DER BODEN.

DER BODEN.

Jede bisherige Art der menschlichen Gesellschaft fand im Urteile der Betrachter das eine Wort: daß sie schlecht sei und berechtigten Anforderungen nicht genüge. Der nächste Satz war, daß sie notdürftig funktioniere. Darüber hinaus zeigten sich die Verschiedenheiten, trennten sich die Wege: die einen betonten das Wort „funktionieren“, während die anderen das „notdürftig“ rot unterstrichen.

Ein Lebendiges sollte man nicht an Hand mechanischer Vorstellungen erörtern, – aber unsere Sprachen sind nach diesen und Mathematik geformt und für deren Bedürfnisse durchgebildet: So vergleicht man die Gesellschaft mit einer riesigen und sehr komplizierten Maschine.

Aber man muß sich erinnern, daß die Gesellschaft aus einer Unzahl Einzelmenschen mit persönlichem Schicksal besteht; und, daß sie nicht alle Menschen umfaßt: außerhalb stehen andere, die in anderen Gesellschaften organisiert sind, und solche, die kaum irgendwozugehören. Es gibt mehrere solcher Maschinen, die sich berühren und in manchem durchdringen: es braucht schon Gewalt, um eine allein zu betrachten. Doch auch an der einzelnen ist nichts, was fest ist. Nicht nur, daß die Menschen altern, sich ändern, wechseln; auch die Gruppen von Menschen, die Teile der Maschine, wandeln sich in ihrer Struktur, ihrer Leistung und sogar ihrer Notwendigkeit für das Ganze. So ist auch dieses einer dauernden Umbildung unterworfen, die oftmals das Schwergewicht zwischen den einzelnen Sphären (z. B. Landwirtschaft, Wehrmacht, Geldwesen, Beamtentum usw.) verlagert und für immer verschiebt.

Die Mittelpunkte der Konsolidierung und Kristallisation sind selbständig und suchen vielfach unabhängig voneinander den Bau zu durchdringen; ein Ringen um die Hegemonie findet statt, und neben den Tendenzen, die auf Befestigung zielen, laufen Prozesse der Auflösung und der Rückbildung einher: Dies erfordert eine angemessene Beweglichkeit der einzelnen Elemente und bedingt besonders an den Berührungszonen der einzelnen Gebiete eine beträchtliche Lockerheit des Gefüges. Nur so kann der Organismus die starke Reibung dort und hier die lose Verknüpfung ertragen.

Wo immer man eine Bevölkerungsgruppeabtastet, wird man an ihren Grenzen finden, daß sie zerfasert und allmählich oder verzackt in andere Gruppen überfließt. Dort, an den Grenzschichten, findet man diese elastischen und beweglichen Elemente. Im Inneren der Gesellschaft füllen sie als Zwischenhändler, Kommissionäre usw. vorhandene Lücken aus und überbrücken sie; an den freien Außenflächen aber vermögen sie sich zu entfalten und blühen aus als Künstler, Gelehrte, Propheten, oder entwickeln sich zu Feinden und Verbrechern – je nachdem die Verhältnisse gelagert sind und je nach dem, was die bestehende Form mit diesen Gliedern anzufangen weiß, –: bis fortschreitende Entwicklung vielleicht gerade von diesen Zonen aus neue und umwälzende Mittelpunkte zur Geltung bringt.

Darum ist auch eine andere Betrachtung der Gesellschaft möglich: im Gegensatz zu den starren und durchkonstruierten Teilen der Maschine stellt jenes schmiegsame Milieu das Bewegliche, Gärende und so das Lebendige dar, das zeugt und stirbt. Man kann also das Geordnete als gegeben und nicht weiter anregend statistisch aufnehmen: in den Zwischenschichten aber das fruchtbare und fortbildende Element untersuchen: den Ausgangspunkt der Entwicklung – und vielleicht besteht der wesentliche Teil praktischer Innenpolitik im Versuch der Erkenntnisund richtigen Voraussicht, im Auffangen der so bedingten Verschiebungen. –

Der Sprachgebrauch wird diese abseits des stabilen Kreislaufs wirksamen Existenzen als Außenseiter bezeichnen. Der Außenseiter ist demnach kein aus der Bahn geschleudertes Individuum, sondern ein der Gesellschaft und jeder noch nicht verknöcherten Gesellschaft notwendiges Milieu. Zwangsläufig wird der einzelne in diese Schicht getrieben; zum Teil, weil er den benachbarten Stabilisierungstendenzen weniger geneigt und von ihnen abgedrängt wird, zum anderen Teil, weil die vorhandene Lücke von irgendwoher ihn ansaugt. Selbstverständlich wird eine gewisse Auslese der Charaktere stattfinden, aber ebenso sehr erwartet das Milieu den Menschen! Die Idee der Gesellschaft allein setzt schon als gegeben den Außenseiter; die Art ihres Aufbaues bedingt die Rolle, die er zu spielen hat, und so, wie sie der vorhandenen Lage entspricht, wird jener fördernd oder auflösend oder erneuernd wirken.

Aber, was stetig sich ändert, verschiebt und anpaßt, wird nie der Idee entsprechen; bestenfalls ist es ein Angleichen, das Reibungen, Härten und Stöße nicht ausschließt: sondern aushalten muß. Diese Erschütterungen möglichst bald abzufedern – im Interessedes Ganzen – ist nötig und die Wirklichkeit ist nicht wählerisch in den Mitteln.

Der Außenseiter erfüllt eben eine Lücke, die besteht und Erfüllung fordert; erst sekundär erweist sich die Wirksamkeit des neuen Gebildes für die weitere Gestaltung des Ganzen.

Eine der kompliziertesten Arten des Außenseitertums ist die politische: von den überragenden Köpfen, die zwischen und über den Parteien und Völkern stehen, zu den vaterländischen Märtyrern und den Verbrechern, die mit Raub und Erpressung arbeiten, von da wieder zu den Fälschern, Schwindlern und politischen Hochstaplern sind schwebende Übergänge vorhanden. Diese Verhältnisse zu erörtern, wäre eine langwierige Arbeit für sich, die hier nicht in Betracht kommt.

Der vorliegende Fall spielt im Jahre 1919, und um diese Zeit (kurz nach dem Zusammenbruch und vor der Organisation und Politik der Geheimbünde) herrschten in Deutschland Zustände, die mit denen vor dem Krieg und entsprechenden Parallelen wenig Verwandtschaft haben. Selbst heute hat sich schon so viel geändert, daß es am geratensten ist, das damalige Chaos und seine Entstehung zu schildern – auf die Gefahr hin, Bekanntes zu wiederholen.

Das kurzsichtige Zusammenspiel etwa eines Dutzends sich hintereinander versteckender Männer hatte im Jahre 1914 die Länder Europas an einen Abgrund gebracht, vor dem sie nicht mehr zu retten waren. Im August setzten die Kriegserklärungen ein: da ergriff alle Kreise der Bevölkerung ein Zustand unpersönlicher Erregung, ein Gefühl der Befreiung und ein Drang, sich zu opfern.

Nur wenige vermochten, sich diesem Zwang zu entziehen: solche, deren persönliche Welt vom Ganzen des Volkes gelöst und in kosmopolitischer Seinsart verankert war: sie schwiegen damals, wie sie heute und immer tun; und, wenn sie gesprochen hätten, hätte es niemand vernommen. Solche, die aus überzeugter Gegnerschaft zum bestehenden System und seiner Politik protestierten: und diese wurden eingesperrt. Die anderen alle waren im Strom.

Alle! Und es ist unrecht, den heutigen Sozialisten, Internationalisten und Pazifisten vorzuwerfen, daß sie es waren; viel eher wäre berechtigt, denen, die, ängstlich an Halme und Balken sich klammernd, in der Heimat verblieben, ihren Mangel an Gemeinsinn nachzutragen. Das ganze Volk war einig, die Atmosphäre war zu drückend gewesen, als daß sie nicht jeden ergriffen hätte!

Dies Bild änderte sich erst mit der Zeit: Im Herbst bereits konnten Verständige sehen, daß der Krieg lange dauern würde und durch Siege allein nicht zu gewinnen war. Doch die Verständigen schwiegen und dienten: Man war Soldat (– und der Krieg wurde daran verloren, daß man zuviel Soldat war!).

Die großen Siege von 1915 und 16 rissen das Geschehen ins Grandiose; und verwischten den Blick. Das Ausmaß der Ereignisse war so übermenschlich, daß die Möglichkeit einer Niederlage zu grauenvoll war, um ihren Gedanken zu wagen. Es mußte das Letzte geopfert werden zu irgendeinem, zum möglichen Ziel: die Männer, die 1914 gebangt hatten vor der Schwere der übernommenen Bürde, sahen, daß nur das Äußerste, das Unmögliche sie rechtfertigen konnte: Siegfrieden; es mußte gesiegt sein, sonst war alles verloren! Schon das Zurück überlegen war ein Verbrechen und dessen Folgen mußten furchtbar sein! –

Wirmüssen siegen!Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhrgroße öffentliche Versammlungim HarmoniesaaleWir fordern:Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!Wir wollen:den Frieden der Sicherheit,den Frieden, der unserer Toten wert ist!Wir verlangen:Rückerstattung der Kriegskosten,militärische und industrielle Sicherungen, besonders der Westfront,koloniale Berichtigungen!Wir fordern unsern Platz auf der Welt!Durchhalten!Aushalten!Maul halten!Wir müssen siegen!Deutsche Vaterlandspartei.Der Ortsvorstand.

Wirmüssen siegen!

Am kommenden Sonnabend, abends 8 Uhrgroße öffentliche Versammlungim Harmoniesaale

Wir fordern:Krieg bis zur siegreichen Entscheidung!

Wir wollen:den Frieden der Sicherheit,den Frieden, der unserer Toten wert ist!

Wir verlangen:Rückerstattung der Kriegskosten,militärische und industrielle Sicherungen, besonders der Westfront,koloniale Berichtigungen!

Wir fordern unsern Platz auf der Welt!

Durchhalten!Aushalten!Maul halten!

Wir müssen siegen!

Deutsche Vaterlandspartei.Der Ortsvorstand.

Die Mehrheit der Bevölkerung, besonders die Truppe, trug den Krieg wie einen Beruf: sie wälzte Verantwortung auf die Höheren ab, erfüllte stumm ihre Pflicht und schonte sich nicht. Selbst in den Kreisen hinter der Front, die man nicht immer lobend erwähnte, blieb bei aller lokalen Verlottertheit kein Appell ohne Wirkung; man war nicht mehrbegeistert, wie in jenem August; und mußte nicht unbedingt an der Spitze sein: doch war man jederzeit bereit, wenn nötig, das Letzte zu geben.

Es gab keine Außenseiter, es gab keine Beweglichkeit! Sicher, die Kriegswirtschaft arbeitete mit ungeheuren Verlusten und Spesen, aber sie funktionierte und – wenn man tausendmal manches hätte ändern und bessern können: ohne die Versteifung und Verstählung um einen einzigen Kern ging es nicht! Wenn nicht dieser ganze Staat eisern und eherneineMaschine war, ohne Reibung und ohne Leerlauf nur Härte: dann war heiler Ausgang unmöglich.

Wenn er überhaupt möglich war! – Es ist für die Einheitlichkeit der nationalen Bewegung beweisend, daß Widerspruch gegen den Krieg erst dann weitere Kreise zog, als Männer an exponierten und orientierten Plätzen die Möglichkeit des Sieges verneinten und jedes weitere Opfern als unnütz und die Lage verschlimmernd zu erkennen glaubten; und hier fand der entscheidende Bruch in der Psyche während des Krieges statt: die einen sagten: „Wir können nicht zurück!“ und bissen die Zähne ineinander; die anderen fühlten: „Wir müssen zurück!“ und schwiegen; und warteten auf den besseren Augenblick.Beide fühlten sich schuldig.

Die Begeisterung jenes heißen Augusts war mit den Jahren ernster Gefaßtheit gewichen; 1918 wandelte sie sich in beengenden Druck. Man wußte, daß man nicht siegen konnte; man wußte, daß die leichten Möglichkeiten zum Frieden vorüber waren; man wußte, daß zuviel unwiederbringlich vorüber war und fühlte sich angstvoll und unfrei. Jedenfalls, die Verantwortlichen taten nichts, einen Ausweg zu finden: wie gelähmt folgten sie der Entwicklung, und selbst die erkannte Wahrheit vermochte keinen Entschluß zu reifen.

Und unverantwortlich waren nur die niedrigsten Gruppen: die einfachen Soldaten und die in der Kriegsindustrie zusammengepferchten Arbeiter, das hungernde Volk! Gerade die Masse dieser Unverantwortlichen – die gehorchte und litt im Vertrauen auf den Erfolg – gerade dieses Vertrauen forderte entscheidende Tat ... Aber man war schon zu weit! So hofften die einen auf allgemeine Zermürbung, die anderen bangten vor der erkannten Gefahr; beide hielten sich dadurch aufrecht, daß sie ihre individuelle Pflicht erfüllten.

Dabei war das System nur für den Sieg gebaut! Jede andere Lösung war unerträglich; das Letzte war auf die einzige Karte gesetzt!Die ganze Maschine des Staates war derart überkonstruiert und versteift, daß sie die geringste Abweichung weder ertragen, noch überstehen konnte; sie mußte springen. –

Man spricht von Unterwühlung der Front und nennt die paar Streiks, die paar Meutereien, nennt die wenigen Namen, die während des ganzen Krieges ungehört widersprochen hatten: man suche nicht Sündenböcke! Zuerst wollte, dann mußte man siegen; für den Fall, daß der Sieg ausbleiben würde, war nicht gesorgt ... und hätte man dafür gesorgt, dann war keineAussicht, zu siegen. Es war eine Zwickmühle. Der Krieg war eben verloren und war dadurch verloren, daß er zu lange Möglichkeit zeigte, gewonnen zu werden.

Dies ist eine Tragik, kein persönliches Verschulden; und vor der Größe dieser Tragik wird alles belanglos, was man an Fehlern nach links und rechts aufdecken kann. Man erhebt als plausibelsten Vorwurf den: im Jahre 1918 selbst sei die Beilegung des Krieges so lange verzögert worden, bis man den Waffenstillstand in wenigen Stunden habenmußte.

Aber, während periphere (koloniale) Kriege im Verlustfalle gleichgültig sind, im Gewinnfalle höchstens mit der Krönung des siegreichen Feldherrn enden, enden zentrale (Erschöpfungs-)Kriege im Verlustfall mit dem Sturz des Systems. Um die bestehende Ordnung zu erhalten, mußten die verantwortlichen Leiter, als die Stützen und Träger des herrschenden Systems, alles versuchen, um den Krieg nicht offensichtlich zu verlieren. – Doch er war schon verloren!

Im August waren die letzten Offensiven gescheitert; im September-Oktober erlahmte der Widerstand; Bulgarien, Österreich schieden aus, und in diesem höchsten Moment zeigt sich nochmals der ganze Zwiespalt: viele Demokraten forderten die nationale Verteidigung, viele Nationalisten das sofortige Ende! Die Patrioten waren geteilt und, ehe sie sich einigen konnten, erfolgte um sie herum der Zusammenbruch, ... in dem der Sturz der Monarchien kaum mehr vernommen wurde. Die überbeanspruchte Maschine zersprang an ihrem Mangel an Elastizität.

Heute nennt man es Revolution und rechnet es sich als Verdienst oder Schande; doch:

Revolutionen entbrennen in einem müden und untergrabenen System plötzlich, blutig und breiten erobernd sich über das Land aus. In diesem Falle krachte der ganze Mechanismusdes Bestehenden in einem Augenblick völlig und überall zusammen. Über den Trümmern wehte keine Fahne, die vorwärts ruft, keine Idee stand vor den Massen; es war nichts Schöpferisches und Freudiges da, nur Panik. Es war eben keine Revolution, es war einfach Zusammenbruch, Entsetzen und Chaos, débâcle.

So leicht es ist, sich eine solche Erscheinung mechanisch vorzustellen, so schwer ist es, sie psychologisch zu durchschauen. Daß innerhalb weniger Stunden und Tage durch das ganze Gebiet des Landes bis in den kleinsten Betrieb hinein die bestellten Leiter verschwanden und flohen und jegliches Ruder ohne Führung war! Aber, man muß sich erinnern, wie die Entwicklung des Krieges sowohl den Unentwegten wie den Defaitisten ein gewisses Schuldbewußtsein brachte, ein schlechtes Gewissen, das sie nicht froh werden ließ, eine Angst vor dem Morgen – ganz wenige nur besaßen den Patriotismus oder die Schamlosigkeit, sich weiterhin zur Verfügung zu stellen und zur Rettung des Ganzen zu drängen. Die anderen verstummten und überließen das Feld der unendlichen Flut: den Arbeitern und Soldaten.

Diese, die bisher Unverantwortlichen, sahen plötzlich die Gesamtheit des Vorhandenen in ihrem Bereich; doch anstatt darüberherzufallen, erkannten sie eine Verpflichtung und versuchten, ihr Folge zu leisten.

Man darf in unruhigen Zeiten nicht nach dem urteilen, was geschrien und geschrieben wird; man muß nach den Tatsachen fragen: es wurden Arbeiter- und Bauern-, Bürger- und Soldaten-, sogar geistige Räte gebildet, die – zu erhalten suchten!

Wenn ein ausgehungertes und entnervtes Volk zusammenbricht, erwartet man Plünderung und Zerstörung. Selbstverständlich wurde geplündert; aber zerstört wurde fast nichts; vor die Maschinen stellten sich schützend die Arbeiter, vor die Museen und Wertbesitzer die Räte: man wollte erhalten. Leicht ist es heute, über den Wust unnützer Debatten und wirkungsloser Beschlüsse zu lachen: die Leute, die damals sich Mühe gaben, waren sehr gute Bürger, die ihr Vaterland liebten und versuchten, möglichst vieles zu retten. Daran ändern Zitate nichts und nichts Geringschätzung, denn sie haben’s geschafft. Als alle bis dahin bestehende Ordnung zerbrach, vermochten sie es, den Bestand zu erhalten. Aber weiter vermochten sie nichts.

Verblüffend ist die Sorgfalt, mit der die Räteeinschneidende Maßnahmen zu umgehen suchten, Wahlen ausschrieben für eine verfassunggebende Versammlung, und solcherart selbst ihre Wirksamkeit als vorübergehende und rein abwickelnde bezeichneten – dabei waren sie in diesen Wochen die einzige vollziehende und verwaltende Macht! Es ist einfach erstaunlich, mit welcher Sorgfalt dies zu Boden geschmetterte Volk sich zu bewahren suchte, – es muß wirklich kein Funken Revolutionsdrang in diesem Volke vorhanden gewesen sein – der kleinste Anstoß müßte genügt haben, das ganze Feld zu entflammen! –

Man kann bestreiten, ob dieses Erhalten klug war; viele werden behaupten, daß eine schmerzliche Operation besser ist als eine lange Krankheit – und, wenn man bedenkt, daß heute (1924) die Herstellung des Friedens noch nicht gelungen ist, mag man noch mehr mit dem Urteil zögern. Trotzdem bleibt die Art, wie diese Männer die LiquidationdiesesKrieges und die Erhaltung des toten Bestandes fertiggebracht haben, ein Phänomen der Geschichte.

Ihr Verdienst wird nicht dadurch geschmälert, daß ihnen die Errichtung einer neuen Staatsmaschine mißlang; denn die Auflösung des alten Systems war derart völlig und katastrophal, daß weder in Handel noch in Produktion, weder in Verwaltung noch inden Gebieten der öffentlichen Sicherheit irgendwelche leistungsfähige Organisation verschont war. Es mußte alles neu aufgebaut werden.

In den Novembertagen gab es eigentlich nur mehr Einzelne und zufällige Anhäufungen von Einzelnen: auf den größten dieser zufälligen Anhäufungen (dem Heer und den Arbeitermassen in den Betrieben) baute sich die erste Struktur auf. Es entstanden Richtlinien und damit die Schwierigkeit des Richtens: jeder Fortschritt mußte gegen den Widerstand des desorganisierten Einzelnen überwunden werden.

Doch darüber hinaus gaben die neuen Richtlinien zu Widerspruch Anlaß: die einen versuchten, wenn nicht die alte Regierungsform zu erhalten, so doch die Macht den Machtträgern des alten Regimes zuzuschieben. Die anderen wollten, wenn man schon aufbaut, einen von Grund aus neuen und verbesserten Bau – selbst, wenn es nötig war, vorher noch mehr zu zerstören. Beide warfen dem sich bildenden Staate die Charakterlosigkeit des feilschenden Maklers vor, die Angst um den billigsten Mittelweg.

Nun soll ja Politik die Kunst des Möglichensein: aber in einem Trümmerfeld darf man nicht Politik verlangen, selbst wenn ein paar der Stücke Kristallisationskraft besitzen. Man muß auch bedenken, daß die rivalisierenden Kräfte sich gegeneinander organisierten und Tag um Tag die Möglichkeit sahen, sich durch Gewalt in den Besitz der wenigen Herrschaft zu setzen, die da war. Was die Arbeit und das Erbe der Räte bedeutsam macht, ist, daß es sich bis heute erhielt und durchsetzte; nicht: daß damals schon vorhanden war, was es ausgezeichnet hätte.

Drei feindliche Richtungen bekriegten sich auf einem Meere von Unordnung. Aber man darf die Zahl der zuverlässigen Anhänger nicht überschätzen; die Richtungen selbst haben sich erst allmählich gefestigt und durchgesetzt.

Der damalige Zustand ist etwa auf die Formel zu bringen: Jeder sein eigener Patriot; nach seinen Kräften. Wer einen Mund hatte, brüllte; wer eine Faust hatte, schlug. Der Besitz eines Maschinengewehrs war mehr wert als der einer Überzeugung; und, da die Verständigen ohnmächtig und ratlos verstummten, hatten’s die Dummköpfe leicht, laut zu sein. Sie fühlten sich sogar dazu berufen und angestellt.

In solchem Zustand wiegen die Köpfe nicht, da gilt ein Temperament alles, und die Temperamente kamen:

Die Unruhigen: Abenteurer, Wichtigtuer, Projektemacher, Querulanten; Die Phantasten: Fanatiker, Propheten, Halbirre, Ekstatiker; Die Schmarotzer: Intriganten, Hanswurste, Schmeichler, Faulenzer: eine wogende Masse, die brodelnd aufgerührt wurde und haltlos hin- und herschlug. Dazu kam die Unzahl derer, die aus Trägheit oder Gelegenheit leichtem Unterhalt nachging und dem nächsten sich anschloß; und endlich der unzuverlässigste unter allen Machtfaktoren innerpolitischer Auseinandersetzung: die, deren Stellungnahme in einer Stunde wechselt und unvorhergesehen entscheiden kann; die Legion derer, die ihrer Art nach Soldaten sind und gehorchen und siegen wollen, das Heer!

Drei hauptsächliche Richtungen, eine Anzahl Querköpfe auf eigene Faust, eine Unzahl von Mitläufern und ein desorganisiertes Heer: das waren die Figuren des damaligen politischen Spieles – abgesehen von ein paar Führern und ihrem organisierten Anhang unverantwortliche Außenseiter, wucherndes Fleisch, dessen Aufsaugung der Republik bis heute nicht gelang.

Seit 1919 lebt Deutschland im Bürgerkrieg. Daß immer mehrere sich zusammentaten, umden anderen zu schlagen, und, daß die Republik immer bei den mehreren war und so anscheinend erstarkte, ändert nichts an der Sache. Ebensowenig die Feststellung, daß nicht an jedem Tage an jedem Orte geschossen wurde. Denn: wer alle Schießereien, Morde, Prozesse aneinanderreiht, erhält trotzdem einen ununterbrochenen Kriegsbericht, der es mit irgendeinem historischen Krieg aufnehmen kann.

Offiziere der7. Kavalleriedivision!center.u Für Recht! Für Gesetz! Für Ordnung!Setzt euch in Beziehung mit euren Kameradenfürs Vaterland!!!

Offiziere der7. Kavalleriedivision!

center.u Für Recht! Für Gesetz! Für Ordnung!

Setzt euch in Beziehung mit euren Kameraden

fürs Vaterland!!!

Der Bürgerkrieg wird von mehreren, äußerlich kaum unterscheidbaren Teilen eines Volkes geführt; von Leuten, die Mut haben und von ihrem Recht überzeugt sind. Sie halten die Anderen für Schufte, Verräter und Verbrecher:weil nur dieses Urteil den Totschlag von Volksgenossen verantworten kann. Der Rest der Bevölkerung versucht ängstlich seinen Besitz zu wahren, und sei es auf Kosten der Nachbarn oder des Ganzen – um morgen vielleicht doch arm zu sein. Politische und wirtschaftliche Zerrüttung: die Ereignisse der letzten Jahre bestätigen das.

Die Tatsache, daß der Feind äußerlich nicht erkennbar und räumlich nicht getrennt ist, schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens und der Unsicherheit, die zugleich mit der Verachtung des Gegners die Schärfe des Kampfes und seine Brutalität erklärt. Dazu kommt, daß die Lage in Deutschland die Folge eines Zusammenbruchs ist. Die ganze vorher geschilderte brodelnde Masse schiebt sich hinter und zwischen die Parteien und derselbe Zusammenbruch, der jenes unorganisierte Milieu schuf, zwingt die Parteien, sich seiner zu bedienen; und es wird Träger der Politik und ihrer Bestrebungen. Das Verantwortungslose ruft sich aus zum System.

Für den Naiven besteht die Historie aus Schlachten und Morden: Dingen, die mit Krawall in die Welt gesetzt werden unddurch ihren Krach überzeugen. Die Erinnerung des großen Krieges zeigt, daß Leisetreten auch wirksam ist: daß Aufklärung und Propaganda, Kredite, Fehler des Gegners, nicht zuletzt Ideen und Lügen das Schicksal der Völker entscheidend zu beeinflussen vermögen; das Hinter- und Unter-der-Front ergibt erst die Strategie.

– Jeder Staat und jede Partei verfügt über Nachrichten- und Propagandadienst, hat Interesse für Verrat und Provokation. In normalen Zeiten verwendet man dazu möglichst ausgesuchte Leute, die mit aktiver Spionage arbeiten oder mit bezahltem Verrat; eventuell über Mittelmänner. Die Zwischenschicht des Spitzels ist, wie bei jeder stabilisierten Gesellschaft die Zwischenschichten, dünn und einflußlos. Von dem seltenen Spion aus Vaterlandsliebe und Opferwillen abgesehen gibt es eine kleine Clique von Internationalen, unter denen echte und falsche Nachrichten für mehr oder weniger Geld käuflich sind.

Diese kommt für den Bürgerkrieg kaum in Betracht: der Boden ist heiß und die Chancen sind gering. Außerdem sind die Erfordernisse ganz andere. In der ruhigen Politik handelt es sich meist darum, Geheimnisse und Geheimgehaltenes zu erfahren oder zu verbergen: Arbeiten, die auf lange Sichtunternommen werden. Hier aber schafft jeder Tag neue Situationen. Zuerst sind schon die Parteien nicht fest orientiert; Gruppen und Grüppchen bilden sich, lösen sich auf; viele handeln auf eigene Faust: und es ist schwer, orientiert zu sein, wasvon Belang ist. Zudem stehen hinter den Leuten Waffen, die nicht in Jahren, sondern morgen schon losgehen können. Das schafft eine Erregung, in der jeder geordnete Nachrichtendienst versagt; da erwacht das Gerücht in seiner gefährlichen Unkontrollierbarkeit.

Genossen! Vorsicht!Spitzel!1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im Oberkiefer einige Zähne fehlend.Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;Namen wechselnd.Spitzel!Genossen! Vorsicht!

Genossen! Vorsicht!Spitzel!

1,67 groß, untersetzt, beweglich; aschblondes Haar, dto. Schnurrbart, Rundschädel, starke Backenknochen, eher Stupsnase, unruhige graubraune Augen, schlechtes Gebiß, im Oberkiefer einige Zähne fehlend.

Gefälschte Ausweise des Spartakusbundes;Namen wechselnd.

Spitzel!Genossen! Vorsicht!

Jedes Ohr neigt jedem Mund sich zum Horchen. Jeder, der mit Leuten verschiedener Parteien verkehrt, kann in die Lage des Zwischenträgers und seine Not kommen. Es ist eine ununterbrochene Skala von den Plauderern zu den Bezahlten, von den Gutgläubigen bis zu den beauftragten Provokateuren.

Wo Spitzel sind, da herrscht Spitzelangst; da alle Wasser trüb sind, fischt man mit groben Netzen: Aushorchen, Erpressung, Verhaftungen und Mißhandlungen, Haussuchung, Raub und Mord sind die Mittel, und ein Heer von Zwischenträgern und Achtgroschenjungs lebt davon; der Feind macht’s ebenso, und nun werden Verräter entlarvt, wird über Verbrechen und Provokation gestritten, Urheberschaft sich in die Schuhe geschoben und sich beschimpft: bis kein Mensch mehr weiß, wer was wirklich veranlaßt hat. Berufsmäßiges Verbrechen mischt sich ein; Desordre – und jeder schwört auf seine Meinung wie zuvor.

Nach der Psychologie dieses Spitzels zu fragen ist müßig. Sie ist zu verschieden; selbst die Bezahlten sind in keiner Weise ein Typ. Sie kommen durch Zufall zu diesem Erwerb, und einmal im Zuge, gleiten sie weiter; sie nehmen das Geld, oft von beiden Seiten, und haben meist gar nicht vor, dafür Arbeit zu leisten; es wird gelogen, gedichtet und provoziert: wahllos und ohne Hemmungen – wie es eben geglaubt, gewünscht und bestellt wird. Alles an diesen Leuten ist falsch; sie kennen nicht Freund noch Feind; nur Betrogene – und wahrscheinlich ohne darüber klar zu sein: ein zerstörender Zustand der Demoralisation. Bei dem vielleicht viele nicht wissen, wie sehr sie daran Anteil haben.

Denn es ist unrichtig, einzig dem Zusammenbruch und der dadurch bedingten Verwirrung die Schuld zu geben. Die Verantwortung liegt viel mehr bei denen, die – anstatt mit allen Mitteln gegen das verwahrloste Außenseitertum einzuschreiten – sich nicht scheuten gerade die minderwertigsten Elemente für ihren Zweck zu engagieren; sie liegt bei denen, die den Lockspitzel anstellten und ihn bezahlten.

Der vorliegende Fall wird genügend Einblick in diese Zustände geben!


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