Vor ihm auf der Erde kauerte ein junges, dralles Mädel, das hübsche, aber ländlich derbe Gesicht umrahmt von dicken, blonden Flechten. Kichernd und mit zutunlichen Augen blickte sie zu Haymo auf, streckte aber abwehrend die Hände gegen ihn, als wäre sie eines lustigen Überfalles gewärtig.
Haymo schien für die Gunst der Gelegenheit kein Auge zu haben. Die Wahrnehmung, daß der rote Schimmer von einem mit silbernem Kettchen umschnürten Mieder herrühre und nicht von einem gewissen Röckl, mochte ihm nicht sonderlich willkommen sein. Die ratlose Miene, die er zeigte, schien das Mädel halb zu ärgern, halb zu ergötzen. Sie richtete sich auf, verschränkte die Arme und lachte ihm ins Gesicht.
„Hastduden Buschen geworfen?“ fragte er.
Sie lachte nur und zeigte die weißen Zähne; doch als er sich ohne Gruß von ihr wenden wollte, sagte sie hastig: „So eine Frag! Wenn der Buschen nit fliegen kann von selber, wird ihn wohl eine geworfen haben, die nit weit ist.“
„So weit vielleicht, wie du von mir?“
Sie zuckte die Schultern und trat dicht an die Hecke heran.
Haymo maß das Mädel mit verwunderten Augen. „Du mußt aber nit viel Arbeit haben!“
„Warum?“
„Ich mein’ halt, daß du den ganzen Tag dazu brauchen mußt, bis du so viel Blümlen findest, daß du jedem, der da vorbeigeht, einen Buschen an den Kopf werfen kannst.“
„An den Kopf?“ lächelte sie. „Ich mein’, er wär ein bißl tiefer geflogen. Und es könnt auch sein, daß ich nit für jeden einen Buschen hab.“
„So?“
„Ja!“ Sie streckte den Arm über die Hecke und faßte wie in Neugier den Kolben der Armbrust. „Ein schönes Schießzeug hast du! Bist wohl auch ein guter Schütz?“
„Kann schon sein!“ meinte er und trat einen Schritt zurück.
„Aber manchmal trifft auch eine Dirn mitten hin auf den richtigen Fleck und braucht keinen Bolzen dazu.“
„So?“
„Sooo? Sooo?“ spottete sie, während unverhehlter Ärger um ihre Brauen zuckte. „Sind bei dir die Wörtlen allweil so kostspielig?“
Jetzt mußte Haymo lachen. „Gott bewahr! Nur in der Karwoch, weißt, in der größten Fasten.“
„Sparst sie dir halt auf für den Feiertag, gelt? Freilich, beim Ostertanz kann sie einer brauchen, die vielen Wörtlen. Und die lang aufgehobenen, das sind die besten.“ Sie blitzte ihn mit ihren kecken Augen an. „Kommst du auch gewiß zum Tanz?“
„Wenn ich wissen tät, daß die richtige Tänzerin kommt.“ Haymos Blicke spähten seitwärts durch die Bäume.
„Sie kommt schon, brauchst dich nit sorgen drum!“
„Meinst?“ fragte Haymo rasch; dann schüttelte er den Kopf. „Wie kannst du denn wissen —“
„Sie hat mir’s selber gesagt,“ erwiderte das Mädel mit scherzender Wichtigkeit, „sie hat ja nit gar so weit zu mir!“
Das stimmte; denn wenn ihn der Bub, den er auf der Achenbrücke mit der Frage nach dem Haus des Sudmanns angehalten, nicht irrgewiesen hatte, dann wohnte Gittli dort drüben unter dem nachbarlichen Dach.
In freudiger Bewegung faßte Haymo die Hand des Mädels. „Sie hat es dir selber gesagt? Dann sag ihr wieder, daß ich komm! Ganz gewiß! Und dank schön für die Botschaft!“
„Zenza! Zenza!“ rief von dem stattlichen Bauernhause her eine ungeduldige Stimme.
„Ich komm schon!“ Und flüsternd wandte sichdas Mädel wieder zu Haymo. „Mußt ihr aber auch einen Buschen bringen zum Feiertag!“
„Den schönsten, den ich find. Schneerosen!“
Sie schüttelte lachend den Kopf. „Die mag ich nit. Die sind mir alles zu kalt. Mußt schon wärmere suchen für mich! Und steck mir den Buschen vor Tag an das Kammerfenster! Dann trag ich ihn auf dem Kirchgang. Schau hinüber, das zweite Fenster neben der Tür!“
„Zenza! Zenza!“ rief’s wieder vom Hause her.
„Ich komm schon!“ Kichernd sprang sie davon, auf halbem Wege noch einmal zurückwinkend mit der Hand.
Haymo machte ein paar Augen, als wäre das Blaue vom Himmel gefallen und ihm gerade auf den Kopf. „So? So meinst du’s?“ brummte er. Dann lachte er auf und ging mit eiligen Schritten seines Weges weiter. Als die Straße zwischen Bäumen und Strauchwerk an das Ufer der Ache lenkte, hörte Haymo hinter sich die singende Stimme des Mädels:
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,Die freuen dem Jäger sein Herzelein.“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,Die freuen dem Jäger sein Herzelein.“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,Die freuen dem Jäger sein Herzelein.“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,
Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,
Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,
Die freuen dem Jäger sein Herzelein.“
Lauschend blieb Haymo stehen, und die Stimme sang weiter:
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,Möcht wissen, welches der Jäger wollt!“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,Möcht wissen, welches der Jäger wollt!“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,Möcht wissen, welches der Jäger wollt!“
„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,
Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,
Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,
Möcht wissen, welches der Jäger wollt!“
„Ich könnt’s dir schon sagen. Wenn ich nur möcht!“ lachte Haymo vor sich hin und wollte sich zum Gehen wenden. „Jetzt hätt ich aber bald vergessen —“
Er nahm die Kappe vom Kopf, riß den Primelnstrauß herunter und warf ihn flink in den Seebach, dessen tanzende Wellen ihn verschlangen, wie ein springender Ferch die schillernde Mücke schnappt.
[10]28. September 1322.
[11]Hemdchen.
Der Nachmittag verging, und mit dem Feierabend kam Wolfrat nach Hause. Es war der Sudmann, den Haymo unter dem Tor des Salzhauses gesehen; nun trug er zu der Leinenhose noch ein grobes Hemd und einen mürben Janker. Vor der Tür legte er die Holzschuhe ab und trat barfüßig in die Stube, in der es schon dunkel war.
„Bist du’s, Polzer?“ klang die leise Stimme des Weibes.
„Ja, Seph!“ erwiderte er, seine Stimme zum Flüstern dämpfend; dann trat er zu Sepha und strichihr mit der schweren Hand über den Scheitel. „Wie geht’s denn, Hascherl?“
„Es muß halt gehen!“
„Bist in der Sonnzeit ein lützel draußen gesessen?“
„Wohl.“
Er beugte sich über das Bett. „Schlaft ’s Kindl schon?“ Sie nickte nur. Sachte ließ er sich auf den Bettrand nieder und fühlte mit dem Rücken der Hand an die Wange des schlummernden Kindes. „Völlig brennen tut’s!“ Noch tiefer neigte er sich und trank den heißen Atem, der ihm entgegenströmte. Dann richtete er sich auf und fragte: „Wo schafft die Dirn?“
„Sie feuert.“
Er erhob sich und verließ die Stube. Draußen in der Küche fand er Gittli beim flackernden Herdfeuer.
„Warst du bei ihm?“ fragte er.
Gittli nickte, und die Tränen kamen ihr in die Augen.
„So red doch! Will er mir Zeit lassen?“
Sie schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie nicht. Und ihr Schweigen sagte ihm mehr, als er aus hundert Worten hätte hören können. Er wurde bleich, griff nach einem dürren Ast und stocherte im Feuer umher. „Der Fitzmeier,“ sagte er nach einer Weile mit schwankender Stimme, „der hat an Michaelidas Lehent auch nit zahlen können, und am andern Tag haben sie ihn ausgekehrt aus der Stub.“
„Geh, wie magst du dich auf gleich stellen mit so einem!“ sagte Gittli fast zornig. „So ein schlechter Mensch!“
„Gut oder schlecht, nur scheppern muß es, scheppern!“ Er stieß mit heiserem Lachen die Fäuste in die Hosensäcke und beutelte die leeren Taschen. „Jetzt hat der Simmerauer dem Fitzmeier sein Lehen. Und der Sutter-Franzl wartet auch schon, bis eins ledig wird.“ Er wandte sich ab und verließ die Küche. Auf der Schwelle fragte er über die Schulter zurück: „Wo ist der Bub?“
Im gleichen Augenblick kam Lippele zur Haustür hereingestürmt. Mit beiden Armen griff Wolfrat zu und riß das Bürschl an seine Brust empor. Lippele sträubte sich greinend gegen diese rauhe Zärtlichkeit; er hatte auch eine wichtige Botschaft zu bringen: der Eggebauer hätt’ nach dem Vater gefragt, und der Vater soll heut noch hinüberkommen.
„Der auch?“ murmelte Wolfrat. „Freilich, einschichtig ist noch nie eine Sorg gekommen. Schockweis, schockweis! So wird’s wohl sein müssen.“ Er stellte den Knaben auf die Erde, schob ihn zur Stubentür hinein und verließ das Haus.
Wolfrat brauchte sich nur über den Gartenhagzu schwingen; denn der Eggebauer war sein Nachbar, und ein schwerer dazu: er hatte volle Truhen und Kasten, vier Rosse im Stall und über die zwanzig Kühe. Freilich, für den Klostervogt war das noch lang keine Ursach zum Respekt; das hatte Herr Schluttemann heut bewiesen.
Der Bauer schien den Sudmann schon erwartet zu haben; er stand unter der Haustür, die Daumen in den breiten Ledergurt eingehängt.
„Grüß Gott, Eggebauer!“
„Grüß Gott auch, Polzer!“
„Mußt nit harb sein, Bauer,“ sagte Wolfrat, jedes Wort hervorwürgend, „es ist unrecht von mir, daß ich mich erst hab rufen lassen. Ich hätt von selber kommen sollen, denn ich weiß, ich hab dir in die Hand versprochen, das Geld in der Palmwoch heimzuzahlen.“
„Was willst?“ brummte der Bauer. „Hab ich drum gefragt?“
Wolfrat schaute freudig betroffen auf.
„Behalt das Geld, solang du willst. Ich brauch’s nit. Bist ein armer Teufel, aber eine ehrliche Haut. Bei dir ist’s gut aufgehoben. Und ich bin eine mitleidige Seel und hab mich gefreut, daß ich dir helfen hab können.“
Eine Hoffnung schoß in Wolfrat heiß empor.„Bauer, wenn du so mit mir redest,“ sagte er, „nachher möcht ich gleich statt einem Vergeltsgott ein ‚Bitt schön‘ sagen. Eggebauer! Ich kann das Lehent nit zahlen. Wenn du mir helfen möchtest?“
Der Eggebauer spitzte die Ohren; was er hörte, schien er nicht ungern zu vernehmen. „Ich könnt schon, wenn ich möcht,“ sagte er schmunzelnd, „und wer weiß, vielleicht mag ich.“
„Bauer!“ Wolfrat hatte mit zitterndem Druck des Bauern Hände gefaßt.
„Laß aus! Laß aus!“ wehrte der Bauer lachend. „Wir reden noch drüber. Damit du aber siehst, was ich für einer bin und wie gut ich dir’s mein’: ich weiß ein paar schöne Heller zu verdienen, und da bist gleich du mir eingefallen.“
„Verdienen! Mein Gott, Bauer, ich möcht ja schaffen wie ein Narr. Aber ich muß von früh bis auf den Abend im Sudhaus werken.“
„Was ich mein’, das kannst du schaffen in der Nacht. Es ist sternscheinige Zeit. Nach Feierabend packst du es an, zehn Stund brauchst du dazu und kannst fertig sein, vor das Glöckl im Sudhaus läutet. Und wenn du’s machst in der Samstagnacht, da kannst du auch länger brauchen. Am Ostersonntag brennt kein Feuer im Sudhaus.“
„Und was wär das, was ich schaffen soll?“
„Zenza!“ rief der Bauer in den Flur zurück. „Bring die Latern!“
Nach einer Weile erschien die Tochter des Bauern unter der Haustür, in der Hand die Laterne mit brennendem Licht. Der Bauer nahm sie. „Komm!“ sagte er und ging dem Sudmann voran einer Scheune zu.
In dem großen, fensterlosen Raum herrschte schon tiefes Dunkel. Wolfrat staunte: so spät im Frühjahr, und die Scheune strotzte noch von Heu und Garben.
„Da schau!“ sagte der Bauer und hob die Laterne.
Wolfrat stand betroffen; scheu griff er nach dem Hut und entblößte den Kopf. Über einem Haufen Heu lag ein lebensgroßes Schnitzwerk: das Bild des Erlösers mit ausgebreiteten Armen. Es fehlte nur das Kreuz. Das Schnitzwerk war mit frischen Farben bemalt: die Locken braun, die Augen blau, die Glieder bleich wie Schnee, und aus allen Wunden, unter jedem Stachel der Dornenkrone, rannen die roten Tropfen. Der flackernde Schein der Kerze warf über das Bildnis ein Gezitter von Licht und Schatten, daß es zu leben und sich zu bewegen schien.
„Den sollst du hinauftragen auf meine Alm in der Röt und sollst ihn ans Kreuz schlagen!“ sagte der Bauer. „Ich hab ihn bei mir überwintert, damit er nit zugrund geht im Schnee. Aber jetzt fangt dasGras zu wachsen an, jetzt muß er hinauf und auf mein Sach schauen. Schwer tragen mußt du freilich an ihm, aber schau, ich hab dir da eine Krax hergestellt, die liegt dir gut auf dem Buckel. Da spürst du ihn nur halber. Und jetzt red! — Willst du?“
„Ja, Bauer, in der Samstagnacht,“ sagte Wolfrat, „und aufpacken will ich ihn gleich.“
„Brav, brav!“ nickte der Eggebauer.
Wolfrat hob zur Probe die Kraxe auf den Rücken, um abzumessen, wie hoch er das Schnitzwerk hinaufschnüren müsse, damit es ihn mit den Füßen nicht im Gehen behindere. Dann legte er die Stricke zurecht und kleine Heubüschel, mit denen er das Schnitzwerk unterlegen mußte, damit die frische Farbe von den Kanten der Kraxe nicht abgeschürft würde.
„Gelt,“ sagte der Eggebauer, „hast ein rechtes Kreuz bei dir daheim?“
Wolfrat nickte nur.
„Mein Gott, mein Gott, schaut bei mir auch nit besser aus!“
„Wie geht’s der Bäuerin?“
Der Bauer seufzte. „Schlecht, schlecht! Wär mir schon lieb, wenn sie bald wieder gesunden tät! Das Weib ist so viel ungut und zuwider. Und jagt mir die Seel aus dem Leib.“
„Ist halt ein Krankes, Bauer, da muß man Geduldhaben.“
„Ja, ja, metzenweis! Aber jeden Wehdam von ihr, den krieg ich zehnfach zu spüren. Und Salben! Und Trankln! Und Geschichten! Mein Gott, ja, mir wär doch alles recht, wenn’s nur was helfen tät. Und jetzt meint der Bader, daß gar nichts anders mehr die Bäuerin auf die Füß bringt als nur ein Herzkreuzl von einem Steinbock. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Jetzt war ich heut beim Klostervogt, hab geglaubt, er verkauft mir eins. Aber der hat mich schön gestampert. So was wär nur für die Herrenleut, sagt er. Als ob eine Bäuerin nit grad so gern leben tät wie eine Ritterin! Und das Weib zieht mir schiergar die Haut vom Leib. Gleich zehn Schilling tät ich zahlen für ein Herzkreuzl! Aber wo soll ich denn eins hernehmen?“
Wolfrat schaute auf, und die Blicke der beiden trafen sich. Nun wußte der Sudmann, wie es der Bauer meinte. Schweigend machte er sich wieder an seine Arbeit; die Hände zitterten ihm. Zehn Schilling. Und mit acht Schilling wäre das Lehent bezahlt. Und dazu noch ein paar Flaschen roten Tiroler für die Seph und Fleisch zur Suppe, und vom feinsten Kälbernen einen tüchtigen Schnitz, der ausgab auf fünf Mahlzeiten für das Kind. Und ein paar Heller blieben immer noch übrig für eineweitere Woche. Ach du lieber Gott, was hatte der Teufel, der den Wolfrat zu versuchen kam, ein gutes, gutes Herz!
Aus dem Hause klang die fröhlich singende Stimme der Zenza. „Hehehehe!“ lachte der Eggebauer. „Die kann’s auch schier nimmer erwarten, bis Sonntag ist. Die spürt den Feiertag heut schon in den Füßen. Gehst du auch zum Ostertanz, Polzer?“
„So eine Frag, Bauer! Wenn einmal getanzt wird an vierzehn Nothelfer, dann geh ich vielleicht.“
„Hehehehe! Das Mädel ist völlig närrisch vor Freud. Meintwegen! Soll sich einen aussuchen unter den jungen Mannsleuten! Hehehehe! Vielleicht taugt ihr der neue Klosterjäger. Der kommt auch. Grad jetzt, wie er draußen vorbeigegangen ist, hat er es ihr versprochen: daß er ganz gewiß kommt am Sonntag, in aller Früh schon!“ Es schien dem Eggebauer viel daran gelegen, daß seiner Zenza zum mindesten dieser eine Tänzer sicher war; jedem Wort, das er sprach, gab er einen Druck, als wär’s ein Schilling, den man auf den Tisch zählt. Und genau so, wie man die letzten Münzen, um seiner Sache sicher zu sein, noch einmal nachzählt, so wiederholte er die letzten Worte: „Ja! In aller Früh schon!“
Wolfrat hatte sich aufgerichtet und sah den Bauer, der ihm lustig zuzwinkerte, mit funkelnden Augenan; dann wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn und schaffte weiter. Mit beiden Armen hob er das schwere Christusbild empor, um es auf die mit weichen Heubüscheln gepolsterte Kraxe zu legen. Aber wie unsicher seine Hände waren! Fast wäre das schwere Schnitzwerk seinen Armen entglitten; dabei riß ihm ein Stachel der Dornenkrone eine blutige Schrunde in die Wange. Er wischte das Blut weg und besah seine Hand. Und da war ihm, als hätte jemand zu ihm gesprochen, ganz leise und dicht am Ohr — nicht der Eggebauer, sondern ein dritter. Aber sie waren doch nur zu zweien! Er schüttelte den Kopf und griff nach den Stricken, aber durch das Herz ging es ihm wie ein kalter Schauer.
„Sei so gut! Und laß mir den Herrgott fallen!“ lachte der Eggebauer. „Der tät mir kein Halmerl Gras nimmer wachsen lassen auf meiner Alm! Hehehehe!“
Wolfrat gab keine Antwort. In fester Spannung schnürte er die Stricke über das hölzerne Bild, daß es auf der Kraxe keinen Ruck mehr tat.
Der Eggebauer schaute nicht auf Wolfrats Hände, nur immer in sein Gesicht. „Deinem Weib geht’s besser, wie ich von der Zenza hör?“ sagte er nach einer Weile. „Ja, ja, gut Essen und Trinken mußtdu ihr geben, nachher klaubt sie sich schon wieder zusammen, wenn das Frühjahr wärmer wird. Aber was macht denn das kleine Katzerl, das liebe? Da schaut’s schlecht aus, hör ich!“
Wolfrat nickte nur; seine Brust hob sich, als wollte sie springen.
„So ein festes und gesundes Kind! Wie über so ein Kind nur so was kommen kann?“ sagte der Eggebauer und schüttelte den Kopf. „Wie hat’s denn angefangen?“
Mit stockenden Worten schilderte Wolfrat den Beginn und die Zeichen der Krankheit.
„Du, Polzer, das ist heilig dieselbige Krankheit, an der im vorigen Winter das Jüngste vom Klostervogt schier draufgegangen wär. Der Totengraber hat schon gewartet, ja!“
„Ich bin fertig, Bauer!“ unterbrach Wolfrat mit heiserer Stimme.
„Brav, brav!“ Der Eggebauer ging auf die Kraxe zu, rüttelte an dem Schnitzwerk und fühlte überall hin, wo es auflag. „Ich mein’, es tut’s. Aber hohl liegen tut er, schau! Geh, nimm einen festen Buschen Heu und stopf drunter hinein, was geht! Ja, Polzer, völlig im Verlöschen war das Kindl schon, und kein Mensch hätt sich mehr gedacht, daß der arme Wurm noch einmal aufkommt! — Washast du denn?“
Wolfrat war auf den Heuhaufen zugegangen, um aufzunehmen, was seine Arme fassen konnten. Da hatte er etwas Hartes im Heu gegriffen und hervorgezogen. Eine Armbrust! Über Wolfrats Züge flog ein irres Lächeln.
„Bauer? Wie kommt das Schießzeug da her?“
„Wie wird’s herkommen?“ lächelte der andere. „Füß hat’s keine. So wird’s wohl einer hergelegt haben. Ja, Polzer, daß ich sag — und wie die Leut schon geglaubt haben, jetzt und jetzt hat das letzte Stündl geschlagen für das arme Kind, da haben sie ihm zur Letzt noch was eingegeben. Und geholfen hat’s! Wie ein Wunder! Ja! Und heut springt das Kindl wieder umeinander, frisch und fest wie ein Huiserl![12]Wär schad drum gewesen, wenn es hätt verfaulen müssen!“
Wolfrat stand mit aschfahlem Gesicht und hielt die Armbrust umklammert, als wollte er ihren Schaft zerquetschen unter seinen eisernen Fingern.
„Und was war’s, Bauer, was dem Kind geholfen hat?“
„Schweißbluh von einem Steinbock.“
Wolfrat wandte sich ab. Mit ruhiger Hand prüfte er die Sehne und das Schloß der Armbrust,nickte befriedigt, umwickelte die Waffe dicht mit Heu und schob sie auf der Kraxe in den hohlen Raum unter dem Schnitzwerk. Nun erhob er sich, schüttelte die Heufäden von seinem Gewand und sagte: „In der Samstagnacht, Bauer! Um Feierabend komm ich und hol den Herrgott.“
„Brav, lieber Polzer, hilf mir, und du hilfst dir selber!“
„Und wenn ich komm — und bring’s?“
„Was ich gesagt hab! Ich bin der Eggebauer.“ Er streckte die Hand, und Wolfrat schlug ein mit festem Druck.
Als der Sudmann sein Haus erreichte, stand Gittli wartend in der finsteren Tür.
„Aber geh, wie kannst du so lang ausbleiben?“ schmollte sie. „Die Seph hat sich schon gelegt. Komm! Ich hab dein Essen heraußen auf dem Herd stehen, weißt, drin in der Stub könnt das Kindl wieder wach werden.“
Er ging in die Küche und setzte sich an den Herd, auf dem die letzten Kohlen schon zu erlöschen begannen; nur noch ein roter Schimmer füllte den Raum. Gittli wollte sich an seine Seite setzen; er schob sie von sich und sagte: „Geh schlafen.“
Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte mit ihm von der Hilfe sprechen, die sie sich ausgesonnen.Aber kaum begann sie vom Lehent zu reden, da sagte er: „Sorg dich nimmer! Ich hab das Lehent. Der Eggebauer leiht mir das Geld.“
Gittli war sprachlos vor Freude; nur die Hände schlug sie ineinander; dann rannte sie davon, huschte in die Stube, tappte zum Bett und fiel der Seph um den Hals. „Er hat’s! Er hat’s!“
Das Weib verstand sofort, was Gittli meinte. „Gelt, daß er’s noch nit gehabt hat?“
„Ich hab dir nur die Sorg ersparen wollen!“
„Woher hat er’s denn?“
„Der Eggebauer hat’s ihm geliehen.“
„Ist das ein guter Mensch!“ weinte Seph und faltete die Hände. So kräftig ist für den Eggebauer wohl noch nie gebetet worden, außer von ihm selbst vielleicht.
Gittli hauchte einen Kuß auf die heiße Stirn des schlummernden Kindes und schlüpfte in ihre Kammer. Als sie in den Kissen lag, weinte und kicherte sie, immer eins ums andere. Dazu sprach sie das Vaterunser, und noch ein zweites als Dreingabe; das hatte der liebe Herrgott heut verdient, der diese zwei guten, guten Menschen erschaffen hatte, den Eggebauer und den Haymo. Und von den beiden war Haymo gewiß noch der bessere; daß es bei ihm gar nicht zum Helfen kam, das war nicht seine Schuld.Sie wollte dem Eggebauer gewiß nichts abzwacken von seinen Verdiensten. Aber der Haymo! Der hätte dem Bruder das Geld nicht nur geliehen, nein, geschenkt! Hätt er’s denn aber auch gehabt?
Gittli mußte lachen, als sie in ihrer Gedankenreihe zu diesem Ende kam. Sie streckte sich vergnügt, verschränkte die Hände unter dem Nacken und summte das Lied von der Schneerose vor sich hin:
„Auf steiler Höh,Tief unterm Schnee —“
„Auf steiler Höh,Tief unterm Schnee —“
„Auf steiler Höh,Tief unterm Schnee —“
„Auf steiler Höh,
Tief unterm Schnee —“
Als sie zu der Stelle kam, an der es heißt:
„Im Herzen tiefEin Blüml schlief,Gar lieblich und an Schönheit reich —“
„Im Herzen tiefEin Blüml schlief,Gar lieblich und an Schönheit reich —“
„Im Herzen tiefEin Blüml schlief,Gar lieblich und an Schönheit reich —“
„Im Herzen tief
Ein Blüml schlief,
Gar lieblich und an Schönheit reich —“
da verstummte sie. Was für ein Blüml war das? Sie hatte das nur immer so hingesungen. Jetzt zum erstenmal kam diese Frage. Was für ein Blüml war das?
So lag sie mit offenen Augen und träumte in die Nacht hinein.
Und draußen in der Küche saß Wolfrat beim neu entfachten Feuer und schnitzte aus einem Birnbaumzweig den Bolzen für die Armbrust.
Vergangene Zeiten erwachten bei dieser Arbeit: das war nicht der erste Bolz, der aus seinen Händen kam. Die Bilder und Abenteuer seiner Jugend undseiner Kriegsjahre zogen an ihm vorüber. Einmal hob er den Kopf und blickte langsam gegen die Wand, hinter welcher Gittlis Kammer lag. Dabei spielte ein seltsam verlorenes Lächeln um seinen bärtigen Mund.
Neben dem Herde sah er Federn liegen; mit ihnen fiederte er den Pfeil. Es waren die Federn, mit denen das ‚Mimmidatzi‘ gespielt hatte, bevor es entschlummert war.
[12]Füllen
Seit zwei Tagen hauste Haymo wieder einsam in der Röt. Spät abends hatte er am ‚grünen Donnerstag‘ die Jagdhütte erreicht. Walti, den er in der Nähe der Kreuzhöhe getroffen, hatte den Jäger in der Dämmerung für einen Raubschützen angesehen und nicht übel Lust gezeigt, die Armbrust auf ihn abzuschießen. Dann gab es freilich ein lachendes Erkennen. Während des ganzen Heimwegs hatte der Bub zu erzählen; für ihn war jeder Schritt ein Abenteuer gewesen.
Als sie zur Hütte kamen, fanden sie den FraterSeverin schnarchend auf dem Heubett. Sie weckten ihn, und da meinte der Frater, es ginge zur Mette.
„Ui jei!“ sagte er lachend, als er sich die Augen gerieben hatte. Aber aus dem Lachen geriet er gleich wieder in flammende Entrüstung. Haymo, so meinte er, hätte wohl auf den guten Einfall kommen können, einen Krug voll ‚Güte Gottes‘ oder eine Flasche mit ‚des Himmels höchster Gnade‘ aus dem Kloster heraufzubringen. Haymo sah ein, daß seine Sünde groß war, zwar nicht vor Gott, aber wohl vor einem seiner ‚Knechte‘. Nun mußte sich der arme Frater Severin nach dem fetten Sterz, den es zum Nachtmahl gab, mit einem Trunk Wasser schlafen legen. Brrr! Er liebte das Wasser nicht einmal in den Schuhen, viel weniger im Magen.
Das ‚himmelschreiende Unglück‘ schien ihm aber den Schlaf nicht zu verkümmern. Er schnarchte gewaltiger als je.
Haymo und Walti hatten wieder auf dem Herd ihr Nachtquartier aufgeschlagen, die glimmenden Kohlen zwischen ihnen. Draußen das dumpfe Rauschen des Föhns.
„Walti?“ fragte Haymo nach langem Schweigen mit leiser Stimme. „Schlafst du schon?“
Der Bub richtete sich auf.
„Walti, ich möchte dir was schenken, eh du fortgehst. Was willst du haben?“
„Die Feder von deiner Kappe!“ platzte der Bub heraus.
„Sollst sie haben, nimm sie dir nur morgen früh! Mußt mir aber auch einen Gefallen tun.“
„Was?“
„Weißt du, wo die Gittli haust?“
„Die Müllerdirn?“
„Nein, die Schwester des Sudmanns.“
„Ach die! Ja. Warum?“
„Dann geh zu ihr, morgen, und frag sie, warum sie geweint hat in der Vogtstub?“
„Was soll ich fragen?“ wiederholte Walti, dem die Sache etwas dunkel vorkam.
„Du sollst sie fragen, warum sie geweint hat, heut, wie sie bei Herrn Schluttemann in der Stub war. Sag ihr, daß ich es wissen will. Und wenn ich zum Ostertanz hinunterkomm, dann sag es mir wieder! Verstehst du?“
„Wohl!“ nickte Walti. „Aber ich kann mir schon denken, warum sie geweint hat. Der Vogt wird halt giftig gewesen sein und hat sie bei den Ohrwascheln genommen. Das tut er gern, das weiß ich.“ Gähnend streckte er das kluge Haupt auf die zum Kissen geballte Lodendecke. Nach kurzer Weilerichtete er sich wieder auf.
„Haymo!“
„Ja?“
„Jetzt weiß ich, was für eine Gittli die richtige ist!“
„So?“ lächelte Haymo.
„Wohl!“ Und kichernd streckte sich der Bub wieder aufs Ohr.
Bald darauf schliefen sie alle beide.
Am andern Morgen, eh’ der Tag noch graute, verließ Haymo die Hütte, um seinen Hegergang anzutreten. Er hätte seinen Gästen gern ein Wort zum Abschied gesagt; aber die beiden schnarchten doppelstimmig so rührend zusammen, daß ihr gesunder Schlaf einen Stein hätte erbarmen mögen. Haymo nahm die Adlerfeder von seiner Kappe und steckte sie auf Waltis Filzhut. Dann ging er.
Als er mit dem Abend in die Hütte zurückkehrte, waren die Klostervögel lange schon ausgeflogen. Haymo schürte nicht einmal Feuer; so müde war er. Er spürte die beiden auf den Herdsteinen verbrachten Nächte in allen Knochen; und er hatte sich heute geplagt wie nie. Keinen der Hut bedürftigen Platz in seinem weiten Revier hatte er unbesucht gelassen, jeden Steig und jeden Schneefleck hatte er abgespürt. Er wollte nicht ein zweites Mal so dastehenwie gestern in der Vogtstube. Herr Schluttemann war so liebevoll mit ihm umgesprungen, wie die Katze mit der Maus; nur das Verschlucken hatte noch gefehlt. Aber auch Herr Heinrich hatte zu den beiden vermißten Steinböcken eine strenge Miene gemacht; doch er war nicht ungerecht gewesen und hatte auf Haymos Rechtfertigung gehört, trotz Herrn Schluttemann, der die Tischplatte gehörig donnern ließ. Schließlich war Haymo vom Propst sogar mit freundlicher Rede entlassen worden. „Und wenn es dir Freude macht,“ sagte Herr Heinrich, „so magst du am Feiertag nach der Frühpirsche herunterkommen zum Ostertanz!“
Diese Güte wollte Haymo mit doppeltem Fleiß vergelten. Wenn es das Glück nur wollte, daß ihm einer der Raubschützen bald in den Weg geriete. Er ballte die Fäuste bei diesem Gedanken. Aber mitten in seinen flammenden Zorn hinein hörte er die Geigen und Pfeifen klingen.
Ob Gittli wohl zum Tanz käme? Nun, eine Dirn, die nicht kommt, die kann man holen. An diesen Gedanken spann Haymo hundert andere, bis sein Denken und Sinnen unmerklich hinüberfloß in Schlaf und Traum.
Nach dieser Nacht kam ein mühsamer Tag. Der Föhn tobte, als möchte er das ganze Haus der Bergein Trümmer werfen. Er wehte schwül, wie der Sturm vor einem Gewitter. Der Schnee auf den steilen Halden schwand vor seinem Hauch, daß man es mit den Augen sehen konnte, wie er weniger und weniger wurde. Über allen Felswänden wurde die weiße, starre Decke des Winters lebendig, und während die Lawinen rollten, führte der Föhn den fallenden Schnee in lichten Wolken durch die Lüfte.
Haymo mußte sich vorwärts kämpfen Schritt um Schritt. Gegen Abend, auf dem Heimweg, kam er am Kreuz vorüber. Leer starrten die Fußnägel aus dem Holz. Wo waren Gittlis Schneerosen hingekommen? Der Föhn hatte sie wohl entführt? Haymo spähte auf der Erde umher; in einer Steinschrunde sah er eine der Blüten liegen, zerzaust und welk. Er hob sie auf und wollte sie auf seine Kappe stecken. Nein. Die Blume gehörte einem andern. Lächelnd schob er sie am Kreuzbalken zwischen die beiden Nägel; kaum ließ er die Hand davon, da trug sie der Föhn schon hinweg.
Vor Einbruch der Nacht erreichte Haymo die Hütte. Heute blieb ihm keine Zeit zum Sinnen und Träumen. Die Augen drohten ihm schon zuzufallen, während er am flackernden Feuer seinen Imbiß bereitete.
Kaum lag er auf dem Heubett, da schlief er schon. Rings um die Hütte tobte der Frühlingssturmund sang dem müden Jäger ein brausendes Schlummerlied.
Als Haymo erwachte, war noch finstere Nacht. Er lauschte verwundert. Tiefe Stille um die Hütte. Kopfschüttelnd trat er ins Freie; der Föhnwind hatte sich völlig gelegt, und nur noch leise rauschte der Bergwald. Blasse, dünne Nebelschleier flogen über den Himmel, an dem in zahlloser Schar die Sterne funkelten. Der frische, klare Morgen versprach einen schönen Tag.
„Es wird Osterwetter!“ sagte Haymo. Dann blickte er nach dem Stand der Sterne und meinte, daß die dritte Morgenstunde wohl schon vorüber wäre. Da war er just zur richtigen Zeit erwacht, um den Auerhahn zu verlusen, den Herr Heinrich nach den Ostertagen erlegen wollte.
Haymo sperrte die Hütte und wanderte in die Nacht hinaus. Nun plötzlich blieb er lauschend stehen. Töne waren an sein Ohr gedrungen, wie Hammerschläge auf klingendes Eisen. Nun wieder die gleichen Töne. Und noch ein drittes Mal. Kopfschüttelnd lauschte er; er wußte sich diese Töne nicht zu deuten, aber sie machten ihm keine Sorge; denn wer im Bergwald auf bösen Wegen schleicht, der tut es in aller Stille. Da war wohl einer der Almbauern, den die Arbeit am Tage festhielt, während der Nachtzu Berge gestiegen, um mit dem frühen Morgen nachzuschauen, wie seine Sennhütte überwintert hätte? Und an der Hüttentür hatte er wohl mit seinem Hammer die eisernen Klammern losgeschlagen. Es war dem Lauschenden freilich gewesen, als klängen diese Töne nicht von den Almen her, sondern von einer höher gelegenen Stelle. Aber Haymo wußte aus Erfahrung, wie sehr ein Hall in der Nacht zu täuschen vermag.
Eine Weile noch lauschte er; alles blieb still. Nun schritt er weiter, quer durch das Felstal; auf dem kürzesten Wege stieg er zum Kreuzwald empor. Es dämmerte, als er sein Ziel erreichte. Lautlos nach allen Seiten horchend, schlich er von Baum zu Baum. Über den östlichen Bergen, jenseits der Schneefelder des Steinernen Meeres, zeigte sich noch kaum ein fahler Schimmer des nahenden Tages, da hörte Haymo schon das leise Klippen des falzenden Hahnes. Achtsam sprang er ihn an, und endlich sah er auf einem dürren Aste den stolzen Vogel sitzen, der sich in tiefer Schwärze scharf abhob vom erblassenden Himmel. Eine Weile schaute Haymo dem verliebten Sänger zu, der auf seinem Ast sich blähte und drehte, mit gefächertem ‚Stoß‘ und zitternden Schwingen gaukelte; dann, als es so licht wurde, daß Haymo über den Augen des Vogels schon die glühende ‚Rose‘ zuerkennen vermochte, schlich er leise zurück, um den Hahn nicht zu vergrämen. Und je weiter es bergabwärts ging durch den schütteren Wald, desto rascher wurde sein Schritt, desto fröhlicher sein Blick. Nun ging es hinunter ins Tal zum fröhlichen Fest, zum Ostertanz: Arm in Arm und Wange an Wange mit Gittli!
Ob er wohl mit jener andern auch einen Reigen tanzen würde? Wie hieß sie nur? Richtig: Zenza! Nun, vielleicht — wenn Gittli müde war und nichts dawider hatte. Müde? Die Gittli?
Er mußte lachen. Aber plötzlich lauschte er. Aus dem Felstal hatte er einen Laut gehört, wie das Kollern eines gelösten Steines. Ging jemand dort unten? Aber nein. Äsendes Fahlwild oder eine ziehende Gemse hatte wohl den Stein gelöst. Fort mit der Sorge! Heute durfte er Wild und Bergwald beruhigt verlassen, denn so gottverloren war kein Mensch in allen Tälern rings umher, um Raub zu treiben am heiligsten Tage des Jahres.
Der Morgen erwachte; ein roter Schimmer fiel über den Wald, und die Kuppen der Berge leuchteten in der steigenden Sonne wie glühendes Erz. Als Haymo den Saum des Kreuzwaldes erreichte, ließ er sich zu kurzer Rast auf einen Felsblock nieder und staunte mit seinen lachenden Augen in denschimmernden Glanz der schönen Frühe.
Von seinen Lippen wollte sich ein Jauchzer lösen, aber gewaltsam hielt er den jubelnden Aufschrei zurück; denn im Steintal zu seinen Füßen, auf etwa dreihundert Gänge, sah er auf schneefreiem Hang einen Steinbock weiden. Er wollte das Tier, dem die Äsung not tat, nicht verscheuchen. Ohne Bewegung saß er und sah dem Wilde zu, wie es langsam über die Halde hinwegzog und seine kärgliche Nahrung suchte. Nun plötzlich hob der Steinbock das Haupt mit dem mächtigen Gehörn — er schien Gefahr zu wittern — in scheuer Eile suchte er den Schutz der nahen Felswand, doch ehe die Wand noch erreicht war, tat er mit schlagenden Läufen einen Satz in die Luft, stürzte nieder, raffte sich wieder auf und verschwand in einer Mulde.
Haymo fuhr erblassend auf. Das ging nicht zu mit rechten Dingen! Ein Ruck, und er hielt die Armbrust in Händen — ein lautloser Sprung, und er stand geborgen in dem dichten Gestrüpp der Zwergföhren, die den Grat der Kreuzhöhe bedeckten. Geschmeidig wie eine Schlange glitt er durch das wirre Gezweig, und als er den Ausblick in die Mulde gewann, schlug ihm das Herz und zitterten ihm die Hände in Zorn und brennender Erregung.
Er sah, wie ein Mensch in Bauerntracht, mitschwarz berußtem Gesichte, den verendeten Steinbock nach einem nahen Dickicht schleifte.
„Hab ich dich endlich, du Dieb!“ zischte es durch die Zähne des Jägers. Alles Zittern wich von ihm, und als er die Sehne der Armbrust spannte und den Bolzen in die Schiene legte, waren seine Hände wie Stahl und Eisen. Er hob die Wehr an seine Wange, aber durch die dichten Zweige hatte er keinen sicheren Schuß. Lautlos erhob er sich, um hinauszuschleichen an den Rand der Büsche; dort draußen stand das Kreuz; hinter dem breiten Holze konnte er sich decken und hatte freien Schuß.
Jetzt wand er sich hervor aus den letzten Zweigen, jetzt hob er die Waffe — und da rann es ihm durchs Herz wie kalter Schauer. Am Kreuzbalken hing das lebensgroße Bild des Erlösers.
Gewaltsam wollte Haymo den Blick wenden, aber er brachte ihn nicht los von dem heiligen Bilde. Mit ernsten, kummervollen Augen sah es auf ihn nieder, es schien zu leben in seinen frischen Farben, das rote Blut schien eben jetzt geflossen. Dem Jäger war es, als begännen die großen, blauen Augen sonnengleich zu leuchten, als öffne sich der schmerzenbittere Mund und spräche mit sanften Worten: „Haymo! Willst du morden an meinem Ostertag, der allen Menschen sein soll wie ein Tag des Glücks und der Versöhnung?Tu’s nicht, Haymo, tu’s nicht!“
In Haymos Händen neigte sich die Armbrust, und der Bolzen fiel aus der Schiene. Der Jäger hob ihn auf mit bebender Hand und küßte die Füße des Gekreuzigten.
Dann stieg er lautlos den Hang hinunter. Der Raubschütz, der im dichten Gebüsch an dem erlegten Wild hantierte, hörte ihn nicht kommen; auf der Erde sah Haymo die Armbrust des Räubers liegen; er faßte sie und schleuderte die Waffe mit mächtigem Schwung hinaus in das Steingeröll; da fuhr der Raubschütz in die Höhe, und als er den Jäger sah, befiel ihn ein Wanken, und er griff mit beiden Händen in die Luft.
„Wer bist du?“ fragte Haymo mit harter Stimme.
Der andere stand wortlos und starrte vor sich nieder.
Haymo versuchte ihn zu erkennen, aber vergebens. Der Jäger war fremd im Tal und hatte hier nur wenige Menschen erst gesehen; auch trug der Räuber den Bart und die Haare mit Asche bestäubt, und das Gesicht war mit Ruß so dick bestrichen, daß Haymos forschender Blick kaum einen Zug erfassen konnte.
„Komm!“ sagte er und deutete mit dem Arm die Richtung an.
Der Gefangene voran, und Haymo mit gespannter Armbrust hinter ihm, so schritten sie über den Hang empor; mit blitzenden Augen folgte Haymo jeder Bewegung des Raubschützen. Auf halber Höhe verhielt der Gefangene den Schritt; in seinem finsteren Auge glühte die Verzweiflung.
„Jäger! Es war das erstemal. Und ich tat es aus Not.“
„Geh!“
„Jäger! Ich hab Weib und Kind. Sie gehen zugrund.“
„Durch deine Schuld.“
Ein dumpfer Seufzer erschütterte die Brust des Mannes; der Kopf sank ihm, und mit schweren Schritten stieg er weiter. Nun erreichten sie die Kreuzhöhe. Wieder wandte sich der Gefangene, unheimliche Glut in den Augen. „Was geschieht mit mir?“
„Was jedem andern geschieht, wenn er tut, was du getan.“
„Jäger! Erbarm dich meines Weibes und meiner Kinder! Laß mich laufen!“
„Und wenn ich auch wollt — ich darf nit!“ sagte Haymo mit schwankender Stimme. „Ich steh in Pflicht und Eid. Ich hab geschworen.“
„So laß mich ein Vaterunser beten! Für Weib und Kind.“
„Bete!“ sagte Haymo.
Der Raubschütz kniete vor dem Kreuz auf die Erde nieder, faltete die Hände und begann zu murmeln. Haymo wollte den Kopf entblößen, um dem heiligen Bild zu danken, das ihn vor Blut bewahrt und alles nach Recht gewendet hatte. Doch als er den Arm erhob, fuhr der andere blitzschnell in die Höhe, riß das Weidmesser von Haymos Gürtel, und ehe der Jäger sich zu decken vermochte, stieß ihm der Wildschütz die blitzende Klinge in die Schulter.
Aus Haymos Händen fiel die Armbrust, seine Knie brachen, stöhnend sank er auf das moosige Gestein, das sich färbte von seinem Blut — mit letzter Kraft noch richtete er sich halb wieder auf, mit brennendem Blick suchten seine Augen das starre Bild am Kreuze, dann fiel er zurück, und seine Sinne erloschen.
Über allen Höhen leuchtete die Sonne, mit lindem Hauche strich, nach allem Streit und Kampfe des wilden Föhns, der laue Frühlingswind befruchtend um die Halden, und während auf dem steinernen Hang die überstürzten Tritte des fliehenden Mörders verhallten, schwoll es sanft und leise durch die Luft einher, weit her aus dem fernen, tiefen Tal — der Klang der Osterglocken. Ihre Seelen waren heimgekehrt von Rom, und durch das weite Land, vonTurm zu Turm, erhoben sie ihre hallenden Stimmen, die Macht und Glorie des Gottes preisend, der vom Grab erstanden.