3. Charles de Villers.[655]

3. Charles de Villers.[655]

Unter den zahlreichen französischen Emigranten, welche die grosse Revolution nach Deutschland führte und welche hier zwischen französischem und deutschem Geistesleben vermittelten, nimmt der edleKarl von Villers, der wieAdalbert von Chamisso der Unsrigegeworden ist, eine ganz hervorragende Stelle ein.Charles François Dominique de Villers, geboren den 4. November 1765 in dem lothringischen Städtchen Bolchen von französischen Eltern aus dem Languedoc, war anfangs Offizier, ging nach Deutschland, wo er in Lübeck von seiner FreundinDorothea Schlözer, der Tochter des berühmten Göttinger Historikers und dererstendeutschen Frau, die (am 17. September 1787) in Göttingen den Grad eines Doktors (der Philosophie) erlangte, in den geist-und lebensvollen Kreis eingeführt wurde, dessen Mittelpunkt das Haus ihres Gatten, des Lübeckischen SenatorsRoddewar. Diese Frau erschloss unseremVillersdas Verständnis für deutsches Geistesleben und machte ihn zu einem begeisterten Apostel des Deutschtumes in Frankreich. Er wurde später Professor der Philologie in Göttingen und starb dort am 26. Februar 1815. Um die Bedeutung dieses Mannes, der für diedirektengeistigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich durch seine vortrefflichen Schriften überLuther, Kantund über die ProvinzWestfalensicher mehr gethan hat alsChamisso, ins rechte Licht zu setzen, genügt es, daran zu erinnern, dassGoethevonVillersin einem Brief anReinhardsagt, dass er „wie eine Art von Janus bifrons herüber und hinüber sieht“ und selbst an ihn schrieb: „Sie haben mich im ästhetischen Sinne bei Ihren Landsleuten eingeführt.“[656]Viller’sBeispiel hat bekanntlichBenjamin Constantund Frau vonStaëlzu gleichen teutophilen Bestrebungen ermuntert.

Es wurden in Deutschland von den Emigranten verschiedene französische Zeitschriften herausgegeben, deren eifriger MitarbeiterVillerswar, hauptsächlich im Sinne der Propaganda für deutsches Wesen und deutsche Litteratur, aber auch um die Deutschen mit den französischen Erscheinungen auf dem Gebiete der Litteratur, Kunst und Wissenschaft bekannt zu machen. Besonders warHamburgauch schon vor der Revolution ein Centrum für solche Bestrebungen gewesen, sowohl im guten wie im schlimmen Sinne.Denn in Hamburg wurden viele französische Erotica zum ersten Male veröffentlicht oder nachgedruckt.[657]Hier gabenBandus(MarieJean Louis Amable de Bandus, lebte von 1791 bis 1802 in Hamburg),Boudens de VanderbourgundVillersvom Januar 1797 bis zum Dezember 1802 den „Spectateur du Nord“, ein „journal politique, littéraire et moral“ heraus, welches es in diesen 6 Jahren auf 24 Bände brachte. Die Zeitschrift wurde in Frankreich verboten.[658]

Im vierten Bande dieses „Spectateur du Nord“ erschien nun im Jahre 1797 die „Lettre sur le Roman intitulé Justine ou les Malheurs de la Vertu“, welcheM. L. Hoffmannmit Recht demCharles de Villerszuschreibt. Eine Neuausgabe dieser interessanten Notiz über den Roman des Marquisde Sadewurde im Jahre 1877 vonA. P. Malassisveranstaltet, der wir in der Analyse folgen.[659]

Villerserklärt in der Vorrede, dass das berüchtigte Buch „Justine“ viel verlangt werde, in immer neuen Auflagen erscheine und so, damit den Lesern des „Spectateur“ die Lektüre des schrecklichen Buches erspart werde, eine kurze Inhaltsangabe gerechtfertigterscheine. Speziell ist er von einerDamezur Lektüre des Buches und zum Bericht über dasselbe aufgefordert worden (S. 13). Zwar haben ihm „zwanzig Mal Ekel und Entrüstung das Buch aus der Hand fallen lassen“, aber die „grosse Berühmtheit“ desselben habe ihn bewogen, dasselbe bis zu Ende durchzulesen. Dann „habe ich es denen zurückgegeben, von denen ich es bekommen hatte, froh, das geistige Spiessrutenlaufen überstanden zu haben und das abscheuliche Buch nicht mehr unter den Augen zu haben. Es war ohne Zweifelunserem Jahrhundertvorbehalten, es hervorzubringen.Denn dies Buch konnte nur inmitten der Barbareien und der blutigen Erschütterungen concipiert werden, die Frankreich heimgesucht haben. Es ist eine derwiderlichsten Früchte der revolutionären Krisis, eines der stärksten Argumente gegen die Freiheit der Presse“ (S. 14). In der That ist das Werk „ausserordentlich“ in Beziehung auf die bizarrsten und grausamsten Ausschweifungen und eine raffinierte Grausamkeit. Es giebt Werke, die von denGrazieninspiriert zu sein scheinen. Dieses haben dieFurieninspiriert. „Es ist mit Blut geschrieben. Es ist unter den Büchern, wasRobespierreunter den Menschen war. Man erzählt, dass, als dieser Tyrann, alsCouthon,Saint-Just,Collot, seine Minister, der Mordthaten und Verurteilungen müde waren und diese steinernen Herzen etwas wie Gewissensbisse empfanden und die Feder ihnen angesichts der zahlreichen, noch zu unterzeichnenden Urteile aus den Händen glitt, sie nur einige Seiten der ‚Justine‘ zu lesen brauchten, um wieder schreiben zu können. Man erzählt diese Anekdote in Frankreich und glaubt an sie.“ (S. 16.)

Villerssetzt dann in Kürze die uns bekannten philosophischen Theorien des Marquisde Sadeauseinander und sagt, dass dieses Buch „alle pornographischen Werke, die seit der Regentschaft Frankreich überschwemmt haben“, hinter sich lässt. (S. 18.) Er schildert dann den Gang der Handlung in der „Justine“. Er hält zwar den Roman, der nur auf Scheusale wieRobespierreundCouthonEindruck machen könne, nicht für gefährlich, fordert aber doch zu einer „Verschwörung“ aller anständigen Menschen, die noch Moral auf der Erde haben wollen, auf, damit alle noch vorhandenen Exemplare dieses Romans vernichtet werden. „Ich werde drei Exemplare kaufen, die noch bei meinem Buchhändler sind, und sie ins Feuer werfen.“ Er hofft, dass in drei Jahren die Exemplare nur noch in Bibliotheken zu finden sein werden. (S. 21.) Trügerische Hoffnung!

Villerskommt zu dem Schlusse, dass die „Justine“ in gleicher Weise die Wahrscheinlichkeit, den gesunden Menschenverstand und das Zartgefühl „selbst der Wüstlinge“ verletzt, dass dieses Buch platt und dumm sei, lächerliche Uebertreibungen und widernatürliche Dinge enthalte, und dass es sogar das Theorem inBoileau’s„Art poétique“ verleugne:

Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.

Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.

Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.

Il n’est point de serpent, ni de monstre odieux,

Qui par l’art imité ne puisse plaire aux yeux.

Denn diese Monstra sind sehr „odieux“, gefallen aber weder dem Auge noch dem Geiste. Indessen „was werden Sie dazu sagen, dass wenig Werke so viele Auflagen erlebt haben, wie die elende ‚Justine‘? Was soll man von einer Zeit denken, in der sich ein Schriftsteller zur Abfassung eines solchen Romans fand, Buchhändler, um ihn zu verkaufen und ein Publikum, um ihn zu kaufen?“ (S. 22–23.)

Das Gift war ein Contagium animatum, das sich trotz des ehrlichenVillersins Ungemessene vermehrte. Es lebt noch heute.


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