tönt, nach alter Weise,In Brudersphären Wettgesang,Und ihre vorgeschriebne ReiseVollendet sie mit Donnergang.‘
tönt, nach alter Weise,
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.‘
‚Mein Bein! das heißt, wenn ich mein Bein wieder hätte, wäre ja überhaupt gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht möglich. Krieg gibt es nicht. Krieg ist Einbildung. Ist Lüge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.‘ „Die Wahrheit“, sagt er laut und deutlich in die Metzgerküche hinein. Und schließt die Augen.
Fünf Minuten später wird er tot hinausgetragen.
Frisches Stroh. Frische Leintücher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung. Eine Fußsohle ragt über den Rand des Gliederkübels heraus.
Der andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack: „Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.“
Die Augen des jungen, kräftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos und wütend. Er hat keinen rechten Arm mehr. Mächtiger Brustkasten. Gesundes Blut. Mächtige Muskeln, gewölbt, glatt. Wie geölt. Er weiß, daß er alles überstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und grübelt in seine Zukunft hinein: ‚Ein Tübelloch werde ich in meinemganzen Leben nicht mehr schlagen . . . Künstlicher Arm? . . . Ist Scheiße. Mit einem künstlichen Arm schlägt keiner ein Tübelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein; warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das Bein!‘
Im ersten Bett der Fensterreihe, bei der Tür, liegt ein junger Offizier, der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, über sich windende, brüllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich zwischen dessen Verzweiflungsgrübelei als gedachte Gegenreden hinein: ‚Wenn nur ein Arm fehlen würde. Ein Arm! Ich würde mir einen weiten Mantel machen lassen. Weite Ärmel. Künstliche Hand in der Tasche. Und auf der Straße würde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen wäre es nicht so arg, lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und nur ein Bein.‘
‚Mir kann doch niemand weismachen, daß einer, der einen künstlichen rechten Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das alles.‘
‚Und reiten? Mit einem Bein?‘
‚Oder schmieden und schweißen kann . . .‘
‚Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.‘
‚. . . oder nieten, oder eine Schloßfalle feilen, die genau passen muß . . . mit einem künstlichen Arm? Ja, Scheiße . . . Warum fehlt nicht ein Bein? Ein Bein!‘
‚Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . . Alles ist aus.‘
‚Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschäft ist futsch.‘
Beide haben während der letzten Tage alle Möglichkeiten abgegrübelt. Und plötzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, daß es sich im Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-, Schmiedenkönnen handelt, sondern nur um das schöne Bein, einzig und allein um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm, meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr reiten, und mögen sich die Weiber zweibeinige Männer nehmen, wenn ich nur mein schlankes Bein wieder hätte . . . Ich scheiße ja auf das ganze Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder hätte, wieder hätte, wieder hätte.
‚Meinetwegen blind sein.‘ Beinahe gleichzeitig steigt diese Überlegung in beiden auf. ‚Nur das Bein, nur den großen, starken Arm wieder haben. In Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben‘, denken sie tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. ‚Lieber blind sein.‘
Und der neben dem Gliederkübel liegende blinde Soldat, dessen schwere Schenkelwunde überraschenderweise verheilte, so daß die Amputation nicht nötig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken: ‚Meinetwegen beide Beine weg, beideArme weg. Nur nicht blind sein. Nicht blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie . . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer führt mich? . . . Und nie mehr eine Straße sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und und und . . .‘ Tausend Gegenstände stürzen vorbei. Zuletzt versucht er krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepäcknetz in einem Eisenbahnwagen aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schläft darüber ein. Und sieht sofort wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrüll, von ganz feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstürzt.
Der bärtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den Sanitäter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: „Pst!“
„Nun, was denn?“
„Es mußte also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich in der Wade.“
Der Sanitäter hat gehört, daß es Reflexgefühle gibt. Er sagt beruhigend: „Das sind nur Reflexschmerzen.“
Des Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im Gliederkübel.
„Aber die Wade zieht und brennt und reißt . . . So, nur Reflexschmerzen?“ fragt er noch einmal undsteigt zu kirchturmhohem Glück empor; denn jetzt weiß er ja ganz bestimmt, daß er sein Bein noch hat. Und sinkt beseligt in Ohnmacht.
Aus der er wieder erwachen wird.
Der fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenkörper doppelt. ‚Und wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht. Und wenn ich den Arm erst morgen früh abnehme, stirbt der Mann sicher.‘ Der Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie ein leicht Angetrunkener.
Der Stabsarzt schneidet und denkt: ‚Krieg‘.
Er denkt: ‚Dieses Wort ‚Krieg‘ offenbart den gedankenlosen Menschen nicht den billionsten Teil von der unmeßbaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit dem Worte ‚Krieg‘ bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie der Atemzug eines Säuglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes ‚Krieg‘, ist ein Taifun, der Schiffe und Städte und Inseln verschlingt, nur der Atemzug eines Säuglings . . . ‚Krieg‘ ist ein Wort von fünf Buchstaben. Und wenn es ohne e geschrieben würde, hätte es nur vier Buchstaben‘, denkt der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.
Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel über Staatenbevölkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als‚Minimalzahl‘ zehn Millionen Gefallene angegeben sind.
„Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr behutsam und vorsichtig“, flüstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen frei, „die Minimalzahl von fünf Millionen Amputierten.“
„Uu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!“
Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, übersieht mit einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen Hauptadern, den für die Säge freigelegten Knochen. ‚Sieht aus wie eine Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen sind so blau. Himmelblau . . . Und draußen donnern die Geschütze. Donnern seit drei Jahren die Geschütze. Warum? Wann wird man darüber nachzudenken beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir in die Metzgerküche herein.‘
Er betrachtet die Sägezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf sind. ‚Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.‘ Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. ‚Das Leben schrumpft ein . . . Minimalzahl fünf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag, seit drei Jahren, von früh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sägen, sägen, sägen . . . und wenn dasWort mit e geschrieben würde, hieße es: Segen . . . Säge ich Arme, Beine, Hände ab. Sägte fünf Millionen Beine, Arme, Hände ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.‘
Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen, setzt die Säge an, sägt und rechnet: ‚Siebzig Zentimeter lang ist ein Menschenbein. Der Arm nur sechzig.‘
‚Die Länge der abgeschnittenen Hände, Arme, Beine ineinander gerechnet, ergibt — vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein —, eine Minimaldurchschnittslänge von fünfzig Zentimeter für das amputierte Glied. Fünf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslänge von je fünfzig Zentimeter ergeben zweimillionenfünfhunderttausend Meter . . . sind gleich zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied.‘
„Uu . . . . . . . . .!“
‚Der Herr segne und behüte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht leuchten über euch. Segen, Segen . . . sägen, sägen, absägen. Zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied absägen . . . Bei der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefügt, als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und — vorbei an Dörfern, Städten, vielen Dörfern, bergauf,bergab, Flußläufe, Wälder, Felder entlang — flach nach Berlin zurück und herum, bis die Hände der zwei letzten Arme die Hände der zwei ersten Arme fassen können . . . Ein Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenhände verstärkt und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.‘
„Uu . . . . . . . . .!“
‚Wer fährt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz aufs Haupt?‘ grübelt der sägende, fiebernde Stabsarzt. ‚Wer? Wer setzt ihn auf? Will ihn am düsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?‘
Der Spalt klafft; der Knochen ist durchgesägt. Er rückt das Bein bis ans Ende des Operationstisches, so daß der Soldat plötzlich ein kurzes und ein sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abgesägt. Sieht Farben: Rot, das in Violett übergeht und zu einer gelbumrandeten, giftgrünen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke steht: ‚Die Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, daß dieser Krieg kam, müssen an Ketten gelegt werden.‘
Plötzlich weiß er mit lautlos donnernder Gewißheit: ‚Werden an Ketten gelegt werden‘, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit hinunter.
Bewegung bei der Tür: acht Krankenträger marschieren hintereinander herein, mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille Männer liegen, ein brüllender und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten, verdreht am Rumpfe hängt. Die Ferse steht nach oben.
Der Stabsarzt sagt sehr ruhig: „Hier ist kein Platz mehr.“
Der bärtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unerträgliche Schmerzen im Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer glücklich. Schiebt die Hand vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die Schmerzen und greift doch kein Bein.
„Diesmal müßt ihr die Leute in den Tanzsaal hinübertragen.“
Der blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, bläkt die Zunge lang und blau und keucht. Sein Nachbar kreist den Oberkörper, langsam und ununterbrochen. Der O-Schrei platzt.
„Zu Befehl! Aber der Tanzsaal ist überfüllt.“
„Uu . . . . . . . . .!“
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
„Uu . . . . . . . . .!“
„Drüben beim Tanzsaal ist ein großes Klosett; legt die Leute ins Klosett.“
Der mit Glück, Schmerzen und Zuversicht ausgefüllte bärtige Bauer wundert sich über seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so entsetzlich wehtut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt immer ins Leere. Tastet den wütenden Schmerz der ganzen Länge nach ab und hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand hält.
„Auch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.“
„Uu . . . . . . . . .!“
Der Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit, und innerlich erleuchtet von der Gewißheit: ‚Werden alle an Ketten gelegt werden‘, sagt weich: „Meine Kollegen dürfen halt das Klosett nicht benützen; sie müssen hinters Haus gehen.“
Der bärtige Bauer winkt: „Pst!“
„Das sind nur Reflexschmerzen“, beruhigt der Sanitäter.
Ein Lächeln wächst in der Metzgerküche, wächst im Gesicht des ersten Bahrenträgers: „Nicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es liegen zehn Kranke im Klosett . . . Überall. Ganz überfüllt.“
Welcher Mensch weiß, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich, daß er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mußte, in das Blut des Herrn hineingelacht hat.
Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sägt. Er meckert, brüllt, winselt, lacht in allen Tongraden. Und sägt.
Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hält, sagt: ‚Bitte, abstellen. Stellt nur ab.‘
Der bärtige Bauer sieht plötzlich wie ein Christus aus, schlägt, den Blick noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurück, senkt den Blick. Und sieht, daß da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist. Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glück herunter, kommt ins Bett zu hocken und schaut. Sieht den großen, weißen Verbandstumpf an, der knapp unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er gleitet in die Ohnmacht hinein.
Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den Mittelgang.
„Ja aber! Ja aber!“ schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt das ganz lose hängende Bein vom Rumpfe. „Ja aber! Ja aber! Der Mann . . .“ ‚verblutet ja‘, will er sagen, und sagt: „. . . ist ja schon tot.“
Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. „Ist verblutet . . . Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen“, sagt der Stabsarzt, reicht dem Sanitäter das Bein. Und wird plötzlich zurKarussellachse der Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grün herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der bärtige Bauer, der Gliederkübel. Die Geschütze donnern. Die lang und blau gebläkte Zunge gleitet vorbei und verlängert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorwärts, unbegreiflich schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.
„Uu . . . . . . . . .!“
Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine Schußverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshände sich in kraftlose, durchsichtige Krankenhände verwandelt haben, mit Amputierten, mit Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz langsam vorwärts in die heimatliche Landschaft hinein. Frühherbst.
„Zweiundzwanzig“, sagt das Kind, das an der Landstraßenschranke steht und dem Zuge nachsieht.
Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender mitgezählt. In jedemWagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in den übereinander befestigten Betten.
Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fühlen die Sonne und sehen die Finsternis.
Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wänden entlang. Genügend viel Sitzplätze. Aber alle Irren hocken am Boden, in einem dreifachen Kreise, und lachen, lächeln, schwätzen, schweigen, schütteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.
Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die Sanitätssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die während der Reise verendet sind. Der letzte Wagen füllt sich allmählich.
Niemand weiß den Grund, auch der Stabsarzt weiß nicht, weshalb die Irren, die kurz vorher noch lachend und schwätzend in dreifachem Kreise am Boden gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wänden entlang auf der Bank sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle Hände liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.
Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreißigjähriger Mensch, in dessen ernstem Gesicht noch die Züge früheren Geistes zu sehen sind, steht auf, strecktein geöffnetes, leeres Streichholzschächtelchen dem Stabsarzt hin und sagt: „Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schächtelchen zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.“
„Ja, das stimmt“, sagt der Stabsarzt, der in vielen ‚Metzgerküchen‘ und ‚Tanzsälen‘ drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht plötzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub verlangt und erhalten hat.
Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzüge nicht. Nach seiner Meinung sind das herrschende europäische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der Lügenknäuel mitschuld am Kriege.
‚Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich nicht: ‚Weil ich überarbeitet bin‘, sondern ich sage zu ihm: ‚Ich habe drei Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesägt; jetzt habe ich die Absicht, dafür zu wirken, daß Soldatenbeine nicht mehr abgesägt werden. Dazu muß ich ins Land zurück.‘
In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lächeln, lachen, schweigen, schwätzen. Einerschreit lustig und ausdauernd „Bö!“ zur Wagendecke empor. Dabei schließt er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln und der gespitzte Mund wird klein und rund. „Bö!“
Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fährt, in der Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am Boden.
Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den Kameraden, für den er geläutet hat.
Der Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten Hüfte heruntergerissen, ist dabei aus dem Bett gestürzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht, und ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken, hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen von einem großen Geschoß hat ihm die rechte Bauchwand eingedrückt, die Hüfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange Nächte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzureißen.
Alle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie Tote. Jeder fühlt dem nächsten Stoß entgegen, der bei jeder Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Stoß, hinein in die Schmerzzentrale.
Das schmale, lange, rollende Spital, gefüllt mit dickem Karbol- und Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vorüber an den Grenzdörfern, deren Bewohner an den Schranken stehen, Hüte und Taschentücher schwenken, „Hurra!“ schreien. Viele Militärzüge, mit Truppen, die an die Front oder in Urlaub fahren, passieren diese Gegend.
Der Sanitäter steht am Fenster und schüttelt den Kopf, winkt mit der Hand ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen Münder bleiben rund und lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vorüber an den Verstummten, die nur die Hinterköpfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines Taschendiebes vor, sinkt, zieht zurück, stiehlt sich vor. Langsam.
Der Stabsarzt kann den Grad der Gefühlsverfeinerung der Dorfbewohner am Aussehen und an der Lage des Dorfes erkennen, am Baustil der Kirche, an der Profillinie der umliegenden Wälder und Hügel; daran, wie das Dorf in die Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der Stabsarzt: ‚Die werden nicht hurra schreien.‘ Der Stabsarzt macht über viele Gedankenzwischenglieder weg einen Sprung zu dem Gedanken: ‚Die Landschaft ist das Vaterland für den Menschen.‘
‚Die schönen Felder, die schönen Felder, o, das Vaterland‘, denkt der Soldat, der für den Kameradengeläutet hat und hinaussieht auf die Felder, die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen vorüberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen. Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unabänderliche Unglück ein: „Was sind für mich die schönen Felder, die Wälder, das Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland . . ., das ich nicht mehr habe.“
Und der Bauer, im Bett über ihm, weiß, daß kräftige Beine vor Müdigkeit singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt hat, und weiß, daß er nie mehr pflügen wird, da er nur noch ein Bein hat.
‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich‘, ist der Gedanke, der in jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten gedacht wird, von dreihundertfünfzehn Soldaten gedacht wird. Fünf sind während der Reise gestorben. Und die fünfundzwanzig Irren leben auf einem anderen Planeten.
‚Das Unikum‘, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch dieser Rumpf denkt noch; er denkt: ‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich.‘
‚Was nützen mir die schönen Auen.‘ Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des Unikums. Meistens schläft er; er schläftein mit der Verszeile: ‚Was nützen mir die schönen Auen.‘
Er ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben geblieben.
Der Stabsarzt schlägt die Decke zurück, betrachtet das Unikum und denkt: ‚Wie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft, durch die er fährt . . ., deshalb fährt auch die Landschaft nicht durch den schmalen Zug, sondern der Zug fährt durch die breite Landschaft.‘
Derartig überspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit. Mit ihnen will er die Realität festhalten. Die Realität, die er im Laufe von drei Jahren, ausgefüllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen Furchtbarkeit kennen gelernt hat, daß er oft stundenlang an das Vorhandensein der Realität nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr, will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat, veranlaßt ihn, sich die Realität nicht entgleiten zu lassen. Er will die furchtbare Realität in den Dienst seiner Absicht stellen.
Deshalb erlöst er auch das Unikum nicht mit einer Dosis Morphium, obwohl er, der Träger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten Verantwortungsgefühls, schon viele, die nicht so elend waren, durch Morphium erlöst hat.
Knapp unter den Schulterblättern, knapp unterdem Rumpfe starren die Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungrüne Ränder. Die Spitzen, zusammengedrehte Mißgewächse aus Muskelsträngen und Haut, sind grau.
Wie der Säugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die Nase geputzt. Der Rumpf wird gefüttert. Der Rumpf wird auf das Klosett gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil, hat Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:
„Bitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich tun? Was soll ich tun?“
‚Diese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt werden‘, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er weiß die Antwort nicht.
„Hurr . . . . . . a!“
Der langgezogene Schrei eleganter Sommerfrischler, die an der Schranke stehen, trifft die Ohren von dreihundertfünfzehn still- und langgestreckt liegenden Schwerverwundeten, trifft die Ohren des Rumpfes.
„Was soll ich tun, Herr Stabsarzt?“
Der Sanitäter steht am Fenster, schüttelt den Kopf, versucht, mit der abwinkenden Hand die Begeisterungsschreie in die Münder zurückzudrücken.
„Hurr . . . . . . a!“
Der Stabsarzt zieht den Blick von dem Stück angeschnallten Menschenfleisch zurück; er sieht die weiche, schmachtende Hüftlinie der schönen Blondine, deren hochgestreckte Hand mit dem Spitzentüchlein winkt, vorübergleiten. Und weiß die Antwort nicht. ‚Diese entzückende Körperlinie . . . Wie schön. Wunderschön. Aber dumm, so dumm.‘
„. . . . . . a!“
Die behutsam vorgreifende Kolbenstange der Lokomotive zieht den Zug am anhaltenden Schrei vorüber. Langsam.
„Schmeckt Ihnen das Essen?“ fragt der Stabsarzt. Und wendet sich weg. Denn er fühlt wieder, daß ihm der Glaube an das Vorhandensein der Realität entgleiten will, beim Anblick des Rumpfes.
„Zu Befehl, Herr Stabsarzt!“
‚Zu Befehl! . . . Das ist nicht möglich. Nicht möglich! Daß er ‚zu Befehl‘ gesagt hat‘, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. ‚Nicht möglich! . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft, Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflicht, der selbst diesen Rumpf noch sagen läßt ‚zu Befehl‘, hat den Krieg mitverschuldet.‘
Der Stabsarzt denkt noch brennend scharf, daß dieser Geist mit Halbheiten, mit kleinen oder großen Reformen nicht überwunden werden kann; und wird von einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins aufsteigt, plötzlich zum Rumpfe zurück und auf die Knie gerissen.
Unbewußtes Zartgefühl veranlaßt ihn, die Hände nicht zu gebrauchen, da ja auch der Rumpf Hände nicht gebrauchen kann in dieser großen Sekunde, in der das Wort „Bruder“ wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der Menschheit zurückgegeben wird vom Stabsarzt, der, die Hände auf dem Rücken, die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes küßt und in wilder Hingabe: „Bruder“ sagt. „Wir sind Brüder. Du und ich sind Brüder.“
Zwanzig erschütterten Soldaten wird das verarmte Herz berührt von dem Worte „Bruder“. Nicht mehr erhofftes Glück steht groß im Wagen.
Der Stabsarzt steht in der Mitte und verkündet allen das neue, das wieder erneute Gesetz der Liebe: „Ich sage euch: wir sind Brüder.“ Er sagt das Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.
Finsternis reißt entzwei; die Morgenröte der neuen Zeit steigt, trifft und verklärt die zwanzig Soldatengesichter.
Verkünde einem zu lebenslänglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendfünfhundert lange Tage in der gleichen Zelle geatmet hat, und der weiß, daß er diese Zelle nie verlassen wird, verkünde ihm plötzlich, er sei frei, könne gehen, könne jetzt sofort hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner Zelle bleiben wollen. Das plötzliche Glück ist so ungeheuer groß, daß es ihn zu verbrennen droht.
Auch der Rumpf wagt nicht, sich dem Glücke sofort zu überlassen. Schon allein die ihn plötzlich durchfließende Gewißheit, daß es da ist, daß auch für ihn ein Glück noch möglich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt noch nicht, das Wort „Bruder“ zu flüstern, und weiß, daß er es flüstern, sprechen, beten wird. „Bruder.“ So schläft er ein. Und träumt sofort die wunderbare Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: „Was soll ich tun? . . . Bruder.“
Der Geist durchdringt den Zug, dringt in alle Wagen, in die Herzen aller Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive langsam in das Innere des Landes getragen, der Absicht des Stabsarztes zu dienen, der im Gange bei den Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein Gesicht mehr hat.
Von der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: — eine Fläche. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Zähne. Keine Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei Löcher, wo die Nase war. Ein kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war. Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle Fläche, entstellt durch farbige Narben und Mißgewächse aus Haut.
Der Stabsarzt sieht die flache, leere Riesennarbe an und fragt: „Sagen Sie, Lieber, erkennen Sie Ihre Bekannten schon an der Stimme?“
Der Soldat macht eine ungeheure Anstrengung,ein Wort zu formen. Die rote Zungenspitze durchstößt immer wieder das schiefe, lippenlose Loch. Er gestikuliert mit den Händen.
Jetzt erst erinnert sich der Stabsarzt, daß der Mann nicht sprechen kann, weil er keinen Mund, keine Zähne mehr hat. Und drückt in grenzenloser Liebe die Narbe an seine Wangen.
Der Gefühlssturm, der den Soldaten durchfliegt, wird nicht sichtbar, da der Soldat kein Antlitz hat. In wilder Erregung tastet er nach der Menschenhand, preßt sie. Und steht im Glücke, das nicht sichtbar werden kann.
Der Stabsarzt verkündet den Blinden das neue, das erneute Gesetz.
Herzen ziehen sich zusammen. Krampfhaft. Schmerzlich.
Und öffnen sich weit.
Die Alarmglocke ruft. Zusammen mit dem aufgeregt winkenden Sanitäter springt der Stabsarzt in den Wagen der Irrsinnigen hinein.
Das in der Lokomotive über dem Manometer angebrachte Telephon klingelt. Der Lokomotivführer wird hastig aufgefordert, schneller zu fahren und im nächsten Dorfe zu halten.
Ein Irrer hat sich unterm Knie die Sehnen, die Hauptadern, die tieferliegenden Arterien durchschnitten, die ganze Wade weggeschnitzt. Bis zum Knochen. Das Blut strömt. Niemand weiß, woher er die kleine Gilletterasierklinge hat.
Alle Irren sitzen dicht nebeneinander an den vier Wänden entlang, reglos auf der Bank. Ernstes Publikum. Der Schwerverwundete wird hinausgetragen. An den Blinden vorbei. In den Operationswagen.
Die Apfelbaumallee gleitet schnell nach rückwärts. Schneller. Saust nach rückwärts. Die Stöße erfolgen schneller, heftiger. Schmerzensschreie werden laut.
Telegraphenstangen, ein vereinzelt stehendes Haus, ein pflügender Bauer, eine Scheune stürzen nach rückwärts. Die weiße Landstraße saust mit dem Zuge.
Der Irre ist schon entkleidet. Liegt auf dem Operationstisch. Wehrt sich wütend. Kann schwer gehalten werden.
Donnernd über eine Brücke, Wasser blitzt auf.
Das Blut strömt dick. Wird vom Herzen stoßweise zu den offenen Adern hinausgepumpt. Der Stabsarzt kann die Adern des Wütenden nicht abbinden. Läßt ihn festschnallen. Äthermaske.
Der Turm der Dorfkirche erscheint gleichzeitig mit dem Ertönen des langgezogenen Warnungspfiffes.
Die Mütze des herbeieilenden Stationsvorstandes leuchtet rot auf. Und während der Zug einläuft und, unter Schmerzen für die Verwundeten, heftig stoßend allmählich auf ein Nebengeleise rangiertwird, ist der Stabsarzt schon mitten in der blutigen Arbeit.
Der Zug steht.
Jetzt erst vernehmen die still werdenden Bauernkinder das laute, vielstimmige Stöhnen.
Der Stabsarzt arbeitet hastig. Die obere Gesichtshälfte des Narkotisierten gewährt den Anblick eines friedlich Schlafenden; der ganz schmal geöffnete, starre Mund lächelt ein spitziges, bewußt boshaftes Lächeln. ‚Ich sterbe doch.‘
‚Ich muß das Bein retten . . . Gerade dein Lächeln veranlaßt mich, das Bein zu retten‘, denkt der Stabsarzt, während er mit der Sonde arbeitet, mit der Pinzette die Arterien zurechtlegt in ihre anatomische Ordnung, die Arterien und die Hauptadern abklemmt, die durchschnittene, zurückgeschnellte Sehne hervorzerrt. Schnell, exakt, fast schon automatisch. ‚Wärst du unheilbar irr, dann würdest du mir nicht dieses schadenfrohe Lächeln zeigen können, das deiner Tat so genau entspricht. Bist heilbar. Und kannst deine Beine brauchen!‘
Dabei sieht er, so oft er den Kopf hebt, über die Bauernkinder, die auf den Zehenspitzen stehen und doch nur die blutigen Arzthände sehen können, schnell hinweg und zur Güterhalle, wo eine Menschenansammlung ist, die sich beständig vergrößert: Weiber, Bauern, einige Soldaten, die auf Urlaub sind. Die rote Mütze des Stationsvorstehers. Auf einer Kiste steht ein Mensch und spricht.
Satzfetzen dringen bis zum Stabsarzt herüber.
Ein kleiner Bauernjunge neigt sich zu einem andern, flüstert, deutet mit dem Zeigefinger. Er hat ein Instrument aufblitzen sehen. Sein Mund bleibt offen.
„. . . und wenn im Kriege fremdes Land erobert wird, dann ist das gar keine Ehre, sondern Raub“,
hört der Stabsarzt, wundert sich, daß jetzt das boshafte Lächeln verschwunden ist.
„Wenn ein Bauer glaubt, er könne, nur weil er kräftiger ist, einem schwächeren Bauern Land wegnehmen, dann ist er kein Ehrenmann, sondern einfach ein Räuber.“
Der Stabsarzt vernimmt zustimmende Antworten. Und einen lauten Zuruf. Sein Staunen wird zu Befriedigung. Seine Absicht steht groß und ausführbar vor ihm.
„. . . natürlich, da haben Sie ganz recht, natürlich ist der Bauer außerdem noch dumm. Denn er wird gestraft. Muß gestraft werden.“
‚Werden an Ketten gelegt werden.‘
„Es wird einen Prozeß geben. Streit und Haß . . . Ebenso ist es, wenn im Kriege Land erobert wird: Haß, Vergeltung. Ein neuer Krieg.“
‚Ist denn das wirklich eine Frau? Eine Frau?‘ denkt der Stabsarzt und hört sie sagen:
„Mein Mann war Versicherungsagent . . .“
Die Glocke der Dorfkirche beginnt zu läuten, übertönt die weiteren Worte. Der D-Zug saust durchdie Station. Der Operierte wird vorsichtig vom Tische heruntergehoben.
Die Art, wie die Bauersleute um die Sprechende herumstehen, zuhören, kommt dem Stabsarzt bekannt vor. ‚Das Ganze sieht improvisiert aus.‘ Der Stabsarzt möchte hingehen. ‚Und vielleicht fünf Minuten lang sprechen . . . Drei Minuten Zeit könnte ich mir vielleicht nehmen.‘
Das Stöhnen der dreihundertfünfzehn Soldaten klingt zusammen in einen Ton. Im Wagen der Irrsinnigen platzt eine Lachsalve.
Der Stationsvorsteher springt von der Menschenansammlung weg zum Lazarettzug: der Schnellzug sei durch; der Lazarettzug müsse jetzt weiterfahren, damit die Strecke frei werde.
‚Tatsächlich, der Vorsteher läuft gleich wieder hin. Interessiert sich.‘ Das freut den Stabsarzt sehr. Jetzt erst erinnert er sich, daß er, wenn der Zug langsam an den Dörfern vorübergefahren war, vor den Kneipen, vor den Kirchen, vor den Rathäusern schon öfters solche improvisiert aussehenden Gruppen herumstehender Bauern bemerkt hat, die aussahen, als warteten sie auf etwas.
‚Hat die alte Ordnung, Zucht und Meinungslosigkeit Risse bekommen? Ist auf unkontrollierbaren Wegen der neue Geist schon bis zu den Bauern gedrungen? . . . Die Bewohner vieler Dörfer haben nicht hurra geschrien, sind stumm und nachdenklich an den Schranken gestanden, im auffallenden Gegensatzezu den noch hurra schreienden Bewohnern der Grenzdörfer.‘
Der Zug hat nach mehrfachem Vor- und Rückwärtsfahren, unter Pfiffen und Pufferstößen und unter Wimmern, Stöhnen und Keuchen der Verwundeten das Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.
Während der Stabsarzt zurückblickt und sieht, wie der Weichensteller aus dem Hebelhäuschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zuläuft, stoßen seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in seinem Leben, mit einer ihn tief berührenden Feierlichkeit, daß der Gedanke Macht und Wirkung erlangt hat; daß die Untertanen, die bisher als meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet waren, begonnen haben, sich loszureißen, Einzelwesen mit eigenem Gehirn, eigener Meinung zu werden.
‚Sie beginnen, zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen. Der Geist zieht über das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Der Einzelne will sein Schicksal selbst gestalten. Der Einzelne beginnt, zu denken.‘
Mit feierlicher Gewißheit weiß der Stabsarzt, daß der Anbruch des neuen Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist. Frohlockend fühlt er, daß seiner Absicht, der neuenZeit, dem neuen Geiste, dem revolutionären Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die Ereignisse entgegenkommen.
Damit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug. Das Überzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines Gesichtes, als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Haß und ohne Freude den Soldaten beweist: „Die werden an Ketten gelegt werden.“
Augen glänzen. Verehrung und stürmische Liebe empfängt überall den Stabsarzt.
Er bittet zwei Sanitäter, einen hilflosen Krüppel vom Bett herunterzuheben. Der Krüppel soll zeigen, ob er in einem fahrenden Zuge laufen kann; er bekommt seine zwei Spazierstöckchen in die Hand. Die Stöckchen sind nur fünfzig Zentimeter hoch. Der Krüppel gewährt den Anblick eines halbgeöffneten Taschenmessers. Der Krüppel ist ein rechter Winkel. Ein Geschoß hat ihm den Rückenwirbel zersplittert. Und der Rückenwirbel ist falsch zusammengewachsen. Der Krüppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich in seinem Leben nie mehr aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter Winkel, am Stabsarzt vorüber, wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt mühsam das Gesicht, fragt den Stabsarzt mit den Augen. Und muß den Kopf gleich wieder sinken lassen: das Gesicht steht wieder horizontalzum Boden. Der Mensch mit den zwei niedrigen Spazierstöckchen sieht aus wie ein vierbeiniges Tier.
Der Stabsarzt überlegt, was er schon während der ganzen Reise überlegte: ob er wagen soll, den Rückenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. ‚Es ist fast unmöglich, eine tödliche Verletzung des Rückenmarkes dabei zu vermeiden‘, denkt der Stabsarzt. Denkt: ‚Werden an Ketten gelegt werden.‘
Und läßt den Menschenwinkel wieder auf das Bett zurücklegen.
„Und im Grunde sind wir alle Kameraden“, sagt zu sich selbst ein Soldat, der sich vorstellt, daß auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Züge fahren, gefüllt mit Krüppeln, Irren, Blinden. „Sie haben uns verwundet, wir haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.“
Das lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche Herbstlandschaft. Der Stabsarzt muß immer wieder das Wort ‚Auflösung‘ denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten großen Zug von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden, überholt langsam das Spital.
An die Realität dieses Ereignisses will derStabsarzt nicht glauben. Erst die Einzelheiten überzeugen ihn: ein Feldarbeiter, der seine Hacke schultert, eine Ackerfurche entlang läuft und sich dem Zuge der Bauern anschließt; ein beinloser Soldat, der, neben der Fahne, mitkrückt; die lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.
Der rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix, und durchleuchtet rosa die Staubwolke.
‚Sie trieben die Lüge auf die Spitze: sie befahlen, die Kirchenglocken in Geschosse umzugießen, und gebrauchten zu diesem Befehle die Worte ‚Gott‘ und ‚Christentum‘. Sie vergaßen, daß der Untertan begonnen hat, zu denken.‘
Die Hauptstraße eines Städtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.
‚Das Leid zog durch das ganze Volk, ließ sich in jedem Hause nieder. Das Leid entfesselt das Ereignis.‘
Im Stabsarzt läßt sich Stille nieder, voll und schön wie die Nacht, aus der das Frührot bricht.
Überrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos an den Wänden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, beständig und unregelmäßig, meditierend, gestikulierend, den Blick zuBoden gerichtet. Tief mit sich selbst beschäftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre Gesichter.
Ein Irrer wendet sich plötzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und sagt: „Jehovah sitzt in meinem Bauche . . . Jehovah ist eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“ Er lächelt den Stabsarzt wohlwollend, mitleidig und mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts weiß. Hebt die Schultern: „Tut mir leid, eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“
Erst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der erste, den er überhört hat, in seinen Ohren.
Der übermüdete Sanitäter, der den operierten Irren bewachen sollte, war sitzend eingeschlafen und zu spät aus dem Schlafe aufgefahren.
Die blutigen Fetzen des Verbandes liegen auf dem Boden, im blutnassen Bett, hängen vom Bein herunter. Fleischfetzen hängen vom Bein herunter. Der Operierte hat die sorgfältige Arbeit des Stabsarztes zerstört. Hat die Fingernägel in die Wunde tief hineingebohrt und alles herausgerissen. Das Herz pumpt das Blut stoßweise zu den offenen Adern hinaus. Der Mann ist bei Bewußtsein und keucht. Das Bein ist verwüstet. Muß amputiert werden.
Der Kranke liegt still, blickt den Stabsarzt wie aus einem tiefen Abgrunde heraus ruhig und müdean. Und sagt plötzlich, langsam und klar: „Lassen Sie, bitte. Will nicht.“
Der Stabsarzt bittet zögernd zwei Sanitäter, den Blutüberströmten in den Operationswagen zu tragen.
Und wendet sich um zu einem andern Kranken, der vorgebeugt auf dem Stuhle sitzt und, mit jedem Buchstaben mehrere Male Atem holend, „Herr Stabsarzt“ zu sagen versucht.
Der Mann hat einen Schuß in den Magen bekommen. Das Zwerchfell ist verletzt. Luft ist in die Brusthöhle eingedrungen und komprimiert die Lunge. Unaufhörliche schwerste Atemnot. Auch wenn er nicht spricht, muß er ununterbrochen in rasender Folge Atem holen. Sein Gesicht ist blau. Er ist total abgemagert. Sieht zum Stabsarzt auf mit einem Blicke, der aus Bitten, Frage und Angst besteht. Und atmet. Und atmet. Schnell wie ein Hund, der einem Automobil nachgerast ist. Er will am Leben bleiben. Sein bittender Angstblick fragt, ob es ihm einmal wieder besser gehen werde.
„Ja, es wird besser werden“, sagt der Stabsarzt. Und denkt: ‚Im Laufe von drei bis vier Jahren . . ., wenn nicht vorher seine Kraft schon erschöpft und seine komprimierte Lunge nicht schon vorher abgestorben ist.‘
Schon oft hat der Stabsarzt überlegt, welcher von seinen Kranken der Beklagenswerteste sei. Undhat sich, wenn er machtlos vor diesem Atmenden stand, der während des ganzen Tages und in den schlaflosen Nächten nie eine Sekunde lang von seiner schweren Not zu erlösen ist, für ihn entschieden.
Und wenn er dann vor dem Rumpfe steht — — —
Und wenn er vor dem Menschen steht, der keine Augenbrauen, keine Augenlider, keine Augen, keine Nase, keinen Mund, kein Gesicht mehr hat — — —
Und wenn er vor dem ‚Rechten Menschenwinkel‘ steht — — —
Und wenn er im Wagen der Irrsinnigen steht — — —
Langsam kriecht der Zug durch die breite Landschaft in den Abend hinein.
Der Stabsarzt steht vor dem Operationstisch. ‚Das Kniegelenk wenigstens kann gerettet werden‘, denkt er. Und beginnt: klemmt die Hauptadern und die tieferliegenden Arterien ab, zerrt so weit wie möglich die Sehne vor, die unter dem Stumpfe verwachsen und, zusammen mit der Haut und den Muskelsträngen, das Polster für das künstliche Glied liefern soll.
Der langsam fahrende Zug klappert dazu langsam die Melodie von ‚Deutschland, Deutschland über alles‘, tröpfelt die Melodie in das vergebens widerstrebende Gehirn des Stabsarztes hinein. Er will dem langsamen Tempo des Zuges die Melodie von ‚Nun danket alle Gott‘unterlegen. Es gelingt ihm nicht. ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ behauptet sich hartnäckig. Und zu der Melodie entstehen im Gehirn des sägenden Stabsarztes plötzlich von selbst die Worte: