Chapter 31

f.Die geheimen pornologischen Klubs.

Das, was der Marquisde Sadein der „Société des amis du crime“ geschildert hat, was wir später als das „Mysterium des Lasters“ in den Romanen dieses Autors bezeichnen werden, existierte in Wirklichkeit. Es gab in ParisgeheimeKlubs, deren Mitglieder sich zum Zwecke des praktischen Studiums der Wollust vereinigten, die ihre „Tempel“ hatten mit den Statuen des Priapus, der Sappho und anderer Symbole der geschlechtlichen Lust, ihre besondere Sprache und Erkennungszeichen.

Die „Insel der Glückseligkeit“ oder „der Orden der Glückseligkeit“ oder die Gesellschaft der „Hermaphroditen“ war der berüchtigste Liebesklub. Gegründet wurde er vom Herrn vonChambonas.[223]Diese geheime Gesellschaft entlehnte alle Bezeichnungen, alles Ceremoniell und alle Formen dem Seemannsleben und richtete ihre Gesänge und Anrufungen an den heiligen Nicolaus. „Maître“, „Patron“, „Chef d’escadre“; „Viceadmiral“ waren die Namen der einzelnen Grade der „Ritter“ und „Ritterinnen“, die einen Anker auf dem Herzen trugen und ewige Treue und Verschwiegenheit geloben mussten, wenn sie sich auf die Insel desGlückes führen liessen.[224]In ihren „mehr als galanten Versammlungen“ wurden die obscönsten Reden geführt.[225]Ein sehr eifriges Mitglied dieses obscönen Klubs warMoët, der Verfasser des „Code de Cythère“ (Paris 1746) und Uebersetzer der englischen Schrift „Lucina sine Concubitu“ (Vgl. über diese Bd. II vonDühren„Das Geschlechtsleben in England“). Er verfasste für seinen Klub das merkwürdige Buch „L’Anthropophile, ou le Secret et les Mystères de l’Ordre de la Félicité dévoilés pour le bonheur de tout l’univers“, Arétopolis (Paris) 1746. Es enthält die Regeln und Statuten der Vereinigung, das „Wörterbuch“ derselben und Gedichte. Aus dem Dictionnär teile ich einige Ausdrücke mit: „Chaloupe“ = petite fille; „flute“ = grosse femme; „frégate“ = femme; „gabari“ = fille ou femme bien faite; „goudron“ = fard; „hisser une frégate“ = enlever une femme; „mât“ = le corps; „mer“ = amour, intrigue; „sondes“ = les doigts. Den Zweck des Klubs verkündigen folgende Verse:

L’isle de la FélicitéN’est pas une chimère;C’est où règne la voluptéEt de l’amour la mère;Frères, courons, parcouronsTous les flots de CythèreEt nous la trouverons.[226]

L’isle de la FélicitéN’est pas une chimère;C’est où règne la voluptéEt de l’amour la mère;Frères, courons, parcouronsTous les flots de CythèreEt nous la trouverons.[226]

L’isle de la FélicitéN’est pas une chimère;C’est où règne la voluptéEt de l’amour la mère;Frères, courons, parcouronsTous les flots de CythèreEt nous la trouverons.[226]

L’isle de la Félicité

N’est pas une chimère;

C’est où règne la volupté

Et de l’amour la mère;

Frères, courons, parcourons

Tous les flots de Cythère

Et nous la trouverons.[226]

Sehr mysteriös war die Gesellschaft der „Aphroditen“, die durch einen heiligen Eid, durch häufigen Wechsel der Versammlungsorte ihr Geheimnis zu hütensuchten. Sie benannten die Männer mit Namen aus dem Mineralreiche, die Frauen nach dem Pflanzenreiche.[227]

Dagegen hat man von einem andern Klub das Manuscript der Statuten, der Erkennungszeichen, des Mitgliederverzeichnisses mit den „noms de plaisir“ aufgefunden. Das war die „Société du Moment“. Dieses Manuscript gewährt einen tiefen Einblick in den widerlichen Schmutz, in dem sich diese „sociétés de cynisme“, wie dieGoncourtssie nennen, wälzten.[228]

Eine vierte geheime pornologische Gesellschaft war die „Secte Anandryne“, der Club der Tribaden, der im „Tempel der Vesta“ seine Orgien feierte. Wir werden weiter unten diesem Klub und seinen Versammlungen eine ausführliche Darstellung widmen.

Die Entstehung dieser geheimen Gesellschaften erklärt ein Wort der Delbène (Juliette I, 25): „Die Laster darf man nicht unterdrücken, da sie das einzige Glück unseres Lebens sind. Man muss sie nur mit einem solchen Mysterium umgeben, dass man niemals ertappt wird.“de Sade’sSchilderung des geheimen Klubs der „Gesellschaft der Freunde des Verbrechens“ (Juliette III, 30 ff.) ist offenbar nach den ihm bekannten Vorbildern entworfen. Diese Gesellschaft besitzt eine eigene Druckerei mit zwölf Kopisten und vier Lesern. Im Klubgebäude befinden sich zahlreiche „cabinets d’aisance“, die von jungen Mädchen und Knaben bedient werden, die sich dabei allen Gelüsten der Besucher dieser appetitlichen Orte hingeben müssen. Daselbstfindet man „seringues, bidets, lieux à l’anglaise, linges très fins, odeurs“. Aber man kann auch linguam puellarum sive puerorum nachher zur Reinigung benutzen.

In den beiden „Serails“ des Hauses werden Knaben, Mädchen, Männer, Frauen und — Tiere zur Befriedigung jeglicher Art von Wollust gehalten. Der „Mord“ kostet 100 Thaler. Der Eintritt in den Hauptversammlungssaal erfolgt nackt auf einem mit Hostien bedeckten Cruzifix, an dessen Ende die Bibel liegt. Vor der Aufnahme wird Juliette befragt, ob sie die Arten der Unzucht und die Verbrechen, die man ihr nacheinander aufzählt, begehen würde. Nachdem sie bejaht hat, empfängt sie die „Instruktionen für die in die Gesellschaft der Freude aufgenommenen Frauen“. Die in dem geheimen Club stattfindenden Orgien werden in der Analyse der „Juliette“ erwähnt werden.[229]


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