Desertus und Herr Heinrich waren allein. Sie mußten warten, bis das Schiff von Bartholomä zurückkam, um sie abzuholen.
„Komm, Dietwald, mir graut vor diesem Fleck Erde!“ sagte Herr Heinrich und schritt dem Chorherren voran der Klause zu. Schweigend folgte Desertus; immer wieder blieb er stehen und preßte die Fäuste auf seine Brust.
Nun saßen sie auf der Bank. Herr Heinrich seufzte: „Ein böser Tag! Ich glaubte ein Menschenleben gerettet zu haben, und nun ist es verloren.“
„Und ein Mund geschlossen, der nur halb geredet!“ sagte der Chorherr mit fiebernden Worten. „Doch nein, nein, nein! Muß ich noch warten auf dieses Mannes Rede? Es redet doch mein Herz! Wie blind waren meine Augen, wie taub und irrend meine Sinne, daß ich die Wahrheit nicht ahnte, nicht gleich erkannte. Es ist mein Kind! Und doch — was hätt ich nicht gegeben für ein klares, unumstößliches Wort. Ach, Herr! Weshalb habt Ihr mich nicht gehen lassen mit diesem Manne?“
„Weil du noch reisen wirst in dieser Nacht.“
Desertus sprang auf. „Das könnt Ihr begehren von mir? Jetzt? In dieser Stunde? Da die Brust mir springen will vor Bangen und Hoffen? Da ich in Sehnsucht die Arme strecke nach meinem Kind?“
„Pater Desertus? Ein Mönch?“ fiel Herr Heinrich mit ernsten Worten ein. „Ich verstehe deine Rede nicht. Ein Irrwahn ist aus deinem Herzen gerissen, und schon droht dich ein neuer zu verschlingen und dich vergessen zu machen, daß mit der Stunde, da du in Gottes Haus getreten, ein eisern Tor sich geschlossen hat zwischen dir und allem, was in der Welt liegt. Ich trage selbst die Schuld daran, denn ich hätte schweigen sollen von dieser Ahnung, die auch jetzt noch keine Gewißheit ist. Unterbrich mich nicht! — Und so fühle ich doppelt die Pflicht, dich einem neuen Kampfund Zwiespalt zu entreißen. Du wirst reisen noch in dieser Nacht. Dein Propst befiehlt es.“
Desertus schlug die Hände vor das Gesicht.
Herr Heinrich zog sie ihm nieder. „Nun komm und setze dich zu mir! Jetzt will Heinrich von Inzing reden mit seinem Freunde Dietwald.“
Desertus fiel auf die Bank und drückte die Stirne an Herrn Heinrichs Schulter.
Eine Weile schwieg der Propst; dann sagte er: „Höre mich ruhig an! Und wenn dein Herz nicht verstummen will, so halte die Lippen fest! Ich gebe zu: diese seltsame Ähnlichkeit und auch schon das halbe Geständnis, das der nahende Tod diesem armen Menschen entpreßte, das sind verführerische Zeugen. Aber wie zweifelhaft sie auch wieder sind, das magst du daraus entnehmen, daß du selbst ohne mein unvorsichtiges Wort mit keinem Gedanken auf solchen Zusammenhang geraten hättest. Siehst du? Nun läßt du den Kopf wieder hängen! Noch darfst du keine Gewißheit hegen. Kaum eine zitternde Hoffnung! Die laß ich dir. Denn ich kann sie dir nicht mehr nehmen. Aber sie zittert, Dietwald! Wenn dieses Mädchen schon nicht die Schwester des Sudmanns ist, muß es deshalb die Tochter jenes Grafen Dietwald von Falkenberg sein, der, wenn ich mich recht entsinne, gestorben ist für die Welt? Kann das Mädchennicht auch eines andern Vaters — Sprich nicht, Dietwald, denn ich muß dir weh tun, wenn die mögliche Enttäuschung dich nicht mit doppeltem Schmerz beladen soll.Mußdeine Burg die Heimat dieses Kindes gewesen sein? In dieser mörderischen Zeit, in der man Burgen wirft wie Maulwurfshügel und Schlösser niederbrennt wie Flachs in den Kunkelstuben? Ist es in solcher Zeit ein so seltener Fall, daß sich ein Herrenkind in die Bauernhütte verirrt? Doch wer auch der Vater dieses Kindes sein mag — eines wissen wir gewiß: es ist ein Herrenkind, und ich will es seinem Stande zurückgeben, will ihm zu seinem Recht verhelfen. Auch hier, Dietwald, kann ich nicht wissen, nur hoffen, daß dieses Kindes Recht auch sein Glück sein wird. Schon morgen send ich das Mädchen in das Heim der Domfrauen nach Salzburg.“
„Fort von hier?“ stammelte Desertus.
„Ja, Dietwald! Fort vor allem! Aus einem zwingenden Grunde.“
„Herr?“
„Das Mädchen liebt den Jäger.“
Desertus erschrak. „Ein Kind?“
„Ein Kind, das ein Augenblick herzbrechender Angst zum Weibe machte. Noch weiß sie selbst nicht, daß sie aus Liebe tat, was sie getan. Ich hoffe von ihrer Jugend, daß dieses Gefühl noch nicht so fest verwurzeltist, um sich nicht wieder zu lösen in langer Entfernung, unter neuen, überraschenden Eindrücken. Um meinen guten, treuen Haymo ist mir leid. Er wird das Mädchen nie vergessen. Er hat um ihretwillen getan, was er nicht getan hätte um sein Leben; er hat seiner Pflicht zuwider den Raubschützen verleugnet. Er wird schwer gestraft, der arme Bursch.“
„Daß doch keine Freude blühen kann, ohne Schmerzen zu reifen!“
„Wir wollen sehen. Ich tue, was ich muß. Alles andere liegt nicht in meiner Hand.“
„Was meint Ihr, Herr?“
„Nichts!“ sagte Herr Heinrich, wie aus Gedanken erwachend. „Morgen schicke ich das Mädchen fort. Niemand darf erfahren, weshalb. Alles soll erscheinen wie eine Laune von mir, die das Glück dieses Kindes will. Wir dürfen sie in das neue Leben nur langsam einführen, nur vorsichtig. Oder aus diesem scheuen Häslein wird eine junge Löwin, die sich wehrt. Es steckt Blut in diesem Kind. Weißt du, was sie gesagt hat, als sie dem Haymo von ihrer Begegnung mit einem Bären erzählte, und der Jäger erschrocken fragte, was sie getan haben würde, wenn der Bär sie angenommen hätte? Sie sagte: ‚Ich weiß es selber nit, aber wenn er gekommen wär, ich glaub wohl, daß ich zugeschlagen hätt!‘“
Desertus drückte die Fäuste auf seine Brust, und es blitzte in seinen feuchten Augen.Dassollte sein Kind nicht sein?
„Und ich glaube, Dietwald, wenn du jetzt vor sie hintreten und ihr sagen wolltest, ein König wäre ihr Vater, eine Königin ihre Mutter — sie würde den Kopf schütteln, minder in Unglauben als in Unwillen. Selten noch hing ein Kind an seinen leiblichen Eltern mit solcher Liebe und Verehrung, wie dieses Mädchen an den Bettelleuten, die seine Pfleger wurden.“
„Und seine Liebe genossen!“
„Nein, Dietwald, sage: seine Liebe verdienten, so sehr, daß die Stimme der Natur zum Schweigen kam und sich verwandelte. Es wird lange währen, bis mit diesem Kind von einem neuen Vater zu reden ist. Sie darf, daß sie ein Herrenkind ist, nicht erfahren, bevor sie sich nicht ans Herrenleben gewöhnt hat. Inzwischen, und während du fort bist, will ich forschen. Und wenn auch der Mund, den dieser Tag geöffnet und geschlossen, nicht wieder reden sollte —eineFährte wird sich wohl finden lassen, der ich folgen kann. Und gebe Gott, daß ich dir gute Botschaft senden darf.“
„Und dann, dann,“ stammelte Desertus, „wenn ich sie auch nicht halten darf in meinen Armen, wieein Vater sein Kind, so darf ich mich ihrer doch freuen in verschlossenem Herzen, mich erquicken an ihrem sonnigen Dasein, darf bauen helfen an ihrem Glück!“
Es war Nacht geworden; hoch vom Himmel funkelte in die enge Schlucht hernieder ein heller Stern; der Wildbach rauschte, und plätschernd gingen die Wellen im See.
„Dietwald? Wie lang ist es her, daß wir so wie jetzt an dieser Stelle saßen? Damals schien die Sonne.“
„Und es war Nacht in mir. Jetzt liegt die Finsternis um mich gebreitet, und eine Freude geht auf in meinem Herzen, hell wie ein Frühlingstag.“ Desertus stürzte auf das Knie. „Herr Heinrich! Mein Falter fliegt.“
„So?“ lächelte der Propst. „Mir scheint, er liegt erst recht zu Boden. O du Mensch!“ Zärtlich strich er die Hand über den Scheitel des Chorherren.
„Als ich den Bären jagte in meinem Forst, ward mir mein Dirnlein geboren. Als ich den Bären schlug in diesem Wald, ward mein Kind mir neu gegeben. O Wege Gottes!“
„Natürlich! Der liebe Gott muß eigens die Bären erschaffen und von ihnen die Menschen zerreißen lassen, nur damit du seine Wege erkennst!Du Fliege du! Gib acht, daß du dir die Flügel nicht versengst! Nun aber steh auf! Ich höre die Ruder klatschen. Es ist Zeit, daß du reitest und Arbeit findest. Undwiegedich nicht in der Hoffnung! Sie soll dichbeleben! Du nimmst ein schweres Werk auf dich. Sie haben harte Köpfe, der Papst und seine Kardinäle. Aber schlage dich für deinen Kaiser, als trügest du noch die Rüstung und das Schwert. Und wenn du vor dem Papste stehst, so sei vorerst ein Mann! Vergiß aber auch nicht, daß du ein Priester bist. Und sollte der Papst dich fragen, weshalb sein ‚getreuer Kaplan‘ Heinrich von Berchtesgaden der Satzung zuwider die Kirchen offen hält und die Sakramente spendet, derweil der Kaiser im Bann ist, so sag ihm mit meinen ehrfurchtvollsten Grüßen: erstens, weil meine Bauern und Lehensleute die Kirche und die Sakramentebrauchen— zweitens, weil Heinrich von Inzing eindeutscherKirchenfürst ist, und inhoc titulosteht das Deutschvorder Kirche — und drittens — da kannst du wieder von vorne anfangen. Jetzt aber komm! Dort warten sie mit dem Schiff.“
Herr Heinrich schritt dem Ufer zu. Desertus eilte in die Klause; als er wieder ins Freie trat, hielt er Gittlis Veilchenkränzlein in den Händen; er drückte einen heißen Kuß auf die welkenden Blüten undbarg sie an seiner Brust.
„Wie steht es mit dem Wolfrat?“ fragte Herr Heinrich.
„Er liegt in bösem Fieber,“ sagte der Knecht, „und Pater Eusebius nähet an ihm, wie der Schneider an einer ledernen Hos. Der arme Teufel hat Löcher, daß man sieben könnt durch seine Haut.“
Sie bestiegen das Schiff. Schnell ging die Fahrt vonstatten. Als sie das Seedorf erreichten, sagte Herr Heinrich: „Fahret morgen zeitig hinüber zu der bösen Stelle und suchet meine Waffen zusammen! Ich weiß nicht, wo sie liegen.“
„Und was soll mit dem Bär geschehen?“
„Streifet ihm die Haut ab. Den Leib soll man mit Steinen in den See versenken. Niemand soll davon essen!“
Einer der Knechte ging mit brennender Fackel voran, als Herr Heinrich und Desertus an der rauschenden Ache entlang die Wanderung durch das nächtige Tal begannen. In allen Hütten waren schon die Fenster dunkel, auch am Haus des Sudmanns, das sie nach einer Stunde erreichten. Pater Desertus blieb in tiefer Bewegung stehen.
„In dieser elenden Hütte lebte mein Kind!“
„Dein Kind?“ lächelte Herr Heinrich. „Ach so! Du meinst das Herrenkind, dessen Vater wir findenmüssen? Nein, Dietwald, da darfst du die Hütte nicht schelten. In keiner Burg hätte das Mädchen holder an Gemüt und Herz geraten können, als es in dieser Hütte geschah. Zum Dank dafür muß ich morgen Kummer und Schmerz unter dieses Dach tragen. Komm, Dietwald!“ Er zog den Widerstrebenden mit sich fort.
Als sie vorübergingen, warf der Fackelschein eine falbe Helle durch das Fenster in die Stube.
Sepha richtete sich auf und lauschte.
„Noch allweil kommt er nit!“ seufzte sie und ließ sich wieder zurücksinken.
Neben ihr schlief der Bub; er hatte Mimmidatzis Plätzchen geerbt; immer wieder tastete Sepha zu ihm hinüber, ob er auch zugedeckt wäre. Dann lag sie wieder ruhig und starrte in die Nacht hinein. Draußen rauschte die Ache, und in dem Pfosten der Tür, die zu Gittlis Kammer führte, tickte ein Holzwurm.
Mit jeder verrinnenden Stunde der Nacht wuchs Sephas Angst. Freilich, sie hatte sich so recht von Herzen auch nicht freuen können, als Gittli in die Stube hereingestürmt war mit den Worten: „Seph, Seph, sie haben ihn freilassen müssen, der Haymo hat für ihn gezeugt.“ Der schwerste Stein war ihr wohl von der Brust gefallen: ihr Mann war frei. Aber getan hatte er’s doch!
Nun lag sie und wachte, warf sich hin und her, wartete und lauschte, setzte sich auf und fiel zurück, weinte in die Hände und drückte die nassen Augen wieder in die Polster. Und die Sorge um ihren Mann wechselte mit dem Kummer um ihr verlorenes Kind.
Ach, solch eine Sorgennacht! Jede Minute wird zur qualvollen Ewigkeit. Jeder Kummer wächst dir ins Riesenhafte, ins Ungemessene. Wohin du in der Finsternis auch blickst, überall siehst du ihn — das Dunkel hat keine Grenzen, und so weit es reicht, so weit hin stehen die Gespenster deiner Sorgen, eins am andern; sie drängen näher, sie ziehen an dir vorüber, und jedes hält eine Weile still, sieht dich an mit drohenden Glotzaugen und drückt dir die knöcherne Faust auf die Brust, daß dein Atem fast ersticken will. Ach, solch eine Sorgennacht!
Sepha hielt es nimmer aus. Sie sprang auf, kleidete sich an und machte Licht. Mit erhobener Kerze leuchtete sie in Gittlis Kammer. Das Mädchen lag mit offenen Augen — ein Bild, wie aus Dietwalds Träumen herausgelöst: das weiße Gesicht auf schwarzem Kissen, nein, das sind die gelösten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.
„Gelt?“ nickte das Weib. „Kannst auch nit schlafen?“
Gittli seufzte: „Wie ein Spinnrädl geht’s mir herum im Kopf und laßt mir keine Ruh nimmer.“
„Machst du dir Sorgen um den Polzer?“
Verwundert blickte Gittli zu der Schwäherin auf. „Um ihn? Warum denn? Sie haben ihn doch freigelassen. Ich hab’s doch selber gehört und gesehen.“
„Aber er müßt doch lang schon daheim sein.“
„Geh, du! Ich hab dir’s doch erzählt, daß er noch was schaffen hat müssen für den Herrn. Er wird halt lang gebraucht haben dazu und hat nimmer heim können vor der Nacht. Wirst sehen, er hat in der Almhütt geschlafen, und in der Früh ist er daheim, noch vor das Glöckl im Sudhaus läutet.“
„Weswegen mußt du dich sorgen, wenn um den Bruder nit?“
Gittli schob die Hände unter den Nacken.
„Aber so red doch!“
„Geh! Tu mich du auch noch plagen!“ Sie drehte das Gesicht gegen die Wand.
Sepha stellte das Licht in die Fensternische und ließ sich seufzend auf den Rand des Bettes nieder. Lange schwiegen sie.
Da begann an der Tür der Holzwurm wieder zu pochen.
„Hörst du ihn klopfen?“ flüsterte Sepha, währendein Frösteln über ihre Schultern lief. „Das erstemal hab ich ihn gehört in der Nacht, in der über mein Kind der Krank gekommen ist. Jetzt weiß ich, was der Würbel[26]selbigsmal hat sagen wollen!“ Sie schlug die Hände vor das Gesicht.
Gittli richtete sich auf, legte den Arm um Sephas Schultern und tröstete sie mit herzlicher Rede. Sie hatte sich Wort um Wort alles gemerkt, was Herr Heinrich mit ihr von dem Kinde gesprochen. Als Sepha endlich ruhiger wurde, begannen sie von Mimmidatzi zu plaudern. Sie erinnerten sich an jeden heiteren Zug des Kindes, an jedes verstümmelte Wort, das der kleine Mund geplappert, an jede drollige Gebärde. Und Gittli verstand es so gut, die Weise des Kindes nachzuahmen, daß zuweilen sogar ein schüchternes Lächeln über Sephas Lippen huschte. Darüber verging ihnen Stunde um Stunde, so daß sie kaum merkten, wie draußen der Tag zu grauen begann. Sie wurden es erst gewahr, als das niedergebrannte Talglicht mit hoher Flamme zu lodern begann.
„Schau, Seph, es taget schon!“ sagte Gittli. „Geh, tu dich noch für ein Stündl hinstrecken. Ich mein’ doch, du tätst die Ruh brauchen.“
Sepha löschte das qualmende Licht. „Jetzt muß er bald kommen!“ seufzte sie und wollte die Kammer verlassen. Noch einmal kam sie zurück. „Du, Gittli, sag, was ist das eigentlich mit dem Schatz?“
„Mit was für einem Schatz?“
„Der Polzer hat mir gesagt, du tätst einen Schatz wissen, der zu heben wär, und du hättest den Schlüssel dazu?“
Gittli schüttelte den Kopf zu dieser unverständlichen Sache.
Durch das Fenster klang von der Straße her der ferne Hufschlag mehrerer Pferde. An der Achenbrücke zogen sie vorüber und lenkten auf den Weg ein, der zur Grenzwarte des Klosterlandes, zum festen Hallturm führte, und von dort hinunter in das Reichenhaller Tal, hinaus in das ebene Land. Zwei gewaffnete Knechte zu Pferd, jeder ein beladenes Saumpferd führend. Ihnen voran ritt Desertus auf einem Eisenschimmel, dessen violette Schabracke, fast auf der Erde schleifend, in jedem Zipfel das Wappen des Klosters zeigte. Desertus trug nicht mehr die weiße Kutte, sondern das festliche Kleid des Chorherren: das Pelzbarett, den mit Otterfell verbrämten Mantel, und darunter den seidenen Talar, der, für den Ritt berechnet, bis zum Gürtel geschlitzt war. Es klirrte bei jedem Tritt des Rosses. Über dem Talar trug PaterDesertus den Harnisch und das Schwert.
Ein Lächeln spielte um seinen Mund, und träumend blickten seine Augen in den erwachenden Tag.
[26]Der Totenwurm.
Herr Heinrich kehrte von einem schweren Gang in das Kloster zurück. Welch eine Stunde des Jammers hatte er im Hause des Sudmanns erlebt! Mit zögernder Vorsicht hatte er dem armen Weibe den bitteren Trank gereicht — und doch, als Sepha das volle Unglück erkannte, stürzte sie bewußtlos nieder, wie von einem fallenden Balken auf die Stirn getroffen. Dazu das Mädchen in seinem ratlosen Kummer und das kleine Bürschl, das sich schreiend an die Mutter klammerte!
Was sollte nun weiter werden? Sepha war krank, ernstlich krank. Das hatte Herr Heinrich von ihren Wangen und Augen abgelesen. Hier war Hilfe nötig wie Feuer im Winter.
Als der Propst das Stift erreichte, ließ er die Oberin der frommen Schwestern rufen, die in einem freundlichen Kloster auf dem Nonnberg hausten. Er hatte mit ihr eine lange Unterredung, die, wie Herr Schluttemann mit Kopfschütteln bemerkte, hinter verschlossener Tür geführt wurde. Der Vogt war an diesem Morgen merkwürdig still; Frau Cäcilia hatte ihn zwar nicht sanfter behandelt als sonst; im Gegenteil, sie hatte in einer einzigen Stunde ausgegeben, was sie als gute Hausfrau während dieser Tage der Trennung zusammengespart hatte an spitzigen Dolchblicken und bitterscharfen Worten. In Herrn Schluttemann aber hatte die Predigt des Propstes nachgewirkt. Dazu reifte unter seiner gefurchten Stirne ein verwogner Plan. Mit rollenden Augen und gesträubtem Schnauzbart, die Arme verschränkt, wanderte er in seiner Amtsstube rings um den Tisch. Die Sache mußte wohl überlegt werden, denn sie konnte auch ein schiefes Ende nehmen.
Endlich war er mit sich im reinen. Er ließ einen Schreiber kommen und befahl ihm, den Gänsekiel fein säuberlich zu spitzen und aus dem Pergamentkastendas schönste Blatt hervorzusuchen. Als nun der Schreiber zum Werk bereit war, stellte sich Herr Schluttemann in kühner Haltung vor den Tisch und begann zu diktieren: „Urteil — in Sachen der zänkischen Hausfrau —“ Er unterbrach den hohen Ton und sagte: „Den Platz für den Namen laß nur einstweilen frei, den Namen wird Herr Heinrich einzeichnen, wenn er das Urteil unterschreibt.“ Wieder diktierte er: „In nomine Reverendissimi et Celsissimi Principis Praepositi Henricivon Berchtesgaden wird anmit zu Rechtes Kraft gesprochen: weil genannte Hausfrau das Pagen und Keifen gegen den ihr von Gott zum Herrn gesetzten Ehegatten gar nicht lassen will, so soll ihr der Fronbot den Pagstein um den Hals hängen und soll sie an hohem Feiertag nach der Messe eine ganze Stund durch die Gassen führen, im Wiederholungsfall aber zwei Stund, und so immer deß mehr um eine ganze Stund.“
Herr Schluttemann schnaufte. Er diktierte noch die übliche Schlußformel des Urteils, dann fiel er erschöpft in den Lehnstuhl.
Als nun Herr Heinrich die Oberin durch die Vogtstube zur Treppe geleitet hatte und zurückkam, wurde ihm das Urteil zur Unterschrift vorgelegt. Er zeichnete den Namen der FrauCaeciliae Schluttemanaein die Lücke ein und unterschrieb. Herr Schluttemannwarf sich stolz in die Brust; der Propst aber lächelte, als er sagte: „Das wird Eurer Hausfrau einen gehörigen Schreck einjagen! Ich hoffe, Ihr werdet Ruhe haben für lange Zeit!“
Eine Stunde später traf die Oberin mit zwei dienenden Schwestern im Haus des Sudmanns ein. Sepha sollte, um gute Pflege zu genießen, in das Kloster auf dem Nonnberg verbracht werden. Stumpf und willenlos ließ das kranke, von Kummer gebrochene Weib alles mit sich geschehen, ohne Frage, ohne ein Wort. Gittli war ein Bild der Verzweiflung und Sorge. Was sollte mit Lippele geschehen? Der dürfe bei der Mutter bleiben. Und mit den beiden Ziegen, mit den Hennen? Und wer würde die Bienenstöcke und das Haus bewachen, den Garten mähen und den Klee schneiden? Sie selbst müsse doch ihre Zeit jetzt teilen: einen Tag bei der Schwäherin, den andern beim Bruder! Es hieß, sie möge sich beruhigen, Herr Heinrich hätte für alles gesorgt.
Auf einer Bahre wurde Sepha zum Nonnenkloster getragen und in einer kleinen freundlichen Stube untergebracht. Lippele versöhnte sich rasch mit seinem neuen Aufenthalt, da er den großen, sorgsam gepflegten Garten gewahrte, den eine hohe Mauer umzog. Als Sepha versorgt war und nach dem Buben fragte, war er schon verschwunden. Nach langemSuchen wurde er im Garten gefunden; er hockte am Ufer eines kleinen Teiches und warf Steinchen nach den erschrocken hin und her schießenden Forellen.
Auf Gittli wartete im Zimmer der Oberin eine seltsame Überraschung. Sie solle gleich zu Herrn Heinrich kommen, hieß es; aber bevor sie ginge, solle sie die neuen Kleider anziehen, die der Herr Propst ihr geschenkt hätte.
„Aber schauet doch her, Frau Mutter,“ lispelte das Mädchen, „ich hab doch eh schon mein gutes Häs an. Ich brauch kein neues.“
Weder durch freundliches Zureden, noch durch ernste Worte war sie zu bewegen, die schönen Kleider anzulegen. Sie schüttelte immer den Kopf, wehrte mit den Händen, und Zähre um Zähre perlte aus ihren angstvollen Augen.
Auch zu Herrn Heinrich, zu dem die Oberin sie begleitete, ging sie nicht gern; sie wäre lieber bei der Schwäherin geblieben.
Als sie dann im Zimmer des Propstes stand, hob sie keinen Blick vom Boden und zitterte, als stünde sie fröstelnd im Schnee. Herr Heinrich faßte sie bei der Hand, zog sie an seine Seite und redete zu ihr mit herzlich tröstenden Worten. Es wäre freilich ein schweres Unglück, das über den Wolfrat und die Seph gekommen. Aber man dürfe die Hoffnung nicht verlieren;die Seph würde ganz gewiß in guter Pflege wieder genesen. Aber was sollte inzwischen mit ihr selbst geschehen? Sie könnte doch nicht allein im Lehen bleiben. Im Kloster auf dem Nonnberg wäre kein Platz mehr, und in der Bartholomäer Klause wäre ihr nach kirchlicher Satzung der Eintritt verboten.
„Und sieh, mein Kind, da hab ich nun dem Wolfrat in seiner Not gelobt, daß ich sorgen will für seine Leute. Für die Seph hab ich’s ja schon getan.“
Ein dankbarer Blick traf ihn aus Gittlis Augen.
„Jetzt muß ich aber auch an dich denken. Und schau, da wüßt ich einen guten Platz für dich in Salzburg bei den Domfrauen.“
Gittli erbleichte vor Schreck.
„Nun, was meinst du?“
„Ich bitt schön, Herr,“ stammelte sie mit versagender Stimme, „lasset mich hier bleiben! Ich müßt sterben vor Angst, wenn ich nit alle Tag hören tät, wie’s der Schwährin und dem Bruder geht.“
„Das wirst du hören, jawohl. Es gehen viele Salzkarren vom Sudhaus weg nach Salzburg. Da schick ich dir täglich eine Botschaft, ich versprech es dir.“
„Ich bitt, Herr, bitt, lasset mich bleiben! Und wenn ich schon kein Heimatl mehr haben soll, schauet, ich tät mich gern eindingen bei einem Bauern. Meine Händ und Arm sind freilich ein lützel mager, aberich kann deswegen doch schaffen wie eine richtige Dirn.“
„So? Und was möchte dein Bruder dazu sagen? Er ist kein Höriger, sondern ein freier Mann. Soll er sich jetzt in seiner Not noch kümmern, wenn seine Schwester dienen muß?“
„Schaffen ist keine Schand, Herr! Er hat doch auch geschafft seiner Lebtag.“ Und da kam ihr plötzlich ein Gedanke, den sie in sprudelnden Worten hervorstürzte: „Herr! Aufs Almen tät ich mich auch verstehen, vielleicht nimmt mich der Eggebauer auf seine Alm in die Röt hinauf.“
„In die Röt hinauf?“ wiederholte Herr Heinrich mit wehmütigem Lächeln. „Nein, mein Kind, das ist zu harte Arbeit für dich. Und sieh, ich hab nun einmal deinem Bruder versprochen, daß ich für dich sorgen will. Oder willst du mich zum Lügner machen? Hab ich dir so viel Böses getan, daß du mir nicht vertrauen kannst?“
Gittli verstummte in ratloser Qual.
„Gelt nein? Und sieh, wenn ich sorge für dich, will ich es so tun, daß es dir zum guten ausfällt, zu deinem Glück! Ich bin dir zu Dank verpflichtet. Du hast für meinen Jäger so viel getan —“
Da schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Schluchzen aus.
Die Oberin wollte das Mädchen beruhigen. HerrHeinrich aber sagte: „Lasset das Kind nur, es soll sich ausweinen!“
Die Stille beängstigte Gittli; sie hörte zu schluchzen auf und ließ die Hände in den Schoß sinken.
„Schau, Gittli, wer Gutes getan hat, muß sich auch den Dank gefallen lassen. Wenn du dich wehrst dagegen, müßte der Haymo glauben, daß dich wieder reut, was du für ihn getan hast.“
Mit zuckenden Lippen und nassen Augen blickte sie zu Herrn Heinrich auf.
„Gelt ja? Und nun wirst du mir auch folgen in allem?“
„Wenn es sein muß,“ lispelte sie, „in Gottesnam!“
„So ist’s recht, mein Dirnlein! Und jetzt sei tapfer, du gehst einer freundlichen Zeit entgegen. Wenn ich dich einmal besuche, wirst du lachend auf mich zukommen. Und jetzt sträube dich nimmer und laß dir auch die Kleider anlegen, die ich dir geschenkt habe!“
Verloren vor sich hinstarrend, nickte sie zu allem, was Herr Heinrich sagte. Sie fand auch kein Wort, als er ihr glückliche Reise wünschte, und ließ sich zur Tür hinausziehen, ohne recht zu wissen, daß es geschah.
Auf der Straße sagte die Oberin: „Warte hierein Weilchen, ich habe Herrn Heinrich noch was zu fragen.“
Gittli stand allein; die Knie zitterten ihr, daß sie sich kaum aufrecht zu halten vermochte; sie mußte sich auf den Eckstein neben der Tür niederlassen. Da spürte sie einen Puff an der Schulter. Erschrocken blickte sie auf. Walti stand vor ihr.
Mit beiden Händen faßte sie ihn an der Brust. „Walti! Sag mir! Wo ist der Haymo?“
„Drin liegt er im Kloster. Es geht ihm wieder schlechter seit gestern. Was sagst du, was das für eine Sach mit dem Bär gewesen ist! Ganz schütteln tut’s mich vor Grausen, wenn ich dran denk.“
„Walti! Schau, ich tu dich bitten, führ mich nur grad zu ihm!“
„Zum Haymo? Bist du denn närrisch? Ins Kloster darf doch keine Dirn hinein.“
„Ich muß, ich muß zu ihm!“
Walti zog die Brauen in die Höhe und schob das Käppl in die Stirn. Das tat er immer, wenn er schwer zu denken hatte. Dann guckte er sich forschend um und flüsterte: „Seine Stub geht in den Garten hinaus, und das Fenster ist gar nit hoch. Aber — kannst du denn über die Mauer kraxeln?“
„Wenn sie so hoch wär wie der Wazmann und seine Kinder,“ stammelte sie, „ich müßt hinüber!“
„So komm!“
Sie huschten um die Ecke und schlüpften durch das Gebüsch zur Klostermauer. Zwischen wirrem Gezweig kletterte Walti in die Höhe, setzte sich rittlings auf die Zinne der Mauer und half dem Mädchen mit beiden Händen empor. Von oben sprangen sie in den Garten hinunter. Walti spähte durch das offene Fenster. „Er ist allein!“ tuschelte er, schwang sich auf die Fensterbrüstung und zog das Mädchen nach.
Es war eine kleine weiße Zelle, in welcher Haymo auf einem mit Wildschuren überdeckten Lager ruhte.
Als der Jäger das Mädchen erblickte, hob er sich erschrocken auf und starrte Gittli an, als könnte er seinen Augen nicht trauen.
„Ich geh an die Tür und paß auf, ob keiner kommt.“ Walti huschte zur Zelle hinaus.
Als Gittlis Augen dem Blick des Jägers begegneten, war es wieder zu Ende mit ihrem Mut. Zitternd strich sie mit der Hand über ihre Stirn. Weshalb war sie nur eigentlich hieher gekommen?
„Gittli? Bist du’s wirklich?“ stotterte Haymo. „Sag mir doch um Herrgotts willen, was ist dir denn eingefallen? Hast ja den Klosterbann gebrochen! Schau, in mir drin ist alles völlig kalt vor lauter Angst. Wenn einer käm und tät dich finden, sie täten dichausweisen aus dem Klosterland.“
„Ich muß eh fort!“ lispelte sie mit gesenkten Augen.
Haymo schwieg und seufzte.
„Weißt du’s vielleicht schon?“ fragte sie und blickte zögernd auf.
Er nickte. „Vor einer Weil ist Herr Heinrich dagewesen und hat mir’s gesagt.“
Rasch trat sie auf Haymos Lager zu. Ihre Hände ballten sich, ihre Lippen wurden schmal, und ein funkelnder Blick erwachte in ihren Augen. „Ich will aber nit fort. Weil — weil ich bleiben möcht, Haymo! Bleiben!“
Seine Hände zitterten; er wagte nicht aufzuschauen.
Sie beugte sich flüsternd zu seinem Ohr. „Was meinst du? Wenn ich davonlaufen tät, jetzt gleich, und tät mich verstecken, daß mich keiner mehr findet? Und dir allein tät ich sagen, wo ich bin!“
Da griff er nach ihren Händen und stammelte ihren Namen. Dann wieder schüttelte er den Kopf und atmete schwer. „Sie täten dich allweil finden. Und — Herr Heinrich hat gesagt, daß es dein Glück sein wird. Dein Glück! Da tät ich mir lieber die Zung abbeißen, als daß ich eine Widerred dagegen hätt. Gar jetzt, wo ich durch meine Unsinnigkeit das Unglück über deinen Bruder gebracht hab!“
„Du? Über ihn?“ flog es bebend aus ihr heraus. „Es ist halt gekommen, wie es kommen hat müssen. Wenn ich du gewesen wär, ich hätt das arme Hundl auch nit im Stich gelassen. Und wenn ich der Wolfrat gewesen wär, ich hätt auch zugegriffen und den Bär an der Drossel gepackt, wenn er mich gleich zerrissen hätt.“
Haymos Augen blitzten, als das Mädchen so vor ihm stand: mit funkelndem Blick, die Fäuste vorgestreckt, die Lippen halb offen, daß man die übereinandergepreßten Zähne sah. „Gittli!“ stammelte er, und ein Wort, das heiß empordrängte aus seinem Herzen, kämpfte gegen den erlöschenden Willen, der es unterdrücken wollte. Da stürzte Walti in die Stube. „Dirn! Mach, daß du weiterkommst! Der Frater Küchenmeister hatschet den Gang herauf, gleich wird er da sein!“
Haymo erblaßte. „Gittli! Fort! Fort! Fort!“ Mit beiden Händen drängte er sie vom Lager weg.
Bleich und zitternd stand das Mädchen, nach Atem und Worten ringend. „Ja. Ich geh schon. Aber sag mir, Haymo — oder ich kann nit gehen — bist du mir noch allweil harb?“
„Ich? Harb sein? Dir?“ stammelte er. „Wie kannst du denn so was denken?“
Da lachte sie in Tränen, und von dem Bubenfortgerissen, schwang sie sich auf die Fensterbrüstung. „Behüt dich Gott, Haymo!“ Er streckte die Arme nach ihr, sie zögerte. Aber Walti versetzte ihr einen Puff, daß sie springen mußte. Draußen klang noch die zischelnde Stimme des Buben, ein Rascheln im Gebüsch. Und alles war still.
Haymos Augen hingen am leeren Fenster. „Jetzt seh ich sie nimmer. Nimmer!“ Er fiel zurück und schlug die Arme über das Gesicht.
Die Tür begann zu zittern unter den schweren Tritten, die sich näherten. Haymo biß die Zähne übereinander. Der Frater Küchenmeister kam, um seinem jungen Freunde den ersten Krankenbesuch abzustatten. Als er sich auf den Rand des Bettes niederließ, krachten die Bretter in allen Fugen.
„Schau nur, was man dir für eine Ehr antut im Kloster!“ lachte der Frater. „Das kracht ja wie ein Herrenbett!“ Dann plauderte er weiter, rühmte die göttliche Vorsehung, die alles Böse für Haymo zum guten gewendet, und jammerte über das schlimme Aussehen des Jägers, über den matten Blick seiner Augen. „Aber warte nur,“ sagte er, „ich will dich schon wieder herausfüttern wie ein Hühnl, das den Zipf gehabt hat. Ja, und daß ich nit vergesse — Vergeltsgott will ich dir auch sagen. Der Knecht, der heut mit dem Saumpferd gekommen ist, hat mir dieNieswurzen gebracht. Die sollen mir ein hilfreicher Beistand werden in meiner unseligen Atemnot. Mit dem Schnaufen geht’s allweil härter bei mir, von Tag zu Tag. Oft ist mir, als hätt ich im Hals einen Igel, der sich einspreizt und nimmer in die Höh will. Aber hast du die Wurzen auch zur rechten Zeit gegraben? Hat die Schneeros völlig verblüht gehabt?“
Ein Erblassen ging über Haymos Wangen. „Ja, Frater, die Schneeros hat ausgeblüht. Für mich!“ Da war seine Kraft zu Ende. Mit den Zähnen knirschend, warf er sich gegen die Wand, so daß der Frater erschrocken die Hände ineinanderschlug. —
Gittli hatte den Platz vor dem Tor der Klostervogtei gerade erreicht, als die Oberin zurückkam, von Herrn Heinrich begleitet. Der machte verwunderte Augen, als er das Mädchen gewahrte. „Ich hab’s doch gewußt!“ flüsterte die Oberin. Er nickte dem Mädchen einen freundlichen Gruß zu und trat in das Tor zurück.
„Denke nur, Dirnlein,“ lächelte die Oberin, „Herr Heinrich hat mich gescholten, weil ich dich allein ließ. Er glaubte wahrhaftig, du würdest davonlaufen.“
Ein müdes Lächeln huschte um Gittlis Mund, und von der Mauerecke ließ sich ein leises Kichern hören. Die Oberin guckte, aber Waltis Nase war schon hinter der Mauer verschwunden.
Als Gittli das Nonnenkloster erreicht hatte, ließ sie alles mit sich geschehen, stumm und geduldig wie ein Lamm, das geschoren wird. Die neuen Kleider, die man ihr anlegte, weckten keinen Laut auf ihren Lippen. Sie schämte sich wohl, als sie das lange, blaue Gewand nach der Sitte der Zeit bis über die Schultern ausgeschnitten sah; aber sie sagte nichts, denn sie bekam auch gleich ein weißes, bis zu den Ellbogen reichendes Mäntelchen um den Hals. Ein Gürtel aus weißem Leder umspannte die schlanke Hüfte. Um die Stirn und das offene Haar wurde ein blaues Band geknüpft. Als sie die gelben Schuhe mit den scharfgespitzten, spannenlangen Schnäbeln an den Füßen hatte, staunte sie scheu an sich hinunter.
Die Oberin und die beiden dienenden Schwestern lachten, als Gittli so hilflos dastand, mit seitwärts gestreckten Armen, als wage sie das Kleid nicht zu berühren; sie zitterte und getraute sich keinen Schritt mehr zu tun, denn wenn sie auftrat, knickten die unheimlichen Schuhschnäbel gleich spitzigen Dolchen in die Höhe. Und je lauter die anderen lachten, desto näher kam ihr das Weinen. Plötzlich stürzte sie auf die Türe zu, und als sie die Tür verschlossen fand, sank sie schluchzend zu Boden.
Man hob sie auf, man schalt und tröstete, man säuberte das verstaubte Kleid, und dann wurde siezu Sepha hinübergeführt, damit sie von der Schwäherin und dem kleinen Buben Abschied nehmen und noch mit ihnen schwatzen könnte.
Vor der Mauer des Nonnenklosters wartete eine Sänfte, die zwischen gegabelten Stangen von zwei Maultieren getragen wurde. Man mußte Gittli hineinheben; aus freien Stücken wäre sie nimmer eingestiegen. Die Oberin setzte sich zu ihr. Zwei Knechte führten die Maultiere, und ein dritter, der gewaffnet war, ritt nebenher.
Die Leute auf der Straße blieben stehen, als sie die Sänfte kommen sahen, und spähten neugierig hinein; niemand erkannte die Schwester des Sudmanns; ihr schmales, blasses Gesicht verschwand fast in der weißen, über dem Scheitel steif geschnäbelten Haube, die man ihr für die Reise aufgesetzt hatte.
Da gingen zwei Mädchen vorüber; brennende Röte flog über Gittlis Wangen: die beiden, das waren die Zenza und eine Magd des Eggebauern.
„Du, da schau,“ flüsterte die Magd, „was ist denn das für ein Fräulen?“
„Ich kenn’s nit,“ sagte die Zenza, „es muß ein Fremdes sein.“
Die Sänfte war vorüber; wie ein Schwindel fieles über Gittli, alles wirbelte. Die Häuschen an der Straße, das Salzhaus, dem sie sich näherten, die rauschende Ache mit Ufer und Bäumen, der Berg mit dem Kloster, alles, alles versank vor ihrem Blick, und es war ihr, als sähe sie eine weite, sonnige Alm; grasend, mit läutenden Glocken ziehen die Kühe, und in der Sennhütte singt eine Mädchenstimme; da kommt vom Bergwald ein Jäger über das Almfeld hergegangen, vor der Hütte steht er still, lehnt das Griesbeil an die Blockwand und stößt die genagelten Schuhe gegen die Schwelle; die singende Stimme verstummt, und der Jäger fragt: „Darf man einkehren, Sennerin?“ Aus der Hütte klingt die lachende Stimme der Zenza: „Freilich, Haymo, komm nur herein!“ —
Die Frau Oberin in der Sänfte war erschrocken aus ihren Gedanken erwacht; denn das Mädchen an ihrer Seite hatte sich mit gellendem Schrei die weiße Haube vom Kopf gerissen, war aufgesprungen und wollte sich aus der Sänfte stürzen.
„Aber Kind! Kind!“ stammelte die Oberin, Gittli mit beiden Armen umschlingend. Der gewaffnete Knecht kam herbeigeritten — verstört sah Gittli zu ihm auf, dann fiel sie in die Polster zurück und drückte die Fäuste auf die Brust, als wäre ihr das Herz zersprungen.
Ein paar Leute waren zusammengelaufen. DieKnechte trieben die Maultiere an, und immer rascher, immer weiter schwankte die Sänfte.
Am andern Morgen wandelte Herr Heinrich zu früher Stunde im Garten auf und nieder. Was war in diesen wenigen sonnigen Tagen alles gewachsen und erblüht! Bäume und Sträucher standen in vollem Grün, und jeder Windhauch war gewürzt mit dem Duft der jungen Blumen.
Frater Severin arbeitete an einem kahlen Beet. Um sich das Bücken zu erleichtern, stand er mit weitgespreizten Füßen und schnaufte wie ein Roß, wenn es schwer zu ziehen hat. Dicke Schweißtropfen perltenihm von der Stirn.
„Guten Morgen, Bruder!“ grüßte Herr Heinrich.
„Guten Morgen,Reverendissime!“ Frater Severin richtete sich auf und drückte, eine schmerzliche Miene ziehend, die Faust in den Rücken.
„Heute hält’s wieder schwer mit dem Bücken, gelt? Hab schon gehört: gestern hat es wieder unchristlich lange gedauert im Kellerstübl.“
„Nit durch meine Schuld!“ stotterte Severin. „Aber der Vogt hat gestern gar nit weichen wollen.“
„Haben ihn denn die Knechte der Frau Cäcilia nicht geholt?“
„Wohl, Herr, aber er ist nit gegangen, er hat ihnen ein Pergament mit heimgegeben und ist hocken geblieben.“
„Und da habt ihr ihm Gesellschaft leisten müssen?“
Frater Severin machte ein ehrerbietiges Gesicht. „Er ist der Vogt, Herr! Wer seiner Würde nit achtet, beleidigt das Kloster.“
„Natürlich! Nur immer eine gute Ausrede! Ich werde dieser Höflichkeit einen Riegel vorschieben müssen. Aber sag, was machst du da?“
Der Frater atmete auf, als er das heikle Thema beendet sah. Eilfertig gab er zur Antwort: „Die Nieswurz reiß ich wieder aus.“
„Die Nieswurz? Wie kam sie in den Garten?“
„Ich hab gemeint, ich könnt ein Beet mit Schneerosen anlegen, und da hab ich vergangen Jahr im Frühling ein paar Dutzend Wurzen heruntergenommen von der Röt, hab sie hier eingelegt und hab getan, was ich nur allweil gemeint hab, daß es gut wär. Aber nit eine einzige hat getrieben im Winter, und wie ich jetzt nachschau, find ich, daß alle Wurzen vertrocknet sind. Schauet nur!“ Er nahm eine der ausgerissenen Wurzeln, brach sie entzwei und zeigte dem Propst das dürre Gewebe. „Kein Tröpfl Saft mehr! Eine Schneeros laßt sich halt nit verpflanzen. Die will Felsen, Bergstürm und Lahnen. Die Luft im Tal und der feine Boden tun ihr nit gut. Da kann einer machen, was er will. Eine Schneeros laßt sich halt nit verpflanzen.“ Er warf die dürren Strünke von sich. „Schad um die Wurzen! Droben hätten sie geblüht.“
Herr Heinrich blickte sinnend vor sich hin; sein Blick folgte der Straße im Tal, die über Schellenberg hinausführte gegen Salzburg. Er nickte. Und wortlos ging er davon.
Als er eine Weile später sein Gemach betrat, hörte er von der Vogtstube her das alte, polternde Gewitter. Er ging den grollenden Lauten nach, und als er die Tür öffnete, beförderte Herr Schluttemann soeben unter einem Hagelwetter von dröhnendenScheltworten einen Zinsbauern zur Stube hinaus. Da der Vogt den Propst gewahrte, wurde er verlegen.
„Ist das die Wirkung des Urteils?“ fragte Herr Heinrich.
Vogt Schluttemann kraute sich hinter den Ohren.
„Man sagte mir doch, daß Ihr gestern Eurer Hausfrau das Urteil gesendet habt?“
„Das hab ich freilich getan,Reverendissime!“ gab der Vogt kleinlaut zur Antwort.
„Nun? Und was sagte sie, als Ihr nach Hause kamt?“
„Nichts.“
„Und heute früh?“
„Auch nichts! Aber —“ Herrn Schluttemanns Nase begann zu brennen, „aber das Urteil hat sie mir um den Kopf gehauen. Was sagt Ihr,Reverendissime? Eine solche Mißachtung — des Gesetzes!“
Herr Heinrich verwand das Lächeln. „Das muß streng geahndet werden. Bringet mir das Urteil, ich will ihm Wirkung verschaffen.“
In heimlicher Schadenfreude rieb sich Herr Schluttemann die Hände, als der Propst die Stube verließ.
Eine Stunde später stieg Herr Heinrich zu Pferd, um nach dem See zu reiten. Als er den Hag des Eggehofes erreichte, sah er Zenza beim Immenhäuschenstehen. Er rief das Mädchen zu sich heran.
„Bist du die Tochter des Bauern?“
„Wohl, Herr!“ sagte sie, trotzig zu ihm aufblickend.
„Ist dein Vater daheim?“
„Wohl Herr!“
„So ruf mir deinen Vater, ich habe mit ihm zu reden.“
Zenza ging davon. Der Eggebauer erschrak nicht wenig, als das Mädel mit dieser Botschaft kam; er saß gerade in Hemdärmeln am Tisch und löffelte die Morgensuppe. In der schreckhaften Eile warf er den Napf um, fuhr in den verkehrten Rockärmel und rannte mit dem Ellbogen an den Türpfosten. Keuchend lief er um das Haus herum; je näher er dem Propste kam, desto langsamer wurde sein Gang, desto scheuer sein Blick.
„Grüß Gott, Eggebauer!“
Der Bauer zog die Kappe.
„Ich höre, dein Weib war krank. Wie geht es jetzt?“
„Es macht sich, Herr, jawohl!“ Der Bauer seufzte und strich mit der Hand übers Haar. „Der Bader meint, sie könnt in acht Tagen schon wieder aufstehen.“
„So? Das hör ich gern.“ Herr Heinrich tätschelte beruhigend den Hals des Pferdes, das ungeduldig mit den Hufen scharrte. „Ja, ja, Eggebauer,du mußt gut angeschrieben stehen beim lieben Herrgott. Schau nur, dir schickt er Freude und Genesung ins Haus, und deinem Nachbar, dem armen Sudmann, hat er Not und Tod geschickt.“
Der Eggebauer schlotterte an Händen und Füßen.
„Nun? Du fragst gar nicht, wie es dem Wolfrat geht? Ich höre doch, du wärst allweil sein bester Freund gewesen? Hast ihm doch an Ostern das Lehent geliehen?“
„Wohl, Herr, ja, das Lehent, ja, das hab ich ihm geliehen, weil — weil er so ein armer Hascher ist!“ lallte der Bauer. „Wohl! — Und — freilich, Herr, freilich — da möcht ich schon fragen, wie’s ihm geht, dem Wolfrat?“
„Schlecht, Eggebauer! Der arme Teufel geht seinem letzten Stündl entgegen.“
Der Bauer atmete auf; einer, der vor dem letzten Schnaufer steht, so dachte er, kann nimmer reden!
Herr Heinrich blickte auf den Sattelknauf und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Was mag der Wolfrat nur getan haben, daß Gott eine so schwere Straf über ihn schickt? Er war doch allweil ein braver, redlicher Mensch. Wenn er was Übles getan hat,“ Herr Heinrich blickte auf, „da muß ihn ein anderer dazu verhetzt haben. Meinst du nicht auch, Bauer?“
„Wohl, Herr — allweil ist er ein braver Menschgewesen — der Wolfrat — allweil!“ Dem Eggebauer trat der kalte Schweiß auf die Stirn.
„Gelt, ja! Wenn ich nur den herausfinden könnt, der den Wolfrat auf dem Gewissen hat! Dem wollt ich warm machen.“ Das Pferd bäumte sich, denn Herr Heinrich hatte die Zügel unsanft angezogen.
Erschrocken trat der Bauer zurück und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn.
„Was hast du, Eggebauer?“ fragte der Propst.
„Schwül, Herr — schwül ist mir. Ich mein’, die Sonn wird heut noch richtig brennen.“
„So? Meinst du?“ Herrn Heinrichs Augen blickten hinüber nach dem benachbarten Gehöft. „Das ist doch das Haus des Sudmanns, gelt?“
„Wohl, Herr!“
„Jetzt liegt der arme Mensch verblutend in der Klause, und sein krankes Weib liegt droben bei den frommen Schwestern. Wer behütet jetzt das Lehen? Wer schaut auf Gras und Klee? Wer sorgt für die Hennen, für die Immen und für die Geißen?“
„Das könnt ich besorgen!“ fiel der Bauer hastig ein. „Ich hab Leut genug im Haus.“
„Brav, Eggebauer! Das will ich dem Wolfrat gleich erzählen, wenn ich in die Klause komm.“
„Ja, Herr! Saget ihm nur, was ich ihm für einguter Freund bin!“ sprudelte es über die bleichen Lippen des Bauern. „Und — schauet, Herr — weil sich die armen Leut so fretten müssen — da hab ich schon oft so gemeint, man könnt an das Haus einen Stall anbauen? Und — ich könnt ihm eine Kuh hinüberstellen. Und ich tu’s auch, meiner Seel! Ja, Herr! Und saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu.“
„Der Wolfrat wird nimmer viel davon haben. Aber doch sein armes Weib. Und das wird dem Mann ein Trost sein in der letzten Stund. Ja, Bauer, tu’s nur! Und damit deine Kuh nicht einschichtig steht, stell ich eine andere dazu. Und weil es doch Klostergut ist, das du verbesserst, will ich auch mein Teil dazu geben. Das Holz, das du nötig hast zum Bau, kannst du in meinen Wäldern schlagen, und das Eisenwerk, das du brauchst, magst du in der Klosterschmiede holen. So bleibt dir nur die Arbeit zu leisten. Und wenn du schon grade dran bist, magst du auch gleich das ganze Haus ein wenig nachbessern, neue Dielen legen, im Dach die Lücken schindeln — was halt nötig ist. Gelt?“
„Wohl, Herr!“ nickte der Eggebauer mit versagender Stimme, während ihm der Schweiß in dicken Tropfen herunterkollerte über die fahlen Backen. „Und saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu!“
„Das will ich ihm sagen. Fang nur gleich an zu schaffen! Und alles fest und gut, Eggebauer! Gelt? Ich werde nachschauen jede Woch.“
Lächelnd, doch ohne Gruß, ritt Herr Heinrich davon.
Es schien, als wäre dem Eggebauer schwindlig geworden. Er griff in die Hecke. Mit starren Augen blickte er dem Propste nach, und als er ihn zwischen den Bäumen verschwinden sah, wischte er sich den Schweiß vom Gesicht, trocknete die nassen Hände an der Hüfte und murmelte: „Da hab ich mir eine schöne Supp eingebrockt! Jetzt friß, Bauer, friß!“
In frischem Trab ritt Herr Heinrich durch das frühlingsblühende Tal. Als er den See erreichte, sah er neben einer Fischerhütte die mit Stangen ausgespreizte Bärenhaut zum Trocknen in der Zugluft eines schattigen Platzes stehen.
Das Pferd wurde versorgt, und ein Knecht ruderte den Propst im Einbaum nach der Bartholomäer Klause.
Stiller Friede atmete um die kleine steinerne Kirche, die den hochgetürmten Wänden des Wazmann zu Füßen lag: ein Bröselein Menschenwerk neben dem ewigen Riesenbau des Schöpfers. Das Sonnenlicht glitzerte über dem weißen Kiesgrund, aber vom nahen Gletscher der ‚Eiskapelle‘ wehte eine kühleLuft. Weit draußen in der Wiese sang ein Knecht, der am hohen Hag das von den Lawinen zerdrückte Flechtwerk besserte.
Nah bei der Kirche stand die aus Blöcken erbaute Klause, in welcher Pater Eusebius mit einem Laienbruder und zwei Knechten hauste.
Eusebius, der das Boot schon hatte kommen sehen, erwartete den Propst am Ufer.
„Nun, wie geht es ihm?“ fragte Herr Heinrich, während sie zur Klause gingen.
Der Pater zuckte die Schultern. „Er kann noch Tage, noch Wochen kämpfen. Seine Riesennatur wehrt sich gegen den anstürmenden Tod, wie im Bett des Wildbaches ein Felsblock gegen das anstürzende Wasser; aber das Wasser läßt nimmer nach, der Block muß weichen. Bis vor einer Stunde lag der Mann in wildem Fieber.“ Eusebius blieb stehen. „Wisset Ihr, Herr, daß der Mann eine schwere Schuld auf dem Gewissen hat?“
„Was meinst du?“
„Im Fieber hat er’s ausgeredet: er war es, der den Haymo gestochen hat.“
„Ich weiß es. Und du, Eusebius, bewahre, was der Mann dir im Fieber gebeichtet hat! Ist er jetzt bei Sinnen?“
„Ein Weilchen immer, bis die Schwäche wiederkommt.“
„Und daß er das Fieber überstand, das gibt keine Hoffnung?“
Eusebius schüttelte den weißen Kopf. „Die größte Gefahr liegt dort, wo ich nicht hin kann mit meinen Händen, in der Brust. Drei Rippen sind gebrochen und in die Lunge gedrückt. Die äußerlichen Wunden hätte seine Natur vielleicht noch überstehen können. Freilich, die Schulter sieht bös aus! Alle Nervenstränge sind zerrissen, der Arm ist tot und die Schulter lahm.“
„Die Schulter? — In die Schulter hat er dem Haymo das Messer gestoßen.“
„Ja, ja,“ sagte Eusebius, während ein feines Lächeln seinen welken Mund umspielte, „der liebe Gott schickt mitunter merkwürdige Zufälle.“
Herr Heinrich tat, als hätte er das Wort überhört.
Sie traten in die Stube, in welcher Wolfrat gebettet lag; er ruhte auf blutigen Kissen, die Brust mit wulstigen Verbänden umschnürt, die Arme geschindelt und gebunden, damit er sie nicht rühren könnte; das Gesicht war mit Leinwand überklebt, so daß man kaum die Augen und den Mund erkannte.
Er war bei Bewußtsein. „Herr! Guter Herr!“ klang es mit leisem Stöhnen.
„Geh, Eusebius, laß mich allein mit ihm!“ sagteHerr Heinrich.
Eusebius verließ die Stube und setzte sich vor der Klause auf die sonnige Bank. Drinnen klang in Zwischenräumen die Stimme des Propstes; er schien Frage um Frage zu stellen, auf welche Wolfrat mit matten Lauten Antwort gab. Eusebius lauschte nicht. Mit verschränkten Armen saß er an die Wand gelehnt, und seine klugen, forschenden Augen schauten langsam umher, als läge die Natur vor ihm wie ein aufgerolltes Pergament: jeder Baum ein Buchstabe, jeder Fels ein Wort.
Da fühlte er ein leises Kribbeln auf der Hand; eine Ameise lief über seine Finger; er bückte sich und ließ das verirrte Tierchen von seiner Hand auf die Erde kriechen; hier fand es Gesellschaft, eine zweite Ameise kam eilig über den Kies gehuscht; auf einem flachen Steinchen trafen sich die beiden; sie stutzten voreinander, hielten erregte Zwiesprache mit den Fühlern, liefen ein wenig zurück, dann wieder vor, und plötzlich fielen sie sich kämpfend an.
„Es ist doch allweil das gleiche!“ lächelte Pater Eusebius und tippte die Streitenden mit dem Finger an, daß sie erschrocken auseinanderfuhren. „So groß ist die Welt! Es könnt doch eines am andern vorbeigehen in Ruh und Fried. Aber nein, just nicht! Raufen müssen sie, beißen, schlagen und stechen.“
Herr Heinrich trat aus der Klause. Eine tiefe Erregung sprach aus seinen Zügen und Augen. Mit eindringlichen Worten empfahl er den Sudmann der Pflege des Paters. „Und was ich dir sagen will: du brauchst den Mann nicht mehr zu fragen wegen seiner Schwester.“
Mit raschen Schritten ging der Propst dem Ufer zu, um die Heimfahrt anzutreten.
Als er eine Stunde später am Haus des Sudmanns vorbeiritt, sah er den Eggebauer schon im verlassenen Gehöft umherspazieren, die Hände hinter dem Rücken, mit verdrossenen Augen das Dach und die Mauern musternd.
Der Bauer schien mit seiner Freundschaft für Wolfrat große Eile zu haben; schon am folgenden Morgen begann er die Arbeit, zum keifenden Verdruß seines Weibes, auf dessen scheltende Fragen der Bauer nur immer die kleinlaute Antwort wußte: „Es muß sein. Der Herr will’s haben. Frag ihn, warum!“
Tag um Tag verging.
Bei Sepha war eine schwere Krankheit zum Ausbruch gekommen. Und die Nachrichten aus der Bartholomäer Klause lauteten immer gleich: ein zähes, doch nutzloses Ringen wider den Tod. Mit den Salzfuhren aber ging täglich die freundliche Botschaftnach Salzburg: Gittli möge sich trösten, es stünde besser. — —
Nach der zweiten Woche war Haymo so weit genesen, daß er seinen Hegedienst in der Röt wieder antreten konnte. Aber seine Wangen wollten sich nicht wieder färben, seine Augen blieben trüb und müde. Dieser heitere, lebensfrohe Bursch war ein stiller, in sich versunkener Mann geworden. Mit eisernem Fleiß versah er seinen Dienst. Das Bleiben in der Hütte war ihm eine Qual; und als die Nächte wärmer wurden, legte er sich, wo der Abend ihn überraschte, unter freiem Himmel schlafen. Lange Stunden saß er oft dem Kreuz in der Röt zu Füßen und starrte die Nägel an, von denen der Föhnsturm Gittlis Schneerosen hinausgeweht hatte in die brausenden Lüfte. Wohin? Wohin?
Zwei weitere Wochen, und es war Almenzeit geworden. Die Niederalmen waren schon mit Jungvieh befahren; nun ging es mit den Milchkühen auf die Hochalmen.
An einem sonnigen Morgen war im Gehöft des Eggebauern Bewegung und Leben. Die freigelassenen Kühe rannten mit gestreckten Schweifen umher und brüllten, aber nicht laut genug, um die kreischende Stimme der Eggebäuerin zu übertönen, die seit Tagen schon das Krankenbett verlassen hatte und wiederin Haus und Hof umherfuhr — der Bauer pflegte zu sagen: wie der ledige Teufel.
Zwei Knechte standen vor einem Ziehkarren bereit, auf den das Almgerät geladen war. Auch Zenza hatte sich schon zur Bergfahrt gerüstet, Hut und Griesbeil mit Blumen geschmückt.
Der Eggebauer sah brummend umher, bis ihm Zenza zurief: „Was ist denn, Vater, wo bleibt der Hüter? Du wirst doch einen gedingt haben?“
„Wohl! Vor vier Wochen hat sich schon einer angetragen. Nur die Zehrung hat er verlangt, keinen Heller Lohn. Da hab ich ihn freilich genommen. Schau, da kommt er.“
Zenza blickte auf und sah den Kropfenjörgi das Gehöft betreten. Sie lachte zornig hinaus; aber sie sagte kein Wort.
Die Bergfahrer sammelten sich um die Bäuerin, die den Almsegen sprach und Menschen und Vieh mit geweihtem Wasser besprengte.
Dann begann die Almfahrt, mit Lärm und Geschrei, mit Brüllen und Läuten.
Spät am Abend wurde die Sennhütte in der Röt erreicht; am Morgen zogen die Knechte wieder ab, und am folgenden Tag war alles auf der Alm im Geleise.
Mit fahriger Verdrossenheit tat Zenza ihre Arbeit;über ihrem Wesen lag eine fiebernde Unruh, die sich steigerte von Tag zu Tag.
Eines Abends ging Haymo nah bei der Hütte vorüber. Zenza sprang mit brennendem Gesicht zur Tür. „Haymo! Willst du nit ein lützel einkehren?“
„Vergeltsgott, Sennerin! Ich hab keine Zeit.“ Er rückte die Kappe und stieg seines Weges weiter.
Erblassend trat sie in die Hütte zurück. Ihre Fäuste ballten sich. „Das war das letzte Wörtl, das ich ihm gegeben hab.“
Der Kropfenjörgi kam; er erschrak, als er Zenzas Gesicht erblickte. „Was hast du, Sennerin?“ fragte er. „Bist du letz?“
„Laß mich in Ruh, du Täpp!“
Er setzte sich in den Herdwinkel und starrte sie mit seinen glotzenden Augen an, bis sie ihn aus der Hütte jagte.
Tag um Tag verging, und Zenza wurde immer stiller und verdrossener. Der Kropfenjörgi hatte viel mit der Herde zu schaffen, aber in jeder freien Minute lief er hinter dem Mädel her wie ein Hund hinter seinem Herrn. Mit dem Spürsinn der Eifersucht fand er bald heraus, wo die Ursach ihrer schlimmen Laune zu suchen wäre. Zenzas Augen blickten nie so finster, als wenn Haymo auf seinem Hegergang in die Nähe des Almfeldes kam.
„Sennerin? Hat dir der Jäger was getan?“ fragte der Kropfenjörgi zu dutzendmalen.
Zenza hatte immer die gleiche Antwort: „Laß mich in Ruh!“
Eines Abends trat ihr der verschlossene Zorn doch auf die Lippen. Da saßen sie am Herdfeuer. Draußen ging ein Schritt vorüber. Zenzas Augen flammten, und ihre Hände zitterten.
Jörgi schlich aus dem Winkel hervor. „Sennerin?“ fragte er mit heiserer Stimme. „Sag mir’s! Hat dir der Jäger was getan?“
„Ja. Einen Schimpf hat er mir angetan, an dem ich erstick! Und jetzt laß mich in Ruh und frag nimmer!“
Jörgi trat vor die Hütte. Ringsumher, mit leise klingenden Glocken, lagen die wiederkäuenden Rinder im Gras. Sie hatten alle den Kopf nach dem Jäger gewendet, der in der sinkenden Dämmerung über den Almhang emporstieg. Jörgi ballte die Fäuste.
„Wart du! Wir zwei, wir wachsen zusammen!“ Sein funkelnder Blick folgte der Gestalt des Jägers, bis sie im schwarzen Schatten des Waldes verschwand.