a.Das Freudenhaus der Madame Gourdan.[211]
Das berühmteste, besuchteste und am meisten von den gleichzeitigen Schriftstellern erwähnte Pariser Bordell im 18. Jahrhundert ist das Freudenhaus der MadameGourdanin der Rue des deux Portes, das unter den RegierungenLudwig’sXV. undLudwig’sXVI. als Bordell für den Hof und die vornehmen Fremden galt.
Dies Bordell zeichnete sich durch die raffiniertesten Einrichtungen aus, welche alle Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen zu befriedigen versuchten. Entwerfen wir eine kurze Skizze derselben,
1.Das Serail.Dies war ein grosser Empfangssalon mit „plastrons de corps-de-garde“, d. h. zwölf Dirnen, die stets in demselben anwesend sein mussten, um den Wünschen der Besucher nachzukommen. Dort wurden die Preise und die Einzelheiten der Wollust verabredet. Es wurde alles aufs genaueste festgesetzt. „Jugez que d’ordures doivent se débiter dans un pareil cercle! que d’horreurs et d’infamies doivent s’y commettre!“ ruftPidanzat de Mairobertbei dieser Schilderung aus. Es ist kein Zweifel, dass dies Serail der Gourdan den Namen für die „Serails“ beiSadehergegeben hat. Ebenso lässtde Sadein seinen Romanen häufig den Preis der Liebe vereinbaren und vor allem die Details der zu veranstaltenden Orgie vorher genau analysieren.
2.Die„Piscine“. Dies war ein Badekabinet des Bordells, wohin man zuerst die in der Provinz und in Paris für dieGourdanaufgegriffenen Mädchen führte. Dort wurde die Betreffende gebadet, die Haut „weich gemacht“, gepudert und parfümiert. In einem Toilettentische befanden sich verschiedene Essenzen, Mund- und Schönheitswässer. Auch das berühmte „Eau de pucelle“, ein starkes Adstringens, mit welchem MadameGourdanetwas „verwüstete Schönheiten“ wieder herstellte und das wieder zurückgab, was man „nur ein Mal verlieren kann“. Dass der Marquisde Sadedieses merkwürdige Mittel sehr oft erwähnt und praktisch anwenden lässt, wie wir später bei der Besprechung der Kosmetica und Aphrodisiaca sehen werden, beweist wohl schlagend seine Arbeit nach berühmten Mustern. — Weiter fand sich in der „piscine“ die „Essence à l’usage des monstres“, die durch ihren scharfen Geruch Impotente wieder potent machte und die „Ungeheuer“ zu wollüstiger Grausamkeit anreizte. — Das „Spezificum“ des DoktorGuilbert de Préval(von welchem Charlatan später ausführlich die Rede sein wird), war ein wahres Wundermittel. Denn es diente zur Verhütung, Diagnostik und Heilung der Syphilis zugleich! MadameGourdaninjicierte etwas davon den neu ankommenden Mädchen, um zu sehen, ob sie gesund seien. Also ein sexuellesTuberkulindes 18. Jahrhunderts! Alles ist schon dagewesen.
3.Das„Cabinet de Toilette“. Hier empfingen die Schülerinnen dieses Venusseminars ihre zweite Vorbereitung.
4.Die„Salle de bal.“ Aus diesem Saale führte ein geheimes Zimmer in das Haus eines Kaufmannes in der Rue Saint-Sauveur, der mit derGourdanunter einer Decke steckte. Durch sein Haus gelangten die Prälaten und Richter (gens à simarre) und die Damen von vornehmer Abkunft in das Bordell hinein. In diesem geheimen Zimmer waren Kleider aller Art, sowie „Gegenstände der Raffinerie.“ Hier konnte sich der Geistliche in einen Weltmann verwandeln, der Beamte in einen Soldaten, die Damen in Köchinnen und „Cauchoisen“ (aus der Provins Caux). Hier „erduldeten die vornehmen Damen standhaft die kräftigen Umarmungen eines groben Bauern, welchen ihnen ihre vertraute Lieferantin ausgewählt hatte, um ihr unbezähmbares Temperament zu befriedigen.“ Andrerseits glaubte der Bauer mit seinesgleichen zu tun zu haben und genierte sich wenig in Ausdrücken und Handlungen.
5. Die „Infirmerie.“ Das war das Gemach für Impotente, deren erschöpfte Kraft durch alle möglichen Reize wieder aufgestachelt wurde. Das Licht fiel von oben herein; an den Wänden hingen wollüstige Bilder und Kupferstiche, in den Ecken standen ebensolche plastische Kunstwerke, auf den Tischen lagen obscöne Bücher. In einem Alkoven befand sich ein Bett von schwarzer Seide, dessen Himmel und Seitenwände aus Spiegelglas bestanden, welches alle Gegenstände dieses wollüstigen Boudoirs und alle Vorgänge in demselben wiederspiegelte. Parfümierte Stechginster-Ruten dienten zur Flagellation. Dragée-Pastillen in allen Farben wurden zum Essen angeboten, von denen „man nur eine zu geniessen brauchte, um sich bald als einen neuen Menschen zu fühlen.“ Sie hiessen „Pastilles à la Richelieu“, weil dieser sie oft den Frauen als Aphrodisiacum gegeben hatte. Man sieht,dass die berüchtigte Marseiller Cantharidenbonbons-Affaire des Marquisde Sadein jener Zeit nicht vereinzelt war. —- Auch für die Frauen war in dieser „Infirmerie“ gesorgt. Zahlreiche kleine Kugeln aus Stein waren vorhanden, sogenannte „pommes d’amour“, die in die Vagina eingeführt wurden.Mairobertkonnte nicht erfahren, ob „die Chemiker diesen Stein analysiert hätten, der eine bestimmte chemische Zusammensetzung haben sollte und von dem die Chinesen oft Gebrauch machten.“ — Der „Consolateur“ war ein ingeniöses Instrument, „in den Nonnenklöstern erfunden“, um den Mann zu ersetzen. DieGourdantrieb mit diesen künstlichen Phalli ein Engros-Geschäft. Man fand in ihrem Nachlass „zahllose“ Briefe von Aebtissinnen und einfachen Nonnen mit der Bitte um Uebersendung eines solchen „Trösters“. Wie man sieht, war unsere früher geäusserte Ueberzeugung von der sittlichen Korruption in den Nonnenklöstern nicht übertrieben. — Grosser schwarzer Ringe, der sogenannten „aides“ bedienten sich die Männer zur künstlichen Irritation der Frauen. Manche dieser Ringe waren sogar mit harten Buckeln besetzt, was das Vergnügen noch vermehren sollte. Endlich war ein ganzes Arsenal von „redingotes d’Angleterre“ vorhanden, die heute „Condome“ heissen und welche, wie Mairobert sich ausdrückt „gegen das Gift der Liebe schützen sollen, aber nur das Vergnügen abstumpfen“. Also gebührt die Priorität für das berühmte Wort von dem „Panzer gegen das Vergnügen und dem Spinngewebe gegen die Gefahr“ nichtRicord, sondernPidanzat de Mairobert, der es 70 Jahre früher aussprach![212]
6. Die „Chambre de la question“. — Das war ein Kabinet, in welches man durch eine verborgene Luke hineinschauen konnte, so dass die Vorsteherin des Bordells und ihre Vertrauten alles sehen und hören konnten, was in dem Zimmer geschah. Eine Einrichtung für „Voyeurs“.
7. Der „Salon des Vulcan“. — In ihm befand sich ein Fauteuil von sonderbarer Form. Setzte man sich hinein, so drehte sich sofort eine Klappe. Die betreffende Person sank nach rückwärts, mit gespreizten Beinen, die an den Seiten gefesselt wurden. Dieser Stuhl war eine Erfindung des Herrnde Fronsac, Sohnes des Herzogs vonRichelieu, welcher ihm Widerstand leistende Mädchen mit Gewalt in diesen Klappstuhl presste und so verführte, wofür er, aber nur zeitweilig, vom Hofe verbannt wurde, um später sein Treiben unbehelligt fortzusetzen. Der „Salon des Vulcan“ war so gelegen, dass „das durch die Schmerzensrufe, durch Weinen und Schreien verursachte Geräusch auf keine Weise von Aussenstehenden gehört werden konnte.“ Dieses Mysterium des Lasters finden wir auch beide Sadewieder.
DieGourdanwar die Hauptlieferantin für die vornehme Welt. Sie konnte alle Wünsche befriedigen und verfügte über grosse Mittel. InVilliers-le-Belhatte sie ein im Walde einsam gelegenes Landhaus, wohin sie selten kam, aber öfter kranke Mädchen hinschickte, auch die Schwangeren. Zugleich war diese ländliche Villa ein viel benutztes Versteck für besonders raffinierte Ausschweifungen. Die Bauern nannten dasselbe ironisch das „Kloster“.
Man unterschied in Paris zwei Arten von Kupplerinnen, erstens die Verführerinnen der Unschuld, zweitens die Lieferantinnen von schon deflorierten Mädchen. Nur die Ersteren wurden dadurch bestraft, dass man sie rückwärts auf einem Esel reiten liess. DieGourdangehörte zu der zweiten Klasse, welche dafür sorgte, dass ihre Novizen zunächst offiziell von irgend einem ihrer zahlreichen Helfershelfer prostituiert wurden. Zugleich mussten diese der Bordellvorsteherin einen Bericht über die körperliche Beschaffenheit der Betreffenden erstatten. Wir werden später einen solchen Bericht mitteilen.[213]
Im Hause derGourdanwurden die Maitressen für die vornehme Welt herangebildet. So hatte die spätere GräfinDu Barryihre glänzende Laufbahn dem Aufenthalte im Bordelle derGourdanzu verdanken. Aber auch viele Aristokratinnen suchten hier neue Genüsse. Eine vornehme Dame, Madame d’Oppy wurde 1766 von der Polizei bei derGourdanentdeckt, bei der sie zeitweise als Dirne fungierte.