1.Kapitel

1.Kapitel

Langsam senkte sich der Abend hernieder. Die Sonne stand tief im Westen, von starken Dunstmassen so verschleiert, daß man ungeblendet in die große, brandrote Scheibe blicken konnte. Von Osten her war ein schwacher Wind aufgesprungen, der etwas Kühlung brachte. Seine Kraft reichte jedoch kaum hin, die Oberfläche des Sees zu kräuseln. Strichweise nur liefen winzige Wellen, vom Volksmund „Katzenpfoten“ genannt, über den glatten Spiegel. Dazwischen lagen weite Strecken des mächtigen Sees so glatt da, als hätte sich Öl über seine Oberfläche gebreitet.

Zahllose kleine Kreise, die fortwährend aufsprangen und spurlos verzitterten, wenn sie die Größe eines Tellers erreicht hatten, zeigten, welch’ reiches Leben das Gewässer barg. Myriaden kleiner Fischlein schossen blitzschnell dicht unter der Oberfläche durch das klare Wasser und schnappten nach den langbeinigen Mücken, die sorglos imAbendsonnenschein tanzten. Ab und zu schoß ein Raubfisch von unten zwischen die Menge. Dann sprangen die Geängstigten zu Hunderten mit einem jähen Ruck aus dem Wasser empor, um dem Verderben zu entrinnen.

In dem dichten Schilf, das im Windhauch hin und her wogte, stand ein kleiner Kahn. Nur seine Spitze ragte in das freie Wasser hinaus. Darin saß ein großer, starker Mann, der fleißig die Angelruten handhabte. Ein breitrandiger Basthut saß auf dem vollen, leichtergrauten Haar. In dem freundlichen Gesicht blitzten lustig die klugen Augen, die unablässig von einer Angel zur anderen wanderten. Da — — jetzt versank langsam einer der Korkschwimmer. „Das Raubzeug ist heute gefräßig,“ murmelte der Angler vor sich hin, „aber mein Vorrat an Würmern neigt sich zum Ende, ihr werdet fortan, wie ich euch kenne, auch mit kleineren Happen vorlieb nehmen.“ Mit starkem Ruck zog er die Angel in die Höhe, der Fisch saß am haken, ein starker Barsch, der sich heftig im Wasser sträubte, bis er an den Kahn gezogen und mit dem Käscher hineingehoben wurde.

Vom Dorf her kam schwatzend und lachend eine ganze Schar kleiner Knaben und Mädchen.Im Nu hatten sie ihre Kleidung, die bei manchem nur aus einem Hemdchen bestand, abgeworfen und sprangen in das laue Wasser, bespritzten sich und lachten unbändig, wenn ein Ungeschickter bei dem Kampf vornüber ins Wasser schoß. Jetzt hörten sie den Wurf der Angel und horchten auf. „Der Herr Pfarrer angelt“, flüsterten sie sich zu. Dann riefen sie im Chor: „Guten Abend, Herr Pfarrer.“ Die kleinen Mädchen knixten dabei.

„Guten Abend, Kinder.“

„Onkel Uwis,“ rief ein kleiner, blonder Krauskopf mit lebhaften Augen, „verjagen wir dir nicht die Fische?“

„Nein, mein Junge, die kümmern sich nicht um euch.“

„Fängst du viel heute?“

„Ich danke, mein Sohn, für gütige Nachfrage. Es geht.“

Einen Augenblick zögerte der Knabe, dann watete er mutig durch das Röhricht, dem Kahn zu. Das Wasser stieg ihm fast bis an die Nase, als er das hintere Ende des Kahnes erreichte. Ein Griff, ein kurzer Schwung, jetzt saß er drin. „Oho, Onkel, du sagst: ‚es geht‘.“ Er wies auf einen Hecht, der in einem ganzen Haufen gefangener Barsche lag.

Der Angler nickte vergnügt. „Es hat sich heute gut gefangen. Doch nun muß ich aufhören, die Würmer sind zu Ende.“

„Ich hole gleich einen ganzen Topf voll.“

„Laß nur, mein Kerlchen, man muß des Guten nicht zuviel genießen. Für heute habe ich auch genug.“ Er wickelte sorgfältig die Angeln auf. „Wie geht es dir in der Schule, Franz?“

„Sehr gut, Onkel“, antwortete der Kleine eifrig. „Der Herr Lehrer hat gesagt, ich werde ein schöner Schreiber werden.“

„Das ist erfreulich, denn er meinte wohl: Schönschreiber. Aber lernst du auch fleißig?“

„Lernen, Onkel? Nein, das brauche ich nicht. Ich weiß ja alles, was der Herr Lehrer vorerzählt, auswendig. Auch das Einmaleins. Und Liederverse, die lese ich mir nur einmal durch.“

„Dann lies sie künftig zweimal, mein Junge. Doch nun pascholl aus dem Kahn! Beeil’ dich und lauf hinauf zu Tante, sie möchte Dora mit einem Korb an den See schicken. Noch eins: sag’ Vater und Mutter, ich käme heut Abend nach dem Essen auf ein Plauderstündchen zu euch.“

Wie ein Pfeil schoß der Junge neben ihm aus dem Kahn kopfüber in die dunkle Flut. Imnächsten Moment tauchte er empor, schüttelte das Wasser aus den krausen Haaren und schwamm am Rohr entlang, bis er durch eine Lücke das Ufer gewann. Eine Minute später sprang er mit hellem Jauchzen das Ufer empor dem Dorf zu.

Vater Rosumek, der Dorfschulze, rüstete sich gerade zum Gang in den Dorfkrug, wo er nach des heißen Tages Arbeit einen kühlen Trunk zu gewinnen dachte, als sein Junge den Besuch ankündigte. Erfreut ließ er sofort den Tisch in der großen Laube am Giebel des Hauses mit weißen Linnen decken und schickte die flinke Jette mit einem Korb nach Bier.

Pfarrer Uwis ließ nicht lange auf sich warten. Würdevoll kam er in langem schwarzen Rock die Dorfstraße angewandelt, seine rundliche Gattin am Arm. Hier und dort blieb er vor einem Hoftor stehen und sprach freundliche Worte zu den Leuten, die in der Abendkühle für die müden Glieder Erfrischung suchten. Vergnügt dankte er den Männern, die sich nach dem Erfolg seiner Angelfahrt erkundigten.

Der Schulze erwartete das Ehepaar am Hoftor, um es nach der Laube zu geleiten, aus der ein heller Lampenschein durch die dichten Rankendes wilden Weins strahlte. „Ein behagliches Plätzchen“, lobte der Pfarrer, während er sich niederließ. „Ich fürchte nur, Vetter Christoph, wir werden Mühe haben, die kleinen Blutsauger zu scheuchen. Meine Hausehre habe ich mitgebracht, sie hat mich schon den ganzen Nachmittag entbehrt, weil ich den Räubern im See nachstellte.“

„Den Erfolg deiner Fahrt habe ich schon gesehen, meine Frau ist noch dabei, die schönen Barsche zu schuppen, die Dora uns gebracht. Schönen Dank dafür!“

„Keine Ursache, Freund, wir hätten die Menge allein nicht bezwungen.“

Behaglich ging das Gespräch hin und her, über das Wetter, über die Ernteaussichten und die Neuigkeiten des Dorfes, bis Frau Rosumek erschien und die Gäste herzlich begrüßte.

Nach dieser Unterbrechung begann der Pfarrer: „Vetter Christoph und liebe Frau Minna, ich habe heute etwas Besonderes auf dem Herzen, was euch beide angeht. Ich möchte mit euch über den Jungen, den Franz, sprechen. Es ist nichts Schlimmes,“ fuhr er lächelnd fort, als er die gespannten Mienen der Eltern sah, „im Gegenteil etwasGutes. Grigo hat mir schon mehrmals gesagt, der Junge wäre ganz außerordentlich begabt und es wäre nicht recht, solch ein Pfund zu vergraben, anstatt damit zu wuchern. Der Meinung bin ich auch. Ein heller Kopf ist ein Geschenk Gottes, das darf man nicht verkümmern lassen. Drum mache ich dir den Vorschlag: gib ihn auf’s Gymnasium und schlägt er ein, dann laß ihn studieren. Die Mittel dazu habt ihr.“

Frau Rosumek sah den Pfarrer freundlich und dankbar an. „Mir hat es der Lehrer auch schon gesagt. Ach, es wäre das größte Glück für mich, wenn ich meinen Franzel auf der Kanzel sehen könnte.“

Der Vater schien, nach seiner Miene zu urteilen, mit dem Vorschlag des Pfarrers nicht ganz einverstanden zu sein. Er antwortete bedächtig: „Pastor, du meinst es gut mit dem Jungen, das wissen wir. Aber bedenk’: es ist mein Einziger außer dem Mädel, der Emma. Und der Schulzenhof ist seit Jahrhunderten in meiner Familie immer vom Vater auf den Sohn vererbt. Soll ich der Letzte in der Reihe sein? Nein, das geht nicht, lieber Pastor, daß nach mir sich ein Fremder hier hineinsetzt.“

„Das ist ein Grund, der sich hören läßt, Christoph. Es ist was Schönes, wenn Familien in ihrem Besitz dauern. Doch ich wiederhole trotzdem meinen Rat. Denn immer von Neuem müssen frische Kräfte unter die geistigen Führer des Volkes emporsteigen. Frisches Blut muß gerade aus dem Bauernstande den oberen Kreisen zugeführt werden.“

„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja, Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr, ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“

„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, beiKindern von ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig — nimm mir das Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele Mütter, — meine hat ihn ja auch gehabt — aber wenn die Kinder groß werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen .... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin bestärken. Wenn nicht — so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg allein gehen lassen.“

Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm. „Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden, die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des Gymnasiums.“

Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache, Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“

Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung bist?“

„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen, die aus solch einem Rat entspringen kann. Wennzum Beispiel der Junge auf der Hochschule verbummelt?“

Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln? Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau, aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist, habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt, mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“


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