Die Schlachtfelder in Flandern
Mai 1915
Durchdie Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken – schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der Fuhrleutesind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land. Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben, ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt. Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen: Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar.Zonnebeke,St. Julien,Langemark. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und der Donner der Geschütze rollt darüber weg.
Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof.
Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft. Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sichbis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt, gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen Stellungen.
Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen siesiebzigtausendGranaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die Mannschaften ruhten aus inEisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das Feuer zu stark wurde.
Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen, von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte, manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von Krüppeln steht an der Straße.
Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt. Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte, erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher undhörten sich die Stille an. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würdensie über Gräber stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier, Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß ist von Blut und Tränen.
Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben.
Langemark, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte, ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren!
Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig gelangweilt,zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel gewickelt, im Regen auf und ab.
In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft. Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht.
Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, siepflügensich hinauf. Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes. Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke, graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer Schlag und eine Granate jagt gurgelnd undzischend über mich hinweg. Die Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige, heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre.
So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert.