EINLEITUNG.

EINBANDENTWURFGEORG SALTERBERLINCopyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

EINBANDENTWURFGEORG SALTERBERLIN

Copyright 1924 by Verlag Die Schmiede Berlin

EINLEITUNG.

Der Fall des ermordeten Polizeispitzels Karl Blau interessiert nicht so sehr wegen der beteiligten Personen; selbst nicht wegen der des Ermordeten. Dieser scheint nach den in der Verhandlung vorgebrachten Bekundungen ein geistig unbedeutender und sittlich minderwertiger Mensch gewesen zu sein, den höchstens der Fanatismus seiner Beschränktheit gefährlich machte; jene treten als Persönlichkeiten überhaupt nicht hervor: man zweifelt, ob man Akteure vor sich hat, ob Statisten; denn man erkennt weniger Individuen, als Funktionäre unsichtbarer Strömungen und Bewegungen. Befangen und fast entselbstet sind sie schemenhaft undurchdringbar in Zusammenhängen und Herkunft: so wie die Tat – die zufällig sichtbar wurde aus einem verborgenen Mechanismus, in dessen sonst geräuschlosem Ablauf sie eine vielleicht unwichtige Masche ist; nur eine Masche, die dem Staatsanwalt Einschreiten gebot.

Ein politischer Prozeß, – wie ein ähnlicher, gleichartig farblos in den Persönlichkeiten und gleichartig undurchdringlich, morgen wie heute bekannt werden mag: – und dies berechtigtden Versuch, den Fall zu erörtern. Denn der Boden, dem er entspringt, ist zwar verborgen und übersehen, doch heute wie damals vorhanden; er arbeitet und gärt, und tritt morgen vielleicht schon in Erscheinung; es ist die unterirdische Bewegung, die politisch unruhige Zeiten trägt; das vulkanische Rollen, das Revolutionen und Restaurationen vorausgeht, nachfolgt und sie begleitet.

– Je ferner und entrückter ein Ding ist, desto einfacher wird es, es klar zu betrachten, falls Betrachtung überhaupt statt hat; denn: der Tätige jeden Berufes lebt einen Alltag, dessen Oberflächen ihm keine Tiefen verbergen. Wo ihm Verwicklungen klaffen, hilft ihm ein knapp formuliertes Urteil – das Schlagwort – jene Sicherheit zu bewahren, die seiner Wirksamkeit Voraussetzung ist. Wenn aber Liebe und Haß, Verzweiflung und Angst die Gemüter erregen, trübt sich der Blick, und: wo jeder im tiefsten beteiligt, bereit und gezwungen ist sich und das Letzte einzusetzen, dort ist man blind!, auch ohne zu rasen ... muß es sein, um den Schritt ins Morgen zu wagen!

Nun war des letzten Dezenniums Ablauf so rasch und hat so brutal mit uns gehandelt, daß niemals das Heute Zeit ließ, an das Vorher zu denken. Natürlich wissen wir alle Viel und Zu-Vieles aus diesen Jahren; so viel, daßdessen Last uns ängstigte und nicht mehr tragbar war. Da setzten wir an Stelle der Wahrheit leicht benutzbare Urteile, nach ihrem Propagandawert ausgewählt! Und machten die Gegenwart uns dadurch erträglich ... Wir haben eine tote Vergangenheit; nicht etwa, daß sie leer wäre; nur: sie ward nie lebendig. Wir deckten unsere Erinnerungen mit unseren Formulierungen zu ... und eiferten uns in die Berechtigung unserer Ziele.

Doch, – die Schufte sind selten; häufiger sind schon die Hanswurste, und die weitaus überwiegende Mehrzahl der Menschen erhebt berechtigten Anspruch darauf, für gute Bürger und gute Patrioten zu gelten. Und: man wird auf der ganzen Erde zusammen nicht so viel Mut finden, um nur ein Drittel eines Volkes zu den Verbrechern zu machen, die sie gegenseitig sich schimpfen. Wer also nicht bereit sein will, in politischen Dingen des Gegners nur Gemeinheit zu sehen und Niedertracht, muß das Bild all der Jahre wecken: ohne Betrachtung der politischen Lage der breiten Massen und ihrer Gestaltung unter dem Einfluß des Nachkrieges ist es unmöglich, dem Fall Blau gerecht zu werden – soweit überhaupt Möglichkeit ist, durch dieses Dunkel zu dringen, denn:

In der Aufklärung, wie der Prozeß sie gibt,sind die letzten Enden und Fäden verborgener Bestrebungen eben erkennbar; man sieht in der aufgerissenen Wunde zerfetzte Sehnen und weiß, daß im Lebenden, irgendwo hinter dem Sichtbaren, Wille sitzt und Gehirn. Aber es ist unmöglich, diesen Spuren zu folgen; eine Spanne weit sind sie zu ahnen, dann kommt das Uferlose. Die Ganzheit entzieht sich stumm und unfaßbar jeder Betrachtung.


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