Ein tapferes Regiment

Ein tapferes Regiment

Im Juni

Wasist das Regiment? Das Regiment ist alles. Es ist Anfang und Ende, Offizier und Mann sterben dafür. Offizier und Mann gehören sich nicht mehr selbst, siegehören dem Regiment. Ihre Ehre ist die Ehre des Regiments. Sie haben zu seiner Fahne geschworen, seine Fahne ist heilig, und die Eide werden besiegelt mit heißem Blut. Das Regiment will! Es geschieht. Das Regiment befiehlt! Es ist getan. Offizier und Soldat, sie können sterben bis zum letzten Mann, das Regiment stirbt nicht. Das Regiment ist ein Glaube, eine Religion, es ist alles. So war es, seit es Regimenter gab, und so muß es sein, solange es Regimenter gibt.

Hunderte stehen heute am Feind, Hunderte von Regimentern. Alle, Offizier und Mann, von all den Hunderten von Regimentern wissen wohl, was es bedeutet:das Regiment! Und die Kommandeure all der Regimenter, sie wissen es wohl. Sie sterben für die kleinste Faser der heiligen Standarte. So muß es sein.

Hier soll berichtet werden von einem tapferen badischen Regiment. Es ist nicht tapferer als andere, es ist ebenso tapfer wie sie, aber es hatte schwere Arbeit zu leisten in den ersten Maitagen, droben auf der Lorettohöhe, und deshalb will ich von ihm berichten.

Am 20. November bezog das Regiment die Stellungen auf der Höhe. Diese Stellungen! Mit ihren Gräben, Sappen, Verbindungsgängen und Horchstollen sehen sie auf der Karte aus wie das feine Geäder des Auges. Bei Ablain begannen sie, stiegen hinauf zur „Kanzel“, einer Kuppe, und zogen quer über den Ostabhang der Lorettohöhe, an der Kapelle Notre Dame de Lorette vorüber, hinab zur Schlammulde.

Im November lag etwas Schnee auf der kahlen Höhe, aber das Vergnügen dauerte nicht lange. Regen setzte ein, ein ganz verfluchter dünner grauer Regen, wie die Soldaten ihn nie erlebt hatten. Es regnete wochenlang. Der feine Nebelregen durchdrang alles, Haut und Haare, Kleider, Riemenzeug und Schuhe, es gab keine Rettung vor ihm. Wenn sie aus den Gräben kamen, so sahen sie nicht mehr menschlich aus. In der Schlammulde versank man im Morast. He, Kamerad! Zu Hilfe! Und man mußte ziehen, mit vereinten Kräften, um den Pechvogel zu befreien. Mancher Stiefel blieb im Dreck stecken. Na, das war natürlich nicht sehr schlimm, dieser Regen und Schmutz, davon nur nebenbei, es war dasAllerleichteste. Nebenher wurde auch noch gekämpft! Es ging scharf zu, da oben, Tag und Nacht. Man brauchte sich nur zu rühren, schon knallte es. Alles buddelte, die Gräben rückten auf zwanzig, auf fünfzehn Meter heran. Es regnete Handgranaten und Minen. Du hockst im Graben, den Blick nach oben gerichtet, und lauerst. Nun kommt sie heran. Wohin wird sie fliegen? Fällt sie in den Graben, so heißt es verschwinden. Nägel und Schrauben und Fetzen von Eisen speit sie nach dir und spickt dich damit. Fällt sie in deine nächste Nähe, dann bleibt dir keine Wahl mehr. Du mußt ihr entgegengehen! Immer rasch, angefaßt und zurückgeschleudert, bevor sie explodiert. So ging es da oben zu, es war so, daß man sich in jeder Sekunde sagen mußte: diesmal –

Noch schlimmer war es oben auf der Kanzel. Von dieserKuppe aus konnte man die Straße Souchez-Ablain einsehen. Fiel die Kanzel in die Hände des Feindes, so sah die Sache bös aus. Keine Katze konnte sich mehr auf der Straße zeigen, Zufuhr, Ablösung, alles in Frage gestellt. Nein, die Kanzel durfte er nicht haben! Das Regiment sagte es und das Regiment hielt die Kanzel! Die französischen Batterien standen bei der Topartmühle, im Bois de Bovigny, im Bois de la Haie. Sie beschossen die Gräben von vorn, von der Flanke und im Rücken. Täglich trommelten sie die Gräben auf der Kanzel ein. Nachts wurde fieberhaft gebaut, Sandsäcke, Brustwehren, Drahtverhaue, am nächsten Tag war alles wieder zum Teufel. Oft waren die Gräben verschüttet, sie hockten in Löchern, sie hockten in Granattrichtern, Angriff auf Angriff, aber das Regiment hielt die Kanzel.

So ging es also da oben zu. Wohlgemerkt und wohlverstanden:sechs Monate lang! Fast ohne jede Unterbrechung und Ruhe.

Anders ist die bewegliche, die fließende und flutende Schlacht. Sie rauscht dahin über die Felder. Gefahr und Tod, Rausch, Wut, Entsetzen, Schrecken und Triumph in ein paar Stunden gepreßt. Sie kann zwei, drei Tage, eine Woche dauern, einmal ist sie doch zu Ende. Atemholen, neue Quartiere, neue Abenteuer. Der Stellungskrieg zehrt am Mann. Immer das gleiche, aber immer die gleiche Gefahr, tagaus, tagein. Kein sichtbarer Erfolg, kein Abenteuer im großen Stil, keine neuen Quartiere, Gegenden und Menschen. Hier ist der Graben, und davor liegen die Toten. Übermenschlichmuß die Energie des Mannes im Graben sein, übermenschlich seine moralische Kraft. So gewiß es ist, daß Offizier und Mann im Westen genau das gleiche leisten wie Offizier und Mann im Osten, so gewiß ist es, daß sie, du brauchst sie nur zu fragen, ohne zu zögern ihren Graben mit Polen, Karpathen und Rußland vertauschen würden. Augenblicklich, lieber heute als morgen. Trotz den Läusen und schlechten Quartieren. Denn Läuse gibt es auch hier und die Quartiere sind nicht viel besser, wenigstens in der Feuerzone.

Aber, es muß gesagt werden, unser Regiment hatte auch seine Abwechslung. Am 17. Dezember wies es Joffres Angriffe ab. Es ging blutig zu. Mitte Januar nahmen ihm die Franzosen ein paar Grabenstücke weg, aber das Regiment revanchierte sich und nahm seinerseits den Franzosen zwei ausgedehnte Gräben. Am 3. März ging es wieder vor. Das Regiment nahm die Gräben bei Notre Dame de Lorette. Die schlichte Kapelle auf der Höhe ging dabei in Trümmer, die Glocke, die frei in dem durchbrochenen Türmchen hing, stürzte in den Schutt. Die Arbeit am 3. war schwer, und schwerer noch war sie am 22. Die französischen Gräben waren angehäuft mit Leichen, und man begrub und begrub, es wollte kein Ende nehmen. Mit Schaudern sprechen sie davon.

Aber all das war nur Vorbereitung, eine ArtTraining!

Der 9. Mai kam heran! Offizier und Mann werden ihn nie mehr vergessen. Er kam heran, und nun mußte es sich zeigen, was eigentlich in ihm steckte, in dem badischenRegiment Nummer X! Nun mußte es sich zeigen, ob die Höhe, die blutgierige und verfluchte Höhe, das Regiment gestählt hatte in der halbjährigen harten Schulung oder nicht. Es mußte sich zeigen, ob das Regiment imstande wäre, sich selbst um das Doppelte und Dreifache, das Zehnfache zu überbieten! Darum handelte es sich, um nichts Geringeres. Joffre wollte die Höhe! Er wollte sie um jeden Preis! Über Souchez von unten, die Schlammulde von oben, über Ablain und die Kanzel von hinten wollte er vor. Zwischen Souchez und Schlammulde wollte er abdrosseln. Das war die Lage. Es ging ums Ganze, das Regiment mußte zeigen, was in ihm steckte.

Und das Regiment zeigte es!

Um sieben Uhr morgens fing es an. Die französische schwere Artillerie begann die vordersten Grabenlinien einzutrommeln. Wirbelfeuer, schwerstes Kaliber. Dieses Höllenfeuer dauerte bis elf Uhr dreißig Minuten.

Der Kommandeur des Regiments: „Als ich von unserem Beobachtungsstand aus das Feuer beobachtete, da dachte ich mir, es kann kein Mann mehr in den Gräben am Leben sein!“

Der Reservist aus Bretten: „Die habe uns die Gräbe hübsch zusammengewichst. So was war noch gar nicht da. Alles war schwarz!“

Die Drahtverhaue und Barrikaden waren niedergetrommelt, die vorderen Gräben existierten nicht mehr. Sie waren Granatlöcher. Die Kompanien lagen in den zweiten Gräben. Alles war schwarzer und gelber Qualm, glühende Rasiermesser zischten über die Gräben hin.

Halb elf wurde das Feuer weiter zurück, auf die zweiten Gräben gelegt. Was ist zu tun? Frage die Soldaten, die in diesen Gräben waren. Nichts kann man tun. Man liegt der Länge nach im Graben, den Kopf in die Erde gedrückt. Einer schreit auf, einer stöhnt. Was man denkt? Man denkt nichts, nichts, gar nichts! So ist es also, ohne jede Phrase. Es ist dieAgonie. Punkt elf Uhr dreißig schweigt plötzlich das Feuer. Was noch kann, erhebt sich. Gewehre fertig. Ein Maschinengewehr ist noch intakt, ein einziges. Los! Schon kommen sie!

Sie kommen heran in dichten Kolonnen, mit unerhörter Bravur, bewundernswürdig. Nie vorher sah man Franzosen so stürmen. Das Maschinengewehr hämmert. Sie fallen, in Reihen. Schnellfeuer. Sie brausen näher. Ein Offizier an der Spitze, mit gezücktem Degen! Er überspringt den ersten Graben, will seine Leute mitreißen, allein, ganz allein stürmt er weiter. Er fällt. Nahkampf. Angriff erledigt! Aber was ist das? Sie sind im Rücken! Eine halbe feindliche Kompanie ist in die Verbindungsgräben eingedrungen und kommt in den Graben. Sandsäcke!! Nun gilt es. Der Offizier schreit, der Mann. Jeder einzelne Mann ist jetzt Offizier, Kommandeur, er muß handeln, rasch und klar. Sandsäcke! Handgranaten! Die Barrikade ist fertig, die Handgranaten fliegen in Schwärmen zum Feind über die Sandsäcke hinüber. Der Feind ist abgeschlossen. Aber neue Sturmkolonnen kommen heran, sie fliegen die Höhe herunter. Salvenfeuer, das Maschinengewehr schnarrt. Es sind ihrer zu viele, immerneue Kolonnen. Aber der Kommandeur hat seine Leute nicht vergessen und den kühlen Kopf bewahrt. Artillerie! Plötzlich schlagen Granaten in die feindlichen Sturmkolonnen. Fontänen von Leibern, Kleidungsstücken, Köpfen und Gliedmaßen fliegen hoch. Es ist zwei Uhr, schon nahen die Bataillone, die in Ruhestellung waren.

Nein, allein hätten sie es nicht schaffen können, gewiß nicht. Alle Regimenter, von Neuville bis hinauf nach Aix-Noulette, mußten mithelfen, mit gleicher Tapferkeit, alle Batterien, Munitionskolonnen, Telephonisten, Beobachter, Flieger, jeder einzelne Mann. Frage die Soldaten des tapferen badischen Regiments. Sie sprechen nicht von sich allein. Sie sagen: Souchez war unter Feuer, daß die Häuser auf die Straße flogen. Es waren Torpedogranaten, schwere Dinger, die sich tief einbohren und dann alles in die Luft schmeißen. Die Munitionskolonnen fuhren mitten durch Souchez! Eine Kolonne raste auf offener Landstraße dahin. Granaten rechts und links. Zur Batterie, abgeladen, weiter. Zurück denselben Weg. Ohne einen Mann, ein Pferd zu verlieren. Eine Batterie ist zusammengeschossen. Noch zwei Geschütze. Sie verfeuert noch rasch 1300 Granaten, immer hinein in die Sturmkolonnen, Verschlußstücke abgeschraubt und aus dem Staube gemacht ...

Nein, allein hätten sie es nicht geschafft, aber ihre Arbeit war mörderisch hart und schwer. Und sie hielten die Gräben, die Granatlöcher besser gesagt. In Abständen von fünf Metern lag der Feind eingegraben,fünf Metern! Fünfzehn und zwanzig Meter Abständewurden gar nicht mehr für schwierig empfunden. Einen Tag und eine Nacht, und noch einen Tag und noch eine Nacht. Was sie mühsam zusammenbauten in den Sekunden, in denen die Leuchtkugeln sie nicht abblendeten, war in einer Stunde wieder zusammengeschossen. Angriff auf Angriff. Heroisch kämpfte der Franzose, wie nie zuvor.

Die Soldaten, die da oben kämpften, sprechen mit Ehrerbietung vom Feind.

„Und der Kommandeur?“

„Der Kommandeur kam jeden Tag zu uns herauf in die Gräben. Es war ein Wunder, daß es ihn nicht erwischte. Wir waren jedesmal erstaunt, wenn wir ihn heil wiedersahen.“

Dann kamen Reserven, Verstärkungen. Die Krisis war überstanden. Das Regiment war zurückgegangen auf seine zweiten und dritten Gräben, aber es hatte die Stellung gehalten. Joffre kam nicht durch, das war es! Frage nicht, wieviele des tapferen Regiments da oben fielen, es sind ihrer nicht wenige, aber das Regiment stand wie eine Mauer.

Der Kommandeur des Regiments, Major G., hat mich empfangen. Ein schlichter, gerader und einfacher Mann. Ein Soldat der Front! Ich kam zwei Stunden zu spät, aber das war ihm einerlei, er kümmert sich nicht um lumpige Formalitäten.

Major G. sagte: „Ich glaube wohl behaupten zu können, daß das Regiment seine Pflicht getan hat.“

Das glaube ich auch!

Hoch das Regiment!


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