24.

Zwei Monate waren seit dem Ostertag vergangen, und es kam der Abend vor dem Sonnwendfest.

Walti hatte am Morgen dem Jäger frische Zehrung gebracht. Auf die Botschaft, daß Herr Heinrich dem Jäger gestatte, am Tag nach Sonnwend, am Fronleichnamsfeste, in das Kloster zu kommen, um dem feierlichen Umzug beizuwohnen, hatte Haymo kopfschüttelnd erwidert: „Ich kann nit fort, das Hochwild ist in der Setzzeit, ich muß auf die jungen Kälber acht haben, daß mir keiner drüberkommt, der vier Füß hat oder weniger.“ Dann hatte er die Armbrusthinter den Rücken genommen und war hinausgewandert in die vom Sonnenduft des Morgens umflimmerten Berge.

Müde, aber mit Augen, die sich nach keinem Schlummer sehnten, kehrte er abends in die Hütte zurück. Er bereitete sich den Imbiß, löschte das Feuer und zog gewaffnet, wie er gekommen, wieder hinaus in die sinkende Nacht.

Nicht allzufern von der Hütte, auf einer Felskuppe, die das weite Steintal beherrschte, ließ er sich nieder. Das war ein Lieblingsplatz seiner schlummerlosen Nächte.

Tausend Sterne funkelten über ihm, aber ihr Glanz erblaßte schon vor dem Schimmer des steigenden Mondes, dessen Scheibe voll und groß emporschwamm über die wie mattes Silber glänzenden Firnen des Steinernen Meeres. In zartem Grau, als wären sie nicht körperlich, sondern gebildet aus erstarrtem Nebel, hoben sich alle Grate, Zinnen und Kuppen der Berge mit duftverschwommenen Linien in den mondbleichen Himmel, und über sie alle hinaus ragte der Wazmann mit seinem schneebedeckten Haupt, wie ein greiser Ahn inmitten seiner Kinder.

Haymo saß, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen, das Haupt an den kühlen Fels gelehnt. Mit heißen Augen blickte er über die Berge, weit,weit in die verschleierte Ferne, wo zwischen Göhl und Untersberg das finstere Tal gegen das ebene Land hinauskroch wie eine schwarze, riesige Schlange. Dort draußen konnte Haymo, wenn es Tag und reiner Himmel war, die Türme von Salzburg blinken sehen. Jetzt aber zeigte ihm die Ferne nichts als ein unentwirrbares, eintöniges Grau, in das der steigende Mond weder Helle noch Schatten brachte. Doch nein — je länger Haymo in die Ferne starrte, desto deutlicher sah er ein sanftes Leuchten, wie von zwei Sternen, die ein dünner Nebel umflossen hält; und immer näher schienen sie zu kommen, immer heller wurde ihr Glanz, und nun schimmerten sie vor ihm: zwei große, schöne, rätselhafte Augen in einem schmalen, blassen Gesicht, das ihn anlächelte, selig und traurig zugleich.

„Gittli!“

Er schrie den Namen in die Nacht hinaus und vergrub das Gesicht in die zitternden Hände.

Stunde um Stunde verging. Es mochte Mitternacht vorüber sein, als ein Geräusch den Jäger lauschen machte. Aus dem Steintal klangen Schritte, die immer aussetzten und nach einer Weile, gedämpft und näher, sich wieder hören ließen. Da kam einer emporgestiegen, der für seinen Schritt die grasigen Stellen des Pfades zu suchen schien; er mußte Gründe haben, nicht gehört zu werden.

Lautlos glitt Haymo über den Hang und barg sich im schwarzen Schatten eines Gebüsches. Da sah er einen dunklen, unförmigen Klumpen langsam durch das Tal emporschwanken. Haymo vermochte lange nicht zu erkennen, was es wäre; endlich sah er: es war ein Mensch, der einen gewaltigen Pack von dürrem Reisig auf dem Kopfe trug; nun erreichte er den freien Platz, auf dem die Hütten standen, und legte vorsichtig den Pack zu Boden. Da erkannte ihn Haymo im Mondlicht. Es war Zenzas Hüter, der Kropfenjörgi.

„Was will der Unverstand?“ murmelte Haymo und sah kopfschüttelnd zu, wie Jörgi die Schuhe von den Füßen streifte und auf die Jägerhütte zuglitt. Der Bursche lauschte an Tür und Fenster, dann schleppte er einen Felsbrocken herbei, holte einen zweiten, einen dritten, und so türmte er lautlos einen dicken Steinwall vor der Tür empor. Das Reisig verteilte er um die Blockwand und kauerte sich mit leisem Kichern auf die Erde nieder. Ein Schwefelfaden leuchtete bläulich auf, und aus dem Reisig züngelte eine helle Flamme. Jörgi schlich davon und rief mit häßlichem Gelächter gegen die Hütte zurück: „Du wirst der Zenza keinen Schimpf mehr antun!“

Da traf ihn ein Faustschlag, daß er bewußtlos zu Boden stürzte.

Haymo eilte auf die Hütte zu, riß das brennende Reisig auseinander und zertrat die Flammen.

Jörgi kam zur Besinnung; er wollte sich erheben, aber der Jäger warf sich über ihn, und da half es dem Burschen nichts, ob er auch um sich schlug, ob er biß und kratzte wie ein Tier; ein kurzer Kampf, und Jörgi lag mit geknebelten Händen.

„Steh auf!“ sagte Haymo.

Jörgi erhob sich.

„Geh voran!“

Der Bursch trottete gesenkten Kopfes auf dem Steig dahin. Mit geschultertem Griesbeil ging Haymo hinter ihm her.

Es war Morgen geworden, als sie die Alm erreichten. Die Kühe zogen schon läutend über das Feld; aber an Zenzas Hütte war die Tür noch geschlossen. Haymo stieß das Griesbeil gegen die Bohlen. „Sennerin! Mach auf!“

Man hörte in der Hütte eine stammelnde Stimme, ein Geräusch, dann wurde die Tür aufgerissen, und Zenza erschien, mit ungeordnetem Haar und nackten Schultern, den Jäger anstarrend mit erschrockenem Blick.

„Da bring ich dir deinen Hüter!“ sagte Haymo. „Er hat mich in meiner Hütt verbrennen wollen. Damit ich dir keinen Schimpf mehr antu!“

Zenza wurde kreidebleich, dann wieder schoß ihrbrennende Zornröte in die Wangen. Mit heiserem Schrei stürzte sie auf Jörgi zu und schlug ihm, ehe Haymo es hindern konnte, die Faust ins Gesicht. Jörgi wankte, sein Gesicht verzerrte sich, aber kein Laut kam über seine Lippen, und mit gläsernem Blick hingen seine Augen an dem Mädel.

Haymo war davongegangen. Da kam ihm Zenza nachgerannt und umklammerte seinen Arm.

„Haymo! Haymo! Ich tu dir schwören bei allem, was heilig ist im Himmel und auf der Welt: ich hab’s ihm nit geschafft. Ich hab nichts gewußt davon.“

„Das weiß ich, Zenza.“

„Schau, Haymo, wenn’s geschehen wär, ich selber hätt sterben müssen.“

Er sah sie mit traurigen Augen an, löste ihre Hände von seinem Arm, nickte einen Gruß und ging seiner Wege.

Wie zu Stein verwandelt stand das Mädel und starrte ihm nach. Sie strich den Arm über die Stirn und kehrte müd zur Hütte zurück. Mit einem Messer zerschnitt sie den Strick an Jörgis Händen. „Geh, sag ich, und komm mir nimmer unter die Augen!“

Der Bursch glotzte sie an und rührte sich nicht.

„Mach fort, sag ich! Und wenn du hinunterkommst, dann richt meinem Vater aus, er soll mireinen anderen Hüter schicken.“

Jörgi stand unbeweglich; nur ein Zittern lief über seinen Körper, als Zenza in die Hütte trat; dann atmete er schwer, rieb die Knöchel seiner Hände, faßte die Geißel, die an der Hüttenwand lehnte, und begann seinen Hüterdienst.

Als es Mittag wurde, sah ihn Zenza die Kühe zum Stall treiben. „Du bist noch allweil da?“ rief sie mit zornbebender Stimme.

Ein funkelnder Blick traf sie aus seinen Augen. „Ich geh nit, Sennerin! Und wenn einer mit zehn Rossen käm und tät mich fortziehen wollen, ich bleib.“

Sie trat auf ihn zu, riß ihm die Geißel weg und hob sie zum Schlag.

„Willst du gehen?“

„Hau zu! Ich wehr mich nit. Aber bleiben tu ich.“

Klatschend fuhr ihm die Schnur der Geißel ins Gesicht und zeichnete einen blauroten Striemen über Stirn und Wange. Jörgi rührte sich nicht; das Wasser lief ihm aus den starren Augen.

Wieder fragte sie: „Willst du gehen oder nit?“

Er biß die Lippen übereinander und schüttelte den Kopf.

Sie wollte schlagen. Ein Gefühl des Ekels überkam sie — und sie wußte nicht, war es Ekel vor sichselbst, oder Ekel vor diesem menschenähnlichen Tier. Sie warf ihm die Geißel vor die Füße und ging der Hütte zu.

Zitternd hob Jörgi die Geißel auf, ließ die Schnur durch die Finger gleiten und machte sich wieder an seine Arbeit.

Gegen Abend wurde es lebendig auf der Alm. Eine Schar junger Burschen kam; mit ihnen ein Sackpfeifer und ein Zitherschläger. Die Spielleute begannen eine lustige Weise, während die Burschen singend und jauchzend den Holzstoß zum Sonnwendfeuer rüsteten. Dann wurde die Bahn für das Scheibenspiel geebnet. Auf dem untersten Hang des Almfeldes baute sich eine grasige Kuppe über den steil zum See abfallenden Bergwald hinaus; man mußte schwindelfreie Augen haben, um von dieser Stelle furchtlos hinunterzublicken in die gähnende Tiefe, in welcher der See gebettet lag. Ein geflochtener Zaun umschloß den Platz, um das grasende Vieh vor der gefährlichen Stelle zurückzuhalten. Diesen Zaun entfernten jetzt die Burschen, und mit Holzpflöcken stampften und schlugen sie den sacht ansteigenden Grasboden der Kuppe glatt, um eine ebene Bahn für die rollenden Scheiben zu gewinnen; das machte ihnen nur wenig Mühe, denn der Boden war noch glatt vom vergangenen Sommer her. Es wurde aufdieser Kuppe, die der ‚Feuerpalfen‘[27]hieß, seit grauen Zeiten, Jahr um Jahr, das Sonnwendspiel gehalten.

Lange, biegsame Stangen wurden zugerichtet, eine mächtige Fichte wurde gefällt, der Stamm mit der Säge in Scheiben zerschnitten, und aus jeder dieser Scheiben wurde das Mark herausgebohrt.

Der Abend dämmerte schon, als alle Vorbereitungen getroffen waren. Der Gäste wurden immer mehr; ein Bursch um den anderen kam aus dem Tal emporgestiegen, mit hellem Jauchzer sich ankündend; von allen Almen her, oft viele Stunden weit, kamen die Sennerinnen, und jede brachte ein mit geweihtem Wasser besprengtes Scheit zum Sonnwendfeuer und eine lange Kienfackel, um die heilige Flamme heimzutragen durch die finstere Nacht.

Als am dunklen Himmel die Sterne blinkten, wurde Feuer an den Stoß gelegt. Alle standen schweigend im Kreis umher, um achtzuhaben, wie hoch die erste Flamme emporzüngle: denn so hoch würde der Flachs geraten in diesem Jahr.

Mit Knistern und Prasseln wuchs das Feuer, und es währte nicht lang, da loderte es baumhoch empor mit rauschenden Flammen, die sich durcheinander ringelten wie hundert glühende Schlangen. Und da begannen auch in der finsteren Ferne, aufallen sichtbaren Gebirgsstöcken, auf den Lattenbergen und dem Wazmann, auf dem Göhl und Untersberg die Sonnwendfeuer aufzuleuchten, daß es anzusehen war, als hätte der Himmel seine Sterne als feurige Flocken heruntergeschüttet auf die Berge.

Die Pfeife klang, die Zither fiel ein, jeder Bursch faßte sein Mädel um die Mitte, und in geschlossenem Reigen wirbelten die jauchzenden Paare rings um das Feuer, bis der Holzstoß zerfiel und die Flammen zu schrumpfen begannen. Da stellten sich die Paare in langer Reihe auf.

„Springet, Dirnen und Buben,“ rief der Zitherschläger, „daß euch beim Traidschneiden das Kreuz nit weh tut!“

Und der Bursch, der zuvorderst in der Reihe stand, warf seinen Hut in die Luft und sang dazu:

„Unterm Kopf, überm KopfTu ich mein Hütl schwingen!Dirndl, wie lieber mich hast,So höher mußt springen.“

„Unterm Kopf, überm KopfTu ich mein Hütl schwingen!Dirndl, wie lieber mich hast,So höher mußt springen.“

„Unterm Kopf, überm KopfTu ich mein Hütl schwingen!Dirndl, wie lieber mich hast,So höher mußt springen.“

„Unterm Kopf, überm Kopf

Tu ich mein Hütl schwingen!

Dirndl, wie lieber mich hast,

So höher mußt springen.“

Lachend reichte ihm sein Mädel die Hand, in gleichem Schritt begann das Paar den immer flinker werdenden Anlauf. „Hupp auf!“ schrien alle anderen. Und in hohem Schwung flog das Paar über die breite Glut hinweg und durch die züngelndenFlammen. Jauchzender Zuruf folgte dem glücklichen Sprung, und der Bursch halste das Mädel: „Schatz! Wir haben uns ein glückselig Jahr erschwungen!“

Paar um Paar sprang über das Feuer; mißglückte der Sprung, dann regnete es spottende Scherze über die Ungeschickten, die mit verdrossenen Gesichtern hinter die Reihe zurücktraten, um den Sprung ein zweites Mal zu versuchen.

Zenza stand mit verschränkten Armen unter der Hüttentür und schaute finster dem fröhlichen Treiben zu.

Da trat ein Bursch zu ihr. „Zenza, willst du dich nit schwingen mit mir?“

Sie blickte auf; es war Ulei der Bildschnitzer. Sie gab ihm keine Antwort; nicht einmal den Kopf schüttelte sie; schweigend trat sie aus der Tür, wandte dem Burschen den Rücken und wanderte langsam in die Nacht hinaus.

Das letzte Paar war glücklich über das Feuer gesprungen, und nun begann das Scheibenspiel. Ein Bursch um den anderen faßte mit langer Stange eine der durchlöcherten Scheiben und hielt sie ins Feuer, bis sie zu glühen begann; dann sagte er den altherkömmlichen Scheibenspruch, setzte das glühende Rad auf die ebene Bahn und begann gegen den Feuerpalfen zu laufen; nahe vor dem Abgrund ließ er dierollende Scheibe mit kräftigem Schwung von der Stange gleiten, daß sie funkensprühend hinausflog in die Luft und verglimmend in die Tiefe sank. Auch hier gab es Lob und Spott, je nachdem der Wurf gelang. Unter den Scheiben war eine, mit welcher keinem Burschen der Schwung gelingen wollte; die Scheibe war zu plump und schwer geraten; bald wollte sie nicht richtig glühen, bald brach unter ihrem Gewicht die Stange, bald wieder rollte sie seitwärts davon, noch ehe der Feuerpalfen erreicht war. Am Ende ließ man sie liegen und hielt sich an die leichteren Scheiben, die sich flink und lustig treiben ließen. Wohl eine Stunde währte das fröhliche Spiel, das sich wundersam ausnahm in der finsteren Nacht.

Da kam noch ein später Gast zum Sonnwendfeuer: Haymo, der Klosterjäger. „Schenket mir auch eine Scheib!“ sagte er zu den Burschen, die ihn mit herzlichem Willkomm empfingen.

„Schad, Jäger, du bist zu spät gekommen. Die Scheiben sind all schon vertrieben.“

„Dort liegt noch eine.“

„Die will sich nit treiben lassen.“

„Sie muß!“ Der Jäger packte den rußigen Klotz und warf ihn ins Feuer. Als die Scheibe um und um glühte, hob er sie mit der Stange aus den Flammen und sagte mit bebender Stimme den Spruch:

„Eine ScheibenWill ich treibenMeiner Herzallerliebsten zu Ehren!Will’s einer wehren?“

„Eine ScheibenWill ich treibenMeiner Herzallerliebsten zu Ehren!Will’s einer wehren?“

„Eine ScheibenWill ich treibenMeiner Herzallerliebsten zu Ehren!Will’s einer wehren?“

„Eine Scheiben

Will ich treiben

Meiner Herzallerliebsten zu Ehren!

Will’s einer wehren?“

Mit jähem Ruck setzte er den brennenden Klotz auf die verkohlte Grasbahn, fing zu laufen an und wirbelte die Scheibe, daß die Funken emporstoben wie aus einer Esse. Dicht vor dem Absturz hielt er inne. „Gittli, ich tu dich grüßen!“ Das schrie er mit zitterndem Ruf in die Nacht hinaus. Und von mächtigem Schwung getrieben, surrte das feurige Rad in weitem Bogen über den Abgrund.

Alle rannten zum Feuerpalfen. „Schauet nur, schauet,“ riefen die Mädchen, „so hat noch keiner eine Scheib getrieben!“

Inmitten der Lärmenden stand Haymo und blickte stumm seiner Scheibe nach, die einer fallenden Sonne gleich in die Tiefe sank und immer noch keinen Grund erreichte.

„Schauet, schauet,“ rief es rings um ihn her, „sie fallt hinunter bis in den See!“

Tiefer und tiefer sank das kreisendeFeuerrad, es wurde kleiner und kleiner, nun glich es schon einem winzigen Stern, und jetzt — die Scheibe mußte auf einen Fels gefallen und zersplittert sein — jetzt sprühte der Stern in hundert Funken auseinander, die sachterloschen.

Schwer atmend schloß Haymo die Augen. So war sein leuchtendes Glück zerbrochen, versunken und erloschen.

Er wand sich aus dem jubelnden Kreis und trat in die Finsternis des Waldes. Dort stand er im schwarzen Schatten der Bäume und starrte nach dem erlöschenden Sonnwendfeuer, dessen zuckende Flammen vor dem Licht des steigenden Mondes erblaßten. Er sah, wie eine Sennerin nach der andern zum Feuer trat, um die Kienfackel zu entzünden. Paarweis zogen sie davon, bergab oder seitwärts über die Halden, jede Dirn mit ihrem Buben. Grüße, Jauchzer und Jodler hallten von allen Pfaden durch die mondhelle Nacht. Und vom Steig herauf, der hinunterführte ins Klosterdorf, klangen noch die gurgelnden Töne der Sackpfeife. Bald waren die letzten Gestalten der Heimwärtsziehenden im Dämmerschein der Mondnacht entschwunden, und man sah auf allen Wegen nur noch die Fackeln ziehen, gleich gaukelnden Sternen, und jeder von diesen Sternen leuchtete einem heimlichen Glück, zärtlichem Geplauder und endlosen Küssen.

Haymo wollte aus dem Wald hervortreten. Da sah er noch einen letzten zu dem erlöschenden Feuer treten. Jörgi war es; er steckte ein Bündel Späne in die Glut, und als sie Feuer fingen, trug er dieheilige Sonnwendflamme in Zenzas Hütte.

Haymo wollte ihm nicht begegnen; im Schatten des Waldes schritt er langsam dahin. Als er dann quer über das Almfeld wanderte, hörte er plötzlich in seiner Nähe ein bitterliches Weinen. Unter einer einsam stehenden Fichte sah er Zenza auf der Erde sitzen; sie hielt das Gesicht mit den Händen bedeckt, ihr ganzer Körper schauerte von Schluchzen. Sie hörte seinen Schritt nicht; erst als er, leis ihren Namen nennend, die Hand auf ihre Schulter legte, blickte sie erschrocken auf. „Was willst du von mir?“

„Ich hab dich weinen hören. Das hat mir weh getan. Und ich möcht dir’s abbitten, wenn ich dir etwas Ungutes angetan hab. Schau, Zenz, ich kann nichts dafür.“

Sie lachte zornig.

„So mußt du nit sein, Zenza! Es kann doch keines was dafür. Es hat halt nit sein mögen, daß wir zwei uns zusammenfinden in Freud und Fried. Schau, Zenz, so laß uns zusammenstehen und gute Kameradschaft halten im Herzleid! Könntest du nur hineinschauen in mich, wie’s ausschaut da drin. Ich weiß, du tätst mir nimmer zürnen, sondern tätst ein Erbarmen mit mir haben.“

„Haymo!“ stammelte sie und zog ihn an ihre Seite. „Komm, schau, tu dich vor mir nit scheuen!Vor mir kannst du alles reden. Was hast du für ein Herzleid? Sag’s, Haymo!“

In heiß quellendem Schmerze rang es sich aus seiner Brust: „Ich kann das Mädel nit vergessen. Ich würg mich und plag mich und zwing mich, und ich kann sie halt nit vergessen. Wo ich hinschau bei Tag und Nacht, überall steht ihr Gesicht und schaut mich an. Jedes Lüftl im Wald, jedes Wasser, das ich rinnen hör, alles hat dem Mädel seine Stimm. Jedes schlachtige[28]Bäuml, jedes Blümel tut mich mahnen dran. Und den See, den darf ich schon gar nimmer anschauen. Und nienderst hab ich kein Bleiben nimmer. Bin ich draußen, so treibt’s mich heim, und bin ich daheim, so treibt’s mich wieder fort. Das ganze Herz brennt’s mir zusammen wie ein dürres Scheitl Holz. Ich spür’s, Zenza, ich muß versterben dran!“

„Haymo! Jesus, Maria! Du mein lieber Bub!“ Sie verstummte. Dann sprach sie weiter, mit ruhiger, fester Stimme: „Weswegen sollst du das Mädel vergessen müssen? Tut dich vielleicht die Gittli nit mögen? Aber geh, so eine dumme Frag! Wie soll dich eins nit lieb haben? Ich weiß schon — ich hab’s gehört, man hat sie fortgeschafft, gelt?“

„Ja, Zenza!“

„Warum denn?“

„Ich weiß nit. Es hat geheißen, man tät ihr Glück machen.“

„Glück?“ murrte das Mädel. „Das Glück, das die Herrenleut für unsereins übrig haben, das geb ich keiner Kuh zu fressen. Aber sag, wo ist sie denn hingekommen?“

„Nach Salzburg zu den Domfrauen.“

„Was tut sie denn da? Schafft sie im Stall oder in der Küch?“

„Ich weiß es nit.“

Zenza blickte sinnend vor sich hin. Dann sprang sie auf. „Schau, es muß schon mitternächtige Zeit sein, das Mondmanndl steigt schon hinunter über die Berg. Geh, Bub, steh auf und mach, daß du heimkommst. Schau, du bist so müd und übernächtig, daß du dich schier nimmer auf den Füßen halten kannst. Da hast du dein Käppel und dein Griesbeil! So! Und jetzt schau, daß du heimkommst, und leg dich schlafen! Gut Nacht, Bub!“

„Gut Nacht, Zenza!“ sagte Haymo mit versunkener Stimme. „Und Vergeltsgott für den Haimgart!“

„Wohl! Kehr nur wieder einmal zu auf meiner Alm! Morgen bin ich nit daheim. Aber übermorgen, da findst du mich wieder.“ Ein schmerzlichesLächeln zuckte um ihren Mund. „Und jetzt schau, daß du heimkommst! Und schlaf auch! Gelt?“

„Wenn ich’s fertig bring. Gut Nacht, Zenza!“

„Gut Nacht, Haymo!“

„Vergeltsgott!“

„Und Glück auf Sonnwend!“

„Glück? Möcht wissen, wo’s herkommen soll?“

Müden Ganges stieg Haymo über den Almhang empor.

Zenza blickte ihm nach, bis seine Gestalt im Zwielicht der Mondnacht zerfloß. „Nein, Bub,“ stammelte sie, „versterben sollst du mir nit, solang ich noch eine Zung hab und Füß am Leib!“

Sie eilte der Hütte zu. Als sie zur Türe kam, sah sie Feuer auf dem Herd; Jörgi kauerte im Winkel und glotzte in die züngelnden Flammen. Mit leisem Schritt entfernte sich Zenza wieder. Als sie den Steig erreichte, der in das Klosterdorf hinunterführte, begann sie zu laufen.

Der helle Mondschein leuchtete auf ihrem stillen Weg.

[27]Palfen = Felsen.

[28]Fein, schlank.

Bei grauendem Morgen erreichte Zenza das Dorf. Sie rastete nicht. Eilenden Ganges wanderte sie auf der Straße weiter; sie hatte den Rock geschürzt und führte in der Hand einen Stecken, den sie im Bergwald gebrochen. Noch stieg keine Rauchsäule aus den Dächern, und Stille herrschte über allen Feldern und Wiesen. Es war Fronleichnamstag![29]Das höchste Fest des Jahres! Viele Häuser warenschon mit Birkenbäumchen und Laubkränzen geziert, und vor anderen Gebäuden, die noch ungeschmückt waren, lagen die Birken haufenweise bereit. Niemand begegnete ihr; die Leute schliefen noch; nur manchmal fuhr kläffend aus einem Gehöft ein Hund hervor, der ein schweres Scheit Holz an den Hals geknebelt trug, das ihn hindern sollte, in den Klosterwäldern ein kleines Jagdvergnügen aufzusuchen.

Zwei Stunden tüchtigen Marsches, und Zenza erreichte den Markt Schellenberg. Hier waren die Leute schon munter; Erwachsene zierten die Häuser, Kinder bestreuten die Straße mit Blumen, die Salzknappen schmückten das Sudhaus und bauten einen Altar.

Zenza hungerte. Sie trat in die Taferne. „Grüß dich Gott, Leutgeb!“ sagte sie zum Wirt. „Kennst du mich?“

„Wenn ich recht mein’, bist du dem Eggebauer seine Tochter?“

„Wohl!“

„Wo gehst du hin in aller Früh?“

„Auf Salzburg hinein.“

„Willst du dir den Umgang anschauen?“

„Wohl! Und ich bin überhops von meiner Alm davon und hab vergessen, daß ich einen Zehrpfennig mitgenommen hätt. Willst du mir Essen und Trinkengeben? Mein Vater zahlt schon, wenn er vorbeikommt. Und wenn du noch ein übriges tun magst, gib mir zwanzig Heller auf den Weg!“

Die Tochter des reichen Eggebauern hatte ein leichtes Fordern; hätte sie nicht zwanzig Heller, sondern zwanzig Schillinge begehrt, der Leutgeb hätte einen Katzenbuckel gemacht und wär’ gesprungen, um den Kasten aufzutun.

Zenza schob die Münzen in die Tasche, den Stutzen Rotwein leerte sie auf einen Zug, Brot und Selchfleisch nahm sie in die Hand und begann zu essen, während sie weiterwanderte.

Abermals zwei Stunden, und der Untersberg lag hinter ihr. Weit und eben, noch von den zarten Nebeln des Morgens überflossen, dehnte sich das Grödiger Moos. Bald verwehte ein frischer Wind den grauen Duft, der über die Landschaft gebreitet lag, und im Glanz der Morgensonne, stolz und schön, winkte ihr die leuchtende Stadt entgegen. Auf den ragenden Zinnen der Hohensalzburg, auf dem steilen Dach des Domes zu St. Peter, auf dem schlanken, zierlichen Turm der Franziskanerkirche, auf jedem Herrenhaus, überall wehten die weißen und roten Fahnen des Festes.

Als Zenza das Nonntaler Tor erreichte, begannen schon alle Glocken zu läuten. Der junge Torwärtelhielt ihr die Hellebarde vor und wollte die Maut von ihren Lippen erheben; statt eines Kusses zahlte sie mit einem Nasenstüber, schlug den Spieß beiseite und rannte durch die enge Gasse, im Strom der Leute verschwindend, die zum Domplatz eilten. Zenza überließ sich dem schiebenden Gedränge, ratlos, was sie beginnen sollte. Das Heim der Domfrauen würde sie wohl bald erfragen können. Aber wie sollte sie ins Kloster gelangen? Wie sollte sie Gelegenheit finden, Gittli ohne Zeugen zu sprechen? Während sie grübelte, wurde sie gedrückt und geschoben; vom Hall der vielen Glocken begannen ihr die Ohren zu singen; und in dem hundertstimmigen Lärm, bei dem klappernden Getrappel der Pferde, bei dem Geschrei der vor den Hufen Flüchtenden wurde ihr völlig wirr und taub zu Sinne.

Schließlich stand sie mitten in dichtem Menschengewühl auf einem großen Platz; ringsum Kirchen und ragende Gebäude, alle reich geziert mit Fahnen, Bildern, kostbaren Teppichen und Stickereien, mit Birkenbäumchen, Laubgewinden und leuchtenden Blumen.

Das Geläut der Glocken hatte ausgesetzt; nun begann es wieder, mit ihm vermischten sich, aus einer nahen Gasse schallend, die schmetternden Klänge der Posaunen, die hellen Töne der Zinken, die dumpfenWirbel der Pauken, dazu ein mächtig anwachsender Gesang von Kinder-, Frauen- und Männerstimmen, die durcheinanderflossen wie brausende Wellen. Vor Zenzas Augen, deren Herz erzitterte in frommem Schauer, entwickelte sich mit funkelnder Pracht die heilige Prozession. Voran auf weißen Rossen die Herolde in goldgestickten Wappenröcken, dann die bunt gewandete Truppe der Posaunenbläser, Zinkenisten und Pauker, eine Schar Kriegsknechte, ein rasselnder Reitertrupp, die Fronboten und alles Gesinde des erzbischöflichen Hofes, die Ritter im Scharlachkleid, die Räte in schwarzen Talaren und mit schweren Goldketten; auf tänzelnden Pferden die Lehensritter in funkelndem Harnisch und mit blanken Schwertern, welche blitzten in der hellen Sonne; eine schier endlose Reihe von Mönchen und Laienpriestern, flackernde Lichter tragend; zwischen allen Gruppen wehende Kirchenfahnen und gaukelnde Laternen, heilige Statuen und Reliquienschreine; und jetzt der Baldachin, strotzend von Gold, mit nickenden Federbüschen auf jeder Stange, behangen mit Bändern und Goldschnüren, deren Quasten in den Händen schmucker Edelknaben ruhten, umgeben von gepanzerten Wächtern, umwallt von duftenden Weihrauchwolken; und unter dem schwankenden ‚Himmel‘ die Domherren im goldschweren Levitenkleid,in ihrer Mitte Herr Heinrich von Pirnbrunn, der neuerwählte Erzbischof von Salzburg, die weiße, goldgebänderte Inful auf dem Haupt, um die Schultern den von edlen Steinen blitzenden Rauchmantel, in den Händen die strahlende Monstranz.

Es stockte der Zug, der Erzbischof bestieg die Stufen des unter freiem Himmel erbauten Altars, der Gesang verstummte, die Posaunen und Zinken schwiegen, das Geläut der Glocken setzte jählings aus, über dem von Farben, Silber, Gold und Sonne leuchtenden Platz lag atemlose Stille. Da schrillten die Klingeln, die Weihrauchwolken wallten, es hob sich die Monstranz, alles Volk sank auf die Knie, und an jede von Ehrfurcht und heiligem Schauer erfüllte Brust schlug dreimal die zitternde Faust: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!“

Einen Augenblick — und alles war wieder Bewegung und Gewoge, Gesang und Tönen, Klang und Geläut, Funkeln und Geflimmer.

Du stiller, träumerischer Zauber der heidnischen Sonnwendnacht, wie hättest du nicht erblassen sollen vor dem Glanz und der Glorie dieses Tages, welchen Papst Johannes zum höchsten Fest der Christenheit erhoben hatte, um die „Herrlichkeit der Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner zu offenbaren und deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen!“ —

Der Baldachin war an Zenza schon vorübergezogen, aber sie hatte immer noch zu schauen und zu staunen in Hülle und Fülle. Da kamen in prächtigen Gewändern die Edelherren und Edelfrauen, eine lange, lange Reihe. Dann wieder Mönche und Priester, singende Knaben und Mädchen. Und jetzt —

Durch Zenzas Herz zuckte ein heißer Schreck, und mit brennenden Augen starrte sie in den Zug.

„Das sind die Domfrauen,“ sagte ein Weib an ihrer Seite, „und die adeligen Fräulen.“

Voran ging die Oberin mit sechs Schwestern, in schlichten blauen Gewändern, die blassen Züge überschattet von weißen Hauben, am Gürtel den Rosenkranz aus roten Korallen. Ihnen folgte, einem wandelnden Blumengarten vergleichbar, eine blühende Mädchenschar, alle gleich gewandet, in weißen, schleppenden Kleidern, die entblößten Schultern und Arme von zarten Schleiern überfallen, weiße Rosenkränzlein im gelösten Haar. Und von den Schönen die schönsten, sechs an der Zahl, trugen auf duftender Blumenbahre ein liebliches Marienbild.

An einer dieser Trägerinnen hing Zenza mit erschrockenen Augen. Als die Bahre vorüber war, fuhr sie auf, wie aus einer Betäubung erwachend. Mit stoßenden Ellbogen drängte sie sich aus dem Knäuel der Menschen hinaus in die freie Gasse.

Der Zug hatte gewendet und zog nun an sich selbst vorüber. Es gab ein wirres Gedräng, bei welchem es niemand auffiel, daß eine neugierige Bauerndirn fast mitten in die Schar der adeligen Fräulein hineingestoßen wurde. Aus nächster Nähe spähte Zenza in das Gesicht der Marienträgerin, über deren schmächtige Wangen eine brennende Röte flog.

„Kennst du mich?“ flüsterte Zenza, während in der vorüberziehenden Spitze des Zuges die Posaunen schmetterten und die Zinken klangen.

„Kennst du mich, Gittli?“ wiederholte sie und flüsterte weiter: „Deinetwegen bin ich gekommen. Du mußt davonlaufen aus dem Kloster! Noch heut! Ich wart vor dem Klostertor. Den ganzen Tag! Und wenn’s sein muß, die ganze Nacht! Aber kommen mußt du. Du mußt! Der Haymo stirbt.“

Zenza hatte kaum ausgesprochen, als ein Stadtknecht sie mit unsanftem Arm zurückstieß in das Gedräng.

Der Zug geriet in Stockung. Eine der Marienträgerinnen war ohnmächtig geworden, und als sie niedersank, konnten die hinzuspringenden Mädchen nur mit Mühe noch das heilige Bild vor dem Sturz bewahren.

„Jetzt hat sie’s gar umgeworfen!“ murmelte Zenza, während sie neugierig den Kopf über dieSchultern der vor ihr stehenden Leute reckte. „So eine klebere Zetzen![30]Und an so eine hängt sich ein solcher Bub!“ Fast war es Schadenfreude, was aus ihren Augen blitzte, als sie sah, wie Gittli von zwei Domfrauen an den Armen gestützt und fortgezogen wurde.

Es währte noch eine volle Stunde, bis die Feier vorüber war und das Gedräng der Menschen sich löste. Von Gasse zu Gasse fragte sich Zenza bis zum Heim der Domfrauen. Auf einem Eckstein kauerte sie sich nieder und wartete, bis die Domfrauen mit ihren Pfleglingen in das Kloster zurückkamen. Gittli war nicht dabei. Zwei Schwestern hatten sie schon nach Hause geführt und zu Bett gebracht; die Ohnmacht wurde dem Staub und der Hitze zugeschrieben, und man legte es als Schwäche aus, daß Gittli auf keine Frage Antwort gab. Geduldig ließ sie alles mit sich machen, nahm die stärkenden Tropfen, die man ihr reichte — und nun lag sie in ihrem Nest, von einer Schwester behütet, und starrte mit angstvollen Augen ins Leere. Wohl war es ihre erste Regung gewesen, auf den Knien und mit aufgehobenen Händen zu betteln: „Lasset mich heim!“ Aber das hatte sie seit jenem Tag, der sie ins Kloster brachte, schon zuhundertmalen nutzlos getan. Sie mußte schweigen und den günstigen Augenblick zur Flucht erwarten. Den Weg für eine solche Flucht hatte sie sich längst schon ausgesonnen, doch immer hatte ihr der Mut gefehlt, ihn zu betreten. Jetzt aber mußte sie fort, sie mußte. „Der Haymo stirbt.“ Dieses Wort hätte ihr den Mut gegeben, sich durch Feuer und Wasser hindurchzuschlagen.

„Der Haymo stirbt.“ Immer, immer hörte sie nur dieses eine Wort. Das Herz schlug ihr wie ein Hammer, und dennoch rann das Blut so kalt wie Eis durch ihre Glieder. „Der Haymo stirbt.“ War er denn nicht genesen? Hatte Herr Heinrich gelogen, als er diese Botschaft sandte, diese erste und einzige Freude, die sie hier zwischen den dumpfen, ihre ganze Lebensfreude erdrückenden Mauern erfahren durfte? Oder war Haymos Wunde wieder aufgebrochen? Hatte ihn ein neues Unheil getroffen? War er auf seinen gefährlichen Wegen gestürzt? Hatte ein Raubschütz, ein wildes Tier ihn angefallen? Quälende Bilder stiegen vor ihren Augen auf, und aus jedem dieser Bilder schrie ihr eine jammernde Stimme zu: „Der Haymo stirbt! Der Haymo stirbt!“

Fröhlicher Lärm unterbrach sie in ihren martervollen Gedanken. Etwa zwanzig Mädchen stürmten in den großen Schlafsaal, um die Kleider zuwechseln und sich vom Straßenstaub zu reinigen. Rings um die Wände standen die weißen Betten, jedes neben einem schmalen Schrein; die freie Mitte des Saales nahm der riesige Waschtisch ein, dessen Innenraum, einem gewaltigen flachen Trichter gleichend, mit blankem Kupfer ausgeschlagen war; rings auf dem breiten Rand war für jedes Mädchen ein Krug mit Wasser in Bereitschaft gestellt. Das gab ein lieblich heiteres Bild, wie sich die Mädchen um den Waschtisch drängten, mit gelösten Haaren, im kurzen Unterkleid, mit nackten Armen und Schultern, plaudernd und kreischend, lachend und kichernd, mit Wasser spritzend und plätschernd, die Augen leuchtend, die Wangen brennend. Und daneben Gittli in den Kissen, stumm und bleich, verzehrende Angst in jedem Blick, in jedem Herzschlag zitternde Furcht und heiße Sehnsucht.

Den ganzen Tag über blieb Gittli kaum ein Viertelstündchen allein; sie hatte so viele Freundinnen, als das Heim der Domfrauen an jungen Mädchen barg. Zu Anfang hatten diese anderen das scheue, unbeholfene Ding mißachtet, verspottet und gehänselt wegen seiner bäuerischen Sprache und seines furchtsamen Wesens. Aber das Geheimnis, das um die kleine ‚Brigitte von Dorfen‘ gebreitet schien, reizte die Neugier; ihre stille, träumerische Schwermutweckte das Mitleid; und schließlich bezwang Gittlis natürlicher Liebreiz auch das widerspenstigste dieser jungen Mädchenherzen. Sie nahm die zärtlichen Freundschaften hin wie etwas Aufgezwungenes; sie lebte nur in sich selbst, und so war ihr alles, was sie hier umgab, an diesem letzten Tage noch so fremd und bedrückend, wie es ihr am ersten Tag gewesen. Sie kam sich vor wie in einem Fastnachtsspiel, darin man ihr die Rolle der verwunschenen Prinzessin wider Willen aufgezwungen hatte. Und wenn sie jetzt um Haymos willen in Angst und Bangen der Stunde entgegenzitterte, die ihre Flucht ermöglichen würde, mischte sich in ihre beklemmende Marter auch ein Aufatmen, ein tröstendes Vorgefühl ihrer Erlösung aus diesen schrecklichen Mauern.

Als es zu dämmern begann, blieb Gittli, während im Refektorium die Abendmahlzeit gehalten wurde, eine halbe Stunde allein. Zitternd erhob sie sich und zog das Gewand an, das neben dem Bett noch auf dem Sessel lag: das weiße, ausgeschnittene Schleppkleid und die gelben Schnabelschuhe. Ein Mäntelchen, das sie aus dem Schrein hervorholte, versteckte sie unter dem Kissen. So angekleidet legte sie sich nieder.

Jetzt kamen Stunden quälender Angst; kaum hatte sie die Decke bis an das Kinn gezogen, da brachte ihr eine dienende Schwester das Abendessen.Zuerst stellte sie sich schlafend; als sie geweckt wurde, beteuerte sie unter Stammeln und Tränen, daß sie nicht ein ‚lützel‘ Hunger hätte. Um zu essen, hätte sie sich aufrichten und dabei verraten müssen, daß sie angekleidet im Bette lag. Die Schwester ging, aber gleich wieder kam eine neue Gefahr: die Frau Oberin erschien, um sich nach Gittlis Befinden zu erkundigen.

„Dank der Nachfrag, ehrwürdige Mutter,“ stammelte das Mädchen, „mir ist schon völlig wieder gut. Aber schläfrig bin ich. So viel gern schlafen möcht ich.“

„So schlaf, mein Kind! Aber mummel dich nicht so in die Decke! Da muß dir heiß werden, und dann wirst du dich in der Nacht erkälten.“

„Wenn mich aber so viel frieren tut!“ wehrte Gittli mit versagender Stimme und hielt die Decke krampfhaft fest.

„Frieren, Kind? Du wirst doch kein Fieber haben?“ sagte die Oberin erschrocken. „Komm, gib deine Hand her, ich will den Puls fühlen.“

Ein ganz klein wenig schob Gittli die zitternde Hand unter der Decke hervor.

„Ach, du armes Kind! Deine Hand glüht wie Feuer, und dein Puls hämmert.“ Die Oberin eilte zur Tür und zog an der Schellenschnur. Die dienende Schwester, die erschien, wurde um eine fieberstillendeArznei geschickt. Und wie Gittli sich auch sträubte — sie mußte schlucken. Ein naßkaltes Tuch wurde um ihre Stirn gebunden; aber das ‚Fieber‘ wollte nicht weichen, die Glut ihrer zitternden Hände nicht erkühlen.

Die Oberin schickte die dienende Schwester um Essig fort und richtete an Gittli eine besorgte Frage um die andere. In der quälenden Angst vor der drohenden Entdeckung verwirrten sich die Antworten des Mädchens immer mehr, so daß es wahrhaftig den Anschein gewann, als spräche aus ihr das sinnverwirrende Fieber.

„Kind, Kind! Du wirst mir doch nicht ernstlich erkranken!“ jammerte die Oberin. „Gib die Decke weg, ich höre die Schwester schon kommen, wir müssen dich mit Essig waschen.“

Gittli schluchzte und bettelte; aber es half ihr nichts; die Oberin löste ihr die Hände und nahm die Decke fort. Trotz der tiefen Dämmerung, die schon im Raume herrschte, erkannte die Oberin sofort, daß das Mädchen völlig gewandet und mit den Schuhen im Bette lag.

„Brigitte? Was soll das heißen?“

Gittli hatte sich aufgerichtet, die Füße unter das Kleid gezogen und hielt die zitternden Arme über der Brust verschlungen, mit verstörten Augen zur Oberinaufblickend.

Da half keine Ausrede mehr; nun mußte man ihre Absicht durchschauen, man würde ihre Flucht verhindern — und „der Haymo stirbt, der Haymo stirbt!“

Sie mußte fort, jetzt, gleich auf der Stelle, und wenn es ihr Leben gälte! Sie sprang aus dem Bett, riß mit jähem Ruck das Mäntelchen unter dem Kissen hervor, warf es um die Schultern und stürzte der Türe zu, als eben die Schwester mit der Essigschüssel eintreten wollte. Ein Schrei, ein Klatsch auf den Dielen, und vorüber an der taumelnden Nonne, welche die Schüssel hatte fallen lassen, rannte Gittli in den dunklen Säulengang hinaus. Hinter ihr her die beiden Frauen mit lautem Geschrei. Im Spielsaal verstummte der fröhliche Lärm, die Tür wurde aufgerissen, und mit erschreckten Gesichtern kamen die Mädchen herbeigelaufen.

„Was gibt es? Was ist geschehen?“ So rief es mit zwanzig Stimmen durcheinander.

Die beiden Nonnen konnten sich dem Ring, der sich um sie gebildet hatte, kaum entwinden; Gittli gewann einen weiten Vorsprung, verschwand um die Ecke des Ganges, und während hinter ihr der Lärm der Stimmen verhallte, rannte sie Trepp auf und ab, durch dunkle Korridore, bis sie die Klosterkirche erreichte.Laut kreischte die eiserne Tür in den Angeln. Ein Schauer faßte Gittlis Herz, als sie zwischen den Säulen der Krypta den Schein des ewigen Lichtes schimmern sah; ein stammelndes Gebet auf den Lippen, eilte sie der finsteren Turmhöhle zu und hastete über die steile Treppe hinauf, bis sie das erste unvergitterte Fenster erreichte. Es lag über der Erde fast so hoch wie der Giebel an ihres Bruders Haus. Sie zögerte — „Der Haymo stirbt!“ schrie es in ihr — und da sprang sie. Der harte Sturz betäubte sie fast, aber nur einen Augenblick währte ihr Taumeln, dann rannte sie an der öden Mauer entlang und schrie mit gellender Stimme: „Zenza! Zenza!“

Wie ein Wiesel kam das Mädel herbeigeschossen. „Bist du endlich da? Ich hab mir die Seel schier herausgewartet.“

„Fort, fort, Zenza,“ stieß Gittli aus keuchender Brust hervor, „oder sie kommen und holen mich wieder.“

Zenza faßte die Wankende am Arm und riß sie mit sich fort. Sie erreichten das Nonntaler Tor und huschten hinaus, gerade bevor es geschlossen werden sollte.

Als sie aus dem dunklen Schatten der die Straße geleitenden Bäume hinausgelangten auf das offene Grödiger Moos, blieb Gittli stehen. „Ich kann nimmerlaufen, das dumme Häs kommt mir allweil unter die Füß.“

„Ja,“ spottete Zenza, „fein hat man dich aufgeputzt, das muß ich sagen! Wie die Gredl[31]in der Kirch!“

„Gelt?“ jammerte Gittli, faßte das Kleid, riß um den ganzen Saum herum eine handbreite Borte mitsamt der Schleppe weg und warf sie in den Straßengraben.

Dann fing sie wieder zu laufen an. Und im Laufen fragte Gittli mit zagender Stimme: „Zenza, mein Gott, sag mir doch, was fehlt ihm denn?“

„Was soll ihm denn fehlen?“ lautete die murrende Antwort. „Du fehlst ihm.“

„Zenza!“ stammelte Gittli, und weiter brachte sie kein Wort mehr über die Lippen; nur ein erstickter Laut quoll aus ihrer Kehle, als wolle ihr das schwellende Herz die Brust zersprengen; und sie fing zu laufen an, daß Zenza ihr kaum zu folgen vermochte.

Noch ehe sie Schellenberg erreichten, waren die feinen Schnabelschuhe zertreten und die dünnen Sohlen durchgelaufen. Gittli ließ sich auf einen Straßenstein nieder und zerrte die zerfetzten Schuhe von ihren Füßen.

„So ein Gelumpert!“ brummte Zenza. „Aberwas machst du jetzt?“

„Barfuß lauf ich. Komm nur, komm!“

Und weiter ging es, immer weiter auf der mondhell gewordenen Straße.

[29]Zweiundzwanzig Jahre vor Beginn unserer Geschichte war die Fronleichnamsfeier vom Papst Johannes XXII. als allgemeines Fest der Christenheit eingeführt worden.

[30]Ein unscheinbares, kraftloses Ding.

[31]Hölzerne Puppe.


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