9.

Über dem Haus des Sudmanns lag still und sternenhell die Osternacht. Nur die Ache rauschte; sonst kein Laut in der ganzen Runde; denn der Eine, der in dieser Nacht zu dem kleinen Hause gegangen kam, wandelte auf unhörbaren Sohlen; er pochte an die verschlossene Tür — sie öffnete sich nicht vor ihm, und dennoch trat er ein.

In der Stube erwachte das Weib; ein leises Stöhnen hatte sie geweckt. Sie lauschte — und da hörte sie es wieder. Es war das Kind.

„Katzi, was hast du?“ fragte sie. Aber dasKind gab keine Antwort. Sepha war am Abend so schwach gewesen, daß sie sich nicht auf den Füßen erhalten konnte. Und jetzt mit einmal hatte sie Kraft. Mit stammelndem Laut sprang sie aus dem Bett. „Polzer!“ rief sie — in ihrem Schreck hatte sie ganz vergessen, daß Wolfrat außer Hause war. Mit zitternden Händen tastete sie in der Finsternis nach dem Feuerzeug; nur matte Funken brachte sie aus dem Stein, und der Zunder wollte nicht brennen. „Mein Gott, mein Gott, hätt ich mich doch nit schlafen gelegt!“ jammerte sie. Bis lange vor Mitternacht hatte sie wach gesessen, dann war die Natur stärker geworden als ihr Wille. Gittli wollte die ganze Nacht bei dem Kinde bleiben, aber Sepha selbst hatte das Mädchen zur Ruhe geschickt. Das ‚Katzi‘ schien gut und fest zu schlummern. Freilich, es war ein böser Tag gewesen, der vorausgegangen, und bedrückten Herzens hatte Seph ihren Mann das Haus für die Nacht verlassen sehen; sie merkte es ihm auch an, daß er nicht gerne ging. Wär’ es nur nicht um die paar Heller gewesen, die es zu verdienen gab! Als er, schon den Hut auf dem Kopf, noch einmal die Hand über die Stirn des Kindes strich, da sagte er: „Gib dich, Seph, morgen soll’s besser sein!“ Seine Stimme hatte wohl gezittert, und dennoch hatte sein Wort zuversichtlich geklungen. Vielleicht wußte erein stärkendes Kraut oder eine heilsame Wurzel, die er von der Bergfahrt mit heimbringen wollte — vielleicht die Nieswurz, die Wurzel der Schneerose. Von ihr hatte auch Gittli schon gesprochen.

Endlich war es der Seph gelungen, Licht zu machen. Mit der flackernden Kerze leuchtete sie über das Bett und erschrak bis ins innerste Herz. Das Gesicht des Kindes kam ihr so verwandelt vor, als wäre das nicht mehr ihr eigen Kind, sondern ein fremdes. Sie taumelte zur Kammertür und stieß sie auf. „Gittli! Gittli!“

Das Mädchen antwortete schlaftrunken.

„Ich tu dich bitten, steh auf,“ sagte Seph mit tonloser Stimme, „das Kindl ist so viel ungut!“

Barfuß, das rote Röckl überwerfend, erschien Gittli unter der Tür.

„Da schau: mein Kindl, mein Kindl, mein Kindl!“ schluchzte Seph und hielt die Leuchte über das Bett.

Gittli beugte sich über das Kind und faßte sanft seine Ärmchen, die mit geballten Fäusten nach aufwärts lagen. „Mimmidatzi,“ flüsterte sie mit süßer Zärtlichkeit, „Mimmidatzi, kennst du mich nimmer? Schau, die Dittibas ist bei dir!“ Eine Weile wartete sie vergebens auf Antwort. Dann rief sie noch einmal, alle Angst ihres Herzens in der Stimme: „Mimmidatzi!“

Ein kaum merkliches Zucken ging über das Gesicht des Kindes, ein leises Stöhnen, nicht wie in Schmerz, sondern wie in weher Sehnsucht quoll aus dem regungslosen, leicht geöffneten Mund; aber der kleine Körper rührte sich nicht, das Köpfchen, umringelt von goldblondem Gelock, lag starr auf die Seite geneigt, und unter den zarten, halbgesunkenen Lidern blickten die einst so schelmisch leuchtenden Augen unbeweglich hervor, ohne Glanz und Leben.

„Mein Schatzi, mein liebs, was hast du denn?“ stammelte Gittli und schaute, die Wangen von Tränen überronnen, mit einem hilflosen, angstvollen Blick in Sephas Gesicht.

„Mein Gott, mein Gott, wär nur der Polzer daheim!“ jammerte das Weib und sank neben dem Bett in die Knie. „Wenn er nur daheim geblieben wär! Mein Gott! Was tu ich denn? Mein Kindl, mein Kindl! Ich weiß mir keinen Rat, ich weiß mir nimmer zu helfen! Was tu ich denn?“

„Schwährin, bleib, bleib! Ich lauf und hol den Bader!“ schluchzte Gittli. Und wie sie stand, barfuß, im dünnen Röckl, rannte sie davon.

Sie achtete auf dem Wege nicht der spitzen Steine, die sich schmerzend in ihre Sohlen drückten, nicht der Frische der Nacht, die sie schauern machte; sie rannte nur und rannte, bis sie keuchend auf dem Marktplatzdas Haus erreichte, in dem der Bader wohnte. Wie von Sinnen schlug sie an der Tür den Klöppel, immerfort, so lange, bis im Obergeschoß ein Fenster geöffnet wurde.

„Wollt Ihr aufhören oder nit! Was ist denn das für ein Lärm in der Nacht?“ rief eine Männerstimme herunter.

„Ach, ich bitt Euch, wir haben ein krankes Kind daheim!“ schluchzte Gittli mit aufgehobenen Händen. „Kommt doch, kommt, ich bitt Euch gar schön, ich bitt, bitt, bitt!“

„Wer bist du denn?“

„Die Gittli bin ich, die Schwester vom Sudmann Polzer.“

„Sooo?“ Der Name, den Gittli genannt, gab dem Bader zu denken. Ja, hätte sie den guten Einfall gehabt, hinaufzurufen: ich bin Zenza, die Tochter des reichen Eggebauern — dann hätte sie was erlebt, wie der Bader gesprungen wäre! „Sooo? Also ja, geh nur heim, und sag, ich komm schon, sobald es Tag wird.“

Klirrend schloß sich das Fenster. Gittli stand wie betäubt und griff mit beiden Händen an ihren Kopf. War es denn möglich? Ein Kind — solch ein süßes, herziges Ding! Und es gab einen Menschen, der sich nicht die Seel aus dem Leibe lief, um zu helfen!

Helfen? Helfen? Wer jetzt? Wer? Pater Eusebius? Der hatte das Bübl des Klostervogtes wieder gesund gemacht. Gittli rannte, und atemlos erreichte sie die Klosterpforte. Die Glocke läutete schrill, denn mit dem ganzen Gewicht des Körpers hatte sich Gittli an den Strang gehängt.

„Pater Eusebius? Wo ist der gute Pater Eusebius?“ schluchzte sie, als sich das vergitterte Fenster öffnete.

„Ein Dirnlein? In der Nacht?“ staunte der Pförtner. „Was willst du vom Pater?“

„Wir haben ein krankes Kind daheim, der Pater Eusebius soll ihm helfen. Ach, guter Frater Pförtner, ich bitt Euch, bitt Euch —“

„O du mein Gott, Kind, den Pater, den holst du heut nimmer. Der ist seit zwei Tagen in der Bartholomäer Klause.“

Gittli mußte sich an die Mauer stützen, um nicht umzusinken.

„Aber sag, was fehlt dem Kind?“

„Es rührt sich nimmer und sieht nimmer. Und kennt mich nimmer. Ach, Frater Pförtner, so ein liebes, gutes Kind!“

„Mußt nit weinen, Mädel, der liebe Gott wird schon helfen! Und — wart ein Weil!“ Das Gesicht hinter dem Gitter verschwand, dann streckte sicheine Hand heraus mit einer kleinen Flasche. „Nimm, Dirnlein, nimm! Es ist das Beste, was ich hab:Oleum Sancti Quirinivom Kloster Tegernsee.“

Gittli griff zu mit beiden Händen.

„Reibe dem Kind die Stirn damit ein, und die Schläfe, und die Pulsadern an den Händen, und die Stelle, wo das Herz schlägt, und bete dazu drei Vaterunser! Das hilft. Das hat schon vielen Tausenden geholfen. Und jetzt geh, Dirnlein! Gelobt sei Jesus Christus!“

„Amen!“ stammelte Gittli. Es war ein Laut voll heißen Dankes. Und schluchzend flog sie davon, aber sie weinte nicht mehr in Schmerz, sie weinte vor Freude. Was sie in Händen hielt und an ihr Herz drückte, war die sichere Rettung: geweihtes, heiliges Öl! Immer und immer wiederholte sie Wort um Wort: „Die Stirn, die Schläfe, die Adern, und wo das Herz schlägt!“ Und damit sie nur ja mit dem Beten nicht zu kurz käme, fing sie jetzt schon an, während sie rannte und rannte: „Vater unser, der du bist im Himmel —“

Erschöpft, keines Wortes mächtig, erreichte sie das Haus.

Sepha kam ihr entgegen, das Gesicht verstört, kalkweiß und von Zähren überronnen. „Kommt er? Kommt er?“

Gittli schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie noch nicht; doch während sie die eine Hand auf die fliegende Brust drückte, drängte sie mit der andern schon die Flasche in Sephas Hände.

„Mein Gott, Gittli, so red doch,“ jammerte das Weib, „schau, die Angst bringt mich um!“

„Nimm — nimm — das muß ihm helfen! Das hat schon tausend, tausend Mal geholfen, hat er gesagt. Vater unser, der du bist im Himmel —“ Und betend sank sie neben dem Bette nieder, in dem das Kind noch lag, wie sie es verlassen hatte.

„Aber Gittli, so red doch, wie soll’s denn helfen, was soll ich denn machen damit?“

Mehr mit Zeichen als mit Worten wiederholte Gittli den Rat, den ihr der Frater Pförtner gegeben. Neben dem Bette kniend, mit tränenerstickter Stimme betend, hielt sie das flackernde Talglicht, während Sepha tat, was der Mönch geraten. Mit zitternden Händen, unter Weinen und zärtlichem Stammeln entblößte die Mutter das Kind, das vor ihr lag wie eine vom Stengel gefallene Blüte. Ein zartes, holdes Körperchen, rund und weiß, wie aus Wachs gebosselt, aber alle Glieder gefesselt von starrem Krampf.

Endlich richtete Sepha sich tief atmend auf; alles war geschehen, was geschehen mußte. Sie legte dieKissen zurecht und breitete sorglich wieder die warme Decke über das Kind, das unempfindlich schien für alles, was mit ihm geschah.

„Meinst du, Gittli, es hilft?“

„Ja, ja, es muß helfen!“

„Der liebe Herrgott soll’s geben! Wär nur der Polzer daheim!“

Nun saßen sie, Sepha und Gittli, die eine zu Häupten, die andere zu Füßen des Kindes, Stunde um Stunde, leise betend und des Wunders harrend, das sie mit Zuversicht erhofften.

Einmal streckte sich das Kind unter leisem Stöhnen, und die verkrampften Fäustchen schlugen seitwärts.

„Gittli!“ stammelte das Weib.

„Tu dich nimmer sorgen! Es hilft, schau, es hilft schon. Weißt, er wehrt sich halt, der Krank, weil er spürt, daß er fort muß.“

Wieder saßen sie, betend und wartend. Auf leisen Sohlen schlich die Nacht davon, und durch die Fenster fiel der graue Dämmerschein des erwachenden Ostermorgens.

Seph atmete auf. „Jetzt wird der Polzer doch bald kommen?“

Gittli nickte; die Hände im Schoß gefaltet, saß sie, keinen Blick vom Gesicht des Kindes verwendend.

Wieder einmal befühlte Sepha die kleinen, starr geschlossenen Hände. Sie erschrak. „Gittli! Ich weiß nit — das Kindl wird so kalt! Da, greif her! Was meinst du denn?“ Ihre Augen waren starr geöffnet, und ihre Stimme zitterte vor Angst.

Gittli umschloß mit beiden Händen die kalten, wachsbleichen Fäustchen des Kindes. Sie konnte nicht sprechen. Bang erschrocken schaute sie zu Sepha auf.

„Was meinst du,“ stammelte das Weib, „wenn ich ihm Tücher warmen tät?“

„Ja, ja!“

Sepha zerrte einen Arm voll Leinenzeug aus einer Truhe, stürzte in die Küche, machte Feuer und preßte das Leinen in eine irdene Schüssel, um es an der Glut zu wärmen. Schluchzend riß sie die Haustür auf; der helle Glanz des Ostermorgens leuchtete ihr entgegen. Sie taumelte auf der Schwelle, raffte sich auf und rannte auf die Straße, um auszuschauen, ob ihr Mann nicht käme. Nichts, nichts, so weit ihre brennenden Blicke reichten.

„Mein Gott, mein Gott, wär er nur daheim geblieben!“ stammelte sie und wankte zurück.

In der Stube kniete Gittli vor dem Bett, des Kindes kalte Finger behauchend, die zwischen ihren Händen lagen. Sie wurden nicht wärmer. „Seph, Seph!“ rief sie in quälender Angst und wollte zurTür. Doch während sie sich erhob, schien es ihr, als hätte das Kind sein Köpfchen bewegt. Sie hatte recht gesehen. Ein leises Zucken ging über die Augenlider, und der kleine Mund bewegte sich, als wollt’ er sprechen.

„Mimmidatzi!“ schluchzte Gittli in neu erwachtem, freudigem Hoffen und warf sich auf die Knie.

Da hob das Kind ein wenig die Ärmchen und tastete mit gespreizten Fingern in die Luft. Gittli meinte, das Kind suche ihre Hände. „Ja, ja, mein Schatzi, das Handerl geben, gelt?“ flüsterte sie in heißer Zärtlichkeit, die beiden Hände des Kindes fassend. „Dittibas geht nit fort, nein, schau, ich bin bei dir! Kennst du mich nimmer, Schatzi?“

Es legte sich auf das bleiche Mündlein wie ein sanftes, müdes Lächeln; ein seufzender Atemzug, dann streckte sich das Körperchen, und durch die kalten Finger rann noch ein leises Zittern.

Jetzt kam die Mutter mit den warmen Tüchern gerannt. „Seph, Seph!“ rief ihr Gittli mit stammelnder Freude entgegen. „Besser geht’s, besser! Es kennt mich schon wieder, und wie ich mit ihm geredet hab, da hat es mich angelacht. Schau nur, Seph, schau nur, es lachet noch allweil!“

„O du lieber, lieber Herrgott!“ lallte Sepha. Die Freude benahm ihr fast die Stimme.

Nun griffen sie alle beide zu mit fliegenden Händen und hüllten das Kind von den Füßen bis an den Hals in die warmen Tücher; und wenn die Tücher zu erkühlen begannen, wurden sie wieder ersetzt durch andere, warme.

Und immer lächelte das Kind; nur war das kleine Gesicht so weiß wie Schnee, und der geschlossene Mund war anzusehen, als hätt’ er sich verwandelt in ein blasses Veilchen.

Stunde um Stunde verging. Und immer lächelte das Kind.

„Ich mein’, es schlaft!“ flüsterte Gittli. Und dann plötzlich kam ihr ein Gedanke: „Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wär gut, wenn ein Pater beten tät?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie in ihre Kammer, schlüpfte in die Schuhe, zog eine Jacke über, streifte mit flüchtigem Kuß die rote Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief wie ein Murmeltier, und rannte aus dem Hause.

Als sie die Straße erreichte, sah sie zwischen den Bäumen einen Chorherren des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so meinte sie. „Herr Pater, Herr Pater!“ rief sie und winkte ihm zu. Nun stand er vor ihr — Pater Desertus, der Fischmeister; er hatte im Kloster die Frühmesse gelesenund wollte heimkehren in seine Klause.

Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zögerte, nur einen Augenblick, dann trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Händen, die Augen naß von Tränen.

Dunkle Röte flog über seine bleichen Züge, seine Augen flammten, und wie in heißer Sorge streckte er die Hände nach ihr und fragte: „Mädchen, was ist dir? Weshalb weinst du?“

„Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch, kommet mit mir und betet für das arme Würml!“

„Beten?“ Über die Lippen des Priesters irrte ein Lächeln, das Gittli nicht zu deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurück. Er faßte ihre Hand und sagte: „Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.“

Sie wollte seine Rechte küssen, doch er wehrte es fast erschrocken. „Führe mich!“ sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei verwandte er keinen Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schüttelte er den Kopf, als könnte er irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in seinem tiefsten Innern, nicht fassen und begreifen.

Nun erreichten sie die Haustür, und da ließ er die Hand des Mädchens und fuhr sich über die Stirn,wie um etwas von sich abzustreifen, was er nicht über die Schwelle tragen wollte.

Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt. Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurück; Gittli blieb mit gefalteten Händen an der Tür stehen, und so folgten die beiden Frauen mit brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der neben dem Bette stand, tief über das regungslose, lächelnde Kind gebeugt.

Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch blässer geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die Mutter. „Komm her zu deinem Kinde!“ sagte er mit leiser, schwankender Stimme.

Ein Zittern fiel über Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die Angst jeden Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Füße waren auf der Diele wie festgewurzelt.

„Hier ist keine Hilfe mehr. Es müßte denn sein, daß Herr Jesus in diese Stube träte und zu deinem holden Kinde spräche wie zur Tochter des Jairus: Steh auf und lebe!“

Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie nicht fassen, was geschehen.

„Ach, guter Pater,“ stammelte das Mädchen,„schauet nur hin, es lachet ja, es lachet!“

„Das Lächeln der Erlösung!“ Und Sephas Hand erfassend, sagte er: „Dein Kind ist heimgegangen zu seinem Schöpfer.“

„Ach du lieber Gott!“ schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen stürzte sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die Knie, auf den Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und mit Gesicht und Armen warf sie sich über die Füße ihres entschlafenen Lieblings: „Schatzi, mein Schatzi!“ In heißem Weinen erstickten ihre Worte.

Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit gellendem Schrei von ihren Lippen: „Mein Kind!“ Mit beiden Fäusten stieß sie den Priester von sich, faßte mit zuckenden Händen das Kind, riß es halb aus den Kissen und rüttelte das zarte, wachsbleiche Körperchen. Ihre Glieder erlahmten, starr quollen die Augen aus dem von Schmerz verzerrten Gesicht, und mit stöhnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn ausstößt, wenn es niederbricht inmitten der Meute, sank sie über das Bett, das Kind umklammernd: „Kann denn unser Herrgott so was zulassen! Mein Kind! Mein Kind! So was — so was muß über mich kommen! Warum denn? Warum denn? Warum denn?“

„Warum? Du armes Weib!“ Pater Desertuslegte die Hand auf Sephas zuckende Schulter. „Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage schon hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort gekommen, nicht aus der Höhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf frühlingsgrüner Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren reinen Farben, in ihrem süßen Duft, wie ein gütiger Gedanke Gottes, der zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der Menschen. Da kommt die Nacht mit ihrem tötenden Reif. Und ein Tier zieht über die Weide und tritt mit fühllosem Huf die erfrorene Blume in den Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein Baum, gesund und strotzend von Kraft. Er hat geblüht in zahllosen Kelchen, und nahe schon ist die Zeit, da er für treue Pflege danken will mit köstlichen Früchten. Doch vor der Ernte kommt der Sturm, ein Stoß nur, und der schöne stolze Baum liegt auf der Erde, verwüstet und gebrochen! Warum? Warum? Im weiten Feld steht die reifende Saat, getränkt vom Schweiße hoffender Menschen. Der Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Hütte an Hütte, zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee die steinernen Dämme, eine Stunde nur, und Trümmer und Leichen bedecken das Tal. Warum? Redlichen Sinnes ziehtein guter Mensch seines Weges, sein Blick ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen die Wölfe über ihn her, oder ein Blitz erschlägt ihn, oder eine Brücke weicht unter seinem Fuß. Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und stolz —“ Die Stimme des Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und heiser. „In ihren Mauern wohnt das Glück, rein und heilig, wie es noch je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus ihren Toren zieht ein glückseliger Mann. Und da er wiederkehrt, dürstend nach dem Anblick seines Weibes, nach den süßen Augen seiner Kinder, findet er nur rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?“

Sepha richtete sich auf, verschlang die Hände, und zu dem Priester aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie: „Ach Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein Wort des Trostes, nur ein einziges Wort!“

„Ich weiß dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur eine Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen: wer lebt, muß leiden, wer lacht, wird weinen müssen, und verlieren, wer besitzt!“

Sepha schlug die Hände vor das Gesicht.

Da klang aus der offenen Kammer eine Kinderstimme:„Muetter!“ Und Lippele erschien auf der Schwelle im langen Hemd, die runden Wangen hoch gerötet vom gesunden Schlaf, in der Hand ein kleines hölzernes Pferd ohne Kopf und mit halben Beinen.

Sepha sprang auf, stürzte auf den Knaben zu mit schluchzendem Schrei und riß ihn empor an ihre Brust.

Pater Desertus war zur Tür gegangen; es schien, als wollte er sich noch einmal zurückwenden; aber schwer aufatmend deckte er die Hand über seine Augen und verließ das Haus.

Gittli lag noch immer auf den Knien, das Gesicht in die Arme gedrückt. Erst als Sepha wieder zum Bette trat, hob das Mädchen die brennenden Augen, sah zu der Schwäherin auf und schlug in hilflosem Schmerz die Hände ineinander.

Sepha kniete zur Seite des Bettes nieder, stellte den Knaben auf die Erde, und ihr Schluchzen mühsam bekämpfend, sagte sie: „Schau, Lippele — dein Schwesterl, schau nur, schau — geh, gib ihr noch ein Handl und sag zu ihr: behüt dich Gott, mein Schwesterl, du mein liebs!“

Lippele schaute auf das stille, wie im Traume lächelnde Kind, dann wieder auf die Mutter und fragte: „Warum denn?“

„Mußt nit fragen, Lippele, tu’s nur, tu’s!“

Lippele streckte den Arm; als er die Kälte des starren Händchens fühlte, erschrak er und brachte kein Wort hervor. Ängstlich schaute er zu der Mutter auf und hob die beiden Arme nach ihr. Sepha umschlang ihn, der gewaltsam verhaltene Schmerz brach mit neuer Macht aus ihrem gepreßten Herzen, und so kauerte sie schluchzend auf der Erde, das Gesicht des Knaben übergießend mit ihren Tränen.

„Muetter, Muetter!“ stammelte das Kind und begann zu weinen, weil es die Mutter weinen sah. Gittli erhob sich und wankte in die Kammer; drinnen, am offenen Fenster, stürzte sie schluchzend nieder. Mit breitem Strahl fiel die Morgensonne auf den gebeugten Mädchenkopf.

Draußen webte der Glanz und Schimmer des Ostertages; die Ache rauschte und in den Nachbarhöfen krähten die Hähne. Auf den Obstbäumen, deren Knospen schon zur Blüte drängten, zwitscherten die Meisen und flogen hin und her, Halme tragend für den Nestbau.

Trotz der hellen Sonne, die der Ostermorgen gebracht, brannte in der Stube des Eggebauern ein Feuer im Lehmofen, der vor Wärme schwelte. Der Bauer saß hemdärmelig hinter dem Tisch, vor sich einen großen Napf mit Milchsuppe, die er gemächlich auslöffelte. Er war soeben, gegen die neunte Morgenstunde, mit Zenza aus der Messe zurückgekehrt. Das Mädel stand, mit halblauter Stimme trällernd, vor dem in die Wand eingemauerten Zinnspiegel und durchflocht die blonden Zöpfe mit roten Bändern.

„Heut hat es aber der Pater Hadamar scharf gemacht in der Predigt,“ sagte der Eggebauer nach einer stillen Weile.

Zenza lachte.

„Hast du dir gemerkt, was er gescholten hat über den Tanz?“

Wieder lachte das Mädel und warf die Zöpfe über die Schulter zurück. „Jetzt tanz ich nur desto mehr. Und fest anhalten tu ich mich auch. Daß ich nit ausrutsch.“

Sprechen konnte der Eggebauer nicht, denn er hatte gerade den Mund voll; er drohte nur mit dem Löffel; dann schluckte er und lachte. Da klang aus der Kammer eine weinerlich kreischende Weiberstimme: „Zenzaaa!“

„Jjaa!“ rief das Mädel unwillig, trat näher an den Spiegel, nestelte an dem Veilchenbuschen, der im Mieder steckte, und zupfte das Kraushaar in die Stirn.

„Hörst, die Mutter ruft!“ mahnte der Eggebauer.

„Hab schon gehört!“ sagte Zenza; aber sie rührte sich nicht von der Stelle.

Der Eggebauer seufzte und löffelte weiter.

„Bauer! Aber Bauer! So komm halt du!“ klang es mit keifenden Lauten aus der Kammer.

„Istdasein Weib!“ brummte der Eggebauer. „Nit einmal beim Essen hat man seine Ruh!“ Er schüttelte den Kopf, warf einen Erbarmen heischenden Blick zur Stubendecke, legte den Löffel nieder und wollte sich erheben.

Da klapperten draußen auf den Steinen die Tritte genagelter Schuhe, und ein Schatten fiel über das Fenster.

„Zenz!“ sagte der Bauer hastig. „Ich tu dich bitten, geh hinein zu ihr und bleib bei ihr drin eine Weil. Es kommt einer, mit dem ich zu raiten hab.“

Das Mädel ging, aber nicht gerne; kaum hatte Zenza hinter sich die Kammertür geschlossen, da stand Wolfrat schon auf der Schwelle; er war anzusehen, als käm’ er geraden Weges von der Sudpfanne; sein brennendes Gesicht und seine Hände glitzerten von Schweiß; an Hals und Schläfen sah man, wie es in den geschwollenen Adern hämmerte; sein Atem flog und keuchte, daß er nicht zu sprechen vermochte; er taumelte zur Bank, fiel nieder und drückte die Fäuste auf seine Brust.

Dem Eggebauer wurde ängstlich zu Mut; er schielte nach der Kammertür, dann fragte er mit leiser Stimme: „Polzer, was hast du denn? Ich will nit hoffen, daß —“

„Schau nach der Zeit, Bauer!“ keuchte Wolfrat.

„Da brauch ich nit schauen. Die neunte Stund ist kaum vorbei.“

„Und wie lang braucht einer vom Kreuz über die Almen herunter ins Ort?“

„Fünf Stund.“

„So muß ich droben am Kreuz schon wieder fort gewesen sein, bevor es Tag worden ist!“ sagte Wolfrat mit heiserem Lachen. „Darauf könnt einer schwören. Du auch!“

Der Eggebauer verfärbte sich. „Meinst du, es wird sein müssen?“

Wolfrat zuckte die Schultern, wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und erhob sich; sein Atem war ruhig geworden, sein Gesicht so weiß wie die Wand. Er trat zum Tisch, griff in die Tasche und reichte dem Bauer eine hölzerne Büchse: sie war feucht, als hätte man sie in Wasser getaucht.

„Da nimm!“ sagte er. „Das Kreuzl mußt du dir selber herausschneiden. Ich hab mich tummeln müssen.“

Der Bauer öffnete die Büchse, die ein blutiges Herz enthielt, und schloß sie wieder. „Hast du die Schweißbluh auch?“

Wolfrat nickte und griff an eine Tasche seines Jankers. „Wenn ich die nit hätt? Für was hätt ich’s denn getan?“ Der Kopf fiel ihm auf die Brustund mit zitternder Hand strich er sich über den Scheitel.

Der Bauer blickte scheu zu ihm auf und kniff die Lippen übereinander; dann ging er zu einem Wandschrank, verwahrte die Büchse und brachte ein Säcklein herbei, welches klang und klirrte, als er es auf die Tischplatte setzte.

„Hast nichts gehört, Bauer, wie es bei mir drüben steht?“ fragte Wolfrat.

„Gehört hab ich nichts. Aber sorg dich nimmer! Hast ja die sichere Hilf im Sack.“

Wolfrat atmete tief und stand schweigend, während der Eggebauer zehn Salzburger Schillinge und ein Dutzend Heller auf den Tisch zählte.

„Streich ein! Hast es verdient.“

„Meinst?“ Wolfrat, als er die Münzen in der Hand hielt, streckte sie dem Eggebauer hin und sagte: „Ich weiß nit, mir kommt so für, als hätt das Geld einen roten Schein?“

„Dummes Zeug!“ stotterte der Bauer. „Das Geld hat Silberfarb.“

„So? Dann muß es wohl sein, daß es mir nur im Aug so glitznet. Oder es schaut sich nur die Hand so an.“ Er schob das Geld in die Tasche. „Und was ich sagen will, Bauer? Gelt, wenn vielleicht eine Frag umgehen sollt — du brauchst nitmehrzu wissen, als daß ich gestern nach Feierabend um die achteStund fort bin. Sieben Stund hab ich hinaufgebraucht in die Röt. Lang genug. Aber so ein Herrgott hat sein Gewicht. Dann hab ich ihn ans Kreuz geschlagen, vor Tag war ich fertig, hab mich wieder auf die Füß gemacht, und war daheim um die neunte Stund. Daß ich den Weg vom Kreuz bergab bis zu deinem Haus in dritthalb Stunden gelaufen bin, das brauchst du nit zu wissen.“

Der Eggebauer riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.

„Und schau mich an, wie ich ausschau! Daß du’s weißt, wenn dich einer fragen sollt. Gelt, nein? Ich hab kein Stäubl Ruß im Gesicht, kein Fleckl Blut an meinem Janker.“

Der Eggebauer, der eine Farbe bekam als hätte man ihm das Gesicht mit Kalk bestrichen, stotterte: „Lieber Herrgott, Polzer, was hast du getan?“

„Was ich dutzendmal im Krieg getan hab, wenn mich einer hat fassen wollen.“ Er machte mit der Faust einen Hieb durch die Luft und seine Augen funkelten in finsterer Glut. „Es hat sein müssen.“

„Polzer, Polzer!“ stöhnte der Bauer und schlug die Hände zusammen.

„Halt ’s Maul! Wenn’s einer hört, der es weiterredet, kommt es zur Halbscheid über dich. Und wo der Freimann haust, das weißt du! Seit vorigerWoch hat er ein neues Rad, das alte hat er am Mattauser zuschanden gemacht, der in der letzten Gebnacht[13]den Klosterknecht gestochen hat. Und somit behüt dich! Ich hab dir und mir geholfen. Jetzt müssen wir’s auch tragen auf zwei Buckeln.“ Wolfrat wandte sich zur Tür.

Dem Eggebauer schlotterten die Knie; er wollte dem Sudmann nacheilen, brachte aber keinen Schritt zuwege. „Polzer!“ keuchte er. „Und das Schießzeug? Das hast du doch um Herrgotts willen nit verloren, wo’s ein Unrechter finden könnt?“

„Nein. Ich hab’s wieder geholt, und jetzt liegt es im Kesselbach in der tiefsten Klamm, mit einem Stein daran, den kein Wasser mehr in die Höhe treibt. Ich wollt nur, es läg was anderes auch dabei! Aus mir herausreißen kann ich’s nit.“ Er schlug mit der Faust auf seine Brust, nickte noch einen stummen Gruß und verließ die Stube.

Diesmal schwang er sich nicht über den Gartenhag, sondern ging auf die Straße zurück und betrat sein Lehen durch die Zauntür. In einem Winkel des Gartens rannte Lippele hinter den gackernden Hennen her. Wolfrat wollte ihn rufen; doch er schüttelte den Kopf: „Der Bub soll mir heut nit andie Hand rühren.“ Zögernd trat er ins Haus; im offenen Flur lag die Sonne; als aber Wolfrat über die Schwelle ging, bedeckte sein schwarzer Schatten den lichten Streif. Und wie still es war! Keines rief seinen Namen, keines trat ihm grüßend entgegen. Das Kind wird schlafen, dachte er sich, und sie wollen’s nicht wecken. Er stieß die Schuhe von den Füßen und betrat die Stube.

Neben dem Bett saß sein Weib im Weidenstuhl. „Grüß dich Gott, Seph!“ sagte er beklommen. Sie gab ihm keine Antwort, hielt die Hände im Schoß gefaltet, das zerraufte Haar hing ihr um die Schultern, und mit starren Augen, deren Tränen erschöpft waren, schaute sie ihm entgegen.

„Aber so red doch ein Wort! Wie geht’s ihm denn?“

Sie wollte sprechen, aber nur stumm bewegten sich ihre Lippen; dann plötzlich schrie sie laut auf.

Er warf einen Blick auf das Kind, und was er sah, machte ihn zittern an allen Gliedern. „Gib dich, Seph, gib dich!“ stammelte er und riß aus der Tasche einen ledernen Beutel hervor, welcher braune Flecken hatte und zwischen Wolfrats Händen schlotterte. „Gib dich, Seph! Schau, ich hab was heimgebracht, das muß helfen. Dem Vogt seinem Kind hat es auch geholfen. Gib einen Löffel her!“

„Polzer!“ schrie sie gellend auf und fuhr sich mit zuckenden Händen in die Haare. „Unser Kind! Unser liebes Kind! O mein Gott, mein Gott!“

„Seph?“

Er stürzte auf das Bett zu und riß das Laken weg, mit dem das regungslose Körperchen verhüllt war. Aschfahl wurde sein Gesicht, die eine Hand fuhr nach seinem Herzen, die andere ließ den Beutel fallen, aus dem das geronnene Blut, das er enthielt, in dicken Brocken auf die Diele klatschte. Und lautlos, wie ein Stier, den das Beil auf die Stirn getroffen, brach er zusammen.

„Polzer!“ kreischte Sepha und suchte ihn aufzurichten.

War es ein Schluchzen oder ein heiseres Gelächter, das von seinen Lippen schütterte und seine wirren Worte halb erstickte? „Und alles umsonst, alles, alles! Recht so! Ja, so hat’s kommen müssen. Jetzt liegt mein Kindl da. Und droben liegt der ander im Blut.“

„Heiliger Herr Jesus!“ stammelte Sepha. „Polzer! Polzer!“

Verstört sah er auf, ein Schauer rüttelte seinen Körper. Er hatte schon zu viel gesagt. Nun mußte er alles sagen. Mit beiden Armen umschlang er sie, drückte stöhnend sein Gesicht in ihren Schoß, und indumpfen, hastigen Lauten bekannte er seine Tat. Alles sagte er: was ihn zum Wildraub verführt hatte, wie droben alles gekommen war, und wie ihm nur die Wahl geblieben zwischen Elend, Kerker, Peitsche — und dem, was er getan.

Sepha saß mit weißem Gesicht, wie eine Gestorbene, und ihre Hände zitterten, die auf seinem Kopfe lagen. Und als er verstummte, griff sie hinüber in die verwüsteten Kissen und faßte die starre kalte Hand ihres Kindes. „Dank’s deinem Herrgott, mein liebes Kind, weil du das nimmer hast erleben müssen!“

„Seph!“ stöhnte er.

Sie neigte das Gesicht zu ihm hinunter und sagte ganz leise: „Weißt du es auch, Polzer? Weißt du denn, was du getan hast? Nit bloß den andern hast du erschlagen. Uns alle, dich und mich und deinen armen Buben und —“

Er preßte die Hand auf ihren Mund.

„Nein, Seph, nein! Keiner weiß es. Nur ein einziger, der selber das Reden fürchten muß. Und wenn sie mich auf den Strecker spannen, ich sag’s nit. Und ich hab nichts anderes getan, als den Herrgott ans Kreuz geschlagen. Und wenn er selber noch leben sollt und wieder aufkommen —“

Er verstummte plötzlich und hob erschrocken denKopf. Jäh schoß er in die Höhe, stand mit geballten Fäusten und starrte zur Kammertür.

Gittli stand auf der Schwelle; ihre zitternden Hände suchten eine Stütze am Pfosten, als wollten ihr die Knie brechen. Ihrem entsetzten Blick, ihren verstörten Zügen sah man es an — sie hatte alles gehört.

„Du!“ fuhr Wolfrat sie an. „Was willst du?“

Abwehrend streckte sie die Hand gegen ihn, das Grauen schüttelte ihre schmalen Schultern, und an der Wand sich entlang tastend, wollte sie zur Tür.

Mit zornigem Fluch sprang er auf und verstellte ihr den Weg. „Wohin?“

Da hob sie flehend die Hände. „Zu ihm! Zu ihm! Ob er tot oder lebig ist. Laß mich, laß mich! Ich muß zu ihm.“

„Zu ihm? Und warum zu ihm?“

„Weil ich sterb, wenn ich bleiben muß!“ Wie von Sinnen faßte sie ihn am Arm und suchte ihn von der Türe wegzuzerren. Er schleuderte sie zurück, daß sie zu Boden sank; sie raffte sich auf und stürzte wieder auf ihn zu.

„Dirn!“ knirschte er. „Du tust mir keinen Schritt aus dem Haus, oder —“ Er riß ein Beil von der Wand.

„Jesus im Himmel! Polzer!“ kreischte Sepha,aber sie hatte nicht die Kraft, sich aufzurichten.

Mit ausgebreiteten Armen stand Gittli vor dem Bruder. „Schlag zu, schlag zu! Hast ihn doch auch erschlagen. Tust mir nur eine Freud an, wenn du zuschlagst, daß ich dalieg und meinen letzten Schnaufer mach. Schlag zu! Oder traust du dich nit? Meinst du, es wär an einem schon genug? Dann geh von der Tür und gib meinen Weg frei!“

Sie stand vor ihm mit blitzenden Augen, als wäre sie gewachsen und um Jahre gealtert in dieser Stunde.

Er ließ das Beil sinken und maß sie mit funkelnden Augen. „Du bleibst!“

Es schien, als wollte sie ihn mit beiden Händen an der Brust fassen; aber sie besann sich und ging auf das Bett zu. „Schau her, auf dein armes Kind! Ich hab es lieber gehabt als mich selber, und heut in der Nacht hab ich gemeint, ich muß mir die Seel herausbeten aus dem Leib. Und schau, jetzt leg ich die Hand auf sein kaltes Herz: daß ich zu keinem Menschen ein Sterbenswort von dem sagen will, was ich weiß! Bist du zufrieden? So gib mir den Weg frei!“

„Du bleibst, sag ich! Und bevor ich nit in aller Ruh mit dir geredet hab —“

„So halt mich, wenn du kannst!“

Ehe sie noch ausgesprochen hatte, war sie in der Kammer verschwunden; er merkte ihre Absicht und stürzte ihr nach; bevor er die Schwelle erreichte, hatte Gittli sich schon auf die Brüstung des Fensters geschwungen. Mit einem Faustschlag zerfetzte sie den dünnen Schliem, mit dem der Rahmen verklebt war, sprang ins Freie und flog der Straße zu.

„Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli! Gittli!“ klang die Stimme des Bruders hinter ihr.

Sie schlug ihre Hände vor die Ohren, um nimmer zu hören. So rannte sie und rannte.

Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie fragte sich nicht, was so plötzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der vergangenen Stunden in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh über sie zu bringen, und sie losriß von ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu jenem andern zu treiben, der vor wenigen Tagen für sie noch ein Fremder war. Sie fragte sich nicht: ob er tot läge in seinem Blut? Ob er noch lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen könnte, allein, mit ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als immer nur das eine: zu ihm, zu ihm!

Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und Besinnen, war entfesselteNatur, die in diesem sechzehnjährigen Kinde nicht anders wirkte als in einem tausendjährigen Stein, der auf steilem Berghang liegt, ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fuß eines Wanderers, das Wasser eines jähen Regens, ein Stoß des Zufalls setzt ihn in Bewegung, und unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur Rechten, nicht zur Linken, nur fort und immer fort, dem unbekannten Ziel entgegen, keine Schranke messend, keine Tiefe scheuend, keinem Halt gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg vollendet ist, bis am Fuß des Berges ein sonniger Rasen ihn empfängt, oder bis ihn der dunkle See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe findet, den die Natur ihm vorbestimmte.

Die Leute, denen Gittli auf der Straße begegnete, blieben stehen, blickten ihr nach und schüttelten die Köpfe. Ein Mädel, das mit wehenden Bändern im Haar zum Tanze ging und von Gittli überholt wurde, rief ihren Namen. Gittli sah und hörte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe den Bauernhöfen am Unterstein, von der Straße zu einem Fußpfad ablenkte, vernahm sie plötzlich von der Taferne her das Klingen der Geigen und Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz gehalten. Da mußte sie an die Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr gebracht hatte. Tags zuvor, nach der Auferstehungsfeier,hatte der Bub sie vor dem Tor der Kirche erwartet: „Du, der Jäger schickt mich. Ich soll dich fragen, warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er herunterkommt zum Ostertanz, soll ich’s ihm wieder sagen.“

Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?

„Haymo! Haymo!“ schrie sie und rannte weiter, während drüben in der Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen übertönt wurden von einem wirren Jauchzen und Gejohl.

Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig fröhlichen Augen trat Zenza aus der Tür der Taferne. Suchend schaute sie umher, ging bis in die Mitte der Straße und spähte mit verdrossenem Blick den leeren Weg entlang.

Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmächtiger Bursch gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmütigen Augen. Seine leichtgebeugte Haltung und die weißen, schwielenlosen Hände verrieten den Bildschnitzer. Als er das Mädel gewahrte, leuchtete sein Blick. Lächelnd schlich er sich an Zenza heran und drückte ihr die Hände über die Augen. „Rat!“ sagte er mit verstellter Stimme. „Wer bin ich?“

Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. „Einer, auf den ich gewartet hab!“

Diese Antwort machte sein Gesicht vor Freude glühen; aber er hielt fest; nun wollte er auch seinen Namen hören. „Wer bin ich?“

„Einer, den mir der Herrgott in der Röt geschickt hat.“

Er lachte. Den ‚Herrgott‘, der in der Röt am Kreuze hing, den hatte er geschnitzt. Eine Feine, die Zenza! Die Wörtlein stellen, das verstand sie wie keine! Aber jetzt sollte sie erst recht den Namen nennen, jetzt gerade!

„Wer bin ich?“

„Einer, der sich heut nacht an meinem Fenster nit hat klopfen trauen, wie er den Buschen gebracht hat, den ich am Mieder trag!“ Mit jähem Ruck riß Zenza die Hände des Burschen nieder, zog seine Arme fest um ihren Hals und blickte über die Schulter lachend zu ihm auf. Als sie sein Gesicht erblickte, verstummte ihr Lachen. „Ulei[14]? Du?“ Und weil er sie festzuhalten versuchte, stieß sie ihn zornig von sich.

„Aber Zenza? Ich bin’s ja doch —“ Er deutete auf die Veilchen an ihrer Brust.

Sie trat mit funkelnden Augen vor ihn hin. „Du? Du hast mir den Buschen gebracht?“ Mit häßlichemLachen riß sie den Strauß von ihrem Mieder und warf ihn dem Burschen an den Kopf. „Da hast du mein Vergeltsgott!“

Ulei stand mit erblaßtem Gesicht, während Zenza in der Tür der Taferne verschwand. Sie mußte das Haus und einen Hof durchschreiten, um die Scheune zu erreichen, in welcher der Ostertanz gehalten wurde. Da ging es laut und lustig zu; auf dem Heuboden saßen zwei Fiedler und ein Sackpfeifer, die sich eben anschickten, einen neuen Tanz zu beginnen. Einzelne Paare traten schon zum Reigen an, die Weibsleute lachend, die Burschen jauchzend und mit den Füßen stampfend.

Unter dem Tor der Scheune blieb Zenza stehen und rief mit lauter Stimme in den wilden Lärm hinein. „Buben! Wer ist unter euch der ärmste und der mindest?“

Es wurde still, alle Gesichter wandten sich ihr entgegen; es wollte keiner der ärmste sein und keiner der schlechteste. Zenza trat in die Mitte der Scheune.

„Ist einer da, den gar keine andere mag?“

„Der Kropfenjörgi! Der Kropfenjörgi!“ schrien die Mädchen lachend durcheinander.

Zenza blickte suchend umher und sah in einem Winkel der Scheune einen Burschen hocken, mit blatternarbigem Gesicht und blöden Augen; wer ihn ansah,brauchte nicht mehr zu fragen, weshalb man ihn den Kropfenjörgi nannte. Zenza trat auf ihn zu und faßte seine Hand. „Komm, Jörgi! Heut tanz ich nur noch einen einzigen. Den tanz ich mit dir. He, Spielleut! Macht einen auf!“

Jörgi wurde rot und blaß; als er sah, daß Zenza es ernst meinte, stieß er einen gellenden Jauchzer aus, reckte sich stolz und faßte das Mädel um die Mitte.

Die Geigen klangen, die Sackpfeife dudelte, aber kein zweites Paar trat zum Reigen an; die Burschen und Mädchen standen im Kreis umher und begleiteten den Tanz der Zenza und des Kropfenjörgi mit johlendem Gelächter.

[13]Die Nächte vor dem Weihnachtsfest, vor dem Neujahrstag und vor dem Dreikönigstag hießen „Gebnächte“.

[14]Ulrich.


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