dietwald. Die Nachtwache hat dich erschöpft.“
„Ja, Herr!“
„Aber ich hoffe, es hat dich in dieser Nacht dein Gespenst in Ruhe gelassen?“
„Meint Ihr?“
„Dietwald!“
„Es weilte mit mir unter einem Dach die ganze lange Nacht.“
Herr Heinrich schwieg, den Pater mit forschendem Blick betrachtend. Dann sagte er: „Komm, lege dich schlafen, du bist ermüdet.“
Sie betraten die Herrenhütte; Desertus ging in die Schlafkammer und warf sich auf das Lager, doch seinen Augen war es anzusehen, daß sie den Schlummer nicht finden würden. Herr Heinrich füllte einen Becher mit Wein und goß dazu einige Tropfen aus einer Phiole, die er seinem Arzneikästlein entnommen hatte. „Trink, Dietwald, das wird dir Schlaf bringen!“
Desertus leerte den Becher. Und es währte nicht lang, so lag er mit geschlossenen Lidern, tief atmend, in schwerem Schlummer.
Herr Heinrich wollte ins Freie treten, da sah er Gittli in der Küche schaffen. Ein Gedanke schien ihnzu befallen, er schüttelte wie abwehrend den Kopf, doch immer wieder kehrte sein Blick zu dem Mädchen zurück.
„Gittli!“
Sie säuberte die Hände an der Schürze und kam auf ihn zugegangen. „Ja, Herr?“
„Erzähl mir doch, hast du dich mit dem Chorherren auch gut vertragen die lange Zeit vom Abend bis zum Morgen?“
„Allweil gut!“ meinte Gittli mit scheuem Lächeln. „Der Pater hat gewachet, und ich hab geschlafen.“ Als müßte sie sich entschuldigen, fügte sie bei: „Ich bin so viel müd gewesen.“
„Immer geschlafen? Die ganze Nacht?“
„Gott behüt, Herr!Diesmal bin ich schon aufgekommen.“
„Nun? Und dann habt ihr wohl miteinander Haimgart gehalten, gelt?“
„Aber Herr!“ sagte sie ganz erschrocken. „Wie tät ich mir denn einfallen lassen, daß ich haimgarten wollt mit so einem Herrn. Ich bin allweil gelegen und hab keinen Muckser getan.“
„Und er? Er wird doch mit dir geredet haben?“
„Kein Sterbenswörtl! Ich glaub, er hat mich gar nit gesehen. Allweil ist er gesessen und hat blinde Augen gemacht, als tät er einwendig schauen.“
„Einwendig schauen?“ wiederholte Herr Heinrich und nickte vor sich hin. „Aber sag, hast du ihn schon öfters gesehen?“
„Zweimal, Herr! Das erstemal drunten am Seesteig.“ Sie stockte; denn sie durfte Herrn Heinrich doch nicht sagen, welchen Schreck sie damals empfunden hatte — Schreck und Furcht vor einem Gottesmann! Leise sprach sie weiter: „Und das andermal am Ostertag.“ Da kamen ihr die Tränen.
„Was hast du, Gittli, warum weinst du?“
„O mein Gott, schauet, Herr, er ist dazugekommen, wie unser Kindl hat verscheinen müssen, unser liebes, gutes Kind!“
„Komm, Gittli, komm, setz dich!“ Er führte sie zu einer Bank. „So! Und jetzt sage mir, wie war es mit dem Kind?“
Unter Tränen erzählte sie in ihrer schlichten Weise von Mimmidatzis kurzem Leben. „Schauet, Herr, wie ein Lichtkäferl ist das Kind gewesen in unserem Sorgenhaus, wie ein Blüml im Winter, und in aller Herzensnot wie ein Stückl ewiges Brot, von dem man allweil hat zehren können, und es ist doch nit weniger worden. Und jetzt hat’s verscheinen müssen! Warum denn? Warum?“
Frater Severin klapperte am Herd mit seinen Pfannen; ein Zittern war ihm in die Hände gekommen;auch mußte ihm was ins Auge geflogen sein, denn er wischte immer, aber es wollte nicht helfen.
Herr Heinrich hielt die Hände des Mädchens gefaßt und blickte tiefbewegt in Gittlis Gesicht, das von Tränen überronnen zu ihm emporgerichtet war, wie einer tröstenden Antwort harrend.
Hätte nicht das Feuer geknistert, der Regen über dem Schindeldach geplätschert und Herr Schluttemann auf dem Heuboden ein klein wenig geschnarcht, es wäre ganz still gewesen in der Küche.
„Warum? Ja, warum?“ Herr Heinrich setzte sich an Gittlis Seite. „Das fragst du? Das weißt du nicht? So ein kluges Dirnlein wie du? Geh doch, Gittli, wie kannst du nur so fragen?“
Sie wurde verlegen und suchte nach Worten. „Weil ich’s halt doch nit weiß, Herr!“
„Aber freilich weißt du es! Welch ein liebes, holdes Kind euer Mimmikätzlein war, das weißt du doch, gelt?“
„Ja, Herr, ach ja, ja, ja!“
„Und nun denke dir: wenn das Kind hätte leben müssen und Schmerzen leiden und siechen, und böse Menschen hätten es gestoßen, getreten und geschlagen, und es hätte Unglück über Unglück erfahren, Kummer über Kummer, Not und Elend? Und du und desKindes Mutter, ihr hättet das alles mit ansehen müssen? Hätt euch das im Herzen nicht weher getan als jetzt, weil es verschienen ist?“
„Ach Gott!“ klagte Gittli und wehrte mit beiden Händen, als wollte sie den Gedanken, daß ihr Mimmidatzi hätte leiden müssen, gar nicht eindringen lassen in ihr Herz.
„Gelt? Da ist halt wieder einmal der liebe Herrgott gescheiter gewesen, als wir alle miteinander. Der hat sich gedacht: nein, so was laß ich nicht kommen über das liebe gute Kind, da nehm ich es lieber zu mir herauf in meinen Himmel und mach ein Englein aus ihm, damit es in Freude und Glückseligkeit hinunterlachen kann auf sein Heimatl, und damit es ein fester Schutzengel sein soll für seine lieben Leut!“
„O mein, brauchen täten wir freilich einen!“ seufzte Gittli tief auf; und zu Herrn Heinrich emporblickend sagte sie: „Schauet, Herr, ich hab mir allweil so was gedacht, aber ich hab mir’s halt völlig nit sagen können.“
„Gelt, siehst du, daß du es weißt!“
„Ja, und es muß auch wahr sein, denn hätt ich den Schutzengel nit gehabt, ich hätt den Haymo nimmer finden können, und jede Stund derzeit, Tag und Nacht, hab ich das Kind allweil bei mir sitzensehen, und allweil hat’s mich angelacht. Gelt, Herr Heinrich, unser Herrgott ist doch ein guter, guter Mann?“
„Das mein’ ich! Und drum sei gescheit, Gittli, verlaß dich nur auf ihn und wisch dir die Zähren ab! Und dann laß dir vom Frater Severin eine tüchtige Schüssel voll Suppe geben, trag sie hinüber zum Haymo und sorge dafür, daß er tüchtig ißt.“
Jetzt lächelte Gittli. „Da seid nur ganz ruhig, Herr Heinrich, ich will schon hineinstopfen in ihn, was Zeug hat!“
Frater Severin kam bereits mit der Schüssel. „Nimm, Dirnlein, nimm!“ flüsterte er und zwinkerte mit freundlichen Augen. „Die besten Bröcklen hab ich für ihn gefischt.“
„Vergeltsgott!“ sagte sie, nahm die Schüssel und ging mit achtsamen Schritten davon, die Augen starr auf die Suppe gerichtet, um nur ja keinen Tropfen zu verschütten.
Herr Heinrich blickte ihr lächelnd nach. „Warum? Warum? Du alte, ewig menschliche Frage! Wärst du doch in jeder Brust so leicht zu geschweigen, wie in dem Herzen dieses Kindes!“
Als er die Herrenstube betreten wollte, fühlte er einen Kuß auf seiner Hand. Frater Severin stand vor ihm mit brennender Nase.
„Wie, Bruder? Auch du gerührt?Mens agitat molem?“ lachte Herr Heinrich. „Aber es hilft dir nichts! Der Bauch muß weg.“
„Herr Heinrich!“ schmollte der Frater und zeigte eine gekränkte Miene. „Wenn Ihr meinet, daß ich es deshalb tat, dann —“ Er streckte den Bauch heraus und trommelte mit beiden Händen drauf. „Dann nehmet nur gleich ein Messer und schneidet zu! Ich will stillhalten!“
„Bruder! Bruder!“ drohte Herr Heinrich. „Wenn ich dich beim Wort nähme? Doch sei beruhigt, ich tu’s nicht. Es ginge dir ans Leben. Und wer brächte mir dann die Suppe? Denn mich hungert, Bruder!“
Frater Severin rannte, daß die Kutte flog.
Inzwischen hatte Gittli die Jägerhütte erreicht, in welcher Walti plaudernd bei Haymo saß. „Da schau,“ sagte sie, „was ich da jetzt bring!“
Haymo richtete sich auf. „Gittli!“ Hätte er tausend Worte gesprochen, er hätte mehr nicht sagen können, als was der Klang dieses Namens verriet und was der leuchtende Blick seiner Augen sprach.
„Du! Jetzt tu nit reden!“ drohte sie. „Jetzt mußt du essen! Und alles! Bis auf das letzte Bröserl!“ Sie setzte sich auf den Rand des Lagers und zog das Knie herauf, um eine Stütze für die Schüsselzu haben. Er begann zu essen, und bei jedem Löffel, den er nahm, sah er zu ihren Augen auf; und immer wieder nickte sie ihm zu und lächelte: „Gelt, das schmeckt?“
Walti steckte die schnuppernde Nase in den Suppendampf. „Kruzi, Kruzi, wenn ich allweil solche Sachen kriegen tät, da ließ ich mir auch eins auf den Buckel stechen von so einem schlechten Kerl!“ Er griff mit beiden Händen zu, denn die Schüssel wackelte bedenklich zwischen Gittlis Händen. „Was machst du denn? So halt doch fest!“ Und zu Haymo sich wendend, fragte er: „Sag, Jäger, du mußt aber doch wissen, was es für einer war?“
Haymo schüttelte den Kopf. „Sein Gesicht war angerußt.“
Tief atmete Gittli auf; dann sagte sie zu Walti: „Geh, tu den Becher spülen! Jetzt muß er den Wein kriegen!“
Der Bub nahm den Becher vom Tisch und rannte hinaus.
„Haymo,“ stammelte Gittli mit raschen, leisen Worten, „gelt, wenn sie dich ausfragen, nachher sag’s nit, daß es beim Kreuz geschehen ist!“
„Warum nit?“
Sie senkte den Kopf. „Weil ich dich bitten tu!“
Er nickte vor sich hin. „Ich weiß schon, wie du’smeinst! Gelt, weil sie Gottesleut sind? Und müßten sich kränken, wenn sie hören täten, daß ihr Herrgott so was hat geschehen lassen.“ Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund. „Zu mir hat er reden mögen! Warum denn hat er nit auch zum anderen sagen können: tu’s nit, tu’s nit?“
Gittli hing an ihm mit angstvollen Augen; sie verstand den Sinn seiner Worte nicht. „Haymo —“
Sie konnte nicht weitersprechen, denn Walti kam zurück. Mit zitternder Hand reichte sie dem Jäger den gefüllten Becher, den er dürstend leerte, mit dem Becher zugleich ihre Hand gefangen haltend. Als er dann aufblickte zu ihr mit glänzenden Augen, flüsterte er: „Nein, Gittli, nein, ich darf nimmer fragen: warum? Ich weiß schon, warum er’s hat geschehen lassen. Ich weiß es!“ Er zog ihre Hand mit dem Becher an seine Brust.
Sie ließ ihn gewähren und stand, als wüßte sie nicht, wie ihr geschähe. Und da er ihre Hand nun freigab, blickte sie auf, wie erwachend, nahm wortlos die Schüssel und ging zur Türe.
„Gittli!“ rief er ihr leise nach. „Kommst du bald wieder?“
„Wohl, Haymo!“ lispelte sie und verließ die Hütte.
„Hohohoho!“ lachte Walti auf, klemmte die Händezwischen die Knie und schüttelte vor Vergnügen die Schultern.
„Was hast du denn, dummer Bub?“
„Ich weiß auch was! Hohohoho! Ich weiß auch was!“ Kichernd steckte Walti den Kopf in den Winkel zwischen Bett und Bank.
Draußen vor der Hütte stand Gittli, fuhr mit dem Rücken der freien Hand über ihre heißen Wangen und stammelte: „Was weiß er denn? Was kann er denn wissen?“ Zögernd ging sie der Herrenhütte zu.
Einer der Knechte kam ihr entgegen; er hätte ihr eine Botschaft auszurichten. Ihr Bruder, der Sudmann, wäre in der Nacht zu den Almen gekommen und hätte gejammert, daß seine Schwester seit zwei Tagen abginge, und daß kein Mensch wüßte, wohin sie gekommen wäre. Als ihm die Knechte erzählten, daß seine Schwester den Jäger todwund gefunden und in der Hütte gepflegt hätte, bis die Herrenleute kamen, da hätte er sich vor Staunen kaum fassen können; jedes Wort, das er gesprochen, wäre ein Lob für seine Schwester gewesen; und sie sollte nur ja in der Hütte bleiben, solang die Herrenleute sie nötig hätten; er selbst wäre gern noch zu ihr hinaufgestiegen in die Röt; aber da er nun wüßte, daß sie wohlauf und sicher geborgen wäre — hätte ergesagt — so wollte er lieber wieder heimlaufen, um die Schicht im Sudhaus nicht zu versäumen. Er täte die Schwester recht schön grüßen lassen.
Mit Bangen und Zittern hörte Gittli diese Botschaft an, die sie nicht zu verstehen vermochte. Wie wäre es ihrem kindlichen Sinn auch beigefallen, daß Wolfrat diesen Gang zur Alm, wo er die Knechte zu finden hoffte, nur getan hatte, um einen drohenden Verdacht von sich abzuwenden. Wenn er die Schwester hatte gehen lassen, ohne sich weiter um ihr Verbleiben zu kümmern, dann mußte er wissen, weshalb sie gegangen war, wissen, wo und weshalb sie blieb.
Als Gittli die Herrenhütte betrat, kam sie gerade recht, um Herrn Schluttemanns Auferstehung mitzufeiern. Sein Kopf erschien über dem Rand des Heubodens. Wo aber hatte er das Gesicht gelassen, das er sonst an jedem Morgen zu zeigen pflegte? Jenes zornbrennende Gesicht mit den finster gerunzelten Brauen, den rollenden Augen und dem gesträubten Schnauzer? Er schien sich verwandelt zu haben in diesem langen Schlaf. Sanft hing ihm der Schnauzbart über den Mund, lustig blitzten seine Augen, und mit einem Gesichte, lachend bis zu den Ohren, stieg er über die Sprossen nieder, Frater Severin meinte: wie der strahlende Erzengel Gabriel herunterkommt über die Himmelsleiter.
Auf der Erde angelangt, streckte und dehnte sich der Vogt, rieb vergnügt die Hände, schüttelte die Heufäden von seinem Wams, schlug den Frater mit der flachen Hand auf die breite Schattenseite, daß die ganze Kutte wackelte, kneipte Gittli in die Wange und trat mit fröhlichem Gesicht in die Herrenstube. Und während nun Stunde um Stunde verging, hörte man seine lachende Stimme an allen Ecken und Enden, bald im Herrenhaus und bald in der Jägerhütte. Hier wurde er freilich von Herrn Heinrich ausgetrieben, um Haymo einen ruhigen, stärkenden Schlaf zu sichern.
Einige Stunden nach Mittag versiegte der Regen, die Wolken klüfteten sich, und die Sonne warf, ehe sie hinter die Berge sank, noch einen goldigen Schein über die beiden Hütten.
Herr Heinrich nahm die Armbrust hinter den Rücken und stieg zum Kreuzwald empor; der Vogt machte sich mit den Knechten auf die Suche, und Desertus wanderte einer nahen Felshöhe zu; dort sah ihn Gittli auf einem Steinblock sitzen, bis der Abend dämmerte. Haymo schlief, und Gittli weilte mit Frater Severin und Walti auf der Bank vor der Hütte, mit halbem Ohr nur hörend, was die beiden plauderten; in Sorg und Unruh glitten ihre Blicke immer wieder hinüber nach dem Steintal; die bitterste Angst war aber doch von ihr genommen.Sie hatte jetzt einen Schutzengel, der droben im Himmel sorgte für sie, für den Wolfrat und die Seph. Und was der Bruder auch gesündigt — sie hatte es doch ein lützel wieder gut gemacht.
Der erste, der zurückkam, war Herr Schluttemann. Er hatte nichts gefunden, rein gar nichts! Der Regen hatte Haymos blutige Fährte und die Schweißspur des verschleppten Steinbocks ausgelöscht. Ja, der Schutzengel!
Bei Anbruch der Nacht kam der Propst mit Pater Desertus zurück. Herr Heinrich hatte eine Fehlpirsch auf den Auerhahn getan. Beim Niederstieg hatte er einen Luchs aufgegangen und dem fliehenden Raubtier einen Bolzen nachgeschickt. Nun sollten zwei der Knechte während der Nacht hinuntersteigen zum Kloster, um die beiden Schweißhunde zu holen: die Hel und den Weckauf. Einem der Knechte befahl Herr Heinrich, im Hause des Sudmanns vorzusprechen, um für Gittli mitzubringen, was sie nötig hätte an Gewand und Wäsche. Bald nachdem der Abendimbiß genommen war, wurde es still in den beiden Hütten; Gittli und Walti wachten bei Haymo; Herr Heinrich, der vor Tag wieder auf den Beinen sein wollte, hatte sich zur Ruhe begeben, und Desertus mußte seinem Beispiel folgen. In der Küche saßen Herr Schluttemann und Frater Severin am Herd. Alsder Vogt meinte, daß Herr Heinrich schon in Schlaf gesunken wäre, verließ er die Hütte und holte das zweite ‚Pärchen‘ aus dem Versteck. Schwer seufzend wandte Frater Severin sich ab, als Herr Schluttemann die eine der beiden Steinflaschen zwischen die Knie nahm, um mit hochwichtiger Sorgfalt den mit Wachs verklebten Pfropf zu lösen. Einen langen, langen Zug tat der Vogt, dann reichte er die Flasche dem Bruder. „Tauchet an, Frater!“
Ein stummes Kopfschütteln war die Antwort.
Herr Schluttemann erschrak. „Bruder? Seid Ihr krank?“
„Nein. Aber ich will nit trinken. Heut treib ich keine Heimlichkeit. Herr Heinrich war so gut zu mir.“
„Tatata! Das ist eine Ausred! Wer nicht trinken will, hat entweder ein böses Stück getan oder will’s begehen. Zeiget, daß Ihr ein unschuldig Herz habt! Schluck, schluck!“
„Ich hab keinen Durst!“ sagte Frater Severin und seufzte tief.
„Tatata! Durst? Durst? In unserer unschuldigen Zeit trinken nur zu viel ohne Durst. Und billig! Man trinkt für den zukünftigen. Kauft in der Not, so sagen die Quacksalber, dann habt ihr’s im Tod!“
„Jetzt hab ich’s einmal gesagt,“ seufzte FraterSeverin, „ich trink nit!“
„Tatata!“ Herr Schluttemann faßte des Fraters Kutte und zog ihn zu sich nieder. „Kommt her, Frater, setzet Euch zu mir, ich will Euch ein Liedl singen, das soll Euch ins Gewissen reden!“ Er schlang seinen Arm um den des Fraters, schwenkte die Flasche und sang mit leiser Stimme: